2. November 2016 Senatsfrühstück für Stefan Aust

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Senatsfrühstück für Stefan Aust

Sehr geehrter Herr Aust,
sehr geehrte Damen und Herren,

um sich in Hamburg besonders hervorzutun und besonderen Respekt zu erwerben, gibt es eigentlich keinen schlechteren Beruf als den des Journalisten. Und ich meine damit nicht die Tatsache, dass der Berufsstand der Journalisten regelmäßig in Umfragen ganz weit unten in der Rangliste kommt, wenn es um den guten Ruf von Berufen geht. Darauf würde ich selbstverständlich nie herumreiten, schon allein deshalb nicht, weil unterhalb der Journalisten fast nur noch Rechtsanwälte und Politiker rangieren – ich habe in meinem Leben beide Berufe ausgeübt. Nein, ich sage es natürlich deshalb, weil es in der Medienstadt Hamburg eine so große Zahl guter Journalisten gibt, dass es wirklich nur sehr wenigen, nur den allerbesten gelingt, hier dauerhaft herauszuragen.

Stefan Aust ist einer von ihnen. Es ist mir eine ganz besondere Freude, dass wir heute die Gelegenheit haben, ihm unsere Anerkennung zu zeigen.

Stefan Aust zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Publizisten des Landes. Er war ein prägender Chefredakteur des SPIEGEL, nach dem Gründer Rudolf Augstein sicher der prägendste, und er erfand Ende der 80er Jahre mit dem SPIEGEL-TV-Magazin so etwas wie den Ton und die Ästhetik von investigativem Journalismus im neu aufkommenden Privatfernsehen. Stefan Aust ist ein absoluter Könner der journalistischen Form, ein Innovator, und das auch noch in ganz verschiedenen Medien: im Fernsehen, im Print, in seinen Büchern, von denen viele Bestseller wurden, und inzwischen ganz und gar multimedial – als Herausgeber bei der WELT, in der nun wirklich praktisch alle Kanäle bespielt werden, mit dem Fernsehsender N24, der gedruckten Zeitung und verschiedensten digitalen Formaten, von der Webseite bis zur mobilen App.

Ich glaube, der Beitrag von Stefan Aust in Bezug auf die journalistischen Formen wird manchmal überdeckt von der Wirkungsmacht seiner Inhalte. Deshalb war es mir wichtig, darauf einmal hinzuweisen: Stefan Aust hat diesem Land nicht nur viel großartigen Journalismus gegeben, sondern auch die Art und Weise geprägt, wie dieser Journalismus klingt und aussieht.

Aber natürlich sind es vor allem die Geschichten, die Inhalte, die wir mit ihm verbinden. Neudeutsch sagt man jetzt wahrscheinlich auch in der WELT-Gruppe: der Content.

Es gibt nur wenige Journalisten in Deutschland, deren Biographie so eng mit der deutschen Zeitgeschichte verbunden ist wie seine. Der Name Stefan Aust steht maßgeblich für die Aufarbeitung der RAF-Zeit. Es gibt wohl keine Lobrede auf ihn, die ohne eine Referenz zum „Baader-Meinhof-Komplex“ auskommt. Auch diese Rede hier kommt nicht ohne sie aus: Der „Deutsche Herbst“ habe sein Leben geprägt, hat Aust einmal gesagt, aber umgekehrt hat eben auch Aust mit seinen Veröffentlichungen zur RAF unsere Sicht auf diese Zeit und die Terroristen geprägt.

Allein Austs Arbeit zu diesem Thema hätte für eine großartige Journalistenkarriere – und auch als Lebenswerk – ausgereicht. Damit hätte man mehr als zufrieden sein können. Zumindest, wenn man nicht Stefan Aust ist: Seine Bibliographie ist Ausdruck einer Art thematischer Omnipotenz. Immer wieder hat er sein Gespür für relevante Sachverhalte bewiesen. Ganz gleich, ob es ein prägendes Nachrichtenereignis gab wie den
11. September 2001, das Bekanntwerden der Mordserie des NSU oder ob sich neue, umwälzende Entwicklungen ankündigten wie die digitale Überwachung und der Cyberkrieg: Aust wollte es genau wissen. Er gab sich nicht mit einer Reportage, einem Kommentar oder einem noch so fundierten Hintergrundbericht zufrieden, sondern setzte sich hin und schrieb gleich ein ganzes Buch dazu. Und regelmäßig landeten diese Bücher auf den Bestsellerlisten.

