Begriffserklärungen

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Hans Langhein

(1.9.1887 Hamburg – 24.11.1962)
Turnlehrer am Johanneum
Hermann-Löns-Weg 70 (Wohnadresse 1960)

Hans-Peter de Lorent hat über Hans Langhein ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:  
„Er war ernst zu nehmen, eine Gefahr für Lehrer und Schüler mit kritisch-distanzierter Haltung, selbst wenn er sich lächerlich machte mit seinem penetranten Bekenntnis zum Nationalsozialismus .“

Ein fanatischer Nationalsozialist war der Turnlehrer am Johanneum, Hans Langhein. Auch seine Frau Olga Frieda und der Sohn, Hans-Hermann Langhein, waren Funktionäre in nationalsozialistischen Organisationen.
Während der Vater Hans Langhein als NSDAP-Ortsgruppenleiter nicht wieder in den Hamburger Schuldienst eingestellt wurde, erhielt sein Sohn, der hauptamtlicher HJ- Funktionär gewesen war, die Möglichkeit, nach 1945 das Referendariat zu beginnen und machte später Karriere als Oberstudiendirektor eines Hamburger Gymnasiums. Kontinuitäten einer Hamburger Lehrerfamilie.
Hans Langhein wurde am 1.9.1887 in Hamburg geboren.[1] In seinem Entnazifizierungsfragebogen gab er am 28.5.1945 als Geburtsort an: Deutsches Reich.[2]
Er besuchte von 1894 bis 1903 die Seminarschule in der Binderstraße und wechselte danach auf das Lehrerseminar, das er mit der ersten Lehrerprüfung 1909 abschloss. 1912 bestand er auch die zweite Lehrerprüfung und legte darüber hinaus die Turnlehrerprüfung ab. Danach arbeitete er als Volksschullehrer an der Seminarschule Binderstraße 34, wo er als Volksschullehrer zu der kleinen Minderheit gehörte, die nicht in der „Gesellschaft der Freunde“ organisiert war.[3]
Von 1914 bis 1918 kämpfte Langhein im Krieg, „meine Frontjahre“, wie er das nannte.[4]
Am 1.4.1925 wechselte Hans Langhein an die Gelehrtenschule des Johanneums, wo er als technischer Lehrer beschäftigt wurde. Damit war sein Status an der Schule definiert, in einer Anstalt mit einer „Riege der hoch respektierten Altphilologen“ war Langhein, ohne akademische Vorbildung, für den Turnunterricht zuständig. Uwe Reimer, der die Geschichte der Lehrerschaft am Johanneum während der NS-Zeit und auch nach 1945 geschrieben hat, notierte über ihn:
„Langhein war von Beginn seiner Tätigkeit am Johanneum bemüht, sich für die Schule einzusetzen. Er leitete die ‚Wandervereinigung des Johanneums‘, über deren Ausflüge er gern und oft in der Zeitschrift des Johanneums berichtete. Jahr für Jahr organisierte er das Turn- und Spielfest der Schule auf der Kampfbahn im Stadtpark, wofür Schulleiter Edmund Kelter ihm ausdrücklich Dank abstattete.“[5]
Diese Wertschätzung für den technischen Lehrer Langhein drückte Schulleiter Prof. Kelter in einem Schreiben an Oberschulrat Prof. Wolfgang Meyer dadurch aus, dass er für ihn die Beförderung vom technischen Lehrer zum Studienrat beantragte mit der Begründung:
„Der Turnlehrer, Herr Langhein, hat den noch bis vor zwei Jahren völlig im Argen liegenden Turnbetrieb des Johanneums zu achtungsgebietender Höhe gebracht, die Oberklassen, die sich zunächst vornehm ablehnend verhielten, mit Begeisterung für sein Fach erfüllt und auch verschiedentlich in der Öffentlichkeit wie beim ersten Sport fest des Johanneums sehr gute Leistungen gezeitigt. Auch hat er die sonst mit dem Turnbetrieb betrauten Herren durch freiwillige Vorturnerstunden in seinem Sinne erzogen und zu fruchtbarer Mitarbeit zum gemeinsamen Ziele gewonnen.“[6]
Dies war eine schlüssige Argumentation für den Oberschulrat Meyer, der gleichzeitig Vorsitzender der Hamburger Turnerschaft war. Tatsächlich spiegelte sie nicht die wirkliche Wertschätzung für den Lehrer Langhein an der Schule wieder, der sich nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft noch deutlicher präsentierte.
