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Anmerkungen:
1 Wagner/Meier/Stroh (1986), S. 28
2 Kludas (1988), S. 24, nennt ihn irrtümlich „Kreisleiter“. Seit dem 6. April 1937 war
Wilhelm Drescher (1897-1977) NSDAP-Kreisleiter „im Kreis 8 der Hamburger Gemeindeverwaltung (Wilhelmsburg, Harburg, Süderelbe und Finkenwerder)“ (Krieter (2014), S. 214, mit Verweis auf Kerstin Siebenkorn, Der Volkssturm im Süden Hamburgs 1944/1945, Hamburg 1988, S. 45). - Zur Einschätzung des Engagements für die nationalsozialistische Sache geben Homanns Erinnerungen Hinweise: Pahl - „ein Nazi zwar [,] 'ober 'n goden', wie manche alten Finkenwerder meinen“ (Homann (2009), Band 1, S. 127) – hatte sich darum bemüht, einen Bruder Homanns zum Beitritt in die SS zu bewegen, was aber am Einspruch des Vaters – des Arztes Dr. Homann, selbst NSDAP- und SA-Mitglied (ebd., S. 14 und15) – gescheitert war. Im April 1945 denunzierte Pahl den Arzt, seinen Parteigenossen, der daraufhin „auf Veranlassung des Finkenwerder Ortsgruppenleiters in Haft genommen wurde“, weil er „in negativem Sinn auf die hiesige Bevölkerung eingewirkt“ habe (so im Eingabeschreiben Dr. H.s in seinem Entnazifizierungsverfahren 1945-1947, zitiert ebd., S. 125). Dr. H. hielt sich am 9. April 1945, als der Ort (also die Bevölkerung) und die U-Boot-Bunker der Deutschen Werft schwere Bombenschäden erlitten, nicht in Finkenwerder auf (ohne dass dem Ortsgruppenleiter eine Urlaubsgenehmigung vorlag oder von ihm beantragt war). Dr. H. wollte seiner Frau, die sich außerhalb Hamburgs befand, bei der Geburt ihres 12. [!] Kindes beistehen. Der Zusammenbruch des NS-Regimes nur drei Wochen später verhinderte Konsequenzen für Dr. H., die Pahls Denunziation sonst sicher gehabt hätte: Sofort nach seiner Verhaftung in ein Gefängnis gebracht, wurde dem Arzt seine Überführung in das
KZ Neuengamme bereits angekündigt (siehe ebd., S. 107).
3 Bis 1937 besaß der Südteil Finkenwerders eine eigene Ortsgruppe, die nach der Vereinigung mit dem
Nordteil (durch das „Groß-Hamburg-Gesetz“) der Finkenwärder Ortsgruppe Pahls angegliedert wurde.
4 Dieser gute Kontakt bestand zumindest Anfang der 1930er-Jahre. Heydrich wurde 1931 von Himmler an die Spitze der SS geholt, um deren Sicherheitsdienst aufzubauen. Im Mai 1931 war Heydrich in die Marine-SA Hamburg eingetreten; Boltz war dort sein Vorgesetzter - siehe Timpke (Hg.) (1983), S. 177/178.
5 Siehe Wikipedia „
Wilhelm Boltz“; Werner (2011), S. 419/420; auch Bajohr (2004), S. 28. In einer Insider-Darstellung, welche die Rolle der SA in Hamburg und
Altona während der „Kampfzeit“ vor 1933 dramatisierend und heroisierend schildert, heißt es: „Unter der Führung des Sturmbannführers Boltz, der es wie kein anderer verstand, die wilden Gesellen, die in aller Herren Länder sich den Wind um die Nase wehen ließen, zusammenzuhalten, festigte der Marine-Sturmbann bald seinen Ruf, eine der aktivsten und revolutionärsten Einheiten der alten kampferprobten Hamburger SA zu sein.“ (Ehrenreich (1935), S. 43) Dementsprechend befindet SA-Standartenführer Paul Rathke (Marine-Sachbearbeiter der Obersten SA-Führung) in einem Rückblick 1944 zur Hamburger Zeit bis 1933: Unter einem „Offizier der alten
Kriegsmarine“ - gemeint ist
Wilhelm Boltz – hatte die Marine-SA Hamburg „als eine der stärksten und einsatzbereitesten Formationen am Kampf um die Macht in dieser Millionenstadt an der Wasserkante entscheidenden Anteil“. (Rathke (1944), S. 333). Vgl. auch Krause (1987), S. 145, der die Marine-SA „als eine Art Elite-Schlägertruppe“ bezeichnet, die „an den Brennpunkten der gewalttätigen Auseinandersetzungen eingesetzt“ wurde. - Der posthume Dank des „Führers“ blieb nicht aus: „Der Führer hat der Marinestandarte 1, Standort Hamburg,
SA-Gruppe Hansa, zum Gedenken an den am 22. Oktober 1939 verstorbenen Schöpfer der Marine-SA., Brigadeführer
Wilhelm Boltz, den Namen '
Wilhelm Boltz' verliehen.“ („Norddeutsche Nachrichten“, 23. 12. 1939) 1940/41 baute die Pahl-Werft dann eine HADAG-Fähre, die auf den Namen „
Wilhelm Boltz“ getauft wurde. (Siehe Anm. 19.) – Longerichs Standardwerk zur SA geht auf die Marine-SA nicht gesondert ein - siehe Longerich (1989). Auch Wackerfuss (2015), der den Aufstieg der SA in Hamburg behandelt (was aus dem Titel des Buches nicht hervorgeht), macht keine detaillierteren Angaben zur Marine-SA.
