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Fritz Ulmer

(9.2.1880 Hamburg – 9.7.1971)
Studienrat am Johanneum
Ottersbekallee 6 (Wohnadresse 1918)

Hans-Peter de Lorent hat über Fritz Ulmer ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:
„Dass ich seit dem Jahre 1935, da ich selbst unter dem unmenschlichen Druck der Nürnberger Gesetze stand, grundsätzlicher und persönlicher Gegner des Nationalsozialismus bin, brauche ich nach meinen Erlebnissen und Enttäuschungen wohl nicht mehr besonders betonen.“
Eine beachtliche Persönlichkeit der Hamburger Lehrerschaft war der langjährige Studienrat am Johanneum, der 1945 kurzfristig auch als kommissarischer Schulleiter eingesetzt worden war. Trotz gewichtiger Leumundszeugnisse, unter anderem von dem ab 1945 amtierenden Schulsenator, Heinrich Landahl, und von der Familie Giordano, wurde Fritz Ulmer aus dem Beamtenverhältnis entlassen und kämpfte jahrelang um seine Rehabilitierung. Gegen Fritz Ulmer hatte gesprochen, dass er zum 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten war und auch SA-Mann wurde, wofür er später eine für manche plausible Begründung abgab. Ein Beispiel dafür, wie schwer es in den Entnazifizierungsverfahren war, den Betroffenen gerecht zu werden und Entscheidungen zu treffen, die auch im Vergleich mit anderen nachvollziehbar waren.
Fritz Ulmer wurde am 9.2.1880 in Hamburg als Sohn des Hauptschullehrers Heinrich Franz Johann Ulmer und seiner Ehefrau Anna geboren. Er war das zweitjüngste von acht Kindern. Nach dem frühen Tod seines Vaters besuchte er in den Jahren 1889 bis 1895 die Volksschule Papendamm , danach bis 1897 die Seminarschule. Er gehörte zu den Personen, die über eine Seminarausbildung als Volksschullehrer sich später über ein Studium für die Arbeit an den höheren Schulen qualifizierten.[1]
In seinem Lebenslauf schrieb Fritz Ulmer:
„Diesen Jahren verdanke ich meine Erziehung zur Freude am Wissen und Schaffen, die allerdings ihre vollste Befriedigung erst fand, als ich die Gelehrtenschule des Johanneums besuchen konnte; nach etwa halbjähriger Vorbereitung in Latein, Französisch, Mathematik und Griechisch, wurde ich Michaelis 1897 in die Untertertia aufgenommen, jedoch gelang es mir erst nach Jahren, die vorhandenen Lücken in meiner Ausbildung auszufüllen. Besondere Freude machte mir die Beschäftigung mit den alten Sprachen, von denen wiederum das Griechische mich am meisten anzog. Jedoch auch die neueren Sprachen, zu deren Verständnis bereits während meiner Besuche der Volks- und Seminarschule das Fundament gelegt war, fesselten mein Interesse. Von den naturwissenschaftlich-mathematischen Fächern beschäftigte mich vor allem Physik, wenn auch mein Interesse für dieses Gebiet notgedrungen hinter meiner Vorliebe für Sprachen zurücktreten musste.
