Begriffserklärungen

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Alfred Kleeberg

(26.7.1887 Plauen – 8.4.1957)
Schulleiter der Klosterschule
Hulbepark 10 (Wohnadresse 1955)

Hans-Peter de Lorent hat über Alfred Kleeberg ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:  
„Als Leiter der Klosterschule hat er sich bewusst und aktiv in Rede und Schrift nationalsozialistisch betätigt. Es ist dies umso bedauerlicher, als er wahrscheinlich stets in seiner Grundhaltung liberal und demokratisch geblieben ist.“
Am Beispiel des Lehrers Hans Muchow habe ich aufgezeigt, wie jemand, der in der Weimarer Republik als fortschrittlicher Lehrer galt, der aus der Jugendbewegung kam, in der Zeit des Nationalsozialismus andere Positionen übernahm und sich in bedenklicher Weise verhielt. Alfred Kleeberg, der von Uwe Schmidt als „Reformpädagoge“ bezeichnet wurde und nach 1945 positive Leumundszeugnisse erhielt, genoss einen ähnlichen Ruf. Er hatte in Hamburg die erste Aufbauschule geleitet für Absolventen der Volksschule, die nach der siebten Klasse in die höhere Schule übertraten. Auch bei Kleeberg gab es Anpassungen an den Nationalsozialismus , besonders problematisch sehe ich seine fördernde Mitgliedschaft der SS seit 1934. Er ist ein Beispiel dafür, dass es nicht nur schwarz oder weiß gibt, sondern Differenzierung notwendig ist.
Alfred Kleeberg wurde am 26.7.1887 in Plauen als Sohn des Studienrates und Berufsschulleiters Richard Kleeberg geboren. Er besuchte dort von 1894 bis 1898 die höhere Bürgerschule und ging danach auf das Königliche Gymnasium in Plauen, das er 1907 mit dem Zeugnis der Hochschulreife verließ.[1]
Kleeberg selbst schrieb dazu später: „Ich wurde mit sechs Geschwistern im evangelisch christlichem Glauben erzogen. Obwohl meinen Eltern die Mittel nur gering zur Verfügung standen, ließen sie mich wie meine drei Brüder das Gymnasium besuchen.“[2]
Anschließend studierte Alfred Kleeberg an den Universitäten Greifswald, Leipzig und Jena evangelische Theologie, Geschichte und Germanistik. Das Studium wurde durch den Militär dienst beim Infanterieregiment in Plauen für ein Jahr unterbrochen. Am 2.8.1912 bestand Kleeberg die Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen. Er trat ein in die Seminarausbildung am Königin Carola-Gymnasium in Leipzig und danach absolvierte er die Probedienstzeit an der Gaudigschule in Leipzig. Anschließend wechselte er am 1.10.1913 als Oberlehrer an das Lehrerinnenseminar nach Hamburg.[3] Am 13.6.1914 legte er an der Universität Jena die „Doktorprüfung ab“.[4]
Alfred Kleeberg heiratete am 19.12.1913 Käthe Bittrich aus Plauen, mit der er zwei Kinder hatte.[5]
Den Kriegsdienst absolvierte Kleeberg vom 3.8.1914 bis zum 8.1.1919, am Ende war er zum Oberleutnant befördert worden.[6]
Alfred Kleeberg wurde 1913 von Karl Umlauf nach Hamburg geholt. Umlauf war ein gebürtiger Dresdener, der seit 1905 am Hamburger Lehrerinnenseminar an der Freiligrathstraße arbeitete und dieses seit 1911 leitete. Er hatte „sich in Sachsen nach tüchtigen jungen Oberlehrern für sein Seminar“ umgesehen[7] und dabei Kleeberg entdeckt. „In der täglichen Zusammenarbeit mit Karl Umlauf, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband, geriet Kleeberg an eine Stelle des Erziehungswesens, die den Schul- und Unterrichtsreformer geradezu herausgefordert haben muss. Sein späteres Engagement für die Aufbauschule ist sicherlich in diesen ersten Hamburger Jahren erwachsen“, vermutete Uwe Schmidt.[8] Kleeberg selbst nannte später die Erfahrungen mit der evangelisch sozialen Bewegung während seiner Studienzeit als prägend für sein soziales Engagement. „Diese Kreise, die sich um den Pfarrer Naumann gruppierten, machten es sich zur Aufgabe, das Los der Arbeiter auf der Grundlage der christlichen Weltanschauung zu bessern. Ich trat in diesen Jahren immer wieder auf Ausspracheabenden mit Arbeitern in Verbindung, lernte ihre Nöte kennen und suchte mit ihnen nach Wegen, die zur Lösung führen sollten.“[9] Berücksichtigt werden muss bei dieser Aussage, dass Kleeberg sie im Rahmen der Selbstdarstellung am 22.10.1945 schrieb, als es ihm darum ging, sich als nicht nationalsozialistisch orientiert und verstrickt darzustellen.
Prof. Karl Umlauf (1888–1945) hatte aber noch eine andere Bedeutung für Alfred Kleebergs Weiterentwicklung. Er war in der Weimarer Republik Landesschulrat in Hamburg geworden und wesentlich dafür verantwortlich, Alfred Kleeberg am 1.4.1922 zum Leiter der Hamburger staatlichen Aufbauschule zu ernennen.[10]
Diese neue Schulform war ein wirkliches Reformprojekt, das den fortschrittlichen Ruf von Alfred Kleeberg begründete. Kleeberg schrieb selbst 1945:
„Diese Anstalt hatte die Aufgabe, begabte Jungen und Mädchen der Arbeiterkreise in einem verkürzten Ausbildungsgang zur Hochschulreife zu führen. Seit meiner Universitätszeit gehörte mein besonderes Interesse all denen, die gefördert werden mussten, denen aber die Mittel dazu fehlten. Dieser Aufgabe konnte ich mich jetzt umso mehr widmen, als ich auch in meiner politischen Haltung uneingeschränkt hinter der Weimarer Republik stand. Ich hatte mich der demokratischen Partei angeschlossen und forderte mit ihr auf allen Lebensgebieten Freiheit und Gerechtigkeit für den einzelnen Menschen. In erster Linie habe ich das in meinem Beruf auf dem Gebiet der Jugenderziehung zu verwirklichen versucht.“[11]
Alfred Kleeberg hatte sich als Vorstandsmitglied des Hamburger Seminarlehrervereins dafür eingesetzt, eine solche Schule, die eine Art Nachfolgeeinrichtung der zur Auflösung anstehenden Lehrerseminare war, auch konzeptionell erfolgreich aufzubauen.
