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Adolf Denys

(14.9.1900 Hamburg – 5.5.1987)
Lehrer an der Gauführerschule III Ritterstraße , später Leiter der Gauführerschule IV in Börnsen, bei Bergedorf, Berufsschuldirektor der Handelsschule VI in Wandsbek, später Schulleiter der Handelsschule VII in Altona
Ottersbekallee 27 (Wohnadresse 1926)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat über Adolf Denys ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text: 

„Feinde – Landesfeinde – bekämpft man, Gegner vernichtet man. Wer ist Gegner? Marxisten und Kommunisten.“
Ein besonderer Fall ist der von Adolf Denys. Er war ein Nationalsozialist mit einer interessanten Bildungsgeschichte und Aktivitäten auf vielen verschiedenen Feldern. Denys trat am 1.5.1933 in die NSDAP ein, war aktiv in der SS, ambitioniert im NSLB unmittelbar nach der Gleichschaltung der „Gesellschaft der Freunde“, offenbar bereit, im nationalsozialistischen Staat eine Funktion zu übernehmen. Das gelang ihm auch, er wurde Berufsschuldirektor und, im Krieg, Major bei der Wehrmacht. Erstaunlich ist, dass es Denys gelang, 1948 wieder als Lehrer eingestellt und später sogar erneut in Hamburg Direktor einer Handelsschule zu werden.
Adolf Denys wurde am 14.9.1900 in Hamburg als Sohn des Beamten bei der Deutschen Seewarte, Heinrich Denys, geboren. Er besuchte von 1906 bis 1908 die Volksschule, wechselte dann auf die Realschule auf St. Pauli in der Seilerstraße , wo er die „Obersekundareife“ erlangte. An der Oberrealschule St. Georg machte er 1919 das Abitur. Bildungsbeflissenheit und Stolz zeigte er, als er zur Auflistung seines Bildungsweges für die Personalakte notierte, in der Volksschule „siebenmal Primus und einmal Sekundus“ gewesen zu sein und ebenfalls anmerkte, am Ende der Realschule mit der „Obersekundareife vom Mündlichen befreit“ worden zu sein.[1]
Die Reifeprüfung hatte Adolf Denys abgelegt, während er von 1916 bis 1921 das Lehrerseminar in der Binderstraße besuchte. Zwischenzeitlich, vom 21.6.1918 bis zum 12.12.1918, hatte Denys auch noch als „Jäger“ im Jäger-Ersatzbataillon am Ersten Weltkrieg teilgenommen.[2]
Adolf Denys war vielseitig, ambitioniert und umtriebig. Er hatte am 15.1.1921 das Lehrerseminar mit der ersten Lehrerprüfung erfolgreich abgeschlossen, wurde am 1.4.1921 in den Hamburger Schuldienst übernommen und legte an der Schule Eduardstraße am 30.6.1924 die zweite Lehrerprüfung ab.[3] Zum 1.10.1926 wurde Denys im Hamburger Schulwesen Beamter auf Lebenszeit. Mittlerweile war er der Mädchen-Schule Eppendorfer Weg 65 a zugeordnet.[4]
Laut eigenen Angaben hatte Adolf Denys schon in den Jahren 1921 bis 1923 an der Universität Hamburg naturwissenschaftliche Studien betrieben und von 1923 bis 1926 Nationalökonomie und Betriebswirtschaftslehre studiert, mit dem Abschluss als Diplom-Volkswirt.[5]
Er finanzierte sich das Studium mit seiner Arbeit als Volksschullehrer und wohnte zu diesem Zeitpunkt in Eimsbüttel in der Ottersbekallee 27, einer bürgerlichen Gegend, in der viele Oberlehrer der höheren Schulen lebten.[6]
Denys verfuhr weiter zweigleisig. Neben seiner Volksschullehrerarbeit setzte er das Studium an der Universität Hamburg fort und legte am 22.5.1928 das Examen als Diplom-Handelslehrer ab.[7]
Seitdem war er als Volksschullehrer und, in Nebentätigkeit, auch noch an der Handels- und an der Polizeischule tätig.[8]
Zum 1.10.1930 ließ er sich für ein halbes Jahr als Lehrer einer Volksschule beurlauben und wurde „in der Stellung eines Studienrats an der Handelsschule“ tätig. Dass er anschließend wieder als Volksschullehrer am Eppendorfer Weg 65 a arbeiten musste, mag zu seiner politischen Radikalisierung in Richtung der Nationalsozialisten beigetragen haben. Schließlich trat Adolf Denys am 1.5.1933 in die NSDAP ein.[9]