Als ich Ostern 1902 das Johanneum mit dem Zeugnis der Reife verließ, war mir mein künftiger Lebensweg noch nicht geebnet. Der gänzliche Mangel an Mitteln ließ ein Studium aussichtslos erscheinen; jedoch wurde es mir schließlich durch ein Stipendium der Fischer stiftung ermöglicht, und ich wandte mich nach Marburg.“[2]
Fritz Ulmer entschied sich für ein Jurastudium, merkte aber schon nach kurzer Zeit, dass seine eigentliche Berufung die Tätigkeit als Lehrer wäre. Er wählte, „in der festen Absicht, Lehrer zu werden, Naturwissenschaft zum Studium, und zwar zunächst die vier Fächer Zoologie , Botanik, Chemie, Physik mit Ausschluss der Mathematik“, wobei er sich im Weiteren allerdings auf Mathematik, Physik und Chemie konzentrierte. Ulmer wechselte nach Berlin, konnte sich dort am 16.2.1907 nach seiner Promotion zum Staatsexamen melden. Danach, seit dem 10.12.1907, war er an der Gelehrtenschule des Johanneums zur Ableistung des Anleitungsjahres tätig.[3]
Für den Militär dienst war Fritz Ulmer nicht tauglich, 1910 wurde er an der Realschule Hamm als Oberlehrer eingestellt.[4]
In seiner Personalakte sind Nebentätigkeiten vermerkt, Privatunterricht, Unterricht in Griechisch, Latein und Physik an einer Privatschule. Aber auch der Besuch des 21. Kongresses für Knabenhandarbeit und Werkunterricht 1912. Fritz Ulmer war breit aufgestellt.[5]
Am 21.7.1915 wurde Ulmer zum Landsturm als Kanonier eingezogen, danach war er bei der Artillerie-Prüfungskommission beschäftigt, von wo er am 11.11.1918 an Schulrat Brütt schrieb:
„Abgesehen von einzelnen sinnlosen Schießereien scheint die Entwicklung zur sozialistischen Republik ruhig und geordnet vor sich zu gehen. Ich hoffe, dass ein Gleiches auch von meiner Heimatstadt gilt, um deren Schicksal ich in diesen Tagen, wo jede Verbindung abgeschnitten war, sehr gebangt habe.“[6]
Fritz Ulmer wohnte 1918 in der Ottersbekallee 6 und war seit 1919 Oberlehrer an der Gelehrtenschule des Johanneums, der höheren Schule seiner Schülerzeit.[7]
Uwe Schmidt stellte der Hildegard Milberg, Carl-Ludwig Furck, Reiner Lehberger und mir zugeschriebenen Behauptung, die höheren Schulen und die dort tätigen Lehrer und Schulleiter seien konservativ und reaktionär, deutschnational und anfällig für den Nationalsozialismus gewesen, eine Aussage von Fritz Ulmer aus dem Jahre 1920 entgegen:
„Gegen Verallgemeinerungen über die Veränderungsbereitschaft der höheren Schule und ihrer Lehrer ist als Zeitgenosse 1920 schon der 37-jährige Lehrer am Johanneum, Fritz Ulmer, aufgetreten, indem er sich in einem Zeitungsartikel unter der Überschrift ‚Der reaktionäre Oberlehrer – ein Zerrbild der Zeit‘[8] gegen die Behauptung wendete, vor 1918 habe es in der höheren Schule keine Reformen gegeben: Lebendige Gegenbeweise seien Arbeitsgemeinschaften, die Neugestaltung des Unterrichts in den Leibesübungen, Methodische Reformen im Sprachunterricht, in den Fächern Deutsch, Religion, Geschichte und den Naturwissenschaften, Praktika und Werkstattunterricht – und all das sei ohne Direktiven durch die Oberschulbehörde geschehen. Ulmer verlangt statt Phrasen Taten und sachliche Arbeit. „Wir ‚reaktionären Oberlehrer‘ kämpfen nach wie vor in Reih und Glied mit den erfahrenen und erprobten Reformern der Volksschule … für die Beseitigung veralteter Einrichtungen und Methoden, mit ihnen aber vor allem auch gegen die wilden Zertrümmerer des Bestehenden und gegen die Amokläufer unter den Revolutionären‘.“ Schmidt ergänzte: „Ulmers Devise heißt daher: Kampf ja, aber auf sachlicher Grundlage.“[9]
