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Willi Hill

(1899-1979)
Förderer des Siedlungswesens, hauptsächlich in Lurup
Elbgaustraße 194 (Wohnadresse)
Willi-Hill-Weg , in Lurup seit 1981

Willy (in seinem Entnazifizierungsfragebogen schreibt Hill seinen Vornamen am Ende mit y) Hill wurde am 7. August 1899 in Altona geboren und lebte in Hamburg-Lurup in der Elbgaustraße 194. Er besuchte von 1906 bis 1914 die achtstufige Volksschule in Altona und danach von 1914 bis 1917 die Gewerbefachschule, die er mit dem Abschluss eines Elektromonteurs verließ. Hill war verheiratet mit der ein Jahr jüngeren Grethe, geb. Becker. Das Paar hatte den Sohn Kurt.

Über seine Aktivitäten während der NS-Zeit gibt sein sich im Hamburger Staatsarchiv aufbewahrte Entnazifizierungsfragebogen Auskunft: Staatsarchiv Hamburg, 221-11, Misc 13095
Von 1931 bis 1936 war Hill erwerbslos, dann von 1936 bis 1945 als Monteur im Außendienst bei der Firma Conz in Altona/Bahrenfeld beschäftigt.
Während des Zweiten Weltkrieges wurde Hill wegen Unabkömmlichstellung (u.k.) vom Wehrdienst zurückgestellt.
Vor 1933 war Willy Hill Mitglied der SPD gewesen. Auch hatte er – laut seiner Aussage in seinem Entnazifizierungsfragebogen - noch bei der Novemberwahl 1932 sowie im März 1933 die SPD gewählt. Ebenso war er vor 1933 Mitglied im Metallarbeiter-Verband gewesen. Dieser freigewerkschaftliche Verband wurde im Mai 1933 im Zuge der Gleichschaltung der freien Gewerkschaft en zwangsweise aufgelöst.

In der Zeit des Nationalsozialismus trat Willy Hill 1937 der NSDAP bei und war dort bis 1945 Mitglied. Auch wurde er 1935 Mitglied der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Von 1937 bis 1944 war er außerdem Mitglied der NSV. In all diesen NS-Organisationen übernahm er kein Amt.

Die DAF ( Deutsche Arbeitsfront) wurde am 10.5.1933 gegründet, war der NSDAP angeschlossen und „mit ca. 23 Mio. Mitgliedern (1938) die größte NS-Massenorganisation. Als Einheitsgebilde ‚aller schaffenden Deutschen‘ konzipiert, schuf ihr Reichsleiter Robert Ley ein vielgliedriges, bürokratisch aufgeblähtes Organisationsimperium, mit dem er in nahezu alle Felder der nat.soz. Wirtschafts- und Sozialpolitik einzudringen trachtete. Entscheidender Einfluß auf materielle Belange in diesem Bereich blieb der DAF jedoch verwehrt, vielmehr musste sie sich im wesentlichen auf die allgemeine Betreuung und weltanschauliche Schulung ihrer Mitglieder beschränken. Die sich aus den Mitgliederzahlen ergebende enorme Finanzkraft der DAF (Beitragsaufkommen 1939: 539 Mio. RM) diente (…) v.a. der Finanzierung ihrer Wirtschaftsunternehmen. Hierzu gehörten u.a. Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaften, Banken, Verlags- und Druckereiunternehmen, Werften, (…) Volkswagen (…) Der zweite Pfeiler der Aktivitäten der DAF waren die unterhalb des Zentralbüros geschaffenen Ämter; hierzu zählte u.a.  das Amt für Berufserziehung und Betriebsführung (…), das Amt Soziale Selbstverantwortung (…), sowie die NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude‘.“ [1]

Die NSV war „mit 17 Mio. Mitgliedern (1943) nach der Deutschen Arbeitsfront die größte und in der Öffentlichkeit bekannteste NS-Massenorganisation. (…) Ihren Anspruch auf Monopolisierung der gesamten freien und öffentlichen Wohlfahrt konnte die NSV zwar nicht realisieren, doch gelang es ihr, die in der freien Wohlfahrt tätigen Verbände zurückzudrängen bzw. gleichzuschalten, deren finanzielle Mittel zu beschneiden und auch die von den Kommunen getragene öffentliche Fürsorge einzuschränken. Angesichts der ihr zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel (Mitgliedsbeiträge, Spenden, staatliche Zuwendungen) war es möglich, in alle Bereiche der Wohlfahrt zu expandieren und dort spezifische Akzente zu setzen. Aufgrund ihrer scheinbaren Ideologieferne war die Arbeit der NSV populär und die Mitgliedschaft erschien auch für diejenigen, die dem Regime eher zögernd oder kritisch gegenüberstanden, aber aus Opportunitätsgründen in eine Parteiorganisation eintreten wollten, akzeptabel. Tatsächlich war die Arbeit der NSV von rasse- und erbbiologischen Selektionskriterien bestimmt, indem v. a. ‚rassisch wertvolle‘. Nur zeitweilig in eine Notlage geratene Bedürftige gefördert werden sollten, während ‚Minderwertige‘, ‚Asoziale‘, Alte und Kranke der (Minimal-) Unterstützung der öffentlichen Fürsorge überlassen wurden.“ [2]

