Begriffserklärungen

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Rudolf Fehling

(9.4.1897 Hamburg - 24.6.1972)
Lehrer an der Jahnschule. Turnwart
Wohnadresse: Gustav-Falke-Straße 50, (1. Stock)
Wirkungsstätte: Bogenstraße 34-36 (Jahnschule, seit 2000 Ida Ehre Schule)

„Wir sollten endlich den liberalistischen Satz ‚Wissen ist Macht‘ ausstreichen und dafür schreiben: ‚Kanonen sind Macht‘.“

Ein Mann mit vielen Gesichtern war offenbar Robert Fehling. Auf dem Foto von der Kollegiumsfeier der Jahnschule 1935 sitzt er im Smoking auf dem Boden in der ersten Reihe, zentral, verschmitzt, selbstbewusst, in gerader Haltung in die Kamera blickend. Man sieht ihm dabei nicht an, in welchem Geist, mit welcher Mission er als Turnwart die Jahnschüler für das System drillt. Dies wird erst auf den Bildern von den jährlichen Sport festen deutlich. Fehling im kurzen Sport dress, im Turnhemd mit dem Emblem des Deutsch-Völkischen Turnvereins auf der Brust bei der Siegerehrung vor der Hakenkreuzfahne. Und da gibt es noch die Erinnerungen von Uwe Storjohann, der beschreibt, was Rudolf Fehling in der Reichspogromnacht am Bornplatz trieb.

„Ich war in meinem Zimmer, als Vater am frühen Nachmittag von der Jahnschule nach Hause kam. Ich habe genau gehört, was auf dem Korridor gesprochen wurde. Jedes Wort. ‚So macht man Deutschlands Namen keine Ehre. Stell dir vor, der Fehling hat die Synagoge in der Rutschbahn angezündet…‘. Fehling ist Vaters Kollege, Turnlehrer in der Jahnschule. ‚Und am Bornplatz in der großen Synagoge haben sie alles kurz und klein gemacht, die Fensterscheiben, den Vorhang, die heilige Lade, Thorarollen und Teppiche.‘

‚Sie‘ – das sind die Vollzugstruppen des heiligen Volkszorns: SA, SS, Politische Leiter, Jahnschullehrer Fehling als Kreisleiter an der Spitze.

Vater nimmt die Juden nicht in Schutz. Natürlich müsse man sich wehren, wenn deutsche Staatsbürger im Ausland niedergeschossen würden, aber doch nicht mit solchen Übergriffen.

‚Lass die Juden sein, wie sie wollen, aber Synagogen – das sind Gotteshäuser, das sind ihre Tempel. Daran vergreift man sich nicht‘. Der Kollege Fehling hat mit seinen Brandschatzfackeln auch Vaters Idealbild vom ‚edlen Deutschen‘ angekokelt. ‚Und er brüstet sich auch noch mit seiner ‚Heldentat“‘! Tut sich damit dicke, daß sie die Juden rudelweise aus den Häusern raus geprügelt haben, mitten in der Nacht! Und lacht sich halbtot darüber, dass einer von den Geprügelten ‚Hilfe, Polizei ‘ gerufen hat.“ (1)

Rudolf Fehling wurde am 9.4.1897 in Hamburg geboren. Sein Vater war Postschaffner und langjähriger Geschäftsführer des ehemaligen Bauvereins der Postbeamten in der Gustav-Falke-Straße . In der Mansteinstraße in Eimsbüttel ist ein Block nach ihm benannt und eine Gedenktafel angebracht.

1916 hatte Rudolf Fehling sich freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet und war „6 Wochen im Felde“, wie er in seinem Lebenslauf schrieb. (2)

Rudolf Fehling besuchte das Lehrerseminar in Hamburg und absolvierte schon am 22.2.1918, als noch 20-Jähriger, die Prüfung. „Festangestellter beamteter Lehrer“ wurde er am 1.4.1922, seine erste Schule war die Volksschule Wrangelstraße 83.

1927 wechselte Fehling an die Schule Kielortallee zu Schulleiter Peter Jacobsgaard. Parallel zu seiner Lehrertätigkeit betrieb der vielfältig interessierte Fehling in der Mansteinstraße 26 in Eimsbüttel ein Fotogeschäft. (3)

Der Deutsche Photo- und Kinohändler Verbund beklagte sich bei der Schulbehörde über Fehlings Nebentätigkeit in nahezu denunziatorischer Weise.

Mit Jacobsgaard und einem Großteil des Kollegiums wechselte Fehling 1934 von der Kielortallee an die Schule Bogenstraße , die auf Fehlings Initiative kurz darauf in Jahnschule umbenannt wurde.

