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7. September 2017 Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft

Sehr geehrte Frau Vizepräsidentin der Hamburgischen Bürgerschaft,
sehr geehrter Herr Dr. Dittmer,
sehr geehrter Herr Professor Danzmann,
sehr geehrte Vertreter des Konsularischen Korps,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

seit es Menschen gibt, schauen sie zu den Sternen. Messreihen zu deren Bewegungen zeichneten die Mesopotamier schon vor 5000 Jahren auf. Etwa 3000 Jahre später legte Aristoteles erste Modelle zur Schwerkraft vor. Erst die Beobachtung einer Supernova im Jahr 1572 widerlegte seine These von der Erde als Mittelpunkt des Universums und gab Kopernikus Recht. Quasi über Nacht war das aristotelische Weltbild, das etwa 1900 Jahre lang das Denken geprägt hatte, damals obsolet geworden.

Kurz darauf überschlugen sich die astronomischen Erkenntnisse: 1609 veröffentliche Johannes Kepler seine ersten beiden Gesetze zur Bewegung der Planeten. Gleichzeitig  begann die große Zeit der Linsenfernrohre: In Italien entwickelte Galileo Galilei ein Teleskop, mit dem er die vier größten Jupitermonde beobachtete – es hatte eine 33-fache Vergrößerung. Wenig später die nächste Innovation: das Spiegelteleskop. Isaac Newton erklärte die Bewegung der Planeten durch das Gesetz der Gravitation.

Heute, viele Erkenntnisse später und gut hundert Jahre nach Einsteins Relativitätstheorie, scheinen wir beim Blick ins Universum erneut an einem Scheideweg zu stehen. Denn dank Ihrer Forschung, Professor Danzmann, kann nun ein neues Fenster zum Kosmos aufgestoßen werden. 

Gravitationswellen, die legendäre Vorhersage Einsteins – es gibt sie wirklich. Dreimal wurden die Boten der Schwerkraft einwandfrei registriert. Zwei verschmelzende Schwarze Löcher haben sie vor mehr als einer Milliarde Jahren ausgesendet.

Die Messungen der Gravitationswellen lassen sich auf beeindruckende Weise visualisieren und – das hat mich noch mehr erstaunt: Man kann die Wellen im kosmischen Rauschen auch hörbar machen. Sie klingen dann wie ein kurzes Chirp, so als zwitscherte ein kleiner Vogel vorlaut dazwischen. Doch Gravitationswellen sind alles andere als harmloses Gezwitscher. Ihr Nachweis eröffnet einen neuen Kanal, um ins große Dunkel des Universums vorzustoßen, wohin keine bislang bekannte Strahlung kommt.

Sehr geehrter Herr Professor Danzmann,

seit 1993 lehren und forschen Sie an der Leibniz Universität Hannover und leiten dort das Institut für Gravitationsphysik. Seit 2002 sind Sie außerdem Direktor und wissenschaftliches Mitglied am hannoverschen Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, das nach Albert Einstein benannt ist. In Hamburg erörtern Sie Ihre Themen als Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn man sagt, dass Sie Ihr Forscherleben der Schwerkraft gewidmet haben. Diese Ausdauer wurde nun belohnt. Es ist durchaus angemessen, den Nachweis der Gravitationswellen als Jahrhundertentdeckung zu preisen. 

Mit Ihrem Forscherteam haben Sie, Herr Professor Danzmann, in Hannover Laser und Apparaturen mit höchster Messpräzision entwickelt. Innovationen wie das sogenannte Recycling des Laserstrahls und der gemessenen Signale haben die Messempfindlichkeit noch einmal verzehnfacht. Damit haben Sie die technischen Voraussetzungen für den Nachweis der Gravitationswellen geschaffen.

Empfangen wurden die Wellen dann aber nicht in Hannover, sondern in den USA. Dort war die hochpräzise Lasertechnik des Danzmann-Teams  in zwei große LIGO-Detektoren eingesetzt worden. Und dort wurde am 14. September 2015 auch das erste Signal empfangen. Diese erste registrierte Gravitationswelle haben Sie, Herr Professor Danzmann, dann in den Messungen der LIGO-Detektoren aufgespürt. 

Eine neue Strahlung zu messen, das sei, als habe man das erste Mal Licht gesehen – so hat einer Ihrer Hamburger Physikerkollegen mir die Bedeutung dieses Nachweises beschrieben.

