Begriffserklärungen

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Otto Ameis

( Otto Heinrich Jacob Ameis )
(8.2.1881 Hamburg – 6.1.1958 Hamburg)
Architekt
Graumannsweg 30 b (Wohnadresse)
Schleusenredder 21 (Wohnadresse: Hamburger Adressbuch von 1949)
Ameisweg , Bergedorf (benannt 1979): Otto Ameis (1881-1958), Architekt.

Heinrich Jacob Otto Ameis kam am 8.2.1881 in Hamburg als Sohn des Maurermeister Wilhelm Ameis und dessen Frau Elisabeth, geborene Gottschalck, in Hamburg zur Welt.[1] Nach einer Maurerlehre wurde er 1903 Soldat beim 1. bayerischen Feld-Artillerie-Regiment München und lebte in jener Zeit in Aschaffenburg. [2] Von 1904 bis 1907 studierte er Architektur an den Technischen Hochschulen Braunschweig und Charlottenburg bei Berlin.[3] 1907 entwarf er für ein Grundstück am Schleusenredder 21 in Wohldorf sein erstes Gebäude – ein Einfamilienhaus im Fachwerkstil, das er als Sommersitz nutzte. Der Architektur historiker Ralf Lange bezeichnet es als „bemerkenswertes Beispiel für die Heimatschutz-Diskussion vor dem Ersten Weltkrieg“, das sowohl vom Aufbau her als auch bei der Innengestaltung typische Motive des niederdeutschen Bauernhauses aufnähme.[4]
1909 gründete Ameis in Hamburg zusammen mit seinem Schwager Alfred Jacob das Architektenbüro Jacob & Ameis mit Sitz im Globushof an der Trostbrücke , ab 1910 in der Hermannstraße .[5] Im selben Jahr entwarfen beide das Haus Uhlmann am Duvenwischen 70 in Volksdorf. Dieses könne, so ebenfalls Lange, als typisches Beispiel für die englisch beeinflusste Reformarchitektur jener Zeit gelten,[6] die oft der Heimatschutzarchitektur zugeordnet wird. Damals wohnte Otto Ameis genau wie seine Schwester und sein Schwager Alfred Jacob im Haus der Familie Ameis am Graumannsweg 30 b.
Jacob & Ameis betätigten sich hauptsächlich im Bereich Villen- und Landhausbau, unter anderem in Nienstedten ( Reichskanzlerstraße 9, 1909) und Othmarschen ( Waitzstraße 7, 1912). Darüber hinaus entwarfen sie Wohn- und Geschäftshäuser wie das Gebäude mit der Schwan-Apotheke an der Dammtorstraße 27 (1909–11) oder jenes mit der Pelikan-Apotheke am Großneumarkt 37 (1913). Beide wurden um 1913 Mitglied der Ortsgruppe Hamburg des Bundes Deutscher Architekten (BDA).[7]
1914 richtete Otto Ameis in seinem Sommersitz in Wohldorf eine Zweigstelle des Büros Jacob & Ameis ein.[8] Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er, seit 1908 Leutnant der Reserve, Soldat in seiner alten Einheit und 1915 zum Oberleutnant befördert. Nach Kriegsende nahmen Otto Ameis und Alfred Jacob ihre gemeinsame Arbeit wieder auf und entwarfen weitere Einfamilienhäuser in Hamburg, unter anderem in Eppendorf ( Heilwigstraße 140; 1921), Rahlstedt ( Wehlbrook 12; 1923) und Winterhude ( Maria-Louisen-Straße 132; 1924).[9]
Am 1.5.1933 trat Otto Ameis, vorher parteipolitisch nicht gebunden, in die NSDAP ein.[10] Damit nutzte er den letztmöglichen Termin vor Inkrafttreten des am 21./22.4.1933 bekanntgegebenen Aufnahmestopps.[11]
Schon im April 1933 hatte der BDA, dem Ameis angehörte, mit einem „Nationalen Aufbauprogramm“ dem NS-Regime seine „selbstlose Mitarbeit“ versichert.[12] Im Herbst des Jahres bekannte sich der BDA zum Nationalsozialismus , verwandelte sich in eine berufsständische Organisation, die dem Führerprinzip folgte, und schloss alle vom NS-Regime als jüdisch kategorisierte Mitglieder aus.[13] Diese wurden verfolgt, mussten fliehen, wurden in Konzentrationslager deportiert und/oder in der Shoah ermordet.
Als am 1.11.1933 unter dem Vorsitz des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels die Reichskulturkammer (RKK) errichtet wurde,[14] ging der BDA als Fachverband in der Reichskammer der bildenden Künste auf, eine der sieben Einzelkammern der RKK. Deren erklärtes Ziel war die Förderung „deutscher Kultur in Verantwortung für Volk und Reich“.[15] Alle BDA-Mitglieder wurden mit Stichtag 15.12.1933 automatisch Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste,[16] so auch Ameis.[17] Zugleich war die Berufsausübung für Architekten fortan zwingend an die Mitgliedschaft gebunden. Die Einrichtung der Reichskulturkammer und damit auch ihrer sieben Einzelkammern bedeutete ideologisch, so der Historiker Uffa Jensen, „die Abkehr vom demokratisch-individualistischen Kulturaufbau hin zum völkisch-einheitlichem Kulturleben unter staatlicher Lenkung“.[18] Ameis’ RKK-Mitgliedschaft dauerte seinen eigenen Angaben nach bis 1939.[19]