Wobei Fritz Ulmer politisch durchaus eine konservative Grundhaltung hatte, wie aus einem anderen Hinweis von Uwe Schmidt zu schließen ist. Er wies darauf hin, dass bei den ersten Lehrerkammerwahlen nach dem Selbstverwaltungsgesetz in Hamburg, 1920, eine „Liste der Rechten“ neben der „Liste Aufbau/Verein der Oberlehrer“ kandidierte und gegen die Liste der „Gesellschaft der Freunde“ („Schulfortschritt“), die 50 Prozent der Stimmen gewann. Für die „RechtsListe“, angeführt von dem Oberlehrer der Gelehrtenschule des Johanneums, Carl Bertheau, verpflichtete sich eine Reihe von Lehrern des Johanneums, diese Liste mit einer Spende zu unterstützen. Dazu gehörten außer Fritz Ulmer u. a. auch Werner Puttfarken, der spätere Schulleiter, Erdmann Struck, Gerhard Rösch.[10]
Fritz Ulmer war besonders aktiv als Protektor des Ruder-Clubs des Johanneums. Zum Jahrestag der Gründung dieses Ruderklubs schrieb er am 19.2.1930 einen ausführlichen Artikel im „Hamburgischen Correspondent“. Darin beschrieb er die Vorzüge des Rudersports:
„Wie kein anderer Sport kommt der (richtig ausgeübte) Rudersport dem innersten Wesen der Jugend, ihrem Bewegungstrieb, ihrem Freiheitsdrang und Leistungsbedürfnis entgegen: Licht und Luft, in Wind und Wellen – statt in Staub und Dunst – ausgeübt, stählt er Willen und Charakter, sittliche Qualitäten, die neben geistiger Begabung das Mannestum ausmachen; durch frisches Leben im Freien, Kraft und Erholung spendend, befähigt er die Geistigkeit zu höheren Leistungen, diszipliniert er sie zur vollen Ausnutzung von Zeit und Kraft und schafft die Entschlossenheit im Handeln. Dem Triebe der Jugend zu Übung und Steigerung der wachsenden Körperkräfte gemäß, erzieht er zu Ausdauer und Zielbewusstheit, den wertvollsten Lebensenergien im hastenden Dasein der Gegenwart.“[11]
Hier schrieb ein vom Rudersport Beseelter, der sich hierfür lebenslang einsetzte.
Dabei war Ulmer nicht nur in Hamburg aktiv, sondern im Norddeutschen Schüler- und Jugend-Ruderverband, als Teilnehmer an den Deutschen Rudertagen und den Tagungen des Preußischen Protektoren-Verbandes, für die Fritz Ulmer Nebentätigkeits-Anträge stellte und der Oberschulbehörde danach jeweils berichtete.[12]
Ulmer war gleichzeitig leidenschaftlicher Naturwissenschaftler und nahm teil an den Tagungen Deutscher Naturforscher und Ärzte .[13]
Am 1.5.1933 trat Fritz Ulmer in die NSDAP ein. Im Oktober 1933 wurde er Mitglied der SA. Der NSV gehörte er seit 1934 an, ebenfalls dem NSLB. Im VDA war er schon 1925 organisiert. Im Reichsluftschutzbund war er Ausbildungsleiter und Blockwart, wie er im Entnazifizierungs-Fragebogen notierte.[14] 1938 war Fritz Ulmer zum Oberstudienrat befördert worden.[15]
Unter „früheren Mitgliedschaften“ hatte Fritz Ulmer angegeben: „Vor 1933 in der DVP und im Philologenverband.“[16]
Als der nationalsozialistische Aktivist Erwin Zindler, der seit dem 26.8.1942 Oberstudiendirektor des Johanneums war, am 27.6.1945 auf Anordnung der Britischen Militär regierung beurlaubt wurde[17], beauftragte die Schulbehörde Fritz Ulmer mit der kommissarischen Leitung der Schule.[18]
Kurz darauf begann ein Drama im Leben von Fritz Ulmer. „Knapp zwei Monate nach Übernahme der Aufgabe war er, noch bevor der Unterrichtsbetrieb aufgenommen wurde, wieder von seinem Amt entbunden.“[19]
Seinem Entnazifizierungs-Fragebogen vom 17.7.1945 war für die Schulbehörde zu entnehmen gewesen, dass er am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten war und seit 1933 ebenfalls der SA angehört hatte. Alle Schulleiter, die vor oder seit dem 1.5.1933 Mitglieder der Nazi-Partei gewesen waren, wurden auf Anordnung der Britischen Militär regierung vom Dienst beurlaubt. Nun begann der Kampf von Fritz Ulmer gegen seine Suspendierung vom Amt des kommissarischen Schulleiters und gegen die Entlassung aus dem Schuldienst überhaupt. Zur Begründung seiner NS-Mitgliedschaften hatte er geschrieben:
„Im Mai 1933 trat ich, der Parole der Deutschen Volkspartei folgend, in die NSDAP ein, um den von mir geleiteten Norddeutschen Schüler- und Jugendruderverband sowie den Ruderclub des Johanneums (RdJ) unter meinem ‚Protektorat‘ zu retten und meine ehrenamtliche Tätigkeit als Schriftleiter von ,Johanneum‘ und ,Ruderer‘ möglichst ungestört weiter durchführen zu können – Lebensarbeiten im Dienste der Jugend und Schule, die mir durch den Totalitätsanspruch der Partei bedroht erschienen und später auch tatsächlich vernichtet wurden. Aus demselben Motiv heraus trat ich als führender Wassersportler (Oktober 1933) in die Marine-SA ein, ebenfalls in der Hoffnung, durch diesen Schritt die von mir betreuten Organisationen schützen und stützen zu können – eine Hoffnung, die sich ebenfalls als trügerisch erwies.“[20]
War diese Erklärung von Fritz Ulmer eine in solchen Verfahren übliche Behauptung, nämlich zum Schutz von persönlich als wichtig angesehenen Aktivitäten in NS-Organisationen Mitglied geworden zu sein, führte Ulmer im Weiteren etwas an, was er nie öffentlich oder im Rahmen seiner Schule sonst geäußert hatte. Er schrieb:
„Als ich dann zum November 1935 vom Hamburger Staatsarchiv die amtliche Bestätigung erhielt, dass mein Vater (der 1889 verstorbene Hauptlehrer H. F. J. Ulmer) der uneheliche (voreheliche) Sohn eines Juden (des invaliden Eisenbahnbeamten Iwan Friedrich Franz Ulmer, 1794 aus Nieheim gebürtig und 1820 zu St. Nicolai getauft) sei, nahm ich dies zum Anlass, um aufgrund eines ärztlichen Attestes alsbald aus der SA auszutreten und vorsorglich von allen meinen ehrenamtlichen Posten als Vorsitzender, Schriftleiter und Protektor zurückzutreten (1936 bzw. 1937), um auf alle Fälle meine Organisationen vor Schaden zu bewahren, schweren Herzens von meiner Lebensarbeit Abschied nehmend. Von einer Selbstanzeige an Behörde und Partei nahm ich – wenn auch nur unter schweren Gewissensbedenken – mit Rücksicht auf die Zukunft meiner Familie zumal meiner vier unmündigen Kinder, Abstand. Dass ich seit dem Jahre 1935, da ich selbst unter dem unmenschlichen Druck der Nürnberger Gesetze stand, grundsätzlicher und persönlicher Gegner des Nationalsozialismus bin, brauche ich nach meinen Erlebnissen und Enttäuschungen wohl nicht mehr besonders betonen.
Meine Kollegen werden mir dies ausnahmslos bestätigen. Meine 1938 erfolgte Beförderung zum Oberstudienrat nahm ich daher auch letztlich als Anerkennung meiner zurückliegenden Leistungen im Dienste von Jungrudersport und Schulgemeinde unbedenklich an.“[21]
Fritz Ulmer hatte sich in erheblichen Gewissensnöten befunden, als es erforderlich war, den „Arier-Nachweis“ zu erbringen. Er legte die Abschriften von dem Pfarrer aus Nieheim und dem Vorsteher der Gemeinde vor, die erklärten, dass es von Iwan Friedrich Franz Ulmer weder in den Kirche nbüchern aus der Zeit von 1792 bis 1811, noch in den Eintragungen des Gerichts Hinweise auf den Großvater von Fritz Ulmer gebe. Diese Abschriften wurden von dem Schulleiter des Johanneums, Werner Puttfarken, der sich jüdischen Schülern der Schule gegenüber als antisemitisch zeigte, am 14.1.1938 abgestempelt und bestätigt.[22]
Interessant ist, dass Fritz Ulmer dieses außerhalb des Entnazifizierungsverfahrens öffentlich niemals kommunizierte und auch am Johanneum nach 1945 nicht bekannt machte.