6 Siehe Bajohr (2004), S. 28, und Werner (2011), S. 419/420.
7 Die Stiftung trägt heute den Namen „Stiftung Hamburger Lebenshilfeheime“ - siehe: Satzung. - Vgl. den Besuch Boltz' – in genau dieser Gegend - am 9. Juli 1936 im „Schulungslager 'Gorch Fock' der MHJ“ : „Gestern nachmittag weihte Gebietsführer Kohlmeyer das Schulungs- und Erholungslager der Marine-HJ. des Gebietes Nordmark, 'Gorch Fock' bei Neustadt i.H., an dem auch
Altonaer und besonders Blankeneser Jungen teilnahmen. Als Ehrengäste fuhren Gebietsführer Kohlmeyer mit seinem Stab,
Polizei herr Boltz-Hamburg, Brigadeführer Fust-Hamburg, Brigadeführer Sabirowsky, der Leiter der Marinedienststelle Hamburg und die Spitzen der Partei, Führer der Formationen und Vertreter der örtlichen Behörden mit einem Motorboot von Neustadt aus zum Lager.
Im Lager stand die Marine-HJ. zur Parade angetreten. Der Gebietsführer schritt mit dem
Polizei herrn Boltz und Konter-Admiral Lindau die Front ab.“ Nach dem Eröffnungszeremoniell folgte: „Die Ehrengäste unternahmen nun noch einen Rundgang durch das Lager. Dabei wurden ihnen die Kameradschaften beim Dienst vorgeführt. Kutterpullen und Segeln bildeten den Abschluß der Vorführungen.“ Das Lager - „32 Rundzelte“ für „je etwa 15 Hitlerjungen“ - „liegt abgeschlossen auf zwei
Koppel n unmittelbar an einer stillen Bucht der Ostsee bei Neustadt. 75 Meter weit hinaus ist ein Anlegesteg gebaut.“ (Dort lagen 19 Boote unterschiedlicher Größe, zum Teil mit Hilfsmotoren.) - „Norddeutsche Nachrichten“, 10. Juli. 1936
8 Siehe dazu ausdrücklich die Präambel der Satzung (siehe: Satzung) sowie Werner (2011), S. 419/420.
9 Siehe ebd.
10 Ebd. - Der Hamburger Reeder John T. Essberger, bis 1924 als Kapitänleutnant bei der Marine, „im
Nationalsozialismus (…) Inhaber der größten deutschen Privatreederei“ (ebd., S. 411), war ab 1933 – auf Vorschlag des Reichsstatthalters
Kaufmann - Vorsitzender des „Verbandes Deutscher Reeder“. Gleichwohl wird ihm eine gewisse Distanz zum NS-Regime zugebilligt, dabei hat er es allerdings durchaus verstanden, „intensivere Kontakte zu den Mächtigen in Reich und Gau zu pflegen (…).“ (Ebd., S. 408) Bis 1937 war er, von
Kaufmann berufen, auch Hamburgischer Staatsrat. Mit Rudolf Pahl hatte er Kontakt, da er zum Vorstand der Boltz-Stiftung gehörte; und nach „dem Tod des Stifters 1939 übernahm Essberger überdies den Vorstandsvorsitz.“ (Ebd., S. 409) 1948 ließ Essberger dann ein ehemaliges Schulschiff, die „Seute Deern“, zu einem Restaurant/Hotel umgestalten und suchte sich dafür den Architekten
Cäsar Pinnau aus, welcher später für die Reederei Rudolf August Oetker Schiffe entwarf, die zum Teil bei Pahl in Finkenwerder gebaut wurden. (Zu Pinnau, Oetker und Pahl siehe Anm. 24) Für Essbergers Pflege alter Verbindungen aus der NS-Zeit auch noch nach 1945 spricht ebenfalls, dass er die Initiative des Kolonialhistorikers und NS-Rektors (bis 1938) der Universität Hamburg (damals „Hansische Universität“), Gustav
Adolf Rein, unterstützte, der 1950 eine rechts-konservative „Ranke-Gesellschaft“ initiierte, personell vielfach mit der NS-Zeit verbunden. Finanziert wurde das Unternehmen durch den völkisch motivierten Großkaufmann und Mäzen Alfred C. Toepfer, dem Rein schon seit nationalsozialistischen Tagen verbunden war und der Rein nach 1945 zum Geschäftsführer seiner Stiftung F.V.S. machte. (Siehe Salewski (2003), S. 124, - die Verhältnisse beschönigend. Kritisch zur „Ranke-Gesellschaft“: Asendorf (1989); siehe auch Krause (2005), S. 253 ff.) Ebenso geht die Verbindung von Essberger zu Rein auf jene Tage zurück: Nach 1938 war Rein bis 1945
Direktor des neuen (bzw. erneuerten) universitären „Kolonial-Instituts“. Zugleich war er einer der stellvertretenden Vorsitzenden des NS-gelenkten „Hansischen Hochschulrings“, der bemüht war, sich die traditionsreiche „Hamburgische
Wissenschaft liche Stiftung“ einzuverleiben (natürlich auch deren Geldmittel) - siehe Werner (2011), S. 299ff. Essberger ist in der großbürgerlichen Spenderszene „als gemeinnütziger 'Förderer' (…) erstmals 1938 im Rahmen des 'Hansischen Hochschulrings' zu fassen.“ (Ebd., S. 406) Als gebürtiger Münchner, seit 1924 in Hamburg, wusste sich Essberger den Gepflogenheiten als Hanseat auf diese Weise anzupassen. Die NS-Zeiten erleichterten das: Auch Essbergers Mitwirken an der Boltz-Stiftung zeigt, wie das gelingen konnte. Dort saß er, als Hamburgischer Staatsrat (bis 1937) und Vorsitzender der Deutschen Reeder neben den Vorstandsmitgliedern Hermann Victor Hübbe, Hamburger Handelskammerpräsident, und Engelhard von Nathusius, gleichfalls Staatsrat wie Essberger ,– und beide waren linientreue NS-Gefolgsleute (siehe Timpke (1983), S. 142 und 144). Nach 1945 traf Essberger dann auch wieder auf Hermann Victor Hübbe in der Ranke-Gesellschaft; beide
Unternehmer waren nicht die einzigen Hamburger Hanseaten, die sich diesem Verein anschlossen (siehe Asendorf (1989), S. 56/57). Als die Ranke-Gesellschaft gegründet wurde, 1950, war Rudolf Pahl dagegen noch durch die Briten inhaftiert. (Zu Rein und der Ranke-Gesellschaft siehe detailliert Goede (2011); zuvor schon Goede (2008), dort zur Ranke-Gesellschaft besonders S. 230 -273 .)
