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Paul Wetzel

(29.1.1882 Niemyk, Kreis Potsdam – 29.1.1950)
Schulleiter an die Oberschule für Jungen und Mädchen Alstertal
Erdkampsweg 55 (Wohnadresse 1940)

Hans-Peter de Lorent hat über Paul Wetzel ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:
„Nur bei Verstößen gegen eine anständige und saubere Schulzucht konnte er sehr in die Fahrt kommen.“
Ein gutes Beispiel für Kontinuitäten ist Prof. Dr. Paul Wetzel, der seit 1926 fast 20 Jahre Schulleiter in Hamburg war. In den Zeiten der Selbstverwaltung 1926 am Wilhelm-Gymnasium Oberstudiendirektor geworden, trat er am 1.5.1933 in die NSDAP ein, wurde trotzdem als Schulleiter an einer anderen Schule eingesetzt, war im engen Kontakt mit führenden Nationalsozialisten im Hamburger Schulwesen und haderte 1945 damit, erst suspendiert und dann in den Ruhestand versetzt worden zu sein. Wichtige handschriftliche Dokumente von ihm nach Ende der NS-Herrschaft geben interessante Einblicke in seine Sicht der Dinge und illustrieren, wie er sich bemühte, den ehemaligen Elternratsvorsitzenden des Wilhelm-Gymnasiums, Rudolf Petersen, mit dem er als Schulleiter sieben Jahre eng zusammengearbeitet hatte, für seine Rehabilitierung zu gewinnen. Petersen war 1945 von der Britischen Militärregierung zum ersten Bürgermeister in Hamburg ernannt worden.
Paul Wetzel wurde am 29.1.1882 in Niemyk, Kreis Potsdam, als Sohn eines Lehrers und Kantors geboren. Er besuchte die dortige Volksschule, anschließend das Gymnasium in Wittenberg und die Königliche Landesschule Pforta. Nach bestandener Reifeprüfung studierte er Geschichte, Deutsch und Erdkunde an den Universitäten Leipzig, Berlin und Greifswald. Er wurde 1907 zum Dr. phil. promoviert mit einer Arbeit zum Thema: „Die Genesis des am 4. April 1813 eingesetzten Verwaltungsrates bis zum Herbst diesen Jahres.“[1]
Sein Anleitungs- und Probejahr absolvierte er 1908 an der Oberrealschule auf der Uhlenhorst, der Realschule Eppendorf und der Realschule in Hamm. Nach seiner Festanstellung zum 1.10.1909 war er Oberlehrer an der Realschule in Hamm.[2]
Den Kriegsdienst beendete Paul Wetzel im Dezember 1918 als Gefreiter. Am 1.4.1922 wurde er an das Wilhelm-Gymnasium versetzt.[3]
Paul Wetzel war ein energischer Mann, vielseitig interessiert und ambitioniert. Er engagierte sich auf Tagungen der „Gesellschaft für deutsche Bildung“, die im zweijährigen Rhythmus stattfanden.[4]
1926 wählte das Kollegium ihn zum Schulleiter des Wilhelm-Gymnasiums. Der Publizist Gösta von Uexküll erinnerte sich an Paul Wetzel als eindrucksvollen Lehrer:
„Der von der starken Persönlichkeit Prof. Wetzel geprägte Unterricht in ‚Deutschkunde‘ war uns eine gelungene Anleitung zum eigenen Nachdenken über geschichtliche Zusammenhänge, die sich keineswegs auf Deutschland beschränkten. Professor Wetzel verstand es, Geschichte so lebendig darzustellen, dass man sie miterleben konnte wie Zeitgeschichte, ja, wie Politik. Auch die damalige Tagespolitik wurde uns durch die Diskussion von Zeitungsartikeln und Besuche in der Bürgerschaft vermittelt. Die Weimarer Republik und die demokratische Verfassung waren selbstverständliche Grundlagen dieses ‚staatspolitischen Unterrichts‘.“[5]
Das Schulleben, vielfältige kulturelle Aktivitäten und schriftliche Überlieferungen der Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums sind mit der Person Paul Wetzel verbunden.
