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Adolf de Bruycker

(geb. ? - 29.12.1974)
Lehrer
Adresse: Richardstraße 18 (1942)
Wirkungsstätte: Christianeum Hoheschulstraße / ab 1936 Roonstraße 200 (unbenannt seit 1950 Behringstraße )

Heimlich Dossiers über Kollegen geschrieben: „Ich habe oft, vielleicht aus starker Erregung und Unbeherrschtheit, streitbare Art gezeigt."

Auch Adolf de Bruycker gehörte zum Denunzianten- und Spitzelsystem im Altonaer Schulwesen während der NS- Zeit. Über Jahre lieferte de Bruycker Mitschriften von Konferenzen am Christianeum und Dossiers über einzelne Kollegen an Oberschulrat Hermann Saß. Als es im Zusammenhang mit Aktivitäten von Schülern des Christianeums, die der Swing- Jugend angehörten, 1941 zu Untersuchungen am Christianeum kam, wurden seine Methoden publik, de Bruycker wurde „enttarnt“, Schulleiter Hermann Lau wurde ausgewechselt und einige Kollegen entlassen.  

Nach 1945 kam es im Entnazifizierungsverfahren zu einer schriftlichen Auseinandersetzung zwischen Adolf de Bruycker, der seine Schuld verwischen wollte und seinem ehemaligen Kontrahenten am Christianeum, Heinrich Schröder, der nunmehr Oberschulrat für die höheren Schulen war mit maßgeblicher Verantwortung in Entnazifizierungsfragen. Die argumentativen und charakterlichen Gegensätze wurden dabei anschaulich deutlich.

Adolf de Bruycker, am 14.2.1886 in Hamburg geboren, war ein schwieriger Charakter. Als Kunsterzieher an höheren Schulen war er immer um Anerkennung bemüht, stets mit dem Gefühl, dass die eigene Arbeit im Vergleich zu der anderer Lehrerkollegen deutlich geringer honoriert wurde. Das allein wäre nachvollziehbar. De Bruycker schreibt am 17.12.1945 rückblickend: „Ich habe oft, vielleicht aus starker Erregung und Unbeherrschtheit, streitbare Art gezeigt."[1]

Unter den Schülern hat Adolf de Bruycker sicherlich diejenigen ansprechen können, die seine Leidenschaft für Flugmodelle teilten. In den auch in den Biografien von Hermann Lau und Paul Dittmer erwähnten Erinnerungen einer Abiturklasse des Christianeums, kommt de Bruycker nicht gut weg: „Ein guter oder auch nur passabler Zeichner bin ich immer noch nicht, und mein mehrdimensionales Vorstellungsvermögen ist katastrophal, aber ich kenne und liebe die bildende Kunst. Das ist ganz gewiß nicht unserem ersten Kunstlehrer, de Bruycker, zu verdanken, den wir auch längere Zeit in Erdkunde hatten. Ganz oben im Gebäude war (wohl nach Norden) ein großer und heller Zeichensaal. Ich erinnere mich besonders an viele sehr schön gefertigte Flugmodelle, die wir aber nie fliegen sahen. Sie standen nur so da. Es war sehr wichtig, dass wir genau die richtigen Bleistifte, Farben und Papier hatten. Was wir zeichneten, weiß ich nicht mehr, ich weiß aber, dass de Bruycker ein Sadist (und dazu ein großer Nazi) war. Er fasste die Haut unter dem Kinn, drückte fest zu und begann dann seine Hand zu drehen. Das tat teuflisch weh." [2]

Von Adolf de Bruycker ist keine Personalakte erhalten. Dafür eine sehr umfangreiche Entnazifizierungsakte. De Bruycker wurde beschuldigt, der größte Denunziant im Kollegium des Christianeums gewesen zu sein, der Dossiers über nicht nazistische Lehrerkollegen angelegt und auch den Schulleiter Hermann Lau ans Messer geliefert habe. Bevor das genauer untersucht wird, kurz ein paar biografische und politische Daten über de Bruycker.

Die bloße Faktenlage weist de Bruycker als begrenzt aktiven Nationalsozialisten aus. In die NSDAP trat er erst am 1.5.1937 ein, zuvor war er schon Mitglied im NSLB und der NSV, jeweils seit 1934, im VDA seit 1927 und dem Reichskolonialbund. Dem Stahlhelm trat er 1932 bei. Er behauptete später, den Stahlhelm wieder verlassen zu haben, als dieser in die SA überführt wurde. [3]

Beruflich arbeitete er als Zeichenlehrer in Schleswig-Holstein, von 1927 bis 1932 als Oberzeichenlehrer, 1932 an der staatlichen Bildungsanstalt in Plön, die 1933 in eine Nationalpolitische Anstalt (Napola) umgewandelt wurde. Dort wurde er zum Studienrat befördert. Ab 1934 war de Bruycker am Christianeum tätig.

Am Christianeum pflegte de Bruycker Konflikte und Auseinandersetzung mit diversen Lehrerkollegen. Am intensivsten offenbar mit Karl Wendling, der eine starke Stellung an der Schule innehatte, eine zu starke, wie de Bruycker fand, insbesondere in seinem Einfluss auf den Schulleiter Hermann Lau.