11 Pahl war Vorsitzender des Arbeitsausschusses, der die 700-Jahr-Feier vorbereitete (siehe „Norddeutsche Nachrichten“, 20. 6. 1936), wenngleich nach den Darstellungen aus dem Umkreis der „Heimatvereinigung Finkenwärder“ bzw. der „Finkwarder Speeldeel“ eher
Adolph Albershardt der 'spiritus rector' der Feierlichkeiten war (so beispielsweise Mönkemeier (2006), S. 27 und 132). Zeitweilig war Pahl Vorsitzender der „Heimatvereinigung“ (gegründet als: „Wirtschafts- und Verkehrsvereinigung Finkenwärder“). - In „De Kössenbitter“ 8/1997, S. 2, lautet die Erinnerung: „Der damalige Ortsgruppenleiter R. Pahl wurde zwar kommissarisch zum Vorsitzenden [der Heimatvereinigung] ernannt, aber die Geschäftsführung lag nach wie vor in den Händen von A. Albershardt..“ (Zitiert nach Homann (2009), Band 1, S. 49.)
12 „Hamburger Tageblatt“, 21. Juni 1936 – Der „Finkenwärder Hof“ war eines der prominentesten Versammlungslokale Finkenwerders mit zwei großen Festsälen; Besitzer war ein NSDAP-Mitglied (siehe Anm. 26) .- Zur Ausgestaltung der Festwoche hatten das Schulschiff der
Kriegsmarine „Gorch Fock“ und Minensuchboote aus Pillau in Finkenwerder festgemacht. Ortsgruppenleiter Pahl „begrüßte in plattdeutscher Mundart die Besatzungen der Minensuchboote. Er betonte in seiner Ansprache die enge Verbundenheit zwischen der
Kriegsmarine und der Fischerinsel Finkenwärder. Von jeher sei es Finkenwärder gewesen, das der
Kriegsmarine echte Fahrensleute gestellt habe, Seeleute, die gewillt waren, für ihr Vaterland zu kämpfen und zu sterben.“ („Norddeutsche Nachrichten“, 22. Juni 1936)
13 Quast u.a. (2000), (unpaginiert) [S. 10]
14 Siehe ebd.
15 Siehe Karl Christian Führer (2008); aber auch: Donath (2011), S. 128-131, zu den Neubausiedlungen
Ostfrieslandstraße sowie
Nordmeerstraße /
Wikingstraße ; vgl. auch Pahl-Weber (1986). Der Wohnungsbau Ende der 30er-/Anfang der 40er-Jahre fand in Finkenwerder nur deshalb noch statt, weil es um Wohnungen für die Beschäftigten der Kriegswirtschaft (Deutsche Werft/
Blohm & Voss) ging.
16 Gemeint sind die Pläne Hitlers bzw. des „Büro Gutschow“ zur Umgestaltung des nördlichen Elbufers mit den daraus folgenden Veränderungen auf der Finkenwerder Seite. Knapp dazu H. Schloz (1996), S. 57/58; ausführliche Darstellung bei Sylvia Necker (2012). - Zur Frage Fischereihafen/Fischereiindustrie in Finkenwerder: „Bis zum Sommer 1939 war eine Verlagerung in das Gebiet am Köhlfleet südlich Waltershof vorgesehen. Deswegen wird auch in den Plänen von Strom- und Hafenbau noch lange von 'Fischereihafen Finkenwerder' gesprochen.“ „Ein Schlußstrich unter die Fischereihafendiskussion wurde schließlich im Februar 1941 von Reichsstatthalter
Kaufmann mit seiner Entscheidung für Kattwyk/Hohe Schaar gezogen“. (Rademacher (1991), S. 248 und 290) – Nur vordergründig ging es um die Ausgestaltung einer gigantomanischen „Führer“-Architektur. Im Wesentlichen lag seit Mitte der 30er-Jahre eine Lösung der strukturellen wirtschaftlichen Probleme der Handelsstadt Hamburg an, die dringend eine Erweiterung ihres industriellen Sektors brauchte. Das endgültige Aus auch für Finkenwerders scheinbare Abgeschiedenheit und Idyllik war damit schon längst abgemachte Sache, bevor öffentlich von großen Umgestaltungsplänen gesprochen wurde: „Am 2. November 1934 trat die Reichsregierung unter Hitlers Vorsitz zu einer Sonderbesprechung über die Hamburger Strukturkrise zusammen. (...)“ Unter anderem „kam ein Gesetzentwurf 'zur Behebung der gefährdeten Lage Groß-Hamburgs' nur in einer abgeschwächten Fassung in Umlauf. In der Originalversion hatte
Wolfgang Essen [der in Hamburg maßgeblich Verantwortliche für das Arbeitsbeschaffungswesen, ein enger Vertrauter des Reichsstatthalters] noch vorgeschlagen, seinen Mentor
Karl Kaufmann zum Reichskommissar für 'Groß-Hamburg' zu ernennen, ihm die Nachbarstädte
Altona, Harburg-Wilhelmsburg und Wandsbek sowie die Landkreise Stormarn, Pinneberg und Harburg zuzuschanzen und ihn als oberste Reichsbehörde dem Reichskanzler direkt zu unterstellen. Mit dieser auf Kosten der Hamburger Nachbarn geplanten Expansionsalternative zum überfällig gewordenen Strukturwandel mußten die regionalen Führungsgruppen jedoch noch zwei Jahre zuwarten.“(Roth (1997), S. 40/41) In widerstrebenden NS-Führungsetagen ging man – offenbar in fast realistischer Annahme – 1934 davon aus, dass es 5 vor 12 sei; so unternahm