Seit Ostern 1921 war das Wilhelm-Gymnasium eine „Doppelanstalt“: Humanistisches Gymnasium und Deutsche Oberschule mit gemeinsamem Unterbau, der sich nach zwei Jahren in die beiden obigen Züge gabelte. „Die Initiatoren der neuen Schulreform waren Professor Dr. Wetzel und Ulrich Peters, der spätere Leiter der pädagogischen Akademie Kiel. Unter nächster Anteilnahme der Elternschaft, geführt von dem langjährigen und erfahrenen Elternrat-Vorsitzenden, dem jetzigen Altbürgermeister Herrn Rudolf Petersen, begann nun ein reges Planen und Organisieren an unserer Anstalt.“[6] So vermerkte es die Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum des Wilhelm-Gymnasiums. Und über Paul Wetzel hieß es:
„Sein Nachfolger wurde Ostern 1926 Dr. Paul Wetzel. Mit ihm begann nun wieder eine glückhafte Zeit am Wilhelm-Gymnasium. Es kam wieder Wind in die Segel. Paul Wetzel, in seiner temperamentvollen Art, der durch die strenge Schule Schulpfortas gegangen war, war so recht geeignet, beiden Schulformen und ihren Belangen gerecht zu werden.“[7]
In der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Wilhelm-Gymnasiums hatte Paul Wetzel die Geschichte der Schule ausführlich dargestellt. So schrieb er:
„Die staatsbildende, organisatorische Kraft der Römer ist, wie der Weltkrieg zeigt, Erbteil unseres Volkes geworden; und ihre Sprache, die zwei Jahrtausende die völkerverbindende Sprache der Wissenschaft und der Kirche gewesen ist, ist uns auch heute durchaus nicht so entbehrlich, wie manche meinen. Die griechisch-römische alte Welt, so sehr sie uns anzieht, ist uns heute allerdings nicht mehr das ferne Ideal, das wir mit der Seele suchen. Denn die tiefschürfende Forschung der letzten Jahrzehnte hat uns auch die alten Griechen als Wirklichkeitsmenschen kennengelehrt. Die Antrittsrede des Direktors Gerstenberg (Januar 1919, d. L.) mit der starken Betonung der deutschen Kultur als Bildungsgrundlage enthält bereits die ersten Anregungen zu der späteren Einrichtung des deutschen Zuges neben dem humanistischen.“[8]
Wetzel ging dann dazu über, die Zeit des Ersten Weltkrieges in Bezug auf das Wilhelm-Gymnasium zu reflektieren:
„Je länger der Krieg dauerte, desto mehr wuchs die Not unseres Volkes, desto größer wurden auch die Schwierigkeiten für die Aufrechterhaltung eines geordneten Schullebens. Aber trotz des Mangels an Lehrkräften konnte durch Mehrbelastung der einzelnen Lehrer doch der gesamte Unterricht erteilt werden, mit Ausnahme allerdings des Turnens. Da die Turnhalle dem Militär eingeräumt war, musste das Turnen leider schon seit Ostern 1915 ausfallen. Immer mehr stellte es sich als ein großer Übelstand heraus, dass in einer Zeit, da staatliche Behörden und Jugendpflegevereinigungen in der Wehrhaftmachung der Jugend wetteiferten, eine höhere Schule die Pflege der Leibesübungen ganz ausschaltete. Da wurde es dankbar begrüßt, als es dem Direktor, der selbst ein begeisterter Freund und eifriger Förderer der Leibesübungen war, Anfang Februar 1916 gelang, wenigstens eine Turnstunde für jede Klasse und zwei Kürturnstunden für die oberen Klassen einzurichten. Immer stärker wurden mit jedem neuen Kriegsmonat, mit jedem neuen Kriegsjahre auch die Schulen in die allgemeine Not des Volkes hineingezogen, und bereitwillig brachten sie die Opfer, die das Vaterland auch von ihnen forderte. Schüler, die sich waffenfähig fühlten, verließen nach Ablegung der Notreifeprüfung die Schule, um immer und immer wieder als Freiwillige ins Heer einzutreten oder als Jungmannen landwirtschaftliche Arbeit freudig auf sich zu nehmen. Vier Jahre hat das stolze Heer mit ungebrochener Kraft in heldenmütigstem Abwehrkampf gegen eine Welt von Feinden standgehalten, vier Jahre hat die Heimat in Entbehrungen, Leid und Hunger ausgeharrt, da erlahmten im Spätsommer 1918 die Schwingen, da brach die Widerstandskraft unseres tapferen Volkes und Heeres zusammen: ein sterbender Löwe wich das deutsche Heer fechtend Schritt für Schritt vor der gewaltigen Übermacht der Feinde ohne Ruhe und Schlaf zurück; ein Waffenstillstand setzte dem Blutvergießen am 11. November ein Ende. Graue Novemberschleier legten sich trauernd um diesen Abschluss eines vierjährigen heroischen Ringens, eines Ringens, das in der Weltgeschichte nicht seinesgleichen hat. Schwere Blutopfer hatte in diesem gewaltigsten aller Kriege auch unser Wilhelm-Gymnasium gebracht: die Namen von 157 Schülern und vier Lehrern sind auf der goldenen Gedächtnistafel unseres Gefallenendenkmals im Lichthof eingeschnitten.“[9]
