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Erwin Zindler

(6.10.1895 Hamburg - 5.11.1964 Hamburg)
Schulleiter
Moltkestraße 45a
Lichtwarkschule, Grasweg
Johanneum, Maria-Louisen-Straße

„Diesen roten Saustall werde ich schon ausmisten.“

Erwin Zindler gehört zu den wichtigsten Personen des Hamburger Schulwesens während der NS-Zeit. Die Bewertungen Zindlers gehen sehr weit auseinander. Auffallend ist dabei, dass Zindler bei aller Verstrickung in den Nationalsozialismus offenbar ein sehr anregender Pädagoge gewesen ist, was einige ehemalige Schülerinnen und Schüler von ihm heute noch bezeugen. Unter ihnen die prominente Hannelore („Loki") Schmidt, die an der von ihm einige Zeit geleiteten Lichtwarkschule Schülerin war und Zindler später mehrfach sehr positiv darstellte. Loki Schmidt hatte Zindler als unterstützend und fürsorglich erlebt, kannte aber nicht die ganze Persönlichkeit und Geschichte Zindlers, die ihn als ehrgeizigen und karrierebewussten Nationalsozialisten ausweist mit bestem Leumund bei den führenden Nationalsozialisten in Hamburg, die ihn in wichtige Funktionen beförderten. 

Erwin Zindler wurde am 6.10.1895 in Hamburg geboren. Sein Vater war Volksschullehrer und Schulleiter der Knaben-Schule Schleidenstraße 11. Erwin Zindler besuchte von 1902 bis1905 die Volksschule Lohkoppelstraße 36, danach bis zur Reifeprüfung 1914 die Gelehrtenschule des Johanneums. (1) Er begann dann in Göttingen ein Studium (Deutsch, Geschichte, Pädagogik und Turnen), unterbrach das Studium, weil er sich freiwillig zum Kriegsdienst meldete. Zindler wurde Offizier, als Leutnant dekoriert mit dem Eisernen Kreuz I und II. Nach dem Krieg schloss er sich dem Bahrenfelder Freikorps von Hanstein an und setzte das Studium in Göttingen fort, blieb aber seiner militärischen Einheit verbunden. Zindler schrieb eine Regimentsgeschichte seines „Feldartillerieregiments Nr. 108“ und gab diese 1919 heraus, ebenso wie von 1920 bis 1934 das Nachrichtenblatt für seine ehemaligen Offiziere. 1929 verarbeitete Erwin Zindler seine Kriegserlebnisse in dem Buch „Auf Biegen und Brechen".  Zindler, der sich als Dichter und Schriftsteller verstand und in rascher Folge einige Bücher publizierte (2), dichtete, statt eines Vorwortes:

„1914-1918
Marschtritt von Millionen dröhnt
Nach West – nach Ost.
Sorgenvolle Heimat stöhnt,
Weil dort Tod mit Leben lost.
Mancher bangt: Was dann – was dann,
wenn der Opfersinn verweht? –
Draußen – dennoch – stirbt, ersteht:
Der volksbewußte Mann.“ (3)

Das Fazit des Buches, in einem Brief formuliert, zeigte, was viele Offiziere nach dem Ersten Weltkrieg dachten, und deutet an, wo Erwin Zindler ideologisch 1933 landen würde:

„Wir Deutsche liegen am Boden und zeigen nicht einmal in unserer Wehrlosigkeit männliche Größe. Die Welt erlebt vielmehr das widerwärtige Schauspiel , daß dieselbe Nation, die der halben Welt länger als vier Jahr ihre zu Wasser, zu Lande und in der Luft trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit erfolgreichen Widerstand leistete und diese halbe Welt nicht nur in vielen Schlachten besiegt hat, sondern sogar tief in Feindesland stand, sich in Revolutionskämpfen selbst zerfleischt und den Hass immer tiefer in die eigenen Reihen gräbt.

Von jeher hat der Mensch aus Dummheit oder Heimtücke die Erbärmlichkeit bewiesen, das Verneinende zu sehen und laut schreiend davon Zeugnis abzulegen, weil man seinem majestätischen Ich angeblich auf den Fuß zu treten gewagt hat. Leichte Sache das, nicht wahr? Man kann sich ja so herrlich leicht den Nimbusmantel des besseren Könnens um die bröckeligen Schultern hängen, ohne es unter Beweis stellen zu brauchen. Die Masse denkt alsdann: Das, das ist unser Mann. Der fängt alles besser an! Niemand aber kommt auf den Gedanken, Rückschlüsse auf solche windigen Spekulanten zu ziehen. Gilt nicht auch heute noch des alten Goethe Wort, dass alles von Menschen Geschaffene Bruchstück ist eines großen Bekenntnisses vom Ziel und Wesen des eigenen Lebens?

Wir aber müssen uns auf harte Tatsachen einstellen. Als Nation sind wir nach außen macht- und wehrlos geworden. Noch nie hat sich ein kraftgewaltiges Volk wie das unsrige in einer dunklen Stunde von so viel folgenschwerer Schwäche übermannen lassen, den Ausdruck seines Lebenswillens in diesem Kriege, Armee und Flotte, aufzulösen und auszuliefern, ehe es ein Faustpfand seiner Gegner als Gewähr für den versprochenen Völkerfrieden in Händen hielt.“ (4)

In der „Gesellschaft der Freunde" wurde mit Vergnügen die Geschichte erzählt, dass Spötter wie Max Traeger Erwin Zindler bei Versammlungen fragten: „Was war noch Ihr Buch? Zum Biegen oder zum Brechen?" (5)

Zunächst war Erwin Zindler aber mit dem Abschluss seines Studiums beschäftigt. Er absolviert am 16.12.1921 die wissenschaftliche Prüfung und kamdann für den Vorbereitungsdienst an die Oberrealschule für Jungen in der Bogenstraße , die spätere Bismarckschule. Dort traf er auf die Oberlehrer Karl Züge, Walter Behne und Bruno Peyn, die in der Zeit des Nationalsozialismus auch eine bedeutende Rolle im Hamburger Schulwesen spielen sollten.

Bemerkenswert erschienen die Berichte, die über Erwin Zindlers praktische Tätigkeit geschrieben wurden. Sie spiegeln wider, mit welchem pädagogischen Geschick Zindler seine Ausbilder überzeugte. Der damalige Direktor der Schule, Prof. Lorenz, fasste Zindlers Leistungen so zusammen: „Von der ersten Stunde, die ich bei Herrn Z. zuhörte, habe ich die feste Überzeugung gehabt, daß er ein geborener Schulmann ist. Er läßt die Schüler sich die Stoffe selbst erarbeiten, soweit es irgend möglich ist. Auch in der Erdkunde gibt er sehr gründlichen und lebendigen Arbeitsunterricht und läßt das meiste aus der Karte durch Selbstbeobachtung lernen. Die bisher abgehaltenen Lehrproben (Deutsch in Untersekunda und Geschichte in Untertertia) fielen in jeder Weise vorzüglich aus.

Nach den übereinstimmenden Berichten aller Herren, die ihn kennen, leistet Herr Zindler Hervorragendes, und zwar in solcher Formvollendung und Selbstzucht einer innerlich gefestigten Persönlichkeit, wie ich sie noch bei keinem jungen Herren gefunden habe." (6)

Und Zindlers Anleiter, Wilhelm Thomann, ergänzte: „In allem außerordentlich gewissenhaft und pflichtgetreu, hat er keine Anlage zur Pedanterie, sondern ist in allem jugendfrisch und elastisch. Immer bemüht er sich, seinen Unterricht anregend und lebendig zu gestalten, indem er selbst mit Schwung und gutem Beispiel den Schülern vorangeht. Besonders geeignet hat er sich bisher für etwas reifere Schüler gezeigt. Vor allem ist da der Deutschunterricht in einer Untersekunda hervorzuheben, den er nicht nur selbst mit Lust und Liebe gegeben, sondern der auch Lust und Liebe bei den Schülern erzeugt hat. Dabei gleiten ihm die Zügel keinen Augenblick aus der Hand, ohne daß er genötigt ist, Zwangsmittel anzuwenden. Er ist den Jungen etwas und bietet Ihnen viel."

Über die eigenwillige Seminarhausarbeit Zindlers in Verbindung mit seiner praktischen Unterrichtsarbeit wurde resümiert: „So zeigt auch diese Arbeit, was jede Seminarstunde verriet und jede Lehrstunde zeigte, dass Herr Z. ein gottbegnadeter Lehrer ist und die Schule sich glücklich schätzen kann, die solche Kraft ihr eigen nennt."

1923 wurde Erwin Zindler Oberlehrer, 1926 Studienrat. Bei den über ihn abgegebenen Gutachten wundert es nicht, dass Zindler an der Oberrealschule in der Bogenstraße weiter beschäftigt wurde. 1926 heiratete Erwin Zindler, mit seiner Ehefrau bekam er 1927 einen Sohn.

Zindler arbeitete an der Schule in der Bogenstraße bis 1930 und wechselte dann zum Johanneum. 1933, als die Nazis an die Macht kamen, trat Erwin Zindler in die NSDAP ein. Er schilderte seinen Parteieintritt folgendermaßen: „Im Februar 1933 wurde ich zur Schulverwaltung gerufen (Oberschulrat Behne). Er teilte mir mit, ich sei als Leiter einer höheren Schule vorgesehen aufgrund meiner wissenschaftlichen Leistungen. Oberschulrat Dr. Behne teilte ferner mit, daß Zugehörigkeit zur NSDAP nötig sei. Ich betone, daß keinerlei Druck auf mich ausgeübt wurde. Ich hatte keine Bedenken gegen die Partei, die soeben erst auf verfassungsmäßigem Wege zur Macht gekommen war und von der Zustimmung im Reich durchweg getragen war, am wenigsten aber auch nach der Annahme des Ermächtigungsgesetzes, an dessen Billigung zahlreiche Reichstagsabgeordnete aus nicht rechtsgerichteten Parteien – auch solche aus Norddeutschland – mitgewirkt haben." (7)

Die Zusammenarbeit mit Walter Behne seit 1921 zahlte sich offenbar aus. Erwin Zindler erhielt die Aufgabe, eine für die Nationalsozialisten schwierige Schule, die reformpädagogische Lichtwarkschule, auf Vordermann zu bringen. Die Lichtwarkschule wurde seit 1927 von Heinrich Landahl geleitet. „Obwohl Heinrich Landahl am 5. März 1933 als Abgeordneter der Deutschen Staatspartei (vorher die DDP) in den Reichstag gewählt worden war, seine Zustimmung zu Hitlers Ermächtigungsgesetz gegeben und die Anordnungen der Schulbehörde befolgt hatte, dachten die Nazis keinen Augenblick daran, sein Verhalten zu honorieren. Er gehörte zu den Betroffenen, als die Landesunterrichtsbehörde nach den Ferien einen großen Schulleiterwechsel vornahm. Sie akzeptierte keine Schulleiter mehr, die unter der Devise ‚retten was noch zu retten ist‘ die Anpassung widerwillig, lax oder auf dem kleinsten Nenner vollzogen, sondern Beamte, die die Gleichschaltung bedingungslos durchführten." (8)

Vorausgegangen waren, wie beinahe bestellt, eine Reihe von Denunziationen an der Lichtwarkschule. So erhielt Schulsenator Witt schon eine Woche nach der Senatsbildung das Schreiben einer Frau, die behauptete, „sie habe von der Mutter einer Schülerin der Lichtwarkschule erfahren, daß dies ‚nur eine kommunistische und Judenschule‘ sei, auf der den Kindern eingeprägt werde, sich nicht konfirmieren zu lassen“. Die Informantin forderte die Behörde auf, etwas zu unternehmen, „um noch die junge Generation vor dem Kommunismus zu retten". (9)

Mit solchen vagen Aussagen wurden Stimmungen entfacht und staatliche Organe zum Handeln getrieben. Und auch in weiteren Schreiben wurden Vorwürfe vorgebracht und erklärt, dass „national erzogene Schüler“ den Besuch der Lichtwarkschule „als ein Unglück empfinden müssen“. (10)

Dadurch wurde natürlich besonders Schulleiter Heinrich Landahl unter Druck gesetzt, letztlich ein willkommener Impuls, Landahl abzusetzen und Zindler zu inthronisieren.

Und so geschah es. Als Schulleiter wurde Erwin Zindler installiert, als Stellvertreter Berthold Ohm, letzterer als prominentes Mitglied des Philologenvereins, dessen Kassenverwalter er seit 1924 war. Ohm war ein bekennender Verbandsvertreter der „akademischen Lehrer" und bekämpfte den NSLB, den er als Verein der Volksschullehrer betrachtete. Konfrontationen schienen vorprogrammiert. (11)

Der Schulleiterwechsel bedeutete einen gravierender Wendepunkt an der Lichtwarkschule. Ein ehemaliger Schüler erinnert sich, dass die „Verabschiedung Landahls das einschneidendste und grausamste Erlebnis gewesen sei“. (12) Genauer: „Wir waren versammelt in der Aula. Hein Landahl wurde verabschiedet und Zindler hat eine flammende Rede gehalten. Und und und. Die ganze Schule versammelt. Dann wurde Heinrich Landahl rausgeleitet, und wir mussten ihn verabschieden, hier mit dem alten Römergruß, also mit dem Salve, hier mit dem Deutschen Gruß. Die ganze Schule hat pauschal geheult. Das war grausam. Das war grausam." (13)

Erna Stahl, ehemalige Lichtwarkschullehrerin, beschrieb die Szene: „Jedem, der mit Bewusstsein dabei war, (wird) unvergeßlich sein: der erste Tag nach den Ferien, die Stunde des Eintritts des neuen Schulleiters – und der Abgang des alten… Vor der versammelten Schülerschaft, vor dem gesamten Kollegium, das laut Anordnung von dieser getrennt ihr gegenüber auf der Bühne hier saß." (14)

Und Loki Schmidt, 1933 vierzehnjährig, hat ihre Erinnerung an Erwin Zindler mehrfach geschildert: „Ich sehe… in einem Fenster im ersten Stock das Gesicht unseres neuen Schulleiters Erwin Zindler und höre die Worte, die er damals in den Hof brüllte: ‚Diesen roten Saustall werde ich schon ausmisten‘. Es war das Jahr 1934, und der Oberstudiendirektor Zindler war in die Schule gekommen, um sie im nationalsozialistischen Sinne umzukrempeln." (15)