Denys war als Volksschullehrer in den 1920er Jahren wie fast alle seine Berufskollegen Mitglied der „Gesellschaft der Freunde“ geworden und wurde nach der Gleichschaltung mit dem NSLB zum 1.5.1933 auch in deren Kartei aufgenommen. Aufgefallen ist mir sein Name erstmals im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen im NSLB Hamburg, die es zwischen den „Alten Kämpfern“ des NSLB mit der neuen Führung um den dann als Gauamtsleiter fungierenden Willi Schulz[10] und seinen Stellvertreter, Albert Mansfeld[11], gab, die ich ausführlich beschrieben habe in den Biografien Heinrich Hehn[12] und Guido Höller[13]. Die Gruppe um Hehn und Höller hatte ein Parteigerichtsverfahren gegen die neuen führenden NSLB-Funktionäre Willi Schulz und Kurt Holm[14] angestrengt, zu denen offenbar auch Adolf Denys gehörte. Heinrich Hehn beschrieb eine Szene in der Auseinandersetzung mit der neuen NSLB-Führung im Curio-Haus:
„Als Pg. Schulz nun endlich Landesleiter geworden war, etwa Ende Mai 33, war seine erste Handlung, uns abzusetzen. Mitten in unserer Arbeit um den Aufbau des NSLB erreichten uns seine Absetzungsschreiben. (Denys, den ich vorher nicht gekannt habe, war kurz vorher in der Geschäftsstelle erschienen, angeblich um mitzuarbeiten, wie mir später aber klar wurde, nur um den notwendigen Einblick in den Geschäftsbetrieb zu erhalten.) Mein Absetzungsschreiben habe ich, ohne mich irgendwie aufzuregen, in den Papierkorb getan. Einige Tage darauf erschien Pg. Schulz mit unserer Ablösung in der Geschäftsstelle. Als zweiter, mit einem verlegenen Grinsen, unser ‚Mitarbeiter‘ Denys. Ohne viel Federlesens wurde, zur Hauptsache von mir, die ganze Gesellschaft, Mansfeld war auch mit dabei, an die frische Luft befördert. Von der Lieth rief verschiedentlich, laut durchs Treppenhaus nach Pg. Schulz. Er aber hatte es vorgezogen, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Dem Denys versuchte ich das Hakenkreuz abzunehmen, was auch Pg. Kaufmann gemeldet wurde. Denys flog ziemlich unsanft hinaus. Pg. Mansfeld versuchte schnellstens zu entkommen, indem er fortwährend rief: ‚Fassen Sie mich nicht an! Ich gehe schon!‘“[15]
Es waren aufregende Zeiten und Adolf Denys war mitten darin. Hier auf Seiten derjenigen, die in der NS-Zeit die Macht im NSLB und in der Schulverwaltung hatten.
Der umtriebige Adolf Denys war aber auch als Nationalsozialist mehrgleisig unterwegs. Laut seiner SS-Karteikarte war er am 15.5.1933 in die SS eingetreten (Mitgliedsnummer 93.254).[16]
Die Unterlagen des Rasse- und Siedlungsamtes der SS in Berlin sind denkwürdige Dokumente. Adolf Denys, der nach 1945 im Entnazifizierungsfragebogen ein falsches Datum für seinen SS-Beitritt angab, nämlich 1934 und auch andere Beweggründe dafür nannte, war verzweifelt bemüht, die Genehmigung der SS für die Heirat mit der 19-jährigen Anna-Luise Henning zu erhalten. Er schrieb am 13.10.1934 an das Rasse- und Siedlungsamt in Berlin auf dem Briefpapier der NSDAP-Hamburg, Gau-Führerschule Börnsen, bei Bergedorf:
„Seit mehreren Wochen versuche ich, den Rassereferenten, der für mich zuständig ist, zu erreichen, bis ich durch den SS-Oberabschnitt XV an das obige Rasseamt verwiesen wurde. Dadurch ist für mich kostbare Zeit verflossen. Ich soll Anfang November die Führerschule der HJ (Gebiet 6 ‚Nordmark‘) als Schulleiter übernehmen, wenn bis zu diesem Tage der Neubau vollendet ist. Das kann ich jedoch nur dann, wenn ich verheiratet sein werde.“[17]
In dem beiliegenden Lebenslauf gab der SS-Scharführer Adolf Denys an, von April bis Juni 1934 an der Gauführerschule III Ritterstraße tätig gewesen zu sein und ab Juli 1934 als Leiter der Gauführerschule IV in Börnsen, bei Bergedorf.[18]
Auch dies verschwieg Denys später, als er eine Tätigkeit als Schulleiter der Gau-Führerschule niemals erwähnte und dies auch in seinem Personalbogen verschwieg.
