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  • Motivgruppe / Kategorie:  Kultur

Ernst Rowohlt

( Ernst Hermann Heinrich Rowohlt )
(23.6.1887 Bremen – 1.12.1960 Hamburg)
Verleger
Bieberstraße 14 (1958, Wirkungsstätte, Verlagsadresse)
Wellingsbütteler Landstraße 115 (Wohnadresse, 1958)
Bestattet: Friedhof Hamburg Volksdorf, Waldfriedhof, Duvenwischen 125, Grab- Nr: Ak, am Hauptweg

1908: Gründung des Rowohlt Verlags in Leipzig. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich Rowohlt freiwillig als Soldat. 1919 Gründung des zweiten Rowohlt-Verlages. Nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, wurden 50 Prozent der Verlagswerke verboten. 1936 erhielt Ernst Rowohlt Berufsverbot, weil er das Buch von Urban Roedl (eigentlich: Bruno Adler) über Adalbert Stifter herausgegeben hatte. Der Vorwurf lautete: jüdische Schriftsteller zu tarnen. 1939 zog Rowohlt nach Brasilien, der Heimat seiner damaligen Ehefrau. Rowohlt blieb weiterhin Mitglied der NSDAP, der er 1937 beigetreten war. Sein Unternehmen wurde der Stuttgarter Deutschen Verlags-Anstalt als Tochtergesellschaft angegliedert und von seinem Sohn Heinrich Maria Ledig weitergeführt. Ernst Rowohlt kehrte Ende Dezember 1940 nach Deutschland zurück, wurde am 10.2.1941 Hauptmann bei der Wehrmacht in einer Propagandakompanie. 1943 schied Ernst Rowohlt aus der Wehrmacht aus. Ernst Rowohlt erklärte dazu später, dass er wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ die Wehrmacht verlassen musste, da eine Petition von 1927 für Max Hoelz auch seine Unterschrift trug. 1943 wurde der Rowohlt-Verlag zwangs-geschlossen.Der dritte Rowohlt-Verlag wurde 1946 in Stuttgart gegründet. Am 27. März erhielt Ernst Rowohlt von den Engländern die Lizenz für den Verlag in Hamburg. Vier Jahre später siedelte die Stuttgarter Firma nach Hamburg über. 1957, zu seinem 70. Geburtstag wurde Ernst Rowohlt das Große Bundesverdienstkreuzes verliehen.[1]

Am 26. Mai 2008 erschien in der Wochenzeitschrift Der Spiegel anlässlich der zum 100. Geburtstag des Rowohlt Verlages herausgegebenen Verlagschronik ein von VOLKER HAGE, DAVID OELS und KLAUS WIEGREFE verfasster Artikel über Ernst Rowohlt unter dem Titel: „Hauptmann der Propaganda“. Darin gehen die Autoren auf Rowohlts NSDAP Mitgliedschaft, seine Tätigkeit in der Wehrmacht und seine Äußerungen zum Thema „Judentum“ ein: „Auch ein ‚auf dem rassentheoretischen Gebiet ganz simpel und normal empfindender Mensch‘, so Rowohlt weiter, müsse zugeben, dass angesichts der Tatsache, wie sich Juden in die wichtigen Positionen vorgedrängt hätten, ‚unbedingt ein Riegel vorgeschoben werden musste‘. Es könne kein Zweifel daran bestehen, daß eine gewisse antisemitische Bewegung der Nationalsozialisten durchaus berechtigt war‘; ‚ungeheure Härten‘ seien dabei nun einmal nicht zu vermeiden. Und dem ‚Völkischen Beobachter‘ versicherte er gleichzeitig, es entspreche durchaus seinem persönlichen Empfinden, sich ‚der nationalen Gleichschaltung einzufügen und im Sinne der nationalen Regierung am Neuaufbau deutscher Kulturpolitik mitzuarbeiten‘. (…)
Und über den 1937 erfolgten Eintritt Ernst Rowohlts in die NSDAP werden [in der Verlagschronik] die alten Klischees bemüht. Er habe damit versucht, ‚sich und seinem Verlag Luft zu verschaffen‘.
Ein Geheimnis hat der Verleger daraus nie gemacht und rückblickend im März 1946 behauptet, er sei als Mitglied einer Kriegsopferversorgung (Rowohlt war im Ersten Weltkrieg Leutnant gewesen) automatisch in die Partei übernommen worden, und die Aufnahme sei ‚zu meinem eigenen Erstaunen erfolgt‘.
Unterlagen aus dem Berliner Bundesarchiv zeigen indes, dass er sich Jahre später, im August 1943, erfolgreich um eine Bestätigung seiner Mitgliedschaft in der Partei bemühte. Er habe bis Dezember 1940 Beiträge gezahlt, schrieb er damals an die zuständige Ortsgruppe, und gedenke, den Rest nachzuzahlen. Die im April 1940 erfolgte Streichung der Parteizugehörigkeit - mit dem Vermerk ‚unbekannter Aufenthalt‘ - wurde daraufhin zurückgenommen.

