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20. Februar 2017 Senatsfrühstück anlässlich des 70. Geburtstags von Ingrid Körner

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Senatsfrühstück anlässlich des 70. Geburtstags von Ingrid Körner

Sehr geehrte  Frau Körner, liebe Ingrid,
sehr geehrte Damen und Herren,

Willkommen an diesem schönen Tag im Gästehaus des Senats! Willkommen am Hamburger Feenteich, der zu jeder Jahreszeit einen speziellen Zauber hat.

Wir feiern heute Deinen Geburtstag, den Du am Tag vor Heiligabend begangen hast. Und ein wenig feiern wir natürlich auch das, was Du seit 2011 in Hamburg und für Hamburg erreicht hast. Wobei letzteres ja etwas mit ersterem zu tun hat, weshalb das schon gut zusammenpasst: Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten, liebe Ingrid, und Glückwunsch zu fast sechs höchst erfolgreichen Jahren als Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen.

Als du Dein Amt angetreten hast, war die UN-Behindertenrechtskonvention gerade einmal drei Jahre alt. 2009 erfolgte dann die Ratifizierung in Deutschland, mit der die Konvention den Rang eines Bundesgesetzes erhielt. 2012 verabschiedete der Hamburger Senat den Landesaktionsplan zur Umsetzung der deklarierten Rechte. Die Mitarbeit an diesem Plan war eine deiner ersten großen Aufgaben, und sie hat Maßstäbe gesetzt, wie es in Hamburg mit der Gleichstellung behinderter Menschen weitergehen soll. Seither hat sich viel bewegt – seither hast du viel bewegt.

Aber auch die Wahrnehmung von behinderten Menschen in der Gesellschaft hat sich verändert. Man konnte das ganz gut an der Aufmerksamkeit sehen, die die Heldinnen und Helden der Paralympischen Spiele in Rio 2016 erhielten. Das war ja nicht schon immer so, dass die Begeisterung so groß war und paralympische Wettkämpfe auch Einschaltquoten brachten. Beim 1500-Meter-Lauf für Sehbehinderte rannten übrigens gleich vier Athleten schneller über die Ziellinie als der nicht-behinderte Amerikaner, der zuvor an gleicher Stelle Gold geholt hatte.

Liebe Ingrid, Dein Werdegang als Fürsprecherin behinderter Bürgerinnen und Bürger ist  beeindruckend. Er umfasst ja nicht nur deine beiden großen Stationen, die Bundesvereinigung Lebenshilfe, wo du 26 Jahre lang im Vorstand warst, und die Senatskoordination in Hamburg, die du 2011 übernommen hast. Du bist auch europaweit tätig, warst Präsidentin des Vereins Inclusion Europe, der sich für Menschen mit geistigen Behinderungen einsetzt, warst im Vorstand des Europäischen Behindertenforums und setzt dich bis heute bei vielen Gelegenheiten dafür ein, dass Menschen mit Behinderung stärker in politische Prozesse einbezogen werden.

Auf der einen Seite Hilfe zur Selbsthilfe, auf der anderen die politisch ausgerichtete Arbeit – durch diesen Zweiklang hast du viel erreicht. Dass Hamburg bei der Inklusion vorankommt – in den Schulen, an den Arbeitsplätzen, in den Nachbarschaften, den Verwaltungen – das verdanken wir auch Dir und Deiner Unterstützung.

Du hast eine große Gabe, andere für das Anliegen der Inklusion zu gewinnen. Der Fachtag zur Erarbeitung des Landesaktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, den ich schon erwähnt habe, ist so ein Beispiel. Da hast Du etwa 150 ganz unterschiedliche Akteure der Zivilgesellschaft zusammengebracht – und nachdem ausgiebig diskutiert worden war, was Hamburg voranbringt, wurden den Behörden handfeste Vorschläge unterbreitetet. Dieser Pragmatismus ist genauso „typisch Ingrid“ wie die Fähigkeit, sich in die Lebenswirklichkeit anderer einzufühlen, die sicher auch durch deine persönlichen Erfahrungen in der eigenen Familie gewachsen ist.

