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August Wulff

(24.10.1891 Hamburg – 13.1.1975 Hamburg)
Schulleiter Luisenschule Hamburg- Bergedorf, Reinbeker Weg 76
Ostmarkstraße 75 (Wohnadresse: heute und vor 1938 Hallerstraße )

Dr. Hans-Peter de Lorent hat das Portrait über August Wulff verfasst und in seinem Buch „Täterprofile Band 2“ veröffentlicht.

Einen Typus Schulleiter in der NS-Zeit repräsentiert August Wulff. Nicht alle Personen, die auf der Liste der neuen Schulleitungen 1933 standen, waren junge Nationalsozialisten, die nach der Machtübertragung an die Nazis eine Karriere starteten. Einige waren schon in der Weimarer Zeit, in Zeiten der Selbstverwaltung der Schulen, in solchen Funktionen gewesen. Sie traten am 1.5.1933 in die NSDAP ein und machten, unter anderen Vorzeichen, ähnlich weiter wie zuvor. Als der „Spuk“ 1945 vorüber war, ließen sie sich bescheinigen, dass sie eigentlich keine Nationalsozialisten gewesen waren und wurden schon bald wieder in den Hamburger Schuldienst übernommen.

Von August Wulff ist im Hamburger Staatsarchiv keine Personalakte mehr erhalten. Dies ist eigentlich verwunderlich, war er doch zwischen 1930 und 1945 in Schulleitungsfunktionen tätig gewesen.

Als er am 29.5.1945 seinen Entnazifizierungsfragebogen abgab, als Zeuge unterschrieb der ehemalige Vorsitzende des Hamburger Philologenvereins und Oberschulrat für die höheren Schulen in der NS-Zeit, Karl Züge, benannte Wulff seine NS-Zugehörigkeiten: NSDAP seit 1.5.1933, NSV seit November 1934, im NSLB seit dem 1.1.1935, dort auch als Ortsgruppenleiter tätig. Unter frühere Mitgliedschaften hatte August Wulff den Philologenverein eingetragen.1

Am 12.9.1945 war August Wulff von seinem Amt als Leiter der Luisenschule in Bergedorf suspendiert, am 23.11.1945 aus dem Schuldienst und dem Beamtenverhältnis entlassen worden.2

Das ist auf den ersten Blick nicht überraschend, war August Wulff doch die gesamte NS-Zeit über in Schulleitungsfunktionen in Hamburg an höheren Schulen tätig gewesen. Dabei hatte ihn die Realschule Rothenburgsort in Zeiten der Selbstverwaltung zum 1.1.1930 als Schulleiter gewählt, drei Jahre später noch einmal bestätigt, bevor die Nazis an die Macht kamen. August Wulff blieb Schulleiter an dieser Schule bis zum 10.10.1934. Dann wurde sein Stellvertreter, Felix Schmidt, ein älterer, verdienter Parteigenosse der NSDAP, an seine Stelle gesetzt. Wobei auch Felix Schmidt schon in Zeiten der Selbstverwaltung vom Kollegium zum stellvertretenden Schulleiter gewählt worden war.

Die Karriere von August Wulff war allerdings 1934 nicht beendet, die NS-Schulverwaltung setzte ihn als stellvertretenden Schulleiter an der Mädchen-Oberrealschule am Lerchenfeld ein und beförderte ihn zum Oberstudienrat. Als am 1.4.1939 ein neuer stellvertretender Schulleiter an der Luisenschule benötigt wurde, versetzte man August Wulff dorthin. Die stellvertretenden Schulleiter der höheren Schulen waren in der NS-Zeit die „Manövriermasse“, wenn personelle Umstellungen vorgenommen werden mussten. Und als der Oberstudiendirektor der Luisenschule, Otto Ludwig, sich als Marineoffizier zum Kriegsdienst meldete, übernahm August Wulff die Leitungsfunktion.3

Der am 24.10.1891 in Hamburg geborene August Wulff folgte an der Luisenschule zwei Schulleitern, Walther Machleidt und Otto Ludwig, die für die Schulgemeinde eher anstrengend gewesen waren. So wundert es nicht, wenn in der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum der Luisenschule konstatiert wurde: „Die Luisenschule hatte das Glück, im August 1939 in Herr Dr. Wulff einen kommissarischen Schulleiter zu bekommen, der nie die Ruhe verlor und alle schwierigen Situationen überlegen meisterte. ‚Die Ruhe, die Herr Dr. Wulff ausstrahlte, übertrug sich auf uns alle‘, sagte eine Abiturientin in ihrer Abschiedsansprache. Was das damals bedeutete, kann nur der ermessen, der diese wirren und unruhigen Zeiten miterlebt hat.“4

Wie Schule im Krieg aussah, wurde im Weiteren geschildert:
„Von Anfang an mußte Herr Dr. Wulf mit Raumproblemen fertig werden. Schon 1939 war das gesamte Erdgeschoß als Luftschutzrevier und Rettungsstelle beschlagnahmt worden. Die neu eingerichtete Küche im hinteren Flügel wurde als Luftschutzraum bei Alarmen bestimmt und mit Sandsäcken verbarrikadiert. Im ersten Stock wurden zwei Zimmer mit Schlafgelegenheiten für die Lehrer bereitgestellt, die nachts – für 2,50 M – Luftschutzwache halten mußten. Nun, die 300 Schülerinnen und die Lehrer rückten recht eng zusammen, und zum Kochunterricht zog man in die Berufsschule Wentorfer Straße .“5

In diesen Zeiten wurde kein ideologischer Führer benötigt, sondern ein ruhiger Verwaltungsfachmann, der August Wulff offensichtlich gewesen war. Als seine Leistung wurde dokumentiert:
„Herr Dr. Wulff wehrte zunächst den Zugriff schulfremder Stellen auf weiteren Schulraum erfolgreich ab. Aber mit der Zeit wurde das immer schwieriger. Der Luftschutz dehnte sich in den ersten Stock aus, und im zweiten Stock richtete sich die ‚Rhenania‘, ein in Hamburg ausgebombter Betrieb, in der Chemieabteilung ein. ‚Bei den ständigen Umräumungen entpuppten sich einige Kollegen als wahre Möbeltransporteure‘, erzählt Herr Dr. Wulff in der Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum, ‚sie schlossen sich unter der Leitung des bewährten Heizers, Herrn Bollhorn, zu einer Boll-Kompanie zusammen und standen dem Schulleiter jederzeit zum Einsatz zur Verfügung‘.“5

In Kriegszeiten war alles anders. Ein geregelter Schulbetrieb war auch in Bergedorf nicht länger möglich. „Etwas Luft gab es, als im Frühjahr 1941 drei Lehrer mit 100 Schülern für einige Monate in die Kinderlandverschickung gingen. Direkt vor der Abreise wurde ihnen von Parteifunktionären klargemacht, daß ‚sie von nun an mitsamt den Kindern der Partei unterstünden, daß ein KLV-Lehrer von morgens bis mitternachts im Dienst sei, daß er einfach alles zu können habe, selbst Tische und Stühle müsse er nageln können – und daß er auf der Reise nur Auge, Ohr und Hand und Herz für die Kinder zu sein habe‘. Damit ihm das leichter falle, hatte er keinen Anspruch auf einen Sitzplatz im Zug und sollte sich die ganze Fahrt über auf dem Gang des D-Zuges aufhalten.“ Eine der begleitenden Lehrerinnen kommentierte dies so: „Wir waren seit 1933 schon einiges gewöhnt, aber diese Kommandotöne erregten jedenfalls bei mir Verbitterung.“6

Schulleitertätigkeit in dieser Zeit bedeutete Krisenmanagement. Und dafür schien August Wulff der geeignete Mann.

„Nach den Großangriffen auf Hamburg im Jahre 1943 wurde die Lage an der Luisenschule noch komplizierter als vorher. Das Improvisationstalent von Schulleiter und Kollegen mußte ständig auf Hochtouren laufen. Zunächst war die Schule überfüllt von Ausgebombten aus Hamburg. Alle Lehrkräfte, sofern sie nicht selbst ausgebombt waren, halfen bei der Verpflegung und Weitervermittlung in Quartiere. Da viele der Ausgebombten in Bergedorf und Umgebung blieben, wuchs die Schülerzahl erheblich. Man rückte noch enger zusammen. Fliegeralarme bestimmten das Schulleben. Kamen die feindlichen Flugzeuge zwischen 24.00 und 6.00 Uhr, fing der Unterricht je nach Altersstufe eine oder zwei Stunden später an, vorausgesetzt, daß der Lehrer da war. Denn die Kollegen, die aus Hamburg kamen, mußten manchmal lange Fußmärsche machen, weil die Gleise durch Bomben zerstört waren. Und später, als die deutsche Flugabwehr zusammengebrochen war, mußten sie oft in Gräben neben den Gleisen Schutz vor Tieffliegerbeschuß suchen. Trotz dieser Störungen steuerte Herr Dr. Wulff ruhig und unbeirrt seinen Kurs, bemüht, den Schülerinnen trotz allem die bestmögliche Ausbildung mitzugeben. Bis zu den Sommerferien 1944 wurde noch relativ planmäßig unterrichtet: die Ausleseprüfungen für die 5. Klasse wurden vorschriftsmäßig durchgeführt, auch Reifeprüfungen abgehalten.“7

Die Festschrift der Luisenschule war voll des Lobes für den Krisenmanager Dr. August Wulff:
„Dr. Wulff war auch bemüht, den Kollegen den Arbeitsplatz in der Schule zu erhalten. Von Kriegsbeginn an waren die Lehrer zu außerschulischen Einsätzen herangezogen worden, z.B. zur monatlichen Ausgabe von Lebensmittelkarten. Als nach 1943 die Schüler beim morgendlichen Voralarm nach Hause geschickt ­wurden, sollten die Kollegen den Stundenausfall durch Arbeit in kriegswichtigen Betrieben oder bei der Behörde wettmachen. Dr. Lucas hatte die rettende Idee: Heimarbeit in der Schule! Dr. Wulff berichtete darüber: ‚Durch Beziehungen eines Kollegen übertrug eine Hamburger Uniformfabrik der Luisenschule die Anfertigung von Uniformkragen. Eine Nähstube wurde eingerichtet, und wenn der Unterricht wegen Fliegergefahr abgebrochen werden mußte, dann machten sich die Kollegen – auch die Herren – an die Arbeit und nähten, bügelten und plätteten und bemühten sich, das vertraglich festgesetzte Pensum rechtzeitig zu erfüllen. Dabei ging es meistens recht lustig zu. Zweimal in der Woche brachten zwei Kollegen die fertige Arbeit zu dem Auftraggeber und holten neue Arbeit. Diese Heimarbeit wurde aufgrund eines Lohn- und Arbeitsbuches durchgeführt und bezahlt, aber der Erlös mußte an die Behörde abgeführt werden.‘“8

August Wulff war bis zum Ende des Krieges für die Luisenschule verantwortlich. „Im Januar 1945 hörte dann für alle Luisenschülerinnen der Unterricht praktisch auf. Wegen Kohlenmangels mußte die Schule schließen. Die Schülerinnen holten und brachten nur noch täglich ihre Hausaufgaben. Anfang Februar wurden in den Bergedorfer Schulen Notlazarette eingerichtet. Das gesamte Gebäude der Luisenschule wurde zum Lazarett für 600 Verwundete. Jetzt sprangen die Eltern helfend ein, damit wenigstens die Jüngeren noch Unterricht bekamen. ‚Wie so oft in diesen Zeiten genügte ein Appell an die Eltern, und es stand alsbald genügend Raum in den der Schule benachbarten Villen zur Verfügung‘, schrieb Dr. Wulff. Außerdem wurde im Amtsgericht und in einer Gaststätte unterrichtet. Die älteren Schülerinnen wurden zum Kriegseinsatz herangezogen. Einige mussten täglich in einer am Ende der Rothenhauschaussee in zwei Baracken untergebrachten Wehrmachtküche arbeiten, in der für die Lazarette gekocht wurde.“9

August Wulff wurde im Januar 1945 noch zum Volkssturm herangezogen und machte dort bis zum 30.4.1945 Dienst.10

Die Suspendierung von August Wulff als Schulleiter erfolgte, obwohl er von seinem Kollegium an der Luisenschule am 20.7.1945 das Vertrauen ausgesprochen bekommen hatte: „Der Lehrkörper der Luisenschule Hamburg- Bergedorf hat Herrn Oberstudienrat Dr. A. Wulff seinen besten Dank ausgesprochen für die aufopfernde Tätigkeit als Schulleiter in schwierigster Zeit, durch die er das volle Vertrauen seiner Mitarbeiter erworben hat. Der Lehrkörper würde es sehr begrüßen wenn Herr Dr. Wulff der Luisenschule erhalten bliebe.“11

Dieser Appell war erst einmal nicht erfolgreich, trug aber dazu bei, für August Wulff den Weg zur Wiedereinstellung im laufenden Entnazifizierungsverfahren zu ebnen.

Zunächst musste August Wulff begründen, warum er schon am 1.5.1933 in die NSDAP eingetreten war. Für die Britische Militär regierung war dies ein Entlassungsgrund. Wulffs Hauptargument fußte darauf, dass er bereits Ostern 1929, also in Zeiten der Weimarer Republik, „vom Elternrat und Lehrkörper einstimmig zum Leiter der Realschule Rothenburgsort gewählt worden war, an der ich seit Ostern 1919 als Fachlehrer für Französisch und Englisch tätig gewesen war. Die Leitung der Schule war bei der damaligen innerpolitischen Hochspannung durch die Zusammensetzung der Elternschaft in dem vorwiegend von Arbeitern und unteren Beamten bewohnten Stadtteil besonders schwierig; ich besaß jedoch das Vertrauen der Schulgemeinde in dem Maße, dass ich Ostern 1932 mit derselben Einstimmigkeit wieder gewählt wurde.“12

Und August Wulff konnte auch darauf verweisen, dass er nicht das völlige Vertrauen der NS-Schulverwaltung besessen hatte: „Im Oktober 1934 musste ich mein Amt als Schulleiter an ein altes Parteimitglied, das dem Lehrkörper angehörte, abtreten. Nur der mit allem Nachdruck durchgefochtene Einspruch gegen diese von der gesamten Schulgemeinde als ungerecht empfundene Anordnung führte dazu, daß die Schulverwaltung meine Versetzung als Lehrer an die Oberschule für Jungen im Eppendorf in eine Überweisung als stellvertretender Leiter an die Oberschule für Mädchen am Lerchenfeld umwandelte. Als dann im Jahre 1938 die Bezeichnungen Oberstudienrat bzw. Oberstudiendirektor eingeführt wurden, erhielt auch ich automatisch die Bezeichnung Oberstudienrat.“13 August Wulff war zwischenzeitlich aber auch in die NSDAP und den NSLB eingetreten, worauf er in diesem Schreiben nicht einging. Er verfolgte hier noch die Strategie, den Kontrast zu Personen herzustellen, die eine stärkere Anbindung an den Nationalsozialismus hatten.

August Wulff musste die Zeit nach seiner Entfernung aus dem Schuldienst mit schwerer, körperlicher Arbeit überbrücken. „Ich bin zur Zeit auf Anweisung des Arbeitsamts bei der Hoch- und Tiefbaufirma Wieczorek in Altona/Bahrenfeld als Arbeiter beschäftigt.“14

Zu seiner Parteimitgliedschaft erklärte er. „Ich trat im Mai 1933 der Partei bei, blieb aber nur nominelles Mitglied und gehörte weder einer Gliederung an, noch bekleidete ich ein Amt. Militarist bin ich noch nie gewesen, im Ersten Weltkrieg wurde ich als Unteroffizier entlassen und stand seitdem mit dem Militär in keiner Verbindung mehr. Mein Eintritt in die Partei geschah vor allem im Vertrauen zu den sozialen Plänen und den Versprechungen, die allgemeine Arbeitslosigkeit einzudämmen, deren Schäden ich als damaliger Leiter der Realschule in Rothenburgsort, dem Arbeiterviertel, besonders empfand. Ferner verließ ich mich auf die nicht nur einmal proklamierten friedlichen Richtlinien in der Außenpolitik. Als dann der erhoffte Volksstaat sich als Diktatur enthüllte, die freie Meinung unterdrückt und Grundsätze der Humanität verlassen wurden, bereute ich meinen Eintritt in die Partei und trieb nur mit Widerstreben mit. Ein Wiederaustritt aber hätte meine Berufsstellung gefährdet, und dazu war sie mir zu lieb.“15

August Wulff fand einen Fürsprecher in Oberschulrat Heinrich Schröder, der über einen sehr guten Überblick über den Bereich der höheren Schulen in Hamburg verfügte und eine wichtige Person im Entnazifizierungsprozess war. Schröder stellte fest:

„Dr. Wulff ist zwar im Mai 1933 in die Partei eingetreten, weil er wohl damals an die Propaganda geglaubt hat; er ist aber schon seit Jahren allen Antinationalsozialisten bekannt als zuverlässiger Gegner des Nationalsozialismus . Auch die Luisenschule in Bergedorf, deren Leiter er mehrere Jahre war, hat er keineswegs im nationalsozialistischen Geiste geführt. Schüler, Eltern und Lehrer wussten und spürten an seiner Amtsführung, dass Wulff kein Nationalsozialist war. Seine Beförderung zum Oberstudienrat ist nicht auf seine politische Haltung zurückzuführen sondern ausschließlich auf seine pädagogische Tüchtigkeit, auf Grund derer er bereits 1929 von seinem Kollegium einstimmig zum Schulleiter gewählt worden war. Der Einspruch Dr. Wulffs wird besonders dringlich befürwortet. Seine Wiedereinstellung als Studienrat würde die Wiedergutmachung eines Unrechts bedeuten.“16

Der Beratende Ausschuss für das höhere Schulwesen schloss sich diesem Gutachten am 15.7.1946 an: „Für alle Beobachter steht fest, dass seine Mitgliedschaft nur nominell war. Von allen wird sein Ausscheiden aus dem Amt aufrichtig bedauert. Eine weitere Tätigkeit als Studienrat wird dringend befürwortet.“17

Ab September 1946 unterrichtete August Wulff wieder als Studienrat an der Schule, an der er bis 1939 stellvertretender Schulleiter gewesen war, an der Oberschule für Mädchen am Lerchenfeld . Anschließend wurde er umgesetzt an die Albrecht-Thaer-Schule.18

Am 31.3.1949 stellte August Wulff den Antrag, wieder als Oberstudienrat mit der entsprechenden Besoldung beschäftigt zu werden.19

Der Beratende Ausschuss unterstützte dieses Anliegen und stellte fest: „Da inzwischen die Situation sich beachtlich geändert hat, erscheint es uns unbedingt nötig, ihn in die Kategorie V einzustufen. Wir bitten, die Meinung der Schulbehörde darüber einzuholen, ob eine Wiederzuerkennung des Ranges eines Oberstudienrats mit dem Stellenplan der Behörde verträglich ist.“20

Und auch der von August Wulff angerufene Berufungsausschuss für die Ausschaltung von Nationalsozialisten unterstützte dieses am 17.9.1949 und stufte Wulff in die Kategorie V ein mit dem Zusatz: „Einer späteren Beförderung in die Stellung eines Oberstudienrates stehen keine politischen Bedenken entgegen.“21