Vor allem die steten Beitragszahlungen - auch als er in Brasilien war - wecken Zweifel an Rowohlts Nachkriegsversion, er sei 1939 ‚emigriert‘, wie es auch in der neuen Verlagschronik zu lesen ist.
Warum kehrte Rowohlt überhaupt im Dezember 1940 von Brasilien wieder nach Deutschland zurück (wofür er das ‚Blockadebrecher‘-Abzeichen erhielt)?

Er selbst versuchte nach dem Krieg, eine Antwort zu geben. Im März 1948 war eine spöttische, aber wohlwollende SPIEGEL-Titelgeschichte über den längst wieder aktiven Verleger erschienen, Rowohlt war als einziger Verlag in allen vier Besatzungszonen vertreten. Sogar der US-Autor Lewis wollte nach dem Krieg, ‚dass Du alle meine Bücher wieder verlegst‘.

Eine kritische Leserreaktion zu diesem SPIEGEL-Beitrag nahm Rowohlt zum Anlass, um zu erklären: Er habe endlich wieder Verleger werden wollen und 1940 ‚fest an den bevorstehenden Zusammenbruch‘ geglaubt. Andernorts sagte er sogar, er habe von einer bevorstehenden ‚Revolte der Wehrmacht gegen die Partei‘ gehört.
Hatte er sich nur ‚im Zeitpunkt‘ geirrt, wie er dann weismachen wollte? Im Jahr 1940? Als die deutsche Wehrmacht nichts als Siege und Erfolge verbuchte? Rowohlt versuchte, sich mit Wortwitz aus der Affäre zu ziehen: ‚Ich wurde bestraft‘, schrieb er im SPIEGEL, ‚denn ich durfte nicht verlegen, sondern wurde erst einmal verlegt - von Stettin nach Belgien, nach Frankreich, Griechenland und schließlich in den Kaukasus.‘
Denkbar ist, dass es ihm in seinem ‚Exil‘ zu langweilig geworden war. Er habe in Brasilien ‚Häute verkauft und Pferde zugeritten‘, witzelte er 1948. Vielleicht hatte er einfach genug davon, bei den Schwiegereltern zu wohnen, oder sich seiner Frau entfremdet - sie blieb mit der gemeinsamen Tochter in Brasilien zurück.
Denkbar ist aber auch, dass der Verleger aus Leidenschaft die Nazis 1940 keineswegs am Ende, sondern im Gegenteil als zukünftige Sieger wähnte, mit denen es sich auf Dauer zu arrangieren galt. Das würde seinen soldatischen Eifer erklären - wahrscheinlich hoffte Rowohlt, so wieder ganz im Deutschen Reich Fuß fassen zu können.