Rudolf Fehling trat zum 1.5.1933 in die NSDAP ein. Gleichzeitig war er Mitglied im NSLB geworden. Dort übernahm er bald die Funktion eines Gauhauptstellenleiters für Eimsbüttel. Offenbar in Zusammenarbeit mit Schulleiter Peter Jacobsgaard war Fehling auch im Curiohaus beim NSLB aktiv als Unterstützung des Kassenverwalters. Laut späterem Entnazifizierungsfragebogen war Fehling weder in der SA noch SS-Mitglied. Die Exzesse Fehlings in der Synagoge am Bornplatz zeigen, dass dort nicht nur die SA wütete, und, laut Uwe Storjohann, gab es für Fehlings Gewalteinsatz in der Reichspogromnacht kein Verständnis im Kollegium der Jahnschule: „Das Verhältnis des Kollegiums an der Jahnschule ist nicht spezifisch durch die eine oder andere vorherrschende Einstellung geprägt gewesen. Nur einmal hat sich öffentliche Empörung gezeigt. Nach der Reichskristallnacht vom 9. November 1938. Am Morgen danach sei Fehling mit deutlichen Spuren einer ‚schmutzigen Arbeit‘ in die Schule gekommen und habe mit den Ereignissen und seinem Mitwirken sowohl vor Kollegen als auch vor Schülern geprahlt. Das Kollegium sei sowohl über die Ereignisse an sich als auch über das Verhalten Fehlings schockiert gewesen.“ (4)

SS-Mann Walter Behn gehörte zu diesem Zeitpunkt noch zum Kollegium der Schule Binderstraße 14.

Neben seiner schulischen Haupttätigkeit als Turnwart war Fehling für die NS- Bewegung und für militärische Übungen unterwegs, mit dem Ziel, seine Offizierskarriere schon vor dem Krieg auf den Weg zu bringen. Vom 18.2. bis zum 16.3.1935 nahm er an einem Lehrgang der Gauführerschule teil. 1936 jubelte er Hitler und Goebbels beim Reichsparteitag in Nürnburg zu (10.9.-17.9.1936). (5)

Und Urlaub für die Reichswehr und für militärische Übungen gab es ab 1935 jedes Jahr. In jeweils etwa 6 Wochen wurden die potenziellen Offiziere auf den zukünftigen Krieg vorbereitet.

Am 29.7.1937 teilte Fehling nach einer Übung stolz mit, zum Leutnant der Reserve befördert worden zu sein. Alles kam in die Lehrer-Personalakte.

Im Jahr 1938 erhielt er gleich zwei Beurlaubungen. Vom 21.4 - 18.5.1938 eine „Pflichtübung“ für Reserveoffiziere und im Herbst (15.9.-24.10.1938) eine „aktive Wehrübung“. Vertretungskräfte gab es keine, die Wehrübungen gingen zu Lasten des übrigen Kollegiums, wie auch bei Hermann Reisener und Richard Waage, die genau so häufig zu militärischen Übungen unterwegs waren. Schulleiter Jacobsgaard zeigte gar nicht begeistert. Er wies darauf hin, Fehling sei in dem Schuljahr schon einen Monat beurlaubt gewesen. Er habe „kaum Gelegenheit“ gehabt, „im Sommerhalbjahr seine Klasse zu unterrichten“. Aber Hitler-Deutschland hatte Großes vor. Im März 1939 beantragte Fehling eine weitere Übung für den 20.4.-3.5.1939. Jacobsgaard wies darauf hin, er müsse dann Fehlings Klasse „auf Parallelklassen aufteilen“. Trotzdem genehmigte die Behörde. (6)

Am 30.8.1939 wurde Fehling zur Wehrmacht eingezogen. Jacobsgaard blieb nur noch die Aufgabe, Ersatz und Vertretung zu regeln. Der Behörde teilte er   am 8.5.1940 mit, Fehling und Reisener seien jeweils zum Oberleutnant befördert worden, Walter Behn zum Leutnant.

Über Fehlings weitere Kriegskarriere wurde erst 1947 wieder etwas aktenkundig, als er 1946 nach 2 ¾ Jahren aus amerikanischer Gefangenschaft nach Hamburg zurückkehrte. Dazu später mehr im Kontext seines Entnazifizierungsverfahrens.

Das Turnen bekam unter NS-Herrschaft eine besondere Bedeutung. Wobei eine 3. Sport stunde in der Woche, ein Spielnachmittag, das pflichtmäßige Schulschwimmen schon vor 1933 in Hamburg eingeführt worden waren. Neu war: „Der Wandel des bisherigen Schulturnens zur ‚politischen Leibesübung‘ und damit die grundsätzliche Anerkennung der Leibesübungen als ein gleichberechtigtes Erziehungsgebiet“. (7)

Fehling arbeitete mit in einem Ausschuss des NSLB, der Fachschaft Turnen. Dort wurde ein „Schulplan für den Unterricht in allen Leibesübungen“ verfasst, den der Präsident der Kultur- und Schulbehörde probeweise in Kraft setzte. Danach sollten in Zukunft alle Schüler im Fach Leibesübungen bewertet und zensiert werden.

Darüber hinaus setzte sich Fehling dafür ein, an der Jahnschule eine „bewußt vaterländische und völkische Erziehung“ durchzusetzen, „das alte Jahnsche Turnen mit neuem Geist“. Richard Waage schrieb in der Schulchronik der Jahnschule auch, dass es Fehling war, der schon 1932 den Gedanken, die neue Schule in der Bogenstraße „Jahnschule“ zu nennen, „mit führenden Männern der Deutschen Turnerschaft in Hamburg“ ins Gespräch gebracht habe. Und Fehling war es auch, der ein Fortbildungsprogramm entwickelte, die Lehrer der Jahnschule zu befähigen, den Unterricht „im neuen Geiste“ zu erteilen. So schrieb er in seinem Bericht als Turnwart der Jahnschule über das 1. Halbjahr 1934: „Es war nicht immer möglich, Turnlehrkräfte für alle Klassen frei zu bekommen.- Um trotzdem noch gute Erfolge zu erzielen, wurden für weniger kundige Lehrkräfte 3 Musterturnstunden vom Turnwart abgehalten. In einer letzten Schulstunde wurden die Kinder bis auf die Vorführklasse nach Hause geschickt, um allen Lehrkräften die Teilnahme zu ermöglichen.“ (8)

