11. November 2016 Siegfried Lenz-Preis an Julian Barnes

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Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Siegfried Lenz-Preis an Julian Barnes

Sehr geehrte Frau Lenz,
Sehr geehrter Herr Barnes,
sehr geehrter Herr MacGregor,
sehr geehrter Herr Berg,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Damen und Herren,

„Man bringt zwei Dinge zusammen, die vorher nicht zusammengebracht wurden, und die Welt hat sich verändert.“ So beginnen Sie, verehrter Mr. Barnes, Ihr Buch „Lebensstufen“, und natürlich geht es dann gar nicht nur um die Ballonfahrt und andere „Dinge“, sondern vor allem um Menschen,  die zusammenfinden oder auch nicht. Denn das passt ja nicht immer miteinander und auf Dauer. Aber – ich zitiere noch einmal: „Manchmal funktioniert es, und etwas Neues entsteht, und die Welt hat sich verändert.“ 

Auch bei Julian Barnes und Siegfried Lenz gibt es wohl keinen Zweifel, dass die Verbindung zwischen Preisträger und Preisstifter eine  ausgesprochen glückliche Verbindung darstellt.

Ich freue mich sehr, dass ich Sie alle zur zweiten Verleihung des Siegfried Lenz-Literaturpreises begrüßen darf. Ein ganz besonders herzlicher Gruß gilt unserem Preisträger: Willkommen in Hamburg – a warm welcome to Mr. Barnes! Ich hoffe, Sie fühlen sich wohl bei uns, in der wohl britischsten Stadt auf dem Kontinent.

Gerne erinnern wir uns an diesem Tag auch an Siegfried Lenz, den Schriftsteller, Hamburger Ehrenbürger und Freund, von dem wir vor zwei Jahren Abschied nehmen mussten. Was, wie man bei Julian Barnes nachlesen kann, keineswegs bedeutet, dass er aus unserem Leben verschwunden wäre. Siegfried Lenz ist in Gedanken sehr präsent in Hamburg und auch anderswo. Anfang dieses Jahres ist sogar noch ein Roman von ihm erschienen. In „Der Überläufer“, 1952 verfasst und wegen harscher Kritik seines Lektors in die Schublade verbannt, reißt der damals 26-Jährige Themen an, die ihn fortan für die Zeit seines Lebens beschäftigt haben: Immer wieder geht es bei ihm um Erinnern und Vergessen, um Schuld und Verdrängung.

Womit ich wieder zur Hauptperson dieses Tages komme, denn auch unser Preisträger ist ein Meister der literarischen Erinnerung. Sein Roman „Vom Ende einer Geschichte“ aus dem Jahr 2011 führt unnachahmlich vor, wie sehr die Wahrnehmung changieren, wie Schuld umgedeutet und die eigene Biografie zurechtgerückt werden kann. Dieses Motiv zieht sich durch viele Romane, Erzählungen und Essays von Julian Barnes, der sich darauf versteht, hinter dem individuellen Weh seiner Protagonisten die Malaise einer ganzen Gesellschaft zu diagnostizieren.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, weshalb ich mich über die Wahl dieses Preisträgers ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt besonders freue. Julian Barnes ist ein leidenschaftlicher Europäer, und es ist nicht übertrieben zu sagen: Er ist der europäischste unter den zeitgenössischen britischen Erzählern. Tschechow, Dostojewski,  Daudet und natürlich Flaubert gehören zu seinen festen Bezugsgrößen. Mit den ersten teilt er den empathischen Blick auf menschliche Tragödien, mit letzteren das raffinierte Stilempfinden. Auch sein jüngster Roman über den russischen Komponisten Dmitri Schostakowitsch spielt vor dem Hintergrund einer für Europa zutiefst einschneidenden Zeit. Wir freuen uns sehr darauf, wenn „The Noise of Time“ im kommenden Jahr bei uns in der deutschen Übersetzung erscheinen wird.

Julian Barnes ist ein Kenner der europäischen Geschichte, ein aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens und ein guter Zuhörer. Als solcher kann er schon mal zürnen, zum Beispiel über den nachlässigen Gebrauch seiner Muttersprache. Auch vor einer Abkehr Großbritanniens von Europa hat er unmissverständlich gewarnt. Lieber Mr. Barnes, zumindest in Bezug auf Letzteres kann ich Ihnen versichern: Die Hamburgerinnen und Hamburger bleiben den Briten freundschaftlich verbunden und wünschen sich auch weiterhin rege Beziehungen in allen Bereichen des Lebens. Die Geschichte Großbritanniens mit Europa mag für den Moment an Erzählfluss verloren haben, aber wir werden jetzt bestimmt nicht den Fehler machen, sie „Vom Ende einer Geschichte“ her zu denken. 

Für den erwähnten Roman „Vom Ende einer Geschichte“ erhielt Julian Barnes 2011 die  wichtigste literarische Auszeichnung Großbritanniens, den Man-Booker-Preis, was ich auch deshalb erwähne, weil sich daran wiederum eine kleine Geschichte erzählen lässt. Was er denn mit dem Preisgeld, immerhin 50.000 Britischen Pfund, anfangen wolle, wurde Barnes nämlich damals gefragt. Und dieser antwortete in seiner unnachahmlichen Mischung aus Aufrichtigkeit und Ironie: „Ich brauche dringend ein neues Uhrenarmband. Wo ich mir es recht überlege: Jetzt könnte ich mir sogar eine neue Uhr kaufen.“

Ich glaube, Siegfried Lenz hätte diese Antwort gefallen. Schmunzelnd hätte er genickt und die Entscheidung der Jury gutgeheißen. Und die Hamburgerinnen und Hamburger würden dieser Einschätzung Ihres Siegfried Lenz ganz sicher nicht widersprechen. Sie werden die neuen Bücher von Julian Barnes in Zukunft mit noch mehr  Spannung und Vorfreude erwarten.

Lieber Mr. Barnes,

ich gratuliere Ihnen im Namen des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg sehr herzlich zum Siegfried-Lenz-Preis.

Vielen Dank.

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