Otto Telschow, Gauleiter Hannover-Ost, zuständig für Harburg und Wilhelmsburg, am 21. März 1934 einen letzten (vergeblichen) Protest-Vorstoß bei Reichsinnenminister Frick (knapp drei Wochen später gefolgt von einer ebenso ins Leere laufenden Denkschrift an die Adresse Fricks), wegen „unaufhörlicher Gerüchte (…) bezüglich einer gebietlichen Neugliederung, insbesondere einer Einverleibung der Stadt Harburg-Wilhelmsburg in den Gau Groß-Hamburg.“ (Brosius (2001), S. 105/106) Als dann Anfang 1937 das „Groß-Hamburg-Gesetz“ entgegen allen solchen Einwänden erlassen wurde, war damit auch (ganz) Finkenwerder Objekt der NS-Industrialisierungspläne geworden – und wurde in die Werft-, Flugzeugbau- und (zunächst angedachten) Fischindustrie-Expansion einschließlich entsprechender Wohnsiedlungen und Verkehrsanbindung einbezogen. Den Finkenwerder Volkstümlern wurde (in diesen Planungen bzw. in der teilweisen Realisierung dieser Pläne etwa 1938 bis 1941) der Heimatboden sozusagen unter den Füßen wegmodernisiert. Wäre die in verschiedenen Varianten entworfene Umgestaltung Finkenwerders tatsächlich vollständig umgesetzt worden, hätte dies das Ende aller etwa noch verbliebenen Fischer- und Bauerndörflichkeit bedeutet.
17 Kludas (1988), S. 24
18 Vgl. die Notiz „Motorschiff 'Finkenwärder' vom Stapel gelaufen“, in den „Norddeutschen Nachrichten“, 3. Juni 1936: „In diesem Jahr gab die Hafendampfschiffahrt AG zwei Schiffe in Auftrag. Der eine Neubau wurde der Finkenwärder Werft von August Pahl übertragen. Einen Antrag der Wirtschafts- und Verkehrsvereinigung Finkenwärder, dem neuen Schiff in Erinnerung an das erste Verkehrsmittel der Insel [die Fähre „Finkenwärder“, 1862] und im Hinblick auf die 700-Jahrfeier den Namen 'Finkenwärder' zu geben, entsprach die HADAG im Einvernehmen mit dem Reichsstatthalter und dem Aufsichtsrat. Die HADAG wollte damit zum Ausdruck bringen, daß sie sich als Hauptverkehrsträger zwischen Hamburg und Finkenwärder besonders eng mit der Insel verbunden fühlt.“ (Zum Datum des Stapellaufs liegen auch abweichende Angaben vor.)
19 Was es mit dem Namen dieser Fähre – und der 1945 erfolgten Umbenennung in „Elbe“ - auf sich hat, wird bei Quast u.a. (2000) nicht erläutert.
20 Siehe ebd. Das entspricht einer heutigen Summe in der Größenordnung von € 5 Millionen, wenn Alys „Faustregel“ von 1 RM = 10 Euro angesetzt wird, siehe Aly (2011), S. 48 und S. 394. Selbst bei einer wesentlich geringeren Umrechnungsrate (1 RM = 5 Euro), wie sie ebenfalls vorgeschlagen wird (so etwa von Thomas Kuczynski, siehe ebd.) ergeben sich noch 2,5 Millionen Euro. - Kröger (2013) führt von 1936 bis 1948 („
Bürger meister Ross“, nur teilweise fertiggestellt bis 1945, danach auf einer Bremer Werft zu Ende gebaut) acht Schiffe auf, die die Pahl-Werft bis 1945 an die HADAG lieferte (S. 173 ff.). - Eine Liste von Neubauten der Werft findet sich bei Stammer (1994), S. 363-366; vgl. auch die Foto-Übersicht: Pahl-Werft. - Noch nach 1941 hat sich die Werft (offenbar bis 1945) um weitere Aufträge für Hafenfähren bemüht. Das Zusammenspiel von HADAG und Pahl-Werft wird in einem Schreiben des Reichsverkehrsministeriums an die HADAG vom Juni 1942 deutlich: Die HADAG wollte den Fährenbau bei Pahl als „Sonderstufenfertigung“, d.h. als „Bestandteil der Wehrmachtsfertigung“, eingeordnet sehen, was das Ministerium aber ablehnte, mit dem Hinweis: „Ich muss Ihnen anheimgeben, wie schon bisher auch weiterhin zu versuchen, durch Vereinbarung mit dem Oberkommando der
Kriegsmarine zu erreichen, dass die Schiffswerft August Pahl in die Lage versetzt wird, an Ihren Neubauten ungehindert weiter zu arbeiten.“ (Faksimile, Dokument 35, in Koch/Meier (1993).) Insgesamt war die Werft nach 1933 – und in den Kriegsjahren - offensichtlich gut ausgelastet, wozu in erheblichem Maße bzw. ausschließlich staatliche Aufträge (Alsterschiffe,
Polizei -,
Zoll - und Feuerlöschboote, Rettungsbote usw.) beitrugen. Dass sich hinter harmlos scheinenden Aufträgen (wie Seenotrettungsbooten) häufig Kriegsproduktion verbergen kann, muss nicht betont werden. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger beispielsweise war in den militärischen „Küstenschutz“ der Luftwaffe und
Kriegsmarine eingebunden – so erforderte die Kriegsentwicklung in der Nordsee ein „Neubauprogramm [von Seenotrettungsbooten], das im wesentlichen von der Werft 'August Pahl' in Hamburg-Finkenwärder abgewickelt wurde“. (Kreuzer
2015)