Die Aufbauschule zog am 1.4.1922 mit zwei Klassen in das Gebäude des Lehrerseminars Hohe Weide ein. „Die neue Kurzform der höheren Schule folgte dem pädagogischen Programm eines gleichfalls erst zum Durchbruch kommenden neuen Typs der höheren Schule, dem Konzept der Deutschen Oberschule mit Englisch als Pflichtsprache und Französisch/Spanisch/Latein als Wahlsprachen. Die Aufnahme der 13-jährigen Volksschüler erfolgt auf Antrag, verbunden mit einem Gutachten der abgebenden Schule und nach Absolvierung einer Aufnahmeprüfung, bei der im Durchschnitt 30 % der Bewerber durchfallen. Die erste Klasse der Aufbauschule (achte Jahrgangsstufe) gilt als Probejahr. Die Aufbauschule nimmt Jungen und Mädchen auf, doch werden nur aus technisch-organisatorischen, nicht aus pädagogischen Gründen, Koedukationsklassen zusammengestellt. Die Lehrpläne befinden sich noch im Versuchsstadium. Die Lehrer stammen aus allen Schulformen (mit Ausnahme des humanistischen Gymnasiums), und es sind angesichts der Schwierigkeit der Aufgabe nur hervorragende Pädagogen an die Aufbauschule versetzt worden. Ostern 1925 bestanden 39 Schüler (27 Jungen, 12 Mädchen) das Abitur, davon gingen 30 auf die Universität.“[12]
Alfred Kleeberg verfasste zwei große Aufsätze über die Entwicklung der Aufbauschule und die Erfahrungen, die dort gemacht wurden, in der „Hamburger Lehrerzeitung“.[13]
Die Aufbauschule arbeitete parallel zur reformpädagogisch orientierten Lichtwarkschule unter Leitung von Heinrich Landahl. Alfred Kleeberg war nicht Mitglied der „Gesellschaft der Freunde“, er war Philologe, schon im Vorstand des Vereins der Oberlehrer aktiv gewesen und ebenfalls engagiert im Hamburger Philologenverein, wo er den Vorsitz des Pädagogischen Ausschusses innehatte.[14]
Am 5.3.1925 wurde der bis dahin kommissarisch eingesetzte Schulleiter Alfred Kleeberg vom Kollegium, zu dem auch die Ehefrau von Heinrich Landahl gehörte, Frieda Landahl, im Rahmen der Selbstverwaltung zum Schulleiter gewählt.[15]
Alfred Kleeberg stellte im Namen seines Kollegiums am 14.5.1922 den Antrag bei der Oberschulbehörde, der Aufbauschule den Namen „Herderschule“ zu geben, also nach Johann Gottfried Herder, dem deutschen Dichter, Theologen und Philosophen zu benennen. In seiner Begründung bezog sich Alfred Kleeberg auf Herders Schulrede von 1793, in der es hieß:
„Eine Schule, die leben soll, muss auch einen Schutzgeist haben. … Der wahre Genius muss im Institut selbst leben, er muss mit ihm geboren sein, alle seine Kräfte wecken, alle seine Glieder beleben. … Der Genius eines Volkes, einer menschlichen Gesellschaft, einer guten Einrichtung, der Genius einer wohleingerichteten und wohlverwalteten Schule ist gewiss unsterblich.“[16]
Uwe Schmidt schrieb dazu:
„Unter Berufung auf Herder unterstrich Kleeberg als Proprium der Deutschen Oberschule ‚das bewusste Zurückdrängen des außerdeutschen Sprachbetriebes zugunsten der Deutschkunde‘ und der realen Fachgebiete. Gestützt auf Herder, wendete sich Kleeberg dagegen, die besten Jahre durch das Studium der Fremdsprachen zu verderben. ‚Mehr oder weniger geht alles, was sich jetzt in der Deutschen Oberschule erfüllen soll, auf den großen Anreger Herder zurück‘.“[17]
Die Oberschulbehörde teilte diese Auffassung nicht und beließ es bei dem Namen „Aufbauschule“. Zehn Jahre später hatte es Kleeberg geschafft, „der von ihm gegründeten und aufgebauten Schule einen angemessenen Namen zu geben – wenn auch nur für zehn Monate: Am 29.10.1932 wurde die Aufbauschule im Rahmen eines Festaktes in Gerhart-Hauptmann-Schule umbenannt – bei persönlicher Anwesenheit des Dichters und seiner Frau“.[18]
Alfred Kleeberg nutzte die Gelegenheit und formulierte seine pädagogische Konzeption zu diesem Zeitpunkt:
„Wir sind eine Deutsche Oberschule, der deutsche Mensch, … unser Volk und unsere Heimat, die wir alle mit glühender Inbrunst lieben, sind der wesentlichste Wunsch unserer Arbeit. Unser Volk zu verstehen, … mühen wir uns mit tiefem Ernst. Und aus diesem Erkennen soll unsere Jugend hingeführt werden zur Bereitschaft und zum stärksten Willen, nach bestem Wissen und Gewissen das deutsche Schicksal mit meistern zu helfen. … Aber wir sind nicht nur Deutsche Oberschule. Wir sind auch Aufbauschule, Großstadtaufbauschule. … Unsere Schüler sind Kinder der Welt, in der des Dichters soziale Dramen spielen.“[19]
Man bekommt den Eindruck, dass Alfred Kleeberg im Übergang zur nationalsozialistischen Herrschaft sich ideologisch in diese Richtung bewegte.
Kleeberg war parallel zu seiner Schulleitertätigkeit in der Lehrerfortbildung und Lehrerausbildung tätig. Dafür wurde ihm am 17.11.1931 vom sozialdemokratischen Schulsenator Emil Krause der Professorentitel verliehen.[20]
Laut Uwe Schmidt war Alfred Kleeberg 1929 einer von mehreren Kandidaten für das Amt eines Oberschulrates[21], blieb allerdings unberücksichtigt. Am 29.12.1930 stellte Alfred Kleeberg einen kühnen Antrag an die Oberschulbehörde, in dem es hieß:
„Ostern 1931 werden an der Aufbauschule voraussichtlich drei Lehrkräfte überzählig. Diese Lage bietet die günstige und vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit, den Leiter der Aufbauschule auf ein Jahr zu wissenschaftlichen Studien zu beurlauben. Die besondere Veranlassung zu diesem Antrag bietet die Tatsache, dass der Unterzeichnete zu Kursen im Kandidaten-Seminar herangezogen wurde und dass er das dringende Bedürfnis empfindet, sich in Ruhe und Gründlichkeit dem Studium der pädagogischen Wissenschaft zu widmen, wenn anders er auf die Dauer den an ihn gestellten Forderungen gerecht werden soll.“[22]
Dieses Ansinnen, für ein Jahr bei Fortzahlung der Bezüge zur Weiterqualifizierung beurlaubt zu werden, deutet mehr auf das Selbstbewusstsein Alfred Kleebergs als auf Realitätssinn hin. Es wurde nicht genehmigt.
