Symbol

20. September 2017 Musikdialog

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Musikdialog

Lieber Herr Thomsen,
liebe Gäste,
sehr geehrte Damen und Herren,

er ist inzwischen schon eine Institution der Medienhauptstadt, der Musikdialog.

International wie Hamburg ist auch die Ausrichtung. Vom Amt Medien 2013 in Leben gerufen, bieten wir seit fünf Jahren den Musikdialog an, in Kooperation mit Unternehmen und Verbänden der Musik- und Veranstaltungswirtschaft sowie dem Reeperbahn Festival. Im Zentrum steht die Musik als kultureller und wirtschaftlicher Faktor. Aber zum Musikdialog gehört längst viel mehr als das, etwa auch die Next Conference, die parallel stattfindet und alle digitalen Trends betrifft.

Der Musikdialog ist ein Nach-Denk-Raum und ein Ideenproduzent. Prof. Dieter Gorny (BVMI) und Prof. Jens Michow (bdv), die  „Väter“ des Musikdialogs, sind auch diesmal dabei. Ebenso, der Medienunternehmer Frank Otto, der im vergangenen Jahr die Keynote gehalten hat, sowie viele andere Vertreter der Musikbranche. Fehlen wird uns Frank Dostal. Der Liedertexter und Musikproduzent ist leider im April verstorben.

Im Sinne der „Chatham House Rules“ treffen wir uns einmal im Jahr im Rathaus mit Ihnen als hochrangigen Vertreterinnen und Vertretern der Musik- und Veranstaltungswirtschaft.  Mit dabei sind Labels, Veranstalter, Verlage, Künstler, Verbände, Streamingdienste. Hier wird Klartext gesprochen, was ansteht, was die Musikwirtschaft braucht und was getan werden muss. Wir nutzen unsere verschiedenen Positionen, um die Musikwirtschaft insgesamt voranzubringen.

Drei neue technische Entwicklungen stehen im Zentrum der Gespräche. Drei für die Zeit typische Veränderungen, von denen wir annehmen können, dass sie die Branche insgesamt herausfordern werden:

(1) Das Streaming von Konzerten in 360 Grad oder gar als Virtual-Reality-Format könnte den Begriff und das Erleben von Live-Events verändern. Konzerte werden mit digitalen 360°-Kameras aufgenommen, können so zur gleichen Zeit aber auch zu jeder anderen und ganz neu zugänglich gemacht werden. Die Zusammenarbeit mit der Musik- und Veranstaltungswirtschaft hat begonnen. Die Deutsche Telekom hat mit VR-Streaming „Rock am Ring“ 2017 begleitet. Herr Philipp Friedel ist heute hier und wird über das technische und wirtschaftliche Potenzial berichten.

VR-Streamings von Konzerten bietet auch Noys VR.  Der Schwerpunkt der Plattform Noys VR ist die Vernetzung von Künstlern und Fans. Das Hamburger Start-up zeigt wie schnell das die Nutzung von Musikangeboten verändert. Wer das ausprobieren möchte, kann die VR-Installation nebenan (im Bürgermeistersaal) ausprobieren.

(2) Die Blockchain-Technik. Das Potenzial der Blockchain-Technik ist sehr groß, besonders für den Finanzsektor. In der Musikwirtschaft soll sie Abrechnungsmöglichkeiten für die Musiknutzung bieten. Grundlage ist eine Datenbank, die Transaktionen registriert, wobei jeder Datensatz ein Teilstück des vorherigen enthält. Diese Verkettung (chain) soll nachträgliche Manipulationen verhindern. Näheres erklärt Steffen Holly vom Fraunhofer IDMT.

(3) Digitale Assistenten reagieren wie auf Zauberworte. Google, Amazon und demnächst auch Apple bieten Sprachassistenten als eigenständige Geräte an. Sie ermöglichen eine neue massentaugliche Form der digitalen Interaktion. User können allein durch Worte digitale Prozesse steuern, Informationen abrufen oder auch künstlerische Produkte anfordern. Diskutiert werden Fragen der Transparenz, der Zugänglichkeit und der Auswahl. Über die Lösungen von Amazon Deutschland spricht Rene Fasco.