21 Nazikorruption (1946), S. 13
22 Ebd.
23 Ebd. - Nach 1945 ist Rudolf Pahl in den Hamburger Adressbüchern zunächst nicht mehr verzeichnet – erst wieder ab 1952 (mit der alten Adresse:
Schloostraße 2) (siehe Hamburger Adreßbuch 1952).
24 Anzeigen erschienen auf den 27. Juni 1964 datiert am 1. Juli 1964 in der „Welt“ (StAHH, Zeitungsausschnittsammlung, 731-8_A 765 Pahl, Rudolf), gleichlautend im „Hamburger Abendblatt“, 1. Juli 1964. Auf wen in einem solchen Betriebs-Gemeinschaftstext (in NS-Zeiten war von „Betriebsführer“ und „Gefolgschaft“ die Rede) Formulierungen wie „starke Persönlichkeit“ und „edle Gesinnung“ zurückgehen mochten, wird schwerlich rekonstruierbar sein. -
Zum Konkurs: Siehe Wikipedia: „August Pahl“. Zur Auftragslage bzw. Fertigung siehe Stammer (1994). - Das besondere Verhältnis zur HADAG ist nach 1945 offenbar zunächst beendet worden; die HADAG hat wohl bewusst keine Geschäfte mehr mit der Pahl-Werft getätigt, so Kludas (1988), S. 24. (Nach R. Pahls Tod aber: die Fähre „Cranz“, 1970, auch Reparaturarbeiten). Insgesamt hat, nach den Angaben bei Kröger (2013), S. 175 bis 179, die Pahl-Werft in der NS-Zeit die folgenden Schiffe/Fähren für die HADAG gebaut: MS Finkenwärder (1936), MS Lühe (1938), D Wischhafen, D Wittenbergen, D Twielenfleth (1939), MS
Wilhelm Boltz, MS Hamburg (1942), begonnen: MS
Bürger meister Ross (1948). 1946 wurden von der HADAG die folgenden bei Pahl gebauten Schiffe gechartert und bereedert: MS Saselbek, MS Susebek, MS Bredenbek, MS Niedersachsen.
Nach Rudolf Pahls Wiedereinstieg in die aktive Firmenleitung, d.h. nach Beendigung seiner Inhaftierung, erlebte die Werft in den 1950er-Jahren einen Neu-Anfang. Gemäß alliierter Vorgaben musste sie sich zunächst allerdings auf den Bau kleinerer Schiffe beschränken (meist unter 500 BRT, ab 1952 auch größere, in der Regel aber deutlich unter 2.000 BRT).
Einen merklichen Aufschwung (mit entsprechender Werksvergrößerung) brachte die Mitte der 1950er-Jahre. Nun baute die Pahl-Werft eine Reihe weit größerer Fracht- und Fahrgastschiffe, beginnend 1955 mit der MS „Ravensberg“ (1535 BRT). Es folgten bis 1961 vier weitere, doppelt so große Schiffe gleichen Typs, alle mit auffallender Namensgleichheit. Es handelte sich um Frachter der Cap-Serie, deren Auftraggeber die Reederei Rudolf August Oetker war.
Oetker, Chef des Back- und Puddingpulver-Familienkonzerns, war dabei, einen Mischkonzern aufzubauen. Mit den Schiffen „Cap Castillo“ (1958, 4.042 BRT), „Cap Degado“ (1959, 4.126 BRT), „Cap Bonavista“ (1960, 4.118 BRT) und „Cap Colorado“ (1961, 5.376 BRT) – Angaben nach Stammer (1994), S. 365/366 – baute Pahl einen Teil der neuen Frachter-Flotte für Oetkers 1952 gegründete Reederei RAO. Damit sollte die Flotte der Hamburg Südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschaft (Hamburg Süd) ergänzt werden, die Oetker zu 49% gehörte, bis er sie Mitte der 1950er-Jahre vollständig übernahm. (Die „Cap Colorado“ wurde für die Reederei Union AG, Kiel, gebaut, die ebenfalls Oetker gehörte.)
Bemerkenswert ist im vorliegenden Zusammenhang die Tatsache, dass Rudolf August Oetker (seit 1933 in der Reiter-SA, 1940 NSDAP-Mitglied, 1941 freiwillig in die Waffen-SS eingetreten, ab 1944 mit dem Rang eines SS-Untersturmführers versehen) offenbar am „Fortdauern alter Netzwerke über den politischen Umbruch
1945 hinweg“ beteiligt war. „Berührungsängste“ mit „alten Kameraden“ hatte Oetker „jedenfalls nicht, und wenn es um
Kunst und Architektur ging, sah Oetker – wie auch andere
Unternehmer – keine Veranlassung, auf die Dienste von im NS-Regime prominenten Vertretern ihrer Zunft wie Arno Breker oder
Cäsar Pinnau zu verzichten.“ (Finger/Keller/Wirsching (2013), S. 409, S. 410/411) (Ebenso wenig scheute der Ex-Nationalsozialist den Umgang mit führenden Neo-Nazis, etwa der NPD - siehe ebd., S. 560, Anm. 10.)
