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Friedrich Albers

(5.8.1886 Beckdorf bei Stade – 9.8.1980)
Schulleiter der Handelsschule 3 Schlankreye
Sülldorfer Kirchenweg 123 (Wohnadresse, 1939)

Dr. Hans-Peter de Lorent schrieb das Profil über Friedrich Albers und veröffentlichte es ins einem Buch „Täterprofile, Band 2“.

Im Sommer 1933 wurde Friedrich Albers Schulleiter der Handelsschule 3 in der Schlankreye . Albers war 1932 in die NSDAP und in den NSLB eingetreten und verfolgte zielstrebig eine Karriere im Schuldienst. Seine Arbeit als Schulleiter zeigte, wie auch in anderen Fällen im berufsbildenden Bereich, dass die Schulbehörde bei der Inthronisierung alter Parteigenossen nicht immer eine glückliche Hand bewies. Dies wurde zwar in verblüffender Deutlichkeit von dem zuständigen Schulrat bei der Überprüfung von Unstimmigkeiten im Kollegium eingeräumt, blieb aber ohne Konsequenzen. Nach 1945 bekam Friedrich Albers ein Leumundsschreiben von seinem bisherigen Oberschulrat Richard Schlorf, mit dem er zu dem Zeitpunkt gemeinsam im Internierungslager Neuengamme saß.

Friedrich Albers wurde am 5.8.1886 in Beckdorf im Kreis Stade geboren. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater hatten schon als Lehrer gearbeitet.1

Albers besuchte die Volksschule in Beckdorf von 1893 bis 1901 und wechselte danach auf die Präparandenanstalt Diepholz, die er bis 1904 besuchte. Anschließend ging er auf das Lehrerseminar Bederkesa, wo er 1907 die erste Lehrerprüfung bestand.2 Danach wechselte Friedrich Albers nach Hamburg in den Volksschuldienst und absolvierte am 26.4.1910 die zweite Lehrerprüfung.3 Im Ersten Weltkrieg war Albers von 1914 bis 1918 als Frontsoldat aktiv. In einem Vermerk, den der Schwiegervater von Friedrich Albers, der ehemalige Schulrat in der Weimarer Republik, Hugo Wiese, dem Oberschulrat für den berufsbildenden Bereich Johannes Schult am 30.12.1947 übergeben hatte, schrieb Hugo Wiese, Friedrich Albers habe „schwere Erschütterungen als Teilnehmer des Ersten Weltkrieges erlebt“. Und: „Er hatte als Einjähriger bei dem Jägerregiment in Dresden gedient und kam als Unteroffizier an die Front. In einem der ersten Gefechte in Frankreich schleppte er seinen verwundeten Hauptmann aus dem Kampfe heraus und rettete diesen vor Tod und Gefangennahme. Dafür erhielt er das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Später erhielt er auch das Eiserne Kreuz erster Klasse. Er hat den Feldzug sowohl im Westen wie auch im Osten mitgemacht, wurde als Offizier zweimal verwundet und einmal verschüttet. Außerdem hatte er einen schweren Ruhranfall zu bestehen. Seine Verwundungen, sowohl die Strapazen und Erlebnisse des Krieges haben für seine Charakterentwicklung üble Nachwirkungen gehabt. Ruhige und sachliche Perioden wechseln mit plötzlich auftretenden Anfällen ab, die auf völligen Nervenzusammenbruch zurückzuführen sind und eine starke Belastung seiner Umgebung bedeuten. Das hat sich sowohl im Berufsleben wie in der Familie gezeigt.“4

Dieses Schreiben von Hugo Wiese, das der Entlastung dienen sollte, deutete an, worauf viele Schwierigkeiten, die Albers als Schulleiter hatte, zurückzuführen sein könnten. Hugo Wiese war ein sehr anerkannter Lehrer, Schulleiter und Schulinspektor, Kreisschulrat und Schulrat in Hamburg gewesen. Am 18.1.1863 in Neustadt (Holstein) geboren, war er nach Absolvierung des Lehrerseminars in Hamburg 1885 in den hamburgischen Schuldienst eingetreten, 1903 zum Hauptlehrer (Rektor) ernannt worden. Er leitete die Volksschule Norderstraße und von 1911 die Volksschule Telemannstraße 10, 1913 wurde er Schulinspektor für das öffentliche Volksschulwesen, als Schulrat trat er am 31.3.1929 in den Ruhestand. Von 1915 bis 1935 war er Vorsitzender der Internationalen Großloge der Druiden gewesen. 1934 war der Deutsche Druidenorden von den Nationalsozialisten aufgelöst worden. Wiese war vor 1933 auch Mitglied der Deutschen Volkspartei gewesen. Aufgrund seiner Logenzugehörigkeit konnte er kein Mitglied der NSDAP werden. Gleichwohl gehörte er seit 1933 dem NSLB an, nachdem er vorher über Jahrzehnte Mitglied der Gesellschaft der Freunde gewesen war.5

Mit dem vor der NS-Zeit sehr anerkannten Hugo Wiese besaß Friedrich Albers also nach 1945 einen gewichtigen Fürsprecher.

