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Willy Etzrodt

(14.6.1886 Rendsburg – 25.10.1970)
Lehrer an der Lichtwarkschule, Klassenlehrer von Helmut und Loki Schmidt
Isestraße 11 (Wohnadresse 1955)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat über Willy Etzrodt ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:

„Wer heute noch lebt, als wäre seit dem 30. Januar 1933 nichts geschehen, dem er zustimmen könnte, der lebt vergebens.“
Ein überzeugter und beflissener Nationalsozialist, der im Hamburger Schulwesen trotz aller Bemühungen niemals wirklich Karriere machte, war Willy Etzrodt. Seine Eitelkeit führte dazu, dass von ihm Schriftstücke erhalten sind, die belegen, wie sehr er politisch dem Nationalsozialismus verhaftet war, und wie er versucht hatte, durch Anbiederung an die Obrigkeit, eine Beförderung zu erlangen. Zwei eindeutige, ihn kompromittierende Papiere wurden erst 1948 gesichtet, als Etzrodt versuchte, wieder als Studienrat in den Schuldienst zu kommen.
Als Person interessant erscheint er auch deswegen, weil er an der Lichtwarkschule 1933 und 1934 Klassenlehrer von Helmut und Loki Schmidt (damals Glaser) gewesen war.
Willy Etzrodt wurde am 14.6.1886 in Rendsburg als Sohn eines Postsekretärs geboren. Er besuchte dort von 1892 bis 1895 die Bürgerschule, danach das Gymnasium in Rendsburg und Nordhausen, wo er 1904 die Reifeprüfung bestand. Anschließend studierte er an der Universität Göttingen und in Leipzig, zwischenzeitlich auch in Paris Englisch, Französisch und Religion. Eine Dissertation schrieb er an der Universität Göttingen zum Thema „Die Syntax der indefiniten Pronomina personne und même“. Nach der 1. Lehrerprüfung für das höhere Lehramt absolvierte Etzrodt das Probejahr 1910/11 an der Oberrealschule in Eimsbüttel, wo er seit 1912 als Oberlehrer arbeitete.[1]
Seit dem 21.3.1915 war Willy Etzrodt verheiratet mit Gertrud Gumm, mit der er seit 1917 eine Tochter hatte.[2] Am 13.5.1915 wurde Willy Etzrodt, der nur garnisonsdienstfähig war, „als Alarmierungssoldat“ in den Kriegsdienst nach Straßburg kommandiert, kurz darauf als Dolmetscher ins Gefangenenlager nach Cassel. Die Oberrealschule in Eimsbüttel reklamierte ihn, weil sie über keine Sprachlehrer mehr verfügte, da „31 Lehrer zum Wehrdienst einberufen worden waren“. Etzrodt konnte am 21.10.1915 wieder den Schuldienst aufnehmen.[3]
In den Folgejahren befand sich Willy Etzrodt offenbar in finanzieller Not, da seine Frau über längere Zeit schwer an Lungenentzündungen erkrankte. Er beantragte bei der Oberschulbehörde Zustimmung zu Nebentätigkeiten beim Institut Goldman und der Fachschule des Hamburger Drogistenvereins und gab Nachhilfe.[4]
Willy Etzrodt erwies sich als durchaus umtriebig. So veröffentlichte er kleinere literarische Artikel, gab 1931 ein Lehrbuch mit heraus („American School Life“), beteiligte sich an der Schullandheimarbeit und bei der Mitverwaltung von Mündelangelegenheiten.[5]
1933 brach für den fast 47-jährigen Willy Etzrodt eine neue Zeit an. Er trat am 1.5.1933 in die NSDAP ein, im Jahr darauf in die NSV und den NSLB, in dem er fortan auch Funktionen übernahm.
Am 11. Oktober 1933 wurde Willy Etzrodt an die Lichtwarkschule versetzt, der bekanntesten Reformschule im höheren Schulwesen Hamburgs. Dort wurde der Nationalsozialist Erwin Zindler als Schulleiter installiert, der Heinrich Landahl ablöste und sein Amt antrat mit dem Ausspruch: „Diesen roten Saustall werde ich schon ausmisten.“[6]
Erwin Zindler erklärte, es sei „eine harte Arbeit“ gewesen, mit dem „fast noch unveränderten Lehrkörper der Lichtwarkschule eine nationalsozialistische höhere Schule zu gestalten“. Als positive Ausnahmen nannte Zindler fünf Lehrer der Schule, unter ihnen Willy Etzrodt.[7] Etzrodt erhielt eine ihm willkommene Rolle. Zindler schrieb dazu:
„Im Oktober 1934 rief ich die drei Parteigenossen in meinem Lehrkörper: Dr. Etzrodt, Dr. Witter und Klein zusammen und sagte ihnen, daß im nationalsozialistischen Staat die Parteigenossen eine erhöhte Aufgabe und Verantwortung zu erfüllen hätten. Die drei genannten Herren müssten sich mit meinem ganz besonderen Vertrauen ausgestattet empfinden und bei jedem Anzeichen eines von der Schulleitung notwendigen Eingriffs das entsprechende bei mir veranlassen. Unsere Aufgabe sei, mit den von der Behörde überwiesenen Lehrkräften aus der Lichtwarkschule eine Anstalt zu machen, die sich nicht zu verstecken brauche.“[8]