Die Eile von Adolf Denys war nachvollziehbar, da er seine Heirat schon zweimal hatte verschieben müssen, weil das Rasse- und Siedlungsamt der SS sowohl die „Rassereinheit“ als auch die Gesundheit der Heiratswilligen prüfte und bei der Braut feststellte, dass die Großeltern an Krebs gestorben waren. Dazu gab es Nachfragen, ebenfalls mussten Fragen zur Zuckerkrankheit der Mutter von Adolf Denys beantwortet werden. Dafür hatten Adolf Denys und seine zukünftige Frau als Zeugen SS-Standarten-Ärzte angegeben, die „vom bevölkerungspolitischen Gesichtspunkt aus die Familie als erbgesund und tüchtig im Lebenskampf“ bezeichneten.[19]
Die Ehe wurde am 12.12.1934 geschlossen, die Genehmigung der SS war kurz vorher eingetroffen. Zu der Tragik der Geschichte gehört, dass Denys junge Frau Anna-Luise, mit der er seit 1936 ein Kind hatte, am 4.8.1943 an einer MS-Lähmung verstarb.[20]
Die weitere berufliche Tätigkeit von Adolf Denys ist für mich nicht ganz eindeutig zu klären. In seiner Personalakte ist verzeichnet, dass er seit dem 1.4.1934 Studienrat an der Handelsschule war.[21] Im Hamburgischen Lehrerverzeichnis des Schuljahres 1935–1936 ist er der Handelsschule 2 am Lämmermarkt zugeordnet.[22] In der dortigen Kollegiumsliste ist er allerdings nicht verzeichnet.[23] Daraus schließe ich, dass er weiter Leiter der Gau-Führerschule gewesen ist, aber über eine Stelle im Hamburger Schuldienst finanziert wurde.
Am 1.9.1937 wurde Adolf Denys zum Berufsschuldirektor der Handelsschule VI in Wandsbek berufen, zum 1.5.1938 auch zum Schulleiter der Handelsschule VII in Altona. Im Lehrerverzeichnis des Schuljahres 1938–1939 ist er an der Spitze beider Schulen eingetragen.[24]
1938 leitete die Schulverwaltung Denys als Berufsschuldirektor in eine höhere Besoldungsstufe und zum 1.8.1939 zog es ihn als Offizier in den Kriegsdienst.[25]
Adolf Denys wurde im Krieg bis zum Major befördert, erlitt am 28.2.1945 eine Verwundung und Erkrankung, die ihn aus dem Kriegsdienst ausscheiden ließ.[26]
Wie durchaus üblich war Adolf Denys am 1.8.1942 in Kriegsabwesenheit noch einmal befördert worden „mit einem ruhegehaltfähigen und unwiderruflichen Besoldungszuschuss von 600 Reichsmark jährlich“. Der zeitweilige Schulsenator Wilhelm von Allwörden schickte ihm ein Schreiben mit den Worten:
„Ich beglückwünsche Sie herzlich zu dieser Ernennung und benutze die Gelegenheit, Ihnen für die Zukunft, besonders für die Zeit Ihres Einsatzes als Soldat, alles Gute zu wünschen. Mit diesem Wunsche verbinde ich die Hoffnung, dass Sie nach dem Siege alsbald Ihre Friedenstätigkeit bei der Schulverwaltung arbeitsfreudig und in voller Gesundheit wieder aufnehmen können.“[27] Auch dies war das übliche Schreiben bei Beförderungen an der Front.