„Am deutlichsten war die diskrete Kontinuität wirtschaftlich-politischer Seilschaften bei der Privatbank Hermann Lampe. Rudolf August Oetker erwarb das Bankhaus 1949 (…). Als Komplementär und Geschäftsführer gewann er Hugo Ratzmann, der seine Erfahrungen aus den Jahren vor 1945 einbrachte: Ratzmann (…) war seit 1937 Geschäftsführer bei der Dresdner-Bank-Kommandite Bankhaus Hardy & Co., bei der Rudolf August Oetker während des Krieges im Aufsichtsrat saß. (…) Nach Ratzmanns Tod 1960 wurde 1964 Rudolf von Ribbentrop einer von zwei geschäftsführenden
Direktor en bei Lampe. Oetker und Ribbentrop waren seit 1940 befreundet, und der
Unternehmer brachte den Sohn des ehemaligen Reichsaußenministers nach dessen Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft zunächst in einer Handspielpuppen-Fabrik (…) unter, an der er sich beteiligt hatte. Der hochdekorierte [SS-]Panzer-Kommandeur [v. Ribbentrop] holte eine bürgerliche Berufsausbildung nach; gleichzeitig pflegte er alte Netzwerke in der Waffen-SS. 1957 versuchte er, den vormaligen SS-Wirtschaftsverwaltungsführer Rudolf August Oetker für finanzielle Hilfen zugunsten von Veteranen der Leibstandarte Adolf Hitler zu gewinnen (…). Oetker war grundsätzlich dazu bereit“, - er wollte das aber wie stets über den einschlägig aktiven, SS-nahen „Verein 'Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e.V.' laufen lassen.“(Ebd., S. 410)
Während die genannte NS-
Kunst größe Arno Breker in diesen 1950er-Jahren mit dem Kreis um Werner Naumann - Ex-Mitarbeiter des Propagandaministers Goebbels – Pläne zur Wiedergeburt nationalsozialistischer Machtausübung in der BRD schmiedete (beteiligt war auch der ehemalige Hamburger Gauleiter und Reichsstatthalter
Kaufmann ), wurde der erwähnte
Cäsar Pinnau, Architekt besonderer Wertschätzung Hitlers und Speers, von Oetker nicht nur zu privaten und geschäftlichen Bau-Zwecken bemüht, sondern gerade auch für die Gestaltung der Inneneinrichtung seiner Schiffe bzw. für das gesamte „elegante“ Design seiner Schiffsserien. (Siehe Jungbluth (2004), besonders S. 222-266; zu Pinnau auch Fest (1995), aber unkritisch; Höhns (2015); zur Ausstellung „
Cäsar Pinnau. Zum Werk eines umstrittenen Architekten“ im
Altonaer Museum 2016: Czech/Hirsch/Schwarz (Hg.) (2016); zur Naumann-Affäre u.a. detailliert Tauber (1967)). Einen für die Werft nicht unerheblichen Teil der Schiffe der Cap-Serie baute, wie eben gezeigt, die Finkenwerder Firma Rudolf Pahls.
Nach Ablieferung eines letzten großen Schiffs („Poeldijk“, 5.600 BRT, an die Holland Amerika Linie, Rotterdam) knickte die Erfolgskurve der Werft allerdings erheblich ein, was vor allem zwei Gründen zuzuschreiben sein dürfte: einmal den Schäden, die die Werft 1962 durch die Elbesturmflut erlitt, zum anderen Rudolf Pahls plötzlichem Tod Mitte 1964.
25 Wenn nicht alles täuscht, wird Rudolf Pahl in der Finkenwerder Heimat-
Literatur nach 1945 nur ein einziges Mal noch erwähnt (abgesehen von Homann (2009) natürlich) – und zwar folgendermaßen bei E. Goltz (1985), S. 201: „Mien Vadder hett hier [= August Pahl Schiffswerft] as Meister arbeit't un is van hier in'n Krieg trocken. He hett tietslebens den olen 'Herrn' Pohl vuihrt. (…) Soveel ick weet, hett ok de Jung Rudl Pohl mit Vadder minnich Utsprook hatt.“ (Vgl. aber auch Anm. 11.)
26 Werftbesitzer: „Am 01. 04. 1944 kam ich in die Lehre bei der Firma H. v. Cöl[l]n Boots und Jachtbau hier in Finkenwerder, hier wurden Motorpinassen für die
Kriegsmarine gebaut. Es waren hier viele
Handwerk er aus Finkenwerder sowie aus Altenwerder, Dienstverpflichtet. Ja wenn wir morgens zur Arbeit kamen stand unser Boos vorne im Schuppen und begrüßte uns mit dem deutschen Gruß (…) . Ja unser Boos war auch Parteigenosse ich glaube ein ganz Gewitzter.“ (ZZB Nr. 9, gez. RUWABE, ohne Datum; dieser und andere Zeitzeugenberichte (= ZZB) aus dem 1990er-Jahren bis etwa 2000 stammen aus der Arbeit der Geschichtswerkstatt Finkenwerder – Protokolle von Gesprächen mit Finkenwerder Zeitzeugen, deren Niederschrift anschließend von den Befragten bestätigt wurden. Sie liegen im Archiv der Geschichtswerkstatt vor; abgedruckt sind sie in Homann (2009), Band 2 – Rechtschreibung usw. wurde im Allgemeinen wie im Original belassen.)