In den Biografien Erwin Zindler und Berthold Ohm habe ich ausführlich dargestellt, dass Schulleiter Zindler diese Aufgabe nicht erfüllte. Es entwickelte sich eine massive Auseinandersetzung insbesondere zwischen dem stellvertretenden Schulleiter Berthold Ohm und dem NSLB-Schulwalter, Erich Witter, der innere Vorgänge der Lichtwarkschule in für Schulleiter Erwin Zindler denunziatorischer Weise an den NSLB weiterleitete, ohne Zindler zu informieren. Dadurch wurde die Arbeit im Kollegium der Lichtwarkschule erheblich belastet, wobei sich Willy Etzrodt als treuer Unterstützer von Schulleiter Zindler bewährte.[9] Bei der entscheidenden Konferenz am 10.5.1935 nutzte Erwin Zindler den ihm vertrauten Willy Etzrodt als Protokollführer.[10] Im Ergebnis führte diese Auseinandersetzung zur Auflösung der Lichtwarkschule und zur Zusammenlegung mit dem Realgymnasium Rechtes Alsterufer im Gebäude der bisherigen Lichtwarkschule, unter dem neuen Namen „Oberschule für Jungen am Stadtpark“. Erwin Zindler wurde dort als stellvertretender Schulleiter eingesetzt, Berthold Ohm entpflichtet und an seine alte Schule, die Oberrealschule Auf der Uhlenhorst zurückversetzt, Erich Witter an das Johanneum.[11]
Willy Etzrodt war vorher zum Favoriten von Schulleiter Erwin Zindler geworden. Als der NSLB-Vertrauensmann, in dieser Zeit Schulwalter genannt, Erich Witter, nach dem langen Konflikt 1935 die Schule verlassen musste, drängte Zindler den NSLB, Etzrodt zu dessen Nachfolger zu machen. Am 23.11.1935 schrieb er an den NSLB im Curio-Haus:
„Ich bedaure nunmehr bereits zum dritten Male mich an die Gauleitung des NSLB wenden zu müssen in Sachen Bestellung eines Vertrauensmannes des NSLB an meiner Schule, da dieses Amt nach der Versetzung des Studienrats Dr. Witter erloschen ist. Ich gestatte mir darauf hinzuweisen, dass doch immerhin eine nicht unbeträchtliche Vermögensverwaltung mit diesem Posten verbunden ist und möchte nochmals auf meinen Vorschlag verweisen, den Parteigenossen Studienrat Dr. Etzrodt mit diesem Amte zu betrauen. Heil Hitler!“[12]
Wobei Erwin Zindler in diesem Fall erfolgreich war. Schon zwei Tage später bekam er vom NSLB die Antwort, dass der NSLB mit seinem Vorschlag, „den Pg. Dr. Etzrodt zum Vertrauensmann des NSLB an Ihrer Schule zu ernennen“, einverstanden ist.[13]
Welches Vertrauen Zindler in Willy Etzrodt setzte, wurde auch darin deutlich, dass er diesen für seine Stellvertretung als Schulleiter vorschlug, im Falle der Nachbesetzung nach der Entpflichtung von Berthold Ohm. Zindler schrieb an die Landesunterrichtsbehörde:
„Herr OSR Dr. Behne befragte mich, wer unter Umständen für eine Nachfolge des Schulleiterstellvertreters Ohm in Frage käme. Ich nannte ihm als in meinen Augen in jeder Beziehung (politisch sowohl pädagogisch) hervorragend geeignet, den Studienrat Dr. Etzrodt. Dr. Etzrodt ist
1. Parteigenosse
2. Politischer Leiter im Kreis Harvestehude
3. Ortsgruppenamtsleiter im NSLB, Ortsgruppe Klosterstern .
Seine in den letzten zwei Jahren für die Lichtwarkschule bewiesene Arbeitshingabe und seine menschlichen Eigenschaften machen ihn in jeder Beziehung als Mitarbeiter besonders geeignet. Ich würde mich freuen, wenn die Behörde für den Fall der Abberufung der Studienrats Ohm Herrn Dr. Etzrodt mit dem Amt eines Schulleiterstellvertreters in der Lichtwarkschule betrauen würde.“[14]
Bei der Auseinandersetzung zwischen Witter und Ohm war es auch zu einem Kompetenzgerangel zwischen dem NSLB und Schulleiter Zindler gekommen, in das der NSLB-Gauamtsleiter, Willi Schulz, der gleichzeitig Landesschulrat war, verstimmt eingegriffen hatte und Schulleiter Zindler in die Schranken verwies. Schulz hatte Zindler mitgeteilt, dass die Sache vom NSLB genau untersucht werden würde und dass „die von Ihnen als Leiter der Lichtwarkschule angestellten Untersuchungen für den Lehrerbund gegenstandslos“ seien.[15]
Von Erwin Zindler zu einem Zeitpunkt protegiert, wo dieser nicht gerade große Konjunktur bei den Verantwortlichen im NSLB und in der Landesunterrichtsbehörde hatte, wurde Willy Etzrodt nicht stellvertretender Schulleiter.