Stefan Aust hat über so unterschiedliche Themen geschrieben wie Drogenkuriere und Privatagenten, V-Männer und einen süddeutschen Sportwagenhersteller. Ich habe vorher von Stefan Aust als einem Spezialisten der journalistischen Formen gesprochen, aber ganz offensichtlich ist er auch ein Spezialist des Inhalts, und zwar jedes Inhalts, der sein Interesse weckt. Er hat die faszinierende Begabung, Geschichten zu erkennen, zu recherchieren und zu schreiben. Ich kann mir vorstellen, dass es Journalistenkollegen gegeben hat, die das für eine fast schon ungerechte Häufung von Talenten gehalten haben. Für uns Leser und Zuschauer ist sie ein Glück.

Eine gewisse Konstante scheint es bei dieser Themenvielfalt zu geben: die Faszination für das Radikale, das radikal Andere oder radikal Neue. An erster Stelle ist hier natürlich sein Anteil an der medialen Auseinandersetzung mit NS-Deutschland zu nennen, gefolgt vom RAF-Terrorismus – beide Themen lassen sich an der ungezählten Zahl der SPIEGEL-Titel dazu gut ablesen.

Sein aktuelles Buch befasst sich abermals mit dem Nationalsozialismus, diesmal mit dem Journalisten Konrad Heiden – „Hitlers erstem Feind“, wie es im Titel heißt. Es ist bemerkenswert, dass es Aust gelungen ist, zu diesem am besten erforschten Teil der deutschen Geschichte ein weitgehend in Vergessenheit geratenes Element herauszugreifen und groß auszubreiten. Dank ihm erhält Konrad Heiden, der „Stille Held“, nun den ihm zustehenden Platz in der Erinnerung der Deutschen.

Das sind nur kleine Ausschnitte eines großen journalistischen Oeuvres, aber schon wenn man sie anschaut, könnte man zu dem Schluss kommen, Stefan Aust könne eigentlich alles. Böse Zungen behaupten auch, er selbst sei zu dieser Erkenntnis vor längerem gekommen. Dieser Eindruck ist selbstverständlich falsch. Es gibt eine Sache, die Stefan Aust ganz offensichtlich nicht kann, und das ist aufhören.

Sein Schaffenstrieb ist unermüdlich. Und weil man ihn inzwischen ganz gut kennt, fragt man sich bei dem nun 70-Jährigen auch nicht mehr, ob und wann er denn einmal etwas kürzer zu treten gedenkt. Vor wenigen Monaten erst hat er seinen Vertrag als WELT-Herausgeber um drei Jahre verlängert. Und gerade erst hat er Deutschlands prominenteste Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen vom SPIEGEL zur WELT gelockt.

Seit einem Jahr betreibt er einen Twitter-Feed, auf dem man vor wenigen Tagen lesen konnte: „70 Jahre ohne Facebook sind genug“. Dort ist er nun also auch vertreten, noch so ein Kanal. Der Mann kann also nicht nur nicht aufhören – er kann nicht  aufhören, Neues anzufangen.

Man kann Deutschland nur wünschen, dass seine Freude an neuen Geschichten, dass seine Schaffenskraft noch viele weitere Jahre anhält. Hier in Hamburg gab es für unermüdliche, auch und gerade publizistische Leistungen bis ins hohe Alter ja einige ganz gute Vorbilder.

Ich habe es ganz am Anfang gesagt: Diese Stadt ist reich an publizistischen Vorbildern, reich an guten und großen Journalisten. Stefan Aust  ist einer von ihnen, und er wird im Übrigen damit leben müssen, dass wir ihn hier immer als einen Hamburger Journalisten betrachten werden, auch wenn er jetzt zumeist ein bisschen weiter südöstlich arbeitet. Aber von den Anfängen bei den ST. PAULI NACHRICHTEN über den NDR und eben den SPIEGEL hat der geborene Stader so viele Jahre hier in der Stadt verbracht, dass wir uns das sicher nicht mehr abgewöhnen können, ihn immer irgendwie hier zu verorten.

Stefan Aust hat nicht nur Medien geprägt, sondern in den vielen Jahren immer auch die Medienstadt Hamburg. Von den Redaktionen und den jungen Journalisten, die er geprägt hat, bis zu einem berüchtigten Italiener in der Nähe der Davidwache, der auch durch ihn zu einem der wahrscheinlich wichtigsten Orte der Medienwelt in Hamburg und damit in Deutschland wurde. 

Wie jede Stadt hat auch Hamburg viele unsichtbare Stadtpläne. Jener für Journalisten wurde ganz wesentlich von Stefan Aust geprägt. Ich glaube und hoffe, dass die Stadt auch ihn ein bisschen geprägt hat, und dass er uns deshalb nicht nur erhalten, sondern auch gewogen bleibt.

In diesem Sinne sage ich: Bis hierher vielen Dank, und für die Zukunft alles Gute!

Danke für Ihr Interesse!

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