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16. Januar 2017 Wiedereröffnung der historischen Bibliothek des Christianeums

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Wiedereröffnung der historischen Bibliothek des Christianeums

Sehr geehrte Frau Amann,
sehr geehrte Frau Conradi,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

was für ein schöner Anlass, ich freue mich sehr über die Wiedereröffnung der historischen Bibliothek. Ich gestehe, ich kann mir ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen, mir geht es da ein wenig wie dem argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges, der gesagt hat, er stelle sich das Paradies wie eine Bibliothek vor.

Gerade hier betone ich das gerne, denn eines Ihrer wichtigsten Bücher ist eine Pergamentabschrift der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Und diese schildert schließlich die Reise durchs Inferno zum Läuterungsberg (Purgatorio) bis ins Paradies. Ein Original davon anschauen zu können, ist schon traumhaft. Ich bin gespannt und lasse mich überraschen, was da auch an Bildern auf mich zukommt.

Überraschungen gehören zum Christianeum dazu. Das beginnt ja schon mit dem Gebäude. Wer würde schon annehmen, dass das altehrwürdige Christianeum mit Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert, eine Schule, an der über 25.000 junge Menschen ihr Abitur bestanden haben, eines der ältesten Gymnasien Hamburgs, das übrigens fast die erste Universität in Altona geworden wäre, so enorm modern aussieht?

Mehrfach musste das Christianeum umziehen, zuletzt machte die Schule Platz für eine der wichtigsten Verbindungen zwischen dem Mittelmeer und Skandinavien, den Elbtunnel. Vielleicht gehören deshalb die Beweglichkeit im Denken und die Neugier auf das Neue so sehr zur Tradition der Schule.

Der Bau des dänischen Architekten ist eine moderne Interpretation der Humanistischen Tradition. Wer hier lernt, wird geradezu in jedem Raum daran erinnert, dass die wichtigste Schule für die Demokratie der Alltag in der Schule ist.

Wir sind in einem humanistischen Gymnasium und sehen hier sofort, Humanismus, das beutetet viel mehr als das Lernen der sogenannten alten Sprachen. Humanisten, das waren schließlich die, die Bildung für alle Bürger (und etwas später auch für die Bürgerinnen) erfunden haben. Humanisten sind die Entdecker des Wissens, das den Alltag leichter macht und die Erfinder des vernünftigen Gemeinwohls. Und immer wieder war und ist der Humanismus die altehrwürdige europäische Tradition, mit den Autoren in einen Dialog zu treten, um noch mehr zu erfahren.

Dieser humanistische Dialog mit dem Text bedeutet bis heute: das Studium von Büchern. Das kann man natürlich nur, wenn man die Sprache und den Stil der Texte versteht. Und – wenn es Bibliotheken gibt.

Dabei ist eine Bibliothek viel mehr als eine Büchersammlung. Die Aufgabe der Bibliothek ist es, den Zugang zum Wissen zu ermöglichen. Für die Zugänglichkeit gibt es eine ganze Reihe von Anforderungen: Zum Beispiel, dass Bücher in einer Freihandaufstellung direkt greifbar sind, dass es vernünftige Kataloge gibt, gute Öffnungszeiten und eine Bibliothekarin, die man fragen kann.  Eine ideale Bibliothek ist eine Einladung zum Abenteuer: Dem der Entdeckung neuer Bücher. Und sie bietet zugleich eine Orientierung in der Welt der Gedanken. Die neue Bibliothek des Christianeum zeigt, wie man diese doppelte Anforderung meistert.

Auf die alte Grundfrage „Will man die Bücher schützen oder will man, dass sie gelesen werden?“ hat das Christianeum eine überraschende Antwort gefunden: Schluss mit dem Entweder-oder. Es soll beides möglich sein.

Das ist eine kluge Antwort, sie erinnert an das Prinzip, das wir aus dem Umgang mit historischen Gebäuden kennen. Da heißt es bekanntlich: Der beste Denkmalschutz bleibt eine vernünftige Nutzung. Und so ähnlich ist es auch hier. Die Bücher werden geschützt und genutzt. Nicht nur die Leserinnen und Leser, sondern auch die Bücher profitieren. Manche, die wie in einem Verlies lagerten, sind nun vom Entschimmeln zurück und wie neu – die Bücher, nicht die Leser. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle an die Reemtsma Stiftung.