Vorher hatte er sich als Nationalsozialist öffentlich profiliert. Zwei größere Reden von Willy Etzrodt fand auch Schulleiter Zindler so bedeutend, dass sie der Schulverwaltung zur Kenntnis gegeben wurden und in der Personalakte von Willy Etzrodt ihren Platz fanden. Wie äußerte sich nun der Klassenlehrer von Helmut Schmidt und Hannelore Glaser, der späteren Loki Schmidt? Am 18.12.1933 hielt Etzrodt in der Konferenz der Lichtwarkschule einen Vortrag zum Thema „Der evangelische Religionsunterricht und die neue Zeit“. Die wesentlichen Gedanken fasste er schriftlich kurz zusammen:
„Die zum Siege gelangte nationalsozialistische Bewegung unter Führung Adolf Hitlers und die dadurch sich anbahnende innere Erneuerung des deutschen Menschen haben bewirkt, daß Deutschtum und Christentum wieder als Grundlage der Erziehung gelten. Dem evangelischen Religionsunterricht der neuen Zeit ist daher die Verpflichtung gegeben, bei der Verkündigung des Evangeliums der besonderen Art des deutschen Volkstums gerecht zu werden. Eine Geringschätzung oder gar Ablehnung des Christentums vom Rassenstandpunkt und die Einführung in die neue germanische Rassenreligion anstelle des christlichen Glaubens wird abgelehnt.“[16]
Mit letztem Gedanken war Etzrodt 1933 möglicherweise etwas vorschnell gewesen. Etzrodt sagte aber auch: „Andererseits wird stark betont, daß die rassenmäßigen Erbanlagen des deutschen Menschen sich im Christentum auswirken müssen, d. h. die den Germanen eigentümlichen Erbanlagen setzen sich im Christentum mit durch, das Christentum wird vom Germanentum dauernd modifiziert.“ Und: „Das Alte Testament ist vorsichtiger und zurückhaltender als bisher zu behandeln und zwar nur insoweit, als es ‚Christentum treibet‘. Auszuschalten ist alles, was ‚zu sehr judenzet‘.“[17]
Als der ehemalige Lehrer des Wilhelm-Gymnasiums, Hans Rösch, sich als dogmatischer nationalsozialistischer Rebell im NSLB und bei der Landesunterrichtsbehörde unbeliebt gemacht hatte und wegen seines provokativen Verhaltens am Wilhelm-Gymnasium an die Lichtwarkschule strafversetzt worden war[18], betätigte sich Willy Etzrodt als Denunziant, der Schulleiter Zindler eine Meldung schriftlich zuspielte, die dieser an die Schulverwaltung weitergab. Darin hieß es:
„Folgende Meldung erstatte ich: Am 3. Mai 1934 nahm ich an dem Schulungskurs für Dozenten der Volkshochschule teil. (Wilhelm-Gymnasium). Herr Studienrat Dr. Hans Rösch, Li., äußerte während seines Vortrages ‚Die geistigen weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus‘ unter anderem auch folgendes: (Ungefährer Wortlaut) ,Der Nationalsozialismus tritt ein für Wahrheit auf allen Gebieten. Diese Wahrheit herrscht noch nicht bei allen Behörden, zum Beispiel bei der Landesunterrichtsbehörde, wo mir zwei Fälle von Schiebung bekannt sind gegen die ich angehen werde, auch auf die Gefahr hin, noch einmal strafversetzt zu werden.‘“ Unterzeichnet mit „Studienrat Etzrodt“.[19]
So verhielt sich jemand, der sich beliebt machen wollte und als Gegenleistung einen Karrieresprung erhoffte.
Auch die Rede von Willy Etzrodt vor der Schulgemeinde am 30.1.1936, dem dritten Jahrestag der Machtübertragung an Adolf Hitler, wurde von Erwin Zindler an die Landesunterrichtsbehörde in Kopie weitergereicht, sodass sie in der Personalakte Etzrodt nachzulesen ist. Zur Erinnerung: Zwei Monate vorher hatte Zindler Willy Etzrodt für die stellvertretende Schulleitung an der Lichtwarkschule vorgeschlagen. Hier sollte jemand ins Gespräch gebracht werden. Die Rede von Etzrodt vor der gesamten Schulgemeinde, den Schülern und Lehrern der Lichtwarkschule, war dann auch ein glühendes Bekenntnis zum Nationalsozialismus:
„Mit Wucht und Größe sind die ersten drei Jahre des Dritten Reiches unter Adolf Hitlers Führung dahingegangen. Erlebnisse von überwältigendem Eindruck haben jeden einzelnen Volksgenossen gepackt. Die gewaltige Welle nationaler Erhebung, die in der Fackelzugnacht des 30. Januar 1933 aufbrandete, hat sich immer aufs neue fortgesetzt und sich zu immer gewaltigeren Kundgebungen der deutschen Einigung und Besinnung erhoben, und gewaltige Scharen des deutschen Volkes marschieren jetzt hinter dem Hakenkreuzbanner.
Neben diesen eindrucksvollen Äußerungen der nationalsozialistischen Bewegung ging einher das gigantische Aufbauwerk der nationalsozialistischen Regierung Adolf Hitlers. Auf allen Gebieten unseres völkischen Lebens, in politischer, sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht wurden in den verflossenen drei Jahren riesige Aufgaben gelöst oder in Angriff genommen. Ein völlig neuer ständischer Aufbau des deutschen Volkes wurde eingeleitet, Millionen von Volksgenossen wurden in den Arbeitsprozess eingeschaltet, die Jugend wurde in der HJ, im Arbeitsdienst, in der SA und SS in Marsch gesetzt. Gesetzgebungswerke von ungeheurem Ausmaß wurden ausgeführt und das WHW wurde zu einer das ganze Volk umfassenden Opfergemeinschaft und zu einer sozialen Tat ersten Ranges.“[20] Willy Etzrodt feierte als wichtigstes Ereignis des Jahres 1935 „die Befreiung des Saarlandes“. „Über 15 Jahre hatten sich 800.000 Saardeutsche nach ihrem deutschen Vaterland gesehnt. Und nun zeitigte das Jahr 1935 die ungeheure Wirkung des unter Adolf Hitler neu erwachten völkischen Denkens und Fühlens in einer Weise, wie sie in der Geschichte ohne Beispiel ist. Die Tore, die seit Versailles verschlossen waren, wurden aufgerissen durch den Willen eines Volkes, das in seinem, durch Adolf Hitler neu entfachtem, Nationalbewusstsein die Heimkehr der Saar ermöglichte. Das Saarvolk des Blutes und des Herzens folgend kehrte jubelnd heim zu seinen deutschen Volksgenossen im dritten Jahre des neuen Reiches unter Adolf Hitlers Führung. Jahre der Fremdherrschaft und der Willkür hatten die Saarländer um ihres Deutschtums willen ertragen in der Zuversicht, daß die Stunde der Befreiung kommen musste. (…) Ein nationaler Wille führt auch zu nationaler Tat. Das mögt ihr erkennen, meine lieben Schüler und Schülerinnen, daß ein Volk über alles zeitlich Trennende hinaus den Blick für die gemeinsamen nationalen Ziele sich bewahren muss und das Bewußtsein engster Zusammengehörigkeit nie verlieren darf. (…) Vom internationalen Gedanken, sei er liberaler, sei er marxistischer Art, scheidet uns die nationalsozialistische Weltanschauung, nach der die nationalen Ideengüter uns ungleich höher stehen als die internationalen. Der einzelne Deutsche ist zunächst einmal ein Glied der deutschen Gemeinschaft, und so ist uns das Nationale eine heilige Verpflichtung.“[21]
Was werden die 14-jährigen Helmut Schmidt und Hannelore Glaser bei dieser Rede ihres Klassenlehrers, dem Englisch- und Französischlehrer Willy Etzrodt wohl gedacht haben?