Am 28.12.1944 hatte Denys wieder geheiratet. Mit seiner Frau Margarete bekam er 1952 einen Sohn.[28]
Am 14.9.1945 erhielt Adolf Denys das Entlassungsschreiben aus dem Beamtenverhältnis und dem Hamburger Schuldienst im Auftrag der Britischen Militärregierung.[29]
Adolf Denys hatte Widerspruch dagegen eingelegt, das Gutachten des Beratenden Ausschusses für die Handelslehrer unter Vorsitz von Oberschulrat Johannes Schult zeigt auf, wo der größte Hinderungsgrund für die Wiederbeschäftigung von Denys lag: „Aufgrund der bekannten Zugehörigkeit zur SS kommt Herr Denys für eine Wiedereinsetzung in sein früheres Amt als Berufsschuldirektor keinesfalls in Frage.“[30]
Kam er denn überhaupt für die Wiedereinstellung in den Hamburger Schuldienst in Frage?
Neben einigen positiven Leumundszeugnissen erhielt der Fachausschuss für die Entnazifizierung einen ungewöhnlichen Hinweis, mit einem Zeugen:
„Denys Behauptung, weltanschaulich nicht geschult zu haben, ist unwahr. Von ihm stammt bei der Schulung der Ausspruch: Feinde – Landesfeinde – bekämpft man, Gegner vernichtet man. Wer ist Gegner? Marxisten und Kommunisten.“[31]
Ein Entlastungsschreiben in Bezug auf die SS-Mitgliedschaft erhielt Denys von dem Universitäts-Reitlehrer Albert Jahn, der erklärte, „dass Herr Adolf Denys als Mitbegründer seit 1923 Mitglied der Universitäts-Reitschule ist, deren Gründer ich bin. Da im Sommer 1933 auf Anordnung der damaligen Dienststelle die gesamte Universitäts-Reitschule in die neu aufgestellte SS-Reiterei zwangsweise überführt wurde, kam auch Herr Denys in diese Formation hinein. Bei der Einrichtung der Volkssportlehrgänge durch die Schulverwaltung in Hamburg wurde Herr Denys auf meinen Vorschlag, da er der SS-Reiterei angehörte, von dem damaligen Landesschulrat Schulz beauftragt, die Interessen der Schulverwaltung der SS gegenüber zu wahren. Herr Denys hatte darauf bestanden, keinen Dienst in irgendeiner Einheit mitmachen zu müssen, da er durch seinen Schuldienst und die ihm übertragenen neuen Aufgaben stark überlastet sein würde.“[32]
Gewicht hatten sicherlich auch zwei Schreiben eines ehemaligen Berufsschulleiters und von einem neu eingesetzten Schulleiter, die darauf verwiesen, dass sich Adolf Denys ihnen gegenüber, die NS-Gegner gewesen waren, fair verhalten und sich für sie gegenüber der Schulverwaltung und auch im Kollegium stark gemacht hatte.[33]
Auch in zwei anderen Fällen, in denen Soldaten in der Wehrmacht in politische Schwierigkeiten gerieten, habe Adolf Denys sich für diese eingesetzt, wie der Vater eines ehemaligen Schülers von Denys bezeugte und erklärte, dass Adolf Denys „zu den wenigen gehörte, die es wagten, sich für einen Menschen einzusetzen“, der sich in einem Kriegsgerichtsverfahren befand.[34]
Adolf Denys, der seit 1946 als Aushilfsarbeiter in einem Industriebetrieb arbeitete und dort inzwischen zum Prokuristen aufgestiegen war, konnte auf dieser Grundlage für seine Rehabilitierung argumentieren.
Zu seiner NSDAP-Mitgliedschaft schrieb er, dass er „aus ehrlicher Überzeugung im Mai 1933 eingetreten war. Aufgrund meines Studiums als Diplom-Volkswirt war ich zu der Erkenntnis gekommen, dass die damaligen Verhältnisse in Deutschland entweder zum Kommunismus oder zum Nationalsozialismus führen mussten. Ich entschied mich für den Nationalsozialismus und wollte mit ehrlichem Willen in anständiger Weise am Wiederaufbau Deutschlands mitarbeiten. Ich glaubte damals, dass mein Eintritt in die NSDAP durchaus legal sei, da ich mich als Beamter dem Staate gegenüber zur Treue verpflichtet fühlte.“[35]
Dann behauptete Denys: „Eine Mitarbeit in der Partei oder NS-Lehrerbund kam für mich nicht in Betracht, weil ich aufgrund meiner beruflichen Überzeugung es für notwendig hielt, mich vollkommen meinen beruflichen Verpflichtungen zu widmen, die mich völlig auslasteten.“[36] Das las sich bei Heinrich Hehn anders.