Vorerst soll aber noch die weitere berufliche Entwicklung von Friedrich Albers nachgezeichnet werden. Albers war nach dem Ersten Weltkrieg wieder als Volksschullehrer in Hamburg an der Schule Genslerstraße tätig, bis er 1922 an die Hamburger Universität ging, um ein Handelslehrerstudium zu absolvieren, das er am 22.2.1925 abschloss.6 Am 9.7.1925 heiratete Friedrich Albers Gertrud Wiese. Albers hatte auch noch Englisch und Französisch studiert und jeweils ein halbes Jahr in England und Frankreich verbracht. 1930 brachte er ein Lehrbuch in englischer Sprache für Handels- und Wirtschaftsschulen heraus.7

Er schien somit ambitioniert und auch mit Kompetenzen ausgestattet zu sein. 1929 hatte er sich als Direktor der städtischen Handelslehranstalten in Hannover beworben. Der Magistrat der Stadt Hannover fragte am 28.5.1929 in Hamburg an, ob Albers zuzutrauen sei, „nach seiner ganzen Persönlichkeit, seiner bisherigen Amtstätigkeit und seinen außeramtlichen Verhältnissen eine große Anstalt mit Erfolg leiten zu können“.8

Das Antwortschreiben wurde von dem Schulleiter der staatlichen Handelsschule, August Kasten, verfasst, an der Friedrich Albers als Studienrat seit dem 23.5.1925 tätig war. Darin hieß es:
„Er ist ein fleißiger, tüchtiger Lehrer, der seine Schüler fördert und an dem diese mit Liebe hängen. Wie als Lehrer schätze ich Herrn Albers auch als Menschen gleich hoch. Er ist ein charaktervoller Mann, der es sich angelegen sein läßt, die ihm übertragenen Pflichten unbedingt zu erfüllen. Unter seinen Kollegen nimmt Herr Albers eine geachtete Stellung ein. Seine Führung im Dienst wie außer Dienst war stets tadellos. Nach meiner Auffassung kann Herr Albers für die Leitung der Schule unbedingt empfohlen werden, da er Organisationstalent, Energie und Zielbewußtsein im hohem Maße besitzt. Herr Albers ist mit der Tochter des Schulrats für das Volksschulwesen, Herrn Wiese, verheiratet. Seine Familienverhältnisse sind durchaus geordnet. Sein Gesundheitszustand war immer gut.“9

Auch wenn Friedrich Albers am Ende nicht ausgewählt wurde, deutete er sein Karrierebewusstsein an und möglicherweise sah er auch deswegen eine Perspektive, als sich die politischen Verhältnisse am Ende der Weimarer Republik veränderten. Am 1.3.1932 trat Albers in die NSDAP ein, parallel dazu in den NSLB. Es war also vorhersehbar, dass er auf die Liste der neuen Schulleiter für die Berufsschulen gelangte, die der neue Senator, Karl Witt, am 10.7.1933 vorlegte.10

Später gab Friedrich Albers an, vor 1933 der DVP angehört zu haben. In seinen Entnazifizierungsverfahren tauchte dann seine Austrittserklärung aus der DVP vom 3.6.1931 auf, in der es hieß: „Hiermit erkläre ich meinen Austritt aus der Deutschen Volkspartei. Die Tatsache, dass die deutsche Volkspartei den Zusammenschluss mit den anderen großen nationalen Parteien nicht gefunden hat, ist für mich nicht mehr tragbar. Die Ausführungen des Parteiführers haben gezeigt, dass für die Zukunft Hoffnungen in dieser Hinsicht zwecklos sind.“11

Auch wenn Friedrich Albers später anderes behauptete, er war während der gesamten NS-Zeit aktiv, als Kreisamtsleiter im NSLB von 1933–1937, er gehörte dem Korps der politischen Leiter der NSDAP von 1933–1937 an, dann wieder von 1942–1945. Zusätzlich war er Blockwalter in der NSV und Ortsgruppenwalter im VDA.12

Vor Friedrich Albers war Carl Blume seit 1930 Schulleiter an der Handelsschule 3 gewesen. In der Festschrift der Staatlichen Handelsschule ‚Am Lämmermarkt‘ schrieb Gunter Buck über Blume:

„Carl Blume wurde im März 1933 von Schulsenator Witt gefragt, ‚ob er sich mit der nationalsozialistischen Partei befreunden könne‘. Er lehnte ab, wurde am 13. April vom Dienst suspendiert und zum 30. November 1933 im Alter von 59 Jahren in den Ruhestand versetzt. Zuvor hatte er den ‚Fragebogen zur Durchführung des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933‘ beantwortet und seine Mitgliedschaft in der SPD von 1918 bis 1933 sowie im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold ab Januar 1933 zugegeben. Nach dem Krieg schrieb Blume rückblickend: ‚Mir ist seinerzeit der Abschied vom Amt nicht leicht gefallen. Die Versetzung in den Ruhestand bedeutet wohl immer einen schmerzhaften Eingriff in das Leben eines Beamten, die vorzeitige ganz besonders. Zwar hatte man mir nahegelegt, durch einen politischen Glaubenswechsel mir meine Stellung zu erhalten; aber ich konnte und wollte nicht anbeten, was ich stets abgelehnt hatte. So musste ich folgerichtig die Rolle des Mitwirkenden mit der des Zuschauers vertauschen.“13

Der Kontrast zwischen den Schulleitern Blume und Albers war signifikant. Wenzel Schubert erklärte dazu:
„Ich war 1937 an der H 3 Schlankreye . Der Leiter, Herr A., war ein besonders eifriger Parteigänger, der den Ehrgeiz hatte, alle Lehrer der Schule zum Eintritt in die Partei zu bewegen. Da ich bis zum Herbst 37 trotz der Aufforderung von Senator Witt und Landesschulrat Mansfeld14 an alle Beamten und speziell die Lehrer, der Partei beizutreten, da Staat und Partei jetzt dasselbe sei, mich nicht gemeldet hatte, ließ Herr A. mich in sein Zimmer rufen und legte mir als einem der drei letzten einen Meldezettel zur Unterschrift vor. Ich stand damals unter dem Eindruck folgenden Vorfalls: Eine meiner Klassen hatte in ihrer Zeitung geschrieben, ich zerstöre durch meinen Unterricht, was der Führer in ihnen mühsam aufgebaut habe. Es waren zu jener Zeit an anderen Schulen aus solchen Gründen Entlassungen vorgekommen. So gab ich schließlich meine Unterschrift auf dem Meldezettel, aber mit der schriftlichen Bedingung, daß ich zu aktiver Mitarbeit keine Zeit habe. Ein Abzeichen habe ich nie getragen.“15

Hugo Wiese hatte geschrieben, dass bei Friedrich Albers „ruhige und sachliche Perioden“ mit „plötzlich auftretenden Anfällen“ abwechselten, die „eine starke Belastung seiner Umgebung“ bedeuteten.16

In Albers’ Personalakte ist ein Vorgang enthalten, der sich mit einer Beschwerde des Studienassessor Ewald Porthun gegen seinen Schulleiter Albers und einer Beschwerde von Schulleiter Albers gegen den Studienassessor Porthun befasst. Beide waren in der Schule aneinander geraten und hatten sich anschließend am 24.11.1939 und am 30.11.1939 an die Schulverwaltung gewandt.17

Daraufhin war Schulrat Kinder beauftragt worden, sich mit dem Fall zu beschäftigen. Kinder legte am 18.7.1940 einen Bericht vor, in dem er schrieb, dass der Fall Albers–Porthun „ein ernstes Symptom für die auf die Dauer unheilbare Spannung zwischen Schulleiter und Lehrkräften an der H3 darstellen“.18

Kinders zusammenfassender Bericht ließ ernsthaft an den Kompetenzen des Schulleiters Friedrich Albers zweifeln:

„Die Lage, die zu ernsten Besorgnissen für die Zukunft der Höheren Handelsschule Schlankreye Anlaß gibt, ist folgende: Den Schulleiter und seine Stellvertreterin, Frau Studienrat Stachowitz trennt ein Zerwürfnis, das die Aufrechterhaltung des notwendigen dienstlichen Verkehrs zwischen den beiden Persönlichkeiten noch gerade zuläßt, deren Zusammenwirken für eine gedeihliche Arbeit an der Schule von entscheidender Bedeutung ist. Studienrat Dr. Stiebenitz, der Vertrauensmann des Kollegiums, unternimmt es nach seiner Aussage nicht mehr, wegen der Abstellung von Mängeln und zwecks Vorbringen von Klagen und Wünschen beim Schulleiter vorstellig zu werden, da das doch zwecklos sei und den Schulleiter zu keinen Maßnahmen veranlasse. In einer Konferenz am 16.5.1940 habe ich zur Verbesserung der Schuldisziplin, über die seitens mehrerer Lehrkräfte dringend Klage geführt wurde, die allgemeine und einheitliche Anwendung einer festen Disziplinordnung, unter anderem auch die Neufassung und Einführung einer Hausordnung gefordert. Hierzu sei bis jetzt überhaupt nichts geschehen. Es sei alles beim Alten geblieben. So würden Verfügungen der Behörde vom Schulleiter oft ignoriert. Am bedenklichsten sei es, daß die Lehrkräfte bei der Zeugniserteilung oft unzutreffende, nämlich bessere Noten austeilten, als der Schüler es verdiene, und zwar lediglich deshalb, um vom Schulleiter keine Vorwürfe zu erhalten. Dieser vertrete nämlich ausdrücklich den Standpunkt: Wenn die Schüler schlechte Noten bekämen, dann sei das ein Beweis für das Versagen des Lehrers. So enthielten die Zeugnisse der H3 vielfach bessere Urteile, als eigentlich verantwortet werden könne. Die meisten Lehrkräfte hätten resigniert, ‚hielten den Mund‘ und handelten so, daß sie mit dem Schulleiter nicht in Konflikt gerieten, auch wenn es gegen ihre Überzeugung sei. Daß das nicht zum Besten der Schule und der Schüler sei, liege auf der Hand. Wer einmal ‚etwas sage‘, würde abgekanzelt und müsse befürchten, in Ungnade zu fallen und bei nächster Gelegenheit aus dem Kollegium entfernt zu werden.“19

Schulrat Kinder zitierte einen Lehrer mit den Worten: „Die Höhere Handelsschule Schlankreye erfüllt noch ihre Aufgabe nicht wegen ihrer Leitung, sondern trotz ihrer Leitung.“20

Ein besonderer Kritikpunkt war die mangelnde Disziplin der Schüler gewesen, auch einer der Punkte, die in der Auseinandersetzung mit dem Lehrer Porthun eine zentrale Rolle gespielt hatte, besonders weil „die Lehrkräfte beim Schulleiter keinen oder nur mäßigen Rückhalt fanden, wenn sie nach Erschöpfung der ihnen zu Gebote stehenden Disziplinarmittel ein Einschreiten des Schulleiters verlangten. Schüler, die der Schulleiter endgültig der Schule verwiesen hätte, seien nach kurzer Zeit wieder zum Unterricht zugelassen worden. Die Ansprachen, die Albers hin und wieder in der Aula an die Schüler richtete, veranlaßten diese meistens zur Heiterkeit. In übersteigerter Form, wenn von Albers immer die Pflege der Kameradschaft zwischen Schülern und Lehrern gefordert werde, die Wahrung einer straffen Disziplin jedoch kaum jemals verlangt. Die Schüler machten sich hierüber lustig.“21

Schulrat Kinders Diagnose: „Aufgrund meiner Beobachtungen glaube ich, daß Albers sich seinem Kollegium gegenüber unsicher fühlt, ja, es sogar fürchtet. Die Unsicherheit verbirgt sich hinter einem polternd schroffen Ton, der, wie im Falle Porthun, verletzend und kränkend wirken kann. Diese Unsicherheit ist dadurch begründet, daß Mitglieder seines Lehrkörpers ihm in geistiger oder wissenschaftlicher Hinsicht überlegen sind, und daß Albers offenbar keine glückliche Hand in der Menschenführung besitzt, auch daß er selbst das Gefühl der mangelnden Initiative haben muß, über die nun einmal der Leiter einer so großen Schule verfügen muß. Eine Schule dieser Art dieses Umfangs dürfte es wahrscheinlich kaum noch in Deutschland geben. Albers wird fühlen, daß ihm das Kollegium, wenigstens zum großen Teil nicht folgt, ihm aber auch nicht folgen kann, da er ja auch nicht führend und bahnweisend in der Schularbeit vorangeht. Jeder Sachverständige muß nach näherer Betrachtung der H3 und ihrer Leistungen zu der Erkenntnis kommen, daß der Leiter dieser Schule auch rein leistungsmäßig den Aufgaben nicht gewachsen ist, die diese Schule stellt. Unlust beherrscht die Lehrer, Unlust und Unsicherheit, die ihn auch das Lehrerzimmer meiden läßt, empfindet aber auch Albers.“22

Am Ende stellte Schulrat Kinder fest, daß die Bearbeitung dieses Konfliktes „eine unangemessene, umfangreiche Zeit“ beansprucht habe und daß es weiterhin nötig sei, der Schule die volle Aufmerksamkeit der Schulverwaltung zu widmen.23

Ein solch desaströser Bericht über die Arbeit eines Schulleiters ist äußerst selten. Es passierte hingegen nichts. Albers blieb Schulleiter, wegen seiner Kriegsverletzungen war er am 21.3.1940 „uk“ gestellt worden. Am 1.8.1942 wurde er dann sogar zum Berufsschuldirektor befördert.24

Möglicherweise kam Albers der Umstand zur Hilfe, dass kein normaler Unterricht mehr stattfand, weil Krieg war und ein großer Teil der Schüler sowie der jüngeren Kollegen sich im Kriegsdienst befanden.