Als die Nationalsozialisten auch in Hamburg die Macht übernahmen, setzte ein großes Revirement bei den Schulleiterbesetzungen ein. Etwa die Hälfte der Schulleitungen wurde ausgetauscht, im Bereich der höheren Schulen ergab sich darüber hinaus ein Umsetzungssystem. Alfred Kleeberg wurde am 1.7.1933 zum Schulleiter der Realschule und Deutschen Oberschule auf dem Lübeckertorfeld ernannt.[23]
Die Leitung der Gerhart-Hauptmann-Schule musste Prof. Paul Wetzel übernehmen, der dies als eine Degradierung empfand, war er doch bis dahin Oberstudiendirektor am Wilhelm-Gymnasium gewesen.[24] Parallel dazu wurde die Gerhart-Hauptmann-Schule in Richard-Wagner-Schule umbenannt. Nach einem Jahr, 1934, legte die Schulverwaltung die Deutsche Oberschule am Lübeckertorfeld mit der Klosterschule zusammen, die seit 1933 von Willy Kowallek geleitet wurde, der jetzt an der zusammengelegten Schule die Stellvertretung von Alfred Kleeberg übernahm. Beide kannten sich gut aus der gemeinsamen Arbeit im Philologenverein.[25]
Offensichtlich schätzten die Nationalsozialisten die Arbeit von Alfred Kleeberg. Er war 1933 nicht in die NSDAP eingetreten, dafür Mitglied in der NSV, dem NSLB, dem Reichskolonialbund und dem NS-Altherrenbund.[26] Darüber hinaus war er förderndes Mitglied der SS geworden, und 1937 trat er auch in die NSDAP ein.[27]
Die Nationalsozialisten machten 1937 bei Schulleitern zur Bedingung, dass sie auch Parteimitglieder waren. Die fördernde SS-Mitgliedschaft war für Kleeberg möglicherweise ein Ausgleich dafür, nicht schon zum 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten zu sein, hatte aber zumindest nach 1945 eine gravierende Bedeutung.
Uwe Schmidt, der in seinen Veröffentlichungen angab, bei Kleeberg im Sommer 1952 als 20-jähriger Student am Pädagogischen Institut der Universität Hamburg studiert zu haben[28] und der auch mit anderen Personen, die im Hamburger Philologenverein in den 1930er Jahren aktiv gewesen waren und als fortschrittliche Philologen galten, wie Hans Muchow und Adolf Vogel, eine persönliche Berührung hatte, weil er als Schüler an der Walddörferschule von Hans Muchow unterrichtet wurde und bei Dr. Adolf Vogel im Studienseminar nach 1945 das Referendariat absolvierte, war bei seiner Bewertung dieser drei Personen subjektiv nicht frei.[29] Das mag dazu geführt haben, dass er Muchow und Vogel sehr positiv bewertete, wobei er freilich 1999 nichts über deren Tätigkeit beim Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg gewusst hatte.[30]
Mit Alfred Kleebergs Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus hat sich Uwe Schmidt intensiv auseinandergesetzt, viele Gespräche geführt und sehr um eine gerechte Bewertung gerungen, weil er Kleeberg 1952 als inspirierende Persönlichkeit und qualifizierten Lehrerbildner kennengelernt hatte. Zu Recht schrieb Schmidt, dass Kleeberg nicht erst durch die Nationalsozialisten zum Schulleiter gemacht worden war. Und richtig ist auch, dass Kleeberg gegen seinen Willen den Ort seiner Schulleiter-Tätigkeit wechseln musste. Aber das wurde aus meiner Sicht später überbewertet. Die Nationalsozialisten tauschten auch Schulleiter an andere Schulen aus, obwohl diese schon zum 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten waren. Das entsprach dem Personalkonzept der Nationalsozialisten, die das Selbstverwaltungsprinzip im Hamburger Schulwesen abschafften und die Kollegien neu mischten, sodass die NS-Schulverwaltung in Zeiten des Führerprinzips an den Schulen darüber entscheiden konnte, welches Kollegium welchen Schulleiter bekam.
Uwe Schmidt schrieb:
„Vergleichbar wäre Alfred Kleeberg in seiner allgemeinen menschlichen Haltung gegenüber Menschen, auch solchen, die durch die nationalsozialistische Revolution bedroht waren, mit dem etwa gleichaltrigen Wilhelm Oberdörffer, der ein Jahr vor Kleeberg in den Hamburger Schuldienst und damit auch in den Verein der Oberlehrer eingetreten war.“[31]
Auch hier bin ich etwas anderer Meinung. Ich habe in der Biografie Wilhelm Oberdörffer diesen durchaus als vielschichtig beschrieben, der opportunistisch 1933 in die NSDAP eingetreten war, um seine Oberschulrats-Funktion zu behalten, der sich allerdings durchaus von den nationalsozialistischen Oberschulräten in der NS-Schulverwaltung unterschied.[32] Oberdörffer schrieb nach 1945 unendlich viele „Persilscheine“ für aus meiner Sicht deutlich belastete Nationalsozialisten, durch die eine gerechte Beurteilung durch die Entnazifizierungsausschüsse erschwert wurde.
In der Auseinandersetzung mit der Person Alfred Kleeberg seit 1933 notierte Uwe Schmidt:
„Kleebergs pädagogisches Konzept enthielt, von ihm vielleicht gar nicht klar wahrgenommen, auch politische Tönungen, die vermutlich im Zusammenhang mit dem Kriegserlebnis, dem Schock über die Niederlage von 1918 und Deutschlands Situation in den ersten Jahren der Weimarer Republik gesehen werden müssten. So notierte er 1929: ‚Die deutsche Kultur der Gegenwart besser ausschöpfen in ihrem Bildungswert, den deutschen Staatsbürger (unterstützen) im Wollen und Können zum Nutzen seines Volkes, das es im Völkerringen der Gegenwart schwerer hat als je sich zu behaupten.‘ Der Kriegsoffizier Kleeberg, der den Ersten Weltkrieg zunächst als Kompanieführer, dann als Regimentsadjutant mitgemacht hatte, schätzte Ordnung und klare Verhältnisse. So wird unter den Ansätzen des Nationalsozialismus vermutlich das Element scheinbarer Ordnung etwas gewesen sein, das Kleeberg als sympathisch ansah.“[33] Dies kann ich durchaus teilen.