„Mit der Errichtung der NS-Diktatur kam Langheins große Stunde“, stellte Uwe Reimer fest.[7]
Hans Langhein war am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten und zunächst Zellenwalter, später stellvertretender Ortsgruppenamtsleiter in Fuhlsbüttel geworden, während des Krieges sogar Ortsgruppenleiter. Langhein war gleichzeitig NSLB-Mitglied und in die NSV eingetreten. In seinem Entnazifizierungsfragebogen hatte er angegeben, früher Mitglied der DNVP gewesen zu sein.[8]
„Plötzlich war er wichtig geworden – verfügte über einen Mitarbeiterstab, war zuständig für die ‚politische und weltanschauliche Führung und Ausrichtung‘ der ihm unterstellten Parteigenossen und hatte disziplinarische Gewalt. In der Schule verstand er sich als verlängerter Arm der Partei, sichtbar schon daran, dass er auch in der Schule Uniform trug. Er hatte im Blick, dass Flaggenappell und Absingen des Horst-Wessel-Liedes ordnungsgemäß erfolgten. Als ‚Vertrauenslehrer der HJ‘ stand er im engen Einvernehmen mit dem zuständigen Bannführer.“[9]
Der Schulleiter, Werner Puttfarken, ebenfalls Nationalsozialist der ersten Stunde mit antisemitischer Grundhaltung[10], bekam jetzt in anderer Weise mit Hans Langhein zu tun. „Gegenüber der Schule fühlte sich Langhein stark. Respektlos und vulgär, dabei seine eigene Bedeutung herausstreichend, verschwand er aus dem laufenden Unterricht mit der Bemerkung: ‚Ich muss mal eben zu Puddi rauf.‘ Mit ‚Puddi‘ war Direktor Puttfarken gemeint. Willi Thede gab später im Beratenden Ausschuss zu Protokoll, dass Langhein einen ‚starken Einfluss auf den damaligen Schulleiter‘ ausgeübt habe, ‚der sich dem Druck nicht immer entziehen konnte‘. So bestellte er Langhein zum Vertrauenslehrer der HJ.“[11] Hier schließt sich ein Kreis, denn der älteste Sohn von Hans Langhein, Hans-Hermann Langhein war nicht nur Schüler am Johanneum sondern auch Funktionär in der HJ.
