15. September 2016 Buchvorstellung „Helmut Schmidt- Der Weltkanzler“

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Rede des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz.

Buchvorstellung „Helmut Schmidt- Der Weltkanzler“

Sehr geehrter Herr Lipponen,
lieber Peer Steinbrück,
sehr geehrte Frau Dr. Spohr,
lieber Stefan Herms,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

über 50 Bücher gibt es von Helmut Schmidt, sein erstes stammt von 1961, das letzte von 2015. Dazu kommen viele, die Interviews dokumentieren und noch einmal über 400 Bücher im deutschsprachigen Raum, die das Wirken von Helmut Schmidt verdeutlichen. 38.120 Fundstellen verzeichnet die Helmut-Schmidt-Bibliographie der Helmut-Schmidt-Universität und doch ist das noch nicht alles und vor allem noch nicht das Wichtigste, was gesagt werden kann. Warum, das zeigt das neue Buch der in London forschenden deutsch-finnischen Historikern Kristina Spohr, das nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Kristina Spohr gibt dem Staatsmann Helmut Schmidt den Titel des „globalen Kanzlers“. Sie würdigt ihn als Gestalter der Globalisierung, als Vordenker der Politik der Interdependenz und als Kanzler, der Deutschland Anerkennung unter den Großmächten verschafft hat. Dass Helmut Schmidt ein Denker und Staatsmann von Weltrang ist, können seine politischen Wegbegleiter, Freunde und Vertrauten und auch die, die mit ihm in der Freitagsgesellschaft über viele Jahre diskutiert haben, natürlich nur bestätigen. Helmut Schmidt hat als Mensch, als Staatsmann und als Intellektueller eine große Lücke hinterlassen. „Wir haben mit Helmut Schmidt einen Giganten verloren“, so habe ich anlässlich des Staatsakts zur Trauerfeier den Verlust beschrieben.

„Der Weltkanzler“ ist ein sehr kluges und zudem ein sehr lesbares Buch. Das will ich ausdrücklich auch aus meiner individuellen Perspektive als Zeitzeuge sagen. Am 16. Mai 1974 wählte der Bundestag Helmut Schmidt zum fünften Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Ein paar Monate später wurde ich 16 Jahre alt. Ich habe zu der Zeit die Politik schon sehr aktiv und interessiert verfolgt, über Zeitungen, im Radio und im Fernsehen. Ich habe die Kanzlerschaft Schmidts vermutlich intensiver verfolgt als man das in dem Alter vielleicht sonst tat. 1975 wurde ich Sozialdemokrat, es war also die Zeit meines Einstiegs in die Politik, die politische Adoleszenz wenn Sie so wollen. Das Buch greift die Themen auf, die die Zeit prägten und macht sie aus der Distanz besser oder auch neu verstehbar. Manche haben die politische Entwicklung gar nicht so mitbekommen, andere ihre Bedeutung für die Weltpolitik nicht verstanden und entsprechend war auch die Berichterstattung. Das Buch ist eine Chance, die Geschichte besser zu verstehen:  Es war eine Zeitenwende damals. Die Zeit ist ein Schlüssel zum Verständnis der deutschen und der internationalen Politik bis heute.

Kristina Spohr ist eine der wenigen Wissenschaftlerinnen, die das Privatarchiv von Helmut Schmidt für die Forschung nutzen konnten. Sie haben von dem Gespräch mit Helmut Schmidt profitiert und die unglaubliche Menge von Material sehr prägnant bearbeitet. Gerade die intensive Auseinandersetzung mit der angelsächsischen Literatur hat das Verständnis für die enorme globale Bedeutung von Bundeskanzler Helmut Schmidt geschärft.