Und somit stellte Uwe Schmidt auch fest, dass Kleeberg „den Machtantritt der Nationalsozialisten im Sinne seiner pädagogischen Zielsetzungen aufgenommen habe, die romantisierende Auffassung vom Deutschtum als einer die Schule prägenden und ihre Pädagogik leitende Größe“.[34]
Und weiter: „Hier besteht u. U. ein Zugang, die (begrenzbaren, jedoch unübersehbaren) nationalsozialistischen Komponenten im Denken des engagierten Pädagogen Alfred Kleeberg zu verstehen. Menschen, die so dachten, wie ich es bei Kleeberg begründet vermute, erlebten in Hitler eine Persönlichkeit, die die ‚Strömung der Zeit‘ in großer Geschicklichkeit mit seinen Plänen zu verbinden verstand. Trotz ihrer von humanistischen Werten geprägten Biografie wurden sie – mehr oder weniger bewusst – zu Helfern bei der Stabilisierung der Diktatur, sie waren ‚Hitlers zugefallene Helfer‘.“[35]
Uwe Schmidt hatte mit vielen ehemaligen Schülerinnen der Schule im Vorfeld des Jubiläums „125 Jahre Klosterschule“ 1997 Kontakt aufgenommen und dabei in Bezug auf die Person Alfred Kleeberg sehr unterschiedliche Rückmeldungen bekommen.
„Die Erinnerung an den früheren Lehrer und Schulleiter erstreckt sich von Ablehnung (bei wenigen) über ein kritisches ‚einerseits – andererseits‘ bis hin zu großer Dankbarkeit, Anerkennung und Zuneigung (bei der überwiegenden Mehrheit derer, die sich an ihn erinnern).“[36]
Die große Mehrheit derjenigen, die in jugendlichem Alter Kleeberg persönlich erlebt haben, war bemüht „um eine differenzierte Bewertung seiner Persönlichkeit. Kritikerinnen unter den ehemaligen Schülerinnen, die von einer ‚inhaltlich schwachen Persönlichkeit‘ sprechen, meinten, seinen Hang zur Selbstdarstellung in Uniformen, der über männliche Eitelkeit hinaus für sie ein Zeichen ‚des Mitmachens‘ und das Verhalten eines Mitläufers gewesen sei: Ende 1943 habe sich Kleeberg – wie auch sein Mitarbeiter Hans Zachariae – uniformiert auf dem Münchshöfener KLV-Gelände photografieren lassen.“[37]
Unterschiedliche Rückmeldungen habe es auch gegeben, was die Behandlung jüdischer Schülerinnen betrifft:
„Kleeberg hatte einer Denunziation nachzugehen, die über höchste Parteistellen der NSDAP gelaufen war: eine ‚Halbjüdin‘ Maria Cohn war von der zuständigen Lehrerin Marie Behr als Helferin bei der Milchausgabe eingesetzt worden. Die überdurchschnittlich intelligente Schülerin erhielt auch eine Erziehungsbeihilfe und war von ihrem Klassenlehrer zur Beteiligung an der Wanderführung auf einer dreitägigen Klassenwanderung vorgesehen. Kleeberg regelte das Problem dadurch, dass er die Ablösung der Schülerin Maria Cohn von ihrer Aufgabe der Milchverteilung verfügte und ankündigte, in der ersten Lehrerkonferenz nach den Sommerferien ‚noch einmal den heute einzig möglichen Standpunkt in der Behandlung der nichtarischen Schüler festzulegen‘.“[38]
Die Lehrerin Barbara Brix, die sich intensiv mit der Geschichte der Klosterschule beschäftigt hatte, wurde in der Festschrift auch zu den Schulleitern Alfred Kleeberg und Willy Kowallek befragt. Auf die Frage, ob jüdische Schülerinnen länger an der Klosterschule hätten bleiben können als an anderen Schulen, antwortete sie:
„Es ist eine Legende, die sehr krampfhaft aufrechterhalten wird, dass jüdische Schülerinnen an der Klosterschule bis 1945 gedeckt und geschützt worden seien. In Wahrheit gab es 1938 nur noch eine einzig ‚volljüdische‘ Schülerin an der Schule.“[39]
Und zur Frage, was sie über die Rolle von Schulleiter Kleeberg herausgefunden habe, antwortete Barbara Brix:
„Wer in dieser Zeit eine solche Position übernommen hat, musste sich auch des Risikos bewusst sein, das er damit einging. Parteimitglied Kleeberg ist von der Behörde in sein Amt eingesetzt und darin bestätigt worden. Er war Vollstreckungsorgan. Soweit man derzeit sehen kann, gibt es keinen Grund, ihm einen ‚Persilschein‘ auszustellen. Immer wenn es um einzelne Personen und ihr konkretes Verhalten geht, fällt mir bei vielen der Drang auf, zu verharmlosen, vorlaufende Entschuldigungen zu suchen und sich nicht mit Schuld auseinanderzusetzen. Vorherrschend ist ein Verständnis für die Täter, aber die überlebenden Opfer will man nicht hören.“[40]
Auch die Form, mit der Alfred Kleeberg als Schulleiter Schulfeiern zelebrieren ließ, wirft kein gutes Licht auf ihn:
„Bei einer Fahnenweihe am 27.9.1933 in der Aula stellte Kleeberg jetzt die Deutsche Oberschule in verengter Sicht so dar, dass sie auf der Erhaltung des Deutschtums gerichtet sei. Ihr Unterrichtsprogramm folge den drei Zielen, die Adolf Hitler in seinem Buch ‚Mein Kampf‘ markiert habe. Kleeberg nannte sie in der Reihenfolge Körperliche Ertüchtigung, Charakterbildung und (an letzter Stelle) Geistesbildung. Die Frau als Eckpfeiler der Familie sei das Bildungsziel einer höheren Mädchenschule in der Form der Deutschen Oberschule.“[41]
Dazu passte auch eine von Kleeberg veranstaltete, „von ihm selbst sogenannte ‚würdig-ernste Kundgebung‘ unmittelbar vor Kriegsbeginn am 28.8.1939, die an anderen Schulen ähnlich abgelaufen sein mag: ‚Ernster und härter hat nie dass Siegheil auf Führer und Volk in unserer Aula geklungen und feierlich und entschlossen tönte das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied‘. Der Schulleiter erwartete, dass sich die Schülerinnen zu besonderen Anlässen dieser Art in der Kluft der Jungmädel bzw. des BDM präsentierten, denn solche Aulafeiern entsprachen der national-patriotischen Einstellung des Schulleiters Alfred Kleeberg, wie seine eigene Darstellung in den Jahresberichten der Klosterschule verdeutlicht. Diese Veranstaltungen hatten so, wie sie in den schriftlich überlieferten Unterlagen erscheinen, eine unverkennbare nationalsozialistische Tönung.“[42]
Kleeberg leitete auch die ostpolitischen Aktivitäten seiner Schule, erst über den „Bund Deutscher Osten“ (BDO) und später über den Verein für das Deutschtum im Ausland, dem VDA. „Kleeberg persönlich leistete seinen Beitrag in dem von den Nationalsozialisten in ‚Litzmannstadt‘ umbenannten Lodz, wo er deutsche Schulhelferinnen seiner Schule anleitete und betreute.“[43]
Früh ging die Klosterschule in die Kinderlandverschickung, vorher war die Schule ausgelagert worden, weil im August und September 1939 das zentral und verkehrsgünstig gelegene Gebäude für die Mobilmachung der Marine benötigt wurde. Im März 1941 erlitt das Gebäude schwere Bombenschäden. Kleeberg selbst war als Lagerleiter engagiert in der Kinderlandverschickung in Münchshöfen, im Gau Bayreuth. Am 21.6.1944 wurde die Klosterschule, in der gar kein Unterricht mehr stattfand, „als besonders bedeutende höhere Schule anerkannt“ und Schulleiter Kleeberg somit in eine höhere Besoldungsgruppe übergeleitet.[44]
Kleeberg schickte Neujahrswünsche und KLV-Briefe der Klosterschule an die Hamburger Schulverwaltung. Oberschulrat Theodor Mühe bedankte sich dafür am 17.1.1945 und wünschte Schulleiter Kleeberg „weiterhin erquickliche Betätigung bei guter Gesundheit“.[45]
Kurz danach begann eine neue Zeit. Jetzt musste gerechtfertigt werden und wurde umgedeutet.
