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10. Mai 2017 Einweihung Hannoverscher Bahnhof

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Einweihung Hannoverscher Bahnhof

Sehr geehrte Präsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Dainow,
sehr geehrter Herr Rose,
sehr geehrte Frau Voulasranta,
sehr geehrte Frau Dr. Eichengreen,
sehr geehrter Herr Prof. Friedländer,
und ganz besonders begrüße auch alle anderen Überlebenden des nationalsozialistischen Unrechts und die Zeugen dieser grausamen Zeit,

wir sind auf dem Vorplatz des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs zusammengekommen; dort, wo sich einmal das beeindruckende Bahnhofsportal befand, das Sie hinter meinem Rücken auf der Leinwand sehen. An seinem Anfang wurde das Portal mit dem Wunschtraum von einer die Völker verbindenden europäischen Eisenbahnstrecke Paris – Venlo – Hamburg – St. Petersburg verbunden, bei seiner Sprengung 1955 mit unvorstellbaren menschlichen Albträumen.

Vom Hannoverschen Bahnhof aus fuhren 20 Deportationszüge nach Ost- und Mitteleuropa: nach Belzec, Litzmannstadt/Lódz, Minsk, Riga, Auschwitz, Teresienstadt/Terezin.

Vom Hannoverschen Bahnhof aus wurden – nach heutigem Wissensstand – 8.071 Juden, Roma und Sinti in Ghettos und Konzentrationslager gebracht.

Vom Hannoverschen Bahnhof aus wurden all diese Männer, Frauen und Kinder dorthin gefahren, wo sie von den nationalsozialistischen Schergen gequält, erniedrigt oder ermordet wurden.

Der Hannoversche Bahnhof ist für Hamburg ein Ort der Schande und der Trauer.

Und ab heute auch ein würdiger Ort des Gedenkens.

Sehr geehrte Frau Eichengreen, Frau Baker,
Frau Bejarano, Frau Tislar, Frau Wagner
und Frau Weiß,
sehr geehrter Herr Leser, Herr Pawlowski,
Herr Rigoletto Weiß und Herr Gottfried Weiß,

es bedeutet mir viel, dass Sie heute hier sind. Einige von Ihnen haben eine weite Reise auf sich genommen, um der Einweihung des Gedenkorts beizuwohnen und um Schülerinnen und Schülern zu erzählen, was Sie damals erlebt, wie Sie überlebt und danach weitergelebt haben. Das ist ganz wichtig und ich danke Ihnen sehr dafür.

Bedanken möchte ich mich auch bei Herrn Professor Saul Friedländer, dass Sie nach Hamburg gekommen sind und persönlich heute Abend beim Körber-Forum zu uns sprechen werden.

Sie alle sind uns in Hamburg von Herzen willkommen.

„Wer mitfühlen, mitdenken will, braucht Deutungen des Geschehens. Das Geschehen allein genügt nicht.“ Das hat eine andere Überlebende der Shoah, nämlich die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, einmal formuliert. Mitfühlen, mitdenken, deuten – darum geht es auch  beim „denk.mal Hannoverscher Bahnhof“. Und darum, die Fakten zu kennen und zu wissen, was tatsächlich passiert ist.

Die Namen der Opfer zeigen unmissverständlich: Was hier geschah, war real. Es musste von einzigartigen und individuellen Menschen erduldet werden. Diese Männer, Frauen und Kinder wurden mitten aus ihrem Leben gerissen. Und mitten im Leben steht jetzt auch das Denkmal. Im Lohsepark in der Hafencity toben Kinder, flanieren Erwachsene und verbringen Angehörige unterschiedlichster Kulturen und Religionen ihre Freizeit. An diesem quirligen Ort finden jetzt Erinnerung und Gegenwart zusammen. So kann mit dem Denkmal die lange in den Hintergrund gedrängte Geschichte des Hannoverschen Bahnhofs wieder in das Gedächtnis der Stadt aufgenommen werden.

„Kein Gedächtnis vermag eine Vergangenheit als solche zu bewahren“, sagt der  Kulturwissenschaftler Jan Assmann. Immer komme es darauf an, was eine Gesellschaft als erinnerungswürdig erachte und in welchen Rahmen sie das Vergangene setze. Das „kulturelle Gedächtnis“, von dem Jan Assmann spricht, formuliert feste Bezugspunkte in der Vergangenheit, bezieht diese aber immer auf die Gegenwart. Das kulturelle Gedächtnis sagt etwas über die verbindlichen Werte einer Gesellschaft aus, darüber, wie sie sich selber sieht und worauf sie hinaus will. In diesem Sinne ist das Denkmal Hannoverscher Bahnhof, zusammen mit dem Lohsepark, der von einer dem ehemaligen Schienenverlauf folgenden Fuge durchzogen wird, eine Aufforderung an uns und an zukünftige Generationen, die Humanität gegen Widerstände und Widersacher zu verteidigen.