„The Global Chancellor“, der globale Kanzler, wie das Buch in der Originalfassung heißt, zeigt die prägende weltpolitische Rolle von Helmut Schmidt. Da ist zuerst Helmut Schmidt der Weltökonom, ein Titel und eine Überschrift, die wir aus der Zeit kennen. Er gehörte zu den wenigen Politikern, die damals verstanden, was es heißt, volkswirtschaftliches Expertenwissen zu nutzen, darüber aber nicht die politischen Dimensionen der Entscheidung zu vergessen. Er war der Bundeskanzler, der die Wirtschaftspolitik zu einem Faktor der Außenpolitik machte. Er hat, wenn Sie so wollen, auf globaler Ebene das Primat der Politik gegenüber der sich globalisierenden Wirtschaft etabliert. Grundlegend dafür war auch eine Analyse, die er bereits im April 1974 in Foreign Affairs darlegte. Damals reagierten immer mehr Staaten auf die Unsicherheiten im Weltmarkt, auf Inflationen und die Explosion des Ölpreises mit Protektionismus. Schmidt setze dagegen. Er argumentierte, die Verbundenheit sei nicht als Nachteil im Sinne von Abhängigkeit, sondern als Aufforderung zu mehr Kooperationen zu verstehen. Es war eine elementare Bedrohung des Wohlstands und damit der demokratischen Stabilität. Und es ging Helmut Schmidt nicht nur um den Ausbau des Welthandels. Seine Botschaft war vielmehr: Wir haben nicht eine Krise der Wirtschaft sondern eine Krise der Institutionen.

Die Welt ist von einer Krise der Institutionen gezeichnet. Das war sein zentraler Gedanke und doch klingt der Satz heute so normal. „Krise“ und „Institution“ das ist eine Kombination, die wir seit Jahren in den Zeitungen lesen. Mal über die EU, mal über die OSZE oder über die WTO.  Um die Bedeutung seines Gedankens zu verstehen, müssen wir uns den Unterschied zu heute vergegenwärtigen: Nehmen wir das Thema der Finanz, Währungs- und Wirtschaftspolitik. Die Europäische Zentralbank, die Britische Zentralbank, die Amerikanische Zentralbank und die Japanische Zentralbank verfolgen heute das Ziel, die Inflationsrate auf mittlere Sicht unter, aber nahe 2 % zu halten. Sie kämpfen aktuell durchaus für die Inflation. Damals waren es ganz andere Zahlen. Die Inflationsrate erreichte 1973 die Sieben-Prozent-Marke und sie stieg weiter. Ein Ende war nicht abzusehen. Das Brutto-Inlandsprodukt in Deutschland stagnierte, 1975 betrug der Wert sogar minus 1,1 Prozent. Bürger, Politik und Wirtschaft waren in großer Sorge, welche Entwicklung das nehmen würde. Jeder Sektor der Wirtschaft war betroffen, die Arbeitslosigkeit stieg und fast alle Industrieländer, alle westlich orientierten Staaten in Europa, erlebten massive Konjunktureinbrüche. Eine vernünftige Wirtschaft im Osten gab es ehedem nur vereinzelt, meistens war es eine planmäßige Verteilung von Armut. Die Teilung Europas und der Kalte Krieg dominierten den Fokus der Politik. In dieser Situation lautete die Diagnose von Helmut: Wir haben nicht eine Krise der Wirtschaft sondern eine Krise der Institutionen. Das war ein neuer Gedanke.

Hamburg wird in Kürze Gastgeber des OSZE-Außenministertreffen sein und wir werden 2017 den G-20-Gipfel ausrichten. Als Helmut Schmidt sich als Bundeskanzler mit der internationalen Lage auseinandersetzte, gab es keine dieser Institutionen – nirgendwo sprachen Ost und West offiziell miteinander, nirgendwo gab es einen Austausch der wirtschaftlichen Weltmächte. Diese politisch-institutionelle Lücke erkannte Schmidt und er machte sich daran, sie zu schließen: Bundeskanzler Helmut Schmidt organisierte das Gespräch der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten westlichen Länder und später dann das zwischen Ost und West.

