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25. Mai 2017 Eröffnung Theater der Welt

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Eröffnung Theater der Welt

Sehr geehrter Herr Lux,
sehr geehrte Frau Deuflhard,
sehr geehrte Frau Küpper,
sehr geehrter Herr Siebold,
sehr geehrter Herr Prof. Mbembe,
sehr geehrte Vertreter des Deutschen Bundestages,
sehr geehrte Vertreter der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Frau Doyenne,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

was für eine Freude, was für ein Fest! Das Theater der Welt kehrt zurück nach Hamburg, wo Ivan Nagel die Idee 1979 ins Leben rief. Das ist großartig und ich bin mir sicher: Das Theater der Welt 2017 ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Willkommen in Hamburg!

45 Produktionen aus fünf Kontinenten, 330 Veranstaltungen, 27 Erst- oder Uraufführungen, 13 Spielstätten – das Theater der Welt steht für Fülle und Vielfalt, für unvergessliche Bilder und Klänge, für 18 Tage voller Entdeckungen. Es steht für ein Theater, das uns etwas angeht und die relevanten Fragen der Zeit in ein neues Licht setzt. Das Theater der Welt ist ein Fest der Sinne und eine Aufforderung zum Denken.

Kein Thema sticht aus dem reichen Programm so hervor wie die Globalisierung und ihre Folgen. Flucht und Migration, die Suche nach Identität und der Wunsch nach einer guten Lebensperspektive für alle, darum geht es in Variationen immer wieder, im Schauspiel und im Tanz, in der Musik und in den Bildern. Aber dieses Festival will nicht nur zeigen und beschreiben, es versteht das Theater als gesellschaftliche, als verändernde Kraft.

Es ist gut, dass das Festival Theater der Welt 2017 ein Zeichen für Toleranz und Humanität setzt. Wir widersprechen in Hamburg entschieden  protektionistischen und populistischen Tendenzen. Wir setzen uns für eine gerechte Gestaltung der Globalisierung und für eine offene und liberale Demokratie ein. Deshalb wollen wir, dass diese Fragen in unserer Stadt vielseitig diskutiert werden, mit den Mitteln der Kunst und selbstverständlich auch kontrovers.

Hamburg ist seit Jahrhunderten auf dem Weg der Globalisierung. Diese kristallisiert sich an keinem Ort in all ihren Facetten so wie im Hafen. Warenumschlag und Verkehrsknotenpunkt, Chiffre für Fernweh, Vorreiter innovativer Technik und wichtiger Ausgangspunkt der mittelalterlichen Hanse, der ersten erfolgreichen Freihandelszone der Welt – all das verbinden wir mit dem Hamburger Hafen.

Auch unser UNESCO Welterbe Speicherstadt ist ein Beispiel dafür, wie durch die Entstehung globaler Handelsrouten über See der Bau eines damals hochmodernen  Lagerhauskomplexes nötig wurde. Etwa 16.000 Bewohner wurden damals aus ihren Wohnungen verdrängt und umgesiedelt. Auch damals waren die Gewinne aus dem technischen Fortschritt und der Globalisierung ungleich verteilt. Zwischen 1850 und 1933 sind fünf Millionen Menschen von Hamburg aus in die Neue Welt ausgewandert – ihre Geschichte zeigt unser nach dem Reeder Alfred Ballin benanntes  Auswanderermuseum.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute ist Hamburg eine Ankunftsstadt, die Menschen von überall her anzieht und viel dafür tut, Migranten und Flüchtlingen eine  Lebensperspektive zu geben.

Wenn für die kommenden zweieinhalb Wochen nun auf den Bühnen unserer Stadt und auch am Oberhafenquartier, im Kakaospeicher auf dem Baakenhöft oder in der Elbphilharmonie Welttheater stattfindet, dann bildet der Hafen also weit mehr als eine beeindruckende Kulisse: Er ist ein gedankliches Portfolio, wie man es sich treffender kaum vorstellen kann.

Hamburg hat herausragende Theater, die in jeder Spielzeit bemerkenswerte Produktionen vorstellen und sich beherzt in die Belange der Stadt einmischen. Aber was wir in diesem Mai in Hamburg erleben dürfen, das ist auch für eine Stadt mit einer lebendigen Theater- und Kunstszene einzigartig und spektakulär: [Tianzu Tschen]  Tianzhuo Chen aus China, Fernando Rubio aus Argentinien, Wael Shawky aus Ägypten, Ivo van Hove aus Frankreich, das Mapa Teatro aus Kolumbien, das Back to Back Theatre aus Australien, Richard Nelson aus den USA, Salia Salou aus Burkina Faso, die Katalanen La Fura dels Baus mit einer Interpretation von Haydns „Schöpfung“ in der Elbphilharmonie. Oder der heutige Abend im Kakaospeicher, wo die Tanzkompagnie des samoanischen Regisseurs Lemi Ponifasio zusammen mit Migrantinnen und Migranten aus Hamburg „Die Gabe der Kinder“ aufführt. Und, und, und.

Lieber Joachim Lux, liebe Amelie Deuflhard, liebe Sandra Küpper, lieber Andras Siebold:

Auf dieses Programm darf das Festivalteam des Thalia Theaters und der Kulturfabrik Kampnagel ganz unbescheiden stolz sein. Großen Dank für die tolle Arbeit. Und meinen Dank auch an alle Hamburger Künstlerinnen und Künstler, die mit eigenen Produktionen dabei sind oder sich auf das Abenteuer einer internationalen Koproduktion eingelassen haben. Ein Gedanke geht auch an Barbara Kisseler, die kürzlich verstorbene Kultursenatorin unserer Stadt, die Ideengeberin.

Das Festival Theater der Welt hat sehr unterschiedliche Kulturschaffende nach Hamburg geholt. Es wird hoffentlich nicht ausbleiben, dass auf allen Seiten vertraute Sichtweisen durchkreuzt und ungewohnte Fragen gestellt werden. Ich bin zum Beispiel ein Anhänger Kants und deshalb besonders gespannt, was Achille Mbembe gleich  zur Ethik und zur Verantwortung für das eigene Handeln sagen wird. Auch der Blick von anderen Kontinenten auf das europäische Friedens- und Demokratieprojekt kann sicher frische Impulse geben.

„Heutige Menschen interessieren sich für Zustände und Vorkommnisse, denen gegenüber sie etwas tun können.“ Dieser Satz ist von Bertold Brecht, also schon etwas älter, genau genommen von 1955. Aber er kommt mir recht aktuell vor. Brecht war überzeugt, dass der Zuschauer seine Welt auf der Bühne nur wiedererkenne, wenn diese dort – Zitat - „als eine veränderbare Welt beschrieben wird“. Und darum scheint es mir auch bei diesem Festival zu gehen: dass die Zuschauerinnen und Zuschauer und vielleicht auch die Künstler selbst erleben, dass Dinge sich verändern lassen – nicht nur Formen, Sätze, Töne, sondern in anderen Zusammenhängen auch das Leben und Arbeiten in unserer globalisierten Welt.   

Meine Damen und Herren, 

das Theater bringe einen „herrlichen Zuwachs an Mut und Erfahrung“, das hat nicht Brecht gesagt, sondern Friedrich Schiller, und ich sage es auch, denn vom Mut, davon darf es in diesen Zeiten gerne etwas mehr sein.

Ich freue mich sehr auf die kommenden 18 Tage und wünsche allen ein unvergessliches Festival Theater der Welt 2017 in Hamburg.

Vielen Dank.

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