8. September 2016 80.Geburtstag von Hans Scheibner

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Rede des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

80.Geburtstag von Hans Scheibner

Sehr geehrter Herr Scheibner,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

dies ist eine gleichermaßen interessante und heikle Situation. Warum, sage ich gleich. Zuerst einmal gratuliere ich Ihnen, lieber Hans Scheibner, zu Ihrem noch nicht so lange zurückliegenden Geburtstag. Und zum Erfolg bei Ihrer neuesten Tournee „Skandale und Liebe“, etwa in der Hamburger Laeiszhalle an Ihrem Geburtstag.

Der Norden ist ja Ihr ureigenes Jagdgebiet, oder wie nennen Satiriker das? Im Feuilleton sind, wenn Hans Scheibner zu Gast war, Formulierungen beliebt wie: „Er nahm die Schwächen seiner Mitmenschen ins Visier“, oder auch: „die Politiker aufs Korn“. Da klingt es an, das Thema „Jagd“, und gleichzeitig der Kampf um den besten Platz hinterher, den an der Theke, wo man die beißenden Bemerkungen noch einmal Revue passieren lässt.

Bei dem heutigen Senatsfrühstück, zu dem ich Sie herzlich begrüße, muss keiner kämpfen, weder um seinen Platz noch um Klarheit. Weder um Klarheit im Glas und noch um Klarheit in der Frage: Was darf Satire? Satire darf… – ja, und jetzt wird es heikel.

Auf Tucholsky komme ich noch zurück, das wird Sie nicht überraschen. Meine eigene Fragestellung ist erst einmal bescheidener. Sie bezieht sich auf frühere Kult-Fernsehsendungen wie die „Lach- und Schießgesellschaft“ oder „Scheibnerweise“. Dort galt sozusagen die Perspektive des Kameramanns, der hin- und herschwenkte zwischen der Bühne und denjenigen im Publikum, die gerade persönlich aufs Korn genommen wurden. Die lachten dann ganz laut, schlugen sich auch mal auf die Schenkel und amüsierten sich demonstrativ. Schließlich war die Kamera auf sie gerichtet, die Meinungsäußerung eine demokratische Errungenschaft und Beleidigtsein verboten, bestimmt sogar noch hinterher an der Theke.

Erst ganz hinterher im Auto machte es ja nichts, da merkte es ja keiner, außer dem Fahrer, und der kriegte sowieso immer alles mit, hielt aber dicht.

Soviel zu dem, was sich nach meinem Eindruck im bundes- und norddeutschen Kulturleben nicht oder wenig geändert hat im Vergleich zu „Hamburg ´75 / Mensch, war das gemütlich“, als bei Onkel Pö eine Rentnerband spielte und sich dabei auf den Texter Hans Scheibner verließ.

Damals war das ein lustiger Bandname. Heute treten Rentnerbands vor 100.000 im Hyde Park oder etwas bescheidener im Hamburger Stadtpark auf. Oder mit kleiner Besetzung in der Laeiszhalle.
Das „Rentnerlied“ durfte natürlich auch dort nicht fehlen, obwohl Hamburg bisher eine ganz gute Altersmischung bewahrt hat. Doch „Wir sind mehr“, diese mit leichter Schadenfreude vorgebrachte Behauptung nähert sich allmählich der Realität. Und das ist auch gut so… einerseits. Die Zeiten, in denen nach Ende des Arbeitslebens nicht viel Aufregendes mehr wartete, die wollen wir ja hinter uns lassen. Keine Angst, ich zitiere jetzt nicht aus der Senatsdrucksache „Die nächsten Schritte auf dem Weg in eine altersgerechte Urbanität“.

Gehen müssen wir sie aber, die Schritte. Mit „wir“ meine ich die bei Satirikern unterschiedlich beliebten Politiker. Der kleine Einschub muss erlaubt sein: Etliche Schritte sind zu gehen. Indem wir unsere Ankunftsstadt, und die Republik ringsum, wirtschaftlich und infrastrukturell weiter voran bringen. So dass eine ausreichende Zahl von Frauen und Männern im Erwerbsalter gute Bedingungen vorfindet und die Volkswirtschaft ihren Teil wuppen kann: die Alterssicherung derer, die schon Rentner sind. Das ist der Generationenvertrag.