Alfred Kleeberg gab seine erste Erklärung am 22.10.1945 ab. Darin behauptete er, stets dafür gefochten zu haben, auf allen Lebensgebieten Freiheit und Gerechtigkeit für den einzelnen Menschen einzufordern:
„So kam es auch, dass ich damals aufs schärfste gegen die aufkommende national-sozialistische Bewegung auftrat und ihr innerhalb meiner Schule jede Ausbreitungsmöglichkeit beschnitt. Ihre Methoden, den Andersdenkenden nicht mit Gründen zu überzeugen, sondern mit brutalen Mitteln mundtot zu machen, widersprachen in der Hinsicht meiner demokratischen Grundeinstellung. Für mich war und ist die Frage der richtigen Staatsführung nicht eine Sache des Glaubens, sondern der vernünftigen Überlegung. Nichts schien mir in dieser Hinsicht schon damals schlimmer und gefährlicher zu sein als der von den Nationalsozialisten gepredigte Fanatismus.“[46]
Alfred Kleeberg konnte ein Beispiel angeben, wie er in der Klosterschule eine kleine nationalsozialistische Zelle bekämpft hatte:
„Als 1933 die Weimarer Republik durch den nationalsozialistischen Führungsstaat ersetzt wurde, hat man mich nicht entlassen, sondern nur an eine andere Schule versetzt. Trotzdem trat ich der Partei nicht bei. Ich gehörte zu denen, die als bürgerlich-liberal beschimpft, als Individualisten und Intellektualisten gebrandmarkt wurden. Meine Stellung wurde schwierig, als in meinem Lehrkörper drei ‚alte Kämpfer‘ immer schärfer gegen mich vorgingen und meine Beseitigung als Schulleiter verlangten. Der lauteste Schreier unter ihnen, ein Zeichenlehrer, versuchte innerhalb der Schule gegen die Schülerinnen mit politischen Druckmitteln vorzugehen. Ich nahm den Kampf gegen diesen an sich schon untüchtigen Lehrer auf, stellte mich schützend vor meine Schülerinnen und erreichte dann Anfang 1935, dass dieser Lehrer beseitigt wurde. Dieser Erfolg festigte in mir die Überzeugung, dass es möglich sein müsste, die anfechtswerten Seiten des Nationalsozialismus von innen heraus zu bekämpfen.“[47]
Der „lauteste Schreier und untüchtige Lehrer“ war Heinrich Hehn gewesen, den ich im zweiten Band der „Täterprofile“ porträtiert habe.[48]
Dies hatte Alfred Kleeberg sicherlich richtig beschrieben, wobei es dem Rechtfertigungsklischee entsprach, versucht zu haben, innerhalb der Partei die größten Auswüchse und die fanatischen Nationalsozialisten bekämpft haben zu wollen. Kleeberg ging aber auch auf die andere Dimension seiner Haltung ein:
„Auf der anderen Seite leugne ich nicht, dass es in der nationalsozialistischen Bewegung Forderungen gab, die ich durchaus anerkannte: Das war einmal das Selbstbestimmungsrecht der Völker und zum anderen die Behebung des sozialen Notstandes der Arbeiterschaft. Ich hatte bis 1933 oft Gelegenheit mit Engländern und Amerikanern, die mich in Hamburg besuchten, über diese beiden Punkte zu sprechen und ich hatte immer gefunden, dass sie mit mir hierin übereinstimmten. Nach wie vor lehnte ich aber am Nationalsozialismus die Knebelung der öffentlichen Meinung, die Entrechtung des Einzelnen, die unmenschliche Behandlung Andersdenkender, insbesondere der Juden ab. Da es keine Möglichkeit gab, öffentlich gegen die Mängel dieses diktatorischen Systems, gegen die Unfähigkeit der Führer aufzutreten, musste die Opposition sich tarnen, im Stillen und jeder im engen Rahmen seines Berufskreises arbeiten, um trotz allem irgendwann einmal eine Wendung zum Besseren herbeiführen zu helfen. Am besten schien mir diese Wirkungsmöglichkeit gegeben zu sein, wenn man in die Partei eintrat und auf diese Weise sich langsam ein gewisses Gegengewicht der Opposition herausbilden konnte.“[49]
Alfred Kleeberg konstruiert ein Bild, das in Entnazifizierungsverfahren durchaus gängig war: „War ich Parteimitglied, so konnte ich den Anmaßungen gewisser Hoheitsträger, vor allem auch der sich immer wilder gebärdenden Hitler-Jugend mit größerem Gewicht entgegentreten.“[50]
Kleeberg wies darauf hin, nie ein Amt in der Partei bekleidet zu haben, nicht aus der Kirche ausgetreten zu sein, aber auch niemals „vom Staate befördert worden zu sein“. Auch das stimmt nicht, wie die Besoldungserhöhung für „eine besonders bedeutende Höhere Schule“ deutlich macht und auch die von Kleeberg in seinem Lebenslauf angegebene Beauftragung „auf Vorschlag der Hamburger Schulverwaltung die Bearbeitung der Mädchenausgabe des Teubnerschen Lesebuches zu übernehmen“.[51]
Auffallend ist, dass Kleeberg in diesem Lebenslauf als Schutzerklärung mit keinem Wort auf seine fördernde Mitgliedschaft der SS einging.