Darüber hinaus war Willy Hill von 1935 bis nach der Befreiung vom Nationalsozialismus ehrenamtlich aktiv als Gemeinschaftsleiter im Deutschen Siedlerbund und betreute die Siedler.
In der „Enzyklopädie des Nationalsozialismus “ heißt es unter „Deutscher Siedlerbund“: „1927 als Gesamtverband für Kleinsiedlung und Familienheim e. V. gegründet, sollte der D. der Spitzenverband zur Förderung und Erhaltung von Kleinsiedlungen und Familienheimen sein. Die Nat.soz. hielten sich diese Gründung zugute und datierten sie später auf das Jahr 1934. Der D. war im Dritten Reich die einzige staatlich und parteiamtlich anerkannte Organisation der Klein- und Eigenheimsiedler. Lt. Erlaß des Reichsarbeitsministers vom 19.11.1936 war er im Auftrag des Reichsheimstättenamtes der NSDAP und der DAF für die wirtschaftliche Beratung und Schulung (im nat. soz. Sinne) aller dt. Heimstätten- und Eigenheimsiedler verantwortlich. Organisatorisch gliederte sich der D. in 32 Gaugruppen und weiter in Kreisgruppen und Siedlergemeinschaften. 1936 zählte der D. 130.000 Mitglieder.“ [3]

Mit dem Siedlungsbauwesen in Hamburg Lurup, wo heute der Willi-Hill-Weg verläuft, hat sich Dietrich Helling beschäftigt. Er schreibt: „Es gab (…) geplante und mit staatlicher oder genossenschaftlicher Hilfe erbaute Siedlungen. Ein solches Vorzeigeprojekt war die Elbkamp -Siedlung. Hier hatten sich unter Zuhilfenahme eines Notprogramms zur Förderung außerstädtischen Wohnungsbaus Arbeitslose zu einer Selbsthilfeorganisation zusammengeschlossen und 1932 51 Doppelhäuser errichtet. ‚Alle Merkmale städtischen Wohnens fehlten. Die eingeschossigen Häuser duckten sich in einer Reihe entlang unbefestigter Feldwege. Bezugpunkte einer städtebaulichen Differenzierung fehlten; irgendeine Infrastruktur war nicht vorhanden. Die zuständigen Schulen der umliegenden Gemeinden (Osdorf, Lurup, Eidelstedt) waren jeweils zwanzig Fußwegminuten entfernt und mußten durch provisorische Anbauten notdürftig dem Ansturm der Siedlerkinder angepaßt werden. Das erster ‚Musterhaus‘ konnte bereits im späten Frühjahr 1932 im Luruper Teil der Öffentlichkeit präsentiert werden. Es handelte sich um ein eingeschossiges Doppelhaus mit Schrägdach, traufständig zur Straße, mittig geteilt in zwei voneinander unabhängige, gleichartige Wohnhälften. Zwei Familien sollten sich also jeweils ein solches Doppelhaus teilen. Jede Haushälfte umfasste zwei kleine Zimmer und eine geräumige Wohnung im Erdgeschoss und entsprach mit diesem Raumangebot kleinsten städtischen Mietwohnungen (Wohnfläche. 52 qm). Hinzu kam das vorläufig nicht ausgebaute Dachgeschoss, das über eine Treppe zugänglich war, aber nur Räume mit schrägen Wänden aufwies. Ein gartenseitiger Anbau nahm den ‚Hauseingang, ein Klosett, eine Futterküche und einen Kleintierstall auf. Zur Einlagerung selbsterzeugter Lebensmittel aus dem Garten war das Haus voll unterkellert. Zusätzlich war unter dem Stallanbau eine Grube zur Sammlung von Fäkalien angeordnet, die die fehlende Abwasserkanalisation vorläufig ersetzte. Die gesammelten Fäkalien sollten als Dünger im Garten Verwendung finden. Dagegen waren Strom- und Wasseranschluss von Anfang an vorhanden. Mit dem großen Garten bot die ‚Siedlerstelle‘ nicht nur Wohnung für eine Familie, sondern zugleich die Voraussetzungen für eine landwirtschaftliche Produktion. Gemüse- und Obstanbau, Kleintierhaltung und Lebensmittelbevorratung ermöglichten den Bewohnern eine weitgehend selbstversorgende (autarke) kleinbäuerliche Lebensführung, die den aktuellen Krisenbedingungen Rechnung trug.‘ Die Mitgliedschaft im Siedlerverein war aufgrund der Nachfrage ein begehrtes Privileg. Um das Unternehmen nicht zu gefährden, wurden Siedler ausgewählt, die gute Voraussetzungen für den Eigenbau mitbrachten. Entgegen der eigentlichen Zielsetzung des Vereins, allen langjährigen Notstandsarbeitern gleichermaßen die Chance zum Erwerb eines Heims zu geben, wurden baugewerbliche Berufe bevorzugt. Es waren allein 19 Maurer und Poliere ausgewählt.