Am 22.4.1931 hielt Oberstudiendirektor Prof. Paul Wetzel die Festrede zum Jubiläum des Wilhelm-Gymnasiums: „Die Wurzeln der deutschen Bildung.“ Das „Hamburger Fremdenblatt“ schrieb dazu am 23.4.1931:
„Dr. Wetzels Festrede war eine groß angelegte, wissenschaftlich tief fundierte Abhandlung über die Synthese des antiken und deutschen Humanismus, wie sie heute den Wesenszug des Lehrplanes am Wilhelm-Gymnasium bildet. Es mag in den letzten zehn Jahren Zweifler und Gegner genug gegeben haben, die das humanistische Gymnasium für einen Anachronismus hielten, die aus der Erwägung heraus, dass man mit dem Lateinischen und Griechischen im Leben ‚ja doch nichts anfangen‘ könne, vom unabwendbaren Untergang des Gymnasiums als einer eben nicht mehr zeitgemäßen Schulform überzeugt waren. Aber die Tatsache, dass das Wilhelm-Gymnasium gerade in den letzten zehn Jahren mancherlei Schwierigkeiten überwunden hat, dass die Schule heute in ihrer Arbeit stark und zielbewusst, fördernd und spendend wie je dasteht, mag beweisen, dass die humanistische Schule nicht nur Vergangenheit, sondern auch eine hoffnungsvolle Zukunft hat. In seinen beiden Lehr-Zügen will das Wilhelm-Gymnasium eine bewusst humanistische und eine bewusst deutsche Schule sein und bleiben, Deutschtum und Antike miteinander verbinden. So, wie es unzählige große Geister vergangener Epochen in Deutschland in ihrem eigenen Leben beispielgebend gemacht haben. Die Wesensverwandtheit des Deutschen mit dem Griechen der Antike ist immer noch stark genug, um die Synthese dieses Wesens und dieses Geistes zu tragen und sie zu innerem Reichtum zu gestalten. Der hohe Idealismus der Festrede konnte nicht besser zusammengefasst werden als in dem Schlusssatz Dr. Wetzels: ‚Platonischer Eros, griechische Paideia, Bildung im Sinne Humboldts und Goethes, das sind die Leitsterne der Erziehungs- und Unterrichts-Arbeit am Wilhelm-Gymnasium. Mögen der Schule stets treue Lehrer und Schüler beschieden sein, die ihr durch ein Leben in Wahrheit, Reinheit und Kraft ritterlich dienen!‘“[10]
Uwe Schmidt kommentierte Wetzels Rede folgendermaßen:
„Das eigentliche Defizit dieser Rede und manch anderer Bekundung zur Deutschen Oberschule ist darum die Tatsache, dass ihr vollkommen der Bezug zur politischen Wirklichkeit in der Gestalt der demokratischen Republik von Weimar fehlte. Antike und Deutschtümelei waren damit Möglichkeiten, sich der Inanspruchnahme durch die Demokratie zu entziehen durch ‚Flucht in die Idee‘.“[11]
Solche Reden werden zu dieser Zeit und erst recht danach vermutlich an den meisten höheren Schulen gehalten worden sein.
Paul Wetzel trat am 1.5.1933 in die NSDAP ein, gleichzeitig in den NSLB. Später wurde er auch Mitglied in der NSV (1936), im Reichskolonialbund (1941) und im NS Altherrenbund.[12]
Das hinderte die NS-dominierte Schulverwaltung nicht daran, bei dem Revirement der Schulleitungsfunktionen im Bereich der höheren Schulen Paul Wetzel zum Sommer 1933 mit der Leitung der Aufbauschule (später Richard-Wagner Schule) zu betrauen und ab 1938 als Schulleiter an die Oberschule für Jungen und Mädchen Alstertal zu versetzen.[13]
Paul Wetzel stellte das nach Ende der NS-Herrschaft als eine Disziplinarmaßnahme dar, aus meiner Sicht absurd, weil er weiter Oberstudiendirektor blieb und auch ein enges Verhältnis beispielsweise zu dem für die höheren Schulen wichtigen Oberschulrat Walter Behne hatte.[14]
Gemeinsam mit Walter Behne war Paul Wetzel auch als Herausgeber Deutscher Lesebücher für Oberschulen in Hamburg tätig, die sich sicherlich auch honorarmäßig als einträglich erwiesen. Hier teilte er sich die Herausgeberschaft auch noch mit dem Oberstudiendirektor Bruno Peyn[15] und den Lehrern Wolfgang Jünemann[16] und Alexander Mrugowski. Mit diesen Schulbüchern wurde ideologisch vorgegeben, was Hamburger Gymnasiasten lernen sollten. Neben Klassikern der deutschen Literatur wurde die nationalsozialistische Bewegung um den „Führer Adolf Hitler“ in Szene gesetzt. Etwa durch Gedichte von Baldur von Schirach im Abschnitt: „Aus dem großen Kriege und der Kampfzeit“.[17]
Der Jugendführer der NSDAP dichtete:
Den Soldaten des großen Krieges
Sie haben höher gelitten, als Worte sagen.
Sie haben Hunger, Kälte und Wunden
schweigend getragen.
Dann hat man sie irgendwo gefunden:
verschüttet, zerschossen oder zerschlagen.
Hebt diesen Toten hoch zum Gruß die Hand!
Sie sind so fern vom Vaterland gefallen,
die Türme aber ihrer Treue tragen
uns allen, allen
mitten im Land.
