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Bernhard Pein

(20.10.1891 Pinneberg – 8.4.1970)
Leiter der Napola in Spandau, Leiter der Hochschule für Lehrerbildung
Nikischstraße 2 (Wohnadresse 1950)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat über Bernhard Pein ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:  

Nach seiner Zeit an der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt erschien Pein demnach trotz fehlender wissenschaftlicher Qualifikation für den Posten des Leiters in Hamburg geeignet, bot er die Gewähr für eine hohe Übereinstimmung mit den nationalsozialistischen Positionen.“
Das Reichsministerium für Wissenschaft und Erziehung traute der Hamburger Lehrerbildung nicht über den Weg. Es waren dort noch zu viele ehemals reformpädagogisch orientierte Kollegen tätig. Als 1938 die Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg eingerichtet wurde, setzte NS-Minister Bernhard Rust sich gegen Landesschulrat Willi Schulz und den Reichsstatthalter Karl Kaufmann durch und sorgte dafür, dass Prof. Bernhard Pein zum Leiter der Hochschule ernannt wurde. Pein hatte sich als Nationalsozialist seit 1932 bewährt. Er war Ortsgruppenleiter in Uetersen gewesen, leitete vorher dort als Studiendirektor seit 1927 die Aufbauschule, eine staatliche Oberschule. 1934 wurde er Leiter an einer Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (Napola) in Berlin-Spandau. Als SS-Mann, Obersturmbannführer seit 1944, wurde er 1945 entlassen, interniert und erfuhr ein Spruchgerichtsverfahren, in dem verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit deutlich wurden. Im hohen Alter lehrte er noch an Hamburger Privatschulen.

Bernhard Pein wurde am 20.10.1891 in Pinneberg als Sohn des Wein- und Spirituosenhändlers Behrend Pein und dessen Frau Charlotte geboren. Er besuchte zunächst die Volks- und Rektor-Schule, anschließend, seit 1902 die Oberrealschule in Altona-Ottensen, an der er 1912 die Reifeprüfung bestand. Danach studierte er in Freiburg, Erlangen, Heidelberg, Kiel, Jena und Hamburg Romanistik und Anglistik, sowie Geschichte, Philosophie und Leibesübungen.[1]
Unterbrochen wurde das Studium von 1914 bis 1918, wo Bernhard Pein in Frankreich „den Kriegsdienst leistete“, am Ende als Leutnant und Batterieführer. In seiner SS-Akte ist die Abschrift der Begründung für die Verleihung des Ritterkreuzes des königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern für den 27-jährigen Leutnant Bernhard Pein in Abschrift enthalten, in der es heißt: „Leutnant der Reserve Pein hat sich bei der Vorbereitung und Durchführung des Angriffs gegen die englischen Stellungen in glänzender Weise hervorgetan. Seinem persönlichen Eingreifen ist es zu danken, dass der schwere Angriff auf Epelny am 23.3.18 von der stürmenden Infanterie durchgeführt werden konnte. Durch seine Infanteriegeschütze ermöglichte er auch der Infanterie der Nachbardivision, den zähen Verteidiger aus den Gräben von Epelny zu werfen. Seine persönliche Tapferkeit verdient besonders hervorgehoben zu werden.“[2]
Im Februar 1921 legte er in Hamburg das Staatsexamen für das Lehramt an höheren Schulen in den Unterrichtsfächern Englisch und Französisch ab sowie im Nebenfach Geschichte. Im Februar 1923 bestand er in Berlin an der preußischen Hochschule für Leibesübungen die Turn- und Sportlehrerprüfung.[3]
Den Vorbereitungsdienst absolvierte er an der Oberrealschule in Altona, wo er auch 1923 die Assessoren-Prüfung erfolgreich ablegte.
