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Otto Ludwig

(30.1.1887 Hamburg – 30.10.1981)
Schulleiter an der Oberschule für Mädchen: Luisenschule in Hamburg Bergedorf, Reinbeker Weg 76
Steilshooper Straße 72 (Wohnadresse vor 1935), später wohnhaft in Reinbek

Dr. Hans-Peter de Lorent hat das Portrait über Otto Ludwig verfasst und in seinem Buch „Täterprofile Band 2“ veröffentlicht.

Die Geschichte eines Hamburger Lehrers, der nach einer Begegnung mit Adolf Hitler im Jahre 1932 sich dem Nationalsozialismus zuwandte, ab 1933 Schulleitungs-Karriere machte, sich in den Augen von Kolleginnen als „widerlicher Nationalsozialist“ gebärdete und in „hässlicher Weise jüdische Schülerinnen behandelte“. In seinem Entnazifizierungsverfahren nach 1945 gehörte er dann zu denjenigen, die nicht zu den „traurigen Gestalten gerechnet werden wollten, die plötzlich einen befremdlichen Gedächtnisschwund an den Tag legen und versuchen, Tatsachen aus ihrer Vergangenheit wegzuleugnen oder mindestens zu bagatellisieren“. Damit zumindest unterschied er sich von vielen anderen Belasteten. Am Ende wurde ihm die volle Pension zugebilligt.

Otto Ludwig wurde am 30.1.1887 in Hamburg als Sohn des Volksschullehrers Carl Ludwig und dessen Frau geboren. Er besuchte in Hamburg die Volksschule, danach die Oberrealschule auf der Uhlenhorst, wo er am 5.9.1906 die Reifeprüfung bestand. Danach studierte er Philosophie, neuere Sprachen und Religion, zuerst in Straßburg bis 1908, danach in Berlin und Göttingen, wo er sich für die Prüfung für das höhere Lehramt anmeldete. Nach Abgabe der Hausarbeiten sollte Ludwig im Herbst 1914 den Termin für die mündliche Prüfung erhalten. Da er aber zum 21.8.1914 „zum Heer eingezogen wurde“ und von August 1914 bis Dezember 1918 im Kriegsdienst war, zuletzt zum Leutnant befördert, konnte die Prüfung erst 1920 stattfinden. Otto Ludwig legte dann am 29.3.1920 die Fachprüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab, erhielt die Lehrbefähigung in Englisch, Deutsch und Religion. Am 1.6.1921 bestand er auch noch die Prüfung in Philosophie und absolvierte anschließend das Anleitungsjahr an der Realschule Rothenburgsort.

Danach arbeitete Otto Ludwig als Oberlehrer am neuen staatlichen Lyzeum am rechten Alsterufer , danach an der Emilie-Wüstenfeld-Oberschule.1

Otto Ludwig zeigte sich politisch und bildungspolitisch aktiv. Von 1920 bis 1927 war er Mitglied der DNVP, nahm vom 30.9. bis 5.10.1929 an der Tagung der Gesellschaft für deutsche Bildung in München teil, engagierte sich im Philologenverein, besuchte die 58. Versammlung Deutscher Philologen 1931. Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten trat er am 1.3.1933 in die NSDAP und in den NSLB ein. Im Mai 1933 wurde er auch in der SA aktiv.2

Die NS-Schulverwaltung berief ihn in eine „Kommission zur Überprüfung der Schülerbüchereien an den höheren Schulen Hamburgs“, mit dem Auftrag, eine Liste von Autoren zu erstellen, die aus Schülerbibliotheken und Unterricht entfernt werden sollten. Die Wegbereitung der Bücherverbrennung. Mit Otto Ludwig agierten Alexander Strempel, Bruno Peyn, Walter Machleidt und Erwin Zindler. Im Vorwort zur erstellten Liste hieß es: „Die Kommission schlägt der Landesschulbehörde vor, folgendermaßen zu verfahren: Die Bücher der in Liste A genannten Verfasser sind umgehend an die Landesschulbehörde einzusenden. Diese Schriften werden in nächster Zeit öffentlich verbrannt. Die Bücher der in Liste B genannten Verfasser sind aus der Schülerbücherei zu entfernen und aus den Katalogen zu streichen. Sie können entweder in die Lehrerbücherei oder in die Schüler-Lehrbücherei aufgenommen werden. Jedenfalls sollen sie nur auf besonderen Antrag eines Lehrers in die Hand der Schüler kommen. Die Landesschulbehörde wünscht sich bis zum … Meldung von den Büchereiverwaltern über alle Schriften, die aus ihrer Schülerbücherei ausgeschieden worden sind, mit genauer Angabe von Verfasser, Titel und neuem Aufbewahrungsort. Erst nachdem dies geschehen ist, werden die Büchereien wieder zur Benutzung freigegeben. Die Kommission fasst ihre ausmerzende Tätigkeit nur als den ersten Teil ihres Auftrages auf. Sie wird daher in nächster Zeit der Landesschulbehörde eine Bücherliste einreichen, von deren Schriften sie glaubt, dass sie in einer modernen Schülerbücherei vorhanden sein müssen. Die Kommission bittet, den Büchereiverwaltern von dieser Liste Kenntnis zu geben und sie zu verpflichten, bei nächster Gelegenheit aus ihr Bücher zur Anschaffung auszuwählen.“3

Zu den „auszumerzenden“ Autoren der Liste A gehörten laut Ludwig und seiner Kommission u. a.: Josef Conrad, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Heinrich Heine, Heinrich Mann, Ludwig Marcuse, Arnold Zweig und Stefan Zweig.4

Und in Liste B befanden sich unter anderem die Autoren: Dostojewski, Fallada, Gogol, Gorki, Gandhi, Gerhart Hauptmann, Hofmannsthal, Kollwitz, Thomas Mann, Karl Marx, Puschkin, Stendhal, Rousseau, Zola, Tolstoi, Werfel, Wilde.5

Dies alles hatte Otto Ludwig dafür qualifiziert, auf die von Schulsenator Karl Witt am 10.7.1933 vorgelegte Liste der neuen Schulleitungen für die höheren Schulen zu gelangen.6 Otto Ludwig wurde zum stellvertretenden Schulleiter des Realgymnasiums für Mädchen in der Curschmannstraße ernannt. Über seine Tätigkeit stellte Irma Stoß fest, die zu jener Zeit Lehrerin an dieser Schule gewesen war und dort nach Ende der nationalsozialistischen Herrschaft 1945 als ­Oberstudiendirektorin eingesetzt wurde, „dass über Ludwig nur Negatives zu sagen sei. Er sei als Mensch und Charakter unerträglich und ein widerlicher Nationalsozialist gewesen. Das Kollegium sei vor ihm in Ängsten gewesen und er habe in hässlicher Weise jüdische Schülerinnen behandelt.“7 Eine andere ehemalige Lehrerin dieser Schule, Olga Franke, die ebenfalls nach 1945 als Oberstudiendirektorin eines Mädchengymnasiums eingesetzt wurde, beschrieb dies genauer:

„Herr Ludwig ist mir, soweit ich mich erinnere, seit 1929 an der Curschmannstraße bekannt. Menschlich bin ich ihm nie näher gekommen, und nach und nach trennten uns unsere entgegengesetzten politischen Anschauungen völlig voneinander. Herr Ludwig hat sich seit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, insbesondere dann seit 1933, mit allen Kräften für ihn eingesetzt. Er nahm jeden sich irgend bietenden Anlass wahr, Kollegen und Schülerinnen in dieser Hinsicht zu beeinflussen. Vom Auftreten in brauner Uniform bei jeder irgendwie motivierbaren Gelegenheit bis zu dem Befehl, dass – zunächst immer, dann beim gemeinsamen Ein- und Ausmarschieren der Schule in die Aula und aus ihr heraus – jeder mit erhobenem Arm und darauf hingerichtetem Blick an dem in der Vorhalle hängenden Hitlerbild, zu dessen Seiten zwei Schülerinnen Posten standen, vorbeigehen musste, wurden alle Möglichkeiten der Einwirkung, vor allem natürlich während des Unterrichtes, benutzt. Herr Ludwig war derjenige, der den Ton angab und durch seine Methoden der Schule in andersdenkenden Kreisen den durch die Form des Schulgebäudes begründeten doppeldeutig Spitznamen ‚die Hochburg (des Nationalsozialismus)‘ eingetragen hat. Denjenigen Schülerinnen, die ihm nicht ohne weiteres Gefolgschaft leisteten, unter anderem war das auch in starkem Maße in der von mir geleiteten Klasse der Fall –, setzte Herr Ludwig auf alle Weise zu, um sie für seine Sache zu gewinnen, und erreichte auch, dass mir Leitung und Unterricht in dieser Klasse genommen worden. Den jüdischen Schülerinnen gegenüber verhielt er sich so, dass diese, soweit sie bei ihm Unterricht hatten bzw. haben sollten, es vorzogen, freiwillig die Schule zu verlassen. Herr L. war wohl auch der Urheber des Gedankens, dass diese Schülerinnen einen Nebeneingang zur Schule benutzen sollten. Da ich mich mit einigen Gleichgesinnten im Kollegium ständig von ihm beobachtet und bespitzelt fühlte, nahmen wir an den gemeinsamen Unterhaltungen des Kollegiums in den Pausen nicht mehr teil, wie überhaupt vielfach Gespräche verstummten, sobald Herr L. hinzutrat, da man von ihm alles erwarten zu müssen fürchtete. Der größere Teil des Kollegiums und der Schülerinnenschaft atmete, erlöst von einem ständigen Druck, auf, als Herr L. infolge seiner Versetzung nach Bergedorf die Schule verließ.“8

Vom 11.6. bis 7.7.1934 hatte Otto Ludwig die Gauführerschule besucht. Und als in Bergedorf die örtliche NSDAP dafür sorgte, dass der Schulleiter der Oberschule für Mädchen, der Luisenschule, abgesetzt wurde, weil er, Walther Machleidt, obwohl überzeugter Nationalsozialist, Morgenandachten mit christlichem Inhalt abgehalten hatte, wurde Otto Ludwig dort am 1.4.1935 als Schulleiter eingesetzt. Merkwürdig ist, wie sich Otto Ludwig später über Walther Machleidt äußerte, mit dem er zusammen einige Zeit in der Kommission gearbeitet hatte, die Vorschläge für das „Ausmerzen“ von Werken aus den Schülerbüchereien entwickelte. In seinem Entnazifizierungsverfahren, in dem er sicherlich nicht daran interessiert war, diese Tätigkeit auch nur zu erwähnen, erklärte er: „Der Schulleiter, den ich abgelöst habe, hieß Dr. Machleidt. Er war auch ein Parteigenosse, aber sehr kirchlich eingestellt und betonte das Christentum im mystischen Sinne und erregte dadurch auch in rein christlichen Kreisen Anstoß. Ich persönlich habe Dr. Machleidt kaum gekannt. Ich weiß, daß er als Pg. sogar rednerisch in Hamburg in Erscheinung getreten ist. Ich bin wohl aus dem Grunde als Nachfolger für Dr. Machleidt an der Luisenschule bestimmt worden, weil die Schulbehörde hierfür jemand suchte, der auch kirchlich tragbar war und ich war im Kirchenvorstand. Ich bin nicht gottgläubig. Auch war es so, wenn die Schulbehörde einen neuen Schulleiter einsetzte, daß dieser zwischen den stellvertretenden Schulleitern ausgesucht wurde und dazu gehörte ich.“9

Der Beginn der Schulleitertätigkeit Otto Ludwigs nach dem erzwungenen Abgang von Walther Machleidt durch die massive Einwirkung des NSDAP-Kreisleiters Schuster dürfte nicht einfach gewesen sein.10 Hinzu kam, dass die Nationalsozialisten eine Vorstellung von der Mädchenbildung hatten, die an der Luisenschule zu heftigen Reaktionen führte. In der Festschrift zum 100-jährigen Jubiläum des Luisen-Gymnasiums wurde dazu festgestellt: „Im Laufe der dreißiger Jahre wirkte sich immer stärker aus, was die Machtübernahme der Nationalsozialisten insbesondere für die Entwicklung der höheren Mädchenbildung bedeutete. Alles, was Helene Lange, Emmy Beckmann u.a. für die Frauen erkämpft hatten: Abitur, Studium, Aufgaben im öffentlichen und beruflichen Leben, paßte nicht in das Konzept der Nationalsozialisten, deren Frauenideal ausgesprochen reaktionär war.“11 An einigen Beispielen wurde dies genauer ausgeführt:
„‚Die Mutter soll sich ganz ihren Kindern und der Familie, die Frau sich ganz dem Manne widmen können, und das unverheiratete Mädchen soll nur auf Berufe angewiesen sein, die der weiblichen Wesensart entsprechen. Im übrigen soll jede Berufstätigkeit dem Manne überlassen bleiben‘, so definierte der damalige Innenminister Frick die Rolle der Frau im ‚Völkischen Beobachter‘ vom 12.6.1934. Dieselbe Auffassung spiegelt sich im Konferenzprotokoll der Luisenschule vom 29.9.1933: ‚Die Mädchen und Eltern sollen die Oberstufe nicht ansehen als notwendige Vorstufe eines Berufs, sondern als Ausbildungsstätte dessen, was einer deutsche Frau bewußt sein soll.‘ Folglich schränkten die Nationalsozialisten durch restriktive Maßnahmen die gymnasiale Ausbildung der Mädchen und das Frauenstudium ein. Von den 10.000 Abiturientinnen, die 1934 das Abitur bestanden, erhielten nur 1.500 die Möglichkeit, zu studieren. Die Zahl der weiblichen Studierenden die 1931 21.300 betrug, sank bis 1936 auf 10.300, d.h. sie verringerte sich um etwas mehr als die Hälfte.“12

Welche Auswirkungen dies für die Luisenschule in der Zeit hatte, als Otto Ludwig Schulleiter war, wurde in der Festschrift präzise beschrieben: „Durch die Typenvereinheitlichung, die der Reichserziehungsminister 1937 im höheren Schulwesen anordnete, blieben für die höhere Mädchenschule nur noch zwei Formen der Oberstufe bestehen: der sprachliche und der hauswirtschaftliche Zug. Besonders die hauswirtschaftliche Form wurde stark propagiert. Auch die Luisenschule erhielt 1939 einen hauswirtschaftlichen Zug, der bis 1949 bestand. Dafür wurde im Parterre des rechten Seitenflügels eine perfekte Schulküche eingerichtet. Wie das Zeugnisblatt einer Schülerin dieses Zuges zeigt, entfielen die zweite und dritte Fremdsprache (Französisch und Latein) zugunsten der ‚Fächer des Frauenschaffens‘. Mit dem hauswirtschaftlichen Abitur, volkstümlich ‚Puddingabitur‘ genannt, konnten die Absolventinnen sogar die Universität besuchen, ohne daß eine Zusatzprüfung in wissenschaftlichen Fächern verlangt wurde.“13

Die Einrichtung des hauswirtschaftlichen Zuges fiel in die Amtszeit von Otto Ludwig. „Auch er bekam – wenn auch in ganz anderer Weise – bitter zu spüren, was es bedeutete, Schulleiter unter den Nationalsozialisten zu sein. Als Repräsentant des Systems mußte er natürlich alle Maßnahmen von oben gegenüber den Eltern und Schülern rechtfertigen. Diese Maßnahmen trafen die Schule z.T. sehr hart, wie die folgenden Beispiele zeigen:
– Die Oberstufe wurde um ein Jahr verkürzt, damit die Jugend schneller zum Arbeitsdienst und zur Wehrmacht eingezogen werden konnte.

– Der Sonnabend wurde der Hitlerjugend als Staatsjugendtag reserviert.

– Die Jugend wurde vielfach zu Spenden- und Sammelaktionen herangezogen.

– Die männlichen Lehrkräfte mußten sehr oft während der Schulzeit an militärischen Übungen teilnehmen, ohne daß Vertretung gestellt wurde.“14

Ich zweifele daran, dass Schulleiter Otto Ludwig mit diesen Maßnahmen grundsätzliche Schwierigkeiten hatte. Sie entsprachen seiner Ideologie und wurden sicherlich von ihm völlig mitgetragen. Otto Ludwig selbst nahm in erheblichem Maße an militärischen Lehrgängen teil, seit 1933 jährlich, im Jahr seiner Schulleiterbestellung an der Luisenschule war er zu kurzen Militärübungen dreimal vom Dienst befreit.

Die Elternschaft an der Luisenschule war stets kritisch und fordernd: „Kamen dann noch Erkrankungen und Versetzungen hinzu, wie es an der Luisenschule der Fall war, wurde die Situation allerdings kritisch. Sorge, Ärger und Unwillen machten sich in der Elternschaft breit. Am 26.6.1936 sah sich Herr Ludwig gezwungen, ‚den heftigen Vorwürfen der Eltern entgegenzutreten und die Atmosphäre zu entgiften‘, indem er ihnen ‚das unglückliche Zusammentreffen zahlreicher unverschuldeter Umstände‘ erklärte; so berichtete die Bergedorfer Zeitung. Auch der Kreisleiter und andere Vertreter der Partei waren bei dieser Elternversammlung anwesend, ‚um ihre Verbundenheit mit dem Schicksal der Luisenschule zum Ausdruck zu bringen‘. Aber es kriselte weiter. Ende 1936 spitzte sich die Situation wieder so weit zu, dass mehrere Eltern von Schülerinnen der zehnten Klasse androhten, ihre Töchter zur Klosterschule oder ins Berufsleben zu schicken. In der Bergedorfer Zeitung erschien am 19.1.1937 ein Artikel mit der alarmierenden Überschrift: ‚Erhaltet der Luisenschule ihre Oberstufe!‘ Auch dieser Konflikt konnte schließlich beigelegt werden.“15

In der Festschrift der Luisenschule wurde auch darauf hingewiesen, dass es trotz Führerprinzip auch im Kollegium der Schule nicht ohne Auseinandersetzungen abging:

„Ärger und Disharmonie gab es offensichtlich auch im Kollegium, das durch die parteipolitisch orientierte Personalpolitik der Behörde auseinandergerissen worden war; denn ganz bewußt war auch hier durch vorzeitige Pensionierungen, willkürliche Versetzungen und durch die Neueinstellung von jungen – und wider Erwarten dann doch nicht immer linientreuen – Lehrkräften das Kollegium zunehmend uneinheitlich geworden. Die Ehemaligen erinnern sich an häufigen Lehrerwechsel, besonders in der Mittelstufe. Daß Herr Ludwig sich bemühte, der unerfreulichen Arbeitsatmosphäre beizukommen, zeigt das Konferenzprotokoll vom 21.1.1937: ‚Heutige Tagesordnung: Führung in der Schule nicht nur durch den Schulleiter, sondern auch durch die Lehrkräfte. Diese Lehrerbesprechung soll einen Wendepunkt für die Schule bringen, um die Unzulänglichkeiten zu beseitigen und das Schulleben in eine für alle erträgliche Bahn zu leiten … In der praktischen Arbeit des Alltags darf es den Unterschied: in der Partei oder nicht in der Partei nicht mehr geben (‚mehr‘ später vom Protokollanten gestrichen) … Alle, auch die nicht in der Partei sind, mögen wieder Freude an der Arbeit haben … Ausrichten nach dem Geist der Zeit ist selbstverständlich, daneben sei aber wissenschaftlich Tüchtiges zu leisten. Dies möge ein Markstein in der Entwicklung der Schule sein.“16

Otto Ludwig war auf vielen Feldern umtriebig. Den seit 1933 fast eingeschlafenen „Verein der Freunde der Luisenschule“ reaktivierte er 1937 und stellte ihn mit einer Satzungsänderung auf den Boden nationalsozialistischer Interessen und Prinzipien. „Der Verein hieß jetzt ‚Verein der Eltern und Freunde der Luisenschule Bergedorf‘. Nach §2 ‚kann jeder arische Volksgenosse Mitglied werden‘. Der Schulleiter war der ‚Führer‘ des Vereins und berief aus dem Lehrkörper einen Geschäftsführer und einen Kassenwart. Diese bildeten mit ihm den engeren Vorstand. Nach §6 erweiterte sich dieser jedoch zur Beratung grundsätzlicher Angelegenheiten zu einem Gesamtvorstand durch die Schuljugendwartin, die Untergauführerin, die Schulärztin und je einen Elternvertreter aus jeder Klassenstufe. Man erkennt, auch hier schob die Partei ihren Keil hinein.“17

Otto Ludwig war neben seinen Funktionen als Kreisamtsleiter im NSLB seit dem 1.10.1934 auch Schulungsreferent der Marinestandorte, nahm als Delegierter sowohl 1934 als auch vom 10.9. bis zum 16.9.1936 am NSDAP-Parteitag in Nürnberg teil. Er wurde Mitglied in der SA, der er von 1933 bis 1945 angehörte, erst als Rotten-, später Sturmführer, und war zudem Mitglied der NSV, des NS-Altherrenbundes, des Reichskolonialbundes, des NS-Reichskriegerbundes und des VDA.18 Auch im Privatleben war es für Otto Ludwig eine produktive Zeit. Mit seiner 21 Jahre jüngeren Frau Helene, geborene Tietgen, bekam Otto Ludwig in kurzer Zeit 5 Kinder (1938, 1939, 1940, 1941 und 1945).19

Ein Problem wurde deren Versorgung, nachdem Ludwig am 30.8.1945 aus dem Dienst und dem Beamtenverhältnis entlassen worden war.20

Otto Ludwig, der bei der Marine seit 1933 jährlich militärische Übungen abgehalten hatte, meldete sich am 27.8.1939 als Kapitänleutnant zum Kriegsdienst, den er bis 1945 absolvierte. Noch im letzten Kriegsjahr wurde er zum Korvettenkapitän befördert.21

In seiner Anlage zum Entnazifizierungsfragebogen hatte Otto Ludwig angegeben: „Am 1.8.1945 wurde ich nach eingehender Vernehmung von der Militärregierung aus der Wehrmacht entlassen (in Eutin), weil ich mit bestem Gewissen versichern konnte, dass ich an der Absetzung meines Vorgängers an der Luisenschule, der aus politischen Gründen aus dem Amte als Schulleiter entfernt wurde, in keiner Beziehung beteiligt war, und dass ich nach 1937 kein Amt in der NSDAP wieder bekleidet hatte.“22 Zuvor war Ludwig schon am 8.7.1945 bei der Schulverwaltung vorstellig geworden: „Nach meinem letzten Einsatz am Schluß des Krieges folgten für meine Kameraden und mich eine Reihe von Wochen, in denen wir viel hin- und hergeworfen wurden. Jetzt bin ich einem auf einer Insel gelegenen Marineoffizier-Lager zugewiesen worden. Damit kann ich endlich der Schulverwaltung meine Anschrift, die sich bis zu meiner Entlassung nun voraussichtlich nicht mehr ändern wird, bekannt geben. Die Offiziersentlassungen laufen hier gerade an, allerdings in sehr bescheidener Form. Ich bitte die Schulverwaltung freundlichst, mir kurz hierher mitzuteilen, bis wann ich mich spätestens dort zurückzumelden habe, damit für mich die Wiederaufnahme meines Schuldienstes zum Winterhalbjahr gewährleistet ist. Dieses Schriftstück würde mir hier eine gute Hilfe sein, meine rechtzeitige Entlassung sicherzustellen, für die sonst Schwierigkeiten grundsätzlicher Art nicht bestehen.“23

Am 30.8.1945 legte Otto Ludwig Einspruch gegen seine Entlassung ein. Sein Schreiben offenbarte einerseits die Verzweiflung in der für ihn neuen und existenziellen Situation und gab andererseits, noch ohne juristische Beratung, authentisch wieder, mit welcher Haltung er Nationalsozialist geworden war. Otto Ludwig war nach kurzer Gefangenschaft am 3.8.1945 nach Hause gekommen und am folgenden Tag hatte ihm OSR Heinrich Schröder die Entlassung als Oberstudiendirektor mitgeteilt.24

„In den nahezu vier Wochen, die seitdem verflossen sind, ist mir klar geworden, dass diese Entlassung für mich, meine Frau und meine fünf kleinen Kinder einfach das Ende bedeutet. Seit dreieinhalb Wochen bemühe ich mich täglich mit unermüdlicher Ausdauer um eine Erwerbsmöglichkeit, bisher ist mir jeder Erfolg versagt geblieben. Bei dem sich ständig steigernden Überangebot junger, unverbrauchter Kräfte dürften auch fernerhin die Aussichten für einen Menschen meines Alters schwerlich besser werden. Unter solchen Umständen sehe ich keinen Ausweg, wie ich dem Schicksal entgehen soll, mit meiner Familie in absehbarer Zeit dem Nichts gegenüberzustehen. So furchtbar mich das bedrückt, will ich heute dennoch Gewesenes nicht verkleinern oder gar verleugnen. Offen bekenne ich, dass ich bereits in den letzten Monaten des Jahres 1932 an Adolf Hitler glaubte und immer mehr anfing, nur ihm die Fähigkeit zuzutrauen, Deutschland aus der verzweifelten Lage zu befreien, in der es sich damals befand. Deshalb wurde ich mit dem 1. März 1933 Mitglied der NSDAP; auch trat ich einige Monate später der SA bei und hatte seit dem Sommer 1933 vier Jahre lang die Stellung eines Kreisamtsleiters im NS-Lehrerbund inne. In ehrlicher Überzeugung habe ich zum nationalsozialistischen Staate gestanden, dem ich selbstlos gedient habe, ohne mich je irgendwie in den Vordergrund zu drängen.“25

Otto Ludwig, 58-jährig, beschrieb noch einmal, dass er nicht verstehen könne, warum er stellvertretend für die Mehrheit des deutschen Volkes so hart bestraft werden solle:

„Hinsichtlich des Datums meines Eintritts in die NSDAP (1.3.1933) darf ich wohl daran erinnern, dass diese selbe Partei vier Tage später bei der Reichstagswahl unter den 39 Millionen Wählern, die zur Wahlurne gingen, 17¼ Millionen Stimmen fand. Das waren 44 v.H., d. h. eine Mehrheit, wie sie in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus erstmalig war. Dieser kurze Hinweis vermittelt einen realen Anhalt für die damalige parteipolitische Lage und für das starke Vertrauen, das die NSDAP schon damals beim deutschen Volk genoss. Angesichts solcher Sachlage erscheint es unendlich hart, einen Einzelnen wegen seiner derzeitigen Zugehörigkeit zu dieser Partei, die doch eine vaterländische Partei war, so folgenschwer zur Verantwortung zu ziehen, dass man ihn und seine Familie dem Untergange preisgibt. Die unter dem nationalsozialistischen Regime verhängten Strafen werden heute gern als brutal bezeichnet. Ist es weniger grausam, einen deutschen Mann und Beamten, der sich – im Weimarer Staate sowohl wie im Dritten Reich – mit allen Kräften stets für die ihm übertragenen Aufgaben eingesetzt und dabei oft die Anerkennung seiner Vorgesetzten gefunden hat, nun mitsamt seiner Familie dem Verderben auszuliefern, nur deshalb, weil er aus einem tiefen Verantwortungsbewusstsein heraus, das er mit Millionen deutscher Menschen teilte, ein stiller Mitmarschierer wurde in dem Lager, das damals als einziges einen Aufstieg unseres Landes möglich erscheinen liess? Ist es weniger brutal, einen Menschen samt seinen Angehörigen zu vernichten, weil er aus anständiger Gesinnung heraus alles für sein Vaterland und nichts für sich selber wollte? Ist eine derart zerschmetternde Bestrafung mit wahrhaft demokratischen Grundsätzen in Einklang zu bringen?“26

Senator Landahl hatte Otto Ludwig die Entlassung in einem Schreiben vom 16.9.1945 noch einmal bestätigt. Ludwig wandte sich daraufhin an Bürgermeister Rudolf Petersen, der das Schreiben an die Schulverwaltung weiterleitete. Otto Ludwig konnte nicht verstehen, warum er mit seinen aus seiner Sicht unbedeutenden Funktionen in der NS-Bewegung so hart bestraft werde. „Ich habe von vornherein mein Schicksal mannhaft getragen und es strikt vermieden, irgendetwas aus der Zeit meiner Parteizugehörigkeit zu verleugnen. Umso mehr aber durfte ich dann betonen, dass ich zu keiner Zeit und an keinem Ort des gesamten Parteilebens eine auch nur irgendwie nennenswerte Rolle gespielt habe. Selbst mein Einsatz als Kreisamtsleiter des NS-Lehrerbundes in Barmbek-Süd ist über sehr bescheidene Anfänge nicht hinausgekommen, was ja aus den Akten noch heute klar ersichtlich sein wird.“ Und: „Ich möchte wirklich nicht zu den kläglichen oder komischen, jedenfalls aber traurigen Gestalten gerechnet werden, die plötzlich einen befremdlichen Gedächtnisschwund an den Tag legen und versuchen, Tatsachen aus ihrer Vergangenheit wegzuleugnen oder mindestens zu bagatellisieren.“27

Ende des Jahres 1945 war Otto Ludwig dann verhaftet und in ein Internierungslager gebracht worden. Die Aufforderung der Schulverwaltung, Ausweise und anderes abzugeben, beantwortete seine Frau, Helene Ludwig. Sie schrieb, dass ihr Mann „sich seit dem 7. November nicht im Hause aufhält und mir zur Zeit seine Anschrift unbekannt ist“.28

Im Entnazifizierungsverfahren vor dem Hauptausschuss Stormarn wurde protokolliert, Ludwig sei „ehemaliger Internierter, der provisorisch in Kategorie III eingruppiert worden ist“.29

Da das Entnazifizierungsverfahren erst 1947 weiterging mit einem Schreiben von Otto Ludwig, der, in Reinbek wohnend, sich somit auch nicht in Hamburg entnazifizieren lassen musste, kann davon ausgegangen werden, dass Ludwig bis 1947 interniert war. Hatte Ludwig noch im August 1945 erklärt, dass er nicht zu den „kläglichen oder traurigen Gestalten gerechnet werden möchte, die bagatellisieren“30, trieb ihn seine Verzweiflung um die materielle Existenz zwei Jahre später genau in diese Rolle. So schrieb er 1947 in der Anlage zu seinem Entnazifizierungsfragebogen:
„Im Sommer 1933 wurde ich trotz meines Einspruchs von dem Hamburger Leiter des NS-Lehrerbundes, Herrn Schulz, der mich persönlich überhaupt nicht kannte und der als gleichzeitiger Landesschulrat schuldienstlich mein Vorgesetzter war, mit der Leitung des NSLB im Kreise Barmbek-Süd beauftragt. Herr Schulz war bestrebt gewesen, wenigstens einige der zu besetzenden Stellen an Kollegen aus dem höheren Schulwesen und der Philologenvereinsarbeit zu vergeben. Seit 1922 war ich Vertrauensmann des Philologenvereins und ein sehr regelmäßiger und reger Mitarbeiter gewesen. So sehr mich pädagogische und wissenschaftliche Fragen von jeher interessiert hatten, so wenig lag mir ein Amt, das doch offensichtlich auch einen politischen Anstrich haben sollte. Ich war nie in meinem Leben politisch irgendwie tätig gewesen, und ich hielt mich selber durchaus ungeeignet dafür, so dass ich bereits im Laufe des Winters 1933/34 erneut um meine Ablösung bat. Es wurde mir indes dringend nahegelegt, wenigstens vorläufig im Amte zu bleiben.“31 Als aus bisher 20 NSLB-Kreisen dann zehn Kreise gemacht wurden, „wurde ich meiner Stellung enthoben. Dabei war wohl nicht nur mein eigener Wunsch sondern angeblich auch die Tatsache ausschlaggebend, dass der Kreisleiter an meiner gleichzeitigen Tätigkeit als Kirchenvorsteher (an der Auferstehungskirche in Barmbek) Anstoss nahm und nun die ihm willkommene Gelegenheit benutzte, mich – ohne Aufsehen zu erregen – auszubooten. (Es waren mir allerdings während meiner Amtszeit nie irgendwelche Schwierigkeiten in diesem Zusammenhang gemacht worden.) Auch war der Kreisleiter bei diesem Wechsel ohne Frage von dem Wunsch mitbestimmt worden, einen jüngeren und vor allem politisch aktivistischeren Mann in diesem Amt zu sehen.“32

Das Hinbiegen des Ablaufs in eine für ihn günstige Richtung war ihm nicht ganz gelungen. Und es war wohl eher der ehemalige Vorsitzende des Philologenvereins, Theodor Mühe, ab 1933 Oberschulrat für die höheren Schulen, der für die Repräsentanz von Philologen im NSLB und in Schulleiterfunktionen sorgte. Mühe sollte sich später zum Fall Ludwig auch noch äußern.33

In seinem Einspruch gegen die Entlassung führte Otto Ludwig ein interessantes Detail an, warum er sich der Hitler-Bewegung zugewandt hatte: „Bis zum August 1932 habe ich mit dem Nationalsozialismus nicht die geringste Berührung gehabt; ich war darüber nur ganz oberflächlich durch gelegentliche Zeitungsnotizen unterrichtet. Damals weilte ich zu kunstgeschichtlichen Studien in München, als ein reiner Zufall es mit sich brachte, dass ein dort ansässiger Künstler mich eines Abends in eine Hitler-Versammlung mitnahm und mich am Schluss dieser Veranstaltung mit dem Begründer des Nationalsozialismus bekannt machte. Wenn meine Unterhaltung mit Hitler auch nur sehr kurz war, so kann ich doch nicht leugnen, dass ich von dem ganzen Abend stark beeindruckt war. Zu jener Zeit befand ich mich schon in einer länger währenden inneren Wandlung, die mich, wenn auch spät und langsam, so doch stetig und folgerichtig von der bürgerlichen Rechten immer mehr zur sozialistischen Auffassung geführt hatte. Die innenpolitischen Zustände in Deutschland erschienen mir hoffnungslos. In Hitler glaubte ich nun den Mann zu sehen, der helfen konnte.“34

Und: „Der von Hitler so nachdrücklich betonte Gedanke der Volksgemeinschaft machte auf mich – angesichts der damaligen Zerrissenheit unseres Volkes – einen starken Eindruck, und der Satz ‚Gemeinnutz geht vor Eigennutz‘ kam meiner Suche nach einer Neuorientierung auf sozialistischer Grundlage weit und bestrickend entgegen. Kurz, ich glaubte, dass Hitler die verzweifelte Lage, in der sich Deutschland befand, meistern werde. So erklärte ich am 30. Januar 1933 meine Parteimitgliedschaft.“35

Kein Bekenntnis ohne Einschränkung: „Zwar ging mir schon damals keineswegs alles ein, was der Nationalsozialismus lehrte. Ein Judenhasser bin ich zum Beispiel nie gewesen; in jüdischen Häusern habe ich im Laufe der Jahre verkehrt.“36

Dazu hatten Ludwigs ehemaligen Kolleginnen von dem Realgymnasium für Mädchen Curschmannstraße sich, wie erwähnt ganz anders geäußert.37 Solch deutliche Aussagen wie die von Irma Stoß und Olga Franke hat es in solchen Verfahren selten gegeben.38

Die Tatsache, dass Otto Ludwig nicht in Hamburg, sondern im nahen Stormarn entnazifiziert wurde, stellte sich für ihn nicht als Vorteil heraus. Der Entnazifizierunghauptausschuss Stormarn führte eigene Befragungen und Untersuchungen durch und kommunizierte mit der Hamburger Schulverwaltung. In seiner Sitzung am 15.11.1947 erklärte das Ausschussmitglied, Rektor Seeler, über seine Auskünfte, die er in Hamburg einholen sollte: „Ich habe gelegentlich einer Tagung in Gelsenkirchen, an der auch Herr Senator Landahl und Oberschulrat Schröder teilnahmen, den Fall Ludwig erörtert. Herr Oberschulrat Schröder kennt L. und sagte mir, dass L. einer der fanatischen Anhänger für die Rassenidee der Nazis gewesen sei und auch im Unterricht sich sehr stark in diesem Sinne ausgewirkt hat. Herr Oberschulrat Schröder erklärte mir, dass die Hamburger Schulbehörde es ablehnen würde, ihn wieder als Studienrat noch als Oberstudiendirektor zu beschäftigen. Die Hamburger lehnen die Anstellung überhaupt ab, auch nicht als einfacher Lehrer. Dies ist maßgebend gewesen für mich, mich der Ansicht des Oberschulrats Schröder anzuschließen. Schon vor der Machtübernahme gehörte er den nazistischen Gliederungen an. Auch seine Beförderung zeigt, dass die Nationalsozialisten auf ihn ein besonderes Gewicht legten. Ich lehne L. als Lehrer und Erzieher ab und schlage dem Ausschuss vor, die Eingruppierung in Kategorie III, wie sie vorläufig von der Militärregierung vorgenommen ist, zu bestätigen.“39

Entsprechend wurde dann auch beschlossen. Ludwig wurde weiterhin der Kategorie III zugeordnet: „Keine Zulassung zum Erzieherberuf, in der Privatwirtschaft nur eine Stellung, die keinen leitenden Charakter hat, L. wird dem Arbeitsamt zur Verfügung gestellt, das ihn seinen Kenntnissen und Fähigkeiten nach einsetzt.“40

Interessant ist der Schriftsatz von Ludwigs Rechtsanwalt Dr. Teufel vom 31.5.1948, der feststellte:
„Vorweg möchte ich bemerken, dass ich hier vielleicht zum ersten Mal in meiner Praxis endlich einmal einen früheren Nationalsozialisten vor mir finde, der offen und ehrlich zugibt, er sei damals von der Richtigkeit der Hitlerschen Lehren und von der Aufrichtigkeit seines Vorhabens überzeugt gewesen, er habe sich deswegen auch offen zu seiner Sache bekannt. Es ist direkt erstaunlich, wenn zum Beispiel Herr Ludwig in seinem Antrag vom 15.6.1947 erklärt, der betonte Gedanke der Volksgemeinschaft hätte auf ihn einen starken Eindruck gemacht, er stellt auch keineswegs in Abrede, dass die gesamte Schularbeit in eine gewisse politische Richtung geraten sei. Es ist das etwas, was wir alle wissen und kennen, was aber in den allermeisten Fällen von den früheren Nationalsozialisten bestritten wird.“41

Das war sicherlich richtig festgehalten und unterschied Otto Ludwig von den meisten ehemaligen Nationalsozialisten, die verharmlosten, verfälschten und sich herausredeten. Danach ging Teufel dann auf die Feststellung des Beratenden Ausschusses ein: „Ich habe durch Akteneinsicht festgestellt, dass der Beratende Ausschuss dahin Auskunft erteilt hat, man habe von Herrn Ludwig immer als von einem ‚wilden Nazi‘ sprechen hören, es sei Auskunft erteilt worden, dass man über Herrn Ludwig nur Negatives sagen könne, der in menschlicher und charakterlicher, wie auch in politischer Beziehung gleich unerträglich gewesen sei, das Kollegium habe vor ihm in Ängsten geschwebt, außerdem habe er in hässlicher Weise jüdische Schüler behandelt.“42

Rechtsanwalt Teufel gab dann eine Reihe von positiven Leumundszeugen an von Personen, die Otto Ludwig anders kennengelernt hatten. Und Teufel kritisierte auch, dass die Aussagen von Irma Stoß nicht konkretisiert und mit Beispielen belegt wurden. Auf die gleichlautenden Hinweise von Olga Franke ging er nicht ein. Olga Franke hatte am 8.12.1948 ihre Aussagen noch einmal bekräftigt, aber auch geschrieben: „Herr Ludwig müsste zwar weitere Tätigkeit im Schuldienst untersagt, jedoch eine Pension zugebilligt werden, da sein Verhalten während der nationalsozialistischen Zeit nicht einem Streben nach Vorteilen, sondern der Überzeugung und einem offenbaren Idealismus entsprang.“43 Bezeichnend für die zweifelhafte Leumundspraxis war auch, das Rechtsanwalt Teufel für seine Gegenargumentation das Schreiben des „Studienrates“ Hugo Krüger einführte.44 Hugo Krüger war seit 1927 gemeinsam mit Otto Ludwig als Studienrat an der Curschmannstraße tätig gewesen. Krüger stand auf der Liste von Schulsenator Karl Witt vom 10.7.1933, wurde zum Schulleiter an der Curschmannstraße ernannt, Otto Ludwig als Stellvertreter.45 Jede entlastende Erklärung für seinen ehemaligen Stellvertreter war auch immer pro domo geschrieben: „Für die Anschuldigung, das Kollegium sei vor ihm in Ängsten gewesen, habe ich nie einen Anhalt gewonnen.“46 Und: „An eine Kontroverse mit Frau Dr. Franke kann ich mich nicht erinnern. Es ist aber wohl bei der Beurteilung des Falles zu berücksichtigen, dass nach einer Anordnung der Behörde jüdische Schülerinnen nicht an Veranstaltungen der Schule oder Klasse, die über den eigentlichen Unterricht hinausgingen, teilnehmen sollten. Diese Anordnung war nach meiner Erinnerung zunächst nur mündlich und erst viel später schriftlich gegeben worden.“47 Es gehörte zu den Unerträglichkeiten in den Entnazifizierungsverfahren, dass sich die nationalsozialistisch Involvierten gegenseitig „Persilscheine“ ausstellten. So schrieb Krüger: „Zum Fall der ehemaligen Schülerin Renate Mannhart kann ich folgendes sagen. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob Herr Ludwig sie wegen Nichtzugehörigkeit zum BdM durch Drohungen unter Druck gesetzt hat. Ich kann das allerdings nicht glauben. Auf jeden Fall war dies nicht der Grund für die Umschulung; denn dagegen hätte ich mich gewehrt. Vielmehr lag folgende grobe Entgleisung vor: Herr Studienrat Engel war von der Oberschule im Alstertal an die Oberschule Curschmannstraße versetzt worden. Da seine Klasse bei Herrn Engel Latein bekommen sollte, hat Herr Ludwig ihr davon Mitteilung gemacht. Am folgenden Tage hat dann die Schülerin, Renate Mannhart, vor der Klasse Herrn Ludwig erklärt, ihr Vater liesse ihm sagen, die Schule solle gegen diese Versetzung Einspruch erheben, da Herr Engel ein unfähiger Lehrer sei. Über diese Diskriminierung eines Lehrers, der noch gar nicht da war, war Herr Ludwig meines Erachtens mit Recht empört und verlangte, um weitere Komplikationen zu vermeiden, die Umschulung.“ Immerhin ergänzte Hugo Krüger noch: „Da ich selbst Pg. war, beschränke ich mich auf diese sachlichen Feststellungen.“48 Krüger war nicht nur Pg. gewesen, sondern nationalsozialistischer „Führer“ der Schule Curschmannstraße , er hatte die Verantwortung auch dafür, wie sein Stellvertreter agierte. Den Vorwurf, Ludwig hätte jüdische Schülerinnen diskriminiert, versuchte auch eine ehemalige Schülerin von Ludwig zu entkräften. Maria-Luise Spethmann, geborene Sutor, schickte ein Foto an den Entnazifizierungsausschuss von einer „Nordmark-Klassenreise“ im Herbst 1934. „Auf dem Bild, in Apenrade aufgenommen, befinden sich auch die Jüdin Ludmilla Goldblatt und die Halbjüdin Gerda Heinemann. Es kann also keine Rede davon sein, das nichtarische Schülerinnen durch Herrn Studienrat Ludwig von Klassenunternehmungen ausgeschlossen wurden.“49 Dass Otto Ludwig auch über eine Lobby im ehemaligen Philologenverein, in der DNVP und im NSLB sowie der Schulverwaltung verfügte, zeigen die „Persilscheine“ von drei ebenfalls belasteten ehemaligen Oberschulräten und dem ehemaligen Schulsenator Karl Witt. Der ehemalige Kassenwart des NSLB und Oberschulrat Richard Schlorf äußerte sich zu der Frage, ob bei der Beförderung von Ludwig die NSDAP maßgeblich mitgewirkt hätte: „Nach meiner Kenntnis der damals üblichen Praxis ist das nicht geschehen.“ Da Schlorf für den Berufsschulbereich zuständig war, hatte er überhaupt keine Kenntnisse in diesem konkreten Fall und schrieb auch noch: „Während der ganzen Zeit von 1933 ist 1945 ist bei jeder Beförderung – ganz gleich welcher Art, auch bei Festanstellungen, die auch als Beförderung gewertet wurden – stets ein Gutachten der Partei eingeholt worden.“ Aber bei Otto Ludwig sollte es keine Rolle gespielt haben, dass er 1933 Mitglied der NSDAP, des NSLB und der SA geworden war?

Über die Gründe, weshalb Ludwig nach 1937 keine Ämter in der Partei und dem NSLB bekommen hatte, mutmaßte Schlorf: „Es mag sein, daß seine positive Einstellung zu kirchlichen Fragen der Anlaß war; diese Annahme hat einen sehr hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, da seit dem Jahre 1937 weite Kreise der Partei einen scharf antikirchlichen Kurs steuerten. Man kann diese Frage indes offen lassen.“50 Welch scheinheilige Argumentationen. Ludwig selbst hatte erklärt, dass man ihm gerade deswegen die Schulleitung in Bergedorf übertragen hätte, weil er auch Kirchenvorsteher gewesen war. Er sollte die Eltern mit christlicher Orientierung integrieren.

Der ehemalige Schulsenator Witt, ein eifriger Schreiber von „Persilscheinen“ für ehemalige DNVP-Mitglieder, erklärte, dass die Oberschulräte Oberdörffer und Mühe keine alten Nationalsozialisten gewesen wären, sondern „stets bei Ernennungen das Wohl der Anstalt im Auge gehabt“ hätten. „Der Vorgänger von Herrn Ludwig hatte uns viele Schwierigkeiten gebracht. Nach der Besetzung der Stelle durch Herrn Ludwig habe ich Unstimmigkeiten nicht mehr gehört. Die Einsetzung des Herrn Ludwig wurde durch seine erfolgreiche Wirkungsweise gerechtfertigt. Eine enge Bindung an die NSDAP, die weder berücksichtigt wurde oder mir bekannt war, hat bei der Besetzung der Stelle keine Rolle gespielt.“51

Und Oberschulrat Theodor Mühe, über den Karl Witt geschrieben hatte, „Herr Dr. Mühe war von mir zum Oberschulrat vorgeschlagen, er kam wie ich aus der deutschnationalen Partei“52, konnte natürlich alles nur bekräftigen:
„Als die damalige Schulverwaltung sich im Frühjahr 1935 der Notwendigkeit gegenüber sah, die Stelle des Leiters der oben genannten Schule neu besetzen zu müssen, wurde bei den zuständigen Oberschulräten, den Herren Dr. Oberdörffer, Dr. Behne und mir, schnell Einigkeit darüber erzielt, daß der Studienrat Ludwig vom Realgymnasium für Mädchen an der Curschmannstraße dafür in erster Linie in Frage kam. Herr Ludwig war mit ausgezeichnetem Erfolg seit vielen Jahren im höheren Mädchenschulwesen tätig und verfügte also in hohem Maße über einschlägige Erfahrungen. Aus langjähriger Zusammenarbeit im Hamburger Philologenverein, in dem Herr Ludwig bis zur Auflösung des Vereins sehr aktiv und einsatzwillig mitwirkte und sich immer wieder gerade auch für die Belange des höheren Mädchenschulwesens nachdrücklich einsetzte, hatte ich diesen Kollegen ganz besonders schätzen gelernt. Zudem war uns Oberschulräten bekannt, daß Herr Ludwig im Lehrkörper seiner Schule eine sehr geachtete Stellung einnahm und daher auch vom Kollegium zum stellvertretenden Schulleiter gewählt worden war. Für den damals recht schwierigen Boden Bergedorfs brachte Herr Ludwig auch insofern noch ein besonderes Maß von Eignung mit, als er, der schon von jeher den vielen Fragen des Religionsunterrichts lebhaft zugewandt war, als Kirchenvorsteher einer Hamburgischen Kirche auch in der praktischen kirchlichen Arbeit stand, was in den der Luisenschule nahestehenden Bergedorfer Kreisen als besonderes Aktivum gewertet werden mußte. Auf Grund der vorstehenden Tatsachen schienen den Oberschulräten bei Herrn Ludwig die persönlichen und sachlichen Voraussetzungen vollauf erfüllt, die seine Ernennung zum Schulleiter rechtfertigten und die sich im Verlaufe seiner Tätigkeit an der Luisenschule dann auch bestätigt haben. Etwaige Parteibindungen waren bei dieser Ernennung von keiner Bedeutung, und keine Parteiinstanz ist daran beteiligt gewesen.“53

So lief das nach 1945. Alte Netzwerke bestanden noch und waren emsig tätig.

Auch Wilhelm Oberdörffer, auf den sich Mühe berief, hatte jede Menge „Persilscheine“ insbesondere für Mitglieder seiner ehemaligen Partei, der DVP, verfasst. In diesem Fall verweigerte er sich. Das Schreiben, das er an Otto Ludwig schickte, ist bemerkenswert: „Nachdem ich heute mit Herrn Oberschulrat Dr. Reimers über ihre Angelegenheit nochmals gesprochen habe, sind wir übereingekommen, daß die Schulbehörde auf ein besonderes Gutachten von mir verzichten will. Bei dieser Sachlage möchte ich, um Ihren Fall nicht weiter zu komplizieren, ebenfalls davon absehen, zu den Ihnen ausgehändigten Bescheinigungen der Herren Senator Witt und Dr. Mühe Stellung zu nehmen. Ich glaube, Ihnen damit am besten dienen zu können, möchte aber nicht unausgesprochen lassen, daß ich den beiden oben genannten Bescheinigungen nach Inhalt und Form in mehreren Punkten nicht zustimmen kann.“54

Oberdörffer wusste also, dass es anders gewesen war, und zog es vor, öffentlich zu schweigen.

Die Stellungnahme des Beratenden Ausschusses vom 21.5.1948 ist schon zitiert worden. Die Äußerungen von Irma Stoß und Olga Franke hatten bei dem Ausschuss den Eindruck hinterlassen, es handele sich bei Otto Ludwig um einen „wilden“ Nationalsozialisten.55 Der Berufungsausschuss vom 23.2.1949 urteilte milder, gab der Berufung statt mit der Maßgabe, „dass Sie in den Ruhestand versetzt und Ihnen die Pensionsbezüge eines Studienrates mit Wirkung vom 1.2.1949 zuerkannt werden. Ihre Einstufung erfolgt in Kategorie IV. Mit Wirkung vom 1.1.1950 werden sie in die Kategorie V eingereiht.“56

Damit ging Hamburg in diesem Fall weit nachsichtiger mit Otto Ludwig um, als der Entnazifizierungshauptausschuss in Ahrensburg, was ich im Vergleich der jeweiligen Praxis Hamburg – Schleswig-Holstein selten gefunden habe. In seiner Begründung bezog sich der Ahrensburger Ausschuss auf zahlreiche Äußerungen ehemaliger Lehrerinnen, die mit und unter Otto Ludwig gearbeitet hatten. Neben den schon wiedergegebenen Äußerungen gab der Ausschuss für seine Begründung noch einige weitere Beispiele, die „die unerträgliche Charakterlosigkeit“ von Otto Ludwig bezeichneten: „Die damals an derselben Schule tätige Frau Dr. Olga Franke hatte im Frühjahr 1933 mit ihrer Klasse eine Aufführung vorbereitet, um Geld für eine Klassenreise zu bekommen, an der auch jüdische Schülerinnen beteiligt waren. Der Betroffene hatte nichts gegen die Proben eingewendet, aber zwei Tage vor der Aufführung verbot er diese wegen der Teilnahme der jüdischen Schülerinnen, machte Frau Dr. F. schwerste Vorwürfe, sie habe kein Gefühl für Rassenreinheit und drohte ihr mit Hinauswerfen aus dem Amt. Ferner verlangte er, dass allen jüdischen Schülerinnen der Schule die Teilnahme an Aulazusammenkünften untersagt würde. Er ließ eine Schülerin, Renate Mannhart, die nicht Mitglied des BdM war, allein in die Schülerinnen-Bücherei kommen und setzte sie dort durch Drohungen unter Druck. Sie verließ deshalb seinetwegen diese Schule und trat in die Heilwegschule über. Der Betroffene beurteilte die Leistungen der Schülerinnen, die nicht im BdM waren nicht mehr objektiv und setzte ihre Zeugnisse herunter. Den fünf jüdischen Schülerinnen seiner Klasse verbot er die Teilnahme an Klassenfeiern. Weiter setzte er durch, dass nach Aulafeiern die gesamte Schule einschließlich aller Lehrkräfte die Bilder der nationalsozialistischen Führer, die im Vorraum der Aula hängen, mit dem Hitlergruß grüßen. Als Leiter der Luisenschule bearbeitete er die jüngeren Kolleginnen, wie Frau Beza, Frau Dr. Gertrud Daniels so lange, bis sie in die NS-Frauenschaft eintraten, indem er ihnen drohte, sonst nicht angestellt zu werden.“57

Der Hauptausschuss Stormarn stufte Ludwig weiter in Kategorie III ein und beschloss, ihn in den Ruhestand zu versetzen. „Es wird angeordnet, dass sein Ruhegehalt auf 50% des gesetzlichen Ruhegehaltes herabgesetzt und erst bei Erreichung des 65. Lebensjahres gezahlt werde.“58

Da der Arbeitsplatz von Otto Ludwig in Hamburg gelegen hatte, musste die Entscheidung über seine Pension auch in Hamburg getroffen worden. Ludwig schrieb am 20.5.1951, als er mit Abschluss der Entnazifizierung als „Entlasteter“ (Kategorie V) galt:

„Ich bitte hinweisen zu dürfen:
1. auf die in der Begründung der Entscheidung vom 23.2.1949 gegebene Formulierung, derzufolge ich nach Auffassung des Berufungsausschusses hinreichend bestraft bin und meine Belastung gesühnt ist, zumal angesichts der Tatsache, dass ich eine große Familie (fünf Kinder im Alter von 6–13 Jahren) habe;

2. auf meine Kriegsbeschädigung: ich zog mir beim Marineeinsatz in Polarnorwegen eine beiderseitige Innenohrstörung zu und bin stark schwerhörig, so dass ich keine freie berufliche Tätigkeit ausüben kann;

3. auf die Praxis der Berufungsausschüsse in der letzten Zeit, die milder geworden ist und in Fällen meiner Art bei Zurückgestuften stets entschieden hat, das bei Eintreten des Pensionierungsdienstalters die erdiente Pension eines Oberstudiendirektors gewährt wird.

Ich bitte freundlichst, nunmehr auch mir die Pension eines Oberstudiendirektors zuerkennen zu wollen.“59

Unterstützung fand er beim neuen Oberschulrat für die höheren Schulen, Dr. Hans Reimers, der nach dem Tod von Heinrich Schröder diese Funktion innehatte. Reimers, aus meiner Sicht selbst als ehemaliger Nationalsozialist und SA-Mann belastet60, schrieb am 12.11.1952:

„Die Voraussetzungen für eine Beförderung zum Oberstudienrat und später zum Oberstudiendirektor waren nach Ausbildung und Laufbahn erfüllt. Daneben spielte für diese Ernennung die Zugehörigkeit zur NSDAP eine Rolle. Der Nachweis, daß die Beförderungen ausschließlich wegen enger Verbindung zum NS. erfolgt sind, dürfte nicht lückenlos geführt werden können.“61

Die Personalakte von Otto Ludwig gibt keine Auskunft darüber, aber es ist zu vermuten, dass ihm auch wieder die Pension eines Oberstudiendirektors zuerkannt wurde.

Von 1961 bis 1964 arbeitete er auf Honorarbasis an der Bundeswehrfachschule.62

Otto Ludwig starb am 30.10.1981, 94-jährig.

Seine Witwe, Helene Ludwig, am 20.7.2001, mit 93 Jahren.63

Das Buch „Täterprofile, Band 2, Hamburg 2017“ ist erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg.

Anmerkungen
1 Personalakte Ludwig, StA HH, 361-3_ Nr. 3727
2 Entnazifizierungsakte Ludwig, StA HH, 221-11_Ed 1902
3 100 Jahre Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer , Hamburg 1992, S. 58ff. Siehe dazu auch die Biografie von Erwin Zindler, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 538ff.
4 100 Jahre Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer , Hamburg 1992, S. 59f.
5 100 Jahre Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer , Hamburg 1992, S. 61f.
6 Siehe de Lorent 2016, S. 32.
7 Schreiben des Beratenden Ausschusses vom 21.5.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
8 Schreiben von Dr. Olga Franke vom 17.7.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
9 Aus dem Protokoll der 119. Sitzung des Entnazifizierungshauptausschusses Kreis Stormarn in Ahrensburg vom 29.9.1947, Entnazifizierungsakte a.a.O.
10 Siehe dazu auch die Biografie Walther Machleidt in diesem Buch.
11 100 Jahre Luisen-Gymnasium Bergedorf (1888–1988). Festschrift, Hamburg 1988, S. 134.
12 Ebd.
13 100 Jahre Luisen-Gymnasium Bergedorf (1888–1988). Festschrift, Hamburg 1988, S. 135.
14 Ebd.
15 100 Jahre Luisen-Gymnasium Bergedorf (1888–1988). Festschrift, Hamburg 1988, S. 135f.
16 100 Jahre Luisen-Gymnasium Bergedorf (1888–1988). Festschrift, Hamburg 1988, S. 136.
17 Ebd.
18 Entnazifizierungsakte a.a.O.
19 Personalakte a.a.O.
20 Entnazifizierungsakte a.a.O.
21 Personalakte a.a.O.
22 Entnazifizierungsakte a.a.O.
23 Personalakte a.a.O.
24 Entnazifizierungsakte a.a.O.
25 Schreiben von Otto Ludwig an die Schulverwaltung vom 30.8.1945, Entnazifizierungsakte a.a.O.
26 Ebd.
27 Entnazifizierungsakte a.a.O.
28 Schreiben vom 29.12.1945, Personalakte a.a.O.
29 Protokoll der 119. Sitzung des Entnazifizierungshauptausschusses Stormarn vom 29.9.1947, Entnazifizierungsakte a.a.O.
30 Schreiben von Otto Ludwig an Bürgermeister Rudolf Petersen vom 16.9.1945, Entnazifizierungsakte a.a.O.
31 Anlage zum Entnazifizierungsfragebogen, Entnazifizierungsakte a.a.O.
32 Ebd.
33 Siehe auch die Biografie Theodor Mühe in: de Lorent 2016, S. 371ff. Die Art und Weise, wie Schulleiterbestellungen im höheren Schulwesen 1933 vorgenommen wurden, habe ich ausführlich beschrieben in der Biografie Hans Rösch: de Lorent 2016, S. 768ff.
34 Schreiben vom 15.6.1947, Entnazifizierungsakte a.a.O.
35 Ebd.
36 Ebd.
37 Schreiben vom 17.7.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
38 Ebd.
39 132. Sitzung des Entnazifizierungshauptausschusses vom 15.11.1947, Entnazifizierungsakte a.a.O.
40 Ebd.
41 Schreiben vom 31.5.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
42 Ebd.
43 Schreiben vom 8.12.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
44 Schreiben von Rechtsanwalt Teufel vom 27.1.1949, Entnazifizierungsakte a.a.O.
45 Siehe de Lorent 2016, S. 32.
46 Schreiben von Hugo Krüger vom 25.9.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
47 Ebd.
48 Ebd.
49 Schreiben vom 22.2.1949, Entnazifizierungsakte a.a.O.
50 Entnazifizierungsakte a.a.O. Zu Richard Schlorf siehe: de Lorent 2016, S. 731ff.
51 Schreiben vom 5.11.1952, Entnazifizierungsakte a.a.O. Siehe auch die Biografie Karl Witt, in: de Lorent 2016, S. 88ff.
52 Ebd.
53 Ebd.
54 Schreiben vom 13.11.1952, Entnazifizierungsakte a.a.O.
55 Entnazifizierungsakte a.a.O.
56 Entnazifizierungsakte a.a.O.
57 Entscheidung vom 9.8.1948, Entnazifizierungsakte a.a.O.
58 Ebd.
59 Ebd.
60 Siehe die Biografie von Hans Reimers in diesem Buch.
61 Personalakte a.a.O.
62 Personalakte a.a.O.
63 Personalakte a.a.O.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Februar 2019: 716 Kurzprofile und 276 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startet online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen, wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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