Willy Etzrodt wandte sich auch an die Zweifler und die ideologisch der alten Lichtwarkschule verhafteten Schülerinnen und Schüler, sowie deren Lehrer:
„Wohl weiß ich, daß es auch heute noch, trotz dreier Jahre erfolgreichster Regierung Adolf Hitlers, noch Leute gibt, die glauben, sich der neuen Staatsform gegenüber ablehnend verhalten zu müssen. Natürlich muß eine solche Revolution, wie sie mit dem 30. Januar 1933 eintrat, hier und da auf Widerstand stoßen. Es hat ja auch in den vergangenen drei Jahren allerlei erregte Auseinandersetzungen auf diesem oder jenem Gebiet gegeben, die nicht nach jedermanns Ansicht und Meinung gelöst werden konnten. Aber wer heute noch lebt, als wäre seit dem 30. Januar 1933 nichts geschehen, dem er zustimmen könnte, der lebt vergebens. Und wer sich nicht einmal die Mühe macht, die nationalsozialistische Bewegung, ihre Ziele, ihre Grundsätze, ihre praktische Arbeit unvoreingenommen kennen zu lernen, der läuft Gefahr, den Anschluß an das deutsche Volk zu verlieren. Niemand darf heute noch abseits stehen, niemand darf mit bedenklichem Wenn und Aber zögern oder sich der neuen Zeit verschließen, sondern jeder muß mitarbeiten in dieser Bewegung, die kein anderes Ziel hat, als Deutschland frei und glücklich zu machen. Daher muß jeder seine Tätigkeit, ganz gleich wo er im Leben steht, unter den nationalen und sozialen Gesichtspunkt stellen.“
Und Willy Etzrodt schloss dann erfüllt und glühend:
„Eins ist sicher: Das deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit hat sich seinem Führer Adolf Hitler vertrauensvoll angeschlossen. Es steht nicht neben dem Staat oder gar gegen ihn, sondern mitten im Staat als treue Helferschaft des Führers. Und auch wir alle, die wir hier versammelt sind, Lehrer wie Schüler, geloben am heutigen Tage, daß wir mitarbeiten wollen an dem weiteren Ausbau eines großen nationalen sozialen Deutschlands unter Führung Adolf Hitlers. – Dies Gelübde bekräftigen wir, indem wir zum Beginn des vierten Jahres des Aufbauwerkes unseres Führers ausrufen: Unser geliebtes Deutschland und unserer herrlicher Führer Adolf Hitler – Sieg Heil!“[22]
Dies war in der Tat eine Bewerbungsrede, das hatte Erwin Zindler schon richtig eingeschätzt und vielleicht sogar eingefädelt. Allerdings ohne den erwünschten Erfolg. Die Auseinandersetzungen von 1933 bis 1935 im Kollegium der Lichtwarkschule unter zwei Personen, die zu den nationalsozialistischen Protagonisten gehörten, hatten das Renommee Zindlers erheblich beschädigt. Und so blieb Willy Etzrodt, nachdem die Lichtwarkschule als eigenständige Schule nicht länger existierte, nur noch der Weg, einen anderen Vertrauten zu bemühen, um wenigstens als Studienrat an der zusammengelegten Schule im Stadtpark bleiben zu können. Am 18.3.1937 wandte er sich an Oberschulrat Theodor Mühe, der an der Oberrealschule in Eimsbüttel einige Jahre sein Kollege und für drei Jahre auch sein Schulleiter gewesen war. Mühe, einer der Führer des Philologenvereins in Hamburg, war 1933 als Deutschnationaler zu den Nationalsozialisten übergewechselt und mit einer Oberschulratsstelle für die höheren Schulen belohnt worden. Etzrodt schrieb dem jetzt einflussreichen ehemaligen Kollegen:
„Ich habe Veranlassung, Ihnen mitzuteilen, dass ich seit Oktober 1933 Vorstand des unmittelbar neben der Lichtwarkschule gelegenen Kindertagesheims Winterhude, Grasweg 70, bin. Diese meine Tätigkeit, die mich täglich ins Heim führt, untersteht der NSV und ist der Hamburger Gauleitung der NSV, Herrn Senator von Allwörden, bekannt.