Anfang Februar 1941 schrieb er seinem Autor und Freund Fallada: ‚Das Warten auf meine Einberufung ist zum Verzweifeln, und dabei kann es noch 14 Tage bis 3 Wochen dauern.‘
Welche Aufgaben Rowohlt bei der Wehrmacht genau hatte, lag bislang weitgehend im Dunkeln. Rowohlt gehörte zu einer Propagandatruppe, wie so viele nach dem Krieg prominent gewordene Journalisten und Schriftsteller, darunter Kurt W. Marek, der unter dem Namen Ceram mit seinem Buch ‚Götter, Gräber und Gelehrte‘ (1949) dem Rowohlt-Verlag einen ersten Nachkriegs-Bestseller bescherte. (…).“ [2]

Im Weiteren gehen die Autoren in ihrem Artikel noch auf Rowohlts Stellung und Aufgaben im „Sonderstab F“ der Wehrmacht ein. Siehe dazu unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-57119401.html
Dieser Spiegelartikel sorgte in der Öffentlichkeit für eine kontroverse Diskussion über Ernst Rowohlts Haltung zum Nationalsozialismus . „Die Welt“ schrieb am 26.5. 2008 in ihrem Beitrag „Die Nazi-Verstrickungen des Verlegers Rowohlt“: „1937 war er [Ernst Rowohlt] aber noch in die NSDAP eingetreten – eher unfreiwillig, als Mitglied einer Massenorganisation, wie er es in dem ‚Memorandum‘ darstellt; nach einer anderen und von der Verlagsgeschichte übernommenen Version aus dem Kalkül heraus, durch die Mitgliedschaft seine Verhandlungsposition gegenüber den NS-Behörden zu stärken. Auch im Brasilianischen ‚Exil‘ zahlte er seine Mitgliedsbeiträge und soll nach den Recherchen des ‚Spiegel‘ vor der Abreise einer SS-Einheit Geld gespendet haben. Mit den interessantesten Neuigkeiten aber wartet der ‚Spiegel‘ hinsichtlich Rowohlts Kriegsdienst auf, der, was Feldpostbriefen etwa an seinen Autor Hans Fallada zu entnehmen ist, keineswegs die ‚Hölle‘ war, wie Hemingway vermutete [in einem Brief an Rowohlt]. Rowohlt kam zum ‚Sonderstab F‘, der, zunächst von Griechenland aus, als ‚zentrale Außenstelle für alle Fragen der arabischen Welt, die die Wehrmacht betreffen‘ antibritische und antijüdische Propaganda im Mittleren Osten betrieb. Später wurde diese Einheit im Kaukasus eingesetzt, um vor allem muslimische Freiwillige zu rekrutieren. Wie bedeutend Rowohlts Anteil an diesen Aktivitäten war, lässt sich, so der ‚Spiegel‘, nicht mehr rekonstruieren. Doch vermutet das Magazin, dass der ‚altgediente Verleger‘ bei der Produktion etwa eines ‚Handbuchs für die Ausbildung im Arabischen Freiwilligenkorps‘ die Finger im Spiel gehabt haben müsse. Ob seine Entlassung aus der Wehrmacht, die auf einen längeren Lazarett-Aufenthalt folgte, wirklich politische Gründe hatte, lässt sich ebenso wenig klären. Allerdings wäre Rowohlt als möglicher politischer Dissident mit der – ehrenhaften – Entlassung aus der Wehrmacht mehr als glimpflich davon gekommen. Ende 1944 wurde er als Volkssturm-Führer wieder reaktiviert.
Muss der Rowohlt-Verlag nun von seinem legendären Gründer abrücken? Verlagschef Alexander Fest will zunächst einmal das Material im Bundesarchiv studieren, auf das sich der ‚Spiegel‘ stützt, bevor er weitere Erklärungen abgibt. In einer ersten Reaktion auf die ‚Spiegel‘-Geschichte sagte er: ‚Meine eigene Einschätzung Ernst Rowohlts deckt sich mit dem Urteil Walter Benjamins, der 1939 an den jüdischen Religionswissenschaftler Gershom Scholem schrieb, dass Rowohlt politisch nicht ernst zu nehmen sei, aber immer einen Stein bei ihm im Brett haben werde, weil er so lange an seinem jüdischen Personal festhielt‘. Diese Loyalität wird vielfach bestätigt. Aber es gibt eben auch andere Zeugnisse. Zum Beispiel einen Brief Rowohlts an seinen amerikanischen Autor Sinclair Lewis, in dem er 1933 Verständnis für den Antisemitismus der Nationalsozialisten zeigte und um solches Verständnis warb: Es könne kein Zweifel daran bestehen, ‚dass eine gewisse antisemitische Bewegung der Nationalsozialisten durchaus berechtigt war‘. Ohne solche Widersprüche ist die Verleger-Legende Ernst Rowohlt nicht zu haben.“ [3]

