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1. November 2017 100 Jahre Unabhängigkeit Finnlands

Grußwort des Ersten Bürgermeisters, Olaf Scholz.

100 Jahre Unabhängigkeit Finnlands

Sehr geehrter Herr Stadel,
Sehr geehrter Herr Jorkisch,
Sehr geehrter Herr Prey,
Sehr geehrte Frau Botschafterin,
Sehr geehrte Frau Doyenne,
Sehr geehrte Mitglieder des Konsularischen Korps,
Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte Mitglieder der Parlamente,
sehr geehrte Damen und Herren!

wäre die EU eine Klasse, würde jeder Mitschüler gerne neben Finnland sitzen, um abzuschreiben. Und wäre Zukunft ein eigenes Fach, wären gute Noten gewiss.

In der Tat, dieses skandinavische Land, das sich vor einhundert Jahren für unabhängig erklärte, ein Land dessen kurzer Bürgerkrieg am Anfang jahrzehntelang nachwirkte, ein Land, dem auch Wirtschaftskrisen vertraut sind, dieses Land gilt heute nicht nur in Europa, sondern auch international als vorbildlich.

Die US-Zeitschrift Newsweek etwa kam vor einigen Jahren zu dem Schluss, Finnland sei schlicht „das beste Land zum Leben“ – mit Blick auf Gesundheit, wirtschaftliche Dynamik und politische Stabilität ebenso wie auf Bildung und Lebensqualität, eigentlich mit Blick auf alles, mit Ausnahme vielleicht der Mücken in Lappland oder an den 188.000 Seen.

Finnland gilt als Spitzenreiter auf vielen Gebieten, sei es beim Ausbau der digitalen Infrastruktur, bei Bildung, in der Lebensmitteltechnologie, bei Cleantech oder bei der Nutzung natürlicher Ressourcen und vielem mehr: Die global aktive, finnische Holz- und Papierindustrie etwa zählt zu den weltweit innovativsten und nachhaltigsten.

Nur, warum ist das so? Worauf beruht dieser Erfolg?

Da ist zum einen die kluge Ausgabenpolitik: Finnland wendet verglichen mit allen anderen Mitgliedsländern der EU am meisten für Forschung und Entwicklung auf. Nur Schweden liegt in der F&E-Intensität noch um eine Nasenspitze weiter vorn.

Doch ein statistischer Befund ist oft auch ein normatives Statement: in diesem Fall gibt er Aufschluss über einen besonderen Zukunftsbezug, oder sogar eine gewisse Zukunftsbegeisterung.

Deshalb besitzt auch Bildung einen so hohen Stellenwert. Das zeigt sich u.a. in der kontinuierlichen Reformbereitschaft bei den Bildungsangeboten der Schule. Erst letztes Jahr hat Finnland die Curricula umfassend geändert und will die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in digitalen Techniken stärken.

Doch bei aller Innovation in diesem Bereich - eines bleibt gleich: die hohe Wertschätzung für jene, die Bildung an die nachfolgenden Generationen vermitteln. Mich hat beeindruckt zu lesen, dass der Lehrerberuf in Finnland hochattraktiv ist. Entsprechend streng sind die Zugangskriterien. Nur 9% der Bewerber bekommen überhaupt einen Studienplatz.

Wenn wir von Motivation und Zukunft sprechen, und das ist mein zweiter Punkt, der den Erfolg Finnlands begründen kann, kommen wir auf den Wald. Und das nicht nur, weil er nahezu drei Viertel der Landfläche bedeckt.

Wer mit Wald wirtschaftet – und er ist in Finnland seit jeher maßgeblich für die ökonomische Entwicklung verantwortlich – denkt die Zukunft gleichsam immer mit. Nicht von ungefähr rührt der Gedanke der Nachhaltigkeit historisch aus der Forstwirtschaft her.

Die Forstwirtschaft hat seit der Unabhängigkeit 1917 mehr Finnen den Lebensunterhalt gesichert als jede andere Branche. Und noch heute, trotz des radikalen Strukturwandels durch die Globalisierung, macht sie ein Fünftel des gesamten Umsatzes der finnischen Industrie aus.

Wer sich neben Wirtschaft auch ein wenig mit finnischer Kultur befasst, erfährt, dass mit Wald dort die Vorstellung des Anpackens und Gestaltens verbunden ist. Im kollektiven Gedächtnis nimmt der Wald deshalb weniger mythischen Raum ein als bei uns, er ist vielmehr von praktischer, lebensweltlicher Bedeutung. Das Grün, der Wald gehören zum Alltag.

Die Zukunft mitdenken – das ist der Kerngedanke der Nachhaltigkeit und die Leitidee der Innovation. In Finnland kommt beides zusammen.

Meine Damen und Herren,

ich möchte dazu den finnischen Designer und Architekten Alvar Aalto zitieren, dessen organische Wellenformen, die er für Gebäude wie Gegenstände gleichermaßen nutzte, uns allen vor Augen sind. Er sagte „Form muss einen Inhalt haben, und dieser Inhalt muss mit der Natur verbunden sein“. Aalto gilt denn auch als Hauptvertreter einer menschlichen Moderne.

Auch wenn Finnland also hochmodern ist – auf dem Networked Readiness Index des World Economic Forum steht das Land auf Platz zwei, hinter Singapur, was bedeutet, dass Informations- und Kommunikationstechnologien besonders stark und in allen Lebensbereichen eingesetzt werden – so ist es doch diese menschliche Moderne, die die meisten von uns mit Finnland verbinden.

Gibt es ein schöneres Kompliment zum 100jährigen Jubiläum der Unabhängigkeit?

Wie gratuliert man einem solchen Land? Ich glaube, indem man zugibt, dass man gerne abschreiben würde.

Vielen Dank!

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