Ihren Höhepunkt erlebte die Auseinandersetzung bei zwei großen Konferenzen am Christianeum 1941 und 1942. Zuvor war in der Schulbehörde ein schärferer Ton angeschlagen worden, nachdem der Leiter der Gauführerschule, Albert Henze, Oberschulrat für die höheren Schulen und später für einige Zeit Leiter der Schulverwaltung geworden war. Gegen eine sich ausbreitende Swing-Jugendbewegung, der viele Schüler des Johanneums und des Christianeums angehörten, wurden drakonische Maßnahmen von Schulverwaltung und Gestapo ergriffen.

 Am 13. und 16.1.1942 suchte OSR Albert Henze das Christianeum auf und trug dort eine Anklageschrift vor, die aufgrund einer Untersuchung der Schulverwaltung über die politische Haltung des Schulleiters Hermann Lau und der Studienräte Dr. Walther Gabe, Heinrich Schröder und Karl Wendling erstellt worden war und auf Denunziationen mehrerer Lehrer des Christianeums beruhte. Diese Anklageschrift war eine der Konsequenzen der Schulleiterkonferenz vom 13.12.1941 unter dem Vorsitz von Reichsstatthalter Karl Kaufmann. Die zu einer Gesamtkonferenz zusammengerufenen Lehrer des Christianeums forderte Henze auf, weiteres Belastungsmaterial gegen den wegen politischer Unzuverlässigkeit zu überprüfenden Schulleiter Hermann Lau und die genannten Kollegen vorzubringen. Das Kollegium weigerte sich in der Konferenz, diesem Ansinnen nachzukommen. [4]

Die Anschuldigungen waren offenbar von Adolf de Bruycker gesammelt, aufgeschrieben und weitergegeben worden, was auf der Konferenz dem Kollegium insofern bestätigt wurde, als de Bruycker dazu intensiv Stellung nahm und die Vorwürfe im Einzelnen bestätigte. Heinrich Schröder hatte über die Konferenz und die Untersuchungen gegen Lau und die genannten Kollegen wegen ihrer politischen Haltung geschrieben, die „zurückging auf Anzeigen, die wie Herr Oberschulrat Henze im Verlauf der Verhandlung mitteilte, von dem Studienrat de Bruycker und den früheren Mitgliedern des Kollegiums, den Studienräten Köhler (SS), Wehrt (Amtswalter der NSDAP), Oberstudienrat Dr. Trog (SS) (alle anscheinend Mitglieder des SD) erstattet worden waren. Diese Anzeigen waren bei der Gestapo gemacht worden, dann in einer auf Antrag der Gestapo einberufenen Sitzung der Hamburger Schulleiter, die am 13.12.1941 unter dem persönlichen Vorsitz des Reichsstatthalters stattfand, war es der Vertreter der Gestapo gewesen, der diese Anklage vertrat und dem Christianeum den Vorwurf der staatsfeindlichen Haltung machte." [5]

Im Zuge dieser Konferenzen wurde Hermann Lau aus der Leitung des Christianeums abberufen. Die ihm angebotene Leitung der Oberschule für Jungen in Blankenese akzeptierte er nicht und ließ sich pensionieren. Karl Wendling, 65 Jahre alt wurde ebenfalls pensioniert. Dr. Walther Gabe wurde aufgrund jüdischer Vorfahren gleichfalls in den Ruhestand versetzt. [6] Gegen Heinrich Schröder ließen sich die Vorwürfe nicht erhärten, weil aus der Lehrer- und Schülerschaft trotz Aufforderungen nichts weiter Belastendes vorgetragen wurde. In de Bruyckers Entnazifizierungsakte befindet sich die Abschrift eines mutigen Schreibens von Heinrich Schröder, der am 1.9.1942 folgende Erklärung an die Schulverwaltung abgab:

„Ich erfahre heute, dass Herr Studienrat de Bruycker mit dem Beginn des neuen Schuljahres seine Tätigkeit am Christianeum wieder aufnehmen will. Dazu habe ich folgendes zu erklären: Nachdem Herr de Bruycker seine Beurlaubung und seine Abwesenheit von der Schule dazu genutzt hat, sich ohne den Dienstweg innezuhalten, direkt an die Schulverwaltung zu wenden und mich der früheren Zugehörigkeit zur SPD zu bezichtigen, sowie mich als schlechten Lehrer, der keine Disziplin halten könne, und als schlechten Deutschen, der pro-englischen Geschichtsunterricht gebe, zu denunzieren, ohne auch nur den Schatten eines Beweises dafür vorzubringen, nachdem diese und andere von ihm gemachten Angaben sich bei den eingehenden Vernehmungen, die Herr Oberschulrat Henze in der Schule bei Lehrern und Schülern vorgenommen hat, entweder als längst bekannte und sogar aktenkundige Tatsachen (wie meine frühere Parteizugehörigkeit) oder als völlig unwahre Behauptungen und infame Verleumdungen erwiesen haben, nachdem Herr de Bruycker es daraufhin nicht für nötig gehalten hat, diese Behauptungen zurückzunehmen oder sich gar zu entschuldigen, nachdem er auch aus der einmütigen Haltung des Kollegiums in der unter dem Vorsitz des Oberschulrats Henze abgehaltenen Konferenz keine Konsequenzen gezogen hat, sondern jetzt nach seinem Urlaub wieder ans Christianeum zurückkehren will, bin ich es meiner Ehre und dem einfachsten Gefühls für Sauberkeit und Anstand sowie dem Geist und der Tradition des Christianeums, an dem solches Verhalten von Kollegen untereinander bisher unmöglich war, schuldig, jeden kollegialen Verkehr mit Herrn de Bruycker abzulehnen. Eine erfolgreiche dienstliche Zusammenarbeit mit ihm, die schon bei einem korrekten Verhältnis wie für die meisten Mitglieder des Kollegiums so auch für mich nicht ohne große Schwierigkeiten möglich war, dürfte unter solchen Umständen vollends unmöglich sein." [7]