Seit 1928 hatte auch die NSDAP die Förderung des Siedlungsbaus in ihr Programm geschrieben. Sie hoffte auf diese Weise, den bisher vorwiegend von der SPD vorangetriebenen Maßnahmen Entsprechendes entgegenzusetzen. Die Reichtagswahl 1933 aber zeigte, dass die NSDAP keinen Erfolg bei der Wählerschaft in Lurup und Osdorf hatte. Denn gegen den allgemeinen Trend konnten SPD und KPD Stimmengewinne verbuchen. Mitte März 1933 löste im Zuge der Gleichschaltung der Nationalsozialist Heinrich Schmidt den bisher verantwortlichen Bausenator Oelsner ab, und es galten neue Regelungen: „Der Kreis der Berechtigten wurde erweitert; langfristige Erwerbslose, Kriegsbeschädigte, Kriegsteilnehmer und Kinderreiche sollten nun bevorzugt berücksichtigt werden. Der Siedlungsbau wurde als Konsequenz hieraus reorganisiert: an die Stelle des Selbsthilfeprojektes für Bauarbeiter und -handwerker trat wieder die Ausführung durch Bauunternehmen; die Siedler blieben aber auch weiterhin im Rahmen eines ‚freiwilligen Arbeitsdienstes‘ zur Mitarbeit verpflichtet. Als Bautyp setzte sich anstelle des Doppelhauses bald das freistehende Siedlerhaus durch, das seinen Giebel der Straße zuwandte. Diese Hausform, die die Abkehr vom Reihenhaus und vom ‚kollektiven‘ Wohnungsbau unterstrich, wurde vom ‚Kampfbund deutscher Architekten und Ingenieure‘ (KDAI), einer der NSDAP nahestehenden Standesvertretung, propagiert. Wichtigstes Anliegen der neuen Machthaber war jedoch die Vergrößerung der Parzellen auf mindestens 1.000 qm.“[4]

Zurück zu Willy Hill: Aus seiner Entnazifizierungsunterlagen geht hervor, dass er nach der Befreiung vom Nationalsozialismus als Sprecher beim NWDR (später NDR Rundfunk) tätig war. Zuerst bescheinigte ihm das „Advisory Committee“ im Dezember 1946 wegen seiner Mitgliedschaften in der NSDAP, DAF und NSV: „Keine Bedenken aber für Rundfunk abgelehnt.“ Der Fachausschuss Nr. 7 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten kam jedoch zu einem anderen Urteil und teilte Willy Hill in einem Schreiben vom 18. Februar 1947 mit: „Der Fachausschuss hat unter dem 10.1.47 mit Zustimmung der Militär regierung festgestellt, dass Sie kein Aktivist der NSDAP gewesen sind. Die Anweisung 24 des Kontrollrates findet daher auf Sie keine Anwendung, sodass Sie beim Nordwestdeutschen Rundfunk beschäftigt werden dürfen.“ [5]

Quelle:
1 Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus . 2. Aufl. München 1998, S. 418f.
2 Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.), a. a. O., S. 619.
3 Wolfgang Benz, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.), a. a. O., S. 427.
4 Geschichtswanderung durch Lurup (ausgearbeitet von Dietrich Helling) Dort im Text angegebene Zitate aus: Christoph Timm. Eine Art Wildwest. Sammlung „Das andere Altona“ Hrsg. A Sywottek Hamburg 1984. Unter: http://euve10195.vserver.de/lurup/1.pdf
5 Staatsarchiv Hamburg, 221-11, Misc 13095
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand März 2021: 834 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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