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4. September 2017 Fünf Jahre Jugendberufsagentur

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Fünf Jahre Jugendberufsagentur

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendberufsagentur,
sehr geehrter Herr Fock,
sehr geehrte Damen und Herren,

der vielreisende Goethe hat einmal die Erwartungen an die Zukunft mit einem Blick in die Ferne verglichen. Das wäre kaum der Rede wert, käme es nicht aus der berühmtesten Geschichte über die Jugendkrise, die die deutsche Literaturgeschichte kennt. Es ist der junge Werther der voller Hoffnungen und Ängste schreibt: „O es ist mit der Ferne wie mit der Zukunft! Ein großes dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt darin wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit aller Wonne eines einzigen, großen, herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen.“

Jungendlichkeit ist eine Zeit großer Entscheidungen bei vielen Unklarheiten und zum Teil dramatisch erlebter Entwicklungen. Und während sich Filme, Musik und Literatur vor allem mit den romantischen Themen beschäftigen, hält das Leben noch eine schwere und nicht weniger bewegende Frage bereit: Wie geht es weiter nach der Schule? Schaffe ich den Sprung ins Berufsleben?

Ende der neunziger, Anfang der 2000er – das ist etwa die Zeit, die Soziologen die Generation Y nennen – rutschten jedes Jahr etwa 1.500 Schülerinnen und Schüler aus der Bildungskette heraus. Die wenigen verfügbaren Daten ließen vermuten, dass gerade mal 10 Prozent der Hauptschüler den direkten Anschluss an eine Berufsausbildung finden. Genaues wusste niemand. Das Bildungssystem hatte keine Institution, nicht einmal die Idee davon, die wusste, wer es schafft, wer Anschwung braucht und wer vielleicht schon aufgegeben hat.

Als der neue Senat 2011 begann, die Statistik genau zu befragen, war der Anschluss von 18,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die nach Klasse 10 abgingen, unbekannt.

Wie geht es für die Jugendlichen nach der Schule weiter? Seit fünf Jahren steht diese Frage im Zentrum unserer bildungspolitischen Aufmerksamkeit, wir beantworten sie mit Zahlen, mit konkreten Unterstützungen, sie wird beantwortet in Schulen und Betrieben und leicht erreichbar und in jedem Stadtteil: mit der Jugendberufsagentur.

Die Jugendberufsagentur steht dafür, dass wir verstanden haben: Ein Bildungsweg muss selbstbestimmt sein, aber wir dürfen die Schülerinnen und Schüler, und übrigens auch die Eltern, nicht einfach alleine lassen. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, Jugendliche in den Beruf zu begleiten, im Zweifelsfall so lange bis es klappt. 

Die Jugendberufsagentur ist das Versprechen: Hamburg kümmert sich. Wir unterstützen alle Jugendlichen, damit jede und jeder die Chancen nutzen kann, die unsere Stadt bietet. Sie sagt: Uns ist es wichtig, wie es mit Euch weiter geht. Niemand darf verloren gehen.

Niemand darf verloren gehen, das ist ein starker Anspruch und die Jugendberufsagentur hat ihn erfüllt. 2010/11 war von 1.200 Nicht-Abiturienten unklar, ob sie den Sprung ins Berufsleben geschafft haben. Heute sind es gerade mal 13 Personen (Schulabgänger nach Klasse 10). Die Netzwerkstelle des Hamburger Instituts für Berufliche Bildung (HIBB) kann jeden problemlos erreichen und wird aktiv, wenn der Übergang irgendwo hakt oder zu haken droht. Wer die Schule schwänzt oder sie abbricht, wird angesprochen, wenn es nötig ist direkt zu Hause.

Die Jugendberufsagentur gehört zu den größten Innovationsleistungen des Hamburger Schulsystems in den letzten Jahrzehnten. Wir haben im September 2012 die ersten beiden Standorte eröffnet, ein Jahr später stand es auch im Koalitionsvertrag für die neue Bundesregierung. Inzwischen haben auch Bremen und Berlin das Übergangssystem entsprechend geändert, auch Schleswig-Holstein und Sachsen bauen Jugendberufsagenturen auf. 