Mittlerweile war aber Paul Dittmer als Schulleiter am Christianeum eingesetzt worden. Und wie Dittmer darauf reagierte, schrieb Heinrich Schröder in einer Eingabe am 17.5.1945, als er sich für die Rehabilitierung von Hermann Lau, Karl Wendling und Walther Gabe einsetzte: „Mit Herrn de Bruycker, der, wie sich bei den Verhandlungen herausstellte, jahrelang Äußerungen einzelner Kollegen aufgeschrieben hatte, um sie dann in einem bestimmten Augenblick der Behörde zu übergeben, haben dann die nicht der Partei angehörigen Mitglieder des Kollegiums im Interesse ihrer persönlichen Sauberkeit jeden weiteren Verkehr abgelehnt und haben dies dem Nachfolger von Herrn Direktor Lau, Herrn Direktor Dittmer, zum Ausdruck gebracht. Dieser erklärte in einer Konferenz ein solches Verhalten für unzulässig und nahm Herrn de Bruycker in Schutz, indem er behauptete, Herr de Bruycker habe im Auftrag des SD gehandelt und habe nur seine Pflicht getan." [8]

Das war ein Befreiungsschlag für Adolf de Bruycker, den er 1942 vermutlich genoss, so von den verantwortlichen Nationalsozialisten gestützt und gebraucht zu werden. Nach dem 8.5.1945 sah das natürlich anders aus. Da wurde die Geschichte uminterpretiert und Adolf de Bruycker führte nun einen verzweifelten Kampf gegen die Entlassung und für seine Rehabilitierung. Und dies war sehr erhellend, sowohl was die Person de Bruycker betrifft, aber auch, um die Arbeit der Entnazifizierungsausschüsse zu beleuchten. Auch die Persönlichkeit des neuen Oberschulrats Heinrich Schröder wurde in einem differenzierteren Licht wahrnehmbar. Sicherlich ein Drama für de Bruycker, dass sein ehemaliger Kollege und Antagonist am Christianeum, Heinrich Schröder, dem er so übel mitzuspielen versucht hatte, nunmehr eine entscheidende Rolle in den Entnazifizierungsverfahren im Gymnasialbereich spielte.

Im Fokus stand Frage, wer und was ist ein Denunziant? Interessant war dabei auch, wie de Bruycker sich im Laufe der Auseinandersetzung äußerte, die sich über mehr als fünf Jahre hinzog.

Am 27.11.1945 antwortete Adolf de Bruycker, der ab 1945 seinen Vornamen nur noch mit A. abgekürzte, um schon damit keine Nähe zum Nationalsozialismus aufkommen zu lassen, auf die Entlassungsverfügung vom 17.11.1945. Adolf de Bruycker erklärte an „Eidesstatt, daß ich nie ein Schriftstück an die Geh. Staatspolizei angefertigt oder unterschrieben habe, auch nicht an sonst jemand richtete. Die dies betreffende, infame Zeugenaussage von Dittmer ist unwahr und ist ein Mittel, die Schuld von sich abzuwälzen und gut Wetter zu erhalten. Ich behalte mir Schritte gegen ihn vor." [9]

Hier bröckelt edie Wand, die so solide gegen die Nichtnationalsozialisten gestanden hatte. Jetzt hieß es: „Rette sich wer kann.“  De Bruycker protestierte gegen den Vorwurf, „denunziert" zu haben. Er sagte, dass Gespräche mit Schulrat Karl Schlotfeldt „missbraucht wurden aus klar erkennbaren und auch zugegebenen selbstsüchtigen und politisch ehrgeizigen Zielen“. Schlotfeldt habe also „abgeschöpft", was der Zeichenlehrer de Bruycker über die Kollegen des Christianeums zu berichten hatte. Die Unterhaltungen mit Schlotfeldt hätten „von mir aus keinen informatorischen Charakter gehabt“. Auch seinen Anteil an der Konferenz mit OSR Albert Henze versuchte de Bruycker zu herunterzuspielen. Er habe sich lediglich gegen das „anmaßende Verhalten von Herrn Wendling" zur Wehr gesetzt, “den Schulleiter Lau immer gewähren ließ“. Durch die auf der Konferenz von de Bruycker bekräftigten Vorwürfe, die sich mit den von Henze vorgetragenen Hinweisen deckten, sei „fälschlicherweise" der Eindruck erweckt worden, „daß ich der Anzeiger war." Und: „Eine Klärung meines Verhältnisses zum Kollegium ist durch meine sofortige Abreise für 3/4 Jahr nach Brüssel, durch das Verhalten einiger Kollegen bei meiner Rückkehr, besonders aber durch das brutale Eingreifen Dittmers unmöglich gemacht worden. Er musste Interesse daran haben, dass nichts aufgeklärt wurde. Seine Pläne gingen ja noch weiter." [10]

Erstmals spricht de Bruycker in seinem Schreiben von „meiner erwiesenen Ablehnung des Nationalsozialismus“. In der Anlage zum Entnazifizierungsfragebogen wies er darauf hin, dass nach Umwandlung der staatlichen Bildungsanstalt Plön 1933 in eine National Politische Anstalt (Napola), er diese ein Jahr später verlassen musste („wurde ich abgebaut"). Seine Beispiele (u. a.: „Ich habe eine abfällige Bemerkung über Hitler gemacht.") deuten eher darauf hin, dass ein impulsiver und streitbarer Mensch in Konflikte mit so manchen Personen geriet, was von ihm 1945 als antinazistische Haltung interpretiert wurde. [11]