Am 28. Mai 1945 reichte Friedrich Albers seinen Entnazifizierungsfragebogen ein. Als Zeuge fungierte Oberschulrat Richard Schlorf.25 Schon in diesem Fragebogen versuchte sich Albers als von den Nationalsozialisten Reglementierter und Diskriminierter zu gerieren. Am Ende schrieb er unter „Anmerkungen“: „Da ich mit meiner Familie in der ev.-luth. Kirche geblieben bin, trotzdem ich mehrfach zum Austritt aufgefordert war, wurde ich 1937 als Politischer Leiter entfernt, habe während der letzten Kriegsjahre zwar zwangsweise Vertretungen übernehmen müssen, wurde aber nicht als Politischer Leiter bestätigt, da ich meinen Austritt aus der Kirche verweigerte. Mehrfach wurde auch versucht, mich als Schulleiter zu entfernen.“26

Am 20.6.1945 wurde Friedrich Albers auf Anordnung der britischen Militärregierung entlassen, wie alle Beamten, „die der NSDAP vor dem 1.4.1933 beigetreten sind“. Am 21.9.1945 teilte ihm Senator Landahl mit, dass seine Weiterbeschäftigung nicht genehmigt werde.27

Friedrich Albers legte am 3.7.1945 Einspruch gegen die Entlassung ein. Dabei kämpfte er als knapp 59-Jähriger insbesondere um die Gewährung einer Pension. Seine Argumente:

„Seit 1907, also fast vier Jahrzehnte lang, stand ich im Hamburger Schuldienst, mit nur kurzen Unterbrechungen durch Studium im Ausland und Militärdienst. Sonst habe ich in dieser Zeit kaum einen Tag gefehlt und habe jahraus, jahrein meine Pflicht getan, lange bevor der Begriff Nationalsozialismus bestand. Vom einfachen Volksschullehrer aus habe ich durch das Studium von Englisch, Französisch, Volkswirtschaft und Privatwirtschaft die Grundlagen geschaffen, die mich befähigten, mehr als zehn Jahre die höhere Handelsschule der Hansestadt Hamburg zu leiten und diese Schule zu einer Blüte und zu einem Ansehen zu bringen, daß selbst die schwersten Kriegsschäden den Ruf meiner Schule nicht beseitigt haben. Meine letzten Amtshandlungen waren laufend Erledigungen von Anfragen nach Wiedereröffnung der Schule oder Besuche dankbarer Schüler und Schülerinnen.“28 Als hätte es die Kritik von Schulrat Kinder nie gegeben, schrieb Albers: „Der Kern der Dinge liegt für mich für diese Zeit darin, dass unsere Jugend gern gekommen ist, dass es sich nicht um kommandierte Nazijugend handelte, sondern dass ganz nach eigener Wahl auch Kinder aus anderen politischen Lagern kamen und sich wohl fühlten – mit Ausnahme vielleicht von einigen Faulpelzen –, weil ich die Ewigkeitswerte der guten Erzieherpersönlichkeit, nämlich: Liebe, Verstehen und Einfühlen in die anvertraute Jugend als alleinige Grundsäulen meiner Arbeit als Leiter gelten liess. Selbst meine Gegner werden es mir nicht abstreiten können, dass ich ein Verfechter der idealen Erzieherpersönlichkeit gewesen bin.“29

Zur NSDAP-Mitgliedschaft von Friedrich Albers hatte sein Schwiegervater, Hugo Wiese, geschrieben:
„Zum Eintritt in die NSDAP kam er 1932 aufgrund eines Vortrages von Hitler bei Sagebiel, in dem dieser ausführte, daß er nicht den Wahnsinn besitze, einen Krieg zu beginnen.“30

Friedrich Albers argumentierte zu diesem Zeitpunkt ganz anders:
„Nationalsozialist bin ich aus derselben Grundhaltung heraus geworden. Seit 1930 war ich 1. Vorsitzender des Vereins Deutscher Jäger, der über 700 gediente Soldaten umfasste, von denen damals 2–300 erwerbslos waren. Was ich in diesen Jahren an Not und Elend in meinen Klassen und in den Familien dieser armen Kameraden miterlebt habe, ging oft über die Kraft eines einzelnen Menschen, so dass es ganz natürlich war, dass der erste Rettungsanker, der sich bot, ergriffen wurde, denn die alten Parteien hatten in langen Jahren vergeblich sich bemüht, die Not zu meistern. Darum kann ich mir aus meinem Parteieintritt keinen Vorwurf machen, denn die spätere Entwicklung war damals nicht vorauszusehen.“31

