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23. Februar 2017 Senatsfrühstück anlässlich des 65. Geburtstags von Kent Nagano

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Senatsfrühstück anlässlich des 65. Geburtstags von Kent Nagano

Sehr geehrter Herr Nagano,
sehr geehrte Damen und Herren,

jede Stadt hat ein spezifisches Klangbild. Einige Städte haben eine lange Musiktradition und wenige zudem noch hervorragende Spielstätten. Aber eine Musikstadt ist mehr: Sie ist wie eine gute Partitur, die die Virtuosen der Welt einlädt, sie zu interpretieren.

Sie, lieber Kent Nagano, Sie wissen, was eine gute Partitur ist. Auf allen Kontinenten sind Sie bekannt, bewundert und äußerst beliebt. Sie sind einer der ganz großen Dirigenten. Man weiß, Kent Nagano kann alles aus einer Partitur rausholen. Er lässt Feinheiten, die andere gar nicht bemerken, neu erklingen, spielt aus vermeintlich längst bekannten Passagen Überraschendes heraus.

Als Sie sich entschieden, nach Hamburg zu gehen, konnten manche das gar nicht fassen. Die einen vor Glück, die anderen vor lauter Verwunderung. Ob Sie den Kulturschock vertragen würden, wurden Sie gefragt. Ob Sie an das Wetter gedacht hätten, und sicher warnte man sie auch vor dem Labskaus.

Schon zum Wetter schenkten Sie uns ein charmantes und unerwartetes Kompliment: Ein „schönes, graues, kaltes, windiges Wetter wie in Hamburg oder in San Francisco“  gehöre zu Ihren Vorlieben. Das hört man sogar hier selten.

Aber es war vor allem das Anerkennen und prominente Benennen der musikalischen Potentiale der Stadt, das den Beginn der Nagano-Ära in Hamburg markierte:

„Hamburg ist für mich faszinierend…(Die Stadt) war immer offen und hat eine lange und wirklich einzigartige Musikgeschichte“. Hamburg stehe für den Aufbruch und die Öffnung der Musik, betonen Sie und, dass es Aufgabe der Musik sei, die urbane Gesellschaft in kulturellen Ansprüchen zu unterstützen.

Und so beginnt auch Ihre Arbeit mit einem klaren Statement zur Relevanz und Aktualität der klassischen Musik.

Als neuer Hamburger Generalmusiker startet Kent Nagano mit einer atemberaubenden und tief berührenden Interpretation von Hector Berlioz' Oper “Les Troyens“. Ein Stück mit enormen dramaturgischen Kontrasten und hohen Anforderungen an die Sänger, und Hamburg ist begeistert.

Diese Begeisterung erfasste nicht nur die, die in der Staatsoper dabei waren. In Zusammenarbeit mit dem Filmfest Hamburg wurde die Premiere am Jungfernstieg live übertragen. Etwa eintausend Zuschauer verfolgten das Stück über Flucht und Heimatlosigkeit. Public-Viewing bei einer Oper, das war selbst für Hamburger neu. Kent Nagano, einer der besten der Welt zeigt: Klassische Musik muss überhaupt nicht elitär sein.

Kent Nagano möchte die Oper zur wichtigsten Kunstform der Stadt machen. Deshalb muss sie zurück in den Alltag. Sie muss relevant sein, Stellung nehmen und sich öffnen. Eine beeindruckende thematische Öffnung gelingt Kent Nagano mit „Stilles Meer“. Toshio Hosokawas Werk über die Atomkatastrophe von Fukushima ist ein Auftragswerk der Hamburger Oper. Und wieder ist Hamburg begeistert. Zuschauer und die Presse sind sich einig: Mit der Uraufführung ist Kent Nagano in Hamburg angekommen. Es passt einfach alles.

Klassische Musik, die Mitten im Leben ist, das bedeutet für Kent Nagano auch: Die Musik an neuen Orten, einem anderen Publikum nahe zu bringen. Etwa im Michel, dem alten Hamburger Wahrzeichen, wo es nun regelmäßig Konzerte des von Ihnen extra dafür geschaffenen Kammerorchesters gibt.

Rein in das Stadtleben, das ist auch für Künstler ein Abenteuer. Denn es gilt, ungewohnte akustische Herausforderungen für die klassische Musik zu nutzen. Aber auch das gelingt unter Ihrer Leitung ganz hervorragend: So wurde selbst die Halle für aktuelle Kunst in den Deichtorhallen zum Konzertsaal. Gleich nach der Renovierung dirigierten Sie Bachs Matthäus-Passion in der anspruchsvollen Inszenierung von Romeo Castellucci. Ein einmaliger Abend – auch für die Geschichte der Ausstellungshäuser.  