Seit Jahrhunderten besitzt das Christianeum bedeutende Bücher und Schriften. Aber jetzt hat das Christianeum daraus eine excellente historische Bibliothek gemacht. Das Quellenstudium kann beginnen.

Die Bibliothek der Zukunft, so hat es  Umberto Eco in seinem Buch „Die Bibliothek“ geschrieben, muss nach dem Maß des Menschen gestaltet sein und sie  muss immer auch nach dem Maß der (Kopier-) Maschine gestaltet sein. Er hat sich, so liest man, oft geärgert, wenn kein Kopierer in der Nähe war.

Das Maß der Kopiermaschine hat in der Bibliothek des Christianeums eine Spannweite von vier Jahrhunderten. Der geschützte Teil der Bibliothek stammt aus der Zeit, in der jede Abschrift und jeder Druck mühsam in Handarbeit entstand, wie die Wiegendrucke (Inkunabeln) oder die Gutenberg-Bibeln. Die aktuelle Literatur ist leicht zu kopieren, aber Fachzeitschriften und Bücher sind für Privatpersonen in der Regel nicht erschwinglich.

Die neue Bibliothek des Christianeums ermöglicht Quellenstudium im alten und im neuen Stil. Auf der Grundlage der historischen Bibliothek ist ein modernes Medienzentrum entstanden. Es ist hervorragend gelungen: Die Tradition im Aufbruch hat eine bibliophile Brücke geschaffen, sie ist eine Verbindung zwischen den alten, den aktuellen und den noch zu schreibenden Texten. Eco wäre begeistert, nicht zuletzt, weil es hier auch eine Cafeteria gibt. Denn kaum etwas ist so schwer, wie einen hungrigen Geist zum Lesen und Lernen aufzufordern.

Die Sanierung des Schulgebäudes und der Neubau der Bibliothek sind Teil des umfassenden Investitionsprogramms für Hamburger Schulen. 260 Millionen Euro haben wir 2014 allein in die Gebäude der allgemeinbildenden Schulen investiert, 2015 haben wir das noch mal auf 310 Millionen gesteigert. Senator Rabe hat gerade die aktuellen Zahlen für die allgemeinbildenden und die berufsbildenden Schulen veröffentlicht: 2016 haben wir den bisherigen Rekord aufgestellt und knapp 450 Millionen Euro in die Sanierung, Instandhaltung und den Neubau investiert. 2017 werden wir das noch einmal auf rund 460 Millionen Euro erhöhen. Jahrelang wurde in Hamburg der Schulbau systematisch vernachlässigt wurde, wir haben 2011 mit einem Sanierungsrückstand von rund drei Milliarden Euro begonnen. Das werden wir Stück für Stück aufholen.

Überhaupt haben wir viel aus der Vergangenheit gelernt. An dieser Stelle sind wir alle gar nicht mehr so für Überraschungen. Wir haben in Hamburg so etwas wie eine tätige Gelassenheit in der Schulpolitik. Mit dem zweigliedrigen System von Gymnasien und Stadtteilschulen haben wir einen Grundkonsens, der die Konzentration auf das Wesentliche ermöglicht und ausreichend Raum für Innovationen lässt.

Wir wollen die Gymnasien und die Förderung der Leistungsspitze. Und wir wollen die Stadtteilschulen, weil das der typische Weg für den Bildungsaufstieg ist. Es ist wichtig, dass man in allen Stadtteilschulen Abitur machen kann. Das ist die Schulform, mit der wir auch an die Schülerinnen und Schüler rankommen, die sich erst im Lauf der Zeit zutrauen, Abitur zu machen. Wir haben den größten Zuwachs an Abiturientenzahlen in den Stadtteilschulen aber nichts hat die Attraktivität von Gymnasien geschmälert. Es gibt weithin steigende Anmeldungszahlen. Längst sind auch die traditionellen Gymnasien wie das Christianeum die schulische Heimat von Schülerinnen und Schülern aus allen Stadtteilen Hamburgs. Und, was uns alle sehr freut, sie haben sich ja auch für die internationalen Vorbereitungsklassen (IVK) geöffnet. Tradition im Aufbruch – muss man eigentlich noch mehr sagen?

Vielleicht noch das – ich wette, dass auch die Schulen am Ende dieses Jahrhunderts noch mit Büchern arbeiten werden.

Hier ist jedenfalls alles gut auf die Zukunft vorbereitet.

Herzlichen Dank!

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