Wenn de Bruyckers „Ego" angesprochen wurde, konnte man ihn gewinnen. So etwa der NSLB-Hauptstellenleiter Prof. Wilhelm Arp, der ihm, de Bruycker, nach dessen Aussage zum Gaureferenten für Kunsterziehung machen wollte, was de Bruycker abgelehnt, auf Bitten Arps aber zahlreiche Vorträge über Kunsterziehung gehalten habe, sogar in Bayreuth auf einer Tagung der Gaureferenten des NSLB. [12]

Es existiert ein Schriftwechsel zwischen de Bruycker und Heinrich Schröder, der sehr aufschlussreich ist, was die jeweilige Persönlichkeit der beiden Antagonisten betrifft. [13]

Für de Bruycker war es eine heikle Angelegenheit, Schröder zu schreiben. Aber es geschah am 17.12.1945 aus der Verzweiflung, entlassen zu werden und ohne Einkommen zu sein und vor einer ungewisse Zukunft zu stehen. Aber: „Mir ist bewusst, daß sie der maßgebliche Mann sind", schrieb er an den ehemaligen Kollegen, den er mit „Sehr geehrter Herr Oberschulrat" betitelt.

Adolf de Bruyker beschrieb die aus seiner Sicht bedenkliche „Bevormundung durch den Kollegen Wendling“ und die Schwächen von Schulleiter Hermann Lau, der „selbst dann nicht eingriff, wenn bedenkliche Verfehlungen eines Kollegen vorkamen, die unbedingt ein Verfahren erforderten." Dabei dachte de Bruycker offenbar auch an sich selbst, wenn er feststellte: „Mir wäre damals heilsam gewesen, wenn Dr. Lau mir meine Empfindlichkeit einmal gründlich zu Gemüte geführt hätte". De Bruycker beschrieb aus seiner Sicht, wie der Ablauf am Christianeum gewesen war. Die Informationen für die Anklage kamen von de Bruycker, und laut de Bruycker, von „Dr. Trog und den Vertrauensleuten des NSLB." Und es dürfte de Bruycker Seele gestreichelt haben, von den Mächtigen in Altona gefragt und hofiert zu werden: „Politischer Ehrgeiz und selbstsüchtige Postenjägerei (Schlotfeldt, Dittmer) haben es verstanden, mich für ihre Zwecke zu nutzen, ohne, dass ich damals etwas davon merkte und die einzelnen Beziehungen kannte. Gelegentliche Gespräche lockten mir Bestätigungen über sein Wissen um die Dinge und einige Angaben über meinen persönlichen Kampf ab. Beim Zusammentragen des Stoffes aus verschiedenen Quellen hat Schlotfeldt sich viel Zeit genommen, über ein Jahr. Schlotfeldt war es damals darum zu tun, sich beim Kreisleiter gegen den Swingunfug der Oberschüler als besonders aktiv zu zeigen. Fürs Christianeum aber hatte Dittmer ein besonderes Interesse an einer Verdrängung von Dr. Lau. Die beiden Freunde arbeiteten ganz zielbewusst zusammen, was mir aber erst jetzt klar geworden ist, nachdem man mir die Augen geöffnet hat." [14]

Die Aussagen de Bruycker wirken widersprüchlich und zum Teil verworren. Beziehungen zur Gestapo sieht er bei Dittmer und Schlotfeldt und bei Oberschulrat Albert Henze. Dass er selbst zur Anklageschrift der Gestapo wesentlich beigetragen hatte, wird sichtbar, wenn er schrieb: „Beim Verhör kam mir in keiner Weise zum Bewusstsein, daß politische Hintergründe und persönliche Machenschaften eine so verhängnisvolle Rolle spielten, und so ging ich ins Garn. Ich hoffte vielmehr, daß nunmehr der Kollege Wendling seine anmaßende Stellung revidieren würde. Ich sah den Oberschulrat als Vertreter der Behörde an, dem ich Auskunft schuldig wäre." [15]

Interessant ist auch eine kurze Einlassung de Bruyckers über die ersten Kontakte zwischen ihm und Heinrich Schröder: „Darf ich nun noch auf unser Verhältnis eingehen, Herr Oberschulrat? – Als ich noch in Plön war, kamen sie bei mir vor, als sie ihren Sohn für die Nationalpolitische Erziehungsanstalt anmeldeten. In freundlicher Weise fragten sie nach meinen Wünschen für den Stundenplan in Altona. Ich war davon freudig überrascht. Die erste Spannung trat ein, als ich mich in Ihrer Klasse dem SS-Mann Besser gegenüber und einem anderen, der ihn aufhetzte, nur noch mit Gewalt glaubte durchsetzen zu können. Damals forderten Sie die ganze Klasse auf, sich schriftlich zu äußern und übergaben das Resultat, ohne vorher mit mir Rücksprache zu nehmen, dem Direktor." Hier wird wirklich nicht deutlich, was de Bruycker bezweckt. Wollte er Schröder kompromittieren? In einem Schreiben, das an Schröder selbst gerichtet war? Wollte er sagen: „Bei Ihnen war auch nicht immer alles ganz eindeutig, sauber und antinazistisch?“ Er bat darum, „das von mir erinnerte persönliche Geplänkel zu vergessen" und fasste zusammen: „Ich habe nicht denunziert, bin vielmehr ein Opfer meiner Unbeherrschtheit geworden, vor allen Dingen ein schafiges Opfer eines politischen Ehrgeizlings und eines krassen Egoisten. Dabei dürfte feststehen, daß ich für mich nie etwas erstrebt habe. Wenn ich Strafe erleiden muss, dann will ich sie mit dem Vorsatz tragen, Schwächen abzustellen. Meine vollständige Vernichtung aber ist eine Ungerechtigkeit." Am Ende bat de Bruycker um Verständnis, „mir als Mensch und Christ zu helfen, der bemüht ist an seiner Vervollkommnung zu arbeiten und tatsächliche Schuld der Vergangenheit gutzumachen sucht“. Er bittet „offen um Gnade und christliches Mitgefühl für meine Familie und für mich." [16]