Dass Fehling nicht allein das Turnen am Herzen lag, wie er es strategisch einbettete, vielleicht auch, wie NS-Ideologie des sich für Höheres rüstenden Offiziers sich in seinem Denken auswirkte, zeigt ein Aufsatz, der am 12.2.1938, prominent aufgemacht, auf der Titelseite der Hamburger Lehrerzeitung unterm Hakenkreuz erschien, Titel: „Vormilitärische Erziehung der deutschen Jugend“. Da nahezu alle Hamburger Pädagogen Mitglieder im NSLB waren, kamen Fehlings kriegsvorbereitende Gedanken auf jeden Lehrertisch. Im Entnazifizierungsverfahren nach dem Krieg sollte dieser Aufsatz eine besondere Rolle spielen. Darum und um die Gedanken Fehlings im Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkrieges genauer zu kennen, hier einige wesentliche Zitate:

„Es gibt leider noch sehr viele Erzieher, die die Grundsätze der nationalsozialistischen Erziehung nicht beherzigen. Und unser Führer hat sie in seinem ‚Kampf‘ so klar herausgestellt: Auf Seite 452 lesen wir: ‚Der völkische Staat hat seine Erziehungsarbeit in erster Linie auf die Heranzüchtung kerngesunder Körper einzustellen. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Hier aber an der Spitze die Entwicklung des Charakters… Erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung.‘ – Die Reihenfolge der Aufgaben ist wichtig; wichtig ist aber auch, daß nicht eins allein gefordert wird, sondern Ziel ist der ganze Mensch im Charakter, Geist, Körper und Wissen. Die heutige stärkere Betonung der Leibesübungen ist noch vielen unverständlich, aber immer noch gibt es Ballast, der aus der Schule herausgeworfen werden müsste, damit die Bahn wirklich frei wird für eine neue Erziehung, für vermehrte Leibesübungen. In der alten liberalistischen Zeit war die Schule weniger Erziehungsstätte sondern ein Mittel, die einzelnen Fähigkeiten für seinen Kampf ums Dasein zu vermitteln. Nicht die Methode, nicht der Geist waren den Eltern wichtig, die Hauptsache war, dass der Junge etwas lernte. Das ist eine liberalistische Auffassung, die nur darum sorgt, dass es dem einzelnen gut gehe. Aber der große Krieg hat es doch besonders in seinen letzten Jahren jedem anschaulich bewiesen, dass der einzelne nichts, die Nation alles ist, dass ein Schicksalsband uns alle umschlingt, und demgemäß muss die Schule das Volk im Kampf ums  Volksdasein stärken. Damit erhalten wir eine andere Einstellung zu den wissenschaftlichen Fächern.“ (9)

Obwohl der Aufsatz sicherlich von der HLZ-Schriftleitung redigiert wurde, dkumentierte er auf allen Ebenen die Dürftigkeit des Denkens und Schreibens Fehlings. Vielen reformpädagogisch orientierten Mitgliedern des alten Lehrerverbandes (Gesellschaft der Freunde) dürften die Haare zu Berge gestanden haben.

„Dass in dieser Einstellung der Schule zu Volk und Vaterland auch die Wehrerziehung einen Raum einnehmen muss, sollte jedem Lehrer klar sein, Volk und Staat gehen sonst auch hier über die Lehrerschaft hinweg, wie sie es schon einmal getan haben.“

Fehling beschrieb unmissverständlich, worum es geht. Wenn Uwe Storjohann als Grundschul-Kind im Sport unterricht darunter gelitten hat, nicht Fußball spielen zu dürfen, sondern von Schleifern und Sadisten gequält zu werden, wurde in diesem Aufsatz deutlich, welche Ziele dahinter steckten:

„‚An der Marne hat sich die deutsche Illusion eines Menschenalters gerächt, Deutschland könnte sich anders als wehrhaft behaupten.‘ Dieser Satz von Horst von Metzsch, daß es um die Bewahrung des deutschen Lebensraumes geht, findet heute überall Anerkennung, aber ist man auch geneigt, die Folgerungen daraus zu ziehen? Und dabei sind wir doch über die Auswirkungen eines totalen Krieges im Klaren.(…)Wir dürfen also im Frieden nichts versäumen, wenn wir aus den Erfahrungen des letzten Krieges etwas gelernt haben. Noch lebt die Generation der Kriegsteilnehmer, und sie hat noch eine große Aufgabe zu erfüllen: Der Jugend die große Schicksalsbedeutung des Weltkrieges klarzumachen.(…) Denn das sind die Lehren der letzten Jahre: Niemand hilft uns, wenn wir uns nicht selber helfen. Der Starke hat immer recht. Ein Völkerrecht gibt es nicht, wenn es um Lebensfragen des eigenen Volkes geht. (…) Wer in der Stunde der Not nicht kriegstüchtig ist, muss es gegebenenfalls mit seinem Leben bezahlen und droht damit, sein Volk in Mitleidenschaft zu ziehen. Unsere Jugend sei männlich hart, gehorsam, waffentüchtig und charakterfest; das sind mit kurzen Worten die Forderungen, die heute an unsere Jugend gestellt werden.“ (10)