Erste Priorität hatte für ihn die Schaffung eines Forums für die wirtschaftliche Zusammenarbeit der Industrienationen. Dafür musste er nicht nur die Regierungschefs der westlichen Länder für eine solche Zusammenarbeit gewinnen, sondern zugleich auch eine konsensfähige Form entwerfen und ausgestalten. Die Idee einer Kooperation war damals alles andere als selbstverständlich, selbst unter den westlichen Ländern waren die Auffassungen sehr unterschiedlich. Es war Bundeskanzler Schmidt, der dafür gesorgt hat, dass ein erstes Treffen in Rambouillet zustande kam, zunächst noch ohne Kanada. Das Buch zeigt anschaulich, wie die Politik Helmut Schmidts die Geschichte veränderte, weil der Bundeskanzler die Notwendigkeit erkannte und in der Mischung aus Zufällen und Beharrlichkeit dafür sorgte, dass es weiter ging. Der Gipfel in Rambouillet trug dazu bei, dass eine Auseinandersetzung, die seit dem Kollaps des Bretton-Woods-Systems die Wirtschaft des Westens geschwächt hatte, beendet werden konnte. Erst wenige Stunden vor dem Beginn der Konferenz akzeptierten die Franzosen das Prinzip der flexiblen Wechselkurse, während die Amerikaner zugestanden, dass die G6-Staaten zur Eindämmung von Wechselkursschwankungen auf den Devisenmärkten intervenieren sollten. Erstmalig einigte sich der Westen auf ein gemeinsames Vorgehen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Auch die Gipfeltreffen selbst waren anders. Es war ein kleiner Kreis, am Anfang trafen sich nur die damals sechs Staats- und Regierungschefs, ihre Außenminister und Finanzminister. Diese Konzept hat sich sehr verändert: Zum G-20-Gipfel nach Hamburg kommen sicher mehr als zehntausend Diplomaten und Politiker und dazu noch die Teilnehmenden zahlreicher Parallelveranstaltungen der Zivilgesellschaft und sicherlich auch Demonstrierende. Aber nicht nur die Größe ist eine andere, auch die Art der Kommunikation.  Heute gehen Staatschefs und Minister mit einem Sprechzettel in ein Treffen und geben hauptsächlich wieder, was vorher von Chefunterhändlern der Regierungen, den Sherpas, sorgfältig abgestimmt wurde. Das ist in vielen Situationen gut und wichtig. Ursprünglich war das so nicht gedacht, es ging Helmut Schmidt um echte Gipfeldiplomatie. Es ist etwas anderes, wenn Regierungschefs direkt mit einander reden. Zur Gipfeldiplomatie – wie sie Helmut Schmidt praktiziert hat – gehört auch, dass es bewusst nicht um Beschlüsse ging, sondern darum, die unterschiedlichen Positionen zu verstehen und um sich darüber klar zu werden, wie es funktionieren kann. Dennoch war das natürlich kein L'art pour l'art: Mit diesem Verfahren sind beispielsweise die hoch strittigen Regelungen zu den Wechselkursen verhandelt und konsensuell anerkannt worden. Der entscheidende Punkt war, dass jemand in einer hohen politischen Funktion das Problem erkannte und vermittelte. Ich sehe darin durchaus auch eine Botschaft für unsere heutige Zeit. Es ist unverzichtbar, dass die Leute, die politische Verantwortung tragen, direkt miteinander reden und sich nicht auf Mutmaßungen verlassen. Selbst wenn das nicht gleich zu Beschlüssen führt, ist es eine besser aufeinander bezogene Politik.

Es ist eine ganz besondere Leistung dieses Buches, die politischen Schritte, die Bundeskanzler Schmidt zur Entwicklung des G6 bzw. des G7 Gipfels unternahm und die zentrale Rolle für die wirtschaftliche Stabilisierung des Westens herausgearbeitet zu haben. Schmidt hat damit als Bundeskanzler Westdeutschlands eine neue Art internationaler Gipfeldiplomatie etabliert und als einer der ersten, die Globalisierung verstanden. Er hatte, wie er selbst sagte „dem Westen Orientierung gegeben und dessen Zusammenhalt gefördert.“

Auch wenn die Öffentlichkeit zunächst skeptisch auf die Ergebnisse des Gipfels reagierte, bekam Schmidt von deutschen Zeitungen bald die Anerkennung als „Weltökonom“. Noch deutlicher wurde John Vinocur, damals Deutschlandkorrespondent der New York Times. Er schreibt 1980: „Die Einschätzung, dass Schmidt einer der Mächtigen in der Welt ist, ist gerade mal drei Jahre alt. Sie tauchte gleichzeitig mit dem gegenüber der DM fallenden Dollar auf und mit dem andauernden Vergleich der Politik Schmidt mit der von Jimmy Carter. Wann immer die beiden unterschiedlicher Meinung waren, schien der US-Präsident nicht zu gewinnen und das haben alle bemerkt.“