Handwerk smeister: Zu E. Goltz siehe seine eigenen Berichte in Goltz (1978) und Goltz (1985);
Gasthofbesitzer: Zu H. Rahmstorfs „Finkenwärder Hof“ siehe Anmerkung 12; seine Partei-Mitgliedschaft ist mehrfach in den Finkenwerder-Meldungen der „Norddeutschen Nachrichten“ nachzulesen; nach Homann (2009), Band 1, S. 93, war auch dessen Vorgänger als Gastwirt, sein Vater W. Rahmstorf, NSDAP-Mitglied;
Pastoren: Zu Pastor Laub siehe E. Goltz (1978), S. 64 („Auch Kriegsliteratur, die uns von unserem Pastor gegeben wurde, wurde heftig diskutiert. Diese Bücher sind vielleicht die Grundlage dafür gewesen, daß bei dem Auftauchen Hitlers viele unserer besten Freunde auf seine Parolen hörten und ihm folgten.“). Laub - als früherer Offizier – hat in Finkenwerder eine Ortsgruppe („Gorch Fock“) des „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ mit „Frauenschaft“ gegründet (siehe Goltz (1985), S. 74) – ein Foto zum Aufmarsch in Finkenwerder (28. Mai 1933) bei Homann (2009), Band 1, S. 15 a - entnommen aus
Brack er (1992), S. 257 (aus dem Museum für Hamburgische Geschichte). - Zu dem nachfolgenden Pastor Vorrath siehe Hering (1999);
Schulleiter: Bernhard Boldt (1890-1958), Leiter der Aue- und Norderschule, zuletzt auch der Westerschule bis 1945, war Mitglied im NSLB und der NSV, ab 1. Mai 1937 der NSDAP - nach seinen eigenen Angaben im Entnazifizierungsfragebogen, 7. Juli 1945 (StAHH, Personalakte Boldt);
Lehrer: Siehe beispielsweise zu
Adolph Albershardt: Ralph Busch, „
Adolph Albershardt“ in der online-Datenbank „NS-Dabeigewesene“ (Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg), 2015;
Doktor: Zu Dr. P. W. Homann siehe Homann (2009), Band 1, S. 14, Anmerkung 1 („Mein Vater trat am 18. 9.
32 der NSDAP bei.“) und passim ;
Zahnarzt: „So gab es auch bei uns zu Hause Bilder von E[duard]. B[argheer]. [der NS-offiziell als „entarteter“ Künstler galt], die stets hängen blieben, obwohl mein Vater NSDAP-Mitglied war, und auch der Finkenwerder Zahnarzt Dr. John Reimers – Freund meines Vaters und mein Patenonkel 'Jonni-Dokter' – auch NSDAP-Mitglied -, bei dem E. B. Patient war, ließ sich die Zahnbehandlungsrechnungen von E. B. immer in Bildern bezahlen, die dann die Wände seines
Wartezimmers zierten.“(Homann (2009), Band 1, S. 95);
Ortsgruppenleiter: Zu Karl Neeb siehe ZZB Nr. 10; ungeklärt ist, wie bzw. weshalb es zu dem Wechsel der Ortsgruppenleitung kam. Neeb war Schlosser, Pahl Werftbesitzer. Ob hier der in der Hamburger NSDAP 1929/1930 durchgesetzte Wechsel vom eher „proletarisch-revolutionären“
Bürger schreck-Image zum „seriösen“
Politik gebaren - siehe dazu etwa Krause (1987) - eine Rolle gespielt hat oder ob ganz andere Gründe vorlagen, muss Spekulation bleiben;
Werft-Arbeiter: ZZB Nr. 3 (Herr B., 15. März 1998) erwähnt: „Frau Haun, die Frau eines Nachbarn und Parteigenossen“, welcher in ZZB Nr. 9 (gez. RUWABE, ohne Datum) wieder genannt wird: „Ich erinnere mich, daß bei uns in der Werftsiedlung einige Parteigenossen waren. So war da ein Genosse Fiedler, (…) der Genosse Fiedler nahm seine Aufgaben sehr ernst.“ Danach wird im gleichen Bericht ergänzt: „unser Nachbar Genosse Haun, er war auf der Werft im Vertrauensrat ([NS-„Ersatz“ für den ehemaligen] Betriebsrat).“ Weiter heißt es: „Dann war da noch der Partei Genosse gleich ich nenne seinen Namen nicht, es leben noch Nachkommen in Finkenwerder, der hat seinen Nachbarn Fenners angezeigt weil er Radio London gehört hatte. Dann war da noch Genosse Schlag und Genosse Haupthoff, beide waren Luftschutzhauswarte, ja Sie nahmen ihre Aufgaben sehr wichtig. (…) Dann war da noch der Genosse Rolf bei uns in der Siedlung, das war ein überzeugter Nationalsozialist, er nahm sich das Leben wie das Nazi-Regime zusammenbrach. Er hat sich auf dem Werftgelände erhängt.“ Während die vorausgehenden Angaben sich auf die Deutsche Werft mit Mietswohnungen entlang des Norderdeichs beziehen, ist im Weiteren von der kleinen Werft H. v. Cölln die Rede: „Ja wir hatten dort auch ParteiGenossen, da war Hinrich Kalb, Dienstverpflichteter
Handwerk er aus Finkenwerder (…). Nach Kriegsende fingen bei uns in der Firma ein Parteigenosse Hannes Eukers, er war Meister auf der Stül[c]ken Werft [gewesen], sowie Parteigenosse Ludwig Haun, aus dem Vertrauensrat der Deutschen Werft, sowie der Parteigenosse Hans Fack von der Pahl-Werft [an]. Nun es waren gute Leute sie machten ihre Arbeit. Aber hier hätte man schon den Begriff 'Seilschaft['] einsetzen (...)“ können. - Die genannten Fenners, Fiedler, L. Haun, Haupthoff, Kalb und Schlag sind in den Hamburger Adressbüchern für die fragliche Zeit eindeutig mit Finkenwerder Anschriften identifizierbar.