Heinrich Schröder, tatsächlich ein entscheidender Mann bei Personalplanungen und Entnazifizierungsverfahren im Bereich der höheren Schulen, antwortete ausführlich am 9.1. 1946. Und Schröder machte gleich zu Beginn deutlich, dass es für de Bruycker keine Absolution geben könne: „Ihren Brief vom 17. Dezember 1945 habe ich erhalten. Ich entnehme daraus, daß das schwere Schicksal der Entlassung, daß Sie wie so viele andere Kollegen getroffen hat, Sie bewogen hat, ernstlich darüber nachzudenken, wie weit Ihr eigenes Verhalten die Schuld an diesem Schicksal trifft. Sie geben jetzt selbst zu, daß Sie sich von führenden Nationalsozialisten für deren verwerfliche, persönliche Zwecke haben  mißbrauchen lassen. Sie behaupten, Sie hätten nicht gewusst, zu welchen Zwecken Sie gebraucht wurden. Als aber Herr Direktor Lau diesen Intrigen zum Opfer gefallen war und Herr Dittmer sein Ziel, die Leitung des Christianeums, erreicht hatte, da hätte Ihnen klar werden müssen, wozu das verwerfliche Treiben, an dem auch Sie beteiligt wurden, hätte dienen sollen. Was haben Sie damals getan, um zum Ausdruck zu bringen, daß Sie nur eine geschobene Schachfigur, um ihre Worte zu gebrauchen und kein aktiver Teilnehmer des Komplotts gewesen seien. Haben Sie etwa Herrn Direktor Lau oder irgend einem Mitglied des Kollegiums, das mit allen seinen Mitgliedern nach dem Verlauf der Verhandlungen und nach den Bemerkungen des Herrn Henze unter dem Eindruck stehen musste, daß die Anklage auf Sie zurückzuführen sei, eine Erklärung abgegeben, die diesen Eindruck zerstörte? Hier hätten Sie Gelegenheit gehabt Ihr ‚offenes‘ Wesen, von dem Sie in Ihrem Brief schreiben, zu zeigen. Stattdessen ließen Sie sich ruhig gefallen, daß Herr Dittmer, den Sie jetzt so sehr angreifen, Sie in Schutz nahm und erklärte, Sie hätten nur Ihre Pflicht getan. Sie schreiben, Herr Dittmer habe dadurch jede Möglichkeit der Verständigung unterbunden. Inwiefern das der Fall gewesen sein soll, ist nicht klar. Jeden Tag hätte Ihnen freigestanden, uns, d.h. den in der Anklage beschuldigten Kollegen persönlich oder durch einen Mittelsmann schriftlich oder mündlich eine Erklärung abzugeben, daß dies Verfahren nicht auf Ihre Veranlassung und ohne Ihr Wissen und gegen Ihren Willen eingeleitet worden sei, daß Sie dabei nur benutzt worden seien und daß Sie dies Verfahren und das Ergebnis nicht gewollt hätten und es bedauerten. Wir wären die letzten gewesen, die diese Erklärung zurückgewiesen hätten und wir wären sicherlich bereit gewesen, dieses Verhalten Ihrer Unbeherrschtheit, von der Sie selbst in ihrem Brief sprechen, zugute zu halten. Aber keine solche Erklärung ist von Ihrer Seite geschehen. Jetzt, drei Jahre später, wo alle Verbrechen der Nazizeit ihre Sühne finden sollen, da geben Sie diese Erklärung ab. Sie können nicht erwarten, daß dieselbe jetzt noch bei den Beteiligten Glauben findet, obwohl ich persönlich geneigt bin, einige Punkte Ihrer Darstellung, vor allem das Verhalten des Herrn Dittmer für glaubwürdig zu halten; wenn Sie sich in anderen Punkten sicherlich irren. Aber über die Tatsache, daß Sie drei Jahre nichts taten, um sich von dem Verdacht Ihrer Mitschuld zu befreien, kann die Schulverwaltung nicht hinwegsehen." [17]

Schröder ging auch kurz auf die persönlichen Kontakte zwischen ihm und de Bruycker ein und schrieb: „Die Reibungen, die Sie mit mir persönlich gehabt haben, haben bei dieser Entscheidung keine Rolle gespielt."