Sport lehrer Hans Langhein nahm sich insbesondere der vormilitärischen Ausbildung der Schüler an. „Er brachte ihnen das Schießen mit Kleinkalibergewehren bei – auf Kosten der Eltern: Finanziert wurden die teuren Waffen und Munition durch die Schüler selbst: Bei jeder Übung hatten sie ein bestimmtes Entgelt zu entrichten.“[12]
Uwe Reimer schrieb auch, dass Hans Langhein sicherlich „eine Gefahr für Lehrer und Schüler mit kritisch-distanzierter Haltung gewesen“ sei. „Er war ernst zu nehmen, selbst wenn er sich lächerlich machte mit seinem penetranten Bekenntnis zum Nationalsozialismus .“[13]
Uwe Reimer hatte für seine Arbeit mit vielen ehemaligen Schülern des Johanneums gesprochen, die erzählten, dass Hans Langhein „mit Kriegsbeginn und damit einhergehender Lehrerknappheit fachfremd Biologieunterricht erteilen musste“ und dies zur „weltanschaulichen Schulung nutzte“. Dabei offenbarten sich Langheins fachliche und intellektuelle Defizite immer deutlicher. „Gegen das spöttische Verhalten der älteren Schüler wusste er sich nicht anders zu helfen, als sie vor die Tür zu stellen. Als er dann – aus Hilflosigkeit und als letztes Mittel sozusagen – nur noch aus ‚Mein Kampf‘ vorlas, mussten sich die Schüler mit spitzen Bemerkungen allerdings zurückhalten. Zu großer Belustigung kam es, als er‚ mit Hilfe der Mendelschen Regeln aus einem weißen und einem schwarzen Pferd … eineinhalb Pferde kreierte‘. Er wurde abfällig ‚Du‘ genannt, weil er Schüler, sogar Primaner, mit ‚Du Idiot du!‘ anzurempeln pflegte. Selbst jüngeren Schülern vermochte er nicht zu imponieren, dafür war sein Ausdrucksvermögen zu primitiv, ‚jeden Satz, den er an uns richtete, mit ‚Du’ beginnend und in einem breiten, ungepflegtem Hamburgisch fortsetzend‘.“[14]
Bei aller Macht als nationalsozialistischer Funktionär, sicherlich kein leichtes Pädagogenleben.
Wirklich schwierig wurde es für Hans Langhein allerdings erst 1945, als der nationalsozialistische Schutz für ihn zusammenbrach.
Am 22.10.1945 teilte ihm Schulsenator Heinrich Landahl im Auftrag der Britischen Militär regierung seine Entlassung aus dem Schuldienst mit. Als Politischer Leiter wurde er im Januar 1946 verhaftet und für sieben Monate in das Internierungslager Neuengamme überwiesen.[15]
Danach war Langhein zunächst arbeitslos, ab März 1947 fand er eine Anstellung als Holzfäller bei einer Fuhlsbüttler Firma.[16]
In seinem Entnazifizierungsfragebogen vom 9.7.1947 gab Langhein auch an, dass seine Frau Olga Frieda, mit der er seit dem 1.10.1912 verheiratet war und zwei Söhne hatte, Ortsfrauenschaftsleiterin gewesen war und sein ältester Sohn, Hans-Hermann, Bannführer bei der HJ.
Hans Langhein selbst hatte noch die Funktion eines Schulungsleiters beim Reichsluftschutzbund innegehabt.[17]
Am 9.7.1947 schrieb Hans Langhein an den Berufungsausschuss 3 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten und legte sachlich und schlicht seine politischen Funktionen offen. Er erklärte:
„Am 1.5.1933 bin ich Mitglied der NSDAP geworden und habe dort aus Idealismus und in der festen Überzeugung mitgearbeitet, meinem Vaterlande damit zu dienen. Irgendeine Entschädigung für meine Mitarbeit habe ich niemals erhalten, noch sind mir irgendwelche Vorteile daraus erwachsen. Ich habe im Gegenteil meine freie Zeit, Arbeitskraft und Geld geopfert. Meine Tätigkeit in der NSDAP begann ich im Juni 1933 als Zellenwalter im NSLB. Als solcher hatte ich aufgrund der mir vom Kreiswalter zugestellten Unterlagen die Mitglieder (etwa 50) in Blocks einzuteilen, Blockwalter zu bestellen, Beiträge zu kassieren, Karten und Zeitschriften zu verkaufen usw. 1934 wurde ich zum Ortsgruppenamtswalter der neugebildeten Orstgruppe Flughafen bestellt. Die Arbeit spielte sich in demselben, nur größeren Rahmen ab, verlagerte sich aber immer mehr in die Fachschaften und Schulen und hörte schließlich ganz auf. In meiner Eigenschaft als Vertreter des NSLB wurde ich gleichzeitig mit der Schulung der politischen Leiter beauftragt. Da mir jede rednerische Begabung fehlte, habe ich die politischen Leiter in kleinen Gruppen (je 25–30 Mann) eingeteilt und mit ihnen in dem Buch ‚Mein Kampf‘, in den Schulungsbriefen und sonstiger NS- Literatur gelesen. Zu größeren Veranstaltungen bestellte die Ortsgruppe Kreis- oder Gauredner.“[18]