Unsere lebendige und tolerante Demokratie braucht Orte wie diesen, an denen die Erinnerung an die Opfer des Holocaust wach bleibt. Für Hamburg ist ein solcher Ort ab heute der Hannoversche Bahnhof. Die zwanzig Namenstafeln erinnern an die zwanzig Züge, die von hier Männer, Frauen und Kinder aus ethnischen und religiösen Gründen deportierten. Das Denkmal erinnert aber nicht nur an die Opfer, sondern auch an die Täterinnen und Täter, an die Mitschuld der Deutschen Reichsbahn und der Hamburger Behörden.

Die Planungen für das Denkmal Hannoverscher Bahnhof gehen auf das Jahr 2004 zurück, als die Historiker Dr. Linde Apel und Dr. Frank Bajohr die erste Studie über die Deportationen vorlegten. 2005 wurden erste Informationstafeln am früheren Bahnhofsvorplatz aufgestellt – damals begann die Hafencity erst allmählich vom Sandtorhafen gen Osten zu wachsen. 2009 folgte dann die Ausstellung „In den Tod geschickt“ im Kunsthaus Hamburg: Erstmals wurde dort die Geschichte der Deportationen einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Seit 2013 steht auf dem ehemaligen Bahnhofsvorplatz ein Informations-Pavillon. Und bereits seit 2011 setzten sich Hamburger Jugendliche damit auseinander, wie Erinnerung heutzutage aussehen könne.

Das scheint mir ein besonders wichtiger Aspekt zu sein: wie wir die Erinnerung in einer globalisierten und von digitalen Medien geprägten Welt in Zukunft gestalten wollen.

Deshalb ist es wichtig, dass ganz in der Nähe des Denkmals ein zeitgemäßes Dokumentationszentrum entstehen wird, das ganz unterschiedliche Besucherinnen und Besucher ansprechen soll: Jugendliche und Ältere, geschichtlich Interessierte und solche, die wenig Vorwissen mitbringen, Zugewanderte und solche, die schon lange in Hamburg leben. Die Federführung liegt bei der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Es ist gut, es ist für Hamburg gut, dass sich so viele von Ihnen für die Gedenkstätte Hannoverscher Bahnhof eingesetzt haben.

  • Ich danke allen Überlebenden, die in diesen Tagen noch einmal von ihren persönlichen Erfahrungen berichten.
  • Ich danke den Opferverbänden: der Jüdischen Gemeinde Hamburg, der Rom und Cinti Union, dem Landesverein der Sinti in Hamburg und dem Auschwitz Komitee – sie alle haben diesen Gedenkort mitgestaltet und sind auch für die Nennung der Namen eingetreten.
  • Ich danke der Hamburgischen Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur für die Finanzierung der Namenstafeln.
  • Ich danke allen, die an der Planung und Realisierung des Gedenkortes mitgewirkt haben – namentlich Dr. Detlef Garbe und Dr. Oliver Wrochem von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme; Dr. Kristina Vagt für die Recherche der Namen der Deportierten; Prof. Jürgen Bruns-Berentelg und Andreas Schneider für die Projektentwicklung; dem Büro Landschaftsarchitekten Vogt aus Zürich und Dr. Annette Busse, die das Projekt von Seiten der Behörde für Kultur und Medien steuerte.

Meine Damen und Herren,

mit dem Denkmal Hannoverscher Bahnhof erhält Hamburg mitten in der pulsierenden Hafencity einen Ort des Innehaltens und des Erinnerns an die in Konzentrationslager deportierten Hamburger Juden, Sinti und Roma. In das Gedenken sind auch alle eingeschlossen, die aus Hamburg verschleppt wurden, insbesondere die Regimegegner, die 1942 von hier aus in die 999er Bewährungsbataillone eingezogen wurden.

Aus dem Ort des Schreckens wird nun ein Ort der Mahnung. Hamburg ist eine zukunftsgewandte Stadt, die sich ihrer Vergangenheit stellt und die Lehren daraus nicht vergessen wird. Wir verabscheuen das Ressentiment, die Herabsetzung und Verfolgung von Minderheiten. Deshalb müssen wir unsere Stimme erheben, wo immer dies der Fall ist. Das gilt auch für demokratische Gesellschaften.  Mehrheitsherrschaft ist noch keine liberale Demokratie. An diese Verantwortung erinnern uns die Überlebenden, und daran erinnert uns jeder einzelne Name auf den Tafeln des Denkmals Hannoverscher Bahnhof. 

Vielen Dank. 

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