Bedeutsam sind Schröders Aussagen über die Probleme bei den Entnazifizierungsverfahren, die er selbst in Hamburg sah: „Nun wenden Sie sich an mich als an den, wie Sie meinen - maßgeblichen Mann - und appellieren gleichzeitig an mein menschliches und christliches Gewissen. Ich darf Ihnen sagen, daß ich es damit sehr ernst nehme und daß mir in meinem jetzigen Amt manche seelische Belastung dadurch entsteht, daß ich Entscheidungen der Militärregierung, die allein die Entlassungen verfügt, ausführen muss. Und wenn Sie in diesem Zusammenhang Gerechtigkeit verlangen, so gebe ich ohne weiteres zu, daß bei den Entlassungen leider gewisse Ungerechtigkeiten vorkommen; so sind auf Anordnung der Militärregierung Kollegen entlassen worden, die innerlich nie etwas mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt haben, die auch nie im Verdacht gestanden haben, an nationalsozialistischen Aktivitäten beteiligt gewesen zu sein, ja solche, die entschiedene Gegner des Nationalsozialismus gewesen sind. Hier liegen die größten Ungerechtigkeiten vor, und solange diese Fälle, die von allen als ungerecht empfunden werden, nicht wieder gut gemacht sind, können Sie nicht erwarten, daß Ihre Entlassung, die von den damaligen Kollegen des Christianeums durchaus als gerecht angesehen wird, als ein Fall besonderer Ungerechtigkeit revidiert wird."

Heinrich Schröder erklärte, auch die Schulverwaltung halte die Anordnung der Britischen Militärregierung für problematisch, dass mit den Entlassungen von belasteten Beamten auch deren Versorgungsansprüche verfielen.

Am Ende gab Schröder de Bruycker einen Rat, den dieser sicherlich zu diesem Zeitpunkt nicht annehmen konnte: „Nehmen Sie das Schicksal auf sich, dass über Sie gekommen ist, wie es Hunderte, ja Tausende auch tun müssen und machen Sie das Beste daraus, was Sie können. Sehen Sie auf die Tausenden von Flüchtlingen, auf die Hunderte von Kollegen aus dem Osten, die nicht nur ihr Amt, sondern auch ihre Wohnung, ihr Hab und Gut, ihre ganze Existenz, oft auch ihre Familie verloren haben. Sie haben noch Ihr Heim und Ihre Familie, Sie sind ein Künstler in Ihrem Fach - Sie wissen, ich habe Ihre handwerklichen Fähigkeiten immer bewundert -. Suchen Sie diese in irgend einer neuen Form zu verwerten. An Gelegenheit dazu dürfte es in einer Stadt wie Hamburg nicht fehlen. Diese Fähigkeiten haben Sie vor manchen anderen entlassenen Kollegen voraus, die nur Geistesarbeiter sind und die völlig ratlos der Zukunft gegenüberstehen. Dann, davon bin ich überzeugt, werden Sie bei Ihrem Willen und Ihrer Energie auch wieder zu einer fruchtbaren Tätigkeit kommen, und diese Tätigkeit wird Ihnen dann helfen, den gegenwärtigen Zustand der Verbitterung zu überwinden, indem Sie jetzt immer nur auf Ihr eigenes Schicksal sehen. "

De Bruycker antwortete am 19.2.1946 und entnahm Schröders Antwort, „daß Sie zu keinerlei Milde oder Rücksicht bereit sind“. Er zeigte sich verbittert und versand letztlich nicht, was Schröder ihm gesagt hatte: „Für mich ist nun klar erwiesen, daß das pflichterfüllte, fast 40 jährige, selbstlose Streben eines im Reich wohl anerkannten Kunsterziehers Ihnen und der Behörde absolut nichts bedeutet. Es erübrigt sich, da noch von christlichen und menschlichen Gewissen zu sprechen. Das wird späteren Zeiten der Besinnung vorbehalten bleiben müssen." [18]

Die Entnazifizierungsausschüsse behandelten den Fall von Adolf de Bruycker sehr intensiv und arbeiteten insbesondere auf, was im Kollegium des Christianeums abgelaufen war. Der Beratende Ausschuss stellt eam 17.10.1946 fest, „dass B. ein gefährlicher Aktivist der Nazis gewesen ist und außerdem belastende Aussagen gegen politisch Andersdenkende gemacht hat. Damit ist bewiesen, dass er für die Schule untragbar ist. Eine Wiedereinstellung kann nicht befürwortet werden.“ [19] Und auch der für das Schulwesen zuständige Fachausschuss 6b stellte fest, dass die vielen Leumundszeugnisse, die de Bruycker eingebracht hatte, die angaben, de Bruycker sei niemals ein aktiver Nationalsozialist gewesen, keinen Einblick in die Vorgänge am Christianeum gehabt hätten. Der Vorsitzende des Fachausschusses, Friedrich Wilhelm Licht, stellte am 2.12.1946 fest: „Nicht einer seiner Kollegen, der zu seiner Zeit an dieser Schule tätig war, ist aufgestanden, um Partei für ihn zu nehmen. Alle, die vernommen wurden, haben sich entschieden gegen ihn gewandt und ihn als den Lehrer bezeichnet, der an dem Unfrieden, der im Kollegium herrschte, die Hauptschuld trug. In Besprechungen mit Studienrat Hamfeldt, mit Studienrat Dr. Stadel und Oberschulrat Schröder, dreier ehrenwerter Männer, die de Bruycker genau kennen und sich niemals zu einer unbegründeten Belastung eines Mitarbeiters herbeilassen würden, kam dies erneut zum Ausdruck." [20]

Licht verwies auf eine den Fachausschuss offenbar vorliegende Akte des Sicherheitsdienstes (SD)-Hamburg, mit Randbemerkungen, und kam zu dem Schluss: „Br. Ist ein Mensch, der schon von Natur aus für das Leben in einer durch den Beruf gleichgerichteten Gemeinschaft ungeeignet ist. Viel schlimmer aber ist die Tatsache, daß er durch sein politisches Verhalten in der Zeit des tyrannischen nationalsozialistischen Systems aufrichtige Kollegen in die schwerste Gefahr gebracht hat."

