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4. September 2017 "Hängung" des Bildes von Henning Voscherau

Rede des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

"Hängung" des Bildes von Henning Voscherau

Liebe Familie Voscherau,
sehr geehrter Herr Duwe,

vor einem Jahr hat die Stadt Hamburg von der Persönlichkeit Abschied nehmen müssen, die hier gleich, wenn sie freie Sicht hat, vielsagend auf uns blicken wird. Ich sage bewusst nicht: herabblicken, denn das könnte eine Nebenbedeutung suggerieren, die Henning Voscherau nicht gerecht würde. Dieser sehr hanseatische Politiker hat ja nicht über seiner Stadt geschwebt, sondern sich mittendrin wohl gefühlt, meistens.

Schon vor mehr als fünf Jahren haben Sie, Herr Duwe, mir als Hausherrn dieses Bild präsentiert und übereignet, in Anwesenheit des Porträtierten. Dem gefiel es, was auch den Künstler gefreut und möglicherweise erleichtert hat. In der Geschichte der Bürgermeister-Porträts hier im Rathaus hat es ja auch Fälle von, sagen wir, suboptimaler Begeisterung gegeben.

Dennoch war dieses Porträt mehr als fünf Jahre lang in der Bilderkammer des Rathauses eingelagert, wie es dem strengen Protokoll entspricht. Henning Voscherau wäre der letzte gewesen, der ein Abweichen vom festgelegten Procedere geduldet, oder gar selbst vorgeschlagen hätte. Rituale und Traditionen können zwar allein noch kein Gemeinwesen zusammenhalten, aber ohne sie würde sich in der Stadt ein gewisses „anything goes“ einnisten. Und das hätte dieser Bürgermeister niemals goutiert.

Das hat weniger mit seinem anderen Beruf, dem des Notars, zu tun als gern scherzhaft gesagt wird. Natürlich liegt das nahe: Genau statt ungefähr, so müssen Schriftstücke abgefasst sein, jedenfalls solche mit Urkundencharakter.

Politik geht aber anders, das wusste keiner besser als dieser leidenschaftliche Politiker, der trotzdem die Distanz zum Politikbetrieb nicht verlor. Sein wohl berühmtester Randvermerk, in Hamburg koste „eine Intrige 23 Pfennig“, wird noch zitiert werden, wenn sich niemand mehr an eine Zeit vor der „flatrate“ erinnert.

Henning Voscheraus Abneigung gegen das Unklare und Ungefähre hatte, glaube ich, einen ziemlich einfachen Grund: Er mochte seine Stadt viel zu sehr, sie war ihm viel zu wertvoll, um einen „spielerischen Umgang mit deren Grundfunktionen“ zuzulassen. Um auch diesen berühmten, und sehr ernst gemeinten Ausspruch noch einmal zu zitieren.

In diesem Bild hier hat der Künstler aber auch die andere, oder eine andere Seite von Henning Voscherau eingefangen, und die wird mir heute so deutlich wie bei der Enthüllung vor mehr als fünf Jahren. Es ist der Blick und die Haltung: Hier sitze ich am richtigen Platz, denn Bürgermeister
kann ich.

Ein Journalist, Uwe Bahnsen von der „Welt“, hat damals – mit Blick auf dieses Porträt – darin die „ambivalente Persönlichkeit Voscheraus“ gesehen; er schrieb: „Da ist einerseits die kühle Strenge des juristisch geschulten Denkens, (…) andererseits aber die, wie es manchmal schien, Lust am komödiantischen Auftritt.“

Fasziniert hat Weggenossen und Mitarbeiter in der Tat seine Fähigkeit, beides glaubwürdig zu verkörpern: größte Ernsthaftigkeit – und den spielerischen Umgang zwar nicht mit der Stadt, aber schon gelegentlich mit der eigenen Rolle. Als Sohn eines Schauspielers hatte er die Welt des Theaters ja ein wenig kennengelernt, aber wir kennen die Vorgabe der Eltern: Du lernst erst einmal etwas Vernünftiges.
Meine Damen und Herren,

Henning Voscherau war in verschiedener Hinsicht geprägt durch Großeltern und Eltern, die auch politisch dachten und handelten. Sein Großvater und sein Vater waren 1933 aufgrund ihrer SPD-Mitgliedschaft entlassen worden und seine Mutter erhielt ein Berufsverbot im Sinne der Sippenhaftung. Spätere Zeiten machten eine Aufbruchsstimmung möglich und waren trotzdem nicht immer ungetrübt. Jedenfalls wurde der Sohn und Enkel von klein auf mit Politik konfrontiert.