Im Weiteren beurteilte sie Erwin Zindler sehr positiv durch die Brille einer 15-Jährigen, der gegenüber Schulleiter Zindler sich aufmerksam und unterstützend verhielt. Die andere Seite Zindlers, sich für Schüler und Lehrerinnen, die seine Sympathie finden, energisch einzusetzen. Loki Schmidt blendete dies in allen Gesprächen 60 bis 70 Jahre später die andere Seite des Erwin Zindler schlichtweg aus. Das macht das Urteil von Zeitzeugen bruchstückhaft und einseitig. Aber dazu später mehr. Erst einmal hatten Zindler und Ohm, die beide von Ursel Hochmuth als von „tiefbrauner Gesinnung" bezeichnet wurden, (16) einen klaren Auftrag: „Bei ihren Bemühungen, die Lichtwarkschule nationalsozialistischen Vorstellungen anzugleichen, bediente die neue Schulleitung sich nach Übernahme der Schule im August 1933 zweier Mittel: einerseits Zerschlagung all dessen, was bereits während der Republik in nationalsozialistischen und konservativen Kreisen auf heftige Ablehnung stieß, andererseits Betonung all dessen, was mit nationalsozialistischen Erziehungszielen vereinbar schien." (17)

Erwin Zindler versuchte mithilfe von Berthold Ohm das Kollegium personell auszutauschen. KPD-Mitglied Gustav Heine war bereits im Mai 1933 aus dem Unterricht heraus verhaftet worden. (18) Die beiden jüdischen Lehrer Hans Liebeschütz und Ernst Loewenberg wurden 1934 entlassen. Andere mussten folgen. Zindler und Ohm wollten die gewachsenen Verbindungen zerstören und tauschten alle Klassenlehrer aus. Der ehemalige Schüler Peter Renyis fasste Zindlers „Großreinemachen" folgendermaßen zusammen: „Ein Beauftragter der Nazis (hatte) das Kommando übernommen, der mit seinem Feldwebelgebrüll und seinem ewigen Gepfeife in kurzer Zeit die Schule in eine Kaserne verwandelte, eine Schule, die noch vor kurzem in ganz Europa Bewunderung erregt hatte." (19)

Anfangs forcierten Zindler und Ohm den Eintritt der Schüler in die HJ. Später bekam Erwin Zindler häufig in Konflikt mit HJ-Führern, die immer stärker in die Schule hineinregieren wollten. Zindler aber versuchte, die Schule zu führen, wie er es beim Militär gelernt hatte. Sein erster Eintrag im Mitteilungsbuch der Lichtwarkschule musste vom gesamten Kollegium gegengezeichnet werden. Seine sechs Punkte lauteten: „1. Mit dem heutigen Tage habe ich die Leitung der Lichtwarkschule übernommen. 2. Mit dem Glockenzeichen zur 1. Stunde wollen die Klassenleiter ihre Klassen in den Festsaal führen. 3. Der gesamte Lehrkörper nimmt auf den Bänken und Stühlen der Orgelbühne Platz. 4. Nach geschäftlichen Mitteilungen werde ich an die Schulgemeinde eine Ansprache halten. 5. Unterricht nach Beendigung der Schulgemeinde bis einschließlich zur vierten Stunde. 6. Lehrerversammlung." (20)

Unter Zindler „wurde der ‚deutsche Gruß‘ an der Lichtwarkschule eingeführt.“ Die Behörde hatte an alle Schulleitungen den Senatserlass vom 17.7.1933 zur Einführung des Hitler-Grußes im öffentlichen Dienst und genauen Ausführungsbestimmungen geschickt: „Der Hitler-Gruß wird durch Erheben des rechten Armes und durch gleichzeitigen Ausspruch ‚Heil Hitler!‘ ausgeführt… Bei dem Singen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes sind die ersten und letzten Strophen stehend mit erhobenem Arm zu singen." Im pädagogisch-didaktischen Bereich bewirkte Erwin Zindler massive Veränderungen. „Der Kulturkundeunterricht wurde abgeschafft und die herkömmliche Fächertrennung wieder eingeführt. Der Unterricht in Deutsch und Geschichte passte sich in besonderer Weise nationalsozialistischen Bildungsideologemen an.“ (21)

Eine zentrale Rolle spielte dabei Berthold Ohm. Er legte seine inhaltliche Unterrichtsgestaltung in Deutsch, Englisch und Geschichte vor. Da spielten die „nationale Revolution", die „Geschichte der NSDAP" und in Deutsch und Geschichte gleichermaßen Hitlers „Mein Kampf" eine zentrale Rolle. (22)

Erwin Zindler begann auch schon im August mit einer Vortragsreihe an der Lichtwarkschule unter dem Titel „Erziehung zur Deutschheit“. Die einzelnen Themen hießen:

„1. Maß und Anmaßung in der alten Lichtwarkschule. 2. Geschichte, deutsch empfunden. 3. Weltanschauungswandel. 4. Nationalsozialismus als deutsche Sendung. 5. Kunst deutscher Art, vornehmlich im Schrifttum. 6. Das deutsche Nibelungenlied als Ausdruck der Deutschheit." (23)

Für seinen ersten Vortrag, praktisch auch seine öffentliche Premiere als neuer Schulleiter, hatte sich Erwin Zindler einige Schülerarbeiten angesehen, aus denen er ausführlich zitierte. Der „Hamburger Anzeiger“ berichtete am 24.8.1933 von dieser Veranstaltung: „Die Ausführungen Zindlers gaben unter dem Stichwort: ‚Maß und Anmaßung in der alten Lichtwarkschule‘ das Bild der Erziehungsrichtung und erzieherischen Arbeit. Sie zeigten die geistige Übersteigerung der Schülerarbeiten am Exempel. Aus den verlesenen Manuskripten konnte man allerdings das Gruseln kriegen. Es wimmelte von Ödipuskomplexen, Psychoanalyse und wissenschaftlich zu hochgesteckten Primanerzielen. Was der neue Mann will, ist: die Jugend zur Ehrfurcht vor dem geistig Großen ohne Überspannung erziehen. Er ist ganz entfernt davon, jetzt die Lichtwarkschule mit eisernem Besen auszukehren, sondern stellt das Bejahende und Verneinende nebeneinander. Jeder kann sich so ein persönliches Urteil bilden. Er bejaht den Geist, der bei den Leibesübungen gepflegt worden ist, die Fülle der eigenen Schülerbeobachtungen der künstlerischen, biologischen, geologischen Arbeiten. Das Verneinende sieht er in den Erziehungsschwankungen der Lehrerschaft, in der geistigen Überspitzung, die beim jungen Menschen sicher zur Großschnauzigkeit und unverdauten Wiedergabe von angelesenem Stoff führt." (24)

In den „Hamburger Nachrichten“ wurde festgestellt: „Der Redner konnte in der Tat für seinen Vortrag keinen besseren Titel wählen als ‚Maß und Anmaßung‘. Völliger Mangel an Selbstkritik, eine grenzenlose Überheblichkeit beweisen schon die Themen der Arbeiten. Von krankhafter Eitelkeit und Fahrlässigkeit, von einem gefährlichen Mangel an Achtung vor großen, geistigen Leistungen aber zeugen die Ausarbeitungen. Zindler bezeichnete die geistige Haltung, wie sie hier gepflegt wurde, als geistige Großschnauzigkeit und traf damit den Nagel auf den Kopf. Er hätte noch hinzufügen können, daß auch unbewusst zur geistigen Hochstapelei erzogen wurde. Diesem Versuch der geistigen Überspitzung, der wie gesagt, ein klägliches Ergebnis hatte, gesellte sich eine einseitig marxistisch-kommunistische Einstellung, so daß der Staat die Pflicht hatte, hier einzugreifen."

Und so wurde auch der neue Oberschulrat für die höheren Schulen, Walter Behne, , der die Vortragsreihe Zindlers einleitete, zitiert: „Er betonte, daß man mit der Darlegung und Geißelung der alten Zustände nicht einzelne Lehrer treffen wolle, sondern das System. Er hob hervor, daß für die Eltern kein Grund zur Besorgnis bestehe, daß etwa auch in Zukunft die Lichtwarkschule bei der Behörde in schlechtem Ansehen stehen werde." (25)

Im zweiten Vortrag, „Geschichte, deutsch empfunden", erklärte Zindler, dass „Blut und Boden die Elemente der Geschichte sind: Die Rassenkunde lehrt, dass die Geschichte unbarmherzig ist und keine Rücksicht nimmt auf ‚vernünftelnde, dekadente Völker‘. Die Deutschen müssen die Wendung zu Volkstum und Nation vollziehen." (26)

Schulleiter und Schriftsteller Erwin Zindler traf sich mit einer kleinen Kommission von Gleichgesinnten im Auftrag der NS-Schulverwaltung und erstellte eine Liste von Autoren, die aus Schülerbibliotheken und Unterricht entfernt werden sollten. Die Wegbereiter der Bücherverbrennung. Mit Erwin Zindler agierten Alexander Strempel, Bruno Peyn, Otto Ludwig und Walter Machleidt. Im Vorwort zur erstellten Liste hießes: „Die Kommission schlägt der Landesschulbehörde vor, folgendermaßen zu verfahren: Die Bücher der in Liste A genannten Verfasser sind umgehend an die Landesschulbehörde einzusenden. Diese Schriften werden in nächster Zeit öffentlich verbrannt. Die Bücher der in Liste B genannten Verfasser sind aus der Schülerbücherei zu entfernen und aus den Katalogen zu streichen. Sie können entweder in die Lehrerbücherei oder in die Schüler-Lehrbücherei aufgenommen werden. Jedenfalls sollen sie nur auf besonderen Antrag eines Lehrers in die Hand der Schüler kommen. Die Landesschulbehörde wünscht sich bis zum… Meldung von den Büchereiverwaltern über alle Schriften, die aus ihrer Schülerbücherei ausgeschieden worden sind, mit genauer Angabe von Verfasser, Titel und neuem Aufbewahrungsort. Erst nachdem dies geschehen ist, werden die Büchereien wieder zur Benutzung freigegeben. Die Kommission fasst ihre ausmerzende Tätigkeit nur als den ersten Teil ihres Auftrages auf. Sie wird daher in nächster Zeit der Landesschulbehörde eine Bücherliste einreichen, von deren Schriften sie glaubt, dass sie in einer modernen Schülerbücherei vorhanden sein müssen. Die Kommission bittet, den Büchereiverwaltern von dieser Liste Kenntnis zu geben und sie zu verpflichten, bei nächster Gelegenheit aus ihr Bücher zur Anschaffung auszuwählen." (27)

Zu den auszumerzenden Autoren der Liste A gehöretn laut Zindler und seiner Kommission u.a.: Josef Conrad, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich Heine, Heinrich Mann, Ludwig Marcuse, Arnold Zweig und Stefan Zweig. (28)

Und in Liste B befanden sich unter anderem die Autoren: Dostojewski, Fallada, Gogol, Gorki, Gandhi, Gerhart Hauptmann, Hofmannsthal, Kollwitz, Thomas Mann, Karl Marx, Puschkin, Stendhal, Rousseau, Zola, Tolstoi, Werfel, Wilde. (29)

„In seinen Vorträgen machte Zindler deutlich, daß die Lichtwarkschule ihre Vorbehalte gegenüber deutschkundlichen Positionen restlos aufgeben und im Deutschunterricht ausschließlich deutsche Klassiker wie Goethe, Schiller, Kleist, Keller, Storm etc. statt zeitgenössischer Literatur – hier nannte er Thomas Mann – gelesen werde. Der Geschichtsunterricht schließlich sollte fortan dem Ziel dienen, den ‚Kampf deutschen Blutes um deutschen Raum‘ aufzuzeigen." (30)

Am 19.1.1934 veröffentlichte Erwin Zindler eine „Denkschrift über die Lichtwarkschule". (31) Er bemerkte vorab, handschriftlich, dass diese Denkschrift „vom Schulleiter eigenhändig geschrieben" sei, „also nicht Unbefugten zur Kenntnis gekommen“. Der Ausgangspunkt für Zindler war die Ermordung des Polizisten Perske durch den früheren Lichtwarkschüler Winzer (Reifeprüfung Michaelis 1930). Zindler brachte die Persönlichkeit des Mörders in Verbindung mit dessen Aufsatz bei seiner Reifeprüfung zum Thema „Die Grundzüge der kapitalistischen Gesellschaft in der Auffassung von Karl Marx". Prüfungsvorsitzender sei damals Heinrich Landahl gewesen, Dezernent Ludwig Doermer, Landesschulrat bis 1933. Hauptmaterial für Zindlers Recherche waren die Jahresarbeiten der alten Lichtwarkschule, deren große Mehrheit Zindler auf das schärfste ablehnte. Positiv für Erwin Zindler waren nur einige naturwissenschaftliche Arbeiten und zwei Arbeiten über Gottfried Keller und Ernst Jünger. Zindler bemängelte die fehlenden Belege und damit die Unmöglichkeit der Nachprüfbarkeit, die Aura der „universitätsprofessoralen Geistigkeit, Überheblichkeit, Bildungsdünkel, Gespreiztheit mit hochtrabender Intellektualität“. All dies sei kennzeichnend für die Lichtwarkschule alter Prägung. Thomas Mann erschien Zindler als „der Verkörperer der Entartung“, Sinnbild der Dekadenz.