Infolge des Krieges, schrieb Langhein, wurden viele NSDAP-Funktionäre zur Wehrmacht eingezogen, sodass er nicht mehr nur als Ortsgruppen-Organisationsleiter, sondern sogar als Ortsgruppenleiter fungierte. Der Stolz darauf hinderte Langhein daran, seine Aufgaben zu bagatellisieren.[19]
Dem Beratenden Ausschuss für die höheren Schulen Hamburgs gehörte auch der Oberlehrer des Johanneums, Willi Thede, an, der mit Langhein von 1925 bis 1945 an einer Schule gearbeitet hatte. Auf seine Aussage berief sich der Ausschuss:
„Seit März 1933 zeigte L. plötzlich eine nationalsozialistische Haltung, die fast das ganze Kollegium und die Schülerschaft empörte. Er verfolgte Schüler jüdischen Blutes und versuchte solche Kinder von den gemeinsamen Spielfesten auszuschließen. Als stellvertretender Ortsgruppenleiter tat er alles, um die Anschauung der Partei in die Schule einzuführen und übte einen starken Einfluss auf den damaligen Schulleiter aus, der sich dem Druck nicht immer entziehen konnte. Gegen Kollegen, die sich ihm nicht fügten, machte er Anzeigen beim Direktor. Er fühlte sich eben als Vollstrecker des Parteiwillens. Zusammen mit seinem Sohn kontrollierte er sogar den Haarschnitt der Schüler. Seine Familie war völlig im Banne des Nationalsozialismus . Es erscheint dem Beratenden Ausschuss unmöglich, dass dieser bis zuletzt (am Tage vor der Kapitulation war er noch Adjudant im Volkssturm) fanatische Nazi wieder in den Schuldienst eingestellt werden kann. Das Äußerste, was der Beratende Ausschuss aus rein menschlichen Erwägungen befürworten kann, ist die Gewährung einer Teilpension.“[20]
In einem Schreiben an den Berufungsausschuss 17 nahm Hans Langhein Stellung zu den Aussagen des Beratenden Ausschusses. Er schrieb:
„Ich soll eine ‚Haarschnittkontrolle‘ der Schüler des Johanneums vorgenommen haben. Diese Haarschnittkontrolle ist von dem damaligen Direktor des Johanneums, Dr. Puttfarken, im Einvernehmen mit der Hamburger HJ-Führung angesetzt und durchgeführt worden. Ich habe lediglich auf Anweisung von Dr. Puttfarken die Klassen in der Turnhalle aufgestellt und hatte für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Besichtigung wurde von Direktor Dr. Puttfarken und dem zuständigen Bannführer (das war mein ältester Sohn) vorgenommen.“[21]
Die Belastung seines Sohnes entlastete den Vater nicht wirklich.
Zur Frage, ob Hans Langhein jüdische Schüler von den Sport festen der Schule ausgeschlossen und von der Schule vertrieben habe, schrieb er, dass dieses auf Veranlassung und Verfügung der Behörde stattfand und er daran keinen eigenen Anteil gehabt habe. Er selbst habe bedauert, dass er „besonders befähigte Nichtarier nicht mehr bei Wettkämpfen gegen andere Schulen“ einsetzen konnte. Langhein bestritt auch, Druck auf den Direktor ausgeübt zu haben, „das sei allenfalls dem Kreisleiter möglich gewesen“. Und beim Schulleiter denunziert habe er auch keine Kollegen „wegen ihres politischen Verhaltens. Im übrigen wäre so etwas vollständig überflüssig gewesen, da beispielsweise Direktor Puttfarken viel länger am Johanneum tätig war und die Kollegen in ihrer politischen Einstellung mindestens ebenso gut, wenn nicht besser, als ich, kannte.“[22]
Als Leumundszeugen benannte Langhein dann die beiden ehemaligen NS- Schulleiter Werner Puttfarken („Puddi“) und Erwin Zindler[23], die aufgrund ihrer NS-Belastung zur selben Zeit Schwierigkeiten hatten, entnazifiziert zu werden.