Ab dem 15.10.1938 war Otto Ameis als Architekt in der Position eines technischen Angestellten beim Heeresbauamt III Hamburg tätig. Vom selben Zeitpunkt an wohnte er bis zum 31.1.1940 bei dem Bauleiter des Heeresbauamtes, Jankowsky, in Lüneburg.[20] In jenen Jahren erhöhte sich sein Jahresgehalt um rund 80 Prozent von 4578 Reichsmark (1938) auf 8377 Reichsmark (1941), da er von der Gehaltsgruppe TOA (Tarifordnung A für Gefolgschaftsmitglieder im öffentlichen Dienst) IIII in die Gehaltsgruppe TOA III aufstieg.[21] Zu der Zeit profitierte Ameis somit bereits von der NS-Kriegswirtschaft. Der im Entnazifizierungsfragebogen angegebene Jahresverdienst enthielt zwar auch Einnahmen aus der Vermietung von Wohnraum, das jedoch, so Ameis selbst, nur zu zu einem geringen Teil.[22]
1941 trat er zudem in die Deutsche Arbeitsfront (DAF) ein, einen an die NSDAP angeschlossenen Verband,[23] dem die RKK seit Februar 1934 als korporatives Mitglied angehörte. Die DAF war nach Abschaffung der freien Gewerkschaft en durch die Nationalsozialisten am 10.5.1933 gegründet worden, ihr Ziel bestand in der „Erziehung aller im Arbeitsleben stehenden Deutschen zum nationalsozialistischen Staat und nationalsozialistischer Gesinnung“.[24] Mit rund 25 Millionen Mitgliedern war sie die größte und finanzkräftigste Massenorganisation des NS-Regimes.[25]
Während des Zweiten Weltkriegs leistete Ameis keinen Militär dienst. Ab dem 20.4.1941 nahm er, inzwischen 60-jährig, an einem vierwöchigen Lehrgang bei der Fahr-Ersatz-Abteilung 10 in Neumünster teil und wurde im Herbst 1941 als untauglich zurückgestellt. [26]
Zum 1.7.1942 wechselte Ameis als Architekt vom Heeresbauamt III in das Büro für die Neugestaltung der Hansestadt Hamburg unter der Leitung von Konstanty Gutschow. Dieser entwarf ab 1941 im Auftrag des Hamburger Gauleiters und Reichstatthalters Karl Kaufmann den ersten Generalbebauungsplan für Hamburgs Ausbau zur „Führerstadt“ und beschäftigte zahlreiche Architekten mit Gutachten und Wettbewerben, Bebauungsplänen für verschiedene Stadtbereiche und dem Bau von Hochbunkern im Rahmen des „Führer-Sofortprogramms“. Ab dem 1.6.1941 leitete Gutschow zudem das von Kaufmann neu verfügte Amt für kriegswichtigen Einsatz. Damit war er auch zuständig für die Organisation der Trümmerräumung, Luftschutzmaßnahmen und Ersatzwohnraumbeschaffung sowie für den Einsatz von Zwangsarbeit erinnen, Zwangsarbeit ern und KZ-Häftlingen in diesen Bereichen.[27] Ob Ameis Letzteres mitplante, lässt sich nicht ermitteln. Entsprechend seinen eigenen Angaben erhöhte sich sein Gehalt in den Jahren 1942 bis 1944 noch einmal deutlich, sodass er weiterhin von der NS-Kriegswirtschaft profitierte. Die Gehaltshöhe wirkte sich zudem positiv auf seine spätere Rente aus, da im Rahmen der Entnazifizierung keine disziplinarischen Maßnahmen wie beispielsweise eine Rentenkürzung gegen ihn ergriffen wurden.
Ameis war bis zum 30.6.1945 im Büro Gutschow beschäftigt.[28] Anschließend arbeitete er wieder mit seinem Schwager im gemeinsamen Architektur büro. Als Alfred Jacobs am 11.12.1945 in Hamburg starb, führte Ameis das Büro allein weiter.[29]
Nach Abgabe des Entnazifizierungsfragebogens vom 16.5.1946 vernahm der zuständige Beratende Ausschuss Ameis persönlich und kam zu dem Schluss, dass keine Aktivitäten seinerseits in der NSDAP „erkennbar“ seien. Wegen seiner Parteizugehörigkeit seit dem 1.5.1933 empfahl der Ausschuss die Einstufung in Kategorie IV,  „Mitläufer“. Der Fachausschuss hielt ihn in der Folge für „nicht belastet“ und stufte ihn in Kategorie V, „Entlastete“, ein. [30]
Otto Ameis starb am 6.1.1958 in Hamburg. 1979 wurde in Hamburg- Bergedorf nach ihm der Ameisweg benannt.