Als die Brüder und ehemaligen Schüler des Johanneums, Ralph und Egon Giordano von der Entlassung Fritz Ulmers erfuhren, wandten sie sich in einem Schreiben im August 1945 an die Schulbehörde:
„Uns, als Halbjuden, hat Dr. Ulmer im Gegensatz zu so vielen anderen Lehrern stets in der anständigsten Weise behandelt. Wir hatten immer das lebendige Gefühl, in ihm einen Schützer zu besitzen. Ebenso erging es allen anderen jüdischen Schülern. Politik hatte in seinem Unterricht keinen Raum, es sei denn, dass er seine Entrüstung über nazistische Methoden unmissverständlich zum Ausdruck gebracht hat.“[23]
Und auch Lilly Giordano, die Mutter von Ralph und Egon Giordano, schrieb am 30.8.1945:
„In all den Jahren des Naziregimes hat Dr. Ulmer meine Söhne in der vorurteilslosesten Weise behandelt und mir gegenüber wiederholt betont, wie sehr er die nazistischen Methoden, insbesondere die Rassengesetze, verurteilt. Ich, als Jüdin, möchte dringend darum bitten, ihn im Amte belassen.“[24]
Ralph Giordano, mit dem ich 2012 über die Lehrer des Johanneums korrespondierte und der mich bei der Beschriftung und Zuordnung von Namen der Kollegium-Fotos unterstützte, schrieb: „Ulmer, guter Mensch, lieber Lehrer, ihm haben mein Bruder und ich 1945/46 wieder zurück ins Amt geholfen, denn der war kein Nazi, ganz und gar nicht. Der Sohn Ulmers hat mir Jahrzehnte später noch einen Dankesbrief geschrieben – sein Vater hat unsere Intervention nie vergessen.“[25]
Ins Amt kam Fritz Ulmer nicht wieder zurück, er war 1945 schon 62 Jahre alt und das Verfahren zog sich einige Zeit hin.
Ulmer bekam einige sehr gewichtige Leumundszeugnisse. So etwa vom ehemaligen Landesschulrat, Prof. Ludwig Doermer, der am 6.7.1948 bestätigte:
„Herr Dr. Fritz Ulmer ist mir seit vielen Jahren persönlich bekannt und wohnte lange Jahre in meiner Nachbarschaft. Nach meiner Überzeugung ist Dr. Ulmer seinerzeit nicht wegen seiner Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Partei zum Oberstudienrat ernannt worden, sondern wegen seiner pädagogischen Bewährung sowohl auf dem Gebiete des Physikalischen Unterrichtens wie wegen seiner Förderung des Jugendrudersports an seiner Schule und an den hamburgischen Schulen. Dr. Ulmer kann nach meiner Überzeugung nur als harmloser Mitläufer gewertet werden.“[26]
Und auch Schulsenator Heinrich Landahl schrieb für Fritz Ulmer am 3.6.1946:
„Herr Dr. Fritz Ulmer ist mir seit Jahren als besonders beliebter und erfolgreicher Lehrer der Gelehrtenschule des Johanneum bekannt. Näheres über ihn habe ich während der ganzen Kriegsjahre durch meinen Neffen Klaus Eitner gehört, dessen Klassenlehrer er in den letzten Schuljahren war. Das Elternhaus meines Neffen war von jeher genauso nazifeindlich eingestellt wie ich. Mein Neffe selbst hat immer in eindeutiger Ablehnung gegen alles Nationalsozialistische gestanden. Er hat mir oft voll Freude und Genugtuung berichtet, dass er und seine gleichgesinnten Kameraden dieselbe Ablehnung bei ihrem verehrten Lehrer Dr. Ulmer deutlich spürten.“[27]
Der Beratende Ausschuss, dem auch der langjährige Lehrer am Johanneum, Willi Thede, angehörte, stellte unter Vorsitz von Johann Helbig und gemeinsam mit Oberschulrat Schröder am 11.7.1946 fest, dass Dr. Ulmer „niemals innerlich nationalsozialistisch gewesen ist. Studienrat Thede kann als Kollege an derselben Schule die wirkliche Einstellung Dr. Ulmers bezeugen. Der Ausschuss befürwortet deshalb die Wiedereinstellung Ulmers als Studienrat.“[28]
Dem stimmte der Entnazifizierungsausschuss am 20.8.1946 in der Konsequenz nicht zu: „Eine Wiederbeschäftigung erscheint nicht tunlich. U. ist auch bereits 63 Jahre alt. Pensionierung als Studienrat (er war zuletzt Oberstudienrat) erscheint angemessen.“[29]
Nach Einspruch von Fritz Ulmer tagte der Beratende Ausschuss erneut am 23.4.1948 und schrieb:
„Wir haben den Fall erneut überprüft. Vermissen die Bezeugung aktiven Widerstandswillens gegen das System. Wenn wir allerdings diesen Fall mit anderen inzwischen erledigten Fälle vergleichen, so sind wir daraufhin bereit, ihm die Pension eines Oberstudienrats zuzuerkennen.“[30]
Der Berufungsausschuss 17 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten beschäftigte sich am 23.2.1949 mit der Angelegenheit, gab der Berufung statt und entschied, Fritz Ulmer „mit vollen Pensionsansprüchen als Oberstudienrat mit Wirkung vom 1.2.1949 in den Ruhestand zu versetzen. Er wird in die Kategorie V eingestuft.“31 Auch der Berufungsausschuss war von den gewichtigen Leumundszeugnissen beeindruckt und hatte noch einmal vom ehemaligen Oberschulrat Oberdörffer eine Bestätigung eingeholt, dass Ulmers Beförderung „lediglich auf seine besonderen fachlichen Leistungen und Bemühungen zurückzuführen“ ist.[31]
Fritz Ulmer hat in den Jahren, die das Entnazifizierungsverfahren dauerte, schwer gelitten, wie Uwe Reimer zusammenfasste:
„Die ersten zehn Monate nach seiner Entlassung nennt er ‚schlimmstes Martyrium‘, gekennzeichnet durch ‚Hungerödeme infolge wirtschaftlicher Notlage, Stempelgang zum Arbeitsamt, Zwangsarbeit als Erdarbeiter mit dauernder Gesundheitsschädigung‘. Während der anschließenden drei Jahre, vom Oberstudienrat zum Studienrat herabgestuft und zwangspensioniert, litt er schwer unter dem ‚Makel des fristlos entlassenen Beamten‘. Am schlimmsten war vielleicht für ihn, dass die Maßnahmen ‚ohne Angabe von Gründen und ohne persönliche Vernehmung‘ erfolgten.“[32]
Am 26.2.1949 fertigte OSR Heinrich Schröder einen Vermerk an, der sich mit dem Antrag von Fritz Ulmer beschäftigte, wieder als ehrenamtlicher Mitarbeiter anerkannt zu werden:
„Herr Dr. Ulmer ist durch den Berufungsausschuss statt der Studienratspension wieder die Oberstudienratspension zuerkannt worden. Er ist damit jetzt völlig entlastet. Einer ehrenamtlichen Tätigkeit im Schülerrudersport steht nichts im Wege. Wenn die Schulleitung und die Ruderriege des Johanneums Herrn Dr. Ulmer um eine Mitarbeit bitten wollen, so hat die Schulbehörde keine Bedenken. Ich habe dies Herrn Dr. Ulmer mitgeteilt, der auch an mich ein ähnliches Schreiben gerichtet hat.“[33]
Fritz Ulmer wurde danach sogar offiziell zum „Beauftragten der Schulbehörde für den Hamburger Schulrudersport“ ernannt. Er wird dies als späte Genugtuung empfunden haben.[34]
Schulsenator Heinrich Landahl schrieb am 9.4.1959 noch einmal eine Art Urkunde für Fritz Ulmer, in der er ihm dankte für seine „jahrzehntelange Arbeit, die Sie der Freien und Hansestadt Hamburg als Lehrer im höheren Schulwesen gewidmet haben. Dankbar würdigt die Schulbehörde Ihr Wirken als Studienrat und Oberstudienrat besonders während der vielen Jahre Ihrer Zugehörigkeit zur Gelehrtenschule des Johanneums. Sie anerkennt weiterhin Ihre Tätigkeit in zahlreichen Ehrenämtern, darunter besonders aber Ihre Verdienste um die Förderung des Schulrudersports.“[35]
Merkwürdig war, dass der ehemalige Bürgermeister des „Hamburg-Blocks“ von 1953 bis 1957, Dr. Kurt Sieveking, sich am 2.12.1964 an Landesschulrat Matthewes wandte mit dem Hinweis, dass Ulmer das Recht auf eine Überleitung nach A 15 hätte, ein Wiedergutmachungsfall wäre. Die Suspendierung und die Rückstufung vom Oberstudienrat zum Studienrat bezeichnete Sieveking „als durch die Militär regierung zu Unrecht erfolgt“, „eine zu Unrecht erlittene Unbill“, und „einen zu Unrecht erfolgten Eingriff der Besatzungsmacht“.[36]
Die Schulbehörde sah das anders und klärte den Ablauf sachlich auf. Offenbar hatte Fritz Ulmer seinen Frieden doch noch nicht gefunden und fand einen ehemals einflussreichen Unterstützer – allerdings ohne Erfolg.