Es gibt nur wenige Beispiele in der Hamburger Lehrerzeitung, in denen so unverblümt auf den Krieg vorbereitet wurde:

„Erforderlich ist der Einbau des Wehrgeistes in die gesamte Lebenshaltung des Volkes. Nicht Elternhaus, Schule und Jugendbewegung sind Träger einer Wehrerziehung, die ihre Krönung im Militär dienst findet. Nein, sein ganzes Leben lang muss der Deutsche sich als Verteidiger der Nation und ihres Lebensraumes fühlen. Höchster Stolz des Jünglings wie des Mannes ist, Waffenträger der Nation zu sein!“(11)

Und Wehrerziehung ist fächerübergreifend für Fehling und muss das Elternhaus mit einbeziehen, wie er schreibt:

„Im Elternhauserinnern den Jungen Kriegsbriefe, Andenken, Tagebücher und Erzählungen des Vaters an die große Zeit, formen einen gewissen Familienstolz, erwecken oft eine alte Tradition.(…)

Im Deutsch- und Geschichtsunterricht bietet die Auswahl des Stoffes genug Gelegenheit, von Helden- und Soldatentum zu sprechen. Die Jungen müssenGeschichte erleben, Zeiten und Zustände verstehen lernen. In der Erdkunde kann man geopolitische Fragen streifen, auf Kartenkunde und Wetterdienst eingehen, in der Mathematik Landmessung, in der Physik Flugbahnen, Fernsprecher, Radio behandeln, Kampfstoffe sind ein Thema für den Chemieunterricht. Ferner müssen in den staatspolitischen Unterricht Truppenkunde und Waffenkunde einbezogen werden, ohne dass man sich dabei in Einzelheiten verlieren muss.“ (12)

Nach 1945 wird Fehling wie viele andere behaupten, er sei „kein Aktivist kein Militarist und immer Demokrat“ gewesen, wie er eines seiner Papiere überschrieb. (8) Eine groteske Behauptung von jemandem, der sich an so exponierter Stelle in dieser Weise schriftlich geäußert hatte. Ich beschränke mich auf einige Zitate.  Der ganze Aufsatz, 1937 geschrieben, war ein krudes Sammelsurium unzweideutiger Aussagen, die eine Jugend zielgerichtet auf einen Krieg vorbereiten sollten.

„Wir sollten endlich den liberalistischen Satz ‚Wissen ist Macht‘ ausstreichen und dafür schreiben: ‚Kanonen sind Macht!“ Das sollte heute jeder begriffen haben. Unsere Jugend drängt zum Soldatischen, sie fordert es ernsthaft und will keine Soldatenspielerei. Das ist aber nur eine Frage der Ausbilder.“ (14)

Fehlings Vorstellungen des Zusammenwirkens vormilitärischer Erziehung und militärischer Ausbildung wurden klar benannt:

„Ich halte folgenden Plan für die Wehrausbildung als geeignet: Vom 10. bis 14. Lebensjahr: Vorbereitung im DJ., Geländedienst, Erziehung zur Härte, wie bisher. Vom 14. bis 16. Lebensjahr wird die Vorausbildung fortgesetzt, dazu treten Kriegsspiele, Schießen und anderes. Vom 16. bis 18. Lebensjahr erfolgen die soldatische Grundausbildung mit Gewehr und der formale Schützendienst. Vom 18. bis 20. Lebensjahr gehört der Jugendliche der Miliz (SA?) an und erfährt seine Ausbildung im Felddienst und in den Spezialwaffen. Bei 40 Wochen Dienst im Jahr, einem Übungs- oder Unterrichtsnachmittag von 3 Stunden in der Woche, einem monatlichen Ausmarsch ins Gelände, erstreckt sich dann die Ausbildung über 10 Jahre!“ (15)

Im Entnazifizierungsverfahren zeigte Fehling eine andere Seite, larmoyant, opportunistisch und unverfroren, wenn es darum ging, Taten zu verleugnen und Fakten zu verbiegen. Sicherlich hatten die persönlichen Erlebnisse der Jahre zuvor dazu beigetragen.

Seit 1939 befand sich Rudolf Fehling im Kriegsdienst. Am 1.6.1942 war er, in Tunesien stationiert, zum Hauptmann befördert worden und Ortskommandant in Sousse.

Im Mai 1943 geriet Fehling in Tunesien in amerikanische Grefangenschaft und wurde in Mexia, Texas im Kriegsgefangenenlager interniert, aus dem er nach 2 ¾ Jahren entlassen wurde. Vorher hatte er sich freiwillig zu einem viermonatigen Ernteeinsatz gemeldet, wodurch seine Entlassung aus dem Gefangenenlager beschleunigt wurde.

Am 10.7.1946 füllte er den Entnazifizierungsfragebogen aus, als Zeuge unterschrieb der damals als Schulleiter eingesetzte Walter Jeziorsky, seit 1934 Lehrerkollege von Fehling an der Jahnschule. (16)

Es begann ein langes Entnazifizierungsverfahren. Das war vergleichsweise ungewöhnlich, weil die Ausschüsse mit zurückgekehrten Kriegsgefangenen besonders milde umgingen.

