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Heinrich Böe

(3.11.1884 Rostorf, Kreis Nienburg – 21.121.1979)
Schulleiter der Adolf-Hitler-Schule in Farmsen
Tegelweg 109 (Wohnadresse, 1953)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat das Portrait über Heinrich Böe verfasst und in seinem Buch „Täterprofile, Band 2“ veröffentlicht.

Eine typische Schulleiterkarriere im Volksschulbereich während der NS-Zeit ist die von Heinrich Böe. Angepasst, bereitwillig, Funktionen zu übernehmen und in der Entnazifizierungsphase stets mit dem Hinweis bei der Hand, etwas getan haben zu „müssen“. An einer entscheidenden Stelle 1944 erwies sich Schulleiter Heinrich Böe als zu ängstlich, um sich schützend vor eine Lehrerin seiner Schule zu stellen.

Er war sicherlich nicht schlimmer als andere, die schon am 1.5.1933 der NSDAP beitraten, aber er offenbarte auch stellvertretend, wie das System mit bereitwilligen Mitläufern und Rädchen im Getriebe funktionierte.

Heinrich Böe wurde am 3.11.1884 in Rostorf, Kreis Nienburg als Sohn eines Weichenstellers bei der Bahn und dessen Frau geboren. Er besuchte die Dorfschule Edendorf bei Itzehoe, anschließend das Lehrerseminar in Uetersen, wo er die Abgangsprüfung am 7.9.1904 absolvierte.1 Er wechselte danach an die Gemeindeschule Farmsen, an der er am 4.5.1909 die zweite Prüfung bestand und zwei Jahre später fest angestellt wurde. An dieser Schule arbeitete er zusammen mit dem späteren Schulrat Gustav Schmidt. Heinrich Böe musste am 27.2.1915 in den Kriegsdienst ziehen. Als seine Beförderung zum „Offizier des Beurlaubtenstandes in Aussicht genommen“ wurde, fragte das Bezirkskommando bei der Oberschulbehörde vertraulich an, wie die persönlichen Verhältnisse des Heinrich Böe aussahen. Schulinspektor Hollburg antwortete am 17.11.1917: „Er ist als Lehrer tüchtig und hat sich vom Charakter bisher als durchaus zuverlässig gezeigt. Böe ist verheiratet und lebt in geordneten Familienverhältnissen. Seine Umgangsformen sind seinem Stande angemessen und sein Ruf in der Gemeinde ist ein guter. Es ist über Böe nie etwas Nachteiliges bekannt geworden, das seine Beförderung zum Offizier nicht wünschenswert erscheinen lassen könnte.“2

Heinrich Böe schied erst am 31.12.1918 als Leutnant der Reserve aus dem Heeresdienst aus. Danach arbeitete er wieder an der Gemeindeschule in Farmsen als Lehrer.

Am 1.5.1933 trat Heinrich Böe in die NSDAP ein. Schulrat Hans Brunckhorst attestierte ihm später, er wäre „zwar 1933 in die NSDAP eingetreten, aber nicht aus Überzeugung über den Wert dieses Systems, sondern aus der Sorge um den wirtschaftlichen Unterhalt für sich und seine Familie; die örtlichen Parteistellen drohten mit Entfernung aus dem Amt, wenn sich die Lehrer und insbesondere die Schulleiter nicht der Nazipartei anschlössen. Herr Böe ist ein völlig unpolitischer rein pädagogisch und sozial eingestellter Mensch und hat sich als solcher auch immer gezeigt und bewährt.“3

Nun war Hans Brunckhorst selbst ein von den Nationalsozialisten 1933 abgesetzter Schulrat und zweifellos ohne Sympathien für diese ideologische Richtung. Erstaunlich ist nur, wie nahtlos sich der Lehrer Heinrich Böe in die NSDAP einfügte und Karriere machte. Ab dem 1.8.1933 fungierte er als Blockleiter, 1935 wurde er Zellenleiter in der NSDAP. Er nahm teil am Reichsparteitag in Nürnberg vom 6.9.1934 bis zum 11.9.1934, später noch einmal am Reichsparteitag 1937. Vom 22.10.1934 bis zum 17.11.1934 besuchte er die Gauführerschule und folgerichtig berief ihn die NSDAP zum Konrektor der Adolf-Hitler-Schule in Farmsen im Juni 1933.4 „Völlig unpolitisch und rein pädagogisch und sozial einfgestellt“, aber durchaus bereit, in der NS-Zeit Karriere zu machen. Als der Schulleiter der Adolf-Hitler-Schule in Farmsen zum Kreisschulrat in Wandsbek berufen wurde, setzte die ­NSDAP den bisherigen Konrektor Heinrich Böe am 6.9.1938 als Schulleiter ein.5

Ich bin auf Heinrich Böe aufmerksam geworden durch einen Vorgang aus dem Jahre 1944. An der Adolf-Hitler-Schule in Farmsen hatte eine unverheiratete Lehrerin am 29.11.1944 bei ihrem Schulleiter, Heinrich Böe, ein Gesuch eingereicht: „Ich bitte um eine vorläufige Beurlaubung aus dem Schuldienst, da ich Ende März 1945 ein Kind erwarte. Laut beiliegender ärztlicher Bescheinigung von Herrn Dr. B. liegt bei mir eine Komplikation vor, es ist mir deshalb größtmögliche Schonung angeraten. Ich bitte höflichst um Berücksichtigung meines Gesuches.“6

Für mich ist der daraus entstandene Fall erst einmal ein Beleg für die mangelnde Courage des Schulleiters Heinrich Böe, der dem Gesuch seiner Lehrerin nicht bereitwillig nachkam, sondern es an Schulrat Hugo Millahn weiterleitete, mit der Bitte um Stellungnahme. Böe, dem so großes soziales Engagement nachgesagt wurde, hätte das Gesuch bei der Sachlage genehmigen können, um eine Gefährdung der Lehrerin seiner Schule zu vermeiden. Hugo Millahn ordnete eine Vorladung der Lehrerin B. in seiner Sprechstunde an und fertigte darüber eine Aktennotiz, in der es hieß: „Fräulein B. weigert sich, den Namen des Vaters des Kindes zu nennen. Nach eingehender Besprechung unter Hinweis auf die entstehenden Schwierigkeiten, bestätigt B., daß der Vater des Kindes der bei ihrem Vater arbeitende jugoslawische Kriegsgefangene ist. Rücksprache mit v.W. ist erfolgt wegen Beurlaubung.“7

Auch Hugo Millahn hatte sich in diesem Fall aus meiner Sicht nicht gerade vorbildlich verhalten. Aus seiner Aktennotiz ist zu ersehen, dass er die Lehrerin genötigt hatte, über die Vaterschaft unter Druck Auskunft zu geben und sich danach bei dem Justiz iar der Schulverwaltung, Hasso von Wedel („Rücksprache mit v.W.“), der in seinen Entscheidungen durchaus unberechenbar war, abzusichern.8

Aufgrund dieses Vorfalls hatte ich mir die Unterlagen über Heinrich Böe im Hamburger Staatsarchiv genauer angesehen und ihn als einen in meinen Augen typischen und aktiven Mitläufer und auch Mittäter im System der Nationalsozialisten identifiziert. Heinrich Böe machte das, was die NSDAP von ihm erwartete und es wäre einfach zu billig, alles darauf zurückzuführen, er hätte dies getan, „aus der Sorge um den wirtschaftlichen Unterhalt für sich und seine Familie“. Er hatte sich durchaus gut in diesem System eingerichtet.

Auf Anordnung der britischen Militär regierung war Heinrich Böe am 19.12.1945 aus dem Schuldienst entlassen worden.9

In seinem Entnazifizierungsfragebogen vom 4.12.1945 gab Heinrich Böe noch seine Mitgliedschaften in der NSV seit 1934, im NSLB seit 1933, im NS-Reichskriegerbund und in der Bewegung „Deutsche Christen“ an.10  In der Anlage zum Fragebogen beschrieb Böe seine Aktivitäten und Reden: „In dem Heft ‚Die Walddörfer‘ ist ein Aufsatz von mir veröffentlicht ‚Das Bildungswesen in den Hamburger Walddörfern‘. Als Schulleiter habe ich bei alljährlichen Schulentlassungsfeiern zu den Schulabgängern und Eltern gesprochen. Als Zellenleiter mußte ich im kleinen Kreise der Blockleiter und der übrigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Zelle an den ‚Arbeitsabenden‘ die von der Ortsgruppe gestellten Aufgaben erläutern und gelegentlich kurze Ansprachen, z. B. zum 20. April, zum 30. Januar und 9. November halten.“11 Für einen „völlig unpolitischen Menschen“ sicherlich eine wirkliche Herausforderung.

Gegen die Entlassung hatte Heinrich Böe Widerspruch eingelegt. Das schon zitierte Schreiben von Hans Brunckhorst vom 14.8.1946 konnte als offizielle Stellungnahme der Schulverwaltung an den Berufungsausschuss gelten. Brunckhorst schrieb weiter: „Wenn er zum Zellenleiter ernannt wurde, so geschah das, weil er ein fleißiger, freundlicher Mann war, der solchem Auftrag keinen Widerstand entgegensetzen mochte. Er hat aber als Politischer Leiter nicht im Sinne des politischen Nazitums gewirkt, sondern sich immer bemüht, rein menschlich seinen Mitmenschen ein Helfer zu sein. Das hat sich insbesondere auch bei der Zerstörung Hamburgs gezeigt, wo er mit seiner Frau, fast könnte man sagen, Tag und Nacht für die Flüchtlinge sorgte. Herr Böe hat auch als Schulleiter die Lehrer und Lehrerinnen seines Lehrkörpers in keiner Weise politisch bedrängt, so dass auch heute alle für ihn eintreten würden, um die Aufhebung seiner Entlassung zu erreichen. Herr Böe war ein sehr brauchbarer Lehrer und ordentlicher Schulleiter. Die Schulverwaltung schlägt vor, ihn zu bestätigen; sie wird ihn dann in den Ruhestand versetzen.“12

Zusätzlich gab es noch ein Gutachten des Beratenden Ausschusses für den Berufungsausschuss vom 8.11.1947. Darin hieß es:
„Der ehemalige Rektor Heinrich Böe, der 1933 in die NSDAP eingetreten ist, ist ein völlig unpolitischer, rein pädagogisch und sozial eingestellter Mensch. Wer die Verhältnisse in Farmsen um das Jahr 1933 kannte, dem ist es durchaus klar, dass es einer Natur wie Böe unmöglich war, sich von der Arbeit in der Partei freizuhalten. Sein Schulleiter war der spätere Schulrat Paetel, Böes Duzfreund, dem es nicht genügte, dass die Mitglieder seines Lehrkörpers Pg waren, sie sollten auch irgendwie den Posten eines Amtsträgers bekleiden. Böe hielt sich als Beamter verpflichtet, der jeweiligen Regierung seine besten Kräfte zur Verfügung zu stellen und glich darin durchaus dem Vicar of Bray, der den verschiedensten Königen und Kirche nfürsten die Treue schwor und sie hielt, bis ein neuer König kam, der unter Umständen das Gegenteil forderte von dem was sein Vorgänger für gut hielt. Genau wie der englische Pfarrer in seiner Gemeinde, erfreut sich Böe in der Gemeinde Farmsen allgemeiner Hochachtung und Beliebtheit.“13