Die Welt der Musik – es gibt viele musikalische Formen, sie verstehbar zu machen. Und für die, die gerne lesen, waren Sie so freundlich, es aufzuschreiben. Ihr Buch „Erwarten Sie Wunder“ ist ein bewegender Text über Musik und Humanismus. Man liest die Geschichte von Wachtang Korisheli, der die Grundzüge der Harmonielehre auf einer Holztreppe vermittelte und versteht, wie leicht es gelingen kann, dass alle musizieren lernen.

Musik soll Spaß machen und ein wichtiger Teil des kindlichen Erlebens sein. Hamburg  hat das mit dem Prinzip „Jedem Kind ein Instrument“ aufgegriffen und inzwischen bei gut 60 Schulen von der ersten Klasse eingeführt. Neben zahlreichen Angeboten des Senats gibt es überall in der Stadt engagierte Stiftungen und private Träger, die die Welt der Klassik für Kinder und Jugendliche öffnen.

Ein Anliegen, dass Sie, lieber Herr Nagano, immer wieder auch ganz persönlich unterstützen. Sie haben die Kinderopernreihe Opera Piccola zur Chefsache gemacht. Sie sind Schirmherr des Musikkindergartens und in jeder Saison gibt es eine eigene Produktion der Opera Stabile, die von jungen Sängerinnen und Sängern aus dem „Internationalen Opernstudio“ vorbereitet wird.

Ganz besonders freuen wir uns auf die Neufassung der „Zauberflöte“ von Johannes Harneit. Die Zauberflöte für junges Publikum ab 12 Jahren kommt ab April in die Schule am Alten Teichweg, ins Haus im Park in Bergedorf und in die Fabrik. Aber das Beste ist: Kent Nagano wird persönlich am Pult stehen und für die jungen Fans dirigieren.

Und dann gibt es ja noch die Elbphilharmonie. Jedes Hamburger Schulkind soll die Möglichkeit haben, dort ein Konzert zu besuchen. Schon im Vorwege sind neue Formate entstanden, und wir werden weitere entwickeln, um bei noch mehr Kindern und Jugendlichen die Begeisterung für die klassische Musik zu wecken. In Hamburg wächst eine Generation heran, die die Musik neu erfinden wird.

Sie, Herr Nagano, haben die Elbphilharmonie als „Jahrhundertchance für die Musikgeschichte in Hamburg“ bezeichnet. Wir haben uns damit bedankt, sie bis zu Ihrem 65. Geburtstag, am 22. November 2016, fertig zu stellen. Es hat geklappt: Anfang November wurde die Plaza eröffnet. Mehr als eine halbe Millionen Besucher waren seitdem da, manche vermutlich zwei Mal, denn es ist wirklich sehr schön dort oben. Und jeder will dann mehr: Will wissen, wie die Elphi klingt.

Der Große Konzertsaal hat eine exzellente Akustik. Schon an den Tagen der Eröffnung hat das Philharmonische Staatsorchesters gezeigt, wie präsent Musik dort klingen kann. Ihre Uraufführung der „ARCHE“, einem großbesetzte Oratorium für Gesangssolisten, Chöre, Orgel und Orchester, hat unsere hochgesteckten Erwartungen übertroffen.

Die Elbphilharmonie ist ein Haus für alle. Wir haben diesen Konzertsaal gebaut, um deutlich zu machen, was Musik für die Gesellschaft leisten kann. Sie, Herr Nagano, haben jüngst die Botschaft der Musik so wunderbar zusammengefasst, dass ich es unbedingt zitieren muss:

„Musik wurde immer für die offene Gesellschaft geschrieben, nicht für die geschlossene. Seit Bach und Beethoven hat sie unsere Werte transportiert, unseren Glauben, unsere Idee von Freiheit.“

Zu unseren Glauben und unsere Idee von Freiheit gehört die Musik wesentlich dazu. Das trifft die Besonderheit der urbanen Partitur in Hamburg.

Unsere Stadt hat mit Ihnen, Herr Nagano, einen Generalmusikdirektor, der diese freiheitliche Partitur wie kaum ein anderer lesen und erspielen kann. Das ist vielleicht ein Wunder, aber sicher auch immer wieder richtig gute Arbeit.

Im Namen der Stadt Hamburg wünsche ich Ihnen nachträglich alles Gute zum Geburtstag.

Vielen Dank!

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