Den Ton im Kollegium habe das „Linkslager" angegeben, nur eine Minderheit sei „grunddeutsch" gerichtet gewesen. Auf Schulfesten sei es „mehr als zweifelhaft" zugegangen. „Lehrer und Schüler hätten sich geduzt“. Mit Schulmaterial (Büchern) sei „sehr schludrig umgegangen worden“. (32)

Zindlers Fazit: Die Mehrheit des Kollegiums sei „marxistisch geneigt und bekennt sich nur getarnt zum nationalsozialistischen Staat“. Ein äußerlich geregelter Dienstbetrieb sei „nur unter dauernder Anwendung von Rücksichtslosigkeit und Grobheit (durch den Schulleiter) möglich“. Es sei „eine harte Arbeit, mit dem fast noch unveränderten Lehrkörper der Lichtwarkschule eine nationalsozialistische höhere Schule zu gestalten“. Positive Ausnahmen wären für Erwin Zindler im Januar 1934 sein Stellvertreter Berthold Ohm, dann die Lehrer Etzrodt, Schöning, Blunk und Witter. Zindler bat daher die Schulverwaltung um „Beorderung geeigneter Herren“ durch „Streuversetzung“ anderer, um „wenigstens den Stamm wurzelechter Persönlichkeiten erwachsen zu lassen“. (33)

Erwin Zindler war Schulleiter, Schriftsteller und nationalsozialistischer Propagandist in einer Person. Neben seinen Büchern, Romanen und Gedichten veröffentlichte er auch in der „Hamburger Lehrerzeitung“ unterm Hakenkreuz. Zum Thema „Schule und schaffende Kunst " beschrieb Zindler die unter seiner Führung eingeleitete Praxis, im nationalsozialistischen Sinne tätige Künstler in die Schule einzuladen:

„Aufgabe der Staatsschule im nationalsozialistischen Staat ist es, die geistige und körperliche Entwicklung des Kindes im Rahmen der gesetzten Zielforderungen in die vom Staate gewünschte Bahn zu lenken. Aus der Verbindung zwischen geistigen und körperlichen Anforderungen ergibt sich eine starke Vielseitigkeit der Betätigung. Die wissenschaftlichen Fächer, die Leibeserziehung und die Kunst erziehung ebenso wie die Werktätigkeit stellen ihre vom Fach aus zu bewertenden Forderungen an den einzelnen Schüler. Gleichzeitig geht die Ausbildung zum politischen Menschen in der Hitlerjugend vor sich." (34)

Und wie immer wurde eine NS-Autorität zur Begründung herangezogen:

„Nach der Rede des Herrn Reichsministers und Führerstellvertreters, Rudolf Heß, über den Deutschlandsender vom Juni 1934 darf unter keinen Umständen die wissenschaftliche Ausbildung vernachlässigt werden. Es wird nachdrücklich betont, daß der junge Deutsche ein hohes Maß von Vorbildung in technischer und geisteswissenschaftlicher Hinsicht bereits auf der Schule erworben haben muß, ehe er in die Berufsausbildung eintritt. Der Wettbewerbskampf der Völker erfordert, wie der Minister scharf herausgestellt hat, gerade für uns Deutsche, die wir an allen Ecken und Enden in unserer Entwicklungsfreiheit durch das Ausland beschränkt werden, einen ganz besonders hohen Grad des Ausbildungsstandes."

Erwin Zindler verwies auf die von der Lichtwarkschule eingeführte und verankerte Praxis, ein- bis zweimal im Monat eine sogenannte Künstlermorgenansprache stattfinden zu lassen: „Wir laden ein: anerkannte, in ihrem Schaffen irgendwie urtümliche Persönlichkeiten, Schriftsteller, Gelehrte, Komponisten, nachschaffende Musik er, Maler, Bildhauer und Graphiker. Sie sprechen vor der Schulgemeinde und stellen ihr Werk dar in einer Form, die für jugendliche Gemüter wirksam ist."

Und um Nachhaltigkeit und eine engere Bindung von Künstlern und Schule herzustellen, hatte Zindler einen Gedanken in die Tat umgesetzt: „Damit nun Schüler nicht denken, daß Werke der Kunst gewissermaßen aus dem Handgelenk entstehen und der Künstler nur ein besserer Unterhalter ist, wird die Schülerschaft verpflichtet, soweit ihre Eltern nicht arbeitslos sind, einen so genannten ‚Kulturgroschen‘ zu zahlen, der den Künstlern ausgekehrt wird. Man versuche einmal, diesen Gedanken weiterzudenken, ihn von einer Schule auf viele Schulen auszudehnen, vom hamburgischen Staatsgebiet ihn erweitert sehen auf das gesamte Reichsgebiet. Welche Werbung für deutsche Kultur könnte dadurch ausgelöst werden! Welche kulturelle Stellung in der Öffentlichkeit könnte sich die Schule im nationalsozialistischen Staat erwerben mit einer derartigen Vertrauensstützung dem schaffenden Künstler begegnet zu sein!“

Erwin Zindler berichtete noch über eine andere Aktivität unter seiner Ägide, die „Ausstellung Werkgemeinschaft Lichtwarkschule". Zindler leitete seinen Beitrag mit zwei Aussagen von Adolf Hitler ein: „In seinem Buche ‚Mein Kampf‘ spricht der Führer aus: ‚Es dürfte kein Tag vergehen, an dem der junge Mensch nicht mindestens vormittags und abends je eine Stunde lang körperlich geschult wird.‘ Und schon in der Rede, die er am 27. April 1923 in München hielt, sagte er der alten Schule ins Gesicht: ‚Wir leiden heute an einer Überbildung. Man schätzt nur das Wissen, die Neunmalweisen aber sind Feinde der Tat. Was wir brauchen, ist Instinkt und Wille.‘  Wenn ich als Leiter der Lichtwarkschule diese beiden Führerworte überdenke, so hat die alte Lichtwarkschule ein gut Teil davon zu verwirklichen getrachtet, ist aber trotzdem, aufs Ganze gesehen, in die Irre gegangen. Sie hat durch die Pflege der täglichen Turnstunde, die in pädagogisch wertvoller Weise von Stunde zu Stunde den jungen Menschen zu einem körperlich bewußten und wirkungsfähigen heranbildete, eine Leistung vollbracht, die Würdigung und Anerkennung von allen nationalsozialistisch denkenden Menschen erfahren wird. Wenn aber das zweite Wort des Führers, das gegen die Überbildung gerichtete, betrachtet wird, so hat sich die alte Lichtwarkschule in durchaus richtigem Fühlen ebenfalls gegen die Überbildung gestemmt. Auch das muss zugegeben werden. Ihr Fehler war, daß sie auf manchen Gebieten (längst nicht auf allen) das Kind mit dem Bade ausschüttete. Und ihr anderer Fehler war, daß sie die Wurzeln einer deutsch-völkischen Erziehung in den wichtigsten Fächern Deutsch und Geschichte zumeist nicht anerkannte und dafür einen blutleeren internationalen Marxismus gewähren ließ.“ (35)

Es erstaunt, wie offen und selbstherrlich Zindler beschrieb, wie der nationalsozialistische Staat und er als neuer Schulleiter an das Umkrempeln der Lichtwarkschule herangingen:

„Wenn nun nach der Machtergreifung durch den nationalsozialistischen Staat diese zwiespältige Schule mit ihren wertvollen Ansatzmöglichkeiten in den neuen Staat hineinwachsen sollte, so durfte sie nicht ohne weiteres zerschlagen werden. Wir müssen der Landesunterrichtsbehörde Dank sagen, daß sie diese Einsicht immer vertreten hat. Trotzdem konnte dem Wesen des nationalsozialistischen Staatswillen gemäß nicht die neue Marschrichtung gewonnen werden, indem mit einem weichlichen ‚vom Kinde aus‘ – ‚Versuche‘ dazu unternommen wurden. ‚Versuchsschulen‘ sind nicht der pädagogische Ort nationalsozialistischen Erziehungswillens. Im Wesen des Anspruchs auf Ganzheit, wie sie der Nationalsozialismus , seinem inneren Gesetz gehorchend, vertritt, ruht die Forderung auf Anerkennung seines Willens. Die entsprechende Forderung dazu war also von der Leitung der Schule in der ersten Zeit ihrer Tätigkeit zu erheben und auf Biegen und Brechen durchzusetzen. So hat in dieser Schule eine Zeit harter Arbeit für Lehrer und Schüler abrollen müssen, und der zum Teil erbitterten Widerstände ist eine Menge gewesen. Der Außenstehende kann sich schwerlich eine rechte Vorstellung machen von der Schwere dieses täglichen verbissenen Arbeitseinsatzes. Und doch, es ist geschafft worden. Heute begreift Schülerschaft und Elternschaft, daß ohne den Willen zu solcher Arbeit schulische Tätigkeit im nationalsozialistischen Staat undenkbar ist.“ (36)

Die Ausstellung der „Werkgemeinschaft Lichtwarkschule" wurde letztlich nur mit neun Zeilen erwähnt. Hier ging es Zindler offensichtlich um ein Statement, eine Demonstration seiner Umgestaltung seiner Schule als deren nationalsozialistischer Schulleiter. Zindler schrieb, worum es ihm in der neuen Lichtwarkschule ging. Das Gesetz seiner Schule: „ ‚Instinkt und Willen‘ des jungen deutschen Menschen, des Trägers deutscher Zukunft im nationalsozialistischen Staat, zu fördern." (37)

Die zweite Januarausgabe der „Hamburger Lehrerzeitung“ 1936 gab Erwin Zindler das Titelblatt für drei Gedichte, in denen er Walther von der Vogelweide , Bismarck und Adolf Hitler pries. Das letzte sei zitiert:

"Adolf Hitler/der Führer
Du Sohn unseres Volkes,
Geboren aus Nächten zum Licht!
Du wirkst für uns alle
Und kennst nur ein Jüngstes Gericht.
Du gehst ohne Zaudern
Den Weg, den das Schicksal bestimmt
Und handelst entschlossen,
Eh deine Sekunde zerrinnt.
Mit Worten dich loben
Erscheint uns vermessen und kalt.
Du lebst deiner Arbeit,
Erfüllst uns mit Sturmesgewalt.
Der Sturm deines Wissens
Durchbraust uns und ruft: Kamerad!
Ermann dich und weih dich
Dem Reiche, dem Deutschland der Tat!" (38)

Dieser Dichter würde neun Jahre später behaupten, niemals Nationalsozialist gewesen zu sein.

Einschneidend für Erwin Zindlers so öffentlich wirksam begonnene Karriere war die Auseinandersetzung in seinem Kollegium zwischen zwei Lehrern, die Zindler eigentlich zu seiner Unterstützung an seiner Seite haben wollte. Sein Stellvertreter, Berthold Ohm, mit Zindler zusammen an die Lichtwarkschule gekommen, um „den roten Saustall auszumisten", und Erich Witter waren mit noch zwei anderen NSDAP- Mitgliedern an die Schule gekommen. Erwin Zindler hatte auf deren Unterstützung gesetzt: „Im Oktober 1934 rief ich die drei Parteigenossen in meinem Lehrkörper: Dr. Etzrodt, Dr. Witter und Klein zusammen und sagte ihnen, daß im nationalsozialistischen Staat die Parteigenossen eine erhöhte Aufgabe und Verantwortung zu erfüllen hätten. Die drei genannten Herren müssten sich mit meinem ganz besonderen Vertrauen ausgestattet empfinden und bei jedem Anzeichen eines von der Schulleitung notwendigen Eingriffs das Entsprechende bei mir veranlassen. Unsere Aufgabe sei, mit den von der Behörde überwiesenen Lehrkräften aus der Lichtwarkschule eine Anstalt zu machen, die sich nicht zu verstecken brauche." (39)

Berthold Ohm, der seit 1924 Kassenverwalter des Philologenvereins gewesen war und eine mächtige Ablehnung gegen den NSLB hatte, sah diesen Verband als bloße Fortführung der „Gesellschaft der Freunde" an.

Witter hingegen war Vertrauensmann des NSLB an der Lichtwarkschule geworden und fühlte sich von Ohm nicht ernst genommen, gekränkt und in seiner Arbeit für den NSLB behindert. (40) Der Kampf zwischen Witter und Ohm tobte zwei Jahre, belastete das Kollegium, weil Witter mehrere Beschwerdebriefe über Ohm schrieb, mit denen das gesamte Kollegium beschäftigt wurde. In der Biografie Ohm habe ich die Auseinandersetzung genauer beschrieben. Sie endete am 21.10.1935 mit der Umsetzung Erich Witters. Aber auch Schulleiter Erwin Zindler hatte in diesem Streit seine Führungsqualität nicht unter Beweis gestellt. Er hatte den Konflikt zu lange treiben lassen. Und hilfreich war sicherlich auch nicht, dass er in seiner siebenseitigen Stellungnahme am 11.5.1935 an die Schulverwaltung die Rufschädigung seiner Schule feststellte: „Es ergibt sich also der Zustand, daß mein Lehrkörper und darüber hinaus zahlreiche andere Lehrkörper, die selbstverständlich davon gehört haben, in höchster Aufregung sind über die Befehlsverhältnisse innerhalb des Schulwesens in Hamburg." (41)

Das hätte er als Schulleiter verhindern müssen. Zu seiner Grundhaltung hatte er geschrieben: „In meiner Eigenschaft als Schulleiter habe ich zu wiederholten Malen, zuletzt zweimal im Monat März 1935, meinem Lehrkörper mit harten und eindringlichen Worten gesagt, daß der von der Reichsleitung geführte Kampf gegen Nörgler und Meckerer auch innerhalb der Lehrkörper Geltung habe. Das Schlimmste aber wären die neuerdings in dem Entwurf zum Reichsstrafgesetzbuch aufs Härteste geächteten widerwärtigen Typen der Materialiensammler, die im Dunkeln arbeiteten und zu gelegener Zeit mit ihrer Mappe höheren Orts vorstellig wurden". Deutliche Worte gegen das Denunziantentum. Zindler erwarte von der Landesunterrichtsbehörde, „Wandel zu schaffen". (42)

Nicht hilfreich war sicherlich auch, dass Zindler sich so eindeutig auf Seiten Ohms stellte. Über Ohm hatte Witter geschrieben, wie dieser sich darüber mokiert habe, als Gauamtsleiter Willi Schulz zum Landesschulrat befördert worden sei. Ohm soll verärgert reagiert haben mit der Feststellung, dass die Funktion des Landesschulrates kein Amt für Volksschullehrer sei, sondern „einem Akademiker zusteht". (43) Dies hatte Landesschulrat Schulz, der als Gauamtsleiter des NSLB die Schreiben von Erich Witter vorgelegt bekam, sicherlich nachhaltig verärgert. Und Schulz hatte zu den Erklärungen von Erwin Zindler und Berthold Ohm am 24.5.1935 reserviert festgestellt: „Als Gauamtsleiter des Amtes für Erzieher bin ich nicht in der Lage, mit diesen Erklärungen die Angelegenheit als abgetan zu betrachten; denn es ist dadurch nicht hinreichend begründet, inwieweit nunmehr die von Pg. Dr. Witter in seiner Beschwerdeschrift angeführten Tatsachen gegenstandslos geworden sein sollen. Es wird vielmehr nötig sein, über die von Pg. Dr. Witter angeführten Tatbestände eine parteiamtliche Untersuchung herbeizuführen. Die von Ihnen als Leiter der Lichtwarkschule angestellten Untersuchungen sind für den Lehrerbund gegenstandslos." (44)

Einstweilen war Erwin Zindler auch noch damit beschäftigt, sein Kollegium von alten Mitgliedern des Lehrkörpers der Lichtwarkschule zu säubern. Für Erna Stahl hatte Zindler zu Beginn eine Schwäche gehabt, oder hatte, wie Ursel Hochmuth es ausdrückt, „sich zunächst ein falsches Bild gemacht". (45) Witter behauptete, dass Ohm zu ihm schon 1934 gesagt hätte: „Die Stahl muss weg. Glauben Sie etwa, daß die kein jüdisches Blut in den Adern hat!‘ Ich antwortete, daß sie bei Herrn Zindler ihrer großen künstlerischen Fähigkeiten halber gut angeschrieben sei (sie war unter anderem öffentlich gelobt worden). Herr Ohm gab zu, daß sie Herrn Zindler ‚ganz eingewickelt‘ habe, daß aber zum Beispiel die künstlerischen Arbeiten ihrer Schüler nichts als Nachahmungen von Vorbildern seien, wie er festgestellt habe. Er fügte hinzu, er werde schon dafür sorgen, daß sie wegkäme." (46)