Das meiner Obhut anvertraute Kinderheim erhält in nächster Zeit ein neues Gebäude, für das die Pläne fertig vorliegen. Der Bauplatz in der Nähe der jetzigen Lichtwark-Schule ist bereits angewiesen. Soll ich wie bisher das Kindertagesheim Winterhude betreuen und die mir
1. durch das in diesem Jahr stattfindende 50jährige Jubiläum
2. durch den beginnenden Neubau
zufallenden Arbeiten pflichtgemäß erfüllen, so kann ich das nur tun, wenn ich im Gebäude der jetzigen Lichtwark-Schule verbleibe. Nur dadurch, dass ich meine Schule in unmittelbarer Nähe meines Heimes habe und haben werde, ist es mir möglich und wird es mir möglich sein, mein Amt als Vorstand des Kindertagesheims Winterhude, Grasweg 70, weiterzuführen. Ich bitte, diese Tatsachen zu berücksichtigen und mich auch nach Ostern 1937 im Gebäude der jetzigen Lichtwarkschule zu belassen und mich in das dort zu bildenden neue Lehrerkollegium einzubeziehen.“[23]
Willy Etzrodt wusste stets, seine Interessen zielgerichtet zu vertreten. In diesem Fall allerdings erfolglos, er gehörte dem zusammengeführten, neuen Kollegium nicht an, sondern wurde an das Wilhelm-Gymnasium versetzt. Wobei das Wilhelm-Gymnasium in der Moorweidenstraße von Etzrodts Wohnung in der Isestraße 11 durchaus komfortabel zu erreichen war.[24]
In einem später angeforderten Bericht über Willy Etzrodt schrieb der zu jenem Zeitpunkt mit der Leitung des Wilhelm-Gymnasiums beauftragte Adolf Lindemann, Mitglied der NSDAP und ebenfalls früherer Vorsitzender des Hamburger Philologenvereins: „Herr Studienrat Dr. Etzrodt hat sich in den zwei Jahren, in denen ich das Wilhelm-Gymnasium geleitet habe, als einer der fähigsten und erfolgreichsten Lehrer erwiesen. Die von ihm geleitete Klasse zeigte ein gutes Verhalten und arbeitete fleißig. Nach der Versetzung von Studienrat Bünz übernahm Dr. Etzrodt auf meine Veranlassung das Amt des Schulwalters des NSLB und betätigte sich damit auch über seine dienstlichen Verpflichtungen hinaus für die Schule. Außerdienstlich ist er im Kreise 2 der NSDAP mit besonderen Funktionen betraut.“[25]
In den nächsten Jahren, in denen in Hamburg während des Krieges kein regelhafter Unterricht mehr stattfand und viele Klassen sich in der Kinderlandverschickung befanden, wurden in Etzrodts Personalakte diverse Krankmeldungen (Rheuma und Herzbeschwerden) und einige Umsetzungen an andere Schulen vermerkt. Am 25.10.1945 erfolgte Willy Etzrodts Entlassung auf Veranlassung der Britischen Militärregierung.[26]
Das Entnazifizierungsverfahren gestaltete sich insofern skurril, als es am Ende zu einer überraschenden Wendung kam. Willy Etzrodt ließ sich von Beginn an von den Rechtsanwälten Dr. Engell und Lopau vertreten, die argumentierten, Etzrodt wäre nur nominell Parteimitglied gewesen. Sie brachten die entsprechenden Leumundszeugnisse von Personen ein, die Willy Etzrodt zumeist aus der Ferne oder aus der Zeit vor der Naziherrschaft kannten. So etwa der ehemalige Schulleiter der Oberschule Eimsbüttel, Prof. Karl Franz, der mit Etzrodt von 1909 bis Ende Oktober 1933 an dieser Schule tätig gewesen war. Franz schrieb:
„Ich habe über 24 Jahre mit Dr. Etzrodt zusammen gearbeitet und kannte ihn als einen tüchtigen Neusprachler und Religionslehrer, der seine Schüler zum Verständnis fremder Völker und zur Achtung vor der Religion, Schule und dem Elternhaus erzog und ein ausgezeichnetes Verhältnis zu seinen Schülern hatte. Obwohl er Parteimitglied war, trat er an unserer Schule niemals parteipolitisch hervor. Ich bin überzeugt, dass er geeignet ist, auch in der heutigen Zeit zum Wohle der Jugend zu wirken und wünsche ihm, dass seine Bemühungen, bald wieder unterrichten zu können, Erfolg haben.“[27]
Dieses Leumundszeugnis war subjektiv sicherlich ehrlich, aber ohne Wert. Hatte doch Willy Etzrodt knapp ein halbes Jahr noch an seiner alten Schule als Parteimitglied gearbeitet. Sein eigentlich nationalsozialistisches Engagement fand dann an der Lichtwarkschule statt.
Der Beratende Ausschuss für die höheren Schulen Hamburgs kam dann auch zu einem anderen Ergebnis:
„Dr. Etzrodt ist zweifellos aus Begeisterung im Jahre 1933 der Partei beigetreten und er war auch, wie sein Amt als Blockleiter beweist, aktiv tätig. Diese aktive Tätigkeit entsprach wohl seinem Wunsche, mit dabei zu sein, um mit seinen Fähigkeiten nicht brach liegen zu müssen. Sie kommt besonders zum Ausdruck in den vielen Vorträgen, die er vor Mitgliedern der Ortsgruppe gehalten hat. Die Themen dieser Vorträge lassen darauf schließen, dass Etzrodt die nationalsozialistische Ideologie vertreten hat. Denn in einem anderen Sinne hätte er Vorträge über das Dritte Reich, über Ostpolitik, über den Zusammenbruch 1918, über Versailles u. a. gar nicht halten können. Wenn er zu Kollegen und auch gelegentlich im Unterricht Äußerungen getan hat, die von einer antinationalsozialistischen Gesinnung zu zeugen scheinen, so zeigt das nur, zu welcher geistigen Korruption die nationalsozialistische Herrschaft geführt hat. Ein so kluger und gebildeter Mann wie Dr. Etzrodt hätte aber – zumal als Erzieher der Jugend – dieser geistigen Korruption nicht erliegen dürfen.