Im Weiteren bekannte Friedrich Albers, dass er jede Nichtanerkennung seiner Leistungen und Ämter als schwere Kränkung erfahren hatte und daraus einen Konflikt mit dem Nationalsozialismus konstruierte. Objektiv absurd, weil er bis 1945 von seinen NS-Funktionen profitierte und beispielsweise noch am 28.8.1942 der Schulverwaltung mitteilte, dass ihn die NSDAP-Ortsgruppe Sülldorf zum Schulungsleiter bestimmt hatte.32 Drei Jahre später imaginierte Albers sich in die Opferrolle und konstruierte Erkenntnisse, die ihn in Gegensatz zum Nationalsozialismus gebracht hätten:
„Schon gleich nach der Machtübernahme aber begann für mich die Erkenntnis, dass das System Adolf Hitlers nicht in Ordnung war, und ich kann mit Wahrheit sagen, dass seit der Machtübernahme für mich ein Leidensweg begann: Die Leitung der Kriegervereine hatte vorher durchweg in den Händen jener Militärklique gelegen, in der die ostelbischen Adeligen die Hauptrolle spielte. In meiner Fürsorge für die erwerbslosen Kameraden war ich schon vor der Machtübernahme mit dieser Klique zusammengeraten. Als ich sofort nach der Machtübernahme eine soziale Leitung verlangte, wurden zu meinem maßlosen Erstaunen diese Leute, die Adolf Hitler vorher abgelehnt hatten, von diesem zu unseren Führern wieder eingesetzt. Ich war persönlich in Berlin bei dem damaligen Leiter des wehrpolitischen Amtes einen Oberstleutnant Sichting, der mir drohte, er würde mich ins KZ bringen lassen, wenn ich noch weiter Kritik an dieser Maßnahme üben würde. So bestand meine erste Erfahrung nach der Machtübernahme in einer scharfen KZ-Androhung.“33 Faktisch bestand seine erste einschneidende Erfahrung nach der sogenannten Machtübernahme darin, dass er als Nationalsozialist seit 1932, als „alter Kämpfer“ zum Schulleiter befördert worden war. Aber das passte natürlich nicht in seine Argumentation.

Auch im Weiteren argumentierte Friedrich Albers, er habe nur Schwierigkeiten gehabt, im NSLB, in der Partei, was nicht grundsätzlich stimmte, aber möglicherweise mit seiner „Charakterentwicklung“ zusammenhing, wie Hugo Wiese es nannte, die Albers zu einer „starken Belastung im Berufsleben wie in der Familie“ werden ließ, man könnte ergänzen, auch in den NS-Organisationen.

Friedrich Albers war Anfang 1946 verhaftet worden und wurde am 1.2.1946 in das Internierungslager Neuengamme überführt, aus dem er erst am 10.3.1947 entlassen wurde, mit der Entnazifizierung und Eingruppierung in Kategorie III.34

Mehr als merkwürdig war im Entnazifizierungsverfahren der „Persilschein“ des ehemaligen Oberschulrats im Berufsschulbereich, Richard Schlorf, der über die Probleme des Schulleiters Friedrich Albers gut informiert gewesen sein musste. Schlorf war selbst am 28.2.1946 in Neuengamme interniert, traf dort sicherlich mit Friedrich Albers zusammen und fertigte einen handschriftlichen „Persilschein“, in dem es hieß:
„Albers ist nach meinem Dafürhalten ein Mann, der sich für das Wohl seiner Schule auch da eingesetzt hat, wo sein Urteil mit dem Widerstand von anderen Dienststellen und Parteistellen in Widerspruch geriet. Er hat sich das Recht zu sachlicher Kritik nicht nehmen lassen, wenn er das Recht auf seiner Seite hatte. Seit ca. 10 Jahren ist er aus seiner Stellung als Kreiswalter beim Nationalsozialistischen Lehrerbund infolge von Differenzen mit dem damaligen Gauwalter ausgeschieden. Ich habe Albers als einen Mann von ehrlichem Charakter kennengelernt, der in zuverlässiger Weise für das Wohl seiner Schule und der ihm unterstellten Lehrer Sorge zu tragen bemüht war.“35 Für mich einer der perfidesten „Persilscheine“, von jemandem, der die Zusammenhänge alle kannte.