Erna Stahl hatte Ostern 1933 eine Quarta übernommen und ließ die zehn- und elfjährigen Kinder eine geschichtsunterrichtliche Ausstellung über das Rittertum erarbeiten, die in der Aula der Schule gezeigt wurde. „Die Hamburger Lehrerzeitung veröffentlichte dazu im November 1933 Erna Stahls pädagogischen Begleitbericht ‚Das Rittertum in kulturkundlicher Bedeutung‘. (47)

Ursel Hochmuth schrieb, dass Zindler sich bemühte, „die ihm harmlos erscheinende Klassenleiterin Stahl, von der er wusste, daß sie parteipolitisch nicht gebunden war, für die NSDAP zu gewinnen, aber sie wich ihm geschickt aus“. (48)

Als Zindler später erfuhr, „daß auch Erna Stahl an einer privaten Kollegenzusammenkunft teilgenommen hatte, zu der unter anderem der entlassene Gustav Heine eingeladen war, um über das Schulwesen in England zu sprechen, veranlaßte er zu Ostern 1935 ihre Versetzung an die Mädchenoberschule Alstertal. In ihrer Wohnung unterrichtete Erna Stahl ihre Klasse ein Jahr lang weiter in Deutsch und Geschichte und beschloß diese – de facto illegalen – Schulstunden mit einer Studienfahrt nach Berlin." (49)

Von Beginn an unerbittlich und schärfer ging Erwin Zindler gegen die unerschrockene und weniger diplomatische Kollegen Ida Eberhard vor. Zindler gab auf Anforderung der Schulverwaltung einen Befähigungsbericht über Ida Eberhard ab und bezog sich auf Denunzianten aus dem Kollegium, unter anderem auch auf den Schulhausmeister und strammen Nationalsozialisten, Dietz. Ida Eberhard hatte Schulleiter Zindler „mindestens achtmal angesprochen“, er möge seinen scharfen Kurs gegen die alte Lichtwarkschule ändern. Sie hatte den VDA-Vortrag eines Russlanddeutschen bemängelt, „der die Beteiligung der jüdischen Rasse am Bolschewismus kurz streifte“, weil dieser jüdische Schüler kränken könnte und hat sich auch gegen zwei Ausgaben des „Stürmer" gewendet. Sie weigerte sich, dem NSLB beizutreten, um dadurch nicht mit der NSDAP in eine Beziehung zu treten, „sie aber wesentliche Wirtschafts- und Rasseeinstellungen der Partei nicht zu billigen imstande wäre“. Auch in ihrer Wohnung fanden private Sitzungen mit Mitgliedern des Kollegiums der Lichtwarkschule statt. Ida Eberhard wurde daraufhin am 23.11.1934 vom Dienst suspendiert, am 11.2.1935 ganz aus dem Schuldienst entlassen. (50)

Als die Behörde der Lichtwarkschule im August 1936 einen Referendar zur Vertretung zuwies, hatte Zindler nachgeprüft, dass der Referendar Alfred Arndt Schüler der alten Lichtwarkschule gewesen war und dort zur Reifeprüfung im Herbst 1930 eine verdächtige Arbeit verfasst hätte. Zindler schreibt: „Die Arbeit fußt rückhaltlos auf der marxistischen Klassenkampftheorie und bejaht den historischen Materialismus von Karl Marx. Auf der Schlußseite ist deutlich Stellung genommen gegen Faschismus und die Bedeutung von Rasse und Blut, ebenso gegen die Kräfte der Seele, wie der zersetzende Ungeist des Judentums als unwahr abgelehnt wird.“ Und Zindler wies darauf hin, wie er mit Alfred Arndt umzugehen gedenke: „Ich werde mir angelegen sein lassen, während der Zeit der Kommandierung von Referendar Arndt an der Lichtwarkschule seinen Unterricht besonders eingehend zu überwachen.“ (51) 

Zur selben Zeit säuberte Erwin Zindler die Bibliothek der Lichtwarkschule. 132 Bücher liberaler, sozialistischer und marxistischer Verfasser, vor allem auch zehn Schriften von Walther Rathenau wurden entfernt. (52)

Joachim Wendt beschrieb, dass Zindler bis zuletzt eine Personalpolitik betrieb, die darauf abzielte, „antinazistische Tendenzen auszuschalten“. (53)

So verhinderte Zindler, dass der beurlaubte Lehrer Hans Donandt wieder an die Lichtwarkschule zurückkehren konnte. Zindler hatte geschrieben, es sei „mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß es bei einer Zuweisung an die Lichtwarkschule meinen Bemühungen in Sachen Leitung der Lichtwarkschule wegen der noch in den Resten des alten Lehrkörpers und der alten Schüler bestehenden Bindungen nicht dienlich sein wird." (54) Kurz darauf wurde Donandt an die Hansa-Oberrealschule versetzt.

Schülerinnen und Schüler, die bereits 1933 die Lichtwarkschule verließen und den Übergang von Heinrich Landahl zu Erwin Zindler miterlebt hatten, beschrieben ihn als „Widerling“ oder „Supernazi“. Interessant erscheint, dass Zindler insbesondere im Laufe der Jahre bis 1937 von den Schülern anders wahrgenommen wurde als etwa Berthold Ohm. Joachim Wendt, der mit einigen ehemaligen Schülern gesprochen hat und deren Aussagen auswertete, schrieb: „Wiederholt erscheint Zindler aus Schülerperspektive – im Gegensatz etwa zu den neuen Lehrern Witter, Etzrodt und Ohm – nicht als Nationalsozialist, sondern eher als ein nationalsozialistisch gesinnter Lehrer, der wie sehr viele seiner Generation vom Fronterlebnis des erstem Weltkrieges geprägt wurde und für den im Umgang mit Schülern traditionelle deutsche Kulturgüter stärker im Vordergrund standen als dezidiert nationalsozialistisches Gedankengut." (55)

Auf Berthold Ohm bezogen, resümierte Wendt in Auswertung der Gespräche mit ehemaligen Schülern, dass Ohm in ihren Augen „die eigentliche Verkörperung eines Nazis gewesen" sei. (56)

Darin stimmten Wendt und Hochmuth überein, die nach Gesprächen mit ehemaligen Schülern und Lehrern zum Urteil kamen, dass Berthold Ohm von „ebenso brauner Gesinnung" gewesen sei wie Erwin Zindler. (57)

Erheblich dazu beigetragen, Erwin Zindler in einem günstigen Licht erscheinen zu lassen, hat aufgrund ihrer Prominenz Loki Schmidt. Sie wurde eingangs schon einmal zitiert, als sie dem „Hamburger Abendblatt“ gegenüber am 30.10.1999 von dem Auftritt Zindlers im ersten Stock der Schule erzählte, der damals in den Hof brüllte: „ ‚Diesen roten Saustall werde ich schon ausmisten.‘ Es war das Jahr 1934, und der Oberstudiendirektor Zindler war in die Schule gekommen, um sie im nationalsozialistischen Sinne umzukrempeln. Aber es kam ganz anders. Zwei Jahre später fragte er mich ganz erschüttert: ‚Was haben sie nur aus unserer schönen Schule gemacht?‘ Der besondere Geist der Schule und des Kollegiums, dessen Mitglieder von gemeinsamen pädagogischen Vorstellungen und Idealen eng zusammengehalten wurden, vom Erzkonservativen bis hin zum Kommunisten, hatten ihn verwandelt.“ 1992 hatte sie geschrieben: „Für mich ist Erwin Zindler eine der tragischen Gestalten meines Lebens: in der Schule wurde er zuerst als nationalsozialistischer Umerzieher kritisiert oder abgelehnt. Von der von Nazis beherrschten Schulbehörde wurde er als Versager betrachtet und degradiert. Und nach Kriegsende wurde er als Nazi eingesperrt. Die Schule aber, die er hatte retten wollen, wurde 1937 aufgelöst." (59)

1983 hatte sie geschrieben: Zindler „war zwar ein Nazi, aber er war in irgendeiner Weise auch recht naiv oder beeinflussbar, ich weiß nicht, wie ich es von heute aus gesehen schildern soll. Jedenfalls war er nach kurzer Zeit so beeindruckt von der Atmosphäre der Schule, dass er den Lehrern, die von dem alten Kollegium noch übrig geblieben waren, und das war eine große Zahl, freie Hand ließ." (60)

Nur: Loki Schmidt war am 10.7.1933 dreizehneinhalb Jahre alt. In Gesprächen mit Reiner Lehberger wurde deutlich, dass Erwin Zindler offenbar positiv angetan war von der Schülerin Hannelore Glaser, wie sie damals hieß. Lehberger, der schon zwei Bücher über Gespräche mit Loki Schmidt veröffentlicht hatte und dabei auch jeweils die Erfahrungen mit Schulleiter Erwin Zindler erfragt hatte, schriebin seiner Biografie über Loki Schmidt, wie Erwin Zindler sich in einer für sie sehr wichtigen Situation eingesetzt und für sie etwas erreicht hatte: „Mit dem 8. April 1935, also wenige Tage vor Ostern und damit dem Versetzungstermin in der Obersekunda-Reife, wäre beinahe auch die Schullaufbahn von Hannelore Glaser an der Lichtwarkschule beendet gewesen. Als sie nach der Schule nach Hause kam, hatte ihre Mutter einen Brief in der Hand und machte einen verstörten Eindruck. Das Schreiben kam aus der Fürsorgebehörde, und darin wurde den Glasers mitgeteilt, dass Loki nach Ostern die Schule nicht weiter besuchen dürfe. Es sei nicht damit zu rechnen, dass die Eltern aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage ein Studium bezahlen könnten, so dass eine Fortführung der Schulgeldbefreiung und ein weiterer Schulbesuch nicht infrage kämen. Das von den Nazis propagierte Ideal der sogenannten Volksgemeinschaft war eben nur Propaganda." (61)

Hannelore Glasers Mutter hatte sich daraufhin an Schulleiter Zindler gewandt und in einem Brief um Unterstützung gebeten. Lehberger schrieb: „Erstaunlicherweise setzte sich der von den Nazis eingesetzte Schulleiter Zindler sehr nachhaltig bei der Schulbehörde um die Rücknahme von Lokis Abschulung ein. Auch die Klassenkonferenz fasste in diesem Sinne einen einstimmigen Beschluss, und der Klassenlehrer Römer erstellte einen förmlichen Bericht, in welchem er ihre Charaktereigenschaften und ihre besonderen mathematisch-naturwissenschaftlichen Leistungen lobte. Zindler übersendete auch ein gesondertes Gutachten des Mathematiklehrers Nölle an die Schulbehörde, der seinen überaus positiven, ganz im Lichtwarkschulduktus gehaltenen Bericht so zusammengefasst: „Wenn jemals einem jungen, begabten, aufstrebenden, sonnigen Menschenkind durch staatliche Hilfe über häusliches Geld-Elend hinweg geholfen werden kann, sollte man für diese Schülerin die allererste Anwartschaft geltend machen.‘“

Zindler hatte der Familie Glaser Unterstützung signalisiert und Hannelore Glaser gesagt, „dass er und die Schule sich für sie einsetzten. Sie solle aber dringlichst ihre Frisur ändern, sie sähe aus wie ‚ein Chinese‘ und sie solle vor allem in den Bund Deutscher Mädel (BDM) eintreten."

Die Schulbehörde war von dem Einsatz der Schule positiv angetan. Und Zindler schrieb am 1.6.1935 an Hermann Glaser: „Ich kann Ihnen zu meiner Freude mitteilen, dass meine auf das eindringlichste begründete Eingabe zu Gunsten ihrer Tochter Hannelore Erfolg gehabt hat. Hannelore bleibt nach wie vor in unserer Schule."

Insofern hatte Loki Schmidt mit Erwin Zindler eine für sie existenziell wichtige positive Erfahrung gemacht. Wie übrigens auch andere ehemalige Schüler, auch solche, die Erwin Zindler nach 1945 als Lehrer hatten. Darauf wird noch am Ende eingegangen. Das Beispiel zeigt, dass Zindler mit Schwarzweiß-Kategorien nicht abgebildet werden kann. Aber es kann dadurch auch nicht der Blick dafür verstellt werden, welche Rolle Erwin Zindler als nationalsozialistischer Propagandist und Aktivist im Hamburger Schulwesen gespielt hat.

Eine mehr als dubiose Rolle spielte Erwin Zindler zwischenzeitlich in einem anderen gravierenden Fall. Am 28.3.1934 richtete er ein Schreiben an die Landesunterrichtsbehörde. Darin vermerkte er den Besuch einer Mutter, deren Sohn am Johanneum sitzen geblieben sei und jetzt an eine nationalsozialistische Schule in Berlin umgeschult werden solle. Erwin Zindler war bis 1933 der Klassenlehrer ihres Sohnes gewesen. Die Mutter machte „Andeutungen über die sittlich nicht einwandfreie Unterrichtsführung eines der Lehrer am Johanneum“.  

