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29. März 2017 Medaille für Treue Arbeit

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Medaille für Treue Arbeit

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

willkommen im Hamburger Rathaus! Willkommen im Bürgermeistersaal! Der Raum ist vielleicht nicht ganz passend gewählt, denn Bürgermeister üben ihr Amt in Hamburg schon sehr lange hauptberuflich aus. Aber letzteres gilt, was viele nicht mehr erinnern, erst seit zwanzig Jahren für alle Politiker unserer Stadt: Die Bürgerschaftsabgeordneten waren bis 1996 ehrenamtlich tätig und erhielten lediglich eine Aufwandsentschädigung, weshalb man bis dahin auch vom Feierabend-Parlament sprach – und wie dieser Feierabend aussah, das können Sie sich sicher vorstellen.

Mehr als 40 Prozent der Deutschen engagieren sich ehrenamtlich; jeder dritte von ihnen tut dies seit mindestens 10 Jahren und jeder zweite in einem Verein. Der ist – anders, als das Reden von angeblicher Vereinsmeierei weißmachen will –, bis heute ein deutsches Erfolgsmodell, das ganz unterschiedlichen Anliegen eine organisatorische und rechtliche Form gibt. Diese wurde übrigens auch teilweise in der anfangs eher projekthaften und zeitlich begrenzten Flüchtlingshilfe gewählt, wo zum Beispiel aus der früheren Kleiderklammer in den Messehallen Hanseatic Help e.V. entstand.

Schon John Locke, Charles Montesquieu und Alexis de Tocqueville, die drei großen Staatstheoretiker des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, teilten die Vorstellung, dass der Bürger sich gesellschaftlich aktiv einbringen müsse, damit eine lebendige demokratische Gesellschaft entstehen könne. Und so ist es dann auch gekommen. Heute sind Ehrenamt, Freiwilligendienst und bürgerschaftliches Engagement – die Begriffe sind ja nicht immer eindeutig abgrenzbar –, aus unserem Gemeinwesen nicht mehr wegzudenken. Da ist eine unglaubliche Vielfalt entstanden: Sportverein, Kirchenchor, Elternsprecher, Betriebsräte, Bürgerinitiativen, die erwähnte Flüchtlingshilfe oder die Unterstützung von obdachlosen oder behinderten Menschen – überall geben Ehrenamtliche ihre Zeit und oft auch ihr Wissen für eine gemeinsame Sache.

Das ist großartig. Damit das aber auch in Zukunft gut und vielleicht sogar noch besser funktioniert, sollten wir zwei Dinge im Auge behalten. Zum einen: Wir müssen auf die Jungen zugehen und ihre besonderen Fähigkeiten gezielt abfordern, etwa wenn es darum geht, sich über die sozialen Medien zu organisieren und Netzwerke über städtische oder nationale Grenzen hinweg aufzubauen. Und damit das klappt, müssen die Älteren dann mal einen Schritt zurücktreten und die Jungen machen lassen.

Das andere: Es gibt beim Ehrenamt eine soziale Schieflage. Bürger mit geringem Einkommen und niedrigeren Bildungsabschlüssen oder Bezieher von Arbeitslosengeld II fühlen sich durch die Möglichkeit eines Ehrenamtes nur wenig angesprochen. Das ist auch insofern bedenklich, als ein freiwilliges Engagement gesellschaftliche Teilhabe und Gestaltungschancen schafft und in der Regel auch öffentliche Anerkennung mit sich bringt. Wenn wir sagen, dass Integration vor allem über die Arbeit gelingt, dann sollten wir ergänzen, dass dies die ehrenamtliche Arbeit klar einschließt. Da müssen wir uns überlegen, wie wir noch mehr Brücken bauen können.

Hamburg gehört zu den ersten beiden Bundesländern, die eine eigene Engagementstrategie bis 2020 entwickelt haben – gemeinsam mit den Behörden, mit Stiftungen, dem Landesnetzwerk Aktivoli und freiwillig Engagierten. Im Rahmen dieser Strategie ist Anfang März die Kampagne „Mit Dir geht mehr!“ gestartet, die auf vielfältige Weise für das freiwillige Engagement wirbt. Auch das Forum Flüchtlingshilfe, eine Plattform zur Unterstützung der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, spielt in Hamburg eine wichtige Rolle.

Doch so förderlich eine öffentliche Freiwilligenstrategie auch ist, so wichtig bleibt es, dass die, die schon lange „on the job“ sind, ihre Erfahrungen und ihre Begeisterung weitergeben. Und wer könnte das besser als Sie, die ihr Ehrenamt schon 20, 30 Jahre und länger ausüben?
Hier im Bürgermeistersaal ist heute eine beeindruckende Bandbreite ehrenamtlicher Tätigkeiten vertreten.

  • Sie fördern die Gleichstellung von Frauen und die Anerkennung  unterschiedlicher sexueller und geschlechtlicher Identitäten;
  • Sie unterstützen junge Künstlerinnen und Künstler, sind im Sportverein und für das Deutsche Rote Kreuz, für den Arbeiter-Samariterbund und die DLRG tätig;
  • Sie setzen sich für die Humanitäre Auslandshilfe ein, für Jugendliche und Ältere, für Bürgervereine und Stadtteilarchive.
  • Etliche von Ihnen arbeiten als ehrenamtliche Richter oder in einer Kirchengemeinde.

Meine Damen und Herren,

Sie alle haben unsere Stadt durch Ihren jahrzehntelangen Einsatz fürsorglicher, freundlicher und leistungsfähiger gemacht. Dafür bedanke ich mich im Namen des Senats herzlich.

Die Medaille für Treue Arbeit ist, wie man ihrem Namen unschwer entnimmt, bereits etwas älter. Genau genommen gehört sie mit ihren 91 Jahren auch unter den Medaillen schon zu den Hochbetagten. 1926, als die Medaille für Treue Arbeit erstmals vergeben wurde, erschien – ein purer Zufall – in London eines der tollsten Kinderbücher, die ich kenne: Es ist die Geschichte von Winnie Pu, einem Bären von angeblich „sehr geringem Verstand“. In „Pu der Bär“ sagt der kleine Christopher Robin: „Du bist mutiger als du meinst, stärker als du scheinst und klüger als du denkst.“

Auch wenn Winnie Pu außer dem Erscheinungsjahr mit der Medaille für Treue Arbeit nicht viel zu tun hat – für die Verleihung dieser Auszeichnung, zu der wir nun kommen, ist das doch ein gutes Motto, oder?
Und damit darf ich das Wort nun an Frau Jenssen übergeben.

Vielen Dank.

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