23. November 2016 37. Einbürgerungsfeier

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Rede des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz

37. Einbürgerungsfeier

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie alle hier im Festsaal des Hamburger Rathauses begrüßen zu dürfen. Wie schön, dass ich auch so viele junge Gäste erblicken kann. Euch allen ein herzliches Willkommen. Toll, dass Ihr mitgekommen seid.

Ich kann selber nur erahnen, was in Ihnen vorgegangen sein mag, während die Entscheidung für die Einbürgerung reifte. Ganz sicher bringt jeder und jede von Ihnen eine sehr persönliche Geschichte mit – eine Geschichte, die Sie mit dem heutigen Tag auf eine bestimmte Weise fortschreiben. Ich freue mich sehr, dass Sie Ihre Einbürgerung heute gemeinsam mit mir und allen anderen hier feiern. Deshalb haben wir für diesen Anlass auch den festlichsten Saal des Rathauses ausgewählt.

Wenn man mit dem Zug oder auch der S-Bahn zwischen Altona und Hamburg-Harburg fährt und aus dem Fenster schaut, dann leuchten an drei Orten drei Worte auf: „die eigene GESCHICHTE“ steht da plötzlich in gelben Buchstaben an einer Fassade geschrieben. Diese Kunstwerke sind während der Zugfahrt eine ziemliche Überraschung und lösen  ein Gedankenspiel aus – ich bin immer wieder selbst überrascht, wie gut es funktioniert. Denn tatsächlich beginnt man beim Blick aus dem Zugfenster darüber nachzudenken, was das eigentlich ist, die eigene Geschichte, und woraus sie besteht. Und so hat dieses Kunstwerk, das man beiläufig während der Zugfahrt betrachten kann, viel mit dem heutigen Tag zu tun und mit Ihrem Entschluss, Deutsche oder Deutscher zu werden.  

Sich mit der eigenen, aber auch mit der Geschichte der Anderen auseinanderzusetzen, ist ein wichtiger Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis. Und ähnlich verhält es sich auch mit dem Land, aus dem man kommt oder in das man einwandert: Erst wenn ich seine Geschichte kenne, kann ich seine Besonderheiten und seine  Gewohnheiten verstehen.

Neben der Geschichte gibt es aber auch viele kleinere Geschichten, die sich in Deutschland auch daraus ergeben, dass der deutsche Nationalstaat noch gar nicht so lange existiert. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war unser Land ein eher loser Bund von Staaten, Fürstentümern und freien Reichsstädten – zu letzteren zählte damals auch Hamburg. Alle hatten eigene Traditionen, Gesetze und Sprachfärbungen, nicht einmal die Konfessionszugehörigkeit war einheitlich.

Diese regionale und kulturelle Vielfalt hat sich teilweise bis heute erhalten. Sie merken das etwa daran, dass sich viele Deutsche immer auch als Friesen, Schwaben, Rheinländer oder eben als Hamburgerinnen und Hamburger verstehen. So gesehen ist das Land bis heute ein – inzwischen geeinter – Vielvölkerstaat geblieben, der sich nun durch Einwanderung aus vielen Ländern Europas und der Welt weiter wandelt.

Meine Damen und Herren,

Sie alle wissen, dass das Wissen um die eigene Geschichte für uns Deutsche, ob nun hier geboren oder erst später eingebürgert, von besonderer Bedeutung ist. Unser Grundgesetz von 1949, das uns Grundrechte wie Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit garantiert, ist eine Antwort auf diese Geschichte. In ihr liegt auch die Wurzel, weshalb Deutschland sich ganz besonders verpflichtet fühlt, sich für Demokratie und Frieden einzusetzen und weshalb wir so leidenschaftliche Europäer sind.

Wir sind uns bewusst, dass wir Verantwortung für die Verbrechen der Deutschen unter nationalsozialistischer Herrschaft übernehmen müssen, auch wenn wir persönlich damit nichts zu tun hatten. Wir sind verpflichtet dafür einzutreten, dass ein ähnliches Unrecht nie wieder geschehen kann und dass diese Zeit nicht in Vergessenheit gerät. Deshalb erinnern wir in Hamburg an vielen Orten in der Stadt an diese Geschichte: Bestimmt haben Sie schon einmal vor einem Hauseingang einen golden schillernden, im Boden eingelassenen Pflasterstein mit eingravierten Namen gesehen. Diese „Stolpersteine“, wie sie genannt werden, erinnern an die Hamburgerinnen und Hamburger, die zwischen 1933 und 1945 verfolgt und ermordet wurden, zum Beispiel weil sie Juden waren oder einer anderen Minderheit angehörten.