Sie war nach Zindlers Worten nicht im Stande, genauer zu beschreiben, was unter „sittlich nicht einwandfrei" zu verstehen sei. Zindler bestellte daraufhin ihren Sohn und einen Mitschüler zu sich. „Auf ernstem Vorhalt, nur die reine Wahrheit zu berichten, ferner auf Vorhalt, daß ich gewillt sei, die Angelegenheit weiter zu verfolgen, – sie hätten sich also ihre Aussage doppelt und dreifach zu überlegen," machten sie Aussagen, die Zindler protokollierte und an Oberschulrat Behne weitergab. Es ging dabei um den Studienrat des Johanneums, Ernst Fritz. Zindler führte zwölf Punkte auf, unter anderen:

„Studienrat Fritz hat zum Beispiel gesagt:

1. ‚Der Nationalsozialist ist wie ein Hund. Der hebt auch an gewissen Orten sein Bein hoch.‘
2. Zu einem Schüler der damaligen II b: ‚Sie haben doch nicht etwa Heil Hitler gegrüßt?‘ – Der Schüler: ‚Nein, ich bin kein Nazi."‘ – Studienrat Fritz: ‚Na ja, anständige Leute muss es ja auch geben.‘
4. 1933: ‚Das Horst-Wessel-Lied ist dichterisch unmöglich.‘
10. Herr Fritz erzählt angeblich: ‚Die jungfräuliche Königin Elisabeth von England habe einmal auf einem Schiff einen Prinzen besucht. Als sie wieder herunterkam, habe sie vor lauter Kraft nicht mehr gehen können.‘
11.1932 habe Herr Fritz in der Klasse IIb gesagt: ‚Wenn Hitler ans Ruder kommt, wandere ich aus.‘
12. Herr Fritz ist Klassenleiter einer Sexta. Die Sextaner, von den Obersekundanern nach ihrem Klassenleiter befragt, erklärten angeblich: ‚Fritz ist ein Schwein.‘“ (62)

Was trieb Zindler zu diesem Schreiben? Er war selbst vor 1930 bis 1933 Studienrat am Johanneum, Lehrerkollege vom damaligen Schulleiter Werner Puttfarken (seit 1933) und Ernst Fritz. Er notierte, er „habe heute Herrn Dr. Puttfarken vergeblich zu erreichen gesucht“. Wie hätte er reagiert, wenn Puttfarken im umgekehrten Fall Ermittlungen über Vorgänge an der Lichtwarkschule vorgenommen hätte, um sie ohne Kenntnis des Schulleiterkollegen an die Schulaufsicht weiterzugeben? Möglicherweise spielt verletzte Eitelkeit hier eine Rolle. Unter Punkt drei notierte Zindler: „Im Mai 1933 regt sich Herr Fritz über die amtlich zu veranstaltende Schlageterfeier auf. Ich hatte damals die Weiherede zu halten. Schüler sagen: ‚Wir sind aber reichlich entschädigt worden.‘ Herr Fritz macht eine abfällige Bemerkung, die nicht mehr genau wiedergegeben werden kann, und lachte dazu in hässlich-hämischer Weise."

Kann es einen so simplen Hintergrund geben? Er, Zindler, hatte am 26.5.1933 in einer Aula-Feier im Johanneum zum zehnjährigen Todestag des von den Nationalsozialisten als Märtyrer verehrten Albert Leo Schlageter die sogenannte Weiherede gehalten, und Ernst Fritz hätte hässlich-hämisch gelacht?

Die mögliche Rache Zindlers war der Beginn eines Verfahrens, das Ernst Fritz letztlich in die Hände der Gestapo und in das Gefängnis brachte. Davon hat sich Ernst Fritz gesundheitlich nie wieder erholt. Fritz, dem seine Schüler Ralph Giordano und Walter Jens ein Denkmal setzten „für geleisteten Antifaschismus." (63) Uwe Reimer schilderte den Fall Fritz und kam bei Darstellung auch weiterer biografischer Einzelheiten zu dem Ergebnis, Fritz „sei nicht die Lichtgestalt" gewesen, zu der ihn seine prominenten Schüler machten: „Als Heldenfigur ist Ernst Fritz trotz seines widrigen Schicksals nicht geeignet." (64)

Aber darum geht es nicht. Puttfarken (65), der den Bericht 1934 von Erwin Zindler in Kopie bekommen hatte, „stellte daraufhin Studienrat Fritz zur Rede“. (66) Fritz wurde dann auch von Oberschulrat Walter Behne in die Behörde einbestellt. Werner Puttfarken teilte zwei Jahre später das vormalige Ergebnis mit: „Vom Verlauf dieser Verhandlung machte mir Herr Oberschulrat Behne Mitteilung: Studienrat Fritz sei von ihm verwarnt worden. Auch von mir wurde Herrn F. eine Verwarnung ausgesprochen." (67) Dass weiter nichts erfolgte, begründete Werner Puttfarken so: „Aufgrund des Ergebnisses der verschiedenen Unterredungen waren sowohl Herr Oberschulrat Behne wie auch ich des festen Glaubens, daß Studienrat Fritz für sein zukünftiges Verhalten die nötigen Folgerungen aus diesem Vorgang ziehen werde. Von weiteren Schritten wurde Abstand genommen, um Fritz als Volksgenossen die Möglichkeit zu geben, tiefer in die nationalsozialistische Weltanschauung einzudringen und ihn für den Nationalsozialismus zu gewinnen."

1936 wurde der Fall Ernst Fritz also wieder aufgenommen, weil weitere Vorwürfe von der Hitlerjugend laut geworden waren. Jetzt wurde Walter Behne damit konfrontiert, dass er den Fall von 1934 für geklärt gehalten hatte und daraufhin das Schreiben von Erwin Zindler vernichtete. Für Behne eine unangenehme Angelegenheit: „Als ich das Aktenstück vernichtete, bin ich mir nicht darüber klar gewesen, daß dies unzulässig sei; es ist dabei zu berücksichtigen, daß mir derzeit Erfahrungen auf dem Gebiet der Schulverwaltung noch in hohem Maße abgingen; ich habe mir daher nicht klargemacht, daß ich einen nicht an mich persönlich, sondern an die Behörde gerichteten Bericht auch dann nicht beseitigen durfte, wenn ich die Angelegenheit für erledigt hielt. Ich habe hier in der Tat nur aus Mangel an Vertrautheit mit den amtlichen Gebräuchen gehandelt." (68)

Walter Behne war gerade ein Jahr Schulaufsichtsbeamter ohne vorherige Verwaltungserfahrung. Zur Begründung, warum er die Sache für beendet hielt, führte er an: „Ich hatte niemals bei Fritz beobachtet, daß er dem Nationalsozialismus gegenüber ablehnend sei und hatte daher Zweifel an seiner politischen Zuverlässigkeit nicht gehegt. Ich hatte noch kurz vorher Gelegenheit gehabt, Fritz bei der Abnahme einer Reifeprüfung, und zwar in Geschichte zu beobachten. Die Art, wie Fritz über neuere und neueste Geschichte prüfte, zeigte eine durchaus positive Einstellung. Zu demselben Urteil war der Leiter des Johanneums Studienrat Puttfarken gekommen, mit dem ich damals die Angelegenheit genau besprochen habe. Es war mir allerdings bekannt, daß Fritz überhaupt einen gewissen Hang zur Ironie hat, daß sich aber die Ironie besonders gegen die herrschenden politischen Mächte auswirkt, haben weder Herr Puttfarken noch ich beobachtet, und wir kamen daher übereinstimmend zu dem Urteil, daß es sich nicht sowohl um eine grundsätzliche Gegnerschaft des Studienrats Fritz gegen den Nationalsozialismus und nicht um das Bestreben, den Nationalsozialismus bei den Schülern herabzusetzen, sondern um taktlose Entgleisungen gehandelt habe."

Karl Witt musste auf Anfrage des Gauleiter-Vertrauten und Staatsrats Georg Ahrens erklären, dass er Walter Behne auf seinen Fehler hinweisen würde. (69) Es bleibt die Frage: Was hatte Erwin Zindler zu seinem Vorgehen veranlasst?

1937 gab es einen deutlichen Einschnitt an der Lichtwarkschule und auch für Erwin Zindler persönlich. Am 5.1.1937 übte Erwin Zindler zum ersten Mal heftige Kritik an Berthold Ohm. 1935 und 1936 seien durch ihn „tiefgreifende Erschütterungen" im Kollegium und in den von ihm unterrichteten Klassen entstanden. Zindler befürwortete die Umsetzung Ohms an die von Karl Züge geleitete Bismarck-Oberrealschule. Zwischen Züge und Ohm bestehe „seit Jahren ein vertrautes Verhältnis". Beide gehörten dem Hamburger Vorstand des Philologenvereins an, Züge als Vorsitzender und Ohm als Kassenverwalter. (70)

Am 1.4.1937 wurde das Gebäude des Realgymnasiums Rechtes Alsterufer mit nur noch 150 Schülern geräumt (Schlump/Ecke Bundesstraße ). Die Zusammenlegung mit der Lichtwarkschule in deren Gebäude am Grasweg wurde eingeleitet und Erwin Zindler erstmalig über die Absicht der Schulverwaltung informiert, die Lichtwarkschule mit dem Realgymnasium  Rechtes Alsterufer unter dem Namen „Oberschule für Jungen am Stadtpark“ zusammenzulegen. (71) Schulleiter wurde der bisherige Schulleiter der aufgegebenen Schule, der 16 Jahre ältere Bernhard Studt. Stellvertretender Schulleiter der bisherige Leiter der Lichtwarkschule, Erwin Zindler. Die Mädchen der bisherigen Lichtwarkschule wurden an die Emilie- Wüstenfeld-Schule und die Klosterschule versetzt. (72)

Seine Abberufung als Schulleiter der Lichtwarkschule stellte Zindler im Rückblick 1945 und 1948 als eine geradezu dramatische Aktion gegen einen von den Machthabern als gefährlich angesehenen Menschen dar und brachte sie mit dem Fall Ohm in Verbindung. Seine diesbezügliche Beschwerde beschrieb er 1948 so, dass „ein bedingungsloser Nationalsozialist… dergleichen bestimmt nicht gegen eine nationalsozialistische Behörde tue“, d.h., er sah sich im Rückblick nicht als bedingungsloser Nationalsozialist. (73)

Erwin Zindler setzte jetzt offenbar auch einen anderen Schwerpunkt. Er nahm an Reserveübungen der Wehrmacht teil. Am 4.1.1935 war er schon zum Oberleutnant und Reserveoffizier im Artillerieregiment 20 ernannt worden. Am 1.3.1938 teilte er der Behörde mit, zum Hauptmann befördert worden zu sein. (74). Die Übungen, zu denen er einberufen wurde, dauerten jeweils etwa vier Wochen. Am 3.9.1938 meldete er der Behörde alle Orden und Ehrenzeichen. Es schien, als suchte Erwin Zindler nach dem empfundenen Karriereknick die Rehabilitation bei der Wehrmacht. Im September 1939 nahm er am Polenfeldzug teil, 1940 kämpfte er in Frankreich und danach in Russland bis 1942 als Kommandeur einer Heeresartillerieabteilung. Dort wurde er auch 1942 zum Major befördert. (75)

Über seine Erkenntnisse und „furchtbarsten Kriegserlebnisse“ schrieb er im Entnazifizierungsverfahren 1948. Vorerst klang es anders: Unter der Überschrift „Berichte für besondere Tapferkeit. Politische Leiter wurden ausgezeichnet" brachten die Gaunachrichten der NSDAP 1940 16 Bilder von Ausgezeichneten, und zwar von denjenigen politischen Leitern des Kreises 1 (heute Kreis Nord), „die als Aktivisten des Führers sich auch aktiv an der Front als Soldaten eingesetzt haben", unter ihnen der Ortsgruppenamtsleiter (Schulungsleiter) der Ortsgruppe Otto Blöcker, Pg Hauptmann Erwin Zindler. Er erhielt jeweils die Spange zum EK II und EK I. -In der Ausgabe für Kreis 3, wurde der Politische Leiter dargestellt als „der aktive Parteigenosse, der die Politik des Führers nach den ihm erteilten Anordnungen an der Front des Volkes leitet. Die politischen Führer… sind also Hoheitsträger.… Wir sind gewissermaßen die Fingerspitze des Führers." (76)

Und ein Jahr später meldete das Blatt: „Unsere Schulungsleiter erhielt die Spange zum EK 1. Klasse". Zindler wurde in seinen verschiedenen Funktionen vorgestellt: „Schulmeister, Dichter und Denker – als politischer Leiter und Schulungsleiter ist er uns in der Ortsgruppe Otto Blöcker ein lieber Kamerad, und als Hauptmann und Batteriechef tut er jetzt seine Pflicht für Führer und Volk, unser Pg. Erwin Zindler.“  Zindler selbst schrieb von der Front an „Liebe Kameraden.“ Er nannte seine „brauchbaren Erfolge“ im Frankreichfeldzug wie „die Vernichtung von drei Batterien und erfolgreiches Punkteschießen auf besetzte Kirchtürme“, vor allem aber seinen Anteil an der „Erstürmung von Belfort“ und schloss mit „Euch allen ein kräftiges Heil unserem Führer! Euer Erwin Zindler." (77)

In der Heimat tat sich auch etwas: „Die Schulverwaltung beabsichtigt, dem Herrn Reichsstatthalter den Oberstudienrat Erwin Zindler unter Ernennung zum Oberstudiendirektor als Leiter der Elise- Averdieck- Schule vorzuschlagen. Es wird um eine Mitteilung gebeten, ob von Seiten des Kreises gegen die Ernennung des Oberstudienrates Erwin Zindler Bedenken erhoben werden“, fragte Karl Witt beim Kreisleiter der NSDAP des Kreises 5, Amandus Brandt, an. (78)

Es waren zwei getrennte Welten. Während Soldaten und Offiziere im Krieg waren, wurden sie in ihren Heimatstädten auf Funktionen berufen, befördert und umgesetzt.

Zindler wurde also in Abwesenheit am 30.1.1942 zum Oberstudiendirektor ernannt und bekam an die Feldpostnummer 27705 von Landesschulrat Willi Schulz am 7.2.1942 folgendes mitgeteilt: „Der Herr Reichsstatthalter in Hamburg hat Sie mit Wirkung vom 1. Januar 1942 zum Oberstudiendirektor befördert. Ich beglückwünsche Sie herzlich zu dieser Beförderung und benutze die Gelegenheit, Ihnen für die Zukunft, besonders für die Zeit ihres Einsatzes als Soldat, alles Gute zu wünschen. Mit diesem Wunsche verbinde ich die Hoffnung, daß sie nach dem Siege alsbald ihre Frieden stätigkeit bei der Schulverwaltung arbeitsfreudig und in voller Gesundheit wieder aufnehmen können." (79)

Möglicherweise wurde Erwin Zindler mit dieser Beförderung das Leben gerettet. In einer „Denkschrift in eigener Sache" schrieb er als Anlage zu seinem Entnazifizierungsantrag am 30.6.1948, in welcher Kriegs-Situation ihn die Nachricht seiner Beförderung in Russland erreichte: „Der Winter 1941/42 war mein furchtbarstes Kriegserleben, gegen das die Abwehrschlachten des ersten Weltkrieges fast als geringfügig anzusprechen waren. Ich sah als Kommandeur einer selbständigen Heeresartillerieabteilung vor Moskau – nur 25 km vom Kreml entfernt – den Führungswahnsinn der obersten Heeresleitung sich auswirken, erlebte das Erfrieren und Sterben der Panzerdivisionen, die ohne Winterausrüstung bei 50 Grad Frost in die Schneewüsten gejagt worden waren. Ich beobachtete ferner um die Jahreswende 1941/42 aus nächster Nähe – als Heeresartillerist wechselte ich in schneller Folge die Kommandobehörden – das Fallenlassen bewährter Generale alten Schlages. Die seelische Erschütterung jener Monate war die Veranlassung zu meinem Bruch mit der Wehrmacht. Der entsetzliche Winter hatte mich gelehrt, daß ich meine Truppe nicht mehr nach altüberlieferten Grundsätzen zu führen vermochte.

