Begriffserklärungen

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Arthur Böckenhauer

(13.9.1899 Hamburg – 18.4.1953 oder 18.4.1945 Hamburg)
Reichstagsabgeordneter der NSDAP

Kaufmännische Lehre, während des Ersten Weltkriegs Unteroffizier an der Westfront eingesetzt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in die Vorläufige Reichswehr übernommen und bei der Heeresfachschule des Reichsheeres angestellt. Von 1919 bis 1920 Freikorpsmitglied. 1922 Eintritt in die NSDAP und die SA. Von Januar bis November 1923 war er SA-Führer in Hamburg. „Nach dem Verbot von NSDAP und SA nach dem Hitlerputsch im November 1923 führte Böckenhauer eine Hamburger Tarnorganisation der SA, die sich ‚Turn-, Sport - und Wandervereinigung Blücher von 1923‘ nannte. 1923 und 1924 als Bankangestellter tätig, wurde Böckenhauer 1925 Polizei beamter in der Hamburger Ordnungspolizei.

Nach der Wiederzulassung der NSDAP trat Böckenhauer am 1. August 1925 erneut in die Partei (Mitglieds-Nr. 12.815) ein. Schon im Vormonat hatte er wieder die Führung der Hamburger SA übernommen. Wegen dieser politischen Betätigung wurde er am 2. November 1926 fristlos aus dem Polizei dienst entlassen und war dann bis 1930 in unterschiedlichen Berufen tätig. Ab dem 21. August 1927 wurde er als SA-Gausturmführer ‚Nordmark‘ zuständig für die Gaue Schleswig- Holstein, Hamburg und Lüneburg-Stade. Für das gleiche Gebiet war er auch als  SS-Führer verantwortlich. Am 8. Mai 1928 wurde er aus der NSDAP und der SA ausgeschlossen (die Gründe für den Ausschluss sind nicht bekannt, in den amtlichen Reichstagshandbüchern aus der Zeit des Nationalsozialismus wird der Ausschluss nicht erwähnt), jedoch 1930 wieder in die NSDAP und 1931 in die SA aufgenommen.

Anlässlich der Reichstagswahl vom Juli 1932 wurde Böckenhauer als Kandidat der NSDAP in den Reichstag gewählt, dem er - nach Bestätigung seines Mandates bei den Wahlen vom November 1932 und März 1933 - zunächst für drei (jeweils stark verkürzte) Wahlperioden bis zum November 1933 angehörte. Nachdem er von November 1933 bis Mai 1936 kein Mitglied des politisch bedeutungslos gewordenen Parlamentes war, konnte er anlässlich der Wahl vom Mai 1936 - zu der freilich nur Kandidaten auf der Einheitsliste der NSDAP zugelassen waren - in den Reichstag zurückkehren, dem er nun bis zum Ende der NS-Diktatur im Frühjahr 1945 angehörte.

In der Hamburger SA hatte Böckenhauer bis zum 1. März 1934 verschiedene Führungspositionen inne, zuletzt war er Sonderkommissar der dortigen SA-Führung. Während dieser Zeit wurde er zum 1. März 1933 zum SA-Gruppenführer befördert. Vom 1. März 1934 bis zum 31. Mai 1935 war er dann als Abteilungschef im Stab der Obersten SA-Führung (OSAF) tätig, wo er mit der Bearbeitung der Angelegenheiten des SA-Feldjägerkorps befasst war. Vom 1. Mai 1935 bis 31. Oktober 1937 amtierte Böckenhauer schließlich, ebenfalls im Stab der OSAF, als Chef des Gerichts- und Rechtsamtes der Obersten SA-Führung. In der Zeit vom 1. Mai bis zum 30. November 1936 war zudem in Personalunion auch mit der geschäftsführenden Leitung des Personalamtes der OSAF befasst. Während seiner Zugehörigkeit zur OSAF wurde er zum 9. November 1936 zum SA-Obergruppenführer befördert.

Vom Herbst 1937 bis zum Frühsommer 1938 verließ Böckenhauer die OSAF vorübergehend, um vom 1. November 1937 bis zum 31. Mai 1938 die SA-Gruppe Niedersachsen mit Dienstsitz in Hannover zu führen. Zum 1. Juni 1938 kehrte er dann in die OSAF zurück, in der er bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Position eines Hauptamtschefs (…) bekleidete. Während des Zweiten Weltkrieges nahm er 1940 als Hauptmann der Reserve am Westfeldzug teil. Dabei wurde er mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und der Spange zum Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet. Ab 7. November 1941 war Böckenhauer als ehrenamtliches Mitglied an Urteilen des Volksgerichtshofes beteiligt.“[1]

Quelle:
1 Wikipedia: Arthur Böckenhauer (abgerufen 2.1.2017)
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand November 2021: 900 Kurzprofile und 303 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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