            Baldur von Schirach[18]
Ein anderes Werk dieses Dichters:
Das ist an ihm das Größte …
Das ist an ihm das Größte, daß er nicht
nur unser Führer ist und vieler Held,
sondern er selber, grade, fest und schlicht,
daß in ihm ruh’n die Wurzeln uns’rer Welt
und seine Seele an die Sterne strich
und er doch Mensch blieb, so wie du und ich …[19]
Die Nationalpolitische Sammlung im Verlag Moritz Diesterweg war nicht besser. Sie verfolgte dasselbe Ziel. Herausgeber: Walter Behne, Bruno Peyn und Paul Wetzel. Dort wurden unter anderem Schriften des jungen nationalsozialistischen Hamburger Aktivisten Wolfgang Jünemann verlegt. Ein weiterer verblendeter Propagandist nationalsozialistischer Ideologie.[20]
Paul Wetzel war sicherlich ein Profiteur des Nationalsozialismus, auch wenn er schon während der Weimarer Republik zum Oberstudiendirektor befördert worden war. Er hatte auch schon am 17.11.1931 den Titel Professor verliehen bekommen als Leiter eines Schulseminars.[21]
Als Oberstudiendirektor der Oberschule Alstertal, die als „besonders bedeutende höhere Schule“ anerkannt worden war, wurde er in die Besoldung A 1 b übergeleitet.[22]
Am 9.5.1939 verlieh man ihm das Treuedienst-Ehrenzeichen zum 40-jährigen Dienstjubiläum.[23]
Nach Ende der NS-Herrschaft wurde Paul Wetzel am 27.6.1945 beurlaubt und am 13.10.1945 mit Unterschrift von Bürgermeister Rudolf Petersen in den Ruhestand versetzt.[24]
Paul Wetzel hatte seinen Entnazifizierungsfragebogen am 16.7.1945 ausgefüllt und eingereicht mit der Bemerkung: „Da ich mein gesamtes Hab und Gut, einschließlich meiner Personalpapiere bis auf einen Koffer durch Bombenangriffe 1943 verloren habe, kann ich die Angaben nur aus dem Gedächtnis machen.“[25]
Bemerkenswert sind die „Ergänzenden Bemerkungen zu meiner im dienstlichen Interesse erfolgten Versetzung vom Jahre 1933“, die zeigten, welche Verletzung Paul Wetzel mit sich getragen hatte, aber auch wie absurd zu diesem Zeitpunkt die Konstruktion einer Verfolgung durch die Nationalsozialisten war. Wetzel schrieb handschriftlich mit Bezug auf den ehemaligen Elternratsvorsitzenden Rudolf Petersen, der jetzt, nach 1945, Erster Bürgermeister in Hamburg war:
„Im Jahre 1926 wurde ich von dem Lehrerkollegium des Wilhelm-Gymnasiums einstimmig zum Schulleiter des Wilhelm-Gymnasiums gewählt. Eine schwierige, aber pädagogisch sehr reizvolle Aufgabe war hier zu lösen. Das Wilhelm-Gymnasium war seit einigen Jahren eine Doppelanstalt: neben dem althumanistischen Zug war ein deutsch-humanistischer Zug begründet worden, der noch in der Entwicklung war. Es galt nun, beide Züge innerlich so zu verschmelzen, dass daraus ein einheitlicher Bildungsorganismus entstand, der beseelt sein sollte von einem Geist, der ebenso sehr als deutsch – humanistisch wie als humanistisch – deutsch anzusprechen war. Eine Aufgabe, die mir als ehemaligem Abiturienten der berühmten Landesschule Pforta besonders liegen musste und deren Lösung mir das Kollegium zutraute. Mit Ulrich Peters, der Ostern 1926 zum Direktor der Pädagogischen Akademie in Kiel ernannt worden war, hatte ich mich auf zahlreichen pädagogischen Tagungen in Deutschland, Tagungen des Historiker- und Geschichts-Lehrerverbandes und der Gesellschaft für deutsche Bildung für diese Ideen eingesetzt. Im Jahre 1929 führte ich die erste Oberprima des neuen Zuges, die ich neben meiner Schulleitertätigkeit auch als Klassenlehrer und Fachlehrer des Deutschen und der Geschichte betreut hatte, zur Reifeprüfung. Die Prüfung fand in Gegenwart mehrerer Schulaufsichtsbeamten statt; neue Methoden der Prüfung wurden durchgeführt. Das Ergebnis war auf der ganzen Linie hervorragend und fand die höchste Anerkennung der Schulverwaltung. Im Jahre 1931 beging das Wilhelm-Gymnasium das Jubiläum seines 50-jährigen Bestehens. Im Festaktus auf dem Lichthof konnte ich Rechenschaft ablegen über die geleistete Arbeit und den ungeheuren Aufschwung, den die junge Doppelanstalt in den letzten Jahren genommen hatte. Die Schülerziffer war noch niemals so hoch gewesen wie jetzt: ein einsatzbereites Lehrerkollegium arbeitete mit Begeisterung und Hingabe an der neuen Bildungsaufgabe. In einer umfangreichen Festschrift, die ich herausbrachte, konnten wir die Früchte unserer Arbeit, Wege und Ziele der Schule, der weitesten Öffentlichkeit unterbreiten.