Es soll aber nicht verkannt werden, dass von absolut einwandfreien Kollegen durchaus positive Gutachten vorliegen, die ergänzt werden durch wertvolle Zeugnisse aus Schüler- und Elternkreisen. Eine Zeugenvernehmung dürfte im Falle E. vielleicht noch ein klareres Bild über seine Haltung ergeben. Für die so wichtige Zeit nach 1933 an der Lichtwarkschule wird Dr. Kurenbach als Zeuge vorgeschlagen. Sollten auch diese Zeugenvernehmungen ein günstigeres Bild ergeben, könnte der Beratende Ausschuss die Bewilligung einer Pension oder eines Teiles der Pension befürworten, da Herr Dr. Etzrodt das 60. Lebensjahr vollendet hat.“[28]
Zwei Monate später trat der Beratende Ausschuss in anderer Zusammensetzung erneut zusammen und kam zu folgendem Ergebnis:
„Der Berufung wird stattgegeben mit der Maßgabe, dass E. von der Vollendung des 65. Lebensjahres an 75 % der Pension eines Studienrates erhält. Im übrigen kann er ab sofort jede Tätigkeit außerhalb des Lehrerberufs ausüben. Die Wiedereinstellung als Lehrer ist dagegen abzulehnen.“ Als Begründung war Folgendes vermerkt:
„E. war Pg. 1.5.1933 (stellvertretender Blockwart); NSV 34; NSLB 34; Altherrenbund 37. Außerdem hat er bis 1944 politische Vorträge vor Mitgliedern seiner Ortsgruppe gehalten. Dieses ist der Hauptpunkt, der gegen ihn spricht. Die Schulverwaltung und der Dreierausschuss sind in ihrer Beurteilung zurückhaltend und empfehlen Pensionierung. Der Ausschuß hat mehrere Zeugen über E. persönlich vernommen. Die Vernehmung, zusammen mit den zahlreichen vorgebrachten Attesten ergaben, daß E. als Lehrer nicht wieder zugelassen werden sollte, daß man ihm aber im übrigen bei seiner zukünftigen Tätigkeit keine Einschränkungen aufzuerlegen braucht. Der Ausschuß ist der Überzeugung, daß E. bei seiner Begabung und seiner Arbeitskraft leicht ein anderes Tätigkeitsfeld finden kann, so daß eine Pensionierung erst nach Erreichen des pensionsfähigen Alters in Betracht kommt.“[29]
Die Schulverwaltung bot ihm dann zum 11.2.1947 den Dienst in der Bücherei des Instituts für Lehrerfortbildung in der Felix-Dahn-Straße an, was Etzrodt auch annahm.[30]
Etzrodts Rechtsanwälte bemühten sich weiter darum, ihren Mandanten auch wieder in den Schuldienst zu bringen und lieferten neue Schriftsätze und Leumundszeugnisse. Darauf schrieb ihnen OSR Heinrich Schröder am 1.6.1948:
„Die Praxis der Berufungsausschüsse ist zweifelsohne im Laufe der Jahre immer milder geworden, so daß anzunehmen ist, daß Dr. Etzrodt, wenn er im Jahre 1948 vor einen Berufungsausschuss gekommen wäre, die Unterrichtsgenehmigung wieder bekommen hätte. Dies Argument allein reicht aber nicht aus, um den Leitenden Ausschuss zu veranlassen, einem Antrag auf ein Wiederaufnahmeverfahren stattzugeben. Ein solcher Antrag wird im allgemeinen nur dann genehmigt, wenn der Antragsteller nicht gehört worden ist und wenn es neues beachtliches Entlastungsmaterial einreicht.“[31]
Es gab dann am 21.2.1949 die Entscheidung der Schulbehörde, Willy Etzrodt, der auch in seiner Tätigkeit in der Bücherei des Instituts für Lehrerfortbildung eine Lehrer-Planstelle besetzte, die dringend für den Unterricht benötigt wurde, zu entlassen. Das verfügte Schulsenator Heinrich Landahl, der sicherlich als 1933 abgesetzter Schulleiter der Lichtwarkschule noch genügende Informationen von Lehrkräften seiner alten Schule über Etzrodt besaß.[32]
Als die Rechtsanwälte von Willy Etzrodt dagegen Einspruch erhoben, bekamen sie von OSR Heinrich Schröder eine Antwort, die sie alarmieren musste. Schröder hatte nämlich in der Zwischenzeit Unterlagen gefunden, die sogar den Pensionsanspruch für Willy Etzrodt infrage stellten. Schröder schrieb:
„Die Schulbehörde ist nicht in der Lage, Dr. Etzrodt unterrichtlich wieder zu verwenden, weil es nicht verantwortet werden kann, ihn als Erzieher wieder vor eine Klasse zu stellen. Wenn in dem Einspruchsschreiben weiterhin von der ‚überdurchschnittlich fachlichen und menschlichen Eignung Dr. Etzrodts für eine Lehrtätigkeit‘ gesprochen wird, so weist die Schulbehörde demgegenüber auf die beigelegten Vorgänge hin, aus denen eindeutig hervorgeht, daß schon die nationalsozialistische Schulverwaltung eine Beförderung Dr. Etzrodt wegen seines charakterlosen Verhaltens abgelehnt hat. Die Art und Weise, wie Dr. Etzrodt mit seiner nationalsozialistischen Gesinnung, die er heute ableugnet, Geschäfte machen wollte und wie er sich auf seine Zugehörigkeit zu den verschiedensten nationalsozialistischen Organisationen, unter anderem auch zum SD berief, um durch die Kreisleitung der NSDAP die Beförderung zu erlangen, die die Schulverwaltung ablehnte, macht es einer demokratischen Schulbehörde unmöglich Dr. Etzrodt wieder als Lehrer und Erzieher vor Schüler einer demokratischen Schule zu stellen. Der Einspruch Dr. Etzrodts gegen seine Entlassung ist daher zurückzuweisen.“[33]
Die beigelegten Schreiben waren so eindeutig, dass sie das Ende aller Bemühungen zur Wiedereinstellung von Willy Etzrodt bedeuteten. Im Gegenteil, es ging jetzt nur noch darum, bei der Pensionierung zu erreichen, dass Etzrodt die Versorgungsbezüge eines Studienrats zugesprochen bekam.