Bernhard Pein organisierte sich früh in rechtsextremen Organisationen. 1919/20 gehörte er der 1921 verbotenen paramilitärischen Organisation Escherich (Orgesch) an, wie er in seinem Lebenslauf seiner Personalakte erklärte. Von 1923 bis 1930 war er Mitglied im Jungdeutschen Orden.[4]
Als Student gehörte er einer schlagenden Studentenverbindung an, der Burschenschaft „Verein Deutscher Studenten“, bei der er sich Schmisse und Narben im Gesicht zuzog.[5]
Damit schien die weitere politische Entwicklung von Bernhard Pein vorgezeichnet. Seit 1923 arbeitete Pein als Studienassessor an der Aufbauschule Uetersen, der späteren Ludwig-Meyn-Schule, wo er am 1.10.1925 zum Studienrat und knapp zwei Jahre später zum Studiendirektor befördert wurde.[6]
Über die konkrete Schularbeit von Studiendirektor Bernhard Pein gibt es auch in dem äußerst lesenswerten Buch der Schülerinnen und Schüler der Ludwig-Meyn-Schule „Uetersen im Nationalsozialismus“ relativ wenig zu lesen, da sie sich schwerpunktmäßig mit den politischen Aktivitäten des Schulleiters beschäftigen. Bernhard Pein selbst schrieb in seinem Lebenslauf, den er für seine SS-Akte verfasste, über die Zeit seit 1923:
„Im November 1923 trat ich dem Jungdeutschen Orden bei, war im Jahre 1925 eine kurze Zeit Gefolgschaftsmeister, betätigte mich in den Jahren 1925–1929 als Schulungsabendredner, trat im September 1930 aus dem Orden aus, weil seine Entwicklung zur Staatspartei meiner Auffassung nach einer völkischen Organisation widersprach und trat Ende Juli 1932 der NSDAP bei. In der Ortsgruppe Uetersen betätigte ich mich seit September 1932 als politischer Redner, bei der SA-Schulung, trat bei den November-Wahlen in einer großen Versammlung der SPD auf Befehl des Kreisleiters als Debattenredner auf und wurde Anfang 1933 Ortsgruppenleiter in Uetersen. Bei den März-Wahlen wurde ich in Uetersen Stadtverordnetenvorsteher und von der Gauleitung auf die Liste des Provinziallandtages gesetzt. Vom 1. Mai 1933 bis zum 17. November war ich als Regierungsdirektor an der höheren Schulabteilung in Schleswig tätig und übernahm Anfang 1934 auf meinen eigenen Wunsch die Leitung der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Spandau.“[7]
Bernhard Pein war außerdem auch seit 1932 SA-Mitglied gewesen.[8]
Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten (NPEA, auch Napola – Nationalpolitische Lehranstalt) waren Internatsoberschulen, die nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 als „Gemeinschaftserziehungsstätten“ gegründet wurden. Der Besuch der Schulen führte zur Hochschulreife. Ähnlich wie bei den Adolf-Hitler-Schulen (AHS) und den SS-Junkerschulen handelte es sich um Eliteschulen zur Heranbildung des nationalsozialistischen Führernachwuchses. Am 20.4.1933, Hitlers Geburtstag, hatte Bernhard Rust, der damalige Staatskommissar im Preußischen Kultusministerium, verfügt, die drei ehemaligen Kadettenanstalten in Plön, Köslin und Potsdam „gemäß ihrer Tradition“ in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten umzubenennen. „Für die Neuaufnahme sei eine Auslese zu treffen, die Lehrkörper seien neu zusammenzusetzen, der Unterrichtsplan neu zu entwerfen und die Hitleruniform als Schülerkleidung einzuführen. Damit hatte der ehemalige Studienrat und spätere Reichserziehungsminister Rust den ersten Schultyp in der Entwicklung zu einem genuin nationalsozialistischen Schulwesen ins Leben gerufen.“[9]
Bis 1944 gab es 38 nationalpolitische Lehranstalten.[10]