Die Schulverwaltung, die mich stets bereitwillig unterstützt hatte, versagte mir ihre Anerkennung nicht; sie bot mir als Zeichen ihrer Anerkennung einen mehrmonatigen Urlaub für eine Studienreise nach Frankreich, Italien und Griechenland an. Während der ganzen Zeit meiner Schulleitertätigkeit hatte mich auch in tatkräftiger Weise unterstützt der langjährige Vorsitzende des Elternrates, Herr Rudolf Petersen, der heutige erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg; mit ihm habe ich sieben Jahre als Leiter der Anstalt in bester Harmonie zum Wohle der Schule gearbeitet.
Da kam das stürmische Jahr 1933. Am Wilhelm-Gymnasium hatte sich in den letzten Monaten eine kleine sehr aktive radikal politische nationalsozialistische Zelle gebildet, die unter der Führung des in seiner Haltung sehr ungezügelten aber äußerst aktivistischen Dr. Hans Rösch[26] stand. Allmählich setzte ein systematisches Kesseltreiben gegen meine Person ein. Es kamen die kritischen Tage, in denen an maßgebenden politischen Stellen über die neue Reichsflagge entschieden werden sollte. Ich hatte mit meinem Kollegium und dem Schülerrat strengste Disziplin und Zurückhaltung in dieser Angelegenheit vereinbart. Da fand sich ein Kollege, der erst vor nicht zu langer Zeit aus dienstlichen Gründen von der Lichtwarkschule an das Wilhelm-Gymnasium versetzt worden war, Herr Dr. Paul Albrecht, brach die getroffenen Abmachungen, erbrach mit einigen Schülern die Tür zum Dachboden und hisste auf dem Dach die Hakenkreuzflagge. Als mir das gemeldet wurde, ließ ich die Flagge sofort wieder einziehen. In einer sogleich einberufenen Konferenz fragte ich, wer der Schuldige sei; der betreffende Herr hatte jedoch nicht den Mut, sich zu melden. Erst unter dem Druck der Kollegen kam er nach einigen Tagen zu mir und bekannte sich kleinlaut schuldig. Natürlich wurde die Angelegenheit von den Aktivisten sofort dem ‚Hamburger Tageblatt‘ übermittelt, und ich wurde in der Zeitung entsprechend angerempelt. Außerdem erschienen Vertreter der Ortsgruppe in meinem Amtszimmer und machten mir eine heftige Szene.
Die mir befreundeten und treugesinnten Kollegen – es war die große Mehrzahl – rieten mir nun dringend, mich jetzt zum Eintritt in die Partei zu melden, damit ich meinen Gegner auf ihrem Boden entsprechend entgegentreten könnte und so dem Wilhelm-Gymnasium als Leiter erhalten bliebe. Ich meldete mich zum 1. Mai 1933, dem letzten Aufnahmetermin, für den Eintritt in die Partei. Es stellte sich jedoch schon bald heraus, dass dieser Schritt doch nicht den gewünschten Erfolg haben sollte. Herr Dr. Rösch benutzte seine persönlichen Beziehungen zu Herrn Oberschulrat Dr. Behne, dessen Bundesbruder er war, um weiter tatkräftig gegen mich zu arbeiten. Das Ergebnis war, dass ich im Juni 1933 mein Amt als Schulleiter des Wilhelm-Gymnasiums verlor und als Leiter an die Aufbauschule versetzt wurde. Als mir damals Herr Oberschulrat Behne in seinem Amtszimmer auseinandersetzte, dass ich am Wilhelm Gymnasium untragbar sei und meine Versetzung im dienstlichen Interesse notwendig sei, habe ich – die Situation ist mir heute noch so lebendig wie damals, auf den Tisch geschlagen, dass die Tinte spritzte.
Es waren also bei dieser Versetzung aus dienstlichen Gründen lediglich parteipolitische Erwägungen maßgebend gewesen, ohne Rücksicht auf meine der ­Öffentlichkeit bekannten Leistungen in pädagogischer, wissenschaftlicher und schulorganisatorischer Hinsicht. Materielle Schädigungen hatten mich allerdings nicht betroffen; aber ich habe jahrelang seelisch schwer gelitten unter dieser Versetzung: war doch meine Lebensarbeit, im Dienste der neuen Schulform am Wilhelm-Gymnasium zu wirken, zertrümmert. Die von Ulrich Peters und mir herausgegebenen Lehrbücher und Unterrichtsmittel wurden übrigens verboten und von parteiamtlichen Instanzen auf die Liste verbotener Schulbücher gesetzt.
Jahre lang war ich verbittert und hielt mich in pädagogischen und schulpolitischen Fragen vollständig zurück. Erst als die Schulverwaltung mir immer deutlicher zu verstehen gab, dass sie auf meine pädagogischen Erfahrungen und meine Arbeitskraft nicht verzichten wollte, habe ich wieder angefangen, mich stärker für die Belange der höheren Schule einzusetzen, zumal auch mein alter Verlag Moritz Diesterweg in Frankfurt am Main mich dazu ermunterte.
