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Constantin Bock von Wülfingen

(11.8.1885 Grimm a - 1.1.1954 Bockerode/Springe)
Jurist, Verwaltungsfachmann, Leiter des Hambruger Staatsamtes, NSDAP-, SA- und SS-Mitglied
1933-1936 Landrat (Stormarn), danach bis 1945 u.a. Regierungsvizepräsident (Hamburg),
Harvestehuder Weg 12 (Wirkungsstätte)
Rathausmarkt , Rathaus (Wirkungsstätte)
Isestraße 146 (Sitz der Staatsverwaltung/Staatsamts 1945)

Nur eher beiläufig ist bisher ein Mann aus der „zweiten Reihe“ der Hamburger NS-Herrschaft erwähnt worden. Als Verwaltungsexperte hat er – in preußischer, wilhelminischer Beamtentradition – der ungeliebten Republik nach dem Ersten Weltkrieg gedient, dem neuen „Dritten Reich“ ebenso, diesem allerdings mit einiger Sympathie, und dabei Karriere gemacht. Im Hamburg der NS-Zeit gehörte er bald – und bis zum unausweichlichen Ende - zum engsten Kreis der Machtelite um Reichsstatthalter und Gauleiter Karl Kaufmann. Trotz seiner exponierten Stellung, die allerdings mit keiner betonten Außenwirkung verbunden war, wurde er nach 1945 nicht zur Rechenschaft gezogen.
Julius August Jobst Constantin Bock von Wülfingen – üblicherweise Constantin Bock von Wülfingen [1] – wurde 1885 als Sohn des Landschaftsrats, Rittmeisters und Obersten a.D. Curt Bock von Wülfingen geboren. Standesgemäß besuchte er das Gymnasium (Fürsten- und Landesschule Meißen), absolvierte danach ein Jurastudium und erwarb den Doktortitel. Anschließend wurde er bei der Regierung in Schleswig beschäftigt.
Im Ersten Weltkrieg verwundet und dekoriert, wurde er nach Kriegsende an das schleswig-holsteinische Oberpräsidium versetzt. Seine politische Einstellung zur neuen Weimarer Republik wurde im März 1920 durch seine Teilnahme am antirepublikanischen Kapp-Putsch in Kiel beleuchtet. Nach dessen Scheitern erfolgte eine vorübergehende „Strafversetzung“ nach Koblenz und anschließend an das Reichsfinanzministerium nach Berlin, was seiner Karriere als Verwaltungsfachmann offenbar nicht geschadet hat. (Bis auf wenige Ausnahmen wurden am Putsch Beteiligte nicht juristisch belangt; eine Amnestie wurde bereits im August 1920 ausgesprochen.) Als er 1927 [2] wieder nach Schleswig-Holstein zurückkehrte, wurde er Oberregierungsrat im Landesfinanzamt in Kiel. Nun schloss er sich auch der DNVP an. [3]
Am 12. April 1933 wurde Oberregierungsrat Bock von Wülfingen von den neuen NSDAP-Machthabern zum Landrat von Stormarn bestimmt - mit Amtssitz in Wandsbek. Im folgenden Jahr trat er in die SA ein und wurde Mitglied im NS-Rechtswahrerbund (Leiter der Fachgruppe Verwaltung). Noch war er aber nicht Mitglied der NSDAP. [4] Zusammenfassend wurde ihm – in einem von ihm selbst mit herausgegebenen Band über Stormarn – bescheinigt: „Während seiner Landratstätigkeit wurde die Verwaltung im nationalsozialistischen Geiste neu gestaltet.“ [5] Tatsächlich betrieb er unter anderem „die Auflösung des Kreistages als kommunales Selbstverwaltungsorgan“ [6]. Auch personelle Veränderungen – Entlassungen aus politischen Gründen – wurden vom neuen Landrat im Sinne nationalsozialistischer Vorstellungen selbstverständlich vorgenommen. [7] Als Verwaltungsfachmann wurde er durchaus anerkannt –  etwa vom Regierungspräsidenten Wallroth, der „von den rein fachlichen Fähigkeiten des Landrats überzeugt war“, insbesondere als Leiter eines „besonders schwierigen Kreises – Stormarn -“, wie er anmerkte. [8]
Tatsächlich war die Position des Landrats jedoch keineswegs unangefochten. Ideologische Fehden – es ging dabei wesentlich auch um Machtansprüche der Partei gegenüber dem Staat - zwischen dem preußisch-wilhelminisch geprägten, aus altem Adel stammenden Juristen und Beamten und dem rabiaten Nazi-Aktivisten der ersten Stunde, dem Kreisleiter der NSDAP, Erich Friedrich, einem gelernten Schmied, führten zu einem permanenten Zurückweichen des Landrats. Am Ende verfestigte sich der Eindruck, er habe seine Behörde nicht im Griff, zeige Führungsschwäche – und eine Überprüfung der Finanzen des Kreises (möglicherweise eine der Intrigen des NSDAP-Kreisleiters Friedrich) führten zu „einem desolaten Ergebnis“ [9]. Am 15. Dezember 1936 wurde Bock von Wülfingen jedenfalls entlassen. Mehr noch: Er wurde Anfang 1937 „mit einer Rückstufung in eine Regierungsratsstelle beim Regierungspräsidenten in Osnabrück degradiert“ [10]. Seine Karriere schien einen empfindlichen Knick zu erleiden.