Was der Nachweis von Gravitationswellen einmal für unser naturwissenschaftliches Weltbild bedeuten wird, lässt sich heute noch nicht sagen – aber dass er unser Bild vom Universum und von der Entstehung der Welt verändern wird, das ist sehr wahrscheinlich.

Die Gravitationswellen werden es möglich machen, in den bislang unzugänglichen Teil des Universums zu blicken. Und je weiter wir ins Universum schauen, desto weiter schauen wir auch in die Vergangenheit des Alls. Deshalb ist die Hoffnung nicht ganz unberechtigt, durch Ihre Forschung, Herr Professor Danzmann, Aufschluss  nicht nur über die Entstehung Schwarzer Löcher, sondern sogar über die Entstehung der Welt zu erhalten.

Wir in Hamburg sind jedenfalls gespannt auf das, was im Zuge Ihrer Forschung noch zutage treten  wird. Wir  wünschen Ihnen sehr, dass sich Ihre Hoffnungen erfüllen mögen, dass die Pläne für einen Weltraum-Detektor klappen und eines Tages vielleicht sogar Gravitationswellen aus der Zeit direkt nach dem Urknall empfangen werden.

Zunächst aber geht es darum, weitere Ereignisse nachzuweisen, die Gravitationswellen aussenden. Dafür muss die Nachweistechnik weiter präzisiert werden. An der Verfeinerung der Nachweisdetektoren hängt letztlich alles. Deshalb wollen Sie das Preisgeld für diese Aufgabe einsetzen.

Meine Damen und Herren,

Professor Karsten Danzmann und sein Team haben Weltbewegendes geleistet. Aber die Entdeckung der Gravitationswellen ist auch ein Beispiel dafür, dass Forschungsvorhaben dieses Formats am besten im Verbund mit internationalen Partnern zu realisieren sind. Das Albert-Einstein-Institut mit seinem Detektor Geo600 ist Teil der LIGO-Kollaboration, in der mehr als 1.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammenarbeiten. Der europäische Virgo-Detektor nimmt ebenfalls an der Suche nach den Gravitationswellen teil. Man könnte sagen: In der Forschung zeigt die Globalisierung ihre konstruktive Seite. 

Der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft wurde in einer Zeit erstmals verliehen, als Europa noch geteilt war und wissenschaftliche Kooperationen durch Ländergrenzen und politische Blöcke erschwert oder verhindert wurden. Das ist heute anders. Die Europäische Union ist ein starker Forschungsraum, in dem der Arbeitsmarkt allen Forscherinnen und Forschern offensteht. Wissenschaftlicher Austausch und die Integration der verschiedenen Wissenschaftssysteme werden gezielt gefördert und Kooperationen unterstützt. Am  European XFEL, den wir vor einer Woche in Hamburg und Schenefeld in Betrieb genommen und groß gefeiert haben, sind zum Beispiel elf Länder beteiligt, darunter auch Russland.

An der Universität Hamburg und auf dem Forschungscampus in Hamburg-Bahrenfeld tut sich viel. Allein in diesem Sommer haben wir zwei neue Institute eröffnet und den Grundstein für einen Neubau für das Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie gelegt. Die Infrastruktur des DESY entwickelt sich ebenfalls ständig weiter und steht für hochsensible Messungen zur Verfügung. 

Wir freuen uns in Hamburg sehr darüber, wie die Körber-Stiftung die Wissenschaft in unserer Hansestadt unterstützt – übrigens auch den jugendlichen Nachwuchs. Seit diesem Sommer kann dieser an unserem neuen Schülerforschungszentrum selber Experimente durchführen.

Eine Wissensmetropole wie Hamburg muss früh ansetzen. Es ist wichtig, dass wir Mädchen und Jungen für die MINT-Fächer begeistern und den Forscherdrang schon in Kita und Schule fördern. Danke an die Körber-Stiftung für ihre tatkräftige Unterstützung auch auf diesem Feld. Spitzenforschung braucht eine breite  gesellschaftliche Grundlage, um auf Dauer erfolgreich zu sein.

Der Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft hat sich international einen ausgezeichneten Ruf erworben. Die Auswahl der Preisträger ist exzellent. Auch in diesem Jahr ehren wir einen Wissenschaftler, dessen Forschung das Potenzial für einen Nobelpreis hat.

Sehr geehrter Herr Professor Danzmann,

solange es Menschen gibt, werden sie zu den Sternen schauen. Durch Ihre Forschung nun weiter als je zuvor. Ich gratuliere Ihnen herzlich zum Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft.  

Alles Gute für die Zukunft.

Und vielen Dank.

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