Ich habe dabei übrigens nie unterlassen, für die Stärkung der Autorität von Schule und Elternhaus als den wichtigsten Erziehungsmächten einzutreten, sei es in Direktorenversammlungen, sei es in literarischer Betätigung, was zum Beispiel mein Aufsatz über Schulpforta in der Zeitschrift ‚Das Gymnasium‘ beweist; denn in Schulpforta hatte ich den Segen eines sachlich und konzentriert arbeitenden Schultyps am eigenen Leibe erfahren.“[27]
Paul Wetzel ergänzte noch: „Herr Rudolf Petersen, den ich nach meiner Versetzung an die Aufbauschule besuchte, gab seiner Entrüstung über die Versetzung ebenfalls Ausdruck, wunderte sich allerdings nicht, dass es der Gruppe um Dr. Rösch gelungen war, mich zu beseitigen. Auch er kannte Herrn Dr. Rösch genau, da dieser ebenfalls Mitglied des Elternrates war. Es ist mir in der Seele zuwider, mich mit Minderwertigkeit, wie sie mir in dem Verhalten der Herren Dr. Rösch und Dr. Albrecht entgegengetreten waren, zu befassen; aber meine Freunde haben mir energisch geraten, diese Angelegenheit doch noch einmal darzulegen.“[28]
Aus meiner Sicht ist dies ein aufgebauschter Einzelfall, wobei ich in der Biografie von Hans Rösch aufgezeigt habe, dass es sich bei diesem um einen ziemlich eigenwilligen und aktionistischen Nationalsozialisten handelte, der insbesondere gegenüber dem Nachfolger von Paul Wetzel als Schulleiter, Bernhard Lundius, übel agiert hatte. Das mindert aber in keiner Weise die Verstrickung mit dem Nationalsozialismus von Paul Wetzel, der nachweislich zu Oberschulrat Walter Behne ein enges Arbeitsverhältnis bei der Herausgabe mehrerer Schulbücher pflegte.
Paul Wetzel schrieb am 20.1.1947, nachdem er schon lange pensioniert war, noch einen persönlichen, handschriftlichen Brief an den nicht mehr im Amt befindlichen Bürgermeister Rudolf Petersen, den dieser einen Tag darauf an Senator Landahl weiterleitete. Auch ein Dokument, das nur in der Entnazifizierungsakte von Paul Wetzel zu finden ist. Wetzel bat seinen ehemaligen Elternratsvorsitzenden Petersen um Unterstützung in einer persönlichen Angelegenheit. Bei den Fliegerangriffen im Juli 1943 hatte er seine sechseinhalb Zimmer-Wohnung in der Hartwicusstraße und sein „gesamtes Hab und Gut verloren und teile seitdem das Schicksal der zahlreichen Volksgenossen, die – heimatlos und behelfsmäßig untergebracht – doch überall nur knapp als unerwünschte Eindringlinge geduldet sind“. Nun habe er „auf Anweisung des Wohnungsamtes“ die Anordnung einer Umquartierung bekommen, die er auf das Betreiben des Hausbesitzers zurückführte, mit dem er seit längerer Zeit in einer heftigen Auseinandersetzung sei. Dieser habe Wetzel gegenüber mündlich und auch schriftlich behauptet, dass Wetzel als Schulleiter der Oberschule Alstertal „den Schüler Holm ins KZ gebracht habe“.[29]
Das ganze Schreiben zeigt Paul Wetzel als streitbaren Zeitgenossen, der nicht nur mit dem Hauswirt, sondern auch der bisherigen Inhaberin der Wohnung, bei der Wetzel mit seiner Frau untergebracht war, „in heftigen Spannungen“ lebte, wie er selbst schrieb. Dem handgeschriebenen achtseitigen Brief hatte Paul Wetzel noch neun Seiten mit Dokumenten beigefügt und eine zusammenfassende Darstellung, worum es bei dem „Fall Holm“ gegangen sei. Wetzels Schilderung:
„Auch im Falle Holm haben mich lediglich pädagogische Gesichtspunkte geleitet. Es handelte sich im Falle Holm um schwere moralische Belastungen, die für eine zweigeschlechtliche Doppelanstalt, eine Jungen- und Mädchenschule unter einem Dach, untragbar waren. Eines Tages brachte Holm eine Sammlung sittlich anstößiger Gedichte, mit Schreibmaschine geschrieben und mit entsprechenden Illustrationen dazu in die Schule, die in dem Kreise von Jungen und Mädchen um Holm fabriziert waren. Die Blätter wurden auf dem Korridor mit sichtlicher Freude und Begierde betrachtet. Auf einem Inspektionsgang durch die Korridore kam ich dazu und konfiszierte die Blätter. Es stellte sich dabei heraus, dass sich die Schüler und Schülerinnen nicht nur in Elternhäusern, sondern auch in einer Wirtschaft in Eppendorf zu regelmäßigen Tanzabenden mit Alkohol und Zigaretten zusammengefunden hatten. Diese Zusammenkünfte hatte Holm in die Wege geleitet. Ich habe pflichtgemäß und pädagogisch verantwortungsvoll die beschlagnahmten Gedichte und Zeichnungen, weil die Angelegenheit über meine Kompetenz als Direktor hinausging, da es sich um Verstöße außerhalb der Schule in der Öffentlichkeit handelte, mit einem Bericht über ein Verhör der Beteiligten an meine vorgesetzte Dienststelle, die Schulverwaltung, weitergeleitet; dazu war ich, unabhängig von jedem politischen Charakter einer Schulbehörde, ausschließlich wegen der sittlichen Gefährdung der Jugend, pädagogisch und dienstlich verpflichtet.“[30]