In dem geschickt aufgebauten Schreiben leitete Adolf Denys seine SS-Mitgliedschaft damit ein, „ein begeisterter Sportsmann gewesen zu sein. Als die Schulverwaltung 1934 die Volkssportlehrgänge für die Hamburger Lehrerschaft einrichtete, die durch Angehörige der allgemeinen SS ausgebildet wurden, wurde ich auf Vorschlag von Herrn Jahn, dem Leiter der Universitäts-Reitschule und dem damaligen Ausbildungsleiter dieser Lehrgänge, durch den damaligen Landesschulrat Schulz beauftragt, die Interessen der Schulverwaltung als Verbindungsmann gegenüber der SS wahrzunehmen. Ein wichtiger Grund für meine Beauftragung war meine Berechtigung, Prüfungen für den Erwerb des Reichssportabzeichens abzunehmen. Im Verlaufe dieses Auftrages kam es zu sehr heftigen Auseinandersetzungen mit dem Führer der 28. SS-Standarte, die mich veranlassten, eine Übung bei der Wehrmacht mitzumachen, da ich mich nicht entschließen konnte, aktiven Dienst bei der Reiter-SS zu leisten.“ Denys ergänzte aber auch: „Bekanntlich gehört die SS-Reiterei nicht zu den verbrecherischen Organisationen.“[37]
Interessant ist, dass der Beratende Ausschuss für Handelslehrer, dem immer noch OSR Johannes Schult und Oberschulrat Dr. Karl Ebel angehörten, am 16.2.1948 zu einer differenzierten Einschätzung gelangte:
„Mehrere Mitglieder des Beratenden Ausschusses kennen Herrn Denys aus langjähriger Beobachtung seiner Lehrtätigkeit und seiner Person. Sie sind überzeugt, dass Denys zur Einsicht gekommen ist, dass er einen falschen Weg beschritten hat, als er sich dem Nationalsozialismus anschloss. Der Beratende Ausschuss hält daran fest, dass Denys, der seine Beförderung zum Direktor dem Nationalsozialismus und seiner früheren Zugehörigkeit zur NSDAP zu verdanken hat, nicht wieder in eine Direktorstelle zurückgerufen werden darf. Gegen eine Betätigung als Lehrer ist jedoch nichts einzuwenden, vorausgesetzt, dass er bis auf weiteres nicht wieder in das Beamtenverhältnis zurückkehrt und aus der Besoldungsstufe A 3 a, in der er sich vor seiner Beförderung zum Direktor befand, in die Besoldungsstufe A 3 c zurückgeführt wird.“[38] Erst ein Blick in das Lehrerverzeichnis des Schuljahres 1938–1939 hat mir gezeigt, dass Karl Ebel Studienrat an der Handelsschule VI Altona gewesen war, als Adolf Denys dort als Schulleiter fungierte. Da wäre es wünschenswert gewesen, wenn Ebel ebenso wie es OSR Heinrich Schröder im Bereich der höheren Schulen tat, ein separates Gutachten über die Erfahrungen mit Schulleiter Adolf Denys verfasst und zur Verfügung gestellt hätte.
Der Berufungsausschuss 17 unter Leitung des für milde Urteile bekannten Rechtsanwalts Soll, entschied am 5.5.1948, „der Berufung stattzugeben und Denys als Studienrat im Angestelltenverhältnis bis Ostern 1951 einzustellen und ihn dann als Studienrat im Beamtenverhältnis zu bestätigen“. Er stufte Denys in Kategorie IV ein. Festgestellt wurde: „Wenn Denys auch ohne sein Zutun in die SS-Reiterei überführt wurde, so kann es doch bei seinem freiwilligen Eintritt in die NSDAP im Mai 1933 und bei der von ihm ausgeübten Funktion keinem Zweifel unterliegen, dass er sich fördernd für den Nationalsozialismus eingesetzt hat.“[39] Und es kann auch kein Zweifel daran bestehen, dass die SS-Mitgliedschaft förderlich für Adolf Denys Schulleiterkarriere gewesen war.
Vor dem Berufungsausschuss hatte Adolf Denys bestritten, die Aussage „Feinde bekämpft man, Gegner vernichtet man“, getätigt zu haben oder „einen solchen Ausspruch angewandt“ zu haben.