Heute ist Deutschland ein in jeder Beziehung demokratisches Land, in das Männer und Frauen aus vielen Ländern der Welt kommen, um hier zu leben und zu arbeiten. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Wir begrüßen die Zuwanderung, die gerade im kosmopolitischen  Hamburg eine lange Tradition hat, und freuen uns, dass Sie sich für die Einbürgerung entschieden haben. Auf der anderen Seite sind besonders seit dem vergangenen Herbst auch sehr viele Geflüchtete nach Hamburg gekommen. Es ist uns wichtig, dass alle, die bleiben können, bei uns eine neue Lebensperspektive finden. 

Liebe Gäste,

die Freie und Hansestadt Hamburg wächst; jedes Jahr freuen wir uns über den Zuzug vieler neuer Bürgerinnen und Bürger. Die Stadt wächst, weil sie viel zu bieten hat. Das Wichtigste, ganz klar, sind Arbeit und Wohlstand, die uns oft ganz selbstverständlich vorkommen. Aber auch hier wie in ganz Europa gab es Zeiten, in denen die Menschen genau das nicht fanden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verließen fast täglich Segel- und Dampfschiffe mit Auswanderern den Hamburger Hafen in Richtung USA, Kanada oder Südamerika. Etwa 60 Millionen Männer und Frauen aus vielen Ländern Europas zog es zwischen 1820 und 1915 von hier aus in die Neue Welt. Daran erinnern heute noch die Unterkünfte der Ballinstadt, die der Reeder Alfred Ballin vor über hundert Jahren für die auf eine Schiffspassage wartenden Männer und Frauen errichtet hat.

Die Ballinstadt auf der Veddel ist heute ein Auswanderermuseum, das uns daran erinnert, wie eng die Hamburgische Geschichte mit Migration auch in diese Richtung verbunden ist. Später mussten dann viele Deutsche in andere Länder fliehen. Sie alle wissen, was es heißt, fern der Heimat auf- und angenommen zu werden.

Hamburgs Weltoffenheit und Toleranz hängen vermutlich auch mit diesen Erfahrungen zusammen. Ich lege Ihnen deshalb ans Herz: Besuchen Sie die Orte, an denen die Geschichte unserer Stadt erzählt wird – wir haben über 90 Museen. Viele von ihnen können dazu beitragen, Hamburg, Deutschland und auch Europa noch besser zu verstehen.

Man erfährt dort zum Beispiel auch, dass Hamburg fast seit Anbeginn von seinen Bürgern und nicht von Fürsten oder anderen Adeligen regiert wurde. Das ist in Deutschland eine Besonderheit und zeigt, welch hohen Stellenwert die Bürgerinnen und Bürger in Hamburg schon immer hatten. Deshalb heißt unser Stadtparlament bis heute auch Bürgerschaft.

Die Abgeordneten der Bürgerschaft bieten übrigens auch eine Bürgersprechstunde an, in der man seinen Abgeordneten persönlich kennenlernen kann. Vielleicht haben Sie ja einmal Interesse daran. Oder Sie besuchen eine  öffentliche Sitzung Ihres Bezirksparlaments – auch  diese Möglichkeit steht Ihnen offen. Denn zum Bürgersein gehört, dass man sich für die Belange der Stadt und des Stadtteils interessiert und dass man sich vielleicht auch einmischt oder hin und wieder eine ehrenamtliche Aufgabe übernimmt.

Meine Damen und Herren,  

schreiben Sie also nicht nur Ihre eigene, sondern auch die Geschichte dieser Stadt weiter. Und nutzen Sie dafür die Gestaltungsmöglichkeiten, die Ihnen die Politik, aber auch die vielen Vereine und Interessenvertretungen dieser Stadt bieten.

Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zur Einbürgerung und wünsche Ihnen für Ihre Zukunft alles Gute.

Vielen Dank. 

Danke für Ihr Interesse!

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