Die Hamburger Jugendberufsagentur ist nicht nur einfach ein Modell, das man nachbaut, es ist eine Veränderung des Systems.  

Natürlich gab es auch schon früher Berufsvorbereitung und Übergangsangebote. Natürlich haben auch schon früher Pädagogen und Berufsfachleute Jugendliche unterstützt.  Aber die Effekte der Maßnahmen verpufften häufig, die Jugendlichen fühlten sich abgestellt, es gab ein kaum zu durchblickendes Dickicht aus Zuständigkeiten, Beratungsstellen und Regelungen.

Die Jugendberufsagentur ist in der Form und der Entschiedenheit ein grundlegend neuer Ansatz, ein Paradigmenwechsel. Dazu gehört der politische Wille das Bildungs- und Ausbildungssystem so zu fokussieren, dass alle einen Schulabschluss und eine Berufsausbildung schaffen können. Dazu gehört die Bündelung von Leistungen, und das heißt, das möchte ich hier ausdrücklich betonen, eine hohe Professionalität und ein starker Kooperationswille der beteiligten Träger und Behörden. Die Jugendberufsagentur funktioniert als ein One-Stop-Shop für ein umfassendes, rechtsträgerübergreifendes Konzept. Nur auf dieser Grundlage können wir den Anspruch einlösen, dass die Jugendlichen und ihre individuelle Situation im Zentrum stehen.

Alle sind willkommen: Die mit einem hervorragenden Abschluss, die sich vielleicht nicht entscheiden können, ebenso wie die, die Probleme haben, etwas zu finden oder die, die schon aufgegeben haben. Und dass auch private Dinge wie Liebeskummer zu den Problemen gehören können, ist klar, sonst klappt das nicht. Man könnte fast sagen, die Jugendberufsagentur ist die Helicopter-Betreuung für die Berufsausbildung.

Und alle profitieren: Die Hamburger Wirtschaft, die mehr und bessere Fachkräfte bekommt, die Eltern, weil sie entlastet werden und auch die Schulen, die ihre Alumnis auf gutem Weg in die Zukunft sehen.

Unser Bildungssystem muss von dem Geist getragen werden, dass es nicht nur eine Chance im Leben gibt, sondern viele Wege, um den eigenen Bildungsgrad zu verbessern. Dabei steht die Jugendberufsagentur im Zentrum einer systematischen und besseren Verzahnung von Schule und beruflicher Ausbildung. Der große Sprung ins Berufsleben wird in Angebote für viele kleine und machbare Übergänge umgewandelt. Ein paar Beispiele dazu:

„Berufs- und Studienorientierung“ ist heute in den Stadtteilschulen bereits ab der achten Klasse Teil des Unterrichts. Das übernehmen Berufsschullehrer, die sich richtig gut auskennen. Als wir anfingen, gingen 25 Prozent der Stadtteilschülerinnen und -Schüler nach der 10. Klasse in eine Duale Ausbildung, heute sind es 36 Prozent. Im bundesweiten Vergleich ist Hamburg damit inzwischen Spitzenreiter.

Die Schulbildung ist die Grundlage für die Zukunft. Deshalb haben wir Schulpflicht bis zur zehnten Klasse. Eine Ausnahme gibt es nur für die, die direkt nach der neunten Klasse in die Ausbildung wechseln.

Zudem kann der Schulabschluss auch an der Berufsschule gemacht werden. Und wenn die Ausbildung abgeschlossen wurde, kann sie als Erster allgemeiner Abschluss (früher Hauptschulabschluss), oder wenn die Zensur gut ist, als Mittlerer Schulabschluss (früher Mittlere Reife)  anerkannt werden

Gerade auch die, denen es nicht gelingt, direkt von der Schule in die Ausbildung zu wechseln, bekommen eine neue Chance: Mit der Ausbildungsvorbereitung, kurz AV-Dual, werden Schule und Praktika in Ausbildungsbetrieben so kombiniert, dass Jugendliche und junge Erwachsene direkt in die berufliche Praxis hineingeführt werden. Etwa 55 Prozent der AV-Dual Schüler schaffen so ihren Weg ins Berufsleben. Das gleiche Prinzip nutzen wir auch für die Integration der zugewanderten Unter 25-Jährigen (AvM-Dual). Übrigens: Wie wichtig wir die Ausbildung nehmen, sieht man auch an der „3 plus 2-Regelung“: Sie gibt Flüchtlingen, die eine Ausbildung beginnen und denen, die in dem gelernten Beruf arbeiten, einen soliden aufenthaltsrechtlichen Titel.