In der Biografie Max Klüver[11] habe ich dargestellt, dass es daneben die von Baldur von Schirach und dem Führer der Deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, initiierten Adolf-Hitler-Schulen gab, deren Erzieher in der Regel HJ-Funktionäre waren. Max Klüver war Schulleiter und Ausbildungsleiter der Erzieher der Adolf- Hitler-Schule in Sonthofen. „In allen diesen Schulen ging es, wie Hitler in ‚Mein Kampf‘ gefordert hatte, in erster Linie um die Heranbildung eines rassisch reinen ‚Menschenmaterials‘, kerngesunder Körper, aber auch um die Entwicklung des Charakters, die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, die Erziehung zur Verantwortungsbereitschaft, erst in zweiter Linie um wissenschaftliche Schulung. Selbstvertrauen und Überlegenheitsgefühl sollten ebenso vermittelt werden wie vollkommene Opferwilligkeit und bedingungsloser Gehorsam – bis in den Tod.“[12]
Es gab prominente Absolventen der Napolas und der Adolf-Hitler-Schulen wie zum Beispiel Hellmuth Karasek, Rüdiger von Wechmar, Horst Janssen. Der ehemalige Herausgeber der „Zeit“, Theo Sommer und der Schauspieler Hardy Krüger hatten die Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen besucht.[13] Von Hardy Krüger, 1928 in Berlin geboren, der als 13-Jähriger auf die von Max Klüver geleitete Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen kam, gibt es dazu verschiedene Veröffentlichungen. So schrieb er: „Die Napola war die etwas mildere Form der NS-Eliteschulung. Die Unterschiede zwischen beiden Schultypen lassen sich schon bei den Mutproben während der Ausleseverfahren klar erkennen. Während man bei der Napola nur vom Zehnmeterbrett ins Wasser springen mußte, habe ich damals in Berlin im Winter in einem See unter dem Eis von einem Loch zum 10 m entfernten zweiten Loch schwimmen müssen.“[14] Und weiter stellte er fest:
„Als Adolf-Hitler-Schüler fühlten wir uns den Jungmannen in den Napolas haushoch überlegen. Die würden später mal vielleicht Verwaltungsbeamte. Wir aber wurden auf ganz andere Aufgaben in der Partei vorbereitet. Ich nahm damals an, dass ich nach dem Endsieg Gauleiter von Moskau werden würde, mindestens … Wir wurden zielgerecht darauf vorbereitet, wichtige Ämter im Staat zu übernehmen. So war ich also 1941 nach fünf langen Ausleseverfahren, bei denen es um Mut und Intelligenz und vor allem Weltanschauung ging, in die Ordensburg gekommen. In den ersten Briefen an meine Eltern schrieb ich 1941 aus Sonthofen: ‚Glücklich bin ich hier nicht. Das sollt ihr ruhig wissen.‘ Aber das hatte keine politischen Gründe. Mir lag einfach die Schleiferei, dieser schreckliche militärische Drill nicht. Es war ja wie in einer preußischen Kadettenanstalt. Natürlich bin ich freiwillig und gern in die Ordensburg Sonthofen gekommen. Das war für mich eine große Ehre. Wir wurden ja auch entsprechend als Auserwählte, als Elite der Jugend des Großdeutschen Reiches gefeiert.“[15]
Rüdiger von Wechmar, 1923 in Berlin als Sohn eines Berufsoffiziers geboren, besuchte von 1935 bis 1941 die Napola in Spandau, in der Zeit also, in der anfangs Bernhard Pein Schulleiter war. Von Wechmar, der in Willy Brandts Bundeskanzler-Zeit Bundespressesprecher war und 1974 UNO-Botschafter, 1980 Präsident der UNO-Vollversammlung wurde, sagte über seine Schulzeit in Spandau: „Ich wurde in der preußischen Tradition erzogen.“[16]
Von Wechmar stellte fest: „Gezielte politische Indoktrination war zunächst nicht erkennbar. Das änderte sich in den späten dreißiger Jahren. Es begann damit, dass wir uns zu Führer-Reden vor dem Volksempfänger versammeln mussten. Wenn ich es recht überlege, waren wir in Spandau aber doch einer politischen Berieselung ausgesetzt. Im Lesesaal war selbstverständlich die gesamte NS-Presse ausgelegt – vom ‚Völkischen Beobachter‘ über den ‚Angriff‘ und ‚Das Reich‘ bis hin zum Hetzblatt ‚Der Stürmer‘. Viel zum Lesen kamen wir bei unserem dicht gedrängten Tagesablauf jedoch sowieso nicht. Unsere Deutsch- und Geschichtsstunden im Unterricht waren natürlich national, auch nationalsozialistisch ausgelegt. Aber es gab eine wichtige Einschränkung: Wir hatten in Spandau Erzieher, die schon in der Staatlichen Bildungsanstalt (Stabila) gearbeitet hatten. Sie trugen zwar Uniformen, aber sie lebten und lehrten häufig noch im Geiste der Vor-Nazizeit. Es kam ganz drauf an, welchen Typ von Erzieher man bekam.“[17]