Rudolf Fehling war trotz vergleichsweise geringer Funktionen im NS-Staat ein anderer Fall. Zitiert wurde vom Beratenden Ausschuss am 3.12.1946 zwar die Aussage des Oberschulrats für das Volksschulwesen in der Nazizeit und zweithöchsten NSLB-Funktionärs in Hamburg, Albert Mansfeld. In der Übersetzung für die Britische Militär regierung hieß es: „He (Fehling) is not only an National Socialist at heart but also publicly works for it.“ (17)

Und der Ausschuss fügte hinzu, dass alle Lehrer, die Fehling von früher gut kannten, vom Ausschuss befragt, sich geweigert hätten, ihn zu verteidigen („refused to vindicate him“).

Die Einlassungen Fehlings waren für den Ausschuss sachlich und logisch nicht haltbar. (18)

Fehling hatte behauptet, „kein Aktivist, kein Militarist und immer Demokrat“ gewesen zu sein, Dagegen stellte der Ausschuss einige Zitate aus dem HLZ- Artikel aus dem Jahr 1938, etwa: „Wir sollten endlich den liberalistischen Satz: ‘Wissen ist Macht‘ ausstreichen und dafür schreiben: ‚Kanonen sind Macht‘.“ (19)

Fehling und seine Familie (Frau und Sohn) litten sicherlich materielle Not ohne seine Anstellung in der Schule. Fehling muss als Trümmerarbeiter seinen Lebensunterhalt verdienen, seit April 1947 arbeitete er als Bauhilfsarbeiter.

Auch unter dem für Milde bekannten ehemaligen Oberlandesgerichtspräsidenten Wilhelm Kiesselbach gab es am 1.12.1948 keine Milde für Rudolf Fehling, der Widerspruch gegen die Entlassung aus dem Schuldienst eingelegt hatte. „Der Ausschuss hat gewisse Bedenken, ob es möglich ist, einen Mann, der sich bereit gefunden hat, einen derartigen Artikel von sich zu geben, wieder als Lehrer der Jugend zu beschäftigen.“ (20)

Fehling stellte am 23.7.1949 erneut einen Antrag, zum 1.10.1949 als Lehrer wieder eingestellt zu werden. Der Personalreferent, Karl Hoffmann, teilte ihm mit, dass eine Wiedereinstellung in den Hamburger Schuldienst nicht vorgesehen sei. Es dauerte noch knapp ein Jahr. Zum 15.4.1950 wurde Fehling dann doch wieder als Lehrer an der Schule Imstedt 20 beschäftigt. Schulsenator Landahl zeichnete einen Vermerk ab, in dem es hieß: „Die Einstellung wurde zunächst abgelehnt, weil er sich als Nationalsozialist gebärdet hatte. Eine erneute Überprüfung hat zu der Auffassung geführt, daß er im Grunde ein harmloser Wichtigtuer gewesen ist.“ (21) Ein Jahr später, am 5.9.1951, wurde Rudolf Fehling zum Abschluss der Entnazifizierung in Kategorie V eingeordnet, als Entlasteter.

Einige Angaben Fehlings sollen noch einmal kurz dargestellt werden. Wie belegte jemand seine angeblich demokratische Haltung, der sich 1938 noch gebrüstet hatte, die Synagoge am Bornplatz mit in Brand gesetzt zu haben und der die Juden in Angst und Schrecken versetzt hatte?

„Mein Eintritt in die Partei erfolgte ohne Bedenken, denn die Regierung war vom ganzen Volk gewählt worden, außerdem wollte ich meinem Vater die Stellung erhalten.“ (22) In der Anmerkung zu dieser Aussage, „ohne Bedenken in die NSDAP eingetreten zu sein“, schrieb er dann „vom seelischen Druck“, unter dem er gestanden habe. Sein Vater, Geschäftsführer der Baugenossenschaft der Postbeamten, habe ein SPD-Mitglied zum Freund gehabt. Und: „Da ich selber durch die soziale Stellung meines Vaters verdächtig war und selbst gelegentlich illustrierte Zeitschriften, die gegen Kapitalismus und gegen Krieg propagierten, herumgezeigt hatte, befürchtete ich ebenfalls zu den ‚Roten‘ gerechnet zu werden und ebenfalls wie der Genosse P. meines Amtes verlustig zu gehen.“ Und Fehling behauptete: „Da auch einige Bekannte, die Parteimitglieder der NSDAP waren, mir dies prophezeiten und mir drohten, die Partei würde gegen alle sozialistisch gesonnenen Lehrer vorgehen, so sah ich den einzigen Ausweg darin, noch eben vor Toresschluss in die Partei einzutreten. Gleichzeitig hoffte ich damit meinem Vater zu helfen.“ (23)

Auf die Spitze trieb es Fehling, als er in einem Schreiben vom 20.9.1946 unter PS anfügte: „Am 3. Oktober meldete ich mich zum Eintritt in die S.P.D., was von 2 Mitgliedern unterstützt wird.“ (24)

Grotesk auch die Behauptung: „Meine inneren Vorbehalte führte ich besonders in der Judenfrage durch.“ (25) Es ist bedauerlich, dass Uwe Storjohann dazu nichts sagen konnte: „Nach der Reichskristallnacht vom 9. November 1938, am Morgen danach ist Fehling mit deutlichen Spuren einer ‚schmutzigen Arbeit‘ in die Schule gekommen und hat mit den Ereignissen und seinem Mitwirken sowohl vor Kollegen als auch vor Schülern geprahlt. Das Kollegium ist sowohl über die Ereignisse an sich als auch über das Verhalten Fehlings schockiert gewesen.“ (26)

Fehling hatte als polarisierender Charakter natürlich Streit mit manchen NS- Funktionären. Wie in anderen Fällen auch stilisierte Fehling diese Auseinandersetzungen zur Ablehnung des NS-Systems.