Im Zusammenhang mit der Reorganisation der Region Hamburg („Groß-Hamburg-Gesetz“, 1937) kam Bock von Wülfingen jedoch einen entscheidenden Schritt voran: Er wechselte in den Hamburger Staatsdienst. Von Wandsbek aus hatte er ohnehin nicht nur persönliche und amtliche Verbindungen in Stormarn, sondern ebenso nach Hamburg hin gehabt. [11]
Als Landrat für Stormarn war er auch an den Verhandlungen beteiligt gewesen, die im „Landesplanungsausschuss“ (der seit 1929 bestand) Regelungen für die kontroversen Interessen Hamburgs und der umliegenden preußischen Gemeinden finden sollte. Erstmals in neuer Besetzung (also mit Bock von Wülfingen) – ohne jüdische und politisch unliebsame Beteiligte – trat dieser „Landesplanungsausschuss“ am 4. Juli 1933 zusammen. Nach Vorgaben aus Berlin wurde der Ausschuss dann durch eine „Landesplanungsgemeinschaft“ abgelöst, in der Hamburg, Altona, Harburg-Wilhelmsburg und weitere angrenzende Gemeinden, darunter Stormarn, weiter nach Lösungen der konkurrierenden Interessen suchen sollten. Was sich schon abzeichnete, war die mit dem „Groß-Hamburg-Gesetz“ schließlich entschiedene Lösung; Vorsitzender der „Landesplanungsgemeinschaft“ war Hamburgs Reichsstatthalter und Gauleiter Kaufmann, sein Stellvertreter war Bürgermeister Carl Vincent Krogmann. Mit am Verhandlungstisch bzw. in der Gesprächsrunde saß als Vertreter Stormarns „Beirat“ Dr. Constantin Bock von Wülfingen. [12] Das Gesetz von 1937 beendete dann kurzerhand alle Diskussionen und Streitigkeiten.
Nach seinem Wechsel nach Hamburg war Bock von Wülfingen zunächst „u.a. an der Umsetzung des Groß-Hamburg-Gesetzes“ beteiligt. [13] Wohl auch, um erneuten Auseinandersetzungen mit der Partei vorzubeugen, tat der Verwaltungsjurist nun, was für seine weitere Karriere ohnehin kaum vermeidbar war: Er trat 1937 in die NSDAP ein, 1939 wurde er ebenfalls Mitglied der SS. Dort brachte es der Adlige immerhin zum Obersturmbannführer. [14] 1938 wurde er zum Vize-Regierungspräsidenten in der hamburgischen Staatsverwaltung unter Reichsstatthalter Kaufmann ernannt.
Bock von Wülfingen fungierte damit als Stellvertreter des Senators Ahrens -  des „getreuen Paladins“ (Frank Bajohr) von Kaufmann.  Georg Ahrens (1896-1974), mit einer Reihe von Aufgaben und Titeln – Senator, Staatsrat, Staatssekretär –, war Stellvertreter des Reichsstatthalters und Gauleiters, was die Staatsverwaltung Hamburgs betraf (für die kommunalen Angelegenheiten war, unterhalb Kaufmann, Bürgermeister Carl Vincent Krogmann zuständig, zumindest nominell).  In seiner Eigenschaft als Leiter des Hamburger Staatsamtes – als „Allgemeiner Vertreter“ des Reichsstatthalters – trug Ahrens die Bezeichnung „Präsident“. Bock von Wülfingen, als „Vize-Präsident“, war der Vertreter Ahrens' in diesen Belangen. Somit gehörte er zu den Spitzenbeamten in der Hamburger Staatsverwaltung. [15]
Mit Kriegsbeginn wurde Kaufmann zusätzlich zum „Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis X“ bestimmt; er war damit für die „zivile“ Seite der Verteidigung (an der „Heimatfront“) zuständig. Außer Hamburg schloss der Wehrkreis die Bereiche Schleswig-Holstein, Hannover-Ost und Weser-Ems ein. [16] Kaufmann machte daraufhin Bock von Wülfingen zum „Beauftragten des Reichsverteidigungskommissars für den Bereich des Wehrkreises X“, womit dieser als „Reichsverteidigungsreferent der Hansestadt Hamburg“ auch an dieser Seite der NS-Herrschaft in Hamburg Anteil hatte.[17]
So war Bock von Wülfingen schließlich Mitglied des engsten Kreises von Entscheidungsträgern, die Hamburgs letzte Tage vor der Übernahme durch die britische Militärverwaltung bestimmten. Kaufmanns Entschluss, entgegen dem Willen Hitlers („Nero-Befehl“, 19. März 1945) Hamburg nicht zu verteidigen, wurde in Besprechungen Anfang 1945 zunehmend konkretisiert – und Bock von Wülfingen wurde hinzugezogen, so beispielsweise am 26. März 1945 bei einer „Lagebesprechung“ mit Reichsstatthaltern der Nachbargaue und Militärs im Haus Wedell in der Neuen Rabenstraße. [18]
An seinem Amtssitz, der sogenannten „Reichsstatthalterei“ im Harvesterhuder Weg, hatte sich Kaufmann bereits 1939/40 einen Bunker als bombengeschützte „Befehlsstelle“ in den Garten bauen lassen, und es wurde festgelegt, wer sich dort aufhalten sollte. Auch hier gehörte Bock von Wülfingen zum Kreis der handverlesenen Getreuen Kaufmanns: „Bei zukünftigen Luftangriffen sollten sich neben dem Gauleiter und Reichsstatthalter Karl Kaufmann, der Staatssekretär Georg Ahrens, Senator Dr. Friedrich Ofterdinger, Senatsdirektor Dr. Constantin Bock v. Wülfingen, der stellvertretende Gauleiter Harry Hans Henningsen und der Senatsdirektor Tiedt im Bunker aufhalten.“[19] Ob – vornehmlich oder ausschließlich - in diesem „Bunker die Vorbereitungen für die Kapitulation der Stadt Hamburg stattfanden“, ist ungeklärt.[20]
Unstrittig war Bock von Wülfingen aber einer, der zur Spitze des nationalsozialistischen Hamburg um Kaufmann gehörte, bis ganz zuletzt.
Am 1. Mai 1945  - inzwischen liefen Verhandlungen mit den britischen Militärs wegen einer Kapitulation Hamburgs - kam es zu einem entscheidenden Treffen, wieder mit  Beteiligung des Regierungsvizepräsidenten: „Um 17 Uhr begann die übliche 'Lagebesprechung' in der Reichsstatthalterei am Harvestehuder Weg , welche die offiziell letzte sein sollte, die dort von Kaufmann abgehalten worden ist. Außer Wolz waren u.a. Staatssekretär Ahrens, SS-Obergruppenführer Graf Bassewitz und der Vizepräsident Dr. Bock v. Wülfingen erschienen. (…) Wenige Stunden nach dieser maßgeblichen Sitzung wurde die hamburgische Bevölkerung, das deutsche Volk und die Welt mit einer Tatsache vertraut gemacht, welche die Situation mit einem Schlage sehr veränderte.“[21] Hitler war tot; das Ende des „Dritten Reichs“ ließ sich in Tagen berechnen, in Hamburg in Stunden.
Zwei Tage später, am 3. Mai 1945, rückten britische Truppen in Hamburg ein. Regierungsvizepräsident Bock von Wülfingen befand sich am Harvestehuder Weg . „'Bange Stunden' hatte Julius [sic!] Bock von Wülfingen gewartet, bis spät am Abend britische Soldaten im Harvestehuder Weg 11 eintrafen (…). Gegen zehn Uhr abends war Kaufmann in die 'Reichsstatthalterei' zurückgekehrt (…).“[22]
Damit begann die Herrschaft des britischen Militärs in Hamburg. Die vielfältig anstehenden Aufgaben unmittelbar nach Ende der NS-Herrschaft und -Verwaltung, um das Leben in der in weiten Teilen zerstörten Stadt zu kontrollieren und zu organisieren, führten zunächst zu hektischen Verhältnissen, da die britischen Militärs in den ersten Tagen weder über genügend sachkundiges Personal, noch über hinreichend genaue Kenntnisse der Hamburger Verhältnisse verfügten. „Dies blieb auch deutschen Stellen nicht verborgen. Julius [sic!] Bock von Wülfingen, der kommissarische Leiter der allgemeinen Staatsverwaltung, hatte ein 'Kommen und Gehen' im Rathaus beobachtet,“ [23] gemeint war: ein allgemeines Chaos.
Er befand sich also, ausgestattet mit einem Sonderausweis, der es ihm gestattete, sich ungehindert in Hamburg zu bewegen [24] sozusagen noch immer oder schon wieder im Zentrum des Geschehens: So nahm er am 5. Mai als Vertreter der hamburgischen Staatsverwaltung an der zweiten Sitzung der britischen Militärverwaltung und der hamburgischen Gemeindeverwaltung im Rathaus teil. Dort wurde von Krogmann klargestellt, dass die Staatsverwaltung vorerst nicht aufgelöst werde, und Bock von Wülfingen erklärte, dass er sie in die Isestraße 146 verlegt habe.[25] Zwar sollte die in der NS-Zeit eingeführte Trennung des staatlichen vom kommunalen Bereich bald wieder abgeschafft werden, noch bestanden aber die alten Strukturen: „Das Staatsamt der Staatsverwaltung blieb zunächst bestehen. Sein Leiter, Senator Georg Ahrens, befand sich im Mai 1945 im Krankenhaus. (…) Sein Vertreter, Dr. Bock von Wülfingen, wickelte die Geschäfte der Staatsverwaltung bis zum 9. Juni 1945 ab.“ [26] Auch die britische Militärregierung bediente sich demnach des Verwaltungsfachmanns, der Bock von Wülfing unbestritten war, wie sie überhaupt aus pragmatischen Gründen vielfach auf deutsche Fachleute zurückgriff, auch wenn deren NS-Belastung offensichtlich oder wahrscheinlich war.
Am 31. Dezember 1945 wurde Dr. Constantin Bock von Wülfinge dann doch durch die Militärregierung aus dem Hamburger Staatsdienst entlassen. Offenbar spielte dabei auch eine Rolle, dass „der Bund Freies Hamburg  [Vorläufer der später gegründeten FDP] der Besatzungsmacht am 11. Juni 1945 eine Liste mit Nationalsozialisten, die noch im Hamburger Staatsdienst tätig waren, überreicht hatte.“ [27] Bock von Wülfingen gehörte dazu.
Damit war klar, dass das ehemalige SA-, SS- und NSDAP-Mitglied, das ab 1937 in die exklusive Entscheidungselite des nationalsozialistischen Hamburg aufgestiegen war, seiner Vergangenheit nicht einfach entgehen konnte, nachdem es zunächst so ausgesehen hatte, als könne er als Verwaltungsfachmann den Systembruch 1945 unbeschadet überstehen. Das zog sich hin. Noch Ende 1952 schrieb Bock von Wülfingen an den Staatskommissar in Hamburg für Entnazifizierung (1. 12. 1952) über sein Verhältnis zur NSDAP in seiner Zeit als Landrat von Stormarn und dass er doch 1936 aufgrund von Intrigen des NSDAP-Kreisleiters Friedrich sein Amt verloren habe. [28] Sollte hier eine Legende entworfen werden – Bock von Wülfingen in früher Gegenerschaft zu NSDAP-Strukturen?
Auch dass er sich in den letzten Kriegstagen und -stunden – wie sein oberster Chef, Reichsstatthalter Kaufmann - angeblich dafür eingesetzt habe, fanatische Nazis von sinnlosen Aktionen zur Verteidigung Hamburgs abzuhalten, hat Klaus Detlev Möller überliefert: Bock von Wülfingen habe „im Auftrage Kaufmanns“ eine SS-Abteilung von dem Plan abgebracht, sich noch am 3. Mai 1945 morgens in der Gegend von Ochsenzoll in einer Verteidigungsstellung einzugraben. [29] So günstig sich das für die Einschätzung des Vizepräsidenten liest, was seine Einstellung zum Kriegsende in Hamburg betrifft, so wenig überzeugt doch die Quelle, auf die Möller seinen Bericht stützt: Kein anderer als Bock von Wülfingen selbst hat ihm von seiner mutigen Tat erzählt. [30]
Ohne sich für seinen Beitrag zur NS-Herrschaft in Hamburg verantworten zu müssen – ein Schicksal, das er mit anderen ehemaligen Führungsfiguren teilte (etwa Kaufmann und Krogmann) – ist Constantin Bock von Wülfingen am 1. Januar 1954 auf dem alten Familiensitz, Rittergut Bockerode in Springe, südöstlich von Hannover, gestorben.
Text: Ralph Busch
 

ANMERKUNGEN
1 Bei dem in Michael Ahrens, Die Briten in Hamburg. Besatzerleben 1945-1958 (= Forum Zeitgeschichte 23), Hamburg 2011, erwähnten Julius Bock von Wülfingen handelt es sich um den hier dargestellten Constantin Bock von Wülfingen.
2 In der Kurzbiographie des „Kreisarchiv Stormarn“ ( www.kreisarchiv-stormarn.de/geschichte/landraete/bock.html [24.02.2016]) wird 1921 angegeben, was in der Wikipedia-Biographie übernommen ist.
3 Zur Biographie des Bock von Wülfingen siehe Sebastian Lehmann, Kreisleiter der NSDAP in Schleswig-Holstein. Lebensläufe und Herrschaftspraxis einer regionalen Machtelite (= ZRG-Schriftenreihe, 13), Bielefeld 2007, besonders S. 277-296.
4 Vgl. die falsche Angabe in der Kreisarchiv-Biographie (wie Anm. 2).
5 Wilhelm Jensen, „Die Neuordnung der Verwaltung unter preußischer Herrschaft“, in: Constantin Bock von Wülfingen/ Walter Frahm (Hg.), Stormarn. Der Lebensraum zwischen Hamburg und Lübeck. Eine Landes- und Volkskunde als Gemeinschaftsarbeit Stormarner Heimatfreunde, Hamburg 1938,, S. 502-504, Zitat: S. 504 – Zu diesem Gemeinschaftswerk siehe Hans-Peter de Lorent/Ralph Busch, „ Walter Frahm“, 2016, in der Online-Datenbank „NS-Dabeigewesene“ (www.hambug.de/ns-dabeigewesene)
6 Kreisarchiv Stormarn (wie Anm. 2)
7 Siehe beispielsweise den Fall des Leiters des Wohnungs-, Arbeits- und Wohlfahrtsamts des Kreises Stormarn, SPD-Mitglied Rudolf Lüdemann: „(...) 1933 ergreifen die Nationalsozialisten sich die Macht in Deutschland, in Stormarn setzen sie den Landrat Constantin Bock von Wülfingen ein. Dieser entlässt den Sozialdemokraten Lüdemann. Es sei nicht gewährleistet, dass dieser die Regierung Hitler unterstütze. Wie wahr … Die SA 'verhört' Lüdemann, er wird in Schutzhaft genommen. Sein Haus (…) muss er verkaufen, um seine Familie ernähren zu können. 1943 stirbt Lüdemann.“ („Stolperstein für Rudolf Lüdemann“, www.buschhueter.de/themen/stolperstein-rudolf-luedemann/ (11.07.2016)
8 Lehmann (wie Anm. 3), S. 285
9 Ebd., S. 286
10 Ebd., S. 286, Fußnote 1221
11 Ablesbar etwa auch an verschiedenen Beiträgen von prominenten Hamburger NS-Funktionären aus dem volkskundlich-heimatbeflissenen, kulturpolitischen Bereich – z.B. Rudolf Schmidt – in dem „Stormarn“-Buch, das 1934 geplant und konzipiert wurde (siehe Anm. 5).
12 Zum Komplex „Landesplanungsausschuss“ und „Landesplanungsgemeinschaft“ und der Beteiligung von Bock von Wülfingen siehe Holger Martens, Hamburgs Weg zur Metropole. Von der Groß-Hamburg-Frage zum Bezirksverwaltungsgesetz, Hamburg 2004, S. 86 ff – zum Unterschied der beiden Gremien besonders S. 107 ff.
13 Kreisarchiv Stormarn (wie Anm. 2)
14 Seine adlige Herkunft wurde in der „Eliteorganisation“ SS durchaus geschätzt, ihm selbst verschaffte die SS-Mitgliedschaft möglicherweise eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der Partei (siehe Lehmann – wie Anm. 3 -, S. 283, auch Fußnote 1210).
15 Siehe dazu näher: Uwe Lohalm, „Hamburgs nationalsozialistische Diktatur. Verfassung und Verwaltung 1933 bis 1945“, in: Hamburg im Dritten Reich, hrsg. v. Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 1998, S. 87-117.
16 Siehe ebd.
17 Siehe Kurt Detlev Möller, Das letzte Kapitel, Hamburg 1947, S. 180.
18 Siehe ebd., S. 54.
19 Christine Lindner, „'Gebaut, um übersehen zu werden […]' - der Bunker des Hamburger Gauleiters und Reichsstatthalters Karl Kaufmann“, www.unter-hamburg.de/Bunker-des-Hamburger-Gaul.433.0.html (11.07.2016) – Ofterdingen war für das Gesundheitswesen in Hamburg zuständig; Senatssyndikus Tiedt leitete das Zentralbüro des Reichsstatthalters.
20 Ebd.
21 Möller (wie Anm. 17), S. 133 – Generalmajor Alwin Wolz (1897-1978) war der seit dem 2. April 1945 mit der Verteidigung Hamburgs beauftragte Kampfkommandant, der sich jedoch mit Kaufmann verständigte, Hamburg kampflos an das britische Militär zu übergeben. Georg-Henning Graf von Bassewitz-Beer (1900-1949) war nach den Bombardements der „Operation Gommorah“ seit August 1943, von Kaufmann ernannt, Generalkommissar für das Sicherheitswesen in Hamburg.
22 Ahrens (wie Anm. 1), S. 72 – Ahrens stützt sich u.a. auf „Aufzeichnungen über die Geschehnisse in Hamburg Ende März bis Mai 1945“, geschrieben von Bock von Wülfingen am 20. 05. 1945 (Manuskript im Staatsarchiv Hamburg, 331-1 II, Polizeibehörde II, Nr. 490 (42.20)
23 Ebd., S. 47
24 Ebd., S. 74
25 Siehe Möller (wie Anm. 17), S. 152 und „Niederschrift über die Senatsberatung am 5. Mai 1945“ (Faksimile), unter: www.hamburgsstundenull.de/Archive/34 (19.07.2016), Abschnitt: „Die ersten Schritte zum neuen Senat“
26 Peter Gabrielsson, „Zwischen Kapitulation und Senatsbildung: die hamburgische Verwaltung in den ersten Nachkriegstagen 1945“, in: Hamburg nach dem Ende des Dritten Reiches. Politischer Neuaufbau 1945/46 bis 1949, hrsg. v. Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2000, S. 13-22, Zitat: S. 16 (zuerst in der „Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte“ 1985)
27 Wikipedia: „Constantin Bock von Wülfingen“: de.wikipedia.org/wiki/Constantin_Bock_von_Wülfingen (11.07.2016)
28 Siehe Lehmann (wie Anm. 3), S. 286 (Fußnote 1221): Staatsarchiv Hamburg 221-11 Ad, Nr. 9962.
29 Möller (wie Anm. 17), S. 149
30 Siehe ebd., S. 184 – Möllers Buch hat nach seinem Erscheinen 1947 bekanntlich zu einem Skandal geführt, nicht zuletzt, weil darin die Tendenz, Kaufmann als „Retter“ Hamburgs in günstiges Licht zu rücken, gesehen wurde.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2019: 789 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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