Übrigens haben wir mit „Dual & Inklusiv“ die Angebote so erweitert, dass auch junge Menschen mit Behinderung in den Betrieben und in regulären Berufsschulklassen ausgebildet werden können.

Und wenn wir sagen, wir kümmern uns um jeden, dann gehört dazu auch die Hamburger Ausbildungsplatzgarantie: Wer es nicht über den klassischen Weg schafft, hat das Recht das erste Ausbildungsjahr in einem von  inzwischen 50 Ausbildungsberufen an einer Berufsfachschule zu absolvieren. Über 85 Prozent beginnen danach eine betriebliche Ausbildung, alle anderen können ihre Ausbildung bei einem Träger beenden.

Die Jugendberufsagenturen in Altona, Bergedorf, Eimsbüttel, Harburg, Mitte, Nord und Wandsbek haben Großartiges geleistet. Im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg danke ich allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für persönliches Engagement, kontinuierlich gute Arbeit und außerordentlich hohe Professionalität.

Wir lassen unsere Jugend im Nebel des Blicks in die Ferne nicht allein. Die Jugendberufsagentur bietet Orientierung und Sicherheit. Wir wollen, dass sich unsere Jugendlichen auf die berufliche Zukunft freuen.

Die Aufgabe, die Übergänge von der Schule in den Beruf besser zu gestalten, ist ein bildungspolitischer Schritt, dessen Bedeutung mit der Bildungsoffensive in den 1970er Jahren zu vergleichen ist. Dass wir mit der Jugendberufsagentur den entscheidenden großen Schritt geschafft haben, zeigen die fünf Jahre sehr erfolgreicher Arbeit.

Und es gibt noch viel zu tun. Eine umfassende Begleitung in die berufliche Ausbildung ist unverzichtbar. Wenn hier gut gearbeitet wird, kann Deutschland die Jugendarbeitslosigkeit weiter senken. Wir stehen im europäischen Vergleich zwar relativ gut da, aber die Zahlen müssen noch besser werden.

Es ist wichtig, die Duale Ausbildung aufzuwerten, zum Beispiel in dem sie noch besser an akademische Laufbahnen angeschlossen wird. Wir müssen noch mehr Übergänge schaffen, etwa auch vom Studium in den Beruf und vom Beruf in die Weiterbildung. Auf allen Ebenen der Bildungskette braucht es mehr Wissen über das große Spektrum von Ausbildungen.

Und wir müssen noch weiter denken: Lernen während der gesamten Zeit der Berufsausübung muss ein fester Bestandteil unserer Berufswelt werden. Wir brauchen für Arbeitnehmer, die in Jobs sind, funktionierende Angebote, etwa um eine Ausbildung nachzuholen. Und für ältere Arbeitnehmer solche, mit denen sie neben dem Arbeit einen neuen Beruf lernen, einen Beruf, in dem sie dann bis zur Rente gut arbeiten können. Und das ohne, dass sie aus dem Job aussteigen müssen oder unzumutbare finanzielle Einbußen haben. Ansatzpunkte gibt es mit dem Programm „WeGebAU“ der Bundesanstalt für Arbeit [Weiterbildung für Geringqualifizierter und beschäftigter älterer Arbeitnehmer in Unternehmen], für das ich mich sehr eingesetzt habe. Es wendet sich dezidiert auch an die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die über 45 Jahre alt sind. Langfristig müssen diese Angebote wie das Recht auf eine Ausbildung (für alle) abgesichert werden.

Immer wieder brauchen wir die Lust auf Zukunft und die Lust am Lernen. Das gilt auch für uns. Die Jugendberufsagentur ist eine lernende Organisation, ich freue mich sehr auf die nächsten fünf Jahre, auf Weiterentwicklungen und beeindruckende Leistungen.

Ist das nicht ein hervorragender Blick in die Ferne?

Vielen Dank

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