Am 28. Juni 1945 schrieb Schulsenator Heinrich Landahl:
„Im dienstlichen Interesse ist es notwendig geworden, Sie bis auf weiteres zu beurlauben. Sie werden daher gebeten, Ihre Amtsgeschäfte als Schulleiter noch vor dem Schulappell am 29.6.1945 an den Oberstudienrat Herrn Dr. Willy Kowallek zu übergeben. Von dem Zeitpunkt an, an dem die Geschäfte durch diese Lehrkraft übernommen worden sind, haben Sie sich jeder Amtstätigkeit bis auf weiteres zu enthalten.“[52]
Dieses deutet schon auf eine milde Sicht in Bezug auf Alfred Kleeberg hin. Heinrich Landahls Frau, Frieda Landahl, hatte jahrelang unter Schulleiter Kleeberg an der Aufbauschule gearbeitet und Landahl und Kleeberg hatten sicherlich engen Kontakt in der Zeit, als beide Schulleiter von reformorientierten höheren Hamburger Schulen waren. Die Amtsübergabe an Willy Kowallek überrascht, dessen Biografie ich in diesem Band ebenfalls nachgezeichnet habe und den ich für nicht weniger belastet halte als Kleeberg.[53]
Am 23.7.1945 wurde Kleeberg „bis auf jederzeitigen Widerruf zur Tätigkeit als Studienrat beauftragt“, am 22.10.1945 teilte Senator Landahl im Auftrag der Britischen Militär regierung Kleeberg die Entlassung mit.[54]
Parallel dazu schrieben einflussreiche Personen des Hamburger Schullebens Leumundszeugnisse für Alfred Kleeberg. So zum Beispiel der von den Nationalsozialisten abgesetzte Landesschulrat Professor Ludwig Doermer, der befand:
„Dr. Kleeberg ist ein begnadeter Erzieher und ein Mann, der sich um das hamburgische Schulwesen große Verdienste erworben hat. Ich weiß, wie schwer es ihm geworden ist, den beiliegenden Einspruch gegen seine Entlassung einzureichen; ich selbst habe ihn dazu überredet, weil ich den Wunsch habe, dass so wertvolle Menschen, wie Dr. Kleeberg nicht dem Elend überantwortet werden sollten.“[55]
Und auch Fritz Köhne, HLZ-Schriftleiter aus der Zeit, in der Alfred Kleeberg die Aufbauschule leitete und seine Erfahrungen in der HLZ veröffentlichte, verwendete sich für ihn:
„Wenn ich meine mehr als 40-jährige Berufszeit im hamburgischen Volksschulwesen und darin besonders die Epoche von 1918–1933 überblicke, dann stehen Sie klar und eindeutig als einer der damals noch wenigen fortschrittlichen Schulmänner des höheren Schulwesens vor mir. Sie haben in echt demokratischer Haltung die Verbindung mit der Volksschule und ihrer Lehrerschaft gesucht und gefunden; die Entwicklung der Hamburgischen Aufbauschule unter Ihrer Mitarbeit und Leitung war eine Leistung, die mit Recht in der pädagogischen Reformbewegung Beachtung und Anerkennung gefunden hat.
Als es sich in der nationalsozialistischen Zeit darum handelte, von Hamburg die ‚Hauptschule‘ abzuwehren und dafür die bewährte Volksschule mit Oberbau zu erhalten und zu sichern, da war es für mich selbstverständlich, Sie, Herr Prof. Kleeberg, zu den vorbereitenden Arbeiten zu bitten. Sie haben darin in vielen Sitzungen die gleiche schulpolitische Grundhaltung bekundet, die Sie vor 1933 vertreten haben. Ich war daher sehr bestürzt, als ich bei der Bestattung unseres verehrten Landesschulrates Prof. Umlauf von Ihnen erfuhr, dass Sie von der englischen Militär -Regierung entlassen worden seien. Ich kenne die Umstände nicht, die Sie, Herr Professor, veranlasst haben, sich der nationalsozialistischen Bewegung anzuschließen; ich bin aber nach wie vor davon überzeugt, dass Sie in Ihrer demokratischen Grundgesinnung unverändert geblieben sind. Darum muss ich wünschen, dass Sie in Ihrem Lehramt der höheren Schule zurückgegeben werden.“[56]
Hier zeigte sich ein Dilemma, dass die Begutachtung einer Person weitestgehend auf deren Arbeit vor 1933 beruhte. Da gibt es durchaus eine Parallele zu dem Fall Hans Muchow, dessen Biografie auch in diesem Buch enthalten ist.[57]
Glaubwürdiger wurden die Leumundszeugnisse allerdings auch nicht, wenn sie von selbst schwer belasteten Personen stammten, wie dem Oberschulrat in der NS-Zeit und ehemaligen Vorsitzenden des Hamburger Philologenvereins, Prof. Theodor Mühe, der Kleeberg noch aus Philologenvereins-Zeiten kannte und über ihn schrieb:
„Herr Oberstudiendirektor Prof. Kleeberg hat von 1934 bis zum Einmarsch der britischen Truppen die damals meiner Schulaufsicht unterstehende Klosterschule in Hamburg geleitet. Er war in dieser ganzen Zeit für die Schulverwaltung eine tatkräftige Stütze in der Wahrung der pädagogischen Belange gegenüber Einmischungsbestrebungen von Parteistellen in Personalangelegenheiten wie Amtsführung, Beförderung und Versetzung von Lehrern und Schulleitern. Ich erinnere mich einer Reihe von Einzelfällen, in denen er u. a. Übergriffe und Zumutungen zweier ‚alter Kämpfer‘ (mit goldenem Parteiabzeichen), die als Lehrer an der Klosterschule wirkten, sowie unbillige Beanspruchung der Zeit und Arbeitskraft seiner Schülerinnen durch Partei- und Hitlerjugenddienst und parteiseitige Beanstandungen der Unterrichts- und Erziehungsmethoden verschiedener Lehrkräfte der Klosterschule mit Entschiedenheit und, wo es nötig wurde, mit Schroffheit zurückwies und auf entsprechende Beschwerden bei der Schulverwaltung seinen Standpunkt unbeirrbar aufrecht erhielt und durchsetzte.“[58]
Die unangenehme Kumpanei über „Persilscheine“ von selbst belasteten ehemaligen Nationalsozialisten war eine lästige Begleiterscheinung in Entnazifizierungsverfahren, die allerdings durchaus erfolgreich sein konnte.
