Symbol

19. Juni 2017 Iftar-Empfang des Verbandes der Islamischen Kulturzentren

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz. 

Iftar-Empfang des Verbandes der Islamischen Kulturzentren

Sehr geehrter Herr Ergin,
sehr geehrter Herr Pirildar,
sehr geehrter Herr Öksüz,
sehr geehrter Herr Konsul, 
sehr geehrte Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrte Damen und Herren,

wenn ich richtig gerechnet habe, dann ist heute der 24. Tag des Ramadan, fünf Tage des Fastens liegen noch vor Ihnen. Und da am kommenden Mittwoch bei uns Sommersonnenwende ist, sind die Tage besonders lang und die tägliche Fastenzeit zieht sich bis in den späten Abend. Ich wünsche Ihnen Kraft und Gelassenheit für diese Zeit und freue mich, dass ich heute bei Ihrem Iftar dabei sein darf.

Das Fastenbrechen ist ein Fest, das Gemeinschaft stiftet – Glaubensgemeinschaft, aber auch Gemeinschaft mit Gästen und Fremden. Das ist eine schöne Tradition und passt auch gut zu unserer weltoffenen Stadt. Gerne nehme ich Ihre Gastfreundschaft an. Danke für die Einladung!

Die verschiedenen Religionen haben recht unterschiedliche Wege des Fastens gefunden. Im Christentum wurde bereits im 4. Jahrhundert nach Christus der Aschermittwoch als erster Tag der Fastenzeit und der Karsamstag als ihr Ende festgelegt. Daran halten sich viele Christen bis heute, auch wenn sich die christlichen Fastenrituale teilweise stark verändert haben. Der Kern des Fastens aber ist über alle Jahrhunderte und auch über Religionsgrenzen hinweg erhalten geblieben: Im Fasten besinnt sich der Mensch auf sich selbst, aber das Fastenbrechen ist eine gesellige Angelegenheit.

In den meisten Fastenritualen finden wir diesen Zweiklang: die individuelle Selbstvergewisserung und das anschließende Bekenntnis zur Gemeinschaft. Denn wer fastet, sucht den Frieden mit sich selbst, in der Beziehung zu seinem Gott und in den Beziehungen zu anderen Menschen. Spiritualität und Weltlichkeit, innerer und äußerer Friede sind im Fasten eng miteinander verbunden, und das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Für den äußeren, für den Frieden auf der Welt sind es schwierige Zeiten. In Syrien herrscht weiter Krieg, im Nahen Osten nehmen die Spannungen zu; jeden Tag kostet der Krieg des IS  Menschenleben.

Dass Gewaltbereitschaft religiös begründet wird, ist nicht neu – die Christen kennen dies zum Beispiel aus dem Nordirland-Konflikt. Der islamistische Terrorismus, den wir in Hamburg nicht mit dem Islam und seinen Werten verwechseln, der ist besonders furchterregend. Die meisten Opfer sind Moslems. Niemand, wo immer er lebt oder welcher Religion er angehört, ist vor ihm sicher. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe zu verhindern, dass Gewalt und Extremismus auch in unserer Stadt Anhänger finden.

Ich nehme heute schon zum zweiten Mal an Ihrem Iftar-Mahl teil. Mein erster Besuch im Jahre 2012 stand unter dem Eindruck der Verträge, die die Stadt Hamburg damals mit den anerkannten islamischen Verbänden und der alevitischen Gemeinde geschlossen hat. Das war ein wichtiger Schritt, um uns gegenseitig der Grundlagen zu vergewissern, auf denen unsere Zusammenarbeit beruht.

In den Verträgen betonen beide Seiten noch einmal, dass sie sich den Werten unseres  Grundgesetzes verpflichtet fühlen. Gemeinsam treten wir für religiöse Toleranz und gegen jede Form der Diskriminierung auf Grund der Herkunft, des Geschlechtes, der sexuellen Orientierung, der Religion oder der politischen Anschauung ein. Die Unterzeichner geben auch ein Bekenntnis zur religiösen Neutralität des Staates und zum staatlichen Schulwesen ab.

Damit grenzen sich diese Religionsgemeinschaften unmissverständlich von Intoleranz und Extremismus ab – so wie die ganz große Mehrheit der Hamburgerinnen und Hamburger dies tun, unabhängig davon, was und ob sie glauben. In Hamburg ziehen die verschiedenen Kirchen und Religionsgemeinschaften mit den Konfessionslosen an einem Strang, wenn es darum geht, islamistischen Tendenzen oder anti-islamischen Ressentiments entgegenzutreten.

Das ist ein guter Weg – für alle Seiten. Zu ihm gehört auch, dass die Religionsgemeinschaften Transparenz ermöglichen und sich an den öffentlichen Diskursen beteiligen. Und von den Nicht-Muslimen in unserer Stadt erhoffen wir zum Beispiel, dass sie lernen, wie und warum Muslime den Ramadan feiern oder dass es – wie im Christentum auch – unterschiedliche islamische Glaubensrichtungen gibt.

Religiöse Bildung ist ein wirksames Mittel gegen religiös begründete Intoleranz und Extremismus. Es ist gut, dass das Projekt zum  „Religionsunterricht für Alle“ in Hamburg gemeinsam von den muslimischen Religionsgemeinschaften, der alevitischen und jüdischen Gemeinde und der evangelischen Kirche getragen wird. Auch der Verband der Islamischen Kulturzentren beteiligt sich an diesem wichtigen Vorhaben.

Der Verband der Islamischen Kulturzentren ist auch aktives Mitglied im Beratungsnetzwerk „Prävention und Deradikalisierung“ und nimmt an den Fachforen des Integrationsbeirates teil. Für dieses vielseitige Engagement möchte ich mich im Namen des Senats bedanken.

Es ist für den einzelnen, aber auch für den Zusammenhalt der Stadt wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger mit Wurzeln in einem anderen Land bei uns eine gute Lebensperspektive finden. Der Zugang zum Arbeitsmarkt und zur Bildung sowie die Möglichkeit der Einbürgerung haben sich als starke Motoren für die Integration erwiesen. Aber auch die Religionsgemeinschaften spielen eine Rolle als Anlaufpunkt, Vertrauenspartner und Brücke in die Gesellschaft.

Ob sie in diesem Sommer Ramadan oder im Winter Weihnachten feiern oder ob sie den religiösen Feiertagen eher distanziert gegenüberstehen – die meisten Bürgerinnen und Bürger Hamburgs bilden eine feste Wertegemeinschaft, auch wenn sie ihre Werte unterschiedlich herleiten. Hamburg ist eine weltoffene und vielfältige Stadt, in der die verschiedenen Religionen und Kulturen meistens friedlich und wohlwollend miteinander umgehen. Ich freue mich zum Beispiel immer wieder, auf wie viel Interesse Veranstaltungen wie die „Tage der offenen Moschee“ und „Die lange Nacht der Kirchen“ stoßen. Aber ein so gutes Miteinander ist nicht selbstverständlich, darum müssen wir alle uns immer wieder bemühen, manchmal sogar gegen Widerstände aus den eigenen Reihen.

Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit der Stadt mit dem Verband der Islamischen Kulturzentren.

Herzlichen Dank, dass ich heute beim Fastenbrechen Ihr Gast sein darf!

Empfehlungen