Licht räumte ein, dass de Bruycker „kein Nationalsozialist war, als er an das Christianeum versetzt wurde“. Im Weiteren habe er aber offenbar einen Prozess durchlaufen, den Licht so beschrieb: „Nun hat der Nationalsozialismus nicht nur mit der Peitsche, sondern auch mit Zuckerbrot gearbeitet. Die letztere Methode hat Br. vermutlich bewogen, seine anfängliche Einstellung zu ändern. Er sah eine Plattform, von der aus er die Minderwertigkeitskomplexe, die er als Nichtvollakademiker unverständlicherweise hatte, verdrängen zu können glaubte und von der aus er zugleich sich den ersehnten Resonanzbogen für seine gewiss nicht immer uneigennützigen beruflichen Pläne zu schaffen hoffte. Er wurde zu einem jener Konvertiten, die, fanatisch in ihrem neuen Glauben, rücksichtslos und unaufrichtig in ihrer Handlungsweise, ihre Ziele zu erreichen suchen."

Und auch der Fachausschuss schloss sich am 2.12.1946 der Argumentation von Heinrich Schröder an, wenn er feststellte: „Ein Lehrer, der von seinen Kollegen allgemein als Denunziant angesehen und dementsprechend behandelt wird, muss seine Gründe haben, wenn er sich nicht sofort dagegen zur Wehr setzt und alles tut, um sich zu rechtfertigen. Er hat es nicht getan; denn er wusste, dass Kräfte hinter ihm standen –  die ihn selbst gegen die innere und äußere Ablehnung durch das Kollegium im Sattel hielten. Br. will kein Denunziant gewesen sein, ein Handlanger der NSDAP war er bestimmt – jedenfalls soweit es die Verhältnisse im Christianeum betrifft – wenn er sich auch Außenstehenden gegenüber möglicherweise anders gegeben hat." [21]

Auch der Fachausschuss hielt de Bruycker für die Schule ungeeignet und „lehnt einen Mann wie de Bruycker" als nicht wieder einstellbar ab.

Danach beschäftigte sich der Berufungsausschuss für die Ausschaltung von Nationalsozialisten zwischen 1947 und 1950 mit dem Fall de Bruycker. Er selbst und sein Rechtsanwalt verlangten die Berufung, Wiedereinstellung und, bei Pensionierung, die Auszahlung der Versorgungsbezüge. Der Berufungsausschuss führte selbst noch einmal Befragungen durch, um sich ein eigenes Bild zu machen. Am 3.12.1947 wurde der ehemalige Direktor des Christianeums, Hermann Lau, gehört. Er sagte: „Ich habe mit de Bruycker, bevor sich dieser Vorgang abgespielt hat, der Gegenstand der Konferenz vom 16.1.1942 wurde, Nachtwachen beim Luftschutz gehabt. Wir haben uns bei diesen Gelegenheiten ganz manierlich unterhalten, umso überraschter war ich, dass ich jetzt bei dem Vorgang annehmen musste, dass de Bruycker zu dem gegnerischen Kreis gehörte." [22]

Am 18.2.1948 hörte der Berufungsausschuss einige Zeugen an. So den Lehrer Otto Peters, der erklärte, Adolf de Bruyker habe auf der Konferenz „die Rolle des Anklägers" gespielt. Zu klären hatte der Berufungsausschuss die Frage, wo die Denunziation anfing. Die Abläufe wurden nicht definitiv geklärt. Die Anklagepunkte der Gestapo, die in der Konferenz eine Rolle gespielt hatten, beruhten ganz wesentlich auf Angaben von Adolf de Bruyker. Es sei aber nicht erwiesen und eher unwahrscheinlich, dass de Bruycker selbst mit dieser Liste an die Gestapo herangetreten sei.

„Die Beweisaufnahme hat ergeben, dass es Kontakte zwischen Oberschulrat Albert Henze von der Schulverwaltung und dem Sachbearbeiter Rühe vom Sicherheitsdienst (SD) gegeben hatte. Durch die Vernehmung der Zeugen ist nicht erwiesen, dass de Bruycker selbst der Verfasser des Aktenvermerkes vom 19.7.1941 gewesen ist. Auch der Oberstudiendirektor Dittmer hat bei seiner Vernehmung am 15.9.1945 nur bekundet, dass er den bestimmten Eindruck gehabt habe, dass in dem bei dem Kreisamtsleiter, Schulrat Schlotfeldt, befindlichen Vorgang ein von de Bruycker abgefasster Bericht vorhanden war." Der Ausschuss kam zu dem Schluss, „dass de Bruycker bei den Vorgängen im Christianeum im Jahre 1941/42 ein willfähriges Werkzeug nationalsozialistischer Kreise bei der Hetze gegen Rektor Lau, Dr. Wendling und Studienrat Schröder gewesen ist. Mit Recht haben sich verschiedene Mitglieder des Kollegiums, wie aus den Zeugenbekundungen ersichtlich ist, über diese Rolle des Berufungsklägers damals entrüstet." [23]

Der Berufungsausschuss entschied darum, „ihm bis zur Vollendung seines 65. Lebensjahres 75 % seines Ruhegehaltes und von diesem Zeitpunkt an das volle Ruhegehalt unter Einstufung in Kategorie V zuzuerkennen."