Und: „Wie konnte ich als unpolitischer Mensch voraussehen, welche verbrecherische Führerclique Deutschland ans Ruder gelassen hatte. Als ich allmählich Bedenken bekam (seit 1938) habe ich mich immer mehr zurückgezogen.“ (27) Bedauerlich für den wendigen Rudolf Fehling, dass sein HLZ- Artikel aus eben diesem Jahr 1938 nicht vergessen war.

Irritierend, dass Leumundszeugnisse für Fehling auch von Peter Jacobsgaard und dem ehemaligen Jahnschullehrer Rudolf Hartnack gegeben werden.

Hartnack schrieb über Fehling: „Ich kenne ihn als einen sehr fleißigen Lehrer, der sich besonders auf künstlerischem und sportlichem Gebiet betätigte. Ich nehme an, daß ihn zu seinem frühzeitigen Eintritt in die Partei das Bestechende des Wortes „national- sozialistisch“ veranlasste. Er neigte zum Sozialismus und glaubte ihn dort national gebunden zu finden“. (28) Hartnack hatte auch anderen eindeutigen NS Aktivisten der Schule Persilscheine ausgestellt. (29)

Die ausgeprägte Bereitschaft von Lehrern, für in Schwierigkeiten geratene ehemaligen Kollegen nach 1945 Persilscheine auszustellen, versetzt mich immer in Erstaunen, weist aber möglicherweise darauf hin, dass nach deren Auffassung, nahezu alle im nationalsozialistischen System involviert waren, wie sie selber auch. Aber bei einer dermaßen exaltierten Person wie Rudolf Fehling erscheint die Bereitschaft, sich für ihn einzusetzen schon verwunderlich.

Auch Jacobsgaard verwandte sich aus dem Ruhestand für Fehling. Allerdings erst zu einem Zeitpunkt, als der verzweifelte Fehling ihn wohl noch einmal nachdrücklich gebeten hatte. Am 28.4.1947 bezeichnete er Fehling als „pflichttreu, gewissenhaft und erfolgreich in seiner Arbeit“. Er habe sich als NSDAP-Mitglied seit 1933 „sowohl dem Lehrkörper gegenüber als auch bei seinen Schülern ganz neutral verhalten und nie propagandistisch für Parteipolitik gewirkt“. (30) Mit ähnlichen Worten hatte Jacobsgaard 1943 für Fehlings Beförderung argumentiert. Unter der Überschrift: „Steht zur Zeit als Hauptmann vor dem Feind“ schrieb Jacobsgaard am 6.2.1943: „Die Schuldisziplin war sehr gut, streng aber gerecht, Differenzen mit den Eltern, der Schulleitung und dem Lehrkörper gab es nicht, er war verträglich, pünktlich, gewissenhaft und erfolgreich. Herr Fehling ist Parteigenosse und hat sich sowohl im Dienste der Partei (Kr.2) als auch im N.S.L.B. (Kreiswalter) verdient gemacht. Er ist würdig und auch fähig, das Amt eines Hauptschullehrers zu bekleiden.“ (31) So änderte sich der Fokus der Beurteilung ganz nach Bedarf.

Grotesk auch, dass Fehling den ehemaligen NSDAP-Kreisleiter aus Eimsbüttel und Reichstagsabgeordneten, Walter Gloy, besuchte und zu einem Schreiben animierte. Und Gloy bestätigte am 1.7.1947, dass er Fehling „im März 1939 von seinem Amte im Lehrerbund entband, weil er den Posten eines Zellenleiters nicht übernehmen wollte“.(32) Fehling hoffte den Eindruck zu erwecken, sich 1939 von der NS-Bewegung abgewandt zu haben, für die er im selben Jahr in den Krieg zog und für politische Funktionen in Hamburg gar nicht mehr zur Verfügung stehen konnte.