Somit hörte der Berufungsausschuss 17 unter Vorsitz des zu Milde neigenden Rechtsanwalts Soll den ehemaligen Kollegen von Hans Langhein am Johanneum und Mitglied des Beratenden Ausschusses, Willi Thede. Dieser bestätigte an einem konkreten Fall, dass es Langhein gewesen war, der einen „nichtarischen Schüler von der Teilnahme an dem Sport fest ausgeschlossen habe“. Thede erklärte, dass zu jenem Zeitpunkt, im Jahre 1935, noch keine behördlichen Richtlinien dazu vorgelegen hätten und nach seiner Auffassung auch Direktor Puttfarken eine solche Maßnahme nicht getroffen habe. Und Willi Thede erklärte weiter:
„Durch Indiskretion erfuhr ich, dass die HJ beabsichtigte, gegen mich vorzugehen. Ich hatte Schulaufgaben gestellt, die ich nicht hätte geben dürfen. In einem Antwortschreiben von Direktor Puttfarken befand sich ein Passus, dass er, Puttfarken, bereits von Langhein über diesen Fall unterrichtet worden sei.“[24]
Hans Langhein bestritt diese Aussagen. Er selbst hatte noch einen Leumundszeugen angegeben, Albert Tomforde, der zwei Jahre lang mit Langhein zusammen als Lehrer am Johanneum gearbeitet hatte (von 1932 bis 1934). Tomforde war selbst seit dem 1.5.1933 Mitglied der NSDAP gewesen, später Schulleiter geworden und hatte nach 1945 ebenfalls Schwierigkeiten mit der Entnazifizierung gehabt. Das stärkste Argument, das Tomforde einbrachte, war, dass „Langhein seinen Schwager, der Halbjude war, in seiner Wohnung aufgenommen hatte“.[25]
Der Berufungsausschuss unter Leitung von Rechtsanwalt Soll kam zu dem Ergebnis, dass Langhein nicht wieder als Lehrer zugelassen werden könne, jedoch mit 50 Prozent seiner Ruhegehaltsansprüche in den Ruhestand versetzt werde unter Einstufung in Kategorie IV. Als Begründung gab der Ausschuss an:
„Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass Langhein sich sehr positiv zum Nationalsozialismus eingestellt hat und dass er auch den Nationalsozialismus durch sein persönliches Eintreten und durch die verschiedenen von ihm in seinen Ämtern ausgefüllten Tätigkeiten gestärkt hat. Zu seinen Gunsten war aus den Leumundszeugnissen zu entnehmen, dass er offenbar eine loyale und hilfsbereite Haltung politisch Andersdenkenden gegenüber eingenommen hat.“[26]
Bemerkenswert ist dabei auch das Schreiben von Dr. Hans Lorenz Lorenzen, der Hans Langhein folgendes bescheinigte:
„Während meiner Amtstätigkeit an der Gelehrtenschule des Johanneums (bis Herbst 1937) hat Herr L. weder jüdische Schüler ihren nichtjüdischen Kameraden gegenüber benachteiligt noch, wie behauptet worden ist, sie von der Schule verwiesen. Im Gegenteil habe ich, da ich damals selbst an den Turnspielen beteiligt war, beobachtet, dass Herr L. an den Leibesübungen interessierten jüdischen Schülern volle Gerechtigkeit und alle Förderung hat zuteil werden lassen. Ich habe gerade diesen Fragen meine besondere Aufmerksamkeit gewidmet und mich auch über die jeweiligen amtlichen Bestimmungen unterrichtet, weil ich als Halbjude selbst zu den Betroffenen gehörte und auch im Herbst 1937 ein Opfer der NS-Rassenpolitik geworden bin. Mir ist bekannt, dass jüdische Schüler sich damals an Schulveranstaltungen nicht aktiv beteiligen durften, auch, dass sie später von den Schulen verwiesen wurden. Ich weiß aber auch, dass alle derartigen Maßnahmen von der Schulleitung ausgehen mussten, nicht aber in das Ermessen einzelner Lehrkräfte gestellt waren.“[27]