Der Beratende Ausschuss für das höhere Schulwesen unter Vorsitz von Johann Helbig befasste sich am 19.10.1946 mit dem Einspruch Kleebergs gegen seine Entlassung und verfügte durchaus über Einblicke in die Tätigkeit Kleebergs während der NS-Zeit:
„Er ist durch seine Parteizugehörigkeit von 1937 nicht sehr belastet; mehr durch seine Förderung der SS, vor allem aber durch seine schulische Tätigkeit nach 33. Als Leiter der Klosterschule hat er sich bewusst und aktiv in Rede und Schrift nationalsozialistisch betätigt. Es ist dies umso bedauerlicher, als er wahrscheinlich stets in seiner Grundhaltung liberal und demokratisch geblieben ist. Dieser Verrat am Geist macht künftige Erzieherarbeit unmöglich, da die Vertrauensgrundlage fehlt. Es muss freilich festgestellt werden, dass Prof. Kleeberg trotz seiner eigenen Wendung stets gegnerischen Kollegen in Wort und Tat Freiheit ließ. Er hat auch in seiner kirchlichen Einstellung Treue und gegenüber rassisch Verfolgten eine menschlich anständige Haltung bewahrt. Vielleicht lässt sich für ihn außerhalb des Schulwesens ein Tätigkeitsfeld finden.“[59]
Alfred Kleeberg war von der Hamburger Schulverwaltung und dem Reichserziehungsministerium für ein Jahr nach Lodz (Litzmannstadt) abkommandiert worden, um dort Hamburger Studentinnen, die als Schulhelferinnen für ein Jahr an die dortigen deutschen Schulen geschickt wurden, in ihre pädagogische Tätigkeit einzuführen. Gleichfalls war er ein halbes Jahr an der Schule für Lagerleiter in Podiebrad als Schulbeauftragter des Ministeriums tätig. Leumundsschreiben von Teilnehmerinnen an diesen Lagern bescheinigten Kleeberg, dass er dort pädagogisch und methodisch anregende Arbeit geleistet und für die Teilnehmerinnen „mit großem Geschick die Belange der Lehrerschaft gegen die HJ-Führer“ wahrgenommen habe.[60]
Organisiert wurden die Leumundszeugnisse offenbar von Hans Lüthje, der stellvertretender Schulleiter an der Aufbauschule gewesen und seit dieser Zeit mit Alfred Kleeberg befreundet war. Lüthje ist aus meiner Sicht auch ein belasteter Nationalsozialist gewesen, der überraschend schnell rehabilitiert und schon 1946 wieder als Schulleiter an der Emilie-Wüstenfeld-Schule eingesetzt wurde.[61]
Am 17.11.1947 befasste sich der Berufungsausschuss 3 unter Vorsitz des für milde Urteile bekannten Dr. Wilhelm Kiesselbach mit dem Fall Kleeberg. Dabei wurde auch die Studienrätin Hanna Meyer als Zeugin befragt, die sich „eingehend über Person und Charakter und politische Einstellung des Prof. Kleebergs“ äußerte. Sie hatte an der Klosterschule gearbeitet und insbesondere festgestellt, dass Kleebergs Ansprachen bei Feiern in der Klosterschule „durchaus nationalsozialistisch“ gewesen seien und dabei die Verherrlichung Hitlers „besonders aufgefallen sei. Dies sei nicht nur von ihr, sondern auch von den Schülerinnen stark empfunden worden. Sie sei häufig deswegen von den Schülerinnen vertraulich angesprochen worden.“[62]
Der Berufungsausschuss gab der Berufung statt, „mit der Maßgabe, dass Prof. Dr. Kleeberg im Range und mit dem Gehalt eine Studienrats wieder eingestellt werden kann. Er darf aber eine Lehrtätigkeit nicht mehr ausüben, sondern nur in einer dem Range eines Studienrats entsprechenden Stellung in der Verwaltung beschäftigt werden.“ Kleeberg wurde in Kategorie IV eingestuft. Festgestellt wurde, dass Kleeberg „in seiner Grundhaltung liberal-demokratisch geblieben“ sei, „dass er offenbar die Grenzen dessen, was als Tarnung zugestanden werden konnte, nicht unerheblich überschritten hat. Diese Annahme wird bestätigt durch den Eindruck, den der Oberschulrat Schröder nach der Erklärung des Vertreters des Fachausschusses gelegentlich der Veranstaltung einer Abiturientenfeier durch Prof. Kleeberg gewonnen hat“.[63]
Auch für den Berufungsausschuss-Vorsitzenden Dr. Wilhelm Kiesselbach war es ungewöhnlich, dass er einen Monat nach der Entscheidung des von ihm geführten Berufungsausschusses noch eine Aktennotiz mit seiner persönlichen Sicht hinzufügte. Er schrieb:
„Für den Fall, dass Prof. Kleeberg eine Wiederaufnahme seines Verfahrens betreiben sollte, möchte ich ausdrücklich festhalten, dass die gegen ihn gefällte Entscheidung des Ausschusses nach meiner Überzeugung zu hart ist und dass mir meine Zustimmung ganz besonders schwer geworden ist. In meiner Auffassung hat mich eine kürzlich mit Herrn Oberlandesgerichtsrat Dr. Rée geführte Unterhaltung bestärkt, der mir sagte, dass es nur Herrn Kleeberg zu danken gewesen sei, wenn er seine Kinder durch die Schule habe bringen können. Gerade wegen der nicht nationalsozialistischen Art, mit der Kleeberg die Schule geleitet habe, habe er, Dr. Rée, seine Kinder zu ihm umgeschult. Der Erfolg habe durchaus seinen Erwartungen entsprochen. Ich würde es meinerseits von Herzen begrüßen, wenn im Zuge einer etwaigen Wiederaufnahme des Verfahrens eine für Prof. Kleeberg günstigere Lösung gefunden werden könnte.“[64]
Alfred Kleeberg wurde wieder eingestellt. Vorgesehen war, ihn mit dem Gehalt eines Studienrates wieder im Verwaltungsdienst einzusetzen. OSR Heinrich Schröder hatte mit dem Leiter des Staatsarchivs, Dr. Kurt Detlef Möller, in Aussicht genommen, Kleeberg dort zu beschäftigen, wo gerade „aus Anlass der 100-jährigen Wiederkehr der Revolution von 1848“ das Staatsarchiv „vieler Arbeiter im Weinberge des Herren bedürfe“, wie Möller es ausdrückte.[65]
Damit war nun Schulsenator Landahl nicht einverstanden, wenn Kleeberg mit Stelle an das Staatsarchiv gehen würde. Landahl wollte, dass Kleeberg zu Archivarbeiten in der Behörde eingesetzt werde und verfügte seine Einstellung zum 1.5.1948 als Bibliothekar und Archivar.[66]
Am 1.10.1949 wurde Alfred Kleeberg an das Pädagogische Institut der Universität Hamburg als Studienleiter abgeordnet. Der Direktor des Instituts, Wilhelm Flitner, beauftragte ihn mit der Übung eines erziehungswissenschaftlichen Proseminars zur Einführung in die Pädagogik der wissenschaftlichen Oberschule.[67]
Im Wiederaufnahmeverfahren hatte der Berufungsausschuss am 20.8.1949 Kleeberg die Lehrtätigkeit wieder zuerkannt. Dafür hatte sich auch die Schulbehörde ausgesprochen.