Interessant, was Rüdiger von Wechmar über Bernhard Pein berichtete:
„Aber es gab natürlich auch stramme Nazis unter den Erziehern in Spandau. Auch die Anstaltsleiter bestimmten die politische Ausrichtung. Mir sind zwei mit ganz unterschiedlicher Ausrichtung in Erinnerung. Der eine war der ehemalige Studiendirektor Pein, ein fabelhafter Pädagoge. Ein in sich ruhender Herr, der wusste, wann er uns bedrängen und wann er uns allein lassen musste. Der andere Direktor dagegen ein Mann mit erkennbar nationalsozialistischer Grundeinstellung, die er uns nachdrücklich zu vermitteln suchte.“[18]
Der spätere Publizist und Kommentator für die Bild-Zeitung, Meinhard Graf Nayhaus-Cormons, auch Schüler in der Napola-Spandau, schrieb:
„Die politische Indoktrinierung war in Spandau nicht größer als außerhalb unserer Anstalt in der Hitlerjugend oder im Jungvolk. Einmal in der Woche hatten wir einen politischen Heimabend, in dem politische Themen diskutiert wurden oder wir Hitlers Lebenslauf aufsagen mussten.“[19]
Der Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Harald Scholz (1930–2007), der selbst von 1942 bis 1945 auf die Adolf-Hitler-Schule Westmark gegangen war, hat 1973 eine intensive Untersuchung vorgelegt: NS-Ausleseschulen. Internatsschulen als Herrschaftsmittel des Führerstaates.20 Darin setzte er sich ausführlich mit den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten auseinander und wertete Dokumente aus, die auch Bernhard Pein betrafen. Scholz zitierte darin, was Erziehungsminister Bernhard Rust selbst 1941 im Rückblick auf die Napolas geschrieben hatte:
„Die Anstalten waren nicht bestimmt zu Berufsvorschulen des Offizierstandes, auf keinen Fall aber zu Standesschulen im Sinne der Herkunft der Jungmannen, wie wir die Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten nennen. Der Nachdruck lag in der Leitung des Ganzen, denn neben die ‚Schule‘ trat nun die ständige Erziehungsgemeinschaft. Das Neue, das hier entstehen sollte, war die methodische Erziehung des NS. Sollten diese Anstalten nationalsozialistische Anstalten werden, mussten sie von Nationalsozialisten geleitet werden. Ihre ersten Leiter waren ausschließlich erprobte Führer der nationalsozialistischen Formationen der SA und SS, aus deren Reihen auch heute noch ständig Kräfte zu uns stoßen. Mit der wachsenden inneren Wandlung ganz Deutschlands sind uns dann allmählich aus den Reihen der Berufserzieher und Schulmänner vorzügliche Anstaltsleiter erstanden. Für die ersten Jahre mussten diese Leiter noch mehr besitzen: schöpferische Fähigkeiten, um neue Erziehungsformen herauszubilden, zusammen mit hingebenden, ihrer Aufgabe verschworenen Erziehern.“[21]
Scholz wies darauf hin, dass Bernhard Pein, der einzige Anstaltsleiter einer Napola war, der vorher Erfahrungen als Studiendirektor hatte. Alle anderen neu eingesetzten Anstaltsleiter, „die nach dem ‚Führerprinzip‘ alleinige Entscheidungsbefugnis erhielten, waren ‚alte Kämpfer‘, die der Schule fern gestanden hatten und für ihre Aufgaben wenig mehr mitbrachten als den Willen, ‚deutsche Jungen zu Nationalsozialisten‘ zu erziehen.“[22]