Inklusion durchzieht alle Bereiche des Lebens, und mit dem Leben, so wie es sich im Alltag tatsächlich abspielt, damit kennst du dich aus. Als Mutter, als Lehrerin, als Gleichstellungsexpertin, als politisch denkende Bürgerin schaust du deine Aufgaben an, das Ziel genauso im Blick wie die Menschen, um die es geht. In deinen Ehrenämtern, die ein Berufsleben füllen und manchmal auch überfüllen könnten, hast du in weit über dreißig Jahren einen Schatz an Erfahrungen zusammengetragen, den man ohne Übertreibung als ziemlich einmalig bezeichnen darf.

Dass Zielstrebigkeit sich so gut mit Empathie paart, trifft man nicht so oft. Jedes Jahr beantwortest Du hunderte Anfragen, die Dich telefonisch, per Mail oder auch im direkten Gespräch erreichen. Manchmal antwortest du in einem Brief, nicht selten machst du einen persönlichen Termin. Dass Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Schule klarkommen und später eine gute berufliche Ausbildung machen können, dafür kämpfst Du an jedem Fall wieder aufs Neue.

Gleich zu Beginn Deiner Amtszeit hast Du ein Inklusionsbüro eingerichtet, das Initiativen anstößt, die verschiedenen Organisationen behinderter Menschen vernetzt und darauf hinwirkt, dass die gesamte Gesellschaft Inklusion als gemeinsame Aufgabe annimmt. Wichtig war dir die Diskussion über das Bundesteilhabegesetz, bei dem Du Änderungen eingebracht hast. Du hast auch mitgeholfen, dass das Konzept der Elbphilharmonie zur Barrierefreiheit am Ende auch tatsächlich funktioniert, und ein Netzwerk gegründet, das Flüchtlinge mit Behinderung unterstützt. Im Januar dieses Jahres hat sich – nicht ohne Dein Zutun, versteht sich – die Hamburger Rolli-Allianz zusammengeschlossen, damit behinderte und nicht-behinderte Kinder und Jugendliche künftig gemeinsam Sport treiben.

Ohne Dich, Ingrid, könnte Hamburg die UN-Behindertenrechtskonvention nicht so zügig umsetzen. Und da ist ja viel passiert – das reicht von der Inklusion in den Schulen bis zur Übersetzung von Behördendokumenten in Leichte Sprache, von der Zertifizierung barrierefreier Hotels bis zum Theater, in dem man dem Bühnengeschehen über Kopfhörer folgen kann. Es ist schon erstaunlich, wo sich überall potentielle Hürden entdecken lassen, wenn man erst einmal einen Blick dafür entwickelt hat. Wobei allein der Abbau von Mobilitätshindernissen in einer Millionenstadt eine stattliche Aufgabe ist.

Hamburg will eine barrierefreie Metropole werden. Dabei kommt es uns entgegen, dass wir so viel bauen. Denn wo Neues entsteht, lassen sich Häuser, Fußwege, Quartiere schon bei der Planung barrierefrei anlegen. In Mitte Altona oder im Pergolenviertel beim Stadtpark etwa werden Menschen mit einer Behinderung recht gut klarkommen. Auch die Fortbewegung mit Öffentlichen Verkehrsmitteln wird einfacher: Alle Hamburger U-Bahnstationen werden Anfang des nächsten Jahrzehnts mit Aufzügen, Bahnsteigerhöhungen und Orientierungshilfen versehen sein.

So geht es Schritt für Schritt voran – bei der Mobilität, in den Schulen, bei Freizeitaktivitäten. Und doch wird es wohl noch eine Weile dauern, bis man mit dem Rollstuhl oder ohne Augenlicht fast überall hinkommt und niemand mehr überrascht ist, dass auch behinderte Athleten Höchstleistungen bringen.

Liebe Ingrid,

Hamburg wird dranbleiben und wir werden auch aufpassen, dass alte Vorurteile nicht plötzlich wieder salonfähig werden. Dabei hoffen wir weiterhin auf deinen Rat und deine Tatkraft.

Ich danke Dir im Namen des Senats für die Arbeit als Senatskoordinatorin, für Initiativen und Anstöße, für Geduld und Ungeduld. Und auch für Deine ansteckende Herzlichkeit.

Alles Gute zum Geburtstag und für die Zukunft.

Vielen Dank.

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