Es ist bedauerlich, da ein Zeuge dafür genannt worden war, dass dies nicht überprüft wurde. Bemerkenswert ist auch, dass die Tätigkeit von Adolf Denys in der Gauführerschule weder bekannt war, noch ermittelt oder thematisiert wurde. So kam es dazu, dass Adolf Denys es sich leisten konnte, wieder eingestellt, aber zugunsten seiner bisherigen Tätigkeit als Prokurist ohne Gehalt noch knapp vier Monate beurlaubt zu werden. [40]
Anschließend hatte Denys sogar den Antrag gestellt, die Beurlaubung noch zu verlängern, da seine bisherige Firma noch nicht unmittelbar einen Nachfolger einstellen konnte. Dies wurde allerdings nicht genehmigt, sodass Denys am 1.10.1948 wieder als angestellter Studienrat an der Handelsschule tätig wurde. Am 1.4.1951 war er wieder Beamter auf Lebenszeit.[41] Und am 2.10.1952 stellte die Schulbehörde noch einmal fest: „Es ist nicht beabsichtigt, Herrn Denys wieder zum Berufsschuldirektor zu ernennen.“[42]
Adolf Denys hatte sich Rechtsanwalt Oscar Toepffer zur Unterstützung genommen, der in der NS-Zeit Leiter des Personalamtes gewesen war, eine Zeit lang sogar Senator für den Schulbereich und der nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst unter anderem ehemalige hochrangige Nationalsozialisten als Rechtsanwalt wieder in alte Rechte, Amtsbezeichnungen und ehemalige Besoldungen gebracht hatte. Er unterstützte das Bemühen von Denys, wieder zum Berufsschuldirektor bestellt zu werden. Dabei konnte er sich sogar auf ein fachliches Urteil, unterschrieben von Senator Heinrich Landahl, stützen, das über die Tätigkeit von Adolf Denys in der Nachkriegszeit befand:
„Herr Denys ist nach übereinstimmendem Urteil seiner Vorgesetzten, der Handelskammer, der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und der zuständigen Fachverbände, insbesondere auch nach dem Urteil des Bundesvorsitzenden der ‚Vereinigung der Foto-Laboratorien e. V.‘ ein ganz vortrefflicher Lehrer, Erzieher und Mensch. Er setzt sich weit über das vorgeschriebene Maß seiner amtlichen Pflichten hinaus als Lehrer der Handels- und Höheren Handelsschule Altona für jeden seiner Schüler ebenso ein wie für die Interessen der Lehrbetriebe und der ganzen Branche. Seine Unterrichtserfolge sind als gut, wenn nicht sogar als sehr gut zu bezeichnen.“[43]
Und so kam es, dass laut Protokoll vom 2.3.1959 an der Handelsschule Museumsstraße 15 der Vorschlag gemacht wurde, Adolf Denys zum Direktor der H VI zu ernennen. In der anschließenden Konferenz stimmten von 20 Wahlberechtigten 18 Kollegen für diesen Vorschlag bei einer Gegenstimme und einer Stimmenthaltung. Vorsitzender des Findungsausschusses war Oberschulrat Dr. Ebel, der zehn Jahre zuvor dem Beratenden Ausschuss angehört hatte und 1938 Lehrer an dieser Schule unter dem damaligen Schulleiter Denys gewesen war.[44]
Zwei Jahre später wurde Adolf Denys auf der Lehrerkonferenz endgültig zum Direktor dieser Schule bestellt, 22 Kollegen stimmten für ihn, bei drei Nein-Stimmen und drei Enthaltungen.[45]
Im Weiteren war Adolf Denys häufig auch außerhalb der Schule aktiv. So beispielsweise bei Tagungen des Verbandes Deutscher Drogisten. Denys stellte am 8.5.1961 den Antrag, zur „Verabschiedung des Bürgermeisters der Kreisstadt Hünfeld, Rudolfsdorff, beurlaubt zu werden für drei Tage. Seine Begründung: „Fast zwei Jahre war ich bis zum Kriegsende engster Mitarbeiter des Generals a. D. Rudolsdorff im O. K. W.“[46]
Als Denys bei einer Tagung im Bundesverteidigungsministerium zum Thema „Innere Führung“ einen Unfall hatte, musste geprüft werden, ob dies ein Dienstunfall sei und ob die Reise „in Ausübung seines Dienstes unternommen worden war“.[47]
Adolf Denys hatte seine Umtriebigkeit nicht verloren.