Erich Lehnert, ehemaliger Oberstleutnant und späterer Redakteur der Zeitschrift „Sezession“ sowie Geschäftsführer der Instituts für Staatspolitik, eine im Mai 2000 gegründete private Einrichtung, „die nach eigenen Angaben als Organisations- und Aktionsplattform für neurechte Bildungsarbeit dienen soll [und] als  ‚Denkfabrik‘ der Neuen Rechten“ gilt [4] wendete sich in seinem Beitrag „War Rowohlt ein Nazi?“ gegen die Argumente der Autoren des Spiegels und versuchte eine Gegenargumentation aufzubauen: „Zunächst einmal: Rowohlt verlegte bis 1938 in Deutschland Bücher, war damit ein glatter Opportunist, der Geschäfte machen wollte. Als Beleg dafür führt der Spiegel an, daß Rowohlt, der vor 1933 ‚nazikritische Schriften‘ verlegt hatte, den Bildband Ein Volk steht auf ins Programm nahm. Ledig [Rainer Maria Ledig] spricht von Tarnung, was näherliegt als die Unterstellung einer Nazi-Gesinnung. (…) Rowohlt verläßt am 19. November 1938 Deutschland und reist nach Brasilien, der Heimat seiner damaligen Frau, wo er bis 1940 bleibt. Der zweite Vorwurf lautet also: Rowohlt kehrte nach Deutschland zurück. Warum?  Rowohlt selbst sagt: Er wollte wieder verlegen, sah 1940 den Zusammenbruch kommen, konnte nicht abseits stehen in der Stunde der Not. Der Spiegel bezweifelt dies und nennt als mögliche Gründe: Langeweile und Entfremdung von der Frau. Spontan fallen einem andere ein: Heimweh und Abenteuerlust. Was soll er in Brasilien, wenn Deutschland kämpft (als er verreiste, war noch kein Krieg)? Hinzu kommt, daß 1939 seine Mutter starb und ihm ein Erbe zustand, das er in Anspruch nehmen wollte. (…) Löblich ist, daß der Spiegel recherchiert hat, was Rowohlt bei der Wehrmacht machte (dritter Vorwurf: Rowohlt war in der Wehrmacht). Er war bei einer Propagandatruppe in Griechenland und im Kaukasus eingesetzt. Was ist daran schlimm? Die Eckdaten stehen bereits in der Biographie von Mayer, über die genauen Aufgaben, insbesondere seine konkreten Beteiligungen an irgendwelchen antisemitischen Propagandaaktionen kann auch der Spiegel nur spekulieren, da im Januar 1943, beim Rückzug aus dem Kaukasus, alle Akten vernichtet wurden. Rowohlt wurde am 30. Juni 1943 als ‚politisch unzuverlässig‘ aus der Wehrmacht entlassen, vermutlich weil man seine Unterschrift unter einem Aufruf von 1927 zur Überprüfung des Urteils gegen Max Hoelz fand. Der Spiegel schreibt: ‚Seine Entlassung bedauerte er‘“ Was den Eindruck erwecken soll, daß Rowohlt lieber weiter Krieg geführt hätte. Vielleicht. Näher liegt aber die Annahme, daß er befürchtete damit aus dem Schutz der Wehrmacht entlassen zu sein. Daß die Wehrmacht Schutz bot, ist bekannt. (…) Vierter Vorwurf: (…) Er spendete vor seiner Brasilien-Fahrt Geld an eine SS-Staffel in unbekannter Höhe.