Der zweite Aspekt, den das Buch beschreibt, ist die Rolle von Bundeskanzler Schmidt als globaler Sicherheitspolitiker und Architekt des Rüstungsgleichgewichts. Schmidt war über lange Zeit der größte Verteidigungsexperte Deutschlands. Mit mehreren Büchern zur Verteidigungsstrategie und Vorträgen im Ausland erwarb Helmut Schmidt internationale Aufmerksamkeit und damit Zugang zu der, wie Schmidt es persönlich nannte „American defence community“. Das Buch „Der Weltkanzler“ würdigt Schmidt als „Verteidigungs-Intellektuellen von weltweitem Rang“.  Tatsächlich war, wie Kristina Spohr schreibt: „keiner seiner Vorgänger im Kanzleramt in der Lage gewesen…, Fragen der Verteidigungs- und Nuklearpolitik in Zeiten des Kalten Krieges derart fundiert mit den politischen Entscheidungsträgern in den USA zu diskutieren wie Helmut Schmidt.“

Was in der Welt geschieht, welche Bedeutung das für Deutschland hat und welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, solche Fragen haben Helmut Schmidt, wie übrigens auch Willy Brandt, immer bewegt. Und es ist beeindruckend zu sehen, wie wichtig die internationale Politik für beide war, lange bevor sie Ämter hatten, in denen es unmittelbar relevant wurde. Schmidt und Brandt waren nicht nur gut vorbereitet, sie waren auch die, die sich schon vorher intellektuell und strategisch positioniert hatten. Das ist ein wichtiger Maßstab für die Politik, auch in der heutigen Situation, beispielsweise in Bezug auf die europäische Politik.

Deutschland ist ein großes und wirtschaftlich starkes Land in der Mitte Europas. Die anderen Mitgliedsländer, unsere Nachbarn und auch unsere Bürgerinnen und Bürger können verlangen, dass Politikerinnen und Politiker eine Perspektive sehen: Wie geht es weiter nach dem Ausscheiden der Briten? Wie sieht die europäische Sicherheitspolitik aus? Welche Lösungen präferieren wir in Fragen der Globalisierung? Verantwortliche Politiker müssen über die Herausforderungen der Zukunft nachdenken und eine Meinung haben. Wenn erkennbar wird, dass das nicht der Fall ist, wenn Verantwortliche das Geschehen auf sich zukommen lassen, haben wir ein Problem: Die fehlende Voraussicht schafft den Eindruck von Unsicherheit. Es ist nicht nur verständlich, sondern auch angemessen, wenn die Bürgerinnen und Bürger verlangen, dass diejenigen, die das Land repräsentieren, über die zentralen Fragen systematisch nachgedacht und dazu strategische und nicht nur alltagstaktische Antworten entwickelt haben. Das, glaube ich, brauchen wir heute so dringend wie in den 1970er Jahren.

Für Helmut Schmidt war die Verteidigung- und Sicherheitspolitik sehr wichtig. Auch schon vor dem Amt des Verteidigungsministers trat er mit einem fundierten Konzept und präzisen Zielen auf. Kristina Spohr erinnert an das 1961 erschienene Buch „Verteidigung und Vergeltung“, mit dem Schmidt die deutsche Öffentlichkeit über die Bedeutung der geopolitischen Lage der beiden deutschen Staaten informierte. Die Drohung mit Vergeltung, das legte Schmidt auch persönlich gegenüber Willy Brandt dar, sei nicht ausreichend. Deutschland müsse sich im Falle eines Angriffs auch tatsächlich verteidigen können. Kristina Spohr verweist darauf, dass „Verteidigung und Vergeltung“ die erste große und systematische Untersuchung im Atomzeitalter zu strategischen Problemen und zu deutschen Interessen aus der Feder eines deutschen Autors war.

Man darf nicht vergessen, wie sich die weltpolitische Situation damals darstellte: Es bestand immer die Gefahr, dass die große Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und den USA in Europa und damit auf deutschem Boden ausgetragen wird. Dass der taktische Atomkrieg in Europa eine realistische Möglichkeit ist, war eine der größten  Sorgen von Helmut Schmidt. Er wusste, dass die UDSSR und die USA die Existenz ihrer eigenen Nation nicht gefährden würden, wenn es zum Krieg in Europa käme. Darum war es für ihn wichtig, darüber nachzudenken, welche Anforderungen an die Fähigkeit Europas, sich mit konventionellen Waffen selber zu verteidigen, damit verbunden sind. Das hatte natürlich Folgen für sein Konzept für die Bundeswehr. Es sind Fragen, die uns auch heute, wenn auch unter ganz anderen Umständen und anderen Bedingungen, interessieren müssen.