Finkenwerder war natürlich auch nicht ausgenommen vom System der Durchdringung der Gesellschaft mit verschiedensten NS-Organisationen und -Aktivitäten. Finkenwerder und Finkenwerderinnen waren in NSDAP und SA (Marine-SA) aktiv, betätigten sich in HJ und BDM und „
NS-Frauenschaft“, sammelten für das „Winterhilfswerk“ und propagierten die NSV, unterstützten den „Reichskolonialbund“ und „Kraft durch Freude“ etc. Bei Gelegenheit wurden die Häuser und Straßen Hakenkreuz-beflaggt, „Trittst du als Deutscher hier herein, so soll dein Gruß Heil Hitler sein“ lasen die Kunden im Kolonialwarenladen, an das jüdische Geschäft wurde „Deutsche, kauft nicht bei Juden“ geklebt. „Wir marschieren mit der neuen Zeit“, verkündete der Heimat-Dichter Finkenwerders,
Rudolf Kinau, ... (Siehe zur Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte 1933 – auch in Finkenwerder: Sielemann (2017); zum Pogrom 1938 und Finkenwerder: Busch (2017).
27 Zu erinnern ist an dieser Stelle daran, dass es schließlich auch in Finkenwerder (bis zum Verbot 1933) den überwiegend sozialdemokratisch inspirierten „Reichsbanner“ gegeben hatte. (Siehe die Meldung „Vereinsflagge Finkenwärder des Reichsbanners aufgetaucht“, „der neue RUF“, Ausgabe Süderelbe, 12. September 2015, S. 8) - Am ehesten kommt einem politisch motivierten Widerstandsakt möglicherweise ein Ereignis nahe, das mit den Ballons in Verbindung steht, welche im Krieg in Finkenwerder als Flugabwehrmaßnahmen eingesetzt wurden: „Zur Luftabwehr wurden an mehreren Plätzen Fesselballons installiert. Die mit Gas gefüllten Ballons von ca. 2m Durchmesser ließ man an einem Drahtseil in die Luft steigen, um mit ihnen als Hindernis für die feindlichen Flugzeuge gezielt Teile des Luftraumes zu sperren.“ (Wagner/Meier/Stroh (1986), S. 33) Fast wortgleich hat Wagner (2009), S. 107, dies mehr als zwanzig Jahre später wiederholt, nun ergänzt um ein Foto der „mit Gas gefüllten Ballons am Boden“ sowie um ein weiteres, das „die Lagerung der Gasflaschen“ abbildet (ebd., S. 108). Was bei Wagner fehlt, ist ZZB 14 [Rudolf Behm, 5. April 2002] zu entnehmen: „Zur Irritation der feindlichen Flugzeuge wurden in Fkw. [Finkenwerder] Sperr-ballone in die Luft gelassen. Eine entsprechende Station befand sich auf dem hinteren Gelände der Westerschule. In einer Baracke wohnten dort ebensolche jungen Russen [
Zwangsarbeit er, wie in den Baracken am Nessdeich] mit deutschen Wachsoldaten und warteten die Ballone. Herr B. erinnert sich, wie bei einem schweren Gewitter im Sommer 1942 oder 1943 die über Fkw. schwebenden Ballone nacheinander explodierten.
Am Güterbahnhof befand sich ein Depot für Gasflaschen, vermutlich für die Versorgung der Ballone bestimmt. Eines Tages flogen diese alle in die Luft. Er [d.h. Zeitzeuge B.] und seine neugierigen Freunde wurden zu seinem Bedauern von den Bewachern vom Tatort [!] ferngehalten. Offiziell hieß es, dass Funkenflug der vorbeifahrenden Loks die Flaschen entzündet habe. Unter der Hand war von Sabotage die Rede.“
28 Es gibt eine Reihe von Berichten, die mehr oder weniger heimliche Aktionen wie Übergabe von Nahrung oder auch Kleidung an
Zwangsarbeit er - auf dem Gelände der Deutschen Werft oder im Ort – bezeugen. Hierfür als Beispiel: „Weiter berichtete Herr B. über Frau Haun, die Frau eines Nachbarn und Parteigenossen. Er [Herr B.] beobachtete, wie sie den Häftlingen Brot zuzustecken versuchte, das ihr aber von den Bewachern aus den Händen geschlagen wurde. Nachbarinnen rieten ihr, sie sollte das Brot doch auf die Mülleimer an der Straße legen, von wo es die Häftlinge vielleicht unbemerkt an sich nehmen könnten. Das tat sie dann auch.“ (ZZB Nr. 3, Herr B., 16. März 1998)
Eine andere Zeitzeugin „(...) erzählt, wie sie an den Zaun [des
Zwangsarbeit er-Lagers am
Uhlenhoffweg ] ging und Kartoffelschalen, Essensreste und, ganz selten, einen geräucherten Fisch oder ein Ei, durch den Zaun steckte, auf deren [sic!] anderen Seite die Männer bald schon auf sie warteten. Sie hatte damals ein [kl]eines Mädchen, das sie zur Tarnung mitnahm. Fast jeden Tag ging sie hin. Sie fürchtete sich davor, ging aber trotzdem.“ (ZZB Nr 16, Frau Anna Fock, vor 1997)
Auch direkten „Ungehorsam“ in Konfrontation mit NS-Offiziellen gab es; so entgegnete eine Bauersfrau beim Kontrollbesuch der „Sipo“ ( Gestapo/Kriminalpolizei) dem Vorwurf, der polnische Fremdarbeiter sitze verbotener Weise mit am Küchentisch: „Lot mi mit sun lächerlichen Krom in Ruh. Allns lich hier up mien Schullern. Seh leeber to, dat wü Lüü för de Ernte kriet. De Jung is sauber un itt anstännig, de blifft doar besitten!“ (Artikel von C[äcilie] S[iemonsen] , „Utlänners“, „De Kössenbitter“ 12/1993, zit. nach Homann (2009), Band 2, S. 201-205)