Was wurde bekannt über Rudolf Fehling, nachdem er nun doch wieder mit Schülern arbeiten durfte? An der Schule Imstedt arbeitete er erfolgreich, wie der Schulleiter Johannes Böttger am 22.1.1951 in einem Gutachten feststellte. Daraufhin gab Schulrat Gustav Schmidt seine Zustimmung zu Fehlings Verbeamtung. Einspruch kam aus den Kreisen des Schulratskollegium: „Es wäre ungerecht, wenn F., der schwer belastet ist, noch vor den anderen festangestellt würde, die einen Termin von dem Fachausschuss erhalten haben, was bei Fehling nicht der Fall ist.“ (33)

Beim nächsten Gutachten der Schule Imstedt war Fehling schon wieder Schulturnwart und hatte sein Repertoire erweitert: „Neben der Klassenarbeit hat er als Fachlehrer Englischunterricht erteilt. Hier konnte er gut die Kenntnisse anwenden, die er während seiner Gefangenschaft im Kriege erworben hat.“ (33)

Die endgültige Ernennung zum Beamten unterschrieb Senator Heinrich Landahl am 27.3.1953 verbunden mit dem Satz: „Es darf wohl angenommen werden, daß er nicht nur äußerlich sondern auch innerlich auf dem Boden der Demokratie steht.“ (34)

Fehling, so ermutigt, beantragte etwa zur gleichen Zeit die Versetzung an die Jahnschule. Das wurde abgelehnt und Schulrat Robert Werdier vermerkte: „Der alte Stamm der Jahnschule lehnt es ab, wieder mit Herrn Fehling zusammen zu arbeiten.“ (35)

Dafür versetzte man Fehling an die Schule Christian-Förster-Straße . Der ehemalige NS-Oberschulrat für Volksschulen und NSLB-Vize, Albert Mansfeld, den die Schulbehörde zum 15.2.1952 wieder als Lehrer in den Schuldienst eingestellt hatte, war dort ebenfalls gelandet. Unter Schulleiter Alfred Stölken, einem ehemaligen Parteigenossen der NSDAP, der darüber hinaus noch Lehrerkollege von Fehling in der Schule Wrangelstraße gewesen war, als beide frisch vom Lehrerseminar kamen. Da dürfte sich Fehling schnell heimisch gefühlt haben. (36)

Kapazitäten waren bei Fehling vorhanden, in Nebentätigkeit erteilte er noch Fachunterricht beim Grenzschutz-Kommando in Rahlstedt. (37)

Man könnte hoffen, dass so etwas wie Läuterung bei Fehling eingetreten sei. Gäbe es nicht einen Vorgang aus dem Jahr 1960, der mit einem Schreiben von Dr. Wolfgang Gebauer vom 28.2.1960 begann. Er adressierte es an die Schulbehörde und beklagte körperliche Züchtigungen im Turnunterricht der Volksschule Christian-Förster-Straße . Opfer, seine Tochter, Gabriele, Klasse 4b, wegen „eines geringfügigem Ungehorsam ungehörig fast geprügelt.“ Täter: Rudolf Fehling, Turnlehrer, der „auf der Vorderseite des rechten Oberschenkels einen Tamburinstock zerschlug“. Außerdem habe Fehling „das Kind derart derb in die eine Backe gekniffen, daß diese Seite heute noch geschwollen ist“. (38) Der Vater berichtet außerdem, dass Fehling Züchtigungen sonst immer „mit den dort vorhandenen Hanfseilen“ durchführen würde. Und er beklagte: „Ich halte es auch für pervers, weil der Aussage meiner Tochter nach nur die Mädchen darunter zu leiden hatten.“ Auch eine andere Familie habe sich darüber schon beschwert.

Vater Gebauer forderte Konsequenzen und erwartete von Fehling eine schriftliche Entschuldigung. Fehling, nunmehr in einem demokratischen System, in dem die Rechtsabteilung ermittelte, wurde vernommen.

Er habe an besagtem Tag aufgrund von Krankheiten zwei vierte Klassen in der Turnhalle zum Unterrichten gehabt und musste besonders „auf Ordnung halten“. Die Schüler „hätten die Neigung, ohne Erlaubnis an die Geräte zu gehen und der Stock des Tamburins wäre „bereits alt und sehr brüchig“ gewesen, außerdem „schon mit Leukoplast repariert“. Deshalb gehörte „kein besonderer Kraftaufwand dazu, ihn entzwei zu brechen“. Und „körperliche Züchtigungen mit Hilfe der Kletterseile“ führe er höchstens bei einem „besonders widersätzlichen Jungen“ mit einem „Schlag auf das Hinterteil“ durch. Fehling sei eben „ein lebhafter Mensch“. (39)

Das Kneifen räumte er ein, hielt aber eine „Schwellung“ am Tag danach für ausgeschlossen. Der demokratische Lehrer Fehling 1960.

In ihrem Vermerk schrieb die untersuchende Juristin Miething, nach ihrem Eindruck könne Fehling nicht ohne Disziplinarstrafe davonkommen. Der zuständige Schulrat Werdier habe erklärt, „Fehling sei eine seiner schwierigen Lehrkräfte“. Und: „Er habe den Eindruck, daß Fehling zu Tätlichkeiten neige.“ (40)

Senator Landahl notierte an den Vermerk, dass Fehling „sofort aus allem Turnunterricht herauszunehmen“ sei.