Am 31.3.1966 trat er in den Ruhestand und übernahm danach noch bis zum 31.3.1969 Lehraufträge.[48]
Adolf Denys starb am 5.5.1987.[49]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte, StA HH, 361-12_A 242
2 Personalakte a. a. O.
3 Personalakte a. a. O.
4 Die Schulangaben laut Hamburgisches Lehrerverzeichnis des Stadt- und Landgebietes im Schuljahr 1924–1925 (S. 7) und im Schuljahr 1930–1931 (S. 13), herausgegeben von der Gesellschaft der Freunde, dem Verein Hamburger Landschullehrer und vom Verein Hamburger Volksschullehrerinnen.
5 Personalakte a. a. O.
6 Siehe die Lehrerverzeichnisse a. a. O.
7 Personalakte a. a. O.
8 Personalakte a. a. O.
9 Entnazifizierungsakte, StA HH, 221-11_Ed 3371
10 Siehe die Biografie Willi Schulz, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 99 ff.
11 Siehe die Biografie Albert Mansfeld, in: de Lorent 2016, S. 118 ff.
12 Siehe die Biografie Heinrich Hehn, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 2, Hamburg 2017, S. 359 ff.
13 Siehe die Biografie Guido Höller, in: de Lorent 2017, S. 378 ff.
14 Siehe die Biografie Kurt Holm, in: de Lorent 2016, S. 701 ff.
15 Berlin Document Center (BDC), OPG I 83_Bl. 1036; abgedruckt auch in der Biografie Hehn 2017, S. 363.
16 BArch, R 9361 – III_521029 (SS-Karte)
17 Schreiben vom 13.10.1934, SS-Akte, BArch, R 9361 – III_29935
18 Schreiben vom 26.10.1934, SS-Akte a. a. O.
19 So der SS-Obersturmführer Dr. med. Specht am 30.12.1934, SS-Akte a. a. O.
20 Personalakte a. a. O.
21 Personalakte a. a. O.
22 Hamburgisches Wählerverzeichnis für das gesamte Stadt-Landgebiet im Schuljahr 1935–1936, bearbeitet vom NSLB, Gau Hamburg, S. 13.
23 Ebd., S. 125.
24 Hamburgisches Lehrerverzeichnis für das gesamte Stadt- und Landgebiet im Schuljahr 1938–1939, S. 195.
25 Personalakte a. a. O.
26 Personalakte a. a. O.
27 Personalakte a. a. O.
28 Personalakte a. a. O.
29 Personalakte a. a. O.
30 Gutachten des Beratenden Ausschusses für die Handelslehrer vom 30.10.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
31 Schreiben vom 6.11.1946, Unterschrift Kablert, Entnazifizierungsakte a. a. O.
32 Schreiben vom 13.5.1947, Entnazifizierungsakte a. a. O.
33 Siehe die Schreiben des Berufsschuldirektors Blank vom 21.12.1947 und von Gustav L. Schmidt vom 8.12.1947, Entnazifizierungsakte a. a. O.
34 Leumundsschreiben, Entnazifizierungsakte a. a. O.
35 Schreiben an den Berufungsausschuss vom 31.1.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
36 Ebd.
37 Ebd. Zur Reiter-SS siehe die Dissertation von Nele Maya Fahnenbruck: „… reitet für Deutschland“: Pferdesport und Politik im Nationalsozialismus, Göttingen 2013.
38 Beratender Ausschuss vom 16.2.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
39 Berufungsausschuss 17 vom 5.5.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
40 Personalakte a. a. O.
41 Personalakte a. a. O.
42 Personalakte a. a. O.
43 Anlage II zum Ernennungsvorschlag des Studienrats an Handelsschulen Adolf Denys, 8.4.1958, Personalakte a. a. O. Siehe auch die Biografie Oscar Toepffer, in: de Lorent 2017, S. 51 ff.
44 Konferenzprotokoll vom 2.3.1959, Personalakte a. a. O.
45 Konferenzprotokoll vom 24.4.1961, Personalakte a. a. O.
46 Personalakte a. a. O.
47 Personalakte a. a. O.
48 Personalakte a. a. O.
49 Personalakte a. a. O.
 

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Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

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Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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