Also, einerseits ist es gut so, dass die Rentner mehr sind. Und andererseits auch, aber dazu komme ich gleich mit Tucholsky.

Lieber Hans Scheibner,
Ihren Werdegang und ihre Bühnenlaufbahn darf ich hier als gut bekannt voraussetzen. Ihre Bücher, Stücke und Songs auch und Ihre Bedeutung für die Hamburger Kultur- und Musikszene sowieso. Dass die Frage: „Wer nimmt Oma?“, vor langer Zeit aufgeworfen, immer noch nach Antworten verlangt, hat wohl viele Ursachen: die demografische Entwicklung; den Kultstatus dieses Bühnenprogramms; vielleicht auch das eher gemächliche Modernisierungstempo in der deutschen Kleinfamilie, selbst in der heutigen Patchworkzeit.

Was will ich damit sagen? Dass die Verhältnisse sich dennoch ändern. Dass eine Zeit kommen wird, in der Oma sagt: Mich braucht niemand zu „nehmen“, früher war sowieso mehr Lametta (Loriot) und ich geh jetzt Tango tanzen.

Eine andere Erfahrung, die Sie, Herr Scheibner, machen mussten, wurde mir wie folgt beschrieben, Zitat: „Er hat immer wieder die Grenzen des Tucholsky-Satzes „Was darf Satire?“ ausgelotet und ist dabei wiederholt in Konflikte speziell mit den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten geraten – Konflikte, in denen er immer standhaft blieb und seine Position auch unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile durchhielt. Da lässt sich sicher auch ein Bogen zur aktuellen Böhmermann-Diskussion spannen.“ Zitatende.

Letzteres werde ich nicht tun. Alles andere scheint mir zu stimmen. 1985 kam Ihnen die ARD-Sendung „Scheibnerweise“ abhanden und Ihre Kolumne im „Abendblatt“ gleich mit. In der NDR-Talkshow hatten Sie ein berühmtes Zitat abgewandelt, mit dem Sie an das Lysistrata-Thema anknüpften. Mit dergleichen hatten schon Kurt Tucholsky, Martin Niemöller und manch andere für öffentliche Empörung gesorgt.

Jetzt ist ein weiteres Vierteljahrhundert vergangen, leider auch kein ringsum friedliches, und das „Abendblatt“ würdigt Hans Scheibner freundlich mit dem Satz, dieser Lästerlyriker sei „nicht wegzudenken“. So ändert sich das Denken.

Will ich mit dieser versöhnlichen Feststellung zum Ende kommen? Noch nicht ganz.

Eine gute Folge der zunehmenden Zahl und Macht der Rentner wird nämlich sein, dass auch auf Seiten der Jüngeren die Beißhemmung nachlassen und die Anforderung an das politische Argumentieren steigen wird. Das gilt für alle Seiten.

Vielleicht darf ich deshalb schon hier und jetzt eine freundschaftliche Antwort versuchen, die mir eingefallen ist zu dem Lied „Wir können Eure Visagen nicht mehr sehn“ – das Wort „Visagen“ hab ich mir erlaubt einzuwechseln.

Ich sage es natürlich mit Tucholsky, leicht abgewandelt:

Der Politiker ist dem Satiriker gleichzusetzen. Der eine ist unfähig, einen Reim auf dem Papier zu konstruieren; der andere kann nicht spät am Abend in Lenkungsgruppensitzungen sein Verhandlungsgeschick verschleißen… jeder seins. 

Meine Damen und Herren,
Satire, da hatte Tucholsky Recht, darf alles. Besonders dann – das hat er nicht mit hingeschrieben –, wenn der Satiriker sein Handwerk beherrscht.

Vielen Dank.
 

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