In dem Augenblick, wo ich im Februar 1942 dem Generalsobersten Reinhard unterstellt war, betrieb ich über meinen Verleger Dr. Hermann von Hase und dessen Vetter, den Berliner Stadtkommandanten General von Hase (nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet) meine Entlassung. Das ist durch Fernschreiben des Generals von Hase und dem Generalobersten Reinhard erreicht worden. Entlassung aus der Wehrmacht am 27. Mai 1942, obwohl kv.“ (80)

Hier wurde nachträglich etwas verdichtet und eine Legende gestrickt. Erwin Zindler war Schriftsteller gewesen und hatte seine Kriegserlebnisse in Romanform verarbeitet. Uwe Reimer schrieb, Zindlers „literarischen Hervorbringungen atmen völkisch-nationalen Ungeist." (81) Das bezog er sowohl auf dessen ersten Kriegsroman „Auf Biegen und Brechen", der den ersten Weltkrieg thematisierte, aber auch den 1943 erschienenen Roman „Und abermals Soldat", in dem Zindler die Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges verarbeitete. Und da klang es anders als in dem Entnazifizierungsschreiben, das Zindler „Schon 1942 Bruch mit der Wehrmacht" betitelte. Reimer über den letzten Roman des Kriegsschriftstellers Zindler: „Das war keine direkte NS-Propaganda, aber eine kitschige Feier des Soldatentums war es allemal. Textprobe: „Gehörten diese Toten nicht in dieses Erdreich, das ihren Lebensquell aufgesogen hatte, als er am Versiegen war? Im Versiegen trugen sie den Sieg davon: ‚Niemand hat größere Liebe, als wer sein Leben lässt für seine Freunde.‘ Dieser Sieg aber wurde zur Last den ihnen verbundenen Seelen, die unter Schmerzen sich weiteten, um alle Welt zu überwinden, – um Wanderer fortan zu bleiben." (82)

Ein „Bruch mit der Wehrmacht“ war dieses Kriegsbuch jedenfalls nicht.

Sicherlich hatten auch Zindlers gute Kontakte zu Gauleiter Kaufmann und dem neuen starken Mann in der Landesunterrichtsbehörde, Albert Henze, zu seiner Rückkehr auf einen Schulleiterthron beigetragen. Die nächsten Karriereschritte zeugten davon.

Bernhard Studt, der ihm vorgezogene Schulleiter der Oberschule für Jungen am Stadtpark, attestierte Zindler eine „vorzügliche Bewährung". Studt schrieb: „In der Schulzucht war er eine besonders kräftige und zielbewusste Stütze des Kollegiums und des Schulleiters. Sein Verhältnis zu den Schülern war energisch bestimmt und doch wohlwollend und freundlich." (83)

Zindler wurde mit Schreiben vom 26.8.1942 zum Schulleiter des Johanneums ernannt (84), Werner Puttfarken, der bisherige Schulleiter, gleichzeitig als Schulleiter an die Oberrealschule Armgartstraße versetzt. Puttfarken hatte in einigen Fällen nicht die vom Oberschulrat Albert Henze gewünschte Härte und Strenge gegenüber der Schülerschaft, insbesondere denjenigen Schülern, die zur Swingjugend zu zählen waren, gezeigt. (85)

Zindlers Ansehen in der Behörde war groß. Er bemühte sich mit Erfolg um die Wiederherstellung der Schulbezeichnung des Johanneums als „Gelehrtenschule" und das Reichserziehungsministerium erkannte das Johanneum als bedeutende höhere Schule an mit der Folge, dass Zindler in eine höhere Besoldungsgruppe überführt wurde, sehr zum Verdruss seines Vorgängers Werner Puttfarken. Für mich bekommt Zindlers an Puttfarken vorbei an die Behörde gerichteter Brief über den Lehrer Ernst Fritz aus dem Jahre 1934 hier noch einmal eine besondere Bedeutung.

Der Stellenwert Zindlers wurde auch deutlich durch seine Beförderung zum kommissarischen Gauamtswalter des Hamburger NSLB für den erkrankten Willi Schulz, der nominell in dieser Position verblieb, aber nicht mehr wiederkam. Zindler war damit auf dem Höhepunkt einer machtvollen Stellung, parallel zu Albert Henze, dem starken Mann in der Schulverwaltung nach Ausscheiden von Landesschulrat Willi Schulz. Erwin Zindler führte wie viele andere Schulleiter einen Kampf mit der HJ, die er und seine Mitdirektoren, in der Regel Reserveoffiziere, als anmaßend ansahen. Auf eine Anfrage des HJ-Bannführers des Bannes Hamburg Nord -188-, Herde, der die Schulleiter zu einer kurzen Besprechung wegen der Schulappelle bat, ihn in der Banndienststelle aufzusuchen, antwortete Zindler, der als „Herr Zindler" angeschrieben worden war: „Nicht ich als Direktor und Stellvertreter des NSLB-Gauwalters komme alsdann zu ihnen, sondern das Umgekehrte dürfte sich empfehlen, zumal gewisse Höflichkeiten im soldatischen Deutschland - wie mir als Major nicht fremd - durchaus nicht abgeschafft sind." An den Kopf des Schreibens hatte Zindler gesetzt: „Johanneum - Gymnasium für Jungen (gegründet 1529). Der Oberstudiendirektor". Und Albert Henze notierte am 1.10.1942 am Rand: „Sehr richtig!" (86)

Erwin Zindlers NSLB-Arbeit hatte einen politisch-agitatorischen Charakter. Er hielt Vorträge zu den Themen: „Soldat und Erzieher“, „Des Führers Auftrag an Schule und Schulung", Auftrag des Führers an die deutsche Schule". (87)

Am 3.2.1943 gab er als kommissarischer NSLB-Gauwalter ein Durchhalteflugblatt heraus. Es war ein bemerkenswerter Kontrast zu den Verlautbarungen Zindlers, als er sich nach 1945 um seine materielle und berufliche Existenz sorgte und behauptete, niemals Nationalsozialist gewesen zu sein. Unter der Überschrift „Erziehung zum zeitnahen Denken" schrieb er im Namen des NSLB:

„Über 40 Monate schon währt dieser Krieg, der ein zweiter Weltkrieg geworden ist. Zur See, in der Luft, in der nordafrikanischen Wüste wie in den schnee-und eisverhangenen Weiten Russlands wird um Sein oder Nichtsein gerungen. Wie hart aber dieses Ringen ist, davon macht sich in der Heimat nicht jeder erwachsene Volksgenosse eine richtige Vorstellung. Um wie viel weniger aber ein Schüler. Wie es Aufgabe der politischen Erziehung in der Schule ist, das geschichtliche Werden Deutschlands in seinen Irrweg en ebenso wie in seinen Höhepunkten begreiflich zu machen, - immer mit dem ständig dabei aufleuchtenden Ziel vor Augen, den jungen Deutschen zum Nationalsozialisten aus innerer Nötigung und Verpflichtung reifen zu lassen, - so fordert der Krieg und seine Dynamik das wache Auge auch für die Ereignisse des Tages."

Und weiter: „Seien wir ehrlich, wie nur Soldaten, denen aus nüchterner Beurteilung der Lage der Entschluss zum Handeln erwächst! - Diese Ehrlichkeit gebietet, festzustellen, daß sich da und dort Zeitgenossen - Alte und Junge - finden lassen, die mit dem Blick nach Osten die trüben Züge in ihrem Antlitz nicht zu bannen Wissen. - Nach den Ursachen solchen Gebarens ist zu fragen.

Als Kämpfer der vordersten Front auch dieses Krieges glaube ich in meiner gegenwärtigen Stellung als k-Gauwalter des NSLB meinen Berufskameraden die Antwort geben zu müssen. Wir Deutsche sind durch die gigantischen Erfolge der Wehrmacht verwöhnt, maßlos verwöhnt worden. Kessel- und Vernichtungsschlacht waren und wurden für uns fast so etwas wie Tagesordnung. Vergessen haben wir, daß Graf Schlieffen sein klassisch gewordenes Werk Cannae nannte, also 2000 Jahre rückwärtsschreiten mußte, um ein Musterbeispiel seiner strategischen Ideen zu finden. Und was erhielten wir dank dem Genie des Führers?

Unsere Führer, Generale aller Grade, waren unter uns. Selbst der Führer erschien an bedrohtester Front. Und der Erfolg war mit uns. In einem Ringen, das härter war als das von mir mitgemachte Ringen um Verdun, haben wir bis zum Eintritt des Tauwetters die Lage wieder hergestellt. Und wieviel Gelände habt ihr preisgegeben, werden die Überklugen fragen? - Was bedeuten, sagen wir so fragenden Zeitgenossen, einige tausend Quadratkilometer in diesem Russland der Grenzlosigkeit? Vertrauen wir vielmehr auf die Führung. Vertrauen gilt der Härte des deutschen Soldaten. Das ist das Gebot der Stunde.

Die Tapferkeit des Herzens nämlich ist der Prüfstein der Bewährung. Und so – scheint mir - ist es eine große und herrliche Aufgabe, gerade jetzt während des Krieges Gedanken solcher und verwandter Art vor deutscher Jugend vorzutragen in dieses Wertes edelster Bedeutung, - nämlich als Fackelträger deutsches Siegeswillens voranzutragen. Hier ist der Ort echtester Erzieherbewährung.

Jeder Lehrer, dem ein Herz in der Brust pocht, glühend für Deutschland, muß zum Anwalt deutschen Lebens werden." (88)

Zindler formulierte 1943 die glühenden Appelle, mit denen die letzten Personen motiviert werden sollen, um an der Front oder, später, in Volkssturmkommandos für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod zu sterben. Und dieser Erwin Zindler behauptete fünf Jahre später, mit der „Wehrmacht 1942 endgültig gebrochen zu haben“?

Über Zindlers Tätigkeit am Johanneum in Kriegszeiten gab es unterschiedliche Resonanz. Uwe Reimer zitierte den unverdächtigen Lehrer am Johanneum, Thede, der stark mit Entnazifizierungsverfahren befasst war. Willi Thede bescheinigte Zindler „große Energie, den Betrieb der Schule aufrecht zu erhalten." (89)

Einmischungen der HJ konnten „bei dem Ansehen, das der Direktor bei der Partei genoß, zurückgewiesen werden."  (90)

Die von Uwe Reimer nach Befragungen ehemaliger Schüler erhaltenen Rückmeldungen sind widersprüchlich. Zindler sei „ein überzeugter Nationalsozialist gewesen", die Schüler erlebten ihn aber auch „als einen begeisternden Vermittler der großen Werke deutscher Kunst und Kultur." (91)

Jemand anderes nannte Zindler einen „unverbesserlichen Nazi, der seine fraglos vorhandenen pädagogischen Fähigkeiten noch 1944 und 1945 zu nutzen suchte, um uns Fünfzehnjährige und Sechzehnjährige für Krieg und Naziideologie zu begeistern." (92)

Diese Einschätzung wurde belegt durch Zindlers Verhalten am 6.6.1944, als die Alliierten in der Normandie landeten. Zindler rief „die Schüler aus dem Unterricht, ließ sie Aufstellung vor dem Direktorzimmer nehmen und verkündete, daß durch die Landung der feindlichen Truppen ein entscheidender Schritt zum Endsieg" getan sei. (93)

Uwe Reimer gab noch ein Beispiel von Erwin Zindlers Schulleiterhandeln. „Das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 hätte ihm ebenfalls Gelegenheit zu vorauseilendem Gehorsam gegeben; hier waren ihm aber die Sommerferien in die Quere gekommen. Am ersten Schultag nach den Ferien setzte er dann sofort die behördliche Anweisung um, ‚den Schülern zu Bewußtsein zu bringen, wie dankbar das deutsche Volk der Vorsehung sein muss, daß ihm der Führer erhalten blieb.‘ Im Schulleitertagebuch heißt es unter dem 27. Juli 1944: ‚Schulbeginn mit einem Appell in der Ehrenhalle. Ansprache des Direktors zu dem Attentat auf den Führer. Brandmarkung des Verbrechens, Hinweis auf Parallelen in deutscher Geschichte." (94)

Während Zindlers rastloser Arbeit starb seine Frau Luise Zindler am 18.12.1942.

Nach „Stilllegung" der Arbeit des NSLB am 18. Februar 1943 wurde Zindler zum „Gauschulbeauftragten der NSDAP in der Leitung der Kinderlandverschickung“ berufen. (95)

Nach der Bombardierung Hamburgs 1943 war der Unterricht weitestgehend zum Erliegen gekommen, ein Großteil der Schüler in die Kinderlandverschickungslager evakuiert worden. Zindler hielt Vorträge im Rahmen der zentral durchgeführten pädagogischen Wochen in der Musik halle vor 1500 Zuhörern, einmal zum Thema „Staat und öffentliche Meinung", dann zum Thema „Der preußische Staat des 18. Jahrhunderts". (96)

Zum „Führergeburtstag" am 20.4.1944 sprach Zindler bei einem Appell in der Ehrenhalle des Johanneums zum Thema „Von der Schwere der Führungsämter" und verglich Hermann den Cherusker, Friedrich den Großen und den Freiherrn von Stein mit Adolf Hitler und nannte dessen „Leistungen von der Beseitigung der Versailler Schande an, Aufhebung der Arbeitslosigkeit, Rettung der deutschen Kultur, Umsicht, Planung und Kühnheit im großen Kriege als Beweise seiner geschichtlichen Größe“. Einer der gefallenen Schüler des Johanneums wurde als Vorbild für die Treue zum Führer hingestellt." (97)

Erwin Zindler blieb rastlos tätig bis zum Schluss. Am Ende befehligte er drei Volkssturmbataillone aus 50- bis 60- jährigen Männern, „verbunden mit der Aufgabe, den Amtsbereich des Reichsstatthalters in Harvestehude abzusichern. Seinen Gefechtsstand über den Abschnitt Eidelstedt bis S-Bahnhof Alte Wöhr und sein Waffendepot verlegte Zindler in den nördlichen Keller des Johanneums. Vom 13. bis 20. März 1945 leitete er einen Volkssturmlehrgang in der Volksdorfer Walddörfer-Schule." (98)

Am 27. 6. 1945 wurde Erwin Zindler auf Anordnung der britischen Militär regierung beurlaubt. Zindler sollte täglich mit mindestens sechs Stunden zu Aufräumarbeiten und Arbeiten in den Sammlungen des Johanneums eingesetzt werden. (99)

Am 20.8.1945 meldete Zindler der Schulverwaltung, von der Kriminalpolizei vernommen worden zu sein.  Es hätten Anzeigen gegen ihn vorgelegen. Die Vorhaltungen: „1. Er sei ein scharfer Antisemit. 2. Er habe langjährig mit nationalsozialistischen Zeitungen und Zeitschriften zusammengearbeitet. 3. Er verkehre nur mit intellektuellen Nazikreisen. 4. Seine Bücher seien typische Naziliteratur." (100)

Zindler hatte alle Punkte bestritten und Gegenbeispiele angeführt, „Beweise", wie er es nannte. Unter Hinweis auf jüdische Freunde führt er aus: Er sei nur gegen „jüdische wie nichtjüdische Minderwertigkeitsnaturen" eingeschritten. Zindler nannte zwei jüdische Beispiele aus der Lichtwarkschule: D., der eine „Onanie- Epidemie" entfesselt habe, und S. wegen „Kameradendiebstahls“. – Den Nichtjuden J. hingegen, Sohn eines Oberlandesgerichtsrates, der ebenfalls das Johanneum besucht habe, habe er „wegen perverser Neigungen der Schule verwiesen." (101)

Im Entnazifizierungsfragebogen vom 17.7.1945 riß sich Zindler dazu hin, auf die Frage 29: „Sind Sie aus irgend einer Stellung aufgrund aktiven und passiven Widerstandes gegen die Nazis entlassen worden?“ zu antworten: „1937 wegen Auflehnung gegen die Schulverwaltung vorübergehend dienstenthoben". (102)

Zindler gab an, als Lager- und Transportarbeiter zu arbeiten. Das Verfahren für Erwin Zindler zog sich hin. Offenbar forcierte auch Zindler das Verfahren nicht, weil ihm klar war, dass nur Zeit seine Aktivitäten verblassen lasse. Am 30.6.1948 legteer eine zehnseitige „Denkschrift in eigener Sache" vor. Zindler schönte in seiner Denkschrift seine Arbeit und bauschte vereinzelte Ereignisse insbesondere an der Lichtwarkschule auf. „Sittliche Verfehlungen" nach §175, Diebstähle, „exhibitionistische, perverse Täter, die turnende Frauenabteilungen belästigt hätten" und - überraschend - „jahrelange Spannungen mit meinem Stellvertreter (Studienrat Ohm)“ sowie die Bagatellisierung seiner propagandistischen Aktivitäten. Seine von ihm so leidenschaftlich durchgeführte Tätigkeit als kommissarischer NSLB-Gauamtsleiter nannte er „Kommandierung zum NSLB und mein Gegenkurs". Er habe insbesondere versucht, im Curio- Haus künstlerische Darbietungen und Kunst sammlungen zu organisieren. Seine Propaganda- und Durchhalteaktivitäten verschwieg er. Seine Denkschrift war ein Beleg für Verdrängung und Verleugnung und extrem selektive Wahrnehmung.

Die vorgelegten Leumundszeugnisse waren entsprechend dürftig. Vom Johanneum meldete sich der Lehrer Dr. H.L. Lorenzen, der wegen seiner jüdischen Wurzeln aus dem Schuldienst entlassen worden war. Lorenzen, der Schwager des fanatischen NS-Aktivisten am Johanneum, Hans Langhein, hatte sich durch inflationäre Persilscheine für erheblich belastete Nationalsozialisten nach 1945 hervorgetan, immer unter Hinweis auf seinen jüdischen Familienzweig. Lorenzen schrieb am 10.4.1949: „Herr Zindler ist nach meinem Dafürhalten ein Idealist, der wohl zuerst große Hoffnungen auf die Partei und ihre Versprechungen gesetzt hat. Er hat aber nie, wie andere Kollegen und Schulleiter, die heute zum Teil bereits wieder im Amt sind, restlos vor der NSDAP kapituliert." (103)

Der ehemalige Generalmajor Söth nannte Zindler einen „hochanständigen Offizier“ und bei Fritz Ulmer, ehemaliger Lehrer und Kollege Zindlers am Johanneum wird Mitleid und Empathie für das Schicksal Zindlers nach 1945 deutlich: „Während der vier Jahre seit seiner Suspendierung und fristlosen Entlassung 1945 hatte er bei härtester körperlicher Beanspruchung als Lastwagenfahrer alle seelischen Belastungen standhaft ertragen." (104) Vorher hatte Ulmer, der selbst einem schwierigen Entnazifizierungsverfahren ausgesetzt war, noch festgestellt: „Er bewährte sich als ausgezeichneter Lehrer, der seinen Schülern menschlich nahekam und sie im Geiste des Humanismus zu wahrheitsliebenden und pflichtbewussten Menschen erzog. Als Schulleiter ein gerechter Vorgesetzter und Kamerad seiner Kollegen, führte er ein vorbildliches Regiment, dem sich jeder gern freiwillig einfügte."

Der Beratende Ausschuss, der sich intensiv mit den vorhandenen Unterlagen beschäftigt hatte, entschied am 28.6.1949: „Die von der Schulbehörde beigefügten Auszüge aus den Personalakten 1. Arndt, 2. Ohm beweisen eindeutig seine üble aktivistische Einstellung in den Jahren nach 1933. Der Ausschuss hat sich durch Aktenstudium und eingehende Unterhaltung mit Zindler nicht überzeugen können, daß er trotz späterer Ernüchterung durch entschiedenes Abrücken seine früheren Vergehen wettgemacht habe." (105) Am 6.9.1949 entschied der Ausschuss, dass Zindler als Lehrer nicht tragbar sei. „Gegen die Gewährung eines Ruhegehaltes in Höhe von 90 % der Pension eines Studienrates bestehen keine politischen Bedenken." (106)

Und der Vorsitzende des Fachausschusses, Friedrich Wilhelm Licht, gab am 10.1.1950 eine entschiedene Stellungnahme ab, nachdem Erwin Zindler gegen die bisherigen Entscheidungen Berufung eingelegt hatte: „Zindler war ein Nazi reinsten Wassers. Das musste auch Oberstudienrat Dr. Thede zugeben, der sonst noch bereit war, für den Betroffenen eine Lanze zu brechen, indem er diese Tatsache auf seine politische Dummheit zurückführen wollte. Jedenfalls ist Zindler zweifellos ein Exponent des Nationalsozialismus in Hamburg gewesen, was schon daraus hervorgeht, daß man ihn nach der Ausbootung des Oberstudiendirektors Puttfarken zum Direktor des Johanneums machte und ihn, als den Nazigrößen im NSLB das Wasser schon bis an die Brust stieg, zum Leiter dieser Organisationen ernannte. Als solcher hat er sich, nachdem der Untergang des Systems bereit deutlich sichtbar war, noch an die Lehrerschaft in einem Schreiben gewandt, indem er sie zum Kampf gegen den Defätismus und zum Glauben an den Führer aufforderte.

‚Kampf‘ war überhaupt die Parole dieses ‚teutschen‘ Mannes. Das Mitglied des Fachausschusses Beuken hat ihn als Volkssturmkommandeur genossen und ist noch heute von den markigen Worten erschüttert, die Zindler in dieser Eigenschaft an seine Untergebenen gerichtet hat. Wenn der Betroffene jetzt behauptet, er habe nur so gesprochen, um seine den Nationalsozialismus unterminierende Tätigkeit zu tarnen, so erscheint diese Aussage dem Fachausschuss unglaubwürdig. Zindler gehörte weiter zu den Lehrern, die als Reserveoffiziere den Kasernenhof als den besten geeigneten Erziehungsplatz für die deutsche Jugend ansahen. Auch das wurde durch die Vernehmung des Oberstudienrats Dr. Thede bestätigt. Da man das Verhalten des Betroffenen im Falle Arndt und das Gutachten, das er über den berüchtigten Studienrat Ohm abgegeben hat, hinzunimmt, so müsste das wohl wirklich genügen, den vom Fachausschuss gefassten Beschluss zu rechtfertigen." (107)

Der Berufungsausschuss für die Ausschaltung von Nationalsozialisten urteilte am 4.3.1950 schon etwas milder: „Der Berufung wird mit der Maßgabe stattgegeben, daß Zindler mit Wirkung vom 1.4.1950 75 % der Pensionsbezüge eines Studienrates und mit Erreichung des 65. Lebensjahres bzw. bei früherem Eintritt der Dienstunfähigkeit die vollen Pensionsbezüge eines Studienrates zugesprochen werden. Gegen die Beschäftigung von Zindler im Verwaltungsdienst bestehen keine politischen Bedenken." (108)

Danach ging es in die juristische Auseinandersetzung. Erwin Zindler ließ sich von Rechtsanwalt Otto von Laun vertreten, der behauptete, Zindler sei nicht wieder eingestellt worden, weil man ihn als Militaristen bezeichnet habe. Laun polemisierte dagegen, ganz unjuristisch: „Die angebliche, militaristische Vergangenheit und Haltung des Beschwerdeführers kann nun schon gar nicht als Grund anerkannt werden, ihn aus dem Dienst zu jagen. Der Beschwerdeführer hatte nichts anderes ‚verbrochen‘, als sich seinem Vaterlande zur Verfügung zu stellen und in zwei Weltkriegen als Offizier freudig seine Pflicht zu erfüllen. Daraus Vorwürfe abzuleiten, ist gewiss nicht angängig und würde umso unverständlicher sein in einem Augenblick, in dem alles darauf hinzielt, wieder eine Heeresmacht zu schaffen, um notfalls jedem Angreifer gegenüber eine schlagkräftige Verteidigung zu ermöglichen." (109)

Der juristische Einsatz beförderte Erwin Zindler nicht wieder in den Schuldienst. Es war Oberschulrat Dr. Hans Reimers, der Personalreferent für die Gymnasien, der sich an Senator Landahl am 28.9.1953 wandte. Er teilte Landahl mit, dass Zindler „sehr gern wieder als Lehrer tätig sein würde. Er arbeitet zur Zeit im Lebensmittelgroßhandel. Es wird uns von vielen Seiten gesagt, daß er sich nach 1945 in seiner Haltung erhebliche Anerkennung verdient hat. Die Personallage zum Herbst 1953 ist für mich sehr angespannt. Ich wäre deshalb bereit, Herrn Zindler zu diesem Termin zu übernehmen. Die Oberschule für Jungen St. Georg, K. E. Doermer, würde Herrn Zindler in das Kollegium aufnehmen." (110)

Reimers hatte offenbar mit Landahl schon einmal über Zindler gesprochen. Denn er erwähnte in dem Schreiben, dass er Zindlers Nibelungenbuch „Der stolze Adel Mensch" inzwischen gelesen habe.

Reimers hatte sich in dieser Sache auch an den Lehrerbetriebsrat gewendet, der sich mit der Wiedereinstellung Zindlers einverstanden erklärte. (111)

Interessant ist, dass der ehemalige Lehrer der Lichtwarkschule, Dr. Roemer, der damalige Klassenlehrer von Loki Schmidt während Zindlers Schulleiterzeit, nunmehr als Betriebsratsvorsitzender der Lehrer fungierte. Und Senator Landahl war bekanntlich der von Zindler abgelöste Vorgänger als Schulleiter der Lichtwarkschule. So schlossen sich Kreise nach 20 Jahren.

Es zog sich noch ein wenig hin. Die Schul-Deputation war am 1.4.1954 mit Zindlers Wiedereinstellung als wissenschaftlicher Angestellter mit vollem Lehrauftrag einverstanden. Zindler übernahm eine 11. Klasse als Klassenlehrer an der wissenschaftlichen Oberschule für Jungen in St. Georgs. (112)

Am 8.12.1954 begutachtete Schulleiter Doermer den „Oberstudiendirektor z.W.v.  E. Zindler“ zum ersten Mal. Er schrieb: „Herr Zindler hat die lang entbehrte Lehrertätigkeit mit Freude und Interesse wieder aufgenommen. Er besitzt gute Kenntnisse auf dem Gebiete seiner Fächer und versteht es, Schüler der Oberstufe zu geistig konzentrierter Mitarbeit heranzuziehen. Auf der Unterstufe hat Herr Zindler, jedoch nur vorübergehend, teilweise wohl auch durch das Fach (Religion) bedingt, Schwierigkeiten in der Kontaktfindung gehabt, sich um diese aber stets, und wie es scheint, auch erfolgreich bemüht. In der Art des Ausdrucks ist Herr Zindler recht klar und für Jungen eindrucksvoll, gelegentlich jedoch auch etwas derb. In allen Angelegenheiten der Klassenführung zeigt sich Herr Zindler zuverlässig und gewissenhaft. Beweglichkeit und Gewandtheit im Umgang mit Menschen haben Herrn Zindler schnell Kontakt finden lassen mit dem Kollegium. Zu jeder sich bietenden Mitarbeit zeigt Herr Zindler sich bereit." (113)

Unter Schulsenator Hans Wenke in der Zeit des Hamburg-Blocks wurde Erwin Zindler am 5.4.1955 beamteter Studienrat auf Lebenszeit. (114)

Ein Jahr später war er schon Vorsitzender des Bezirksaufnahmeausschusses für die Übergänge zum Gymnasium (damals wissenschaftliche Oberschule genannt). Zwei Jahre später wurde er als Kandidat für die Nachfolge des pensionierten Schulleiters genannt. Die beiden Kollegiumsvertreter im Findungsausschuss lehnten ihn wegen seines Alters ab (62). 1958 übernahm Zindler eine Nebenbeschäftigung an der Heeresoffiziersschule Jenfeld. (115)

Am 3.8.1958 wurde Erwin Zindler zum Oberstudienrat befördert. Die Beurteilung seiner Arbeit war jetzt noch positiver: „Mit guten Kenntnissen ausgestattet, vermag Herr Zindler mit unvergleichlicher Vitalität einen selten lebendigen, lebensnahen Unterricht zu erteilen, wobei er durch systematische Kleinarbeit die Voraussetzungen für einen ausgezeichneten Oberstufenunterricht in der Verbindung der Fächer Deutsch, Geschichte und Kunst geschichte zu schaffen vermag. Als lebensfroher, pflichttreuer, von seinem Beruf voll erfüllter Pädagoge wird er von seinen Schülern hoch geschätzt, obwohl er ihnen nichts schenkt, sondern das letzte von ihnen verlangt. Seine pädagogische Begabung und vorbildlicher Haltung machen ihn zu einem vorzüglichen Anleiter für Referendare." (116)

Der Ernennungsvorschlag war wieder von Senator Landahl unterschrieben, nachdem der Hamburg-Block 1957 durch die Bürgerschaftswahlen abgewählt wurde.

Ende März 1961 trat Erwin Zindler dann in den Ruhestand.

Am 5.11.1964 starb Erwin Zindler. Betrauert wurde er von seiner jungen Frau Edda, die er 1949 geheiratet hatte, und seinen beiden Kindern aus beiden Ehen. „Ein reiches, strebendes Erdenleben hat sein Ende und Frieden gefunden." (117)

Erwin Zindler passt in keine Schwarz- oder Weiß-Schublade. Offenbar war er pädagogisch-methodisch für viele Schüler eine ansprechende und inspirierende Lehrerpersönlichkeit. Darüber gibt es vielfältige Zeugnisse und Dokumente. Ich habe Informationen über Kontakte zu ehemaligen Schülern des Gymnasiums in St. Georg, deren Klassenlehrer, Deutsch- und Geschichtslehrer Erwin Zindler 1954 bis 1957 gewesen ist, als er „wieder darauf brannte“, als Lehrer arbeiten zu können. Jürgen Kasiske schrieb: „Erwin Zindler hat mir und ganz sicher den meisten meiner Mitschüler gut getan, mir sind keine Ausnahmen bewusst." (118)  Ein anderer Mitschüler ergänzte: „Ich habe ihn als Klassenlehrer ab der elften Klasse erlebt und zwar als Deutsch-/ Literatur -und Geschichtslehrer. In den erwähnten Fächern hat er mir viel humanistische Bildung vermittelt. Auf der Klassenfahrt im Sommer 1955 in den main-fränkischen Raum hat er meine Begeisterung für die Kirche narchitektur geweckt (Bamberger Dom, Sebaldus- und Lorenzkirche in Nürnberg etc.). Diese Begeisterung hat bis heute angehalten! Über seine Zugehörigkeit zur NSDAP hat er nie gesprochen; er hat allerdings immer den Mut der Männer des 20. Juli 1944 hervorgehoben. Zusammenfassend möchte ich Erwin Zindler als einen liberalen Hanseaten charakterisieren – zumindest so habe ich ihn in bester Erinnerung." (119)

Und Klaus Drefahl, der Zindler offenbar auch als Schüler in St. Georg von 1955 bis 1960 erlebt hatte, charakterisierte ihn folgendermaßen: „Robust-forscher und zugleich fair mit uns umgehender Lehrer, der einen anspruchsvollen, literarisch zielgerichteten Unterricht durchführte und zugleich außerordentlich fleißig war. Betonung des Germanischen, des Heroischen, Abwertung des Marxistischen, Defätistischen, Dekadenten. Der NS-Staat hätte Erlösung schaffen können, wenn es nicht den Proletarier Hitler gegeben hätte, der alles ruiniert habe. Erwin Zindler war auch in der Zeit nach 1945 immer noch von dem Gedanken des Nationalsozialismus bestimmt." (120)

Nach aller Durchsicht von Unterlagen, die Erwin Zindler in seiner Schulleiterfunktion zeigen, lässt sich feststellen, dass Zindler im Gegensatz zu anderen nur aus parteipolitischen und ideologischen Gründen eingesetzten nationalsozialistischen Schulleitern für diese Arbeit nicht ungeeignet war. Er hatte Führungs- und Management-Kompetenzen. Wenngleich er in der Lichtwarkschule an der Komplexität der Aufgabe scheiterte, weil er sich zu sehr auf die Konflikte im Kollegium fokussierte. Alle mir vorliegenden Beurteilungen und viele Rückmeldungen von ehemaligen Schülern belegen, dass Zindler ein inspirierender und kenntnisreicher Lehrer war. Dahinter kann aber nicht verblassen, dass er ebenfalls, entgegen dem von ihm nach 1945 entworfenen Bild, ein überzeugter Nationalsozialist war, ein NS-Propagandist bis zur letzten Stunde. Er war 1933 an der Säuberung der Literatur und der Schulbibliotheken federführend beteiligt. Er hatte die Listen der Bücher mit zusammengestellt, die dann am 15.5.1933 am Kaiser- Friedrich-Ufer vernichtet wurden, spektakulär als Hamburger Bücherverbrennung bekannt geworden.

„Dominant waren seine Affinität zum Militär ischen und sein Drang, innerhalb der Schulverwaltung herausragende Positionen zu bekleiden", wie Uwe Schmidt es charakterisierte. (121)

Seine „erschütternde Erfahrung“ 1942 als Kommandeur 25 km vor Moskau hatte daran nichts geändert. Auffällig erschien Zindlers Abneigung, ja sein Hass gegen alles Unmännliche gewesen. Mit einem gewissen Fanatismus verfolgte er alles, was er für „pervers", „sittlich anrüchig“ hielt und was für ihn unter den „Paragraphen 175“ fiel.

 Am Ende trug er einige Jahre sein erzwungenes Los nach 1945 als Transportfahrer für ein Kolonialwarenhandelsgeschäft ohne große Larmoyanz. Von Jürgen Kasiske habe ich erfahren, dass er dadurch seine 27 Jahre jüngere Frau Edda kennenlernte, die er vergötterte. Aber opportunistisch hat er wortreich nach 1945 im Bemühen, wieder eingestellt zu werden, das Bild als Gegner und Opfer des NS-Regimes gemalt. Beides ist er nicht gewesen. Dieses Bild entsprang der Verdrängung und seiner schriftstellerischen Kreativität.

Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1. Alles zitiert nach, StA HH, 362-2/19_14 und Entnazifizierungsakte Zindler, StA HH, 211-11_Ed 1049, sowie der Personalakte Zindler im Archiv der Archiv der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) Hamburg.
2. Weitere Bücher Zindlers: Der stolze Adel Mensch, Nibelungendrama in fünf Aufzügen, Hamburg 1932; Die Flucht des Sönke Braderup, Frankfurt/M., 1933; Und abermals Soldat, Leipzig 1942.
3. Erwin Zindler: Auf Biegen und Brechen, Leipzig, 1929, S. 5.
4. Ebd., S. 280 f.
5. Von dem GEW-Vorsitzenden ab Januar 1948, Hermann Lange, in einem Gespräch mit Reiner Lehberger und mir am 16.9.1986 erfahren (unveröffentlichte Gesprächsniederschrift).
6. Alle Berichte in Personalakte Erwin Zindler, Archiv der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB) Hamburg.
7. Denkschrift in eigener Sache vom 30.6.1948, Bl. 16 und 17, Entnazifizierungsakte Zindler, a.a.O. Hier spielte Zindler auf Heinrich Landahl an, der als kurzzeitiger Reichstagsabgeordneter der Deutschen Staatspartei dem Ermächtigungsgesetz im Reichstag zugestimmt hatte.
8. Ursel Hochmuth: Lichtwarkschule/Lichtwarkschüler: „Hitler führt ins Verderben. Grüßt nicht!“, in: Ursel Hochmuth/Hans-Peter de Lorent (Hrsg.). Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz, Hamburg 1985,S. 87
9. Joachim Wendt: Die Lichtwarkschule in Hamburg, 1921-1937, Hamburg 2000, S. 342
10. Ebd., S. 343.
11. Siehe Biografie Ohm in diesem Buch.
12. Wendt, a.a.O., S. 433 f.
13. Ebd., S. 344.
14. Zitiert nach Hochmuth, a.a.O., S. 87
15. „Hamburger Abendblatt“ vom 30.10.1999, S. 13
16. Hochmuth, a.a.O., S. 88.
17. Wendt, a.a.O., S. 344.
18. Siehe Hochmuth, a.a.O., S. 89 ff und Wendt, a.a.O., S. 344 ff.
19. Hochmuth, a.a.O., S. 89.
20. Ebd. S.88; wie auch die Einführung des Hitler-Grußes, S. 87.
21. Wendt, a.a.O., S. 348.
22. Siehe ausführlich in Biografie Ohm.
23. StA HH, 362- 2/36_386; Hochmuth, a.a.O., S. 89, „Hamburger Nachrichten“ vom 26.8.1933.
24. „Hamburger Anzeiger“ vom 24.8.1933.
25. Beides in: „Hamburger Nachrichten“ vom 26.8.1933.
26. „Hamburger Tagesblatt“ vom 1.9.1933.
27. In: 100 Jahre Gymnasium Kaiser- Friedrich-Ufer, Hamburg 1992, S. 58 ff.
28. Ebd.
29. Ebd.
30. Wendt, a.a.O., S. 349
31. StA HH, 361-2 VI_417-Sonderaufgaben höherer Schulen, insbesondere im nationalen oder nationalsozialistischem Sinn, 1934-1937
32. Alles zitiert aus der Denkschrift vom 19.1.1934, Personalakte Zindler, a.a.O.
33. Ebd.
34. Alle Zitate aus Hamburger Lehrerzeitung (HLZ) 41/1934, S. 591 f.
35. HLZ 46/1935, S. 447.
36. Ebd.
37. HLZ 46/1935, S.448.
38. HLZ 2/1936, Titelblatt.
39. StA HH, 362-2/20_6 Bd, 1, Akte Ohm
40. Siehe Biografie Ohm
41. StA HH, 362-2/20_6 Bd.1, Akte Ohm
42. Ebd.
43. Ebd. Siehe dazu auch die Biografie Ohm.
44. Ebd.
45. Hochmuth, a.a.O., S. 91.
46. StA HH, 362-2/20_6 Bd.1, Akte Ohm. Siehe dazu auch die Biografie Erna Stahls in: Evelin Moews: Erna Stahl: „Sie war immer der Regisseur“, in: Hochmuth/de Lorent, a.a.O., S. 291ff.
47. Hochmuth, a.a.O., S. 91.
48. Ebd.
49. Ebd.
50. StA HH, 362-2/20_6 Bd. 1 Akte Ida Eberhardt; Wendt, a.a.O., S. 364
51. StA HH, 362-2/20_7
52. Wendt, a.a.O., S. 208 f.
53. Ebd., S. 352
54. StA HH, 362-2/20_6 Bd 1 Akte Donandt
55. Wendt, a.a.O., S. 354.
56. Ebd., S. 356.
57. Hochmuth, a.a.O., S.88.
58. „Hamburger Abendblatt“ vom 30.10.1999, S. 13.
59. Hannelore Schmidt: Gezwungen, früh erwachsen zu sein, in: Wolf Jobst Siedler (Hrsg.): Kindheit und Jugend unter Hitler, Berlin 1992 S. 30ff.
60. Hannelore Schmidt in: Geert Platner und Schüler der Gerhart-Hauptmann- Schule in Kassel, München (dtv) 1983, S. 85.
61. Alle Zitate aus: Reiner Lehberger: Loki Schmidt. Die Biographie, Hamburg 2014, S. 48 ff.
62. Schreiben Zindlers vom 28.3.1934, Personalakte Zindlers, a.a.O. Alle weiteren Zitate ebd.
63. Siehe: Ralph Giordano: Rassismus und Militarismus im NS- Schulalltag, in: Johanneum 1 (1988), S. 21-27; Walter Jens: „Schließt die Augen Jungs“, in: Hochmuth/de Lorent, a.a.O., S. 214 f.
64. Uwe Reimer: Johanneum 1945 – Ende und Anfang, Hamburg 2012, S. 57.
65. Siehe Biografie Puttfarken in diesem Buch.
66. Dieser Vorgang und das weitere Verfahren in Personalakte Ernst Fritz, StA HH, 361-3_A 1838
67. Schreiben von Puttfarken vom 2.6.1936 in Personalakte Zindler, a.a.O.
68. Schreiben vom 9.6.1936 an den Präsidenten der Behörde, ebd.
69. Schreiben vom 11.6.1936, ebd.
70. StA HH, 362-2/20_6 Bd. 1 Akte Ohm
71. Wendt, a.a.O., S. 365.
72. StA HH, 362-2/36_209
73. Entnazifizierungsakte Zindler, a.a.O.
74. Personalakte Zindler, a.a.O.
75. Entnazifizierungsakte Zindler, a.a.O.
76. Gaunachrichten der NSDAP 6.Jg. Nr. 136, 1.Oktober-Ausgabe 1940 Kreis 1, S. 6.
77. Gaunachrichten der NSDAP 6.Jg. Nr. 138, 1.November-Ausgabe 1940 Kreis 1, S. 2.
78. Personalakte Zindler, a.a.O.
79. Ebd.
80. Entnazifizierungsakte, a.a.O.
81. Reimer, a.a.O., S. 17.
82. Ebd., S. 18
83. Schulinterne Personalakte Zindler, a.a.O.
84. Personalakte Zindler, a.a.O., Bl. 131.
85. Siehe Biografien Henze und Puttfarken in diesem Buch.
86. StA HH, 361-2 VI_1530 Zusammenarbeit Schule und HJ
87. StA HH, 362-10/1_6
88. Entnazifizierungsakte Zindler, a.a.O., Bl. 125.
89. Reimer, a.a.O., S. 19.
90. Ebd., S. 19 f.
91. Ebd., S. 21.
92. Ebd.
93. Ebd.
94. Ebd. S. 21 f.
95. StA HH, 362-2/36_326
96. StA HH, 361-2 VI_1699 Bd. 1
97. Archiv Johanneum: Schulleitertagebuch II.
98. Uwe Schmidt: Erwin Zindler, in: Franklin Kopitzsch/Dirk Brietzke (Hrsg.): Hamburgische Biographien, Personenlexikon, Bd 5, Göttingen 2010, S. 395.
99. Personalakte Zindler, a.a.O.
100. Schreiben von Erwin Zindler vom 20.8.1945, ebd. Im Weiteren daraus zitiert.
101. Ebd., Bl. 143.
102. Entnazifizierungsakte Zindler, a.a.O.
103. Schreiben vom 10.4.1949, ebd.
104. Schreiben vom 18.3.1949, ebd.
105. Ebd.
106. Ebd.
107. Ebd., Bl. 69.
108. Ebd., Bl. 74.
109. Schreiben vom 8.5.1952, ebd.
110. Personalakte Zindler, a.a.O., Bl. 202.
111. Schreiben an den Lehrerbetriebsrat vom 9.9.1953, der seine Zustimmung abzeichnet, ebd.
112. Ebd.
113. Ebd.
114. Ebd.
115. Ebd.
116. Beurteilung vom 28.8.1957, ebd.
117. Ebd.
118. Persönliche Mail an mich vom 16.9.2009.
119. Von Jürgen Kasiske am 4.2.2013 mitgeteilt.
120. Nach Mitteilung von Uwe Schmidt an mich vom 10.9.2004.
121. Ebd.
 

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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