Wiedervereinigung, Ende des Kalten Krieges und die Erweiterung der Europäischen Union. Das sind nur ein paar Stichworte, die zeigen: Deutschland hat sich verändert und ebenso die weltpolitische Lage und die Situation in Europa. Wir müssen wieder und neu darüber Klarheit haben, wie Deutschland aufgestellt sein muss, um gemeinsam mit den anderen Mitgliedstaaten, die Sicherheit Europas gewährleisten zu können. Ich glaube deshalb übrigens auch, dass es richtig ist, den im ersten Anlauf gescheiterten Versuch zu einer engeren Kooperation der EU-Länder in der Verteidigungspolitik intensiver voranzutreiben als das in der Vergangenheit der Fall war. Der bevorstehende Austritt Großbritanniens, das ein solches Vorhaben immer kritisiert hat, könnte in diesem Zusammenhang vielleicht einen positiven Effekt haben. Die Möglichkeit einer Verteidigungspolitik der EU ist damit etwas einfacher vorstellbar. Die Sicherheit in Europa gewährleisten zu können, ohne dass das mit kriegerischer Eskalation verbunden ist, bleibt die zentrale Aufgabe. Frieden muss das Ziel der EU-Sicherheitspolitik sein.

Die enormen nationalen Herausforderungen Schmidts als Bundeskanzler, in Zeiten des Linksterrorismus etwa, haben in Deutschland das Bild des sehr erfolgreichen ad-hoc-Krisenmanagers geprägt. Kristina Spohr schildert auch diese Ereignisse, macht aber deutlich, dass Schmidts historische Leistung auch auf ganz anderer Ebene zu finden ist. Der „Schmidtfaktor“ in der Weltpolitik betraf Verhandlungen zur Beseitigung der nuklearen Bedrohung, die Entschärfung der Weltwirtschaftskrise, den Nato-Doppelbeschluss und die ersten Schritte zur europäischen Sicherheitspolitik. Schmidt habe im Vergleich zu seinem Freund Henry Kissinger, der einen Friedensnobelpreis erhalten hat, ebenbürtiges geleistet. Weil er als Bundeskanzler nicht nur Berater, sondern Handelnder und demokratisch verantwortlicher Staatsmann war, ist das umso mehr zu schätzen.

Wohin man auch schaut, Schmidt war einer der Ersten. 1975 reiste Schmidt nach Peking. Zwar waren dem Besuche von Nixon und Kissinger (1972) vorausgegangen, aber Spohr betont, dass deren Besuche zu keiner unmittelbaren Veränderung im chinesisch-amerikanischen Verhältnis führten. Deutschland und Europa sind auch Dank Helmut Schmidt bereits seit Jahrzehnten zentrale Partner im chinesischen Welthandel. Helmut Schmidt hat deshalb auch nach seiner Zeit als Bundeskanzler gerne betont, dass „so mancher westliche Politiker“ lernen müsse, dass „harter Wettbewerb und politische Zusammenarbeit sich keineswegs gegenseitig ausschließen“.

Man kann an dieser Stelle Gipfeltreffen und Reisen erwähnen, manche sind bekannt, andere weniger. Besonders interessant ist sicherlich das Gipfeltreffen, das auf Einladung Valéry Giscard d’Estaing, mit Jimmy Carter, James Callaghan und Helmut Schmidt auf der Karibikinsel Guadeloupe stattfand. Es ging da offiziell um Wirtschaftsfragen, aber es sind auch sehr viele Sicherheitsfragen, Fragen der Energieversorgung und die Haltung zum Iran diskutiert worden.

Diese Gespräche haben dazu beigetragen, dass sich die Haltung der USA zur Sicherheit in Europa ein wenig verschoben hat und das dass, was als Neuarrangement der Sicherheit in Europa diskutiert worden und dort auch vorbereitet und möglich gemacht worden ist (Stichwort Nato-Doppelbeschluss). Der Gipfel in Guadeloupe verschaffte der Bundesrepublik  in Wirtschafts- und Sicherheitsfragen einen Platz am Tisch der führenden Nationen.

Es zeigt das diplomatische Gewicht, das Bundeskanzler Helmut Schmidt für Deutschland erarbeitet hat. Schmidt war es gelungen, gleichberechtigt mit den Atommächten über die Sicherheit Europas  zu verhandeln. Kristina Spohr meint daher, dass das 3+1-Treffen die späteren 4+2-Verhandlungen, mit denen dann die Deutsche Einheit verhandelt wurde, vorbereitet und möglich gemacht hat.