Adolf de Bruyker hätte sich mit dieser Entscheidung zufrieden geben können, tat er aber nicht. Im Gegenteil. Er versuchte jetzt insbesondere Heinrich Schröder zu diskreditieren, die Entscheidungen der Entnazifizierungsausschüsse als das manipulierte Werk von Heinrich Schröder hinzustellen, unter anderem damit, dass er eine Nähe zwischen Schröder und Paul Dittmer konstruiert: „Dittmer hat mich 1943 durch seine infame Aussage Studienrat Schröder gegenüber belastet, um die schwere Schuld von sich auf andere abzuwälzen. Er glaubte nicht mehr an einen guten Ausgang des Krieges und wollte gut Wetter für sich machen. Er sah in Schröder den kommenden Mann. Beide Herren hatten sich trotz großer politischer Gegensätze genähert. Dittmer zeigte sich hoch beglückt, als Studienrat Schröder Oberschulrat und Personalchef wurde." [24]

De Bruycker demonstrierte in seinen Schriftsätzen, wie sehr er sich in einen persönlich gehaltenen Kleinkrieg hineinsteigern konnte. In seinem Fadenkreuz stand immer wieder Heinrich Schröder, dem er eine subjektiv motivierte, befangene Vorgehensweise gegen ihn unterstellte, mit der er, Schröder, auch die Ausschüsse beeinflusst habe: „Herr Schröder wollte keiner Aufklärung, sondern meine Belastung und Diffamierung." [25].

De Bruycker verfasste umfangreiche Schriftsätze und sandte am 7.2.1950 einen langen Brief an Schulsenator Heinrich Landahl. Darin griff er erneut Schröder an. Es macht wenig Sinn, auf alle Konstruktionen de Bruyckers einzugehen. Der Vorsitzende des Berufungsausschusses, Rechtsanwalt Soll, nahm Heinrich Schröder noch einmal ausdrücklich vor den Vorwürfen de Bruyckers in Schutz. Soll schrieb am 5.5.1950: „Ich empfinde die Angriffe von de Bruycker angesichts der gründlichen Behandlung seitens unseres Berufungsausschusses, der sich alle erdenkliche Mühe gegeben hat, um ein klares Bild über die damaligen Vorgänge am Christianeum zu gewinnen, als ungehörig, namentlich die Behauptung, dass wissentlich falsche Angaben gegen ihn gemacht und zu seinem Nachteil verwendet worden seien. Das Gegenteil dürfte sich einwandfrei aus dem Akteninhalt ergeben." (26) Und auch Friedrich Wilhelm Licht, der den Fachausschuss leitete, stellte sich vor Heinrich Schröder und forderte am 21.2.1950 vom Senatskommissar für die Entnazifizierung, „dass sich de Bruycker für die freche Verleumdung, durch die Sie sich in Ihrer Ehre und ihres Ansehens auf das schwerste verletzt fühlen, verantworten muss und stellt an Sie das Ersuchen, die hierfür notwendigen Maßnahmen zu ergreifen."[26]

Adolf de Bruyker blieb seit dem 3.3.1948 pensioniert, seit 1951 mit vollem Ruhegehalt.

Er starb am 29.12.1974.

Text: Hans-Peter de Lorent

Quelle:
Uwe Schmidt: Nationalsozialistische Schulverwaltung in Hamburg. Vier Führungspersonen, Hamburg 2008; Hans-Peter de Lorent: Hermann Sass – „vorne SA, hinten SS“ (Teil 1) 9-10/ 2014 ( www.gew-hamburg.de/sites/default/files/hlz/artikel/9-10-2014/magazin-nazibiographien25.pdf, 18.4.2015).

Anmerkungen
1 In einem Schreiben an Heinrich Schröder, auf das noch näher eingegangen wird. Siehe Entnazifizierungsakte Adolf de Bruycker, StA HH, 221-11_Ed 3467
2 Unser Klassenbuch, 12 g Abitur 1950, Erinnerungen an die Zeit im Christianeum 1941-1950, S. 49; Schulmuseum Hamburg .
3 Alle Angaben laut Entnazifizierungsakte de Bruycker, a.a.O.
4 Siehe auch die Biografien Dittmer, Lau und Henze.
5 Schreiben vom 17.5.1945, Personalakte Lau, StA HH, 361-3_A1670
6 Siehe auch Biografie Lau.
7 Schreiben vom 1.9.1942, in Entnazifizierungsakte de Bruycker, a.a.O.
8 Schreiben vom 17.5.1945 in Personalakte Lau, a.a.O.
9 Alle Dokumente in der Entnazifizierungsakte de Bruycker a.a.O.
10 Schreiben de Bruyckers vom 27.11.1945, ebd.
11 Ausgefüllt am 27.5.1945, ebd.
12 Siehe Anlage 2 zum Fragebogen zur Entnazifizierung, ebd.
13 Alle Schreiben ebd.
14 Schreiben vom 17.12.1945, ebd. Siehe auch Biografie Trog.
15 Entnazifizierungsakte de Bruycker, a.a.O.
16 Ebd.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Ebd.
20 Ebd.
21 Ebd.
22 Vermerk vom 3.12.1949, ebd.
23 Entscheidung vom 3.3.1948, ebd.
24 Ebd.
25 Schreiben de Bruyckers an den Leitenden Ausschuss vom 7.2.1949, ebd.
26 Ebd.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2019: 789 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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