Symbol

18. Juli 2017 40. Einbürgerungsfeier

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

40. Einbürgerungsfeier

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Dibaba,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

was für ein schönes Bild! So feierlich, so freundlich und fröhlich! Und so viele Mädchen, Jungen und Jugendliche, die mitgekommen sind. Das ist auch für mich als Bürgermeister, der es gewohnt ist, im Rathaus viele Gäste zu empfangen, ein besonderer Moment. Ich freue mich, dass Sie heute ins Rathaus gekommen sind, damit wir gemeinsam Ihre Einbürgerung feiern.

Herzlich willkommen!

Ein feierlicher Anlass ist die Einbürgerung ja für beide Seiten: für Sie, die nun deutsche Staatsbürger und damit auch Bürger der Europäischen Union sind – mit allen dazugehörenden Rechten und Pflichten. Und für Deutschland, dem neue Bürgerinnen und Bürger zuwachsen, die sich bewusst für ihre neue Heimat entschieden haben. Das ist ein großer Vertrauensbeweis für unser freiheitliches und demokratisches Land. Ich bin mir sicher, es wird Ihnen eine gute Heimat sein.

Heimat, sagt der Soziologe Heinz Bude, Heimat verleihe einem Menschen so etwas wie eine innere Schwerkraft. Diese Beschreibung gefällt mir. Die Schwerkraft sorgt dafür, dass wir am Boden bleiben und nicht abheben, aber sie nagelt einen nicht fest. Schwerkraft ist eine Voraussetzung für Bewegung. Sie erlaubt es, die vielen kleinen und großen Schritte im Leben zu gehen und auch einmal in die Luft zu springen, ohne gleich davonzufliegen.

Aber anders als in der Physik, kann die innere Schwerkraft, von der Heinz Bude spricht, durchaus von unterschiedlichen Polen ausgehen. Ein Mensch kann mehr als nur eine Heimat haben und aus mehreren Quellen Bodenhaftung und Orientierung erhalten. Diese Erfahrung machen wir in Hamburg seit Jahrhunderten. 

Hamburg ist eine offene und lebensfrohe Einwandererstadt. Die Menschen kommen hierher, weil man an Elbe und Alster gut leben und eine Perspektive finden kann; weil der Welthafen, innovative Unternehmen und herausragende wissenschaftliche Einrichtungen locken; weil gute, gebührenfreie  Bildung – von der Kita über die Berufsschule bis zur Universität – beste Chancen bieten.

Schon im Mittelalter war Hamburg mit seinem Hafen von internationaler Vielfalt geprägt und über den größten Handelsbund der damaligen Zeit, die Hanse, im regen Austausch mit Partnern von Lissabon bis Nowgorod. Auch Flüchtlinge, die in Hamburg Schutz und eine neue Bleibe fanden, spielten in der Stadtgeschichte immer wieder eine Rolle. Straßennamen wie Holländische Reihe oder Caffamacherreihe erzählen noch heute davon. Die Caffamacher waren holländische Weber, die einen speziellen Samtstoff, den Caffa, herstellten und sich im 17. Jahrhundert hier niederließen, um der religiösen Verfolgung in ihrer Heimat zu entkommen. Ihre Geschichte ist ein Zeugnis dafür, wie mit den Zugezogenen auch neue Techniken Eingang fanden. Migration führt zu Innovation – das gilt bis in die Gegenwart.   

Heimisch werden, das braucht seine Zeit, zumindest für die Erwachsenen. Das wissen wir auch von den Deutschen, die zum Beispiel vor etwa 150 Jahren über den Hamburger Hafen in die USA oder nach Australien ausgewandert sind und sich dort mit der fremden Sprache und Kultur sehr schwer taten. Und ich bin mir nicht sicher, ob die Hürden in der globalisierten Welt von heute wirklich so viel niedriger sind.

Einwanderung geht anfangs oft mit Fremdheitsgefühlen einher – bei denen, die ankommen genauso wie bei denen, die schon da sind und deren Lebensumfeld sich durch die Hinzukommenden ebenfalls verändert. Man muss wissen und akzeptieren, dass es dauern kann, bis man die neue Heimat als heimelig, also als behaglich empfindet. Dabei ist es ganz sicher hilfreich, wenn man nicht nur abwartet, sondern auf andere zugeht, wenn man Aufgaben übernimmt und sich engagiert – in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz, vielleicht auch in der Politik.

Auch das gehört ja zu den neuen Möglichkeiten, die Ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft eröffnet: Sie können jetzt hier wählen und sich wählen lassen und politisch daran mitwirken, unser Land noch besser zu machen.

Zahlreiche Abgeordnete des Bundestages und der Hamburgischen Bürgerschaft haben familiäre Wurzeln im Ausland. Zur Feier unseres Grundgesetzes hat ein Deutscher mit iranischen Eltern die Rede im Bundestag gehalten. Ein im irakischen Mossul geborener Designer, der seine Abschlussarbeit über neue arabische Schriften verfasste, hat maßgeblich das Corporate Design der Bundesregierung erarbeitet. Sogar unsere Schriftsteller, die sich wie wohl niemand sonst mit der deutschen Sprache auskennen, sind häufig ausländischer Herkunft. Ilija Trojanow, Terézia Mora, Saša Stanišić, Natascha Wodin – sie alle haben den bedeutenden Leipziger Buchpreis erhalten.

Meine Damen und Herren,

„Am Ärger erkenne ich, dass ich zuhause bin.“ So hat Peter Bichsel, ein Schweizer Autor, einmal beschrieben, was für ihn Heimat bedeutet. Denn Heimat ist nicht nur heimelig. Heimat bedeutet auch, zu wissen, was noch besser werden muss, und sich darüber zu ärgern, dass das oft so lange dauert. Das ist in Ihrer neuen Heimat auch so. Deutschland ist ein friedliches, wohlhabendes, liebenswertes und demokratisches, aber kein perfektes Land.

Es gibt viele Herausforderungen zu bewältigen. Das funktioniert am besten, wenn möglichst viele gemeinsam anpacken. Wir zählen auf Sie. Deutschland braucht Frauen und Männer mit Ideen und Energie. Wer sich einbringen will, mehrere Sprachen spricht und sich in verschiedenen Kulturen auskennt, ist gefragt – als Fachkraft in Betrieben und Unternehmen, als Erzieher oder Lehrer, als Polizist oder als Mitarbeiter in Behörden. Ganz besonders suchen und fördern wir junge Frauen, weibliche Führungskräfte und Mütter, die nach der Erziehungszeit wieder voll im Beruf einsteigen wollen. 

Und auch den Kindern und Jugendlichen möchte ich etwas sagen: Lernt in der Schule, so viel Ihr könnt, und macht eine gute Berufsausbildung. Das ist enorm wichtig, das dürft Ihr nicht vergessen.

Wir freuen uns, dass Ihr hier seid!

Ihnen und Euch allen meinen herzlichen Glückwunsch zur Einbürgerung!

Und nun übergebe ich an den Moderator, Sänger und Schauspieler Yared Dibaba, der 1993 eingebürgert wurde. Ich bin gespannt, was er erzählen wird.

Vielen Dank.

Empfehlungen