Am nächsten Tag wandte sich Landahl persönlich an den Vater: Er bekräftigte, dass die vorgetragenen Anschuldigungen sich als wahr herausgestellt hätten. „Ich verurteile eine solche Verhaltensweise des Lehrers in gleicher Weise wie Sie und werde die erforderlichen dienstlichen Maßnahmen ergreifen.“ (41)  Und er ergänzte: Auch bei schwierigen Unterrichtssituationen im Turnunterricht „muss körperliche Züchtigung von Mädchen in jedem Fall unterbleiben“. Schulleiter Stölken, seit über 35 Jahren mit Fehling bekannt, stimmte in einem Schreiben an die Rechtsabteilung das Hohelied auf den Lehrer Fehling an, der in „seiner über 40 Jahre langen Schularbeit von jeher mit ganz besonderem Eifer auf dem Gebiet der Leibeserziehung gearbeitet“ habe. Er lobte die aktuelle Arbeit des Turnobmannes und kam zu dem Schluss: „Ein Verbot des Erteilung der Turnstunden wäre m. E. für den Kollegen ein pädagogische ‚Todesurteil‘.“ Stölken bat „um eine milde Beurteilung seines einmaligen Verfehlens“, insbesondere „zumal die betroffene Schülerin unsere Schule zu Ostern 1960 verlassen hat (Übergang auf das Gymnasium)“. (42)

Fehling wurde in der Rechtsabteilung erneut gehört und erklärte, er „würde es nicht verwinden können, wenn er nun plötzlich keinen Turnunterricht mehr geben soll.“ Seine „Lebensarbeit“ würde damit in Frage gestellt.

Am Ende erhielt Fehling einen Verweis, er sei „offenbar ein ausgesprochener Jungenlehrer“. Fehling sollte deshalb an eine reine Jungenschule versetzt werden. Landahl erklärte sich einverstanden, dass Fehling dort auch wieder im Sport unterricht eingesetzt werde.

Am Ende kommunizierte Stölken den Vorgang noch einmal in denkwürdiger Weise. Über Fehling schrieb er, es verberge sich bei ihm „unter einer rauen Schale ein guter Kern“. Und dem Vater, der sich beschwert hatte, sagte er nach, dass er „auch eine durchaus negative Einstellung zu unserer Schule zeigte“. (43) Wer konnte es dem Vater verdenken?

1960 wurde Fehling dann an die Schule Moorkamp 3 versetzt, wo er auf Elsa Waage, geb. Boie, traf, die an der Mädchenschule der Jahnschule in NS-Zeiten den harten Frühsport eingeführt hatte.

Schon ein Jahr später, am 1.4.1961, durfte Fehling unter Befürwortung des Kollegiums an die Christian-Förster-Straße zurück. Albert Mansfeld, alter NS- Oberschulrat, wirkte dort noch immer.

Am 30.9.1962 trat Rudolf Fehling in den Ruhestand. Er war danach noch mit Lehraufträgen an Wilhelmsburger Schulen unterwegs, zog 1967 nach Neu- Darchau und unterrichtete noch von 1964 bis 1966 in Hitzacker. (44)

Fehling starb am 24.6.1972.

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1. Uwe Storjohann: „Hauptsache überleben“, Hamburg 1993, S. 51f. Fehling war nie Kreisleiter der NSDAP, aber Funktionär im NSLB.
2. Alle Angaben aus der Personalakte Fehlings, StA HH, 361-3_67030
3. Siehe StA HH, 361-3_M1123B 1/1
4. Uwe Storjohann in einem Gespräch mit mir am 21.6.2012.
5. Alle Angaben nach der Personalakte Fehlings, a.a.O.
6. Alles laut Personalakte Fehlings, a.a.O.
7. Richard Waage (nach Angaben von R. Fehling) am 29.1.1938 unter der Überschrift: „Jahnschule- ein Name, eine Verpflichtung.“ In StA HH, 362-9/4_2 Chronik
8. Alles ebd.
9. Alle Zitate aus: HLZ 6/1938, S.81 ff.
10. HLZ 6/1938, S. 81.
11. Ebd.
12. Ebd.
13. Siehe Fehlings Schreiben vom 20.9.1946 in seiner Entnazifizierungsakte , StA HH 221-11_Ed 16194
14. HLZ 6/1938, S. 83.
15. Ebd.
16. Entnazifizierungsakte Fehling StA HH, 221-11_Ed 16194
17. Ebd.
18. Schreiben v. 15.3.1948, ebd.
19. Ebd.
20. Siehe Personalakte Fehlings, a.a.O.
21. Alles aus Personalakte Fehlings, a.a.O.
22. Entnazifizierungsakte Fehlings, a.a.O.
23. Ebd.
24. Ebd.
25. Ebd.
26. Uwe Storjohann im Gespräch mit mir am 21.6.2012
27. Einspruch Fehlings gegen die Entlassung im Schreiben vom 21.61947, in Personalakte, a.a.O.
28. Schreiben vom 13.7.1946, Entnazifizierungsakte Fehling, a.a.O.
29. Siehe biografische Notizen zu Rudolf Harnack in diesem Buch sowie die Biografien Hans Einfeldt und Walter Behn.
30. Entnazifizierungsakte Fehling, ebd.
31. Personalakte Fehling, a.a.O.
32. Entnazifizierungsakte Fehlings, a.a.O.
33. Gutachten vom 7.3.1953, Personalakte Fehling, a.a.O.
34. Ebd.
35. Ebd.
36. Siehe auch die Biografie Mansfeld.
37. Alle Angaben laut Personalakte, a.a.O.
38. Der ganze Vorgang ist enthalten in der Personalakte, a.a.O.
39. Ebd.
40. Ebd.
41. Schreiben vom 15.3.1960, Personalakte, a.a.O.
42. Schreiben vom 23.3.1960, ebd.
43. Ebd.
44. Alle Angaben laut Personalakte, a.a.O.
 

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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