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26. Mai 2017 Senatsempfang für Zimmer- und Schieferdeckergesellen

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Senatsempfang für Zimmer- und Schieferdeckergesellen

Sehr geehrter Herr Röckendorf,
sehr geehrter Herr Krüger,
sehr geehrter Herr Vizepräsident Stemmann,
sehr geehrter Herr Kröncke,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Handwerksgesellen, 
meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen im Hamburger Rathaus. Ich freue mich sehr, dass Sie hier sind.  Zahlreiche Wandergesellen und Einheimische sind gekommen. Und ich freue mich besonders, dass so viele von Ihnen auch Ihre Familien und Freunde mitgebracht haben.

Wir sind hier im Großen Festsaal, die großen Wandgemälde erzählen die Geschichte Hamburgs und hier findet alljährlich das älteste Festmahl der Welt statt, das Matthiae-Mahl. Dieser Saal ist ein guter Ort, um die Vertreter einer jahrhundertealten Tradition zu empfangen.

Die Tradition der Walz reicht bis ins Mittelalter zurück. Damals begann die Spezialisierung und Differenzierung der Gewerke [=Handwerke], und es war überall in Europa üblich, einige Jahre in der Fremde zu verbringen. Millionen von jungen talentierten Männern (die Frauen kamen erst später dazu) wanderten durch die Länder: Sie zogen von Stadt zu Stadt und von Meister zu Meister. Sie halfen beim Bau der großen Kathedralen, zeigten auf Messen und Märkten, was sie können und tauschten sich aus über die Weisheiten ihrer Zünfte aus.

Über Jahrhunderte war gerade in Deutschland das Wandern ein unumgänglicher Schritt für den beruflichen Aufstieg: Wer Meister werden wollte, musste zunächst auf Wanderschaft. So bewahrte sich die Tradition der Walz. Sie überdauerte die Umwälzungen in der Produktion und der Wirtschaft durch die industrielle Revolution und sie überdauerte so manche politische Veränderung.

Die Walz ist ein ganz wichtiger Aspekt der Handwerks- und Industriegeschichte und damit ist sie natürlich auch ein schützenswerter Teil unserer Kultur: Die Deutsche UNESCO führt deshalb die Handwerksgesellenwanderschaft Walz seit 2014 im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes als „Gutes Praxisbeispiel“, also eine Tradition, die es zu fördern lohnt.

Wir verdanken der Tradition der Wanderschaft von Handwerkern sehr viel. Wir haben von ihr gelernt, dass die Lehr- und Wanderjahre ein wichtiges Prinzip der Ausbildung sind. Und das hat zwei Seiten: Für den Gesellen geht es darum, auf der Walz fremde Techniken und Arbeitsweisen kennen zu lernen. Und davon profitieren auch die Betriebe und die Gastgeber, die Städte und Nationen. Die Wanderung schafft einen Austausch, sie steht für das Interesse am Neuen, ist ein Geben und Nehmen.

Das Prinzip der Lehr- und Wanderjahre gehört deshalb auch zum Selbstverständnis unserer Stadt. So zeigen die Wandmalereien an der Decke des Treppenhauses zum Plenarsaal  den typischen Lebenslauf eines Hamburger Bürgers des 19. Jahrhunderts. Und Sie können sich vielleicht denken, was da zu sehen ist: Auf dem dritten Bild sind die Lehr- und Wanderjahre dargestellt. Man sieht den Abschied des Gesellen vom Lehrmeister, von der Familie und der Freundin.

Auf den Reisen durch Europa und in die Welt war Hamburg immer schon ein Dreh- und Angelpunkt. Der Hafen zieht alle an, die weiter reisen wollen. Hier treffen sich die Schweizer mit den Norwegern, die Belgier und die Osteuropäer. Und so ist Hamburg auch heute noch eine gute Adresse für die Walz: Wir haben in Hamburg Ausstatter für die Berufskleidung auf der Walz, berühmte Treffpunkte, etwa an der „Großen Freiheit“, und die drei Gesellschaften der Zimmer- und Schieferdeckergesellen aus Hamburg, Harburg und Altona.

Mir gefällt die Tradition der Walz. Die Wanderung ist eine Zeit der Weiterentwicklung. Die Redewendung von der „Erweiterung des Horizontes“ kann man da ganz wörtlich nehmen.

Die Walz ist eine schöne und zugleich sehr aktuelle Tradition. Die wandernden Gesellen haben das entwickelt, was wir heute als europäisches Recht der Arbeitnehmerfreizügigkeit kennen. Das Selbstverständnis, sich überall da Arbeit zu suchen, wo es Arbeit gibt, wo man Lust hat hinzugehen, oder wo man andere Kulturen und andere Arbeitsformen kennenlernen kann.

Wandern und Arbeiten gehört zum european way of life. Auch das ist eine Botschaft der Gesellen auf Wanderschaft. Das zeigt sich ja auch in der Zusammenarbeit der „ Zünftig reisende Gesellen aus Frankreich und dem deutschsprachigen Raum“ in den europäischen Gesellenzünften C.C.E.G.  - Confederation Compagnonnages Européens.

Ich bin mir sicher, dass immer mehr Frauen und Männer in Zukunft ihren beruflichen Weg finden, in dem sie in einem anderen Land Erfahrungen sammeln.

Deshalb ist die Walz nicht nur eine gute Tradition: Die Walz passt auch sehr gut in die moderne Zeit.

Sie können stolz auf sich sein. Wir sind es auch.

Vielen Dank!

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