Bei Durchsicht der Anstalts-Nachrichten verschiedener Napolas war Harald Scholz auf eine Rede Bernhard Peins vor den Sommerferien 1935 gestoßen, in der dieser von seinen Schülern „schärfsten Protest, wenn sie bei Erwachsenen volksfeindliche und reaktionäre Haltung feststellten“ verlangte. Das brachte er zusammen mit einer anderen Aussage: „Nachdem ein Anstaltsleiter gegen ‚Juden, Zentrum und Sax-Borussen‘ gehetzt hatte, entfachten Unterprimaner während der Ferien im Seeheim Wyk selbstständig eine antisemitische Propagandakampagne.“[23]
Der Einsatz und die Tätigkeit in Nationalpolitischen Erziehungsanstalten war für die weitere berufliche Karriere förderlich. Harald Scholz hatte ermittelt:
„Die Berufung des Spandauer Anstaltsleiters Bernhard Pein an eine Hochschule für Lehrerbildung blieb kein Einzelfall. Den Studienräten wurde nach dreijähriger Internatspraxis ein Aufstieg im Schulwesen in Aussicht gestellt. Aus Spandau gingen hervor: Vier Leiter von NPEA, zwei Oberstudiendirektoren, zwei Leiter von Lehrerbildungsanstalten, zwei leitende Beamte in der Inspektion der deutschen Heimschulen; Pein war inzwischen Oberschulrat geworden.“[24]
Nach 1945 wurde umgedeutet, wobei ich durchaus die Aussage von Rüdiger von Wechmar im Kopf habe, dass der Napola-Leiter Bernhard Pein ein „fabelhafter Pädagoge“ gewesen sei. Im Entnazifizierungsverfahren 1948 in Hamburg behauptete Peins Rechtsanwalt Joachim Spilcke:
„Anfang Januar 1934 wurde Professor Pein vom Reichserziehungsministerium zur Leitung der staatlichen Bildungsanstalt Lichterfelde, die später in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt umgewandelt und nach Spandau in die Räume der ehemaligen preußischen Hochschule für Leibesübungen verlegt wurde, berufen. Diese ihm übertragene Aufgabe lag durchaus im Zuge seiner beruflichen Entwicklung und pädagogischen Neigung. Die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten werden heute oft falsch beurteilt. In der Anstalt Spandau wurde weder Rassen- noch Völkerhass gepredigt, sondern erzieherisch und unterrichtlich solide gearbeitet, und zwar an einer Jugend, die aus allen Volksschichten stammte. Der Ernte- und Bergwerksdienst der 16- bis 17-jährigen Schüler war ein sehr ernstzunehmender sozialistischer Erziehungsvorgang und die Beziehungen der Anstalt zur Bergarbeiterschaft der betreffenden Zechen waren menschlich und sozial gerecht. Als Leiter der Napola Spandau erkannte Prof. Pein die Notwendigkeit, für einen Lehrerstand zu kämpfen, der unbeeinflusst von Parteiinformationen nur seiner pädagogischen Aufgabe lebte. Diese Auffassung und ihre Verwirklichung führten zu erheblichen Auseinandersetzungen mit Parteidienststellen und der Hitlerjugend. Um hierbei den Leitern der Napolas die nötige Rückenstärke zu geben, ernannte der Inspekteur der Napolas, SS-Obergruppenführer Heißmeyer, die Anstaltsleiter zu SS-Ehrenführern. Wie modern und abhold jedem engstirnigen Nationalismus die Napolas eingestellt waren, beweist die Tatsache, dass ein regelmäßiger Lehrer- und Schüleraustausch mit englischen und schwedischen höheren Schulen stattfand, wodurch nicht nur eine dauernde Fühlung mit dem Ausland, sondern auch eine erhebliche Weitung des pädagogischen Horizonts der Napolas bewirkt wurde.“[25]
Bernhard Pein war durchaus eng in den nationalsozialistischen Apparat eingebunden. Bevor er nach Spandau ging, hatte er sich als Ortsgruppenleiter der NSDAP in Uetersen und Studiendirektor soweit profiliert, dass er am 1.5.1933 zum kommissarischen Oberschulrat und kurz darauf zum kommissarischen Regierungsdirektor für das höhere Schulwesen in Schleswig ernannt wurde.[26]
In seiner SS-Personalakte gibt es eine politische und berufliche Beurteilung durch den SS-Obersturmbannführers Herfurter vom 5.6.1944, der Pein für den Sicherheitsdienst-Leitabschnitt Hamburg begutachtete:
„Pein ist ein hervorragender Schulfachmann, der die Eigenschaften eines Frontsoldaten und politischen Aktivisten ausgezeichnet mit seinem pädagogischen Können verbindet. Charakterlich ist Pein von geradem, aufrechtem Wesen. Er vertritt scharf seine Meinung und schließt keine Kompromisse. Verbunden mit einer tadellosen sittlichen Haltung und einem entsprechenden Auftreten als Pädagoge wie auch als Redner ist sein Wirken als Schulmann von außerordentlich starkem Einfluss auf die Lehrerschaft. Pein ist ein außerordentlich guter Kamerad, stets hilfsbereit, ohne geistigen Hochmut, bescheiden im Charakter, aber fest in seinen Grundsätzen. Er ist seit Jahren als Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes Hamburg hoch geschätzt und war in Spezialfragen vom Reichssicherheitshauptamt direkt ins Vertrauen gezogen.“[27]
Bernhard Pein besaß also seit 1936 die Unterstützung der SS, er hatte den SS-Führerausweis Nummer 276798 und wurde seit 1936 in der SS ständig befördert, 1944 war er SS-Sturmbannführer.[28]
Bis Ende Mai 1938 leitete Bernhard Pein die Napola in Spandau. Dann wurde er zum 1.6.1938 als Leiter der Hansischen Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg eingesetzt. Auch dies war ein bemerkenswerter Prozess, hatte sich in Hamburg doch bis zu diesem Zeitpunkt die insbesondere von Prof. Gustaf Deuchler[29] durchgesetzte universitäre Ausbildung von Volksschullehrern erhalten.
Am 11.11.1936 wurde die Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg mit einer Feier „im festlich geschmückten Weißen Saal des Curio-Hauses“ eröffnet. „Vorläufiger und nebenamtlicher Leiter der Hochschule war der Gauamtswalter des NSLB und Landesschulrat Wilhelm Schulz, sein Vertreter war der die Hochschule de facto leitende Wissenschaftliche Rat Wilhelm Arp.“[30]
Ulrike Gutzmann schreibt in ihrer Dissertation, welche Konflikte es um die endgültige Besetzung der Leitungsstelle der Hansischen Hochschule für Lehrerbildung gegeben hatte. „Als das Reichserziehungsministerium im April 1937 die hauptamtliche Besetzung der bislang nur nebenamtlich betreuten Stelle des Leiters der Hochschule für Lehrerbildung im Staatsamt anregte und auch sogleich den Leiter der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt in Spandau, Oberregierungsrat Bernhard Pein, für diesen Posten vorschlug, versuchte die Kultur- und Schulbehörde zunächst anscheinend durch Nichtreagieren Zeit zu gewinnen, so dass am 13. Juli ein Erinnerungsschreiben aus dem Reichserziehungsministerium in Hamburg eintraf.“[31]
Die Hamburger Landesunterrichtsbehörde hatte eine kommissarische Besetzung favorisiert und dann für den Posten des Leiters Prof. Rudolf Peter „in Aussicht genommen“. Gutzmann dazu:
„Aus diesem Vorgehen der Kultur- und Schulbehörde spricht das Bemühen, möglichst viel Einfluss auch auf die von Berlin aus geregelten Geschäfte der Hochschule für Lehrerbildung auszuüben. Es scheint, als habe man die Besetzung dieser Stelle mit einer Person von außerhalb verhindern und möglichst viel Eigenständigkeit bewahren wollen. Prof. Peter schien insofern der geeignete Kandidat, als er in Hamburg bekannt und geschätzt war.“[32]
Peters schulpraktische und wissenschaftliche Leistung wurde durch seine Charakterisierung „als einer der besten Kenner der Deutschen Volksschule und der praktischen Schularbeit überhaupt in Deutschland herausgestellt. Auch unterhalte Peter zu den für die praktische Ausbildung herangezogenen Hamburger Schulen sehr gute Beziehungen. Die Kultur- und Schulbehörde ging danach davon aus, für die Leitung der Hochschule für Lehrerbildung komme einzig Peter infrage, und bat von der Inbetrachtnahme Peins für diesen Posten abzusehen. Es sei keine glückliche Lösung der Leiterfrage, wenn ein Auswärtiger, dessen Erfahrungshorizont man aus den Akten angeblich nicht einschätzen konnte, die Führung dieses Lehrkörpers übernehmen müsste.“[33]