So sahen bestellte und abgesprochene „Persilscheine“ aus. Hans Lorenz Lorenzen hatte für einige aktivistische Nationalsozialisten Leumundszeugnisse ausgestellt, die deswegen ein besonderes Gewicht bekamen, weil Lorenzen tatsächlich als „Halb-Jude“ 1937 entlassen worden war. Was er in seinem Schreiben nicht mitteilte, war, dass er der Schwager von Hans Langhein war, und dass er selbst in Zeiten der Weimarer Republik auf der Liste der rechten Lehrer-Gruppe Mitglied der Lehrerkammer gewesen war, einer Lehrergruppe, auf der viele Deutschnationale und spätere prominente Nationalsozialisten kandidierten.[28]
Am Ende wurde Langhein mit 50 Prozent Pension in den Ruhestand geschickt. Er verfasste weitere Einsprüche und nach dem Schreiben seines Schwagers, der diese Verwandtschaft dabei nicht offen gelegt hatte, entschied der Leitender Ausschuss am 24.10.1951, Langhein 75 Prozent des Ruhegehaltes zuzubilligen.
Hans Langhein starb am 24.11.1962.[29]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Personalakte Langhein, StA HH 361-3_A 1285
2 Entnazifizierungsakte Langhein, StA HH, 221-11_Ed 6616
3 Hamburgisches Lehrerverzeichnis des Stadt- und Landgebiets, Schuljahr 1924–1925, S. 98. In diesem Verzeichnis sind die Mitglieder der „Gesellschaft der Freunde“ mit einem Sternchen versehen. Der Organisationsgrad der Volksschullehrer in der „Gesellschaft der Freunde“ lag zu dieser Zeit bei etwa 90 Prozent.
4 Personalakte a. a. O.
5 Uwe Reimer: Johanneum 1945 – Ende und Anfang. Eine Nachlese. Hamburg 2012, S. 40 f.
6 Personalakte a. a. O.
7 Reimer 2012, S. 40.
8 Entnazifizierungsakte a. a. O.
9 Reimer 2012, S. 40.
10 Siehe die Biografie Werner Puttfarken, in : Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 691 ff.
11 Reimer 2012, S. 40 f.
12 Reimer 2012, S. 41.
13 Ebd.
14 Reimer 2012, S. 41 f.
15 Entnazifizierungsakte a. a. O.
16 Personalakte a. a. O.
17 Entnazifizierungsakte a. a. O.
18 Entnazifizierungsakte a. a. O.
19 Entnazifizierungsakte a. a. O.
20 Beratender Ausschuss vom 17.12.1947, Entnazifizierungsakte a. a. O.
21 Schreiben vom 22.2.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
22 Ebd.
23 Siehe die Biografie von Erwin Zindler, in: de Lorent 2016, S. 538 ff.
24 Berufungsausschuss 17 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten vom 10.3.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
25 Ebd. Siehe die Biografie Albert Tomforde in diesem Band.
26 Ebd.
27 Schreiben vom 9.3.1951, Entnazifizierungsakte a. a. O.
28 Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium. Hamburgs Gymnasien und die Berufsvertretung der Lehrerinnen und Lehrer von 1870 bis heute, Hamburg 1999.
29 Personalakte a. a. O.
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand November 2021: 900 Kurzprofile und 303 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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