Zum Schicksal der 1944 bei Schulleiter Heinrich Böe um Beurlaubung nachsuchenden schwangeren Kollegin, deren Begehren er nicht entscheiden mochte, sondern aus mangelnder Zivilcourage  an den Kreisschulrat Millahn weitergab mit all den damit verbundenen Risiken, gab es in diesem Verfahren keinen Hinweis. Natürlich auch nichts über das Schicksal des jugoslawischen Zwangsarbeit ers. Der Berufungsausschuss entschied am 12.12.1947, Böe mit der Pension eines Volksschullehrers in den Ruhestand zu versetzen und ihn in Kategorie IV einzustufen. Die Gründe: „Der Akteninhalt ergibt, daß Böe im Jahre 1933 nicht freiwillig zum NS und seinen Organisationen gestoßen ist. Es wird ihm von den vorgesetzten Dienststellen bestätigt, daß er rein pädagogisch und sozial eingestellt war. Nach dem persönlichen Eindruck und auch seiner eigenen Meinung ist er infolge seines leidenden Zustandes den Anforderungen des Lehrerberufes aber nicht mehr gewachsen. Er ist deswegen wie vorgeschlagen unter Zurückstufung zum Volksschullehrer in den Ruhestand zu versetzen. Der Tatsache seiner Parteizugehörigkeit ist durch die Zurückstufung Rechnung getragen.“14

Der Leitende Ausschuss bestätigte diese Entscheidung am 1.7.1952.15 Ebenso wie der ehemalige Wilhelmsburger Oberstudiendirektor Friedrich von Behren stritt Heinrich Böe im Weiteren mit juristischen Mitteln um eine andere Festsetzung seines Ruhegehalts. Am 27.12.1954 war er erfolgreich und bekam danach die Pension eines ehemaligen Rektors.16

Zwei interessante Details, die seiner Personalakte bis dahin gar nicht zu entnehmen waren, berichtete Heinrich Böe, nachdem ihm Landesschulrat Wolfgang Neckel zum 85. und zum 90. Geburtstag gratuliert hatte. Heinrich Böe antwortete ausführlich handschriftlich und schrieb am 6.12.1969, er könne „auf eine insgesamt 41-jährige Amtszeit zurückblicken und habe dann bis zu meiner Pensionierung noch drei Jahre ‚ Zwangsarbeit ‘ in Planten und Blomen und in einer hiesigen Gärtner ei als Gartenarbeiter leisten müssen.“17

Ein kleiner Hinweis auf seine Tätigkeit während des Entnazifizierungsverfahrens. Und nach dem Glückwunsch zu seinem 90. Geburtstag berichtete er in seinem Antwortbrief, er feiere jährlich seinen Geburtstag mit den ehemaligen Schülern, die er von 1924 bis 1932 als Klassenlehrer unterrichtet „und auch weiter behalten habe, als ich 1929 vom Lehrkörper und Elternrat zum Schulleiter gewählt wurde. Als ich 1932 abermals wieder gewählt wurde, nahm ich die Wahl sehr ungern an, weil ich lieber wieder eine neue Klasse übernehmen wollte. Schon im Herbst desselben Jahres teilte ich dem Lehrerkollegium (…) mit, daß ich Ostern 1933 die Schulleitung wieder niederlegen und eine Klasse übernehmen möchte, und ich war auch nicht zu bewegen, diesen Entschluß rückgängig zu machen. Aber im Juni 33 wurde ich dann zum Stellvertreter des neuen Schulleiters ernannt.“18

Interessant ist dabei, dass Gustav Schmidt, der zusammen mit Heinrich Böe als Lehrer gearbeitet hatte und später Böes Schulrat gewesen war, nach 1945 keine Stellungnahme über Böe abgegeben hatte.

Heinrich Böe starb am 21.12.1979.19

Das Buch von Hans-Peter de Lorent: Täterprofile, Band 2, Hamburg 2017 ist in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg erhältlich.

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte Heinrich Böe, StA HH, 361-3_A 1506
2 Ebd.
3 Entnazifizierungsakte Heinrich Böe, StA HH, 221-11_Ed 17313
4 Ebd.
5 Vermerk von OSR Mansfeld vom 2.6.1939, ebd.
6 Das Schreiben ist in Abschrift enthalten in der Entnazifizierungsakte Millahn, StA HH, 221-11_Z 7401
7 Ebd.
8 Entnazifizierungsakte Böe, a.a.O.
9 Personalakte a.a.O.
10 Entnazifizierungsakte a.a.O.
11 Ebd.
12 Ebd.
13 Ebd.
14 Ebd.
15 Ebd.
16 Personalakte a.a.O.
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Ebd.
 

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Erklärung zur Datenbank

Stand März 2021: 834 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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