Die Lagerführung des Internierungslagers Neuengamme bescheinigte Friedrich Albers am 8.3.1947, „dass er während der Zeit seiner Internierung sich freiwillig an gemeinnützigen Arbeiten als Lehrer (Handelslehre) und Straßenbauarbeiter vom 1.2.1946 bis 9.3.1947 beteiligt hat.“36

Im Entnazifizierungsverfahren nützte ihm dies nicht viel. Der Beratende Ausschuss hielt in seinem Gutachten vom 9.9.1946 fest:
„Albers ist dem Ausschuss als aktiver Nationalsozialist bekannt. Sofort nach der sogenannten Machtübernahme wurde er zum Schulleiter ernannt und später als Direktor an die Tageshandelsschule berufen. Durch sein nicht immer in gemäßigten Grenzen gebliebenes Auftreten, das durch seine politische Einstellung bedingt war, hat er den Lehrkräften, die das Hitler-System ablehnten, die Arbeit an seiner Schule erschwert und sich dadurch im Laufe der Jahre viele Gegner geschaffen, die heute jegliches Zusammenarbeiten mit ihm ablehnen würden. Der Ausschuß erachtet ­Albers für untragbar.“37

Und auch der Beratende Ausschuss für die Handelslehrer kam zum gleichen Ergebnis:

„Nach persönlicher Kenntnis und eingehender Prüfung seiner politischen Haltung kommt Herr Albers für eine Wiedereinsetzung in sein früheres Amt als Berufsschuldirektor in keinem Falle in Frage.“38

Auch der Berufungsausschuss unter Vorsitz des für milde Urteile bekannten Rechtsanwalts Soll gelangte zu dem Ergebnis:
„Es kann nach der eigenen Einlassung des Berufungsklägers kein Zweifel unterliegen, dass Albers 1932 und in den Folgejahren aktiv für die NSDAP eingetreten ist. Nur unter Berücksichtigung, dass Albers sich offenbar in den Jahren 1936/37 aus der aktiven Tätigkeit infolge Gewissensbedenken zurückgezogen hat, war seiner Berufung insoweit stattzugeben, dass ihm 50% des Ruhegehaltes als Studienrat zugebilligt wurden.“39

Interessant ist auch der Versuch eines ehemaligen Schülers, H. A. de Boer, der am 7.7.1949 an Oberschulrat Dr. Karl Ebel schrieb und argumentierte:
„Wenn auch Herr Albers größtenteils an den Wochentagen während seiner Unterrichtszeit mit dem Parteiabzeichen herumlief und wenn er seine Ansprachen vor uns, der Elternschaft oder anderen Körperschaften, auch hinter hakenkreuzbeflaggten Podien hielt, so war jeder zweite Satz seinen Schülern gegenüber, die größtenteils Mitglieder der Hitler-Jugend waren und zu denen auch ich mich zählte, immer wenn wir um Urlaub für Sammelaktionen baten: ,Entweder seid Ihr Höhere Handelsschulschüler und werdet Kaufleute, oder Ihr geht sammeln.‘ Ich könnte ­Ihnen noch mehr ähnliche Sätze nennen. Von dem kleinen Kreis der Nichtgefallenen meiner früheren Klasse werden viele bereit sein, ähnliche Aussagen zu machen.“40

OSR Johannes Schult antwortete darauf am 22.7.1949:
„Gern erkenne ich an, daß Sie sich aus menschlich verständlichen Gründen für Herrn Albers einsetzen. Sie berichten, daß Sie als Schüler aus dem Munde des Herrn Albers Äußerungen gehört haben, die erkennen lassen, daß er sich in erster Linie als Schulleiter und Lehrer und erst in zweiter Linie als Nationalsozialist gefühlt habe. Das soll nicht bestritten werden und ist auch kein besonderes Verdienst des Herrn Albers, sondern eine selbstverständliche Haltung. In den zahllosen Konflikten zwischen Hitler-Jugend und Schule haben ungezählte Lehrer und Lehrerinnen den gleichen Standpunkt eingenommen, ohne daß damit bewiesen werden konnte, sie seien nur Mitläufer und mit halbem Herzen bei der nationalsozialistischen
Bewegung gewesen. Sich so zu verhalten, wie es Herr Albers nach Ihrer Darstellung getan hat, war seine Pflicht, die er im anderen Fall verletzt hätte. An dem Urteil über die politische Haltung des Herrn Albers können derartige Vorfälle nichts ändern. Das Urteil berücksichtigt die Gesamthaltung des Herrn Albers, und diese war bis zum Ende der nationalsozialistischen Herrschaft aggressiv nationalsozialistisch.“41

Das letzte wichtige Dokument in der Personalakte von Friedrich Albers ist ein Schreiben der Regierungsrätin Miething, die dem Personalamt gegenüber am 4.2.1954 begründen musste, warum die Schulverwaltung nicht bereit war, in einem juristischen Verfahren Friedrich Albers die Pension eines Berufsschuldirektors zu gewähren. Frau Miething schrieb:

„Es ist so, dass allgemein in beteiligten Lehrerkreisen die Meinung herrscht, die Ernennung des Albers zum Berufsschuldirektor sei auf Grund seiner Parteizugehörigkeit geschehen, da er besonders eifriger Nationalsozialist war und seine Ernennung zu einem Zeitpunkt erfolgte, zu dem die damals politisch nicht genehmen Schulleiter abgesetzt und von Nationalsozialisten abgelöst wurden. Zur fachlichen Qualifikation des Herrn Albers darf gesagt werden, dass er als Gewerbeschullehrer durchaus Durchschnitt liches leistete, dass er in seinem Amt als Berufsschuldirektor zwar nicht versagte, aber auch keine besonderen Leistungen erbrachte. Bei Bewertung der fachlichen Fähigkeiten allein hätten sich zweifellos geeignetere Persönlichkeiten für die Stellung eines Berufsschuldirektors gefunden.“42

Aus meiner Sicht eine durchaus zutreffende Zusammenfassung.

Es ist nicht auszuschließen, dass Friedrich Albers bei der juristisch für ihn günstigen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland später doch noch eine Pension als Berufsschuldirektor erhielt.

Friedrich Albers starb am 9.8.1980.

Das Buch von Hans-Peter de Lorent: Täterprofile, Band 2, Hamburg 2017 ist in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg erhältlich.

Anmerkungen
1 Personalakte Friedrich Albers, StA HH, 361-3_A 1708
2 Entnazifizierungsakte Friedrich Albers, 221-11_Ed 3373
3 Ebd.
4 Vermerk von Hugo Wiese, am 30.12.1947 OSR Johannes Schult persönlich übergeben, Entnazifizierungsakte a.a.O.
5 Hugo Wiese starb am 12.2.1950. Alle Angaben laut Personalakte Hugo Wiese, StA HH, 361-3_A 0518. Siehe auch „Hamburger Nachrichten“ vom 22.3.1929.
6 Entnazifizierungsakte a.a.O.
7 Ebd.
8 Personalakte a.a.O.
9 Personalakte a.a.O.
10 Personalakte a.a.O.
11 Entnazifizierungsakte a.a.O.
12 Ebd.
13 Staatliche Handelsschule ‚Am Lämmermarkt‘ 1922–1992, Hamburg 1992, S. 37.
14 Mansfeld war nicht Landesschulrat, sondern der Vertreter von Landesschulrat und Gauamtswalter im NSLB, Willi Schulz. Die Schreiben von Senator Karl Witt und Albert Mansfeld werden genauer betrachtet in der Biografie Albert Mansfeld, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 118ff.
15 Staatliche Handelsschule ‚Am Lämmermarkt‘ 1922–1992, Hamburg 1992, S. 37.
16 Vermerk von Hugo Wiese, am 30.12.1947 OSR Johannes Schult übergeben, Entnazifizierungsakte a.a.O.
17 Vermerk von Hugo Wiese, am 30.12.1947 OSR Johannes Schult übergeben, Entnazifizierungsakte a.a.O.
18 Bericht von Schulrat Kinder vom 18.7.1940, Personalakte a.a.O.
19 Ebd.
20 Ebd.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Ebd.
24 Personalakte a.a.O.
25 Entnazifizierungsakte a.a.O. Siehe auch die Biografie Schlorf, in: de Lorent 2016, S. 731ff.
26 Entnazifizierungsakte a.a.O.
27 Entnazifizierungsakte a.a.O.
28 Einspruch von Friedrich Albers gegen seine Entlassung vom 3.7.1945, Entnazifizierungsakte a.a.O.
29 Ebd.
30 Vermerk von Hugo Wiese, am 30.12.1947 OSR Johannes Schult übergeben, Entnazifizierungsakte a.a.O.
31 Einspruch von Friedrich Albers gegen seine Entlassung vom 3.7.1945, Entnazifizierungsakte a.a.O.
32 Schreiben von Friedrich Albers vom 28.8.1942, Personalakte a.a.O.
33 Ebd.
34 Ebd.
35 Schreiben von Richard Schlorf aus Neuengamme vom 28.2.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
36 Entnazifizierungsakte a.a.O.
37 Gutachten vom 9.9.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
38 Gutachten des Beratenden Ausschusses für die Handelslehrer vom 30.10.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
39 Berufungsausschuss für die Ausschaltung von Nationalsozialisten am 17.12.1947, Entnazifizierungsakte a.a.O.
40 Schreiben vom 7.7.1949, Entnazifizierungsakte a.a.O.
41 Schreiben vom 22.7.1949, Entnazifizierungsakte a.a.O.
42 Schreiben vom 4.2.1954, Personalakte a.a.O.
43 Personalakte a.a.O.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Mai 2020: 819 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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