Übrigens: Die Stimme gilt ja allgemein als anthropologisches Alleinstellungsmerkmal und Ausdruck von Individualität. Aber die Digitale Technik macht es bereits möglich, Stimmen und Satzfolgen vom Computer aus zu schreiben. Und die Software muss dabei keine großartigen semantischen Kenntnisse aufweisen. Zu „Speech Recognition“ gehört deshalb auch das „Cloning voices“, was nicht nur Fragen für Künstler, sondern auch für den Journalismus und die Wissenschaft aufwirft.  Sollte sich der Trend zur Sprachsteuerung fortsetzen, werden Firmen sicher darüber nachdenken, sich und ihren Marken eingängige Stimmen zuzulegen. Dazu wird sicher Frank Thomsen etwas sagen.

Jede neue Technologie, jedes Start-up, alle Apps oder Plattformen, die Musik leicht und massentauglich anbieten, stellt neue Urheberrechtsfragen. Ohne Content gibt es kein Geschäft. Kreativität muss aber entlohnt werden, muss eine Möglichkeit sein, Geld zu verdienen. Da löst sich nichts von alleine, der Markt und die demokratische Öffentlichkeit brauchen Regelungen, die die Entstehung kreativer Produkte ermöglichen und sichern.

Das Grundprinzip des Urheberrechts gilt auch im Internet. Anbieter, die größere Mengen künstlerischer Produkten anbieten,  müssen die Rechteinhaber angemessen vergüten. Das sollte für alle klar sein. deezer und spotify haben Lösungen gefunden. Facebook verhandelt mit der Musikindustrie, um die Urheberrechte für die Musik in den von Nutzern hochgeladenen Videoclips zu berücksichtigen. Und über den Kompromiss zwischen You Tube und der Gema waren alle User sehr froh. Ob das auf Dauer trägt, werden die Beteiligten der Musikindustrie entscheiden. Sicher ist: Das Urheberrecht muss auch in Zukunft faire Vergütungen kreativer Arbeit ermöglichen. Auch wenn es umgekehrt Innovationen oder technische Kreativität nicht verhindern darf.

Es ist ein Wagnis, Aussagen über die Zukunft der Musikwirtschaft zu machen. Denn die Branche verändert sich rasend schnell. Aber wir müssen vorbereitet sein und die Situation genau kennen. Deshalb werden wir heute die Studie zur „Zukunft der Musiknutzung“ auf den Weg bringen. Wir knüpfen damit an die Studie (von 2015) zur „Musikwirtschaft in Deutschland“  an, die die Vielfalt der Branche und deren volkswirtschaftliche Bedeutung eindrucksvoll dargelegt hat.

Unsere neue Studie wird die zukünftigen Formen der Musiknutzung in den Fokus nehmen. Das Studiendesign wird von der BVMI, VUT, bdv, LIVEKOMM; Ferryhouse, VDKD, SOMM tbd., GEMA und der Behörde für Kultur und Medien gemeinsam entwickelt. Der Musikdialog ist der Kick-off dafür, Florian Drücke vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI) wird vom Stand der Vorbereitungen berichten.

Im Verhältnis von Kreativität und Technik ist die Musikindustrie tonangebend. Hier zeigt sich, häufig früher als in anderen Branchen, wie neue Geschäftsmodelle entstehen, wie sich der Kundenzugang und die Öffentlichkeit verändern – aber eben auch, wie großartig und begeisternd die neuen Entwicklungen sein können. 

Überall ist zu sehen und zu hören: In der digitalen Welt ist richtig viel Musik drin.

Ich freue mich sehr, dass Sie hier sind. Der Musikdialog ist hiermit eröffnet.

Vielen Dank.

Empfehlungen