Sogar der ehemalige Schulleiter des Johanneums, Erwin Zindler, passte sich in die Argumentation ein – er hatte schließlich auch noch eine Rechnung offen mit der Schulbehörde und der Britischen Militär regierung.[37]
Fritz Ulmer starb am 9.7.1971.[38]
Text; Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Alle Angaben nach der Personalakte von Fritz Ulmer, StA HH, 361-3_A 1617
2 Lebenslauf, ebd. Bei vielen späteren Lehrern an höheren Schulen liest man in deren zur Einstellung eingereichten Lebensläufen, mit welchen Intentionen sie ihr Studium durchführten und welche Bildungsambitionen sie hatten. Dies ermöglicht äußerst interessante Einblicke in ihr Denken und ihre Überlegungen der Bildungs- und Lebensplanung.
3 Personalakte a. a. O.
4 Personalakte a. a. O.
5 Personalakte a. a. O.
6 Personalakte a. a. O.
7 Personalakte a. a. O.
8 „Hamburger Nachrichten“ vom 25.7.1920.
9 Uwe Schmidt: Aktiv für Gymnasien, Hamburg 1999, S. 124.
10 Schmidt 1999, S. 127. Siehe auch die Biografie Werner Puttfarken, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Band 1, Hamburg 2016, S. 691 ff.; sowie die Biografien Gerhard Rösch und Erdmann Struck in diesem Band. Gewählt wurde auf der Rechtsliste auch der Oberlehrer des Johanneums, Hans Lorenzen, der später viele „Persilscheine“ für nationalsozialistischer Aktivisten schrieb.
11 „Hamburgischer Correspondent“ vom 19.2.1930.
12 Personalakte a. a. O.
13 Personalakte a. a. O.
14 Entnazifizierungsakte Ulmer, StA HH, 221-11_Ed 1212
15 Personalakte a. a. O.
16 Entnazifizierungsakte a. a. O.
17 Siehe die Biografie Erwin Zindler, In: de Lorent 2016, S. 538 ff.
18 Personalakte a. a. O.
19 Uwe Reimer: Johanneum 1945 – Ende und Anfang. Eine Nachlese, Hamburg 2012, S. 23.
20 Anlage 2 zum Fragebogen vom 18.7.1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
21 Ebd. Siehe zu Werner Puttfarken: Rainer Hering: Nationalsozialist oder schwacher Charakter? Dr. Werner Puttfarken, Schulleiter der Gelehrtenschule des Johanneums von 1933–1942, in: Symposion, Festschrift zum 475-jährigen Jubiläum der Gelehrtenschule Johanneums, herausgegeben von Christine von Müller, Uwe Petersen und Uwe Reimer, Hamburg 2004, S. 51. Siehe auch die Biografie Werner Puttfarken, in: de Lorent 2016, S. 691 ff.
22 Entnazifizierungsakte a. a. O.
23 Ralph und Egon Giordano im August 1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
24 Lilly Giordano am 30.8.1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
25 Ralph Giordano in einem Schreiben an mich vom 13.3.2012. Siehe die Briefwechsel mit Ralph Giordano, in: de Lorent 2016, S. 11 ff.
26 Schreiben vom 6.7.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
27 Schreiben vom 3.6.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
28 Beratender Ausschuss vom 11.7.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
29 Empfehlung vom 20.8.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
30 Beratender Ausschuss vom 23.4.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
31 Berufungsausschuss 17 vom 23.2.1949, Entnazifizierungsakte a. a. O.
32 Reimer 2012, S. 27
33 Vermerk vom 26.2.1949, Entnazifizierungsakte a. a. O.
34 Reimer 2012, S. 28.
35 Schreiben vom 9.4.1959, Entnazifizierungsakte a. a. O.
36 Schreiben vom2.12.1964, Entnazifizierungsakte a. a. O.
37 Zindlers Schreiben vom 22.7.1964 und vom 7.8.1964, Entnazifizierungsakte a. a. O.
38 Personalakte a. a. O.
 

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Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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