In einem Schreiben vom 12.12.1942 hatte der seinerzeitige Schulleiter, Leo Lüders, der Schulverwaltung mitgeteilt, wie die „Feiergestaltung“ am Wilhelm-Gymnasium gewesen war. In dem Kontext brachte er folgendes vor:
„Einige Zeit nach der Feier teilte mir der Schulwalter des NSLB, Herr Studienrat Etzrodt, anläßlich der Besprechung von NSLB-Angelegenheiten mit, daß der Kreisleiter an der Feier der Bismarck-Oberschule teilgenommen habe und dabei neben anderen gemachten Beanstandungen auch kritisierte, daß keine Rede von einem Uniformträger gehalten worden sei und daß er, der Kreisleiter, erwartet habe, dass Dr. Etzrodt die Rede am 9. November am WG gehalten hätte.
Auf meine Bemerkung, daß dann wohl bei der nächsten politischen Feier am 30. Januar, er, Dr. Etzrodt, als der einzige Uniformträger im Kollegium die Rede übernehmen müßte, sagte Dr. Etzrodt, daß er das tun wolle, wenn er am 30. Januar zum Oberstudienrat ernannt würde. Mein Einwand, daß eine derartige Inaussichtnahme doch unmöglich von unbekannten Beförderungsabsichten der Schulverwaltung abhängig gemacht werden könnte, fand die Erwiderung, daß ihm in dieser Beziehung bereits seit längerer Zeit bestimmte Versprechungen von der Kreisleitung gemacht seien und daß er die Geduld verlöre, wenn diese nicht endlich zum 30. Januar erfüllt würden. Ich beendete damals die Unterhaltung und führe sie als ein Beispiel dafür an, daß die autoritative Leitung einer Schule mit manchen früher unbekannten Schwierigkeiten verknüpft ist.“[34]
Dieses Schreiben war von OSR Walter Behne an den damaligen für die Schulverwaltung zuständigen Senator Dr. Ofterdinger weitergeleitet worden der dazu vermerkt hatte, „daß bei einem solchen Verhalten eine Beförderung ausgeschlossen sei“.[35]
Endgültig desavouiert war Willy Etzrodt durch die Abschrift eines Schreibens von ihm vom 30.6.1940 an den einflussreichen NSDAP-Kreisleiter und Reichstagsabgeordneten Walter Gloy. Auch hier versuchte Willy Etzrodt sich anzubiedern und den Einfluss von Walter Gloy für eine Beförderung zu nutzen. Er hatte offenbar schon einmal mündlich mit Gloy Kontakt gehabt („in Ergänzung meiner kürzlichen mündlichen Ausführungen“) und nannte nun noch einmal seine Argumente:
„Grundsätzlich stehe ich mit zahlreichen Partei- und Volksgenossen auf dem Standpunkt, daß während des Krieges keine Beförderungen der in der Heimat gebliebenen Beamten und Lehrer stattfinden, da das eine Benachteiligung der im Felde Stehenden bedeuten kann. Wenn aber in Hamburg anders verfahren wird, so entfallen für mich diese Bedenken, und ich sehe keine Veranlassung, mein ‚Licht unter den Scheffel zu stellen‘. Ich tue das um so mehr, als engere Parteigenossen, die mich seit Jahren politisch, charakterlich und beruflich kennen, mir geraten haben, mich an Sie als meinen Kreisleiter und als Beigeordneten der Schulverwaltung zu wenden.“[36]
Willy Etzrodt nannte Beispiele. Ein Dokument, was bisher nicht bekannt war, betrifft das Gutachten, das Erwin Zindler schrieb und das noch einmal die inneren Vorgänge an der Lichtwarkschule nach 1933 beleuchtet:
„Mein früherer Schulleiter, Pg. Zindler, Schulungsleiter Ortsgruppe Wrangel, Gaufachredner, hat sich seinerzeit vergeblich bemüht, mich zum stellvertretenden Schulleiter oder zum Oberstudienrat befördern zu lassen. Er schrieb damals (2.3.1938): ‚Pg. Etzrodt lernte ich erstmals kennen, als er 1933 an die Lichtwarkschule versetzt worden war. Das war zu einer Zeit, wo dort noch von mir mit erheblicher Rücksichtslosigkeit die Säuberung von marxistischen und jüdischen Elementen vorgenommen wurde … Vom ersten Tage seines Dienstantritts hat Pg. Etzrodt als ganzer Nationalsozialist gehandelt, sich rückhaltlos für die von mir eingeleitete Säuberungsaktion eingesetzt. Es war mir eine Freude, gerade an dieser Schule … in der Person von Dr. Etzrodt bis zum Tage seiner Versetzung einen Mann von so ausgeprägtem Charakter und so viel unbeirrbarer Willenskraft als Mitarbeiter neben mir zu wissen … Pg. Dr. Etzrodt hat für diese Treue allerschwerste Verunglimpfungen seitens einer Persönlichkeit hinnehmen müssen, die bereits 1934 von der Parteiliste gestrichen wurde …‘, die sich aber, wie ich hinzufüge, bei der Schulverwaltung auch noch nach dieser Zeit großer Beliebtheit erfreut. Nach längerem Kampfe gegen diese Persönlichkeit ist es mir dann gelungen, von dem für mich zuständigen Schulrat die Erklärung zu bekommen, daß ‚weder menschlich noch schulisch irgendwelche Einwendungen seitens der Schulbehörde gegen mich erhoben werden könnten‘.