Zur Erklärung hatte der Berufungsausschuss festgestellt, dass er „in allen seinen bisherigen Entscheidungen die Besetzung der gehobenen Stellen im Schulwesen nur politisch besonders zuverlässigen Personen vorbehalten und grundsätzlich niemanden, der bereits 1933 der NSDAP beitrat, in einer solchen Stellung belassen“ hatte. „Von diesem Standpunkt ist der Berufungsausschuss auch in vorliegendem Falle nicht abgegangen. Da Dr. Wulff aber abgesehen von seinem frühen Beitritt zur NSDAP, politisch nicht erheblich belastet ist und nach den übereinstimmenden Gutachten sich nicht betont nationalsozialistisch geführt hat, bestanden keine Bedenken, ihn in die Kategorie V einzustufen und damit der Schulbehörde die Möglichkeit zu geben, ihn zu einem späteren Zeitpunkt wieder in seine alte Stellung zu befördern.“22 Die Zentralstelle für Berufungsausschüsse bestätigte dieses Votum am 17.9.1949.23

Am 11.3.1952 wies August Wulff in einem Schreiben an das Sekretariat des Staatskommissars für die Entnazifizierung darauf hin, dass er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder zum Oberstudienrat befördert worden war. Er stellte erneut den Antrag „auf Wiedereinsetzung in meine frühere Stellung und Zuerkennung der entsprechenden Besoldung“, zumindest „für den Fall der Versetzung in den Ruhestand, das Ruhegehalt eines Oberstudienrats zuerkannt zu bekommen“.24

Da von August Wulff keine Personalakte erhalten ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, ob dies vollzogen wurde. Aber in allen vergleichbaren Fällen, sogar bei stark belasteten Personen, wurde die Wiederherstellung ehemaliger Ämter mit den entsprechenden Besoldungen realisiert, gerade in den Zeiten, in denen in Hamburg von 1953 bis 1957 der Hamburg-Block regierte.

August Wulff wurde zum 1.4.1957 in den Ruhestand versetzt.25

Er starb am 13.1.1975.26

Das Buch von Hans-Peter der Lorent: „Täterprofile, Band 2, Hamburg 2017“ ist in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg erhältlich.

Anmerkungen
1 Entnazifizierungsakte August Wulff, StA HH, 221-11_Ed 4884
2 Ebd.
3 Ebd.
4 100 Jahre Luisen-Gymnasium Bergedorf (1888–1988). Festschrift, Hamburg 1988, S. 139.
5 Ebd.
6 Festschrift 1988, a.a.O., S. 140.
7 Festschrift 1988, a.a.O., S. 140f.
8 Festschrift 1988, a.a.O., S. 141.
9 Festschrift 1988, a.a.O., S. 142
10 Entnazifizierungsakte a.a.O.
11 Entnazifizierungsakte a.a.O.
12 Schreiben von August Wulff an die Schulverwaltung vom 20.7.1945, Entnazifizierungsakte a.a.O.
13 Ebd.
14 Schreiben Wulffs vom 28.6.1946 an den Berufungsausschuss, Entnazifizierungsakte a.a.O.
15 Ebd.
16 Gutachten vom 10.7.1946, Entnazifizierungsakte a.a.O.
17 Der Ausschuss bestand aus den Personen: Heinrich Schröder, Johann Helbig und Willi Thede.
18 Entnazifizierungsakte a.a.O. und laut: Hamburgisches Lehrerverzeichnis 1953/54, hg. von der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens.
19 Entnazifizierungsakte a.a.O.
20 Schreiben vom 1.9.1949, Entnazifizierungsakte a.a.O.
21 Entnazifizierungsakte a.a.O.
22 Ebd.
23 Ebd.
24 Ebd.
25 Hamburgisches Lehrerverzeichnis 1959/60, hg. von der Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens.
26 Laut Auskunft des Amts für Zentrale Meldeangelegenheiten.
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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