‘ (…) Auch klingt der Vorwurf so, als hätte Rowohlt jemanden umgebracht, oder es läge eine Spendenaffäre wie bei der CDU vor. Vielleicht waren es zehn Mark für eine verlorene Wette? Vielleicht wollte er sich das Wohlwollen von irgend jemandem erkaufen? Immerhin versuchte er, gegen das im Juli 1938 ausgesprochene Berufsverbot vorzugehen und hoffte vielleicht, auf diese Weise Unterstützung zu erhalten? Nicht schön – aber doch zu verstehen. (…) Daher läßt sich auch Rowohlts Mitgliedschaft in der NSDAP (fünfter Vorwurf) erklären. Er selbst kommentierte dies so: ‚Wenn ich nicht Mitglied bin, können sie mich um so leichter matt setzen.‘ Zeitgenossen nahmen diesen Schritt nicht ernst (Hans Zehrer) oder hielten ihn für naiv (Theodor Eschenburg). Keiner wäre auf die Idee gekommen, darin Rowohlts Gesinnung ausgedrückt zu sehen. (…) Sechster Vorwurf ist ein Brief an Sinclair Lewis von 1933. Die zitierten Stellen aus dem Brief an Lewis rechtfertigen das Vorgehen gegen die Juden. Eine ‚gewisse antisemitische Bewegung der Nationalsozialisten‘ sei angesichts des jüdischen Einflusses durchaus berechtigt gewesen. Allerdings kam das Schlimmste für die Juden noch. Bis Ende 1933 waren Juden durch Gesetze und Boykott entrechtet worden. Daß Rowohlt angesichts dieser Maßnahmen von ‚ungeheuren Härten‘ spricht, zeigt doch, daß er bereits das als ungeheuerlich empfindet – und dennoch rechtfertigt. (…). Immerhin hat er [Rowohlt] sie bis zuletzt gedeckt und dabei sogar seinen Verlag riskiert und schließlich auch verloren. (…). Wenn Rowohlt (…) aufgegeben hätte, wären seine Angestellten arbeitslos gewesen, was besonders für die beiden jüdischen Lektoren schlimme Konsequenzen gehabt hätte. (Auch im NS mußte man Essen und Miete bezahlen, Geld verdienen.) Rowohlt war kein Samariter, der half, um zu helfen. Er konnte nur helfen, wenn er erfolgreich Bücher verlegen würde. Dem hat er alles untergeordnet. Bis zu einem Punkt, an dem es nicht mehr weiterging. Wenn man so will, hat er die kleinen Lügen gewählt, um den großen Verrat nicht begehen zu müssen. Und nach Sachlage hat er ihn nicht begangen. Wer kann das heute von sich behaupten?“ [5]

Quellen:
1 vgl.: Vivienne Schumacher: Ernst Rowohlt – ein Leben für die Literatur . 7.11.2017 ndr.de, unter: www.ndr.de/kultur/geschichte/koepfe/ernstrowohlt103_page-3.html und vgl.: Wikipedia: Ernst Rohwohlt, abgerufen 3.12.2017.
2 VOLKER HAGE, DAVID OELS, KLAUS WIEGREFE: Hauptmann der Propaganda , Der Spiegel vom 26.5.2008 unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-57119401.html
3 Aus: „Die Nazi-Verstrickungen des Verlegers Rowohlt“, Autor: Eckard Fuhr, in: DIE Welt vom 26.5.2008 unter www.welt.de/kultur/article2035980/Die-Nazi-Verstrickungen-des-Verlegers-Rowohlt.html
4 Wikipedia: Institut für Staatspolitik (abgerufen am 21.8.2016)
5 War Ernst Rowohlt ein Nazi? von Erik Lehnert (25.8.2008), unter www.sezession.de/wp-content/uploads/2009/03/lehnert_war-ernst-rowohlt-ein-nazi.pdf
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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