Infolge der Aufhebung der Lichtwarkschule wurde ich an das Wilhelm-Gymnasium versetzt. Daß ich mich auch hier stets voll eingesetzt habe, kann der Leiter des WG bestätigen und daß ich noch mehr als das getan habe, können Ihnen die Eltern meiner Schule beweisen, von denen eine ganze Anzahl im Bereich des Kreises 2 der NSDAP wohnen, zum Beispiel Ricardo Sloman, dessen Sohn Henry Schüler meiner Klasse ist, Pg. Leisler Kiep, dessen Sohn ebenfalls in meiner Klasse ist.“[37]
Dann zählte Willy Etzrodt seine politischen Meriten auf:
„Wenn schon meine schulische, fachliche Tätigkeit an die der beförderten Kollegen heranreicht, so meine politische erst recht.
a.) Ich habe mich vom Blockleiter zum Schulungsleiter heraufgearbeitet. Meine Zeit als Schulungsleiter ist sowohl vom OG Baack als auch vom OG-Leiter Ulrich Kienast sowie vom stellvertretenden OG-Leiter Bauer ausdrücklich anerkannt worden.
b.) Neben meiner Tätigkeit als Schulungsleiter habe ich wochenlang Tag für Tag die Sichtung und das Packen von fast 10.000 Büchern für unsere Frontsoldaten übernommen.
c.) Außerdem besorge ich in Gemeinschaft mit Pg. Bauer das Packen und Versenden der regelmäßig an die Soldaten der OG Klosterstern abgehenden Päckchen.
Ferner wirke ich im SD unter Pg. Heise und Pg. Werner. Auch meine Tätigkeit in den der Partei angeschlossenen Gliederungen wird von keinem der beförderten Kollegen übertroffen.
NSLB: Jahrelang war ich OG-Amtsleiter in dieser Gliederung. Von der Leitung des NSLB in Bayreuth bin ich seit längerer Zeit als Lektor bestellt. Als solcher beurteile ich in ausführlichen Gutachten das neusprachliche Schrifttum in Bezug auf seine Eignung für die Schule. Ich war Vertrauensmann des NSLB an der Lichtwarkschule und bin es jetzt für das Wilhelm-Gymnasium.“[38]
Wenn dieses Anbiederungsschreiben an den NSDAP-Kreisleiter Walter Gloy schon zu Beginn des Entnazifizierungsverfahrens von Willy Etzrodt vorgelegen hätte, wäre seine Entlassung besiegelt gewesen. Das erkannte Rechtsanwalt Engell sofort und bat nunmehr um die Versetzung in den Ruhestand bei voller Zahlung der Pensionsbezüge als Studienrat. Das geschah am 30.5.1950, nachdem vorher ärztliche Gutachten die Dienstunfähigkeit von Willy Etzrodt bescheinigten.[39]
Als Etzrodt seinen 75. Geburtstag feierte, war das der „Welt“ am 13.6.1961 eine Meldung wert: „Viele ehemalige Schüler werden sich an den bewährten Pädagogen erinnern, der außer seiner Schultätigkeit Werke von mehreren ausländischen Autoren für den Unterricht bearbeitet hat.“[40]
Willy Etzrodt starb am 25.10.1970.[41]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte, StA HH, 361-3_A 1519
2 Ebd.
3 Schreiben der Oberrealschule in Eimsbüttel an die Kommandantur des Gefangenenlagers Cassel vom 17.8.1915, Personalakte a. a. O.
4 Personalakte a. a. O.
5 Nach eigenen Angaben im Personalbogen, Personalakte a. a. O.
6 Siehe dazu die Biografie Zindler, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 538 ff.
7 de Lorent 2016, S. 547.
8 de Lorent 2016, S. 551.
9 Siehe die Biografien Zindler und Berthold Ohm, in: de Lorent 2016, S. 538 ff. und 575 ff.
10 Das Protokoll und die wichtigsten Dokumente dieser Auseinandersetzung sind enthalten in der Personalakte Erich Witter, StA HH, 361-3_A1525
11 Siehe die Biografien Zindler und Ohm, a. a. O.
12 Schreiben vom 23.11.1935, Personalakte Ohm, StA HH, 362-2/20_6 B1, Akte Ohm
13 Schreiben vom 25.11.1935, Personalakte Etzrodt, a. a. O.
14 Schreiben vom 22.11.1935, ebd.
15 Schreiben von Willi Schulz an Erwin Zindler vom 24.5.1935, abgedruckt in de Lorent 2016, S. 585.
16 Kurze Zusammenfassung des Hauptgedankens aus dem Vortrag: Der evangelische Religionsunterricht und die neue Zeit, Personalakte Etzrodt, a. a. O.
17 Ebd. („judenzet“ = sprachliche Eigenschöpfung für „jüdisch infiziert oder treibend“)
18 Siehe die Biografie Hans Rösch, in: de Lorent 2016, S. 768 ff.
19 Meldung, von Erwin Zindler am 4.5.1934 der Landesunterrichtsbehörde überreicht, Personalakte Etzrodt, a. a. O.
20 Rede von Willy Etzrodt am 30.1.1936 vor der Schulgemeinde der Lichtwarkschule, Personalakte Etzrodt, a. a. O.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 Schreiben vom 18.3.1937, Personalakte Etzrodt, a. a. O.
24 Laut Personalakte Etzrodt, a. a. O.
25 Bericht vom 27.2.1942, Personalakte Etzrodt, a. a. O.
26 Personalakte Etzrodt, a. a. O.
27 Schreiben vom 6.3.1948, Entnazifizierungsakte Etzrodt, StA HH, 221-11_Ed 6954
28 Beschluss des Beratenden Ausschusses vom 20.8.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
29 Empfehlung des Beratenden Ausschusses vom 17.10.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
30 Personalakte a. a. O.
31 Schreiben vom 1.6.1948, Personalakte a. a. O.
32 Personalakte a. a. O.
33 Schreiben vom 19.4.1949, Personalakte a. a. O.
34 Abschrift eines Schreibens vom 12.12.1942, Personalakte a. a. O.
35 Vermerk von OSR Behne vom 16.12.1942, Personalakte a. a. O.
36 Abschrift eines Schreibens vom 30.6.1940, Personalakte a. a. O.
37 Ebd.
38 Ebd.
39 Personalakte a. a. O.
40 Die „Welt“ vom 13.6.1961.
41 Personalakte a. a. O.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2019: 789 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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