Das Reichserziehungsministerium war damit keinesfalls einverstanden und antwortete am 25.10.1937, „dass der Leiter einer Hochschule für Lehrerbildung nicht nur fachlich geeignet und politisch einwandfrei ist, sondern dass er die besonderen Eigenschaften einer Führerpersönlichkeit besitzt und sich durch tätigen Einsatz im Kampf der NSDAP bewährt hat“.[34]
In einem Gespräch teilte der Vertreter des Reichserziehungsministeriums dem kommissarischen, faktischen Leiter der Hochschule Wilhelm Arp mit, dass es „der Wille des Ministeriums sei, die Stelle mit Oberregierungsrat Pein zu besetzen“, wie Arp berichtete, der darin durchaus Vorteile sehen konnte: „Arp erhoffte von ihm angesichts des seiner Ansicht nach in Hamburg bestehenden Mangels an ‚älteren Parteigenossen‘, er werde ‚die rechte politische Stütze‘ für die Hochschule sein und er freute sich darüber, nun der belastenden ‚unangenehmen Lage des geschäftsführenden Vertreters eines nie anwesenden kommissarischen Leiters‘ ledig zu sein und mehr Zeit für eigene wissenschaftliche Arbeit zur Verfügung zu haben.“[35]
Über „die Persönlichkeit, die wissenschaftliche und lehramtliche Qualifikation“ von Bernhard Pein war von dem Leiter der Kieler Hochschule für Lehrerbildung, Ulrich Peters ein Gutachten eingefordert worden, in dem es hieß, Pein sei „ein in jeder Hinsicht zuverlässiger sauberer Charakter von starkem nationalen Empfinden und Wollen“. „Er habe in Uetersen stets guten Kontakt zu ‚ärmeren Schichten‘ gepflegt und auf der Aufbauschule Gewicht auf die Arbeit im sportlichen und nationalpolitischen Bereich gelegt. Außerdem bescheinigte Ulrich Peters ihm ‚einen starken persönlichen Einfluss auf seine Schüler‘. Zwar zeigt Pein keine besonderen wissenschaftlichen Interessen und sei weder auf fach- noch auf erziehungswissenschaftlichem Gebiet hervorgetreten, doch stehe zu erwarten, dass er ‚als Leiter einer Hochschule für Lehrerbildung die sportliche, wehrsportliche und nationalpolitische Erziehung seiner Studenten in vorbildlicher Weise durchführen würde‘.“[36]
Ulrike Gutzmann resümierte:
„Nach seiner Zeit an der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt erschien Pein demnach trotz fehlender wissenschaftlicher Qualifikation für den Posten des Leiters in Hamburg geeignet, bot er die Gewähr für eine hohe Übereinstimmung mit den nationalsozialistischen Positionen. Das Reichserziehungsministerium wollte möglicherweise gerade an der Hamburger Hochschule für Lehrerbildung mit einer Nähe zur Universität und anderen Bildungseinrichtungen eine Betonung der wissenschaftlichen Arbeit vermeiden und stattdessen Parteikonformität und eine enge Ausrichtung der Arbeit an nationalsozialistischen Idealen erreichen, ein Ziel, das Pein zu verwirklichen versprach.“[37]
Bernhard Pein war also die Funktion des Parteisoldaten an der Spitze der Hochschule zugedacht. In dem schon erwähnten Gutachten von SS-Obersturmbannführer Herfurter kam zum Ausdruck, welche Schwierigkeiten das verursachen konnte:
„Als Leiter der Hansischen Hochschule für Lehrerbildung ist es ihm seinerzeit gelungen, sowohl die Dozentenschaft als auch die Studenten mitzureißen bzw. unterzuordnen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass Pein bei der Arbeit als Leiter der HHfL vor starken Schwierigkeiten stand, die im Charakter des Hamburger Schulwesens begründet lagen. Die Zusammensetzung der Dozentenschaft war für seine Pläne sehr ungünstig, dennoch ist ein Erfolg seiner Arbeit Dank seinem energischen Einsatz möglich geworden. Diese Arbeit war natürlich mