Symbol

10. Dezember 2017 Senatsempfang 200 Jahre Liberales Judentum

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Senatsempfang 200 Jahre Liberales Judentum

Sehr geehrter Herr Professor Homolka,
sehr geehrte Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Damen und Herren,

drei Schiffe, ein fast quadratischer Grundriss, im östlichen Anbau die Apsis mit dem heiligen Schrein: So wird das erste Gotteshaus des Neuen Israelitischen Tempelvereins in der Poolstraße beschrieben. Wie es dort bei der Eröffnung 1844 zuging, das zeigt sehr schön ein Werk des Lithographen Heinrich Jessen, von dem wir einen zeitgenössischen Druck im Staatsarchiv gefunden haben: Darauf sieht man in den Bankreihen festlich gekleidete Herren mit Zylinder, von der Empore schauen die nicht weniger festlichen Frauen herab, und in der Mitte an der Stirnseite predigt der damals als „Priester“ bezeichnete Rabbiner, bekleidet mit Talar und Beffchen. Einen Abzug des Bildes habe ich heute mitgebracht: Sie sind herzlich eingeladen, ihn nachher hier vorne anzuschauen. Mit der Eröffnung dieses schönen Gebäudes hatte der Neue Israelitische Tempelverein, der im Dezember 1817 gegründet worden war, endlich ein seiner Bedeutung entsprechendes Gotteshaus und war nicht mehr auf das Provisorium in der Ersten Brunnenstraße angewiesen.

Der Bau der Synagoge an der Poolstraße fiel in eine Zeit heftiger Umbrüche: Der große Brand hatte weite Teile der Altstadt und auch das über 500 Jahre alte Rathaus an der Trostbrücke zerstört. Der Wiederaufbau ging über Jahrzehnte und gab der Innenstadt ein neues Gesicht.

Doch es ging nicht nur um bauliche, sondern auch um gesellschaftliche Erneuerung. Die Arbeiter und einfachen Bürger forderten mehr Rechte; der mit dem Aufbau verbundene Modernisierungsschub veränderte Leben und Arbeit: Da wurden Wasserleitungen gelegt, eine Gasanstalt wurde gebaut, im Hafen legten erste Dampfschiffe an.

Dieser gesellschaftliche und technische Aufbruch wurde von vielen jüdischen Einwohnern Hamburgs mitgetragen und auch vorangetrieben. Denn die Reformen in den Gemeinden beschränkten sich nicht auf Liturgie und  theologische Ausrichtung: Sie zielten – als eine Folge der Aufklärung – auch auf Bürgerrechte und gesellschaftliche Teilhabe für die jüdischen Hamburgerinnen und Hamburger.

Für die Juden in unserer Stadt war es ein weiter und oft bitterer Weg mit vielen Rückschlägen und Anfeindungen, bis sie 1860 in der Neuen Hamburgischen Verfassung rechtlich endlich gleichgestellt wurden. Die Porträts jüdischer Hamburger an den Säulen der Rathausdiele, 1938 von den Nationalsozialisten entfernt und 1949 erneuert, erzählen von diesem Teil der Hamburgischen Geschichte:

  • Sie erzählen von einem der großen Mäzene Hamburgs, dem Bankier Salomon Heine, der die Hamburger Wirtschaft nach dem Großen Brand durch günstige Kredite vor dem Zusammenbruch bewahrt hatte: Auch wenn er unter den Hamburgerinnen und Hamburgern enorme Beliebtheit genoss, blieben ihm bis zu seinem Tod 1844 das Bürgerrecht und ein offizieller Dank durch die Stadt verwehrt.
  • Ein anderes Porträt zeigt Gabriel Riesser. Er war Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft, Vizepräsident der Nationalversammlung der Frankfurter Paulskirche und erster jüdischer Richter Deutschlands. Nach seiner Promotion 1826 hatte er 14 Jahre bis zu seiner Vereidigung als Notar warten müssen. (1840).
  • Auch Isaac Wolffson, ein Angehöriger des Reformtempels, musste ein ganzes Jahrzehnt warten, bis er endlich seine Zulassung als Anwalt erhielt. Wolffson war dann 30 Jahre lang Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft und ihr erster jüdischer Präsident.

Meine Damen und Herren,

Hamburg blickt voller Dankbarkeit auf den Beitrag seiner jüdischen Bürgerinnen und Bürger zu Kunst, Wissenschaft, Demokratie, sozialem Fortschritt und wirtschaftlichem Erfolg. Aber die Stadt schaut auch mit Scham auf Jahrhunderte der Verfolgung und der Verweigerung von Rechten. Mit Entsetzen und Trauer erinnern wir uns an die Deportationen durch die Nationalsozialisten. Es waren tausende Männer, Frauen und Kinder, die aus ihren Häusern, aus ihrer beruflichen und wirtschaftlichen Tätigkeit vertrieben und vom Hannoverschen Bahnhof aus in den Tod geschickt wurden. Unzählige traten die Flucht ins Exil an. Im Zuge der Verfolgung wurde auch das erst 1931 eröffnete neue Gotteshaus des Tempelvereins in der Oberstraße geschlossen. Das Gebäude des anfangs erwähnten ersten Tempels in der Poolstraße wurde 1944 durch eine Bombe zerstört.

Die massenhaften Verbrechen der Nationalsozialisten an den jüdischen Hamburgerinnen und Hamburgern gehören zur Geschichte unserer Stadt. Es wird immer unsere Verantwortung bleiben, die Erinnerung daran wach zu halten und an die nächsten Generationen weiterzugeben. Das muss ganz besonders in den Schulen stattfinden, aber es geschieht auch im Alltag, zum Beispiel durch die „Stolpersteine“ des Künstlers Gunter Demnig, die vor den früheren Wohnungen deportierter Juden in den Bürgersteig eingelassen sind. Oder durch die verschiedenen Gedenkstätten. Im Mai dieses Jahres wurde ein weiterer Ort des Gedenkens am früheren Hannoverschen Bahnhof in der Hafencity eingeweiht. Eine besondere Erinnerungsstätte stellt auch der jüdische Friedhof in Altona dar. Er ist ein weltweit einmaliges Zeugnis sephardischer Juden, die von der Iberischen Halbinsel nach Hamburg geflohen waren. Wir setzen uns sehr dafür ein, dass dieser Friedhof als Unesco-Welterbe anerkannt wird.

Dass das jüdische Leben nach 1945 in unserer Stadt je wieder aufblühen würde, das durfte damals niemand erwarten. Doch so ist es gekommen, und das ist für Hamburg ein großes Glück. Der Mut der Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen, die auf den Wandel und die Demokratisierung des Landes vertrauten und hier erneut Gemeinden, Schulen und Lebensperspektiven aufbauten, verdienen tiefen Respekt. Heute ist in Hamburg wieder ein breites Spektrum jüdischer Glaubensrichtungen vertreten, von Chabad Lubawitsch über die Jüdische Gemeinde bis hin zur Liberalen Jüdischen Gemeinde.

Die heutige Liberale Jüdische Gemeinde gibt es seit dem Jahr 2004 in Hamburg, und auch die Jüdische Gemeinde hat einen liberalen Zweig eingerichtet. Die geschichtlichen Wurzeln des liberalen Judentums reichen zur Gründung des Neuen Israeltischen Tempelvereins vor 200 Jahren zurück. 1817 übernahm Eduard Israel Kley die Leitung der Israelitischen Freischule. Dort wurden vor allem die ärmeren jüdischen Kinder unterrichtet mit dem Ziel, später eine Ausbildung zu machen und insbesondere ein Handwerk zu erlernen. Damit wurden ihnen weitere Bildungs- und Berufschancen eröffnet, die Juden in vielen Bereichen noch verwehrt waren. Gesellschaftliche Integration durch Berufsbildung, würde man heute sagen. 

In der Freischule hielt Kley auch sonntägliche Andachten nach reformiertem Ritus ab, die außerordentlich beliebt und ein Auslöser für die Gründung des Tempelvereins waren. Im Neuen Israelitischen Tempelverein predigte Kley in deutscher Sprache; er führte Orgelspiel und Chorgesang ein und ordnete den Raum so, dass  das Pult für die Thora nicht mehr in der Saalmitte, sondern an der Stirnseite stand. Bald gab es auch ein neues Gebetsbuch mit teilweise geänderten und ins Deutsche übersetzten Texten.

Wer sich in diesem Jahr zum 500. Reformationsjubiläum der Protestanten mit der Reformation und ihren Folgen befasst hat, den wird es wenig überraschen, dass die weitreichenden Reformen im Neuen Israelitischen Tempelverein in vielen jüdischen Gemeinden der Stadt heftige Diskussionen auslösten. Der Disput ging als „Hamburger Tempelstreit“ in die Geschichte ein. Dabei verliefen die Grenzen zwischen Traditions- und Reformorientierten aber keineswegs immer gerade: Der Weg in die Moderne führte über vielerlei Pfade. Er führte nicht nur zu einer Pluralisierung der Glaubensrichtungen, sondern mit der Zeit auch bei den Reformern zu mancher Rückbesinnung.

Dieses Austarieren zwischen Glaube und Aufklärung, Tradition und Moderne ist auch heute noch in den meisten Religionen ein fortdauernder Prozess. Es ist gut, wenn dieser Prozess der Selbstvergewisserung in der modernen Welt von gegenseitigem Respekt getragen wird. Toleranz bleibt ein wichtiges Merkmal unserer Stadt, in der die Anhänger ganz unterschiedlicher Religionen und Glaubensrichtungen mit denen, die sich keinem Glauben zugehörig fühlen, friedlich zusammenleben. Hamburg ist eine offene Stadt, in der religiöse und weltanschauliche Vielfalt selbstverständlich sind. Ich danke allen, die zu  diesem guten Miteinander beitragen und heute ganz besonders den jüdischen Hamburgerinnen und Hamburgern.

Ich freue mich sehr darüber, dass die Union Progressiver Juden in Deutschland sich für Hamburg als Tagungsort entschieden hat und dass wir Sie heute im Rathaus begrüßen dürfen. Ich wünsche Ihnen für morgen einen erfolgreichen Ausklang Ihrer Tagung im schönen Warburg-Haus und für die Zukunft alles Gute.

Vielen Dank.

Empfehlungen