Weiter schrieb Wetzel noch, dass „der Schüler Holm englische Schallplatten mit in die Schule gebracht habe, deren Abspielen von der damaligen Schulverwaltung untersagt war“. Holm habe auch Konflikte mit einem „eifrigen Mitglied der HJ gehabt, der die Schallplatten zerbrochen habe und eine hochpolitische Aktion daraus machen wollte“.[31]
Offenbar agierte Schulleiter Paul Wetzel hier im Kontext einer von Oberschulrat Albert Henze durchgeführten Aktion gegen Mitglieder der Swing-Jugend, die ich in der Biografie Henze ausführlicher beschrieben habe.[32] Henze hatte in den Jahren 1941 und 1942 mehrere Schulleitersitzungen im Bereich der höheren Schulen für eine Kampagne gegen Mitglieder der Swing-Jugend durchgeführt, in deren Folge mehrere Schülerinnen und Schüler gemeldet und verhaftet und zum Teil auch in Haft und sogar ins KZ gebracht wurden.
Aus einem von Paul Wetzel beigelegten Schreiben des Sicherheitsdienstes des Reichsführers SS, SD-Leitabschnitt Hamburg vom 27.11.1942 stand unter „Betrifft“:
„Swing-Jugend/hier: Veranstaltung von Hausbällen durch Schüler (innen) der Oberschule für Jungen und der Oberschule für Mädchen im Alstertal.“
Darin wurde festgehalten: „Wenn auch die Vorgänge nach den von den Schulleitern aufgenommenen Protokollen keine ausgesprochen politischen Hintergründe zu haben scheinen, sondern mehr eine allgemeine Verwahrlosung der Jugendlichen infolge mangelhafter Aufsicht der Eltern erkennen lassen, wurde von hier aus eine weitere Vernehmung durch die Geheime Staatspolizei angeregt, zumal einige der in den Protokollen aufgeführten Jugendlichen hier bereits einschlägig bekannt geworden sind. Für den Jugendlichen Norbert Holm, der nach dem Protokoll als der Spiritus rector der ganzen Veranstaltungsreihe anzusehen ist, wäre nach hiesigem Ermessen aus Gründen der sittlichen Gefährdung weiterer Schülerkreise und der Autorität eine Verweisung von der jetzigen Schule unerlässlich“, zeichnete der „SS-Standartenführer Sonden“.[33] Darunter hatte Oberschulrat Walter Behne vermerkt:
„Aufgrund der Eingabe der Oberschule für Jungen Alstertal, die von der Schulverwaltung, der HJ und dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, SD-Leitabschnitt Hamburg, wurde entschieden, den Schülern Norbert Holm sofort von der Schule zu verweisen und ihm nicht den Reifevermerk zu erteilen.“[34]
Die Schulsekretärin der Oberschule Alstertal, Luise Pankow, die dem Oberstudiendirektor Prof. Wetzel ein Leumundszeugnis geschrieben hatte, vermerkte: „Nur bei Verstößen gegen eine anständige und saubere Schulzucht konnte er sehr in die Fahrt kommen.“[35]
Diese Geschichte holte Paul Wetzel offenbar in seiner Wohnangelegenheit im Erdkampsweg 55 ein, wobei er eine Intrige der Ehefrau eines ehemaligen Kollegen der Schule Alstertal dahinter vermutete. Bürgermeister Rudolf Petersen hatte das Schreiben an Senator Landahl weitergeleitet und dieser beauftragte Oberschulrat Heinrich Schröder damit, die Angelegenheit zu überprüfen. Schröder schrieb am 6.2.1947 an Rudolf Petersen:
„Herr Senator Landahl hat mich gebeten, Ihnen folgendes mitzuteilen: Bei dem Gesuch von Professor Dr. Wetzel, dass Sie ihm übersandt haben, handelt es sich nicht um die Folgen irgendeiner politischen Denunziation, wie Herr Dr. W. vermutet, sondern um die Ausführung einer Verordnung zur besseren Ausnutzung des Wohnraumes. Dr. Wetzel ist Untermieter in einer Wohnung, deren Hauptmieter jetzt ausgezogen ist, so dass die Wohnung freigeworden ist. Da Herr Wetzel Parteigenosse von 1933 war, kann er nach den Bestimmungen nicht Hauptmieter werden. Seine Bitte um erweiterten Wohnraum zum Zwecke seiner wissenschaftlichen Arbeit kann bei der heutigen Wohnungsnot nicht entsprochen werden. Infolgedessen ist seine Umquartierung in Aussicht genommen. Die endgültige Entscheidung steht allerdings noch aus.“[36]
Aus meiner Sicht ist Paul Wetzel, der am 13.10.1945 mit der vollen Pension eines Oberstudiendirektors in den Ruhestand geschickt wurde, erstaunlich glimpflich entnazifiziert worden. Weniger günstig sah es mit seiner Gesundheit aus. Nach längerer Krankheit starb er am 29.1.1950. Und zum Schicksal der Familie gehörte auch, dass der Sohn erst im Jahre 1949 aus jahrelanger polnischer Kriegsgefangenschaft krank und arbeitsunfähig nach Hamburg zurückkehrte.[37]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte Wetzel, StA HH, 361-3_A2587
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Dienstbefreiung 1926,1927 und 1929, Personalakte a. a. O.