Text: Frauke Steinhäuser

Quellen:
1 Staatsarchiv Hamburg, 332-5 Standesämter 8954 u. 561/1881.
2 Bayerisches Hauptstaatsarchiv München; Abteilung IV Kriegsarchiv. Kriegstammrollen,
1914–1918; Band: 12828. Kriegsrangliste: Bd. 1.
3 Hamburgerpersoenlichkeiten.de/hamburgerpersoenlichkeiten/login/person.asp?showpics=yes&reqid=1198&imageid=2713 (Zugriff 13.09.2018).
4 Vgl. Ralf Lange, Architektur führer Hamburg, Stuttgart 1995, S. 209.
5 Hamburger Adressbücher 1910, 1911.
6 Vgl. Lange, Architektur führer, S. 206.
7 Mitglieder der Ortsgruppe Hamburg des Bundes Deutscher Architekten (B.D.A.) e.V., in: Hamburger Branchenbuch 1914, III-24.
8 Hamburger Adressbuch 1915
9 OttoAmeisWerkeliste, PDF-Download von hamburgerpersoenlichkeiten.de/hamburgerpersoenlichkeiten/login/person.asp?showpics=yes&reqid=1198&imageid=2713, Zugriff 13.09.2018.
10 Staatsarchiv Hamburg 221-11 Staatskommissar für Entnazifizierung und Kategorisierung I(B) 8649.
11 Björn Weigel, „Märzgefallene“ und Aufnahmestopp im Frühjahr 1933, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, Frankfurt, 2009, S. 91–109, hier S. 94 f.
12 Jörn Düwel, Der BDA ist „neu auferstanden“. 1933: Der Beginn einer lichten Zukunft?, in: Bund deutscher Architekten (Hrsg.), Aufbruch in den Untergang 1933–1945, Berlin, o. J. (2013), S. 4–9, hier S. 5.
13 ebd.
14 verfassungen.ch/de/de33-45/kulturkammer33-v1.htm (Zugriff 13.09.2018).
15 ebd.
16 Anke Blümm, Im Namen der Baukultur 1933–1945. Der BDA im Dritten Reich, in: Bund deutscher Architekten (Hrsg.), Aufbruch in den Untergang 1933–1945, Berlin, o. J. (2013), S. 10–17, hier S. 11.
17 Staatsarchiv Hamburg 221-11 Staatskommissar für Entnazifizierung und Kategorisierung I(B) 8649.
18 Uffa Jensen, Reichskulturkammer, in: Wolfgang Benz et al. (Hrsg), Enzyklopädie des Nationalsozialismus , München, 1997, S. 680 f.; vgl. Volker Dahm, Anfänge und Ideologie der Reichskulturkammer, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 34. Jg., Nr. 1, 1986, S. 53–84, hier S. 58.
19 Staatsarchiv Hamburg 221-11 Staatskommissar für Entnazifizierung und Kategorisierung I(B) 8649.
20 ebd.
21 ebd.
22 ebd.
23 ebd.
24 zitiert nach Mario Wenzel, Die NSDAP, ihre Gliederungen und angeschlossenen Verbände. Ein Überblick, in: Wolfgang Benz (Hrsg.), Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder, Frankfurt a.M., 2009, S. 19–38, hier S. 32.
25 ebd.
26 Staatsarchiv Hamburg 221-11 Staatskommissar für Entnazifizierung und Kategorisierung I (B) 8649.
27 Vgl. Friederike Littmann, Ausländische Zwangsarbeit er in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939–1945, München, 2006, S. 228 ff.; vgl. Marc Neumann, Zwangsarbeit bei den Kommunen und im öffentlichen Dienst 1939 bis 1945 am Beispiel der Stadt Hamburg, Magisterarbeit im Rahmen der Magisterprüfung im Fachbereich 1 der Universität – Gesamthochschule Siegen, 2000, S. 55 ff., 99, 110 ff.
28 Staatsarchiv Hamburg 221-11 Staatskommissar für Entnazifizierung und Kategorisierung I(B) 8649.
29 hamburgerpersoenlichkeiten.de/hamburgerpersoenlichkeiten/login/person.asp?showpics=yes&reqid=1198&imageid=2713 (Zugriff 13.09.2018).
30 Staatsarchiv Hamburg 221-11 Staatskommissar für Entnazifizierung und Kategorisierung I(B) 8649.
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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