Er bekam Enttäuschungen über die Niederlage Kurt Schumachers gegen Konrad Adenauer mit und lernte spätere Hamburger Politgrößen wie Max Brauer und Paul Nevermann persönlich kennen. Den übrigens – einige hier wissen es – Harald Duwe, der Vater von Johannes Duwe, für diese Reihe der Hamburger Bürgermeister porträtiert hat.

Ich könnte jetzt sagen: So schließt sich ein Kreis, aber das wäre nur eine Redensart, denn in Wirklichkeit „schließt“ sich ja weder in der Kunst noch in der Politik irgendetwas. Es kommt immer Neues, es gibt neue Perspektiven, neue Handlungsstränge, neue Herausforderungen. Intensives Nachdenken kann neue wegweisende Ideen hervorbringen.

Henning Voscherau hatte sie.  Mit seiner Entscheidung, das Gebiet des innerstädtischen Hafenrandes für eine neue Innenstadt mit Wohnungen und Geschäften zu nutzen, hat er den Grundstein für die heutige Hafen City gelegt.

Das war ja mehr als die Entscheidung darüber, was mit einem bestimmten Areal anzufangen sei. Es ging um die Zukunft Hamburgs in einem gerade erst vereinten Deutschland, und die sah Henning Voscherau nicht allein im Hafen und der Schifffahrt, sondern er hat gesehen, dass ein neuer Modernisierungs- und Wachstumsschub in der Stadtentwicklung nötig war.

Dieses Projekt, dessen Realisierung laut Voscherau eine ganze Generation dauern würde, ist heute auf gutem Weg, aber längst nicht abgeschlossen. Die HafenCity wird von Westen nach Osten und von Norden nach Süden entwickelt. 64 Projekte sind fertiggestellt, weitere 69 Vorhaben in Bau oder Planung. In den westlichen Quartieren ist die urbane Qualität schon deutlich zu spüren. Ungefähr 1.800 Wohnungen sind fertiggestellt, mehr als 730 Unternehmen mittlerweile vor Ort.

Meine Damen und Herren,

das war vermutlich Henning Voscheraus liebste Rolle auf der politischen Bühne: die des Vorausdenkers und -entscheiders. Schwer zu glauben, aus heutiger Sicht, dass es schon zwanzig Jahre sind, seit seine Amtszeit als Erster Bürgermeister Hamburgs unsanft endete. Wobei ich mit „unsanft“ nicht so sehr das damalige Ergebnis der Bürgerschaftswahl meine, denn erstens wusste er mit Abstimmungsergebnissen – auch ungünstigen – umzugehen und zweitens wäre ein Weiterregieren ja möglich gewesen. Allerdings in einer Koalition, die er persönlich nicht eingehen wollte.

„Unsanft“, das waren die konfrontativen Begegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern in verschiedenen Stadtteilen, die Henning Voscherau im Wahlkampf 1997 erleben musste, obwohl er als Bürgermeister doch akzeptiert und beliebt war wie nicht viele vor ihm. Dennoch äußerte sich der Unmut nicht Weniger über – aus ihrer Sicht – negative Entwicklungen sehr drastisch und, so schien es, unversöhnlich.

Der „Wutbürger“, wie er damals noch nicht genannt wurde, gehört heute zum politischen Alltag. Zu den ambivalenten Aufgaben, die wir – keineswegs nur im Wahlkampf – lösen müssen, gehört diese: deutlich zu widersprechen, wo der demokratische, zivilgesellschaftliche Konsens in Worten und Taten verletzt wird. Gleichzeitig aber hinzuhören und zu verstehen, worüber sich Bürgerinnen und Bürger zu Recht ärgern, was sie sich aus nachvollziehbaren Gründen befürchten, und nach guten Lösungen zu suchen.

Meine Damen und Herren,

Henning Voscherau, geboren am 13. August 1941 in Hamburg, ist am 24. August 2016 gestorben. Sein Bild hat jetzt hier seinen Platz. Es erinnert an eine herausragende Hamburger Persönlichkeit, die als Erster Bürgermeister dieser Stadt ebenso anerkannt war wie in der Bundespolitik.

Hamburg hat allen Grund, auf diesen Träger der Bürgermeister-Stolten-Medaille stolz zu sein, der gezeigt hat, dass mutige Stadtentwicklungspolitik nachhaltige Chancen für Hamburg eröffnen kann. Auf einen Hamburger, der mit klugem Verhandlungsgeschick und einer angemessenen Portion Pragmatismus immer das Ziel im Blick hatte, an der Zukunft einer Stadt mitzuwirken, in der eine zunehmende Zahl von Bewohnerinnen und Bewohnern zunehmend gern lebt.

Viele hier im Rathaus, und ich gehöre zu ihnen, werden an diesem Bild nicht einfach so, sondern mit dem Gedanken vorbeigehen, dass wir hier gute Arbeit zu leisten haben.

Ich danke Ihnen.  

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