5 Gösta von Uexküll: Der deutsche Zug des Wilhelm-Gymnasiums, in: Wilhelm-Gymnasium Hamburg 1881–1981. Eine Dokumentation über 100 Jahre Wilhelm Gymnasium, Hamburg 1981, S. 118.
6 Festschrift: Das Wilhelm-Gymnasium Hamburg 1881–1956, S. 14 f.
7 Ebd., S. 15.
8 Paul Wetzel: Geschichte des Wilhelm-Gymnasiums. 1881–1931. Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Wilhelm-Gymnasiums zu Hamburg, S. 26.
9 Ebd., S. 26 f.
10 „Hamburger Fremdenblatt“ vom 23.4.1931. Abgedruckt auch in der Festschrift 100 Jahre Wilhelm Gymnasium, a. a. O.
11 Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium. Hamburgs Gymnasien und die Berufsvertretung ihrer Lehrerinnen und Lehrer von 1870 bis heute. Hamburg 1999, S. 241.
12 Entnazifizierungsakte Wetzel, StA HH, 221-11_Ed 1063
13 Personalakte a. a. O.
14 Siehe die Biografie Walter Behne, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 457 ff.
15 Siehe die Biografie Bruno Peyn, in: de Lorent 2016, S. 480 ff.
16 Siehe die Biografie Wolfgang Jünemann, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 2, Hamburg 2017, S. 600 ff.
17 Deutsches Lesebuch für Oberschulen und Gymnasien, 1. Band, 4. Auflage Hamburg 1944.
18 Deutsches Lesebuch für Oberschulen und Gymnasien, a. a. O., S.257
19 Deutsches Lesebuch für Oberschulen und Gymnasien, a. a. O., S.292
20 Siehe z. B.: Wolfgang Jünemann: Um der Freiheit Willen, Frankfurt/M. 1938.
21 Personalakte a. a. O.
22 Personalakte a. a. O.
23 Personalakte a. a. O.
24 Personalakte a. a. O.
25 Entnazifizierungsfragebogen, Entnazifizierungsakte a. a. O.
26 Siehe die Biografie Hans Rösch, in: de Lorent 2016, S. 768 ff.
27 Anlage zum Entnazifizierungsfragebogen, Entnazifizierungsakte a. a. O.
28 Ebd.
29 Schreiben von Paul Wetzel an Bürgermeister Rudolf Petersen vom 20.1.1947, Personalakte a. a. O.
30 Ebd.
31 Ebd.
32 Siehe die Biografie Albert Henze, in de Lorent 2016, S. 162.
33 Schreiben vom SD-Leitabschnitt Hamburg vom 27.11.1942, Anlage des Schreibens von Paul Wetzel an Rudolf Petersen, Personalakte a. a. O. Auf diesem Schreiben war auch vermerkt, dass es dazu eine Rücksprache zwischen Oberschulrat Walter Behne und dem Sachbearbeiter des Sicherheitsdienstes, Dr. Hellmuth Messerschmidt, gegeben hatte. SS-Mann Messerschmidt war während des Krieges zum Sicherheitsdienst gekommen und hatte seine Arbeit dort im Entnazifizierungsverfahren bagatellisiert als Schreibtätigkeit zu unpolitischen Themen. Hier ist ein Beleg, dass es dabei auch um ganz andere, brisante und folgenreiche Fragen ging. Siehe die Biografie Messerschmidt, in de Lorent 2016, S. 759 ff.
34 Vermerk von Walter Behne, Personalakte a. a. O.
35 Anlage zum Schreiben von Paul Wetzel an Rudolf Petersen, Personalakte a. a. O.
36 Schreiben vom 6.2.1947, Personalakte a. a. O.
37 Personalakte a. a. O.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2019: 789 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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Danke für Ihr Interesse!

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