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31. Oktober 2017 Gottesdienst 500 Jahre Reformation

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

Gottesdienst 500 Jahre Reformation

Sehr geehrte Frau Bischöfin,
sehr geehrte Damen und Herren,

500 Jahre Reformation – ich freue mich sehr,  dieses Ereignisse mit Ihnen gemeinsam im Hamburger Michel zu feiern. Und ein feierliches Ereignis ist es – nicht nur in Hamburg, sondern weltweit, nicht nur am Reformationstag, sondern das ganze Lutherjahr über.

Es hat Deutschland gutgetan, wie offen und einfallsreich sich die Protestantinnen und Protestanten in den vergangenen Monaten mit „ihrem“ Luther auseinandergesetzt haben. Damit haben sie einen wichtigen Beitrag zur Selbstvergewisserung unserer im Wandel begriffenen Gesellschaft geleistet. 

Luther hat Deutschland geprägt. Ohne Luther und die Reformation wäre auch Europa ein anderes. Die Trennung von Religion und Politik im  Augsburger Religionsfrieden (1555) sowie in den Verträgen von Münster und Osnabrück (1648) ist nicht zuletzt dem Einfluss der lutherischen Zwei-Reiche-Lehre zu danken und prägt bis heute das Selbstverständnis der Europäischen Union. Auch die Verpflichtung der staatlichen „Obrigkeit“ auf das Gemeinwohl; die Einsicht, dass Religionsfreiheit und Toleranz für den gesellschaftlichen Frieden unverzichtbar sind; Eigenverantwortlichkeit und die freie  Gewissensbildung haben Wurzeln in der Reformation.

Mischt Euch ein! Schaut nicht weg! Nehmt Eure Verantwortung ernst! Dann ist Fortschritt möglich.

Die Reformation wäre ohne den Fortschritt jener Zeit, etwa durch den Buchdruck, aber auch durch den wissenschaftlichen und künstlerischen Aufbruch der Renaissance, kaum so erfolgreich gewesen. Aber sie ist auch selber zu einem starken Motor gesellschaftlicher Entwicklung geworden. Die Reformation hat die Chancen der größten Medienrevolution vor Erfindung des Internets genutzt, sie steht für eine beispiellose Bildungs- und Ausbildungsoffensive. Wir haben Luthers Bibelübersetzung die Art, wie wir deutsch sprechen und schreiben, zu verdanken und die Etablierung von Arbeit als Voraussetzung für ein würdevolles Leben.

Neu war damals nicht nur, dass der Beruf nun zur Berufung wurde, neu war auch die Vorstellung, dass Arbeit sinnvoll sei – für die Menschen, die diese Arbeit leisten, wie für die Mitmenschen.

Aber es gibt nicht nur den einen Luther. Der Reformator konnte fundamentalistisch und opportunistisch sein; Zornesausbrüche gegenüber Andersdenkenden und Andersglaubenden sind  überliefert.  

Es ist eine große Leistung des Protestantismus, die Widersprüchlichkeit von Reformator und Reformation zu akzeptieren und verstehen zu wollen. Der Protestantismus steht dafür, dass Religion und Aufklärung kein Widerspruch sind. Das ist im Lutherjahr wieder einmal ein wichtiges Signal.

Meine Damen und Herren,

im Jahr 1517, als Martin Luther seine Thesen kundtat, war der Baubeginn von St. Michaelis noch 130 Jahre hin. Hamburg hatte etwa 14.000 Einwohner, mehrere hundert Brauereien und vier Kirchspiele: St. Katharinen am Hafen, weshalb dort  die Schiffer, Kapitäne und Seeleute zuhause waren; St. Nicolai, wo vor allem Händler und Handwerker wohnten; St. Petri, dem viele „ratstragende“ Familien angehörten, und das als „Armeleute-Viertel“ bekannte St. Jacobi.  

Ab 1517 stießen die reformatorischen Gedanken in Hamburg schnell auf Interesse. Bereits 1527 wurde ein sogenannter „Gotteskasten“ eingerichtet, um Spenden einzusammeln – nicht etwa für Klerus und Kirche, sondern für die Armen der Stadt. 1528 erklärte der Rat die Predigten der Anhänger Luthers für dem Evangelium gemäß. Kaum elf Jahre nach der Verbreitung der 95 Thesen war Hamburg protestantisch geworden.

Johannes Bugenhagen, ein Freund und Mitstreiter Luthers, erarbeitete damals für Hamburg eine neue Kirchenordnung, die am 15. Mai 1529 angenommen wurde. Wenige Wochen vorher (am 16. Februar 1529) hatten Rat und Bürgerschaft sich auf eine Art Stadtverfassung, den sogenannten „Langen Rezess“, geeinigt.  Er regelte die neue Machtverteilung zwischen Rat, Bürgerschaft und den neu gebildeten bürgerlichen Kollegien. Die Kirchenordnung sah ein staatliches Kirchenregiment vor und enthielt eine Anordnung, dass in Hamburg allein die lutherische Lehre gelte.

Der „Lange Rezess“ war von einer demokratischen Verfassung nach heutigem Verständnis noch weit entfernt, aber die Bürger – das waren alle Männer mit Bürgerrecht – erhielten mehr Mitsprache. So brachte die Reformation den Hamburgern auch eine neue Stadtverfassung. Die vollständige Trennung von Kirche und Staat vollzog die Hansestadt erst 1919.

Ganz anders, aber immer noch ist die Evangelische Kirche in Hamburg heute mit der Zivilgesellschaft vernetzt. Sie übernimmt die vielfältigsten Aufgaben für ein demokratisches und gerechtes Miteinander. Sie sucht das Gespräch mit anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften und übernimmt Verantwortung beim Gemeinsamen Religionsunterricht an den Schulen. Sie mischt sich ein in die Belange der Stadt und der Stadtteile. Die Kirchengemeinden sind Orte der inneren Zuversicht und wären doch durch das, was sie für die Stadt „leisten“, nur höchst unzureichend beschrieben.

Meine Damen und Herren,

der Protestantismus sei der „Welt auf den Leib gerückt“, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt. Diese Einstellung prägt das Wirken der Protestantinnen und Protestanten in der multireligiösen Hansestadt Hamburg. Darüber sind wir sehr froh und hoffen, dass es so bleibt.

Vielen Dank.

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