Hanseaten gelten, wie Spohr es mit den Worten der Deutschen Welle beschreibt, manchem als „rasch und knapp, gepflegt und klar, selbstsicher und auch ein wenig eitel“. Ist es da nicht äußerst erstaunlich, dass gerade ein Bundeskanzler aus Hamburg es im politischen Geschäft sehr wichtig fand, sich in die Lage der anderen zu versetzen? Schmidt hatte großes Interesse an der Einstellung der anderen Regierungschefs, denen aus dem Westen und aus dem Osten. Er war auf den Gipfeltreffen derjenige, der vorsichtige Vorschläge machte, wie es weitergehen kann, wenn andere bereits den Stillstand beklagten, und er hatte dabei stets klare Vorstellungen, wie es weitergehen sollte.

Schmidt schätzte die Gesprächskreise mit direktem Austausch, weil sie gute Lösungen brachten. Das war eine mutige Entscheidung, ganz besonders in der Zeit, als sich die Sicherheitsdiskussion zwischen den USA und der Sowjetunion verschärfte. Es ging ihm um klare Kommunikationsregeln in einem real-weltpolitischen Gespräch. Schmidt hat diese politische Aufgabe mit einem Begriff gut beschrieben: Dem Begriff des Doppeldolmetschers. Er war der Doppeldolmetscher. Das ist nicht etwa jemand, der sich als Vermittler versteht. Vielmehr war Deutschland unter seiner Führung fest eingebunden in den Westen, in die Nato und die Freundschaft zu den USA. Aber trotzdem redeten zu viele nicht miteinander. Der Westen, so Schmidt, braucht immer ein Krisenmanagement, das die Reaktion der anderen Partner mit einbezieht. Zu verstehen, was die einen oder anderen wohl meinen könnten und zu helfen, damit es weitergehen kann, das hat er als seine Aufgabe begriffen.

Buch ist auch interessant in Hinblick auf die sicherheitspolitische Diskussion - die Ausführungen zur Neutronenbombe und der Aufregung, die damit verbunden war, habe ich allerding als weniger wichtig wahrgenommen. Auch die Rolle von Egon Bahr finde ich überschätzt, wenn ich das als ehemaliger Generalsekretär sagen darf. Aber es war ohne Frage eine zentrale Debatte, deren historische Würdigung sehr wichtig ist: Während in Deutschland die öffentliche Debatte über die Gefahr der Neutronenbombe lief, war Helmut Schmidt sofort klar, dass das für Deutschland bedrohlichere Thema ein anderes ist.  Denn neben den technischen und moralischen Fragen bedeutete die Diskussion um den Einsatz der Neutronenbombe vor allem: Die Gefahr, dass Deutschland die Region für eine taktische Auseinandersetzung mit Atomwaffen sein könnte, war gestiegen. Helmut Schmidt hat deshalb eine Strategie für den Weg aus dieser für Deutschland so brisanten Situation entwickelt. Der Nato-Doppelbeschluss war der Erfolg seiner Politik. Diese Art von Analyse und strategischer Weitsicht vermisse ich heute des Öfteren.

Helmut Schmidt entwickelte als Bundeskanzler das, was Spohr eine wahrhaft globale Sichtweise nennt. Für ihn war Globalisierung immer mehr, als das was unter den herkömmlichen Gesichtspunkten der Machtpolitik geschieht. Es ging ihm um Interaktion im Geiste der Zusammenarbeit. Das Stichwort dafür ist Interdependenz. Immer wieder hat er betont, dass nationale Strategien in der interdependenten Welt ein Anachronismus sind. Zu Recht würdigt Kristina Spohr ihn als Staatsmann, der nicht nur den Anbruch einer neuen Zeit erkannte, sondern versuchte, auf kreative Art und Weise an der Schaffung einer neuen Weltordnung mitzuwirken und diese mitzugestalten.

Der Titel Weltkanzler ist also verdient und die lässige Offenheit die darin liegt, es so zu sagen, ist sicherlich ein Ansporn für viele andere Wissenschaftler, das politische Erbe von Helmut Schmidt intensiv zu erforschen. Der Deutsche Bundestag hat im Juli 2016 beschlossen, eine Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung einzurichten, die dazu ganz sicherlich, neben dieser Stiftung, beitragen wird.

Vielen Dank!

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