Kleeberg arbeitete über die Altersgrenze hinaus am Pädagogischen Institut und gab zuletzt im Sommersemester 1954 ein Proseminar II zur Schulgesetzgebung. An der Universität war er noch mit Ernennungsvorschlag vom 4.3.1951 zum Studienleiter am Pädagogischen Institut befördert worden, in der Besoldungsgruppe eines Oberstudiendirektors.[68]
Nach seiner Pensionierung hatte Alfred Kleeberg ehrenamtlich die Bücherei und das Archiv der Schulbehörde aufgebaut, wofür ihm Landesschulrat Ernst Matthewes am 11.4.1953 herzlich dankte: „Wir haben in diesen Jahren viele Anregungen aus Ihrer großen Erfahrung gewinnen können, und ich möchte Ihnen persönlich noch danken für manches Gespräch, das ich mit Ihnen führen durfte.“[69]
Alfred Kleeberg starb am 8.4.1957.[70]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Personalakte Alfred Kleeberg, StA HH, 361-6_IV 1321; darin ist auch ein chronologischer Lebenslauf enthalten.
2 Siehe Lebenslauf Kleeberg vom 22.10.1945 in seiner Entnazifizierungsakte, StA HH 221-11_Ed 6945
3 Ebd.
4 Personalakte a. a. O.
5 Personalakte a. a. O.
6 Personalakte a. a. O.
7 Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium. Hamburgs Gymnasien und die Berufsvertretung ihrer Lehrerinnen und Lehrer von 1870 bis heute, Hamburg 1999, S. 244.
8 Ebd.
9 Lebenslauf Kleeberg vom 22.10.1945 in seiner Entnazifizierungsakte, StA HH 221-11_Ed 6945
10 Personalakte a. a. O.
11 Lebenslauf Kleeberg vom 22.10.1945 in seiner Entnazifizierungsakte, StA HH 221-11_Ed 6945
12 Schmidt 1999, S. 228 f.
13 Alfred Kleeberg: Zur Entwicklung der Aufbauschule, HLZ 25/26 – 1928, S. 512 ff. und Alfred Kleeberg: Lebensfragen der Großstadtaufbauschule, HLZ 46/1929, S. 869.
14 Schmidt 1999, S. 245 ff.
15 Schmidt 1999, S. 230.
16 Zitiert nach Schmidt 1999, S. 231.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Ebd.
20 Lebenslauf Kleeberg, a. a. O.
21 Schmidt 1999, S. 234.
22 Schreiben vom 29.12.1930, Personalakte a. a. O.
23 Personalakte a. a. O. Siehe dazu auch die am 10.7.1933 von Schulsenator Karl Witt veröffentlichte Schulleiter-Liste für die höheren Staatsschulen, abgedruckt in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 32.
24 Siehe die Biografie Paul Wetzel in diesem Band.
25 Siehe die Biografie Willy Kowallek in diesem Band.
26 Entnazifizierungsfragebogen, Entnazifizierungsakte a. a. O.
27 Entnazifizierungsakte a. a. O.
28 Schmidt 1999, S. 243.
29 Schmidt 1999, S. 247
30 Siehe die Biografien Hans Muchow und Dr. Adolf Vogel in diesem Band.
31 Schmidt 1999, S. 255.
32 Siehe die Biografie Wilhelm Oberdörffer, in: de Lorent 2016, S. 528 ff.
33 Schmidt 1999, S. 255 f.
34 Schmidt 1999, S. 256.
35 Schmidt 1999, S. 257.
36 Schmidt 1999, S. 258.
37 Schmidt 1999, S. 258 f.
38 Schmidt 1999, S. 259.
39 Gespräch mit Barbara Brix über die Klosterschule während der Nazi-Zeit, über Verdrängungen und Legenden, in: 125 Jahre Klosterschule, Hamburg 1997, S. 53.
40 Brix 1997, S. 54.
41 Schmidt 1999, S. 263 f.
42 Schmidt 1999, S. 264.
43 Schmidt 1999, S. 265.
44 Schreiben vom 21.6.1944 von Professor Ernst Schrewe, Personalakte a. a. O.
45 Schreiben vom 17.1.1945, Personalakte a. a. O.
46 Lebenslauf Kleeberg, a. a. O.
47 Ebd.
48 Siehe die Biografie Heinrich Hehn, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 2, Hamburg 2017, S. 359 ff.
49 Lebenslauf Kleeberg, a. a. O.
50 Ebd.
51 Ebd.
52 Personalakte, a. a. O.
53 Siehe die Biografie Willy Kowallek in diesem Band.
54 Personalakte a. a. O.
55 Schreiben vom 13.11.1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
56 Schreiben vom 26.7.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
57 Siehe die Biografie Hans Muchow in diesem Band.
58 Schreiben vom 6.8.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O. Siehe dazu auch die Biografie Theodor Mühe, in: de Lorent 2016, S. 371 ff.
59 Beratender Ausschuss vom 19.10.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
60 Schreiben von Irmgard Wolffheim vom 22.8.1946 und Ingeborg Reifkogel vom 20.8.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
61 Siehe die Biografie Hans Lüthje, in: de Lorent 2017, S. 420 ff.
62 Berufungsausschuss 3 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten vom 17.11.1947, Entnazifizierungsakte a. a. O.
63 Ebd.
64 Aktennotiz von Dr. Wilhelm Kiesselbach vom 20.12.1947, Entnazifizierungsakte a. a. O.
65 Schreiben vom 13.1.1948, Personalakte a. a. O.
66 Personalakte a. a. O.
67 Personalakte a. a. O.
68 Schreiben vom 20.8.1949, Personalakte a. a. O.
69 Schreiben vom 11.4.1953, Personalakte a. a. O.
70 Personalakte a. a. O.
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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