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Hans Henningsen

( Dr. Hans (Nicolaus Amandus) Henningsen )
(25.3.1898 Hamburg – 21.2.1947 Hamburg)
Journalist, Redakteur
Lindenstraße 8 (umbenannt 1950 in Julius-Ludowieg-Straße )

Foto: BArch (ehem. BDC), NSDAP-Zentralkartei, Henningsen, Hans, DR., 25.3.98 (RS) 2
Und trittst Du dann hinaus aus dieser heil’gen Halle ins helle Sonnenlicht, so geh’ erneut mit glaubensstarker Kraft ans Werk des Alltags! Und gedenke bei Deiner Arbeit des Führers.“

Diesen Appell richtete 1934 der bis dahin wenig bekannte Dr. Hans (Nicolaus Amandus) Henningsen (1898-1947) als Hauptschriftleiter (Chefredakteur) an die Leser der „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, einer gleichgeschalteten, durchaus nicht unbedeutenden Regionalzeitung aus Harburg (noch nicht Hamburg-Harburg), deren Auflage 1937 mit 15.384 Exemplaren angegeben wurde.

Autor Henningsen, evangelisch, mit katholischer Ehefrau Herta (1908-1976), schwärmte gläubig-entrückt: „Betreten wir das Innere der Halle, so legt sich nach der ersten Ueberraschung eine Stimmung der Weihe und des stillen Frieden s auf uns. Man glaubt in einer schönen Kirche zu sein. Hier wird ganz seltsam offenbar, was wir schon so oft empfanden: daß am Nationalsozialismus ein religiöser Zug haftet. Wir erlebten das in jenen Tagen und Nächten als ein heiliger Jubel des Volkes den Führer umbrandete und diese dankbare Begeisterung ausmündete in ein tief empfundenes ,Nun danket alle Gott…’“ (beide Zitate aus „Harburger Anzeigen und Nachrichten“, 29. Oktober 1934).

Zu diesen pseudoreligiösen Passagen aus einer seiner bald unzähligen Elogen auf das NS-Reich hatte Henningsen – vom Historiker Nils Köhler „Chronist der Gauleitung“ genannt (1) –  die Begeisterung gebracht, als er vor der Einweihung (4. November 1934) im nahegelegenen Heidedorf Buchholz (Landkreis Harburg) die vom Gauleiter Otto Telschow (1876-1945) initiierte und vom Architekten Herbert Schneider (1904-1992) aufwendig gestaltete NS-Kultstätte „Ehrenhalle der Nationalsozialisten“ besichtigen konnte …  ein wuchtiges, kirchen­ähnliches Gebäude, erbaut auf dem einem armen Aushilfs-Weichensteller trickreich enteigneten Grundstück! [1]

 

Hamburg: Schule, Kriegsdienst, Kommunisten-Abwehr und Studium

Henningsen wurde als Sohn des Verwaltungsangestellten Hermann Eduard Henningsen und seiner Frau Anna Dorothea (geb. Kröger) am 25. März 1898 in Hamburg geboren. Er besuchte die Oberrealschule im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst und bestand Ende 1916 das Abitur. Nach Kriegseinsatz (1917/18; Dienstgrad Musketier) begann er ein Studium der Volkswirtschaftslehre in Hamburg. Zu der Zeit war er (nach eigenen Angaben in seinem Lebenslauf) als Freikorpsmitglied beim dortigen „Bahrenfelder Zeit-Freiwilligen-Korps“ aktiv und nahm im Sommer 1919 an der Abwehr der Kommunistenputsche in Hamburg teil.

Darauf folgte sein Studium – Geschichte, Völkerrecht und Nationalökonomie – von 1920 bis 1922 in Würzburg und in Tübingen (dort bei Prof. Dr. Heinrich Pohl; 1883-1931). Titel seiner Dissertation (222 Seiten): „Der Nord-Ostsee-Kanal im Frieden svertrag von Versailles“. Henningsens Promotion erfolgte in Tübingen am 3. August 1922 zum Dr. rer. pol. (Volkswirt) mit der Benotung „gut“.

 

Magdeburg – Halle – Düsseldorf – Berlin

Dem „Archiv für publizistische Arbeit / Internationales Biographisches Archiv“ (Munzinger-Archiv) vom 15. Juli 1937 war zu entnehmen, dass Henningsen auch Mitarbeiter an zwei Sachbüchern war. So am „Politischen Handwörterbuch“ von Paul Herre, Kurt Jagow (Herausgeber) Verlag K. F. Koehler, Leipzig (1923) und am „Wörterbuch des Völkerrechts und der Diplomatie“ von Julius Hatschek (Herausgeber), Verlag Walter De Gruyter, Berlin (1924).

Während meiner hauptberuflichen Arbeit im hamburgischen Wirtschaftsleben während der Jahre 1923 und 1924, wo ich an der Bank und auf der Börse praktische Wirtschafts­erfahrungen sammelte, betätigte ich mich als freier Mitarbeiter an verschiedenen Tageszeitungen und Zeitschriften. Im Jahre 1925 war ich als Schriftleiter in der Handelsredaktion der „Magdeburgischen Zeitung“ beschäftigt.

Die „Magdeburgische Zeitung“ erschien vom 17. Jahrhundert bis 1944 und gilt als älteste deutschsprachige Zeitung. Ab Juni 1925 wird dort beim Faber-Verlag Henningsens Gehalt auf monatlich 380,- Mark erhöht und ihm die Bezeichnung eines Redakteurs verliehen. (Angabe vom Stadtarchiv Magdeburg)

Von 1926-1928 war ich verantwortlicher Handelsschriftleiter der „Halleschen Zeitung“ in Halle. Von 1929/32 war ich beim Verlag W. Girardet in Düsseldorf als verantwortlicher politischer Schriftleiter der „Düsseldorfer Nachrichten“ tätig und kam von dort als Berliner Vertreter der „Dresdner Nachrichten“ in die Reichshauptstadt.

Zum 1. Dezember 1931 trat Henningsen der NSDAP bei – Mitgliedsnummer 863826.

Mitte des Jahres 1933 wurde ich als Gaupresseamtsleiter in die Gauleitung des Gaues Düsseldorf berufen.

Spuren seiner Tätigkeit sind in den dortigen Stadt-Archiven nicht mehr nachzuweisen, sie befinden sich lediglich in seinen Beiträgen der genannten Blätter. So wird Henningsen im Impressum der „Volksparole – Düsseldorfer Stadt-Anzeiger. Amtliche nationalsozialistische Tageszeitung“ (Völkischer Verlag G. m. b. H. Düsseldorf, bestand bis Februar 1935) als Gaupressechef aufgeführt. Diese Funktion ist dort direkt nach dem Herausgeber (und Gauleiter) Friedrich Karl Florian (1894-1975) und dem Verlagsdirektor Fritz Overdieck (1897-1935) angezeigt, noch vor dem Hauptschriftleiter Heinrich Fetkötter (1902-???) – dem Leiter des Landesverbandes Niederrhein vom Reichsverband der Deutschen Presse –  und dessen Redaktions-Kollegen (Juli 1933).

„Der Reichsverband der Deutschen Presse [RDP] wurde 1910 als Fachorganisation der Deutschen Redakteure und Journalisten gegründet. Seine Zielsetzung lag insbesondere in der Wahrnehmung berufsständischer Interessen wie z.B. in der Gewährung von Rechtsschutz und in der sozialen Fürsorge für seine Mitglieder. Kurz nach der Übernahme durch die NSDAP wurde der Verband dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt und als Fachverband der Reichspressekammer angeschlossen. Im Zuge seiner Gleichschaltung wurde am 30. April 1933 der spätere Reichspressechef Dr. Otto Dietrich (1897-1952) zum Leiter gewählt. Einer der stellvertretenden Vorsitzenden wurde Hauptmann a.D. Wilhelm Weiss, der seit April 1933 auch Vorsitzender des Landesverbandes Berlin war.“ (aus der Website vom Bundesarchiv Berlin)

 

Die Harburg-Buchholz-Zeit

Ab 9. Dezember 1933 übernahm der 35jährige Henningsen in Harburg (eigentlich Harburg-Wilhelmsburg) den Posten des Hauptschriftleiters der Tageszeitung „Harburger Anzeigen und Nachrichten“. Dieses Regionalblatt, Kurzform „HAN“, hatte seine Geschäftsstelle am Sand 23/25. Dort war er „verantwortlich für Politik , Kunst und Unterhaltung“. Eine Wohnung bezog er in der Harburger Lindenstraße 18 (umbenannt seit 1950 in Julius-Ludowieg-Strasse).

Sein Vorgänger war der „Deutschnationale“ Oscar Gumpold, der diesen Posten vom 15. Januar 1931 bis zum 28. Oktober 1933 innehatte. Interimschef bis zu Henningsens Übernahme war Hugo Lutze, der bereits zwischen 1901 und 1931 zeitweilig diese Aufgabe wahrgenommen hatte und nach Henningsens Antritt zuständig für die Regionalbereiche wurde.

Besonders von Harburg aus konnte nun „Dr. H.“, so sein Kürzel für zahlreiche eigene Beiträge, täglich und ganz direkt seine Begeisterung für das Dritte Reich verkünden. Unter dem Credo: „Wir sind alle Prediger und Priester der großen sittlichen Idee des Dritten Reichs“ (aus seinem Gedicht, 5. November 1934 in der „HAN“) belieferte er die Leser auch in Serie mit umfangreichen heroischen Abhandlungen über den Aufstieg der NSDAP („Wie die Revolution marschierte…“) und machte das Harburger Heimatblatt mit ausufernder Propaganda in kürzester Zeit zu einer äußerst aggressiven Partei-Zeitung im Landkreis.

Nicht nur in Zeitungsbeiträgen verbreitete Henningsen seine NS-Ideologie. Auch in separaten Veröffentlichungen, so mit der Broschüre über den Buchholzer Partei-Tempel mit dem Titel „Die Ehrenhalle der Nationalsozialisten“, die 1934 im Niedersachsen-Stürmer-Verlag in Harburg, Otto-Telschow-Straße 12 (heute Moorstraße ) erschien und 1935 mit dem im selben Verlag herausgegebenen Buch „Niedersachsenland, du wurdest unser! Zehn Jahre Nationalsozialismus im Gau Ost-Hannover – Streiflichter aus der Kampfzeit“Titelzusatz: „Nach Angaben, Aufzeichnungen und Zeitungsausschnitten verfaßt und zusammengestellt im Auftrage des Gauleiters STAATSRAT OTTO TELSCHOW“.

Vor allem im Zusammenwirken mit Otto Telschow, dem grobschlächtigen Buchholzer, ab 1937 in Lüneburg residierenden Gauleiter von Ost-Hannover, der Henningsens Niedersachsen-Buch gerne signierte und an verdienstvolle NS-Genossen verschenkte, fiel Henningsens Demagogie im Landkreis auf fruchtbaren Boden.

Ein derart engagierter und offensichtlich überzeugter Partei-Gefolgsmann wie Hans Henningsen fühlte sich bald zu Weiterem, wohl auch zu Höherem berufen. Er wollte nicht nur in der Provinz des Harburger Umlands und im Gau Ost-Hannover seine Fähigkeiten unter Beweis stellen. So leitete er nur bis Ende Juni 1935 die „Harburger Anzeigen und Nachrichten“. Sein Nachfolger wurde der bisherige stellvertretende Hauptschriftleiter Dr. phil Christian Brodbeck (1882-1938).

 

Zwischenspiel in Magdeburg mit Aufstieg nach Berlin

Nach seinem erfolgreichen Gastspiel in Harburg ging Henningsen, der nach eigenen Angaben englisch und französisch sprach, perfekt Schreibmaschine schreiben und stenografieren konnte sowie den Führerschein „Klasse III“ besaß, noch einmal nach Magdeburg. Dort übernahm er im August 1935 die Position eines Gauhauptstellenleiters im Gaupresseamt Magdeburg (von August 1935 bis April 1937) und brachte als Hauptschriftleiter bis April 1937 die NS-Gau­zeitung „Der Mitteldeutsche. Neues Magdeburger Tageblatt. Amtliches Organ der NSDAP“ auf seine Linie. Während dieser Zeit wohnte er in der Großen Diesdorfer Straße Nr. 7.

1936, passend zu seiner neuen Wirkungsstätte, veröffentlichte er dort das Buch „Unser Hauptmann Loeper. Leben und Sterben eines Kämpfers“, eine Lobpreisung auf Friedrich Wilhelm Loeper (1883-1935), den kurz zuvor verstorbenen Gauleiter von Magdeburg-Anhalt. Das Buch erschien im Magdeburger Trommler-Verlag, bei dem Loeper, Ehrenbürger der Stadt seit 1933, bislang als Herausgeber tätig gewesen war.

Während seiner Magdeburger Zeit wurde Henningsen am 15. Oktober 1935 vom „Reichs­verband der deutschen Presse“ zum Leiter des Landesverbandes Mitteldeutschland (Magdeburg) ernannt.

Zwei Jahre später, zum 1. Mai 1937, beförderte Wilhelm Weiß (1892-1950), der maßgeblich die Gleichschaltung der deutschen Presse betrieben hatte, zudem Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“ und SA-Obergruppenführer sowie (ab Juli 1934) Mitglied des Volksgerichtshofs war, Hans Henningsen zum Hauptgeschäftsführer des RDP in Berlin als Nachfolger von Wilhelm Ihde (1883-1968).

Wilhelm Ihde avancierte dabei zum Geschäftsführer der Reichsschrifttumskammer und schloss am 18. März 1938 in dieser Funktion u.a. den durchaus dem Nationalsozialismus nahestehenden Gottfried Benn (1886-1956) aus der Reichsschrifttumskammer (RSK) aus, was Berufsverbot für den Dichter bedeutete.

Die Ernennung zum Hauptgeschäftsführer des RDP war für den strebsamen Henningsen nach seinem ununterbrochenen publizistischen Einsatz für „Führer, Volk und Reich“ die berufliche Krönung. Dabei wurde er gleichzeitig auch Hauptschriftleiter des offiziellen Journals der Reichspressekammer, der zweiwöchentlich erscheinenden „Deutsche Presse – Zeitschrift des Reichsverbandes der deutschen Presse. Zeitschrift für die gesamten Interessen des Zeitungswesen“ (Franz-Eher-Verlag, München-Berlin).

„Der Reichsverband der Deutschen Presse gab für seine Mitglieder die ,Deutsche Presse’ heraus, in der über berufliche Fragen, Politik und Wirtschaft, vor allem aber über Verbandsangelegenheiten berichtet wurde. Sie erschien anfangs wöchentlich und wurde den Mitgliedern bis zum Jahre 1938 kostenlos zugestellt. Ihr Bezug war ,berufsständische Pflicht’. Vom 1. April 1938 an ging das Verbandsorgan mit allen Verlagsrechten an den Zentralverlag der NSDAP, Franz Eher Nachf. über, der sie schon gedruckt hatte. Nunmehr wurde die Schriftleitung im Einvernehmen mit dem Leiter des RDP’ vom Verlag bestellt.“ (Website vom Bundesarchiv Berlin)

In und mit diesen Ämtern konnte Henningsen reichsumfassend Einfluss nehmen, was er fortan extensiv auch tat.  Denn dem „Hauptgeschäftsführer oblag außer der Vertretung des Leiters der allgemeine Geschäftsverkehr, das Personalwesen, die Organisation (soweit der Leiter darauf keinen Einfluss nahm), politische Angelegenheiten, die Anwendung des Schriftleitergesetzes im Einvernehmen mit dem Referat 2, das Finanzwesen und die allgemeine Verwaltung“ (Zitat aus der Website des Bundesarchivs).

Dabei griff er auch repressiv in personelle Belange von Zeitungsverlagen ein. So beispielhaft bei M. DuMont Schauberg in Köln. Dort spürte er jüdische Korrespondenten im Ausland auf und betrieb deren Entlassung mittels Strafanzeigen [3]. Sein Gehalt für dieses Wirken: monatlich 979,86 plus 80,00 RM Aufwandsentschädigung für „Repräsentationszwecke“ und Dienstreisen, die ihn u.a. auch nach Italien führten, so auch zur ersten „Tagung der Union nationaler Journalistenverbände“ (10. bis 12. April 1942) in Venedig.

Durchschnitt licher Monatslohn eines Arbeiters im Jahr 1937: 146, 00 RM.

Bis März 1943 war Henningsen Schriftleiter von „Deutsche Presse“, ab April 1943 vereint mit dem Periodikum „Der Zeitungs- und Zeitschriften-Verlag“ – Fachblatt für die deutsche Presse, Berlin). Vom 10. April 1943 an (Ausgabe Nr. 8) übernahm Wilhelm Weiß diese Aufgaben.

 

Das Lüneburger (End-)Kapitel

„Anfang oder Ende August“ 1943 wurde Henningsen in Berlin-Schöneberg, Martin-Luther-Str. 47, ausgebombt, musste vorerst „möbliert“ unterkommen, sah sich dadurch veranlasst seine Frau Herta (NSDAP-Mitglied seit 1938), die 1938 geborene Tochter Hannelore und sich außerhalb der Reichshauptstadt in Sicherheit zu bringen. Er verlegte seinen Hauptwohnsitz ins rund 30 km entfernte, südöstlich von Berlin gelegene Dorf Neu-Zittau (heute Gosen-Neu-Zittau). Doch auch dort – derart nah beim heftig umkämpften Berlin – wurde es nicht nur für ihn durch Bombardierungen zunehmend ungemütlich und gefährlicher.

Da erinnerte er sich an seinen alten Kampfgefährten aus glücklicheren Zeiten, den Gauleiter Otto Telschow, der bislang fast fern aller Kriegshandlungen noch immer in der Gauhauptstadt Lüneburg aktiv war. Hatte er ihn doch keineswegs vergessen, sondern ihn schon im „Völkischen Beobachter“ vom 27. Februar 1941 ausführlich Zum 65. Geburtstag des Gauleiters von Osthannover gewürdigt: „…die Persönlichkeit Otto Telschows, die sich kundtut in einer glückhaften und harmonischen Synthese zwischen der seelischen Kraft dieses Mannes, der Herzen im Augenblick zu gewinnen vermag, und seiner klugen und überlegenen Art – aus klarem Verstande und jahrelanger Erfahrung geboren – auch im Organisatorischen stets das Richtige zu erkennen und durchzuführen, wobei jedoch das Seelische, das Menschliche, das gütige Verstehen, das unverfälscht Herzliche, oft sogar Drastischderbe wohl stets den Vorrang eingenommen haben.”

Henningsen nahm Kontakt auf und besuchte ihn im Juli 1944. Mit Freund Telschow fand der eifrige NS-Propagandist schnell einen Weg, um aus der umkämpften Reichshauptstadt in –  zumindest vorrübergehende – Sicherheit zu gelangen.

Und so bat das „ Reichspropagandaamt Ost-Hannover“ (Lüneburg, Am Sande 5) mit Schreiben vom 19. August 1944 an das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin, Mauerstraße 45, um Henningsens Freistellung:

 

„Sehr geehrter Parteigenosse Voß !

Auf Einladung des Gauleiters war der Geschäftsführer im Reichsverband der deutschen Presse, Parteigenosse Dr. Hans Henningsen in Lüneburg, um dem Gauleiter bei der Beratung der Zusammenlegung von Tageszeitungen zu helfen. [ein derzeit durch die Kriegseinwirkungen hochaktuelles Thema. Anm. d. A. ] Bei der Gelegenheit stellte sich heraus, daß der Zeitpunkt der Gründung der Gaupresse sehr günstig ist, und aus diesem Grunde hat der Gauleiter Anweisung gegeben, eine gauamtliche Tageszeitung ins Leben zu rufen.

Mit der Hauptschriftleitung des neu zu errichtenden gauamtlichen Organs beabsichtigt der Gauleiter den Geschäftsführer im Reichsverband der deutschen Presse, Dr. Hans Henningsen, zu beauftragen.

 

Wegen der damit notwendigen UK-Stellung wandte ich mich im Auftrage des Gauleiters an Ministerialrat Dr. Flügel in der Personalabteilung des Reichministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Zu Ihrer Kenntnis lege ich eine Abschrift dieses Fernschreibens vor mit der Bitte, die darin vorgetragenen Wünsche einer Erwägung zu unterziehen und die notwendige UK-Stellung des Hauptschriftleiters Dr. Henningsen so bald wie möglich in die Wege zu leiten. Heil Hitler i.V.  Marquardt.“

Henningsen hatte Glück: Das Goebbels-Ministerium entschied schon am 28. August 1944 mit Schreiben an die Reichspressekammer seine Freistellung:

„Herr Dr. Henningsen scheidet zum 31. 12. 1944 aus dem Reichsverband der Deutschen Presse aus. Nach einer Mitteilung des Reichspropagandaamts Ost-Hannover vom 15. 7. 1944 ist er vom Gau-Leiter Ost-Hannover beauftragt worden, im Zuge der Zusammenlegung von Zeitungen in Ost-Hannover eine Gauzeitung einzurichten und als Hauptschriftleiter zu übernehmen. Nach seinen Mitteilungen ist Dr. Henningsen mit dieser Aufgabe bereits befaßt und von dem Reichsverband der deutschen Presse dafür sofort freigestellt worden. Es wird deshalb gebeten, die UK-Stellung von Dr. Henningsen auf die Reichspressekammer zu übernehmen.

Im Auftrage gez. Dr. [Rudolf] Schultz v. Dratzig [1897-1945 / SS-Oberführer / Landesrat / Hauptmann d. R.]“

Ab Januar 1945 übernahm Dr. Gertrud Hoffmann, Leiterin der Abteilung Berufsliste, kommissarisch die Aufgaben, die bislang von Henningsen wahrgenommen wurden.

Nach dem zitierten Schreiben vom 28. August 1944 war Henningsen schon seit dem 15. Juli 1944 in Lüneburg tätig. Die örtliche Meldekartei (Stadtarchiv Lüneburg) mit Stempelvermerk „Vorübergehend“ verzeichnet seine Ankunft in dieser Gau-Hauptstadt als  „Hauptschriftleiter (Angestellter)“ erst zwischen dem  23. und 30. Januar 1945, was allerdings nicht zutreffen kann – sicherlich wohl die Wohnungsangabe.

Hiernach wohnte Henningsen, während sein Hauptwohnsitz Neu-Zittau blieb (Angabe auf der Meldekarte), in der Soltauer Chaussee 43 bei Carl Moritz Müller (1878-1956), einem Parteigenossen (seit 1. Mai 1932, Mitglieds-Nr. 1176518). Müller war Geschäftsführer der gegenüberliegenden, 1856 gegründeten, „Fabrik für Betonwaren und Betonwerksteine A. D. Müller“, in der Soltauer Chaussee 50. Es war eine Firma in der, wie in vielen Lüneburger Betrieben, auch sogenannte „Fremdarbeiter“ eingesetzt waren. (Die „Soltauer-Chaussee“ wurde 1948 unter Beibehaltung der Haus-Nummerierung in „Soltauer-Straße“ umbenannt).

Geplant war, den zuvor zitierten Schreiben zu entnehmen, sowie entsprechend eines Tele­gramms (15. Juli 1944), die Umwandlung „Lüneburgsche Anzeigen“ in eine parteiamtliche Gauzeitung sowie Telschows Wochenzeitschrift „Niedersachsen Stürmer – Gauamtliches Organ des Gaues Ost-Hannover und alleiniges Verordnungsblatt der Gauleitung“ in eine „kulturpolitische Monatszeitschrift des niedersächsischen Heimatgaus“. Doch es kam ganz anders.

Denn Henningsen ging, der derzeitigen Not gehorchend, radikaler vor: Der samstags erscheinende „Niedersachsen Stürmer“ (Niedersachsen-Stürmer-Verlag G. m. b. H. Lüneburg, Verlagsanschrift: Haus der Arbeit. Schröderstraße 16, hergestellt bei der örtlichen Verlagsdruckerei Hoppe & Co.) wie auch das private Traditionsblatt „Lüneburgsche Anzeigen“ wurden zum 31. Dezember 1944 eingestellt. Das „Haus der Arbeit Schröderstraße 16" war bis zum 1. Mai 1933 das „Volkshaus“ ( Gewerkschaft shaus), das dann von den Nazis beschlagnahmt und in „Haus der deutschen Arbeit“ umbenannt wurde.[2]

Die „Lüneburgsche Anzeigen – Heimatblatt für den Regierungsbezirk Lüneburg, Amtl. Kreisblatt für Stadt- und Landkreis Lüneburg“, deren erste Ausgabe im Jahr 1811 erschienen war, hatten sich mit einem emotionalen und ausführlichen Rückblick auf ihre Geschichte am Freitag, den 29. Dezember 1944 in der Nummer 305 von ihren Lesern verabschiedet. 

Mit dem 134. Jahrgang wurde dieses Kapitel Lüneburger Presse-Geschichte durch die NSDAP zwangsweise beendet. Zwar noch angekündigt mit „Fortsetzung folgt“, blieb der Roman „Arend Oldiges kehrt heim“ von Georg Schäfer dabei unvollendet. Die Impressumsangabe der letzten Ausgabe zeigte an: Druck und Verlag v. Stern’sche Buchdrucker ei K.G. Verlagsleiter: Erich v. Stern [1899-1979], z. Zt. im Felde; Vertreter: Wilhelm Gampe [1868-1962]. Hauptschriftleiter: Carl Christian Reher [1900-1963]. Berliner Schriftleitung: Hans [Joachim] Graf [von] Reischach [1908-1966].

Diese Entscheidung zur Zeitungs-Neugründung erläuterte, konträr zu seinen bisherigen Wünschen und Absichten, Otto Telschow mit einem vom 1. Januar 1945 datierten Grußwort in der Nr. 1 des neuen Blattes (Dienstag, 2. Januar) unter dem Titel „Der ,Lüneburger Zeitung’ zum Geleit!“: „Wiederholt wurden seit dem Jahre der Machtergreifung Wünsche laut, eine parteiamtliche Tageszeitung für den Gau Osthannover ins Leben zu rufen. Ich konnte mich diesen berechtigten Wünschen nicht mehr länger verschließen und gab meine Zustimmung zur Gründung des Gauverlages […] in dem mit Jahresbeginn 1945 die neue gauamtliche Tageszeitung, die ,Lüneburger Zeitung’ erscheint.“

Die Verlagsrechte der zwangsweise eingestellten Zeitungen verloren diese Blätter an den neugegründeten Gauverlag Lüneburg GmbH. und an dessen „Lüneburger Zeitung. Amtl. Organ des Gaues Osthannover der NSDAP und der Behörden“. Als Hauptschriftleiter der neuen Parteizeitung zeichnete Dr. Hans Henningsen, Verlagsleiter war Paul Friedrich Scharke. Einzelverkaufspreis der Zeitung: 15 Rpf.

Das Blatt erschien dann vom 2. Januar 1945 „täglich früh, außer sonntags“, Anschrift: Am Sande 30/31… dort wo zuvor die „Lüneburgsche Anzeigen“ ihre Hauptgeschäftsstelle hatten.

Dabei wurde für die Herstellung der neuen Zeitung auch die seit 1614 und bis heute existierende von Stern’sche Buchdrucker ei in Lüneburg (damals Am Sande 31) verpflichtet. (Das Unternehmen gibt heute die „Landeszeitung für die Lüneburger Heide“ heraus, die vom 15. Januar 1946 bis 21. September 1949 „Lüneburger Landeszeitung“ hieß).  

Knapp zehn Monate vor Kriegsende hatte Henningsen eine neue Aufgabe übernommen, deren Ergebnis sich ab Januar 1945 zeigte. Daneben vernachlässigte er auch seine privaten Interessen nicht und beantragte Anfang 1945 beim Reichsverband der Deutschen Presse noch eine Trennungsentschädigung für die Zeit, in der er seine Frau wegen der Ausbombung außerhalb Berlins hatte unterbringen müssen. Das für die damalige Zeit wohl ziemlich dreiste Ansinnen wurde am 14. April 1945 abgelehnt. Begründung: „… der Anspruch ist nicht begründet … [denn] wenn alle Beamten und Angestellten des öffentlichen Dienstes, die ihre Familien wegen Luftgefahr oder wegen Bombenschadens ausserhalb untergebracht haben, Trennungs­entschädigung erhalten würden, eine enorme Belastung der öffentlichen Hand eintreten würde“

Allerdings war Henningsen auch in Lüneburg nicht sicher, denn diese Stadt blieb ebenfalls von Bomben nicht verschont. Insgesamt gab es 19 Luftangriffe im Raum Lüneburg. So auch am 22. Februar und nicht weniger verheerend am 7. April 1945 – was die „Lüneburger Zeitung“ am 12. April unter abwiegelnd-falscher Überschrift – „45 Todesopfer“ – mit drei Zeilen erwähnt: „Bei dem letzten feindlichen Terrorangriff auf  Wohngebiete unserer Stadt sind nach den bisherigen Feststellungen 45 Todesopfer zu beklagen.“ – die über 150 KZ-Häftlinge, die bei den Einschlägen in einen Gefangenenzug beim Lüneburger Bahnhof ihr Leben ließen, etliche dort auch noch ermordet wurden, blieben unerwähnt.

Dafür wurde mit einem namentlich nicht gekennzeichneten Text zur Jagd auf entflohene KZ-Häftlinge und direkt zu Mord aufgerufen: „Sie sind zu stellen und festzunehmen. Für den Fall, daß die Konzentrationsgefangenen sich zur Wehr setzen sollten, sind sie unter allen Umständen unschädlich zu machen.“ (Lüneburger Zeitung, 11. April 1945)

Die Zahl der Opfer beider Tage wird heute auf etwa 600 geschätzt.

Ohne Autoren-Hinweis, doch wohl auf Anordnung Telschows, erschien in der „Lüneburger Zeitung“ vom 16. April 1945 während „die braunen Propagandisten des Gaupresseamtes, schon auf den gepackten Koffern sitzen […] eine ,Klarstellung zu einer allgemein besprochenen Frage’. Da lesen die Einwohner der Gauhauptstadt noch einmal unmissverständlich und drohend das Himmler-Wort: ,Keine deutsche Stadt wird zur offenen Stadt erklärt. Jedes Dorf und jede Stadt werden mit allen Mitteln verteidigt und gehalten. Jeder für die Verteidigung eines Ortes verantwortliche deutsche Mann, der gegen diese selbstverständliche nationale Pflicht verstößt, verliert Ehre und Leben’.“  (Zitat aus „Lüneburg 45“, S. 85, siehe Anhang)

Doch Stadtkommandant Oberstleutnant Helmuth von Bülow (1899-1965) sowie Lüneburgs Polizei major Alfred Sehrt (1904-1975) widersetzten sich dieser selbstmörderischen Durchhal­teparole, ihr sicheres Todesurteil riskierend. Denn nur wenige Tage zuvor, wurden von Telschow angeordnet, im Kreis Verden zwei Bürgermeister aus solchem Anlass hingerichtet. Bülow und Sehrt aber verhinderten mit ihrer Befehlsverweigerung mutig die sicherlich völlige Vernichtung der tausendjährigen Stadt und den Tod vieler ihrer Einwohner.  So wurde Lüneburg „offene Stadt“ und es marschierten die Briten dann am 18. April 1945 – zwei Tage nach dem Durchhaltebefehl – um 14.30 Uhr kampflos in den Ort ein – mit einer deutschen Geisel als „ Kugelfang “ vorn auf dem ersten Panzer…. [4]

Mit der NS-Herrschaft war es von dem Tag an vorbei, und es endete dort gleichzeitig nach nicht einmal vier Monaten Dr. Hans Henningsens neues – und zugleicht letztes –publizistisches Wirken.

Seine „Lüneburger Zeitung“, war mit 6 Seiten Umfang im Januar gestartet, hatte dann vier, auch einmal wieder sechs (samstags), oft und ab Anfang März 1945 fast nur noch zwei Seiten – wobei es dann auch für den Romanabdruck „Torheit der Jugend“ von Erich Ebermayer (1900-1970), der ab Mitte Februar „nur noch sonnabends“ zu lesen war, am Ende weder die angekündigte Fortsetzung noch einen Schluss gab – doch das dürfte derzeit ganz sicher das wohl geringste aller Probleme der Lüneburger gewesen sein.

Neben „Führer-“ und Goebbels-Reden im vollen Wortlaut sowie Gauleiter-Verlautbarungen war in den Blatt in unzähligen Artikeln – auch in Henningsens Beiträgen – eine starke antisemitische wie auch extrem rassistische Grundhaltung vorherrschend.

Henningsens ausufernde Leitartikel mit literarischen Bezügen sowie Beispielen zu heldenhaftem Widerstand und den dafür angeblichen historischen Vorbildern erschienen jeweils in den Wochenendausgaben. Insgesamt waren es 13 derartige Beiträge, letztmalig am 7./8. April 1945.

Am 11. April erschien – „Zum Aushang   Kein Einzelverkauf“ – „aus technischen Gründen“ nur ein einseitig bedrucktes Blatt mit der Titelseite als Nr. 85.

Die Nr. 88 vom 14./15 April 1945 zeigte im Impressum an: „Verantwortl. Schriftleiter: Carl-Christian Reher; in der folgenden Ausgabe Nr. 89, 16. April 1945, war dann zu lesen: „Hauptschriftleiter Dr. Hans Henningsen, in Vertretung: Schriftleiter Carl-Christian Reher“ … der bis Ende 1944 Hauptschriftleiter (Chefredakteur) der eingestellten „Lüneburgschen Anzeigen“ gewesen war.

Diese dann letzte Ausgabe der „Lüneburger Zeitung“, die Nr. 89, erschien zwei Tage vor Einzug der englischen Soldaten.

Sämtliche Pläne und Vorhaben von Hans Henningsen waren somit bereits am Dienstag, den 17. April 1945, buchstäblich zu Makulatur geworden. Und genau eine Woche später, am 24. April, ebenfalls ein Dienstag, ging dann auch die von ihm 1934 so innig besungene „heil’ge Halle“ der Nationalsozialisten im nahen Buchholz in Flammen auf – von den Engländern demonstrativ in Brand gesetzt … hinzubefohlene Bürger des Ortes mussten sich die Vernichtung ihrer Kultstätte mit ansehen. [1]

Henningsens Freund, Gauleiter Otto Telschow, Initiator der Buchholzer NS-Kultstätte, war noch vor Einmarsch der Engländer aus seiner Villa in der Lüneburger Schießgrabenstraße 8/9 („Telschow-Villa“) in sein rund 25 km entferntes Jagdhaus Sommerbeck bei Dahlenburg geflohen. Dort wurde er von britischen Soldaten festgenommen, wobei er einen Suizid-Versuch unternahm. Nach Lüneburg zurückgebracht, starb er am 31. Mai 1945 an den Folgen seines Selbstmordversuchs im dortigen Krankenhaus. Wenige Tage zuvor, am 23. Mai, war auch der von den Engländern entdeckte und gefangengenommene Reichsführer SS Heinrich Himmler (1900-1945) in der Stadt unter bis heute nicht exakt dokumentierten Umständen ums Leben gekommen. Er starb im linken Erkerzimmer des Hauses Nr. 31a in der Uelzener Straße. In diesem Backstein-Doppelhaus befand sich derzeit das Hauptquartier der britischen Besatzungsmacht (Security Force Headquarter of the British Army of Occupation). Jahre später war dort einige Zeit die Selbsthilfe-Organisation „Lebensabend-Bewegung“ e. V. tätig.

Henningsen verließ die Stadt, doch nicht am 30. Oktober 1946, wie die mit einem Fragezeichen versehene Angabe auf der städtischen Meldekartei vermerkt, wonach er „nach Unbekannt“ verzogen sei. Auch dieses Datum, wie schon die Angabe auf der Karte zur Ankunft in Lüneburg ist nicht zutreffend: die Hamburger Meldekartei vermerkt seinen Zuzug in die Hansestadt für den 17. Juni 1946.

 

1947: Henningsens Ende in Hamburg

Weitab der zerstörten Innenstadt hatte er mit Ehefrau Herta und der siebenjährigen Tochter Hannelore bei Henningsens Mutter Anna in deren kleinem Einfamilienhaus im Waldgebiet von Rissen eine Bleibe gefunden. (Vater Hermann Henningsen, Verwaltungsobersekretär i. R., war am 18. November 1945 verstorben). Der Zuzug von Ehefrau und Kind ist dokumentarisch nicht belegt, wahrscheinlich erfolgte er schon 1943/44 nach der Ausbombung in Berlin.

Hans Henningsen befürchtete sicherlich, im Zuge der Entnazifizierungs-Verfahren, die ab Ende 1945 in der Hansestadt begonnen hatten, wegen seiner NS-Aktivitäten ernsthafte Probleme zu bekommen, und gab sich als „ Kaufmann “ ohne Dr.-Titel aus. Diesbezügliche Tätigkeiten dürfte Henningsen allerdings kaum entfaltet haben. Denn eine sicherlich nicht auskurierte Krankheit hatte sich zurück gemeldet.

War dem glühenden Hitler-Verehrer vom Berliner Facharzt für Innere Medizin , Dr. Walter Prosser, schon im Jahr 1941 „in Anbetracht der Beschwerden“ ein Erholungsurlaub von „mindestens 4 Wochen“ per Attest verordnet worden, so hätte dies dem inzwischen Schwerkranken in Hamburg wohl kaum mehr geholfen. Henningsen musste im Allgemeinen Krankenhaus in Hamburg- Altona behandelt werden.

Doch vergeblich waren die ärztlichen Bemühungen, der rastlose NS-Propagandist – nach der Sterbeurkunde Nr. 275 vom 26. Februar 1947 war es der „ Kaufmann Hans Nicolaus Amandus Henningsen“ –  verstarb dort am 21. Februar 1947 um 13.00 Uhr – knapp sieben Monate nach seiner Übersiedelung von Lüneburg und wenige Tage vor seinem 49. Geburtstag. Als Todesursache gab das Krankenhaus „Diphtherie, Postdiphtheritische Lähmung, Myocardschaden“ an – kurz: ihm versagte dabei das Herz.

Henningsens Witwe Herta (Maria Martha) Henningsen, geb. Sander, mit der er seit 1933 verheiratet gewesen war, blieb mit Tochter in Henningsens Elternhaus auch nach dem Tod ihrer Schwiegermutter (1954) wohnen und schlug sich fortan als Kontoristin durch.  Sie stammte aus Brüx (C.S.R./ Tschechoslowakische Republik). Anlässlich der Weltwirtschaftskonferenz (12. Juni bis 27. Juli 1933) hatte sich das Paar in London aufgehalten und dort am 19. Juli 1933 geheiratet, wodurch Herta Henningsen deutsche Staatsbürgerin geworden war. Seit dem 1. Dezember 1938 (Aufnahmeantrag) war sie Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 6428079).

In ihrem am 17. Oktober 1947 von ihr selbst handschriftlich ausgefüllten Fragebogen zur Entnazifizierung gab sie als Beruf „Zimmermädchen“ (Gehalt 130 RM) an. Sie wurde am 3. März 1948 als „Entlastete“ (Kategorie V) eingestuft, wogegen es „keine Bedenken“ und es für sie auch keine Auflagen gab. Herta Henningsen verstarb 29 Jahre nach ihrem Ehemann am 3. April 1976 im Alter von 68 Jahren. Der Tochter Hannelore, geboren am 16. September 1938 in Berlin, war bereits 1947 das von den Großeltern geerbte Haus mit Grundstück (2000 qm)  überschrieben worden – eine vorsorgliche, von einstigen Parteiangehörigen durchgeführte Absicherung gegen gerüchteweise vermutete Enteignungen durch die Besatzungsmacht.

 

Schlussbetrachtung

Bei genauer Untersuchung der veröffentlichten Texte von Hans Henningsen ergibt sich zwangsläufig die Frage, wie ein Mann, der zweifelsfrei zu den intelligenteren Vertretern der Nationalsozialisten gehörte, selbst hat glauben können, was er z. B. nicht nur begleitend zur Entstehung der Buchholzer „Ehrenhalle“ den Lesern zumutete. Die Antwort darauf kann keineswegs nur auf „Überzeugung“ lauten.

Was mit ihm und von ihm z.B. für das NS-Bauwerk in Buchholz initiiert und vor allem auch später bei anderen Ereignissen in der Presse propagiert wurde, was er sogar noch zum Ende seines Lebens während des wohl von jedem ersichtlichen Niedergangs des NS-Reichs mit langen Leitartikeln in der „Lüneburger Zeitung“ veröffentlichte, war zwar perfekt formulierte,  doch insgesamt nur hohle, phrasengefüllte Propaganda – auffallend glatt und durchschaubar aufgesetzt wie kommerzielle Werbung.

Henningsens Verlautbarungen für die NSDAP aus den Jahren seines Wirkens scheinen, aus solchem Blickwinkel betrachtet, nicht nur zielgerichtet zu einer von ihm selbst vielleicht so gewünschten und erhofften „großdeutschen Ordnung“ zu stehen. Sein fast plakativ wirkendes Engagement für den NS-Staat war für ihn wohl mehr ein von Beginn an frei gewählter Weg, um mit strammer, öffentlich bekundeter Einstellung Karriere zu machen, um sich damit in der Partei-Hierarchie an exponierter Stelle behaupten und halten zu können, an deren propagandistischen Schalthebeln er stand und stehen wollte.

Sein letzter Beitrag trug am 7./8. April 1945 die Überschrift: Das große Wunder. Henningsen verkündete darin mit über 240 beinahe heldenhaft klingenden Zeilen unbeirrt, als schon die englischen Truppen fast ganz Niedersachsen erobert hatten und begannen, seinen Zufluchtsort Lüneburg einzunehmen: Der Feind wird sich noch wundern. Und der Autor beendete seinen Durchhalte-Appell mit dem Zitat: Nach dem ewig gültigen Worte Fichtes: „Wer das Höchste, was man hienieden verlieren kann, das Leben, dransetzt, gibt den Widerstand nie auf und siegt ohne Zweifel.“

„Wer im nationalsozialistischen Herrschaftssystem Karriere machen oder auch nur sich behaupten wollte, der bewegte sich in einem Umfeld, das durch Bespitzelung und Bedrohung, Postenschacher und Liebedienerei gekennzeichnet war.“ [5]. Hierin war Henningsen an einflussreichen Stellen dominierend eingebunden. Und wie man sehen kann, hat er bis zum Schluss unbeirrt an seiner Maxime festgehalten. Es war dann allerdings derzeit wohl nicht nur sein alleiniger Traum, aus dem er – wie viele mit ihm – endlich erwachen musste.

Es ist nicht überliefert, wie und ob Henningsen den sicherlich auch als persönliches Scheitern empfundenen absoluten Niedergang seiner Visionen ertragen und überwunden hat. Seine Frau verstarb lange bevor diese ersten Erkundungen über sein Leben begannen. Seine Tochter war erst neun Jahre alt, als ihr Vater verstarb, kann somit nichts Authentisches darüber berichten. Sie könnte vielleicht in Gesprächen mit ihrer Mutter einiges darüber erfahren haben, doch will sie heute mit dieser Sache verständlicherweise nicht behelligt werden.

Text: Gerhard Klußmeier

Anhang
Zitate von Hans Henningsen sind kursiv gesetzt.
1 In Gerhard Klußmeier: „Die Ehrenhalle der Nationalsozialisten in Buchholz – Bilder und Dokumente zur Geschichte eines Grundstücks von 1934 bis 1958“; dort Nils Köhler: „ Otto Telschow“ – Hitlers Gauleiter in Osthannover“ (S. 235-254). PD-Verlag Heidenau 2016. ISBN: 978-3-86707-840-5
2 Details zur Lüneburger Presse in Peter Stein: „Die nordostniedersächsische Tagespresse“, Stade 1994; u.a. S. 249). Dort Seite 446 (241) ist zu korrigieren: Die „Lüneburger Zeitung“ erschien nur bis zum 16. April 1945.
3 hierzu Manfred Pohl: „M. DuMont Schauberg“. Frankfurt/New York 2009
4 Über die Ereignisse zum Ende des Krieges in Lüneburg ausführlich in Helmut C. Pless: „Lüneburg 45. Nordost-Niedersachsen zwischen Krieg und Frieden .“ Verlag der Landeszeitung – Verlagsgesellschaft Lüneburger Heide m. b. H., 1982 (4. Auflage)
5 Uwe Bahnsen in „Als die Entnazifizierung der Lehrer misslang“,„Die Welt“ 13. April 2016

Ausgewertete Dokumente:
- NSDAP-Mitglieder-Kartei; Personalakten Hans Henningsen im Bundesarchiv Berlin (N 259 / R 55/30078); Entnazifizierungsakte Herta Henningsen im Staatsarchiv Hamburg (211-11_Lam_7918); Sterbe- und Meldekartei und -register im Staatsarchiv Hamburg; Meldekartei im Stadtarchiv Lüneburg
- Original-Presseberichte („Die Presse“, Privatbesitz) sowie Mikroverfilmungen „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ in der Staatsbibliothek und im Staatsarchiv Hamburg sowie „Lüneburger Zeitung“ in der Leuphana-Universität Lüneburg.

Zusätze und Ergänzungen in zitierten Texten sind durch [eckige] Klammern gekennzeichnet
Mein Dank für die Unterstützung zu dieser Arbeit geht an das Bundesarchiv Berlin; Stefan Fink Universität Tübingen; Barbara Koschlig Staatsarchiv Hamburg; Stadtarchiv Lüneburg; Stadtarchiv Magdeburg; Heidi Staack, Redaktion und Archiv „Landeszeitung für die Lüneburger Heide“; Christine Wiesner Leuphana Universität Lüneburg; Reinhard Pütz, Universitätsbibliothek Tübingen; Martin Ruda und Martin Holtorf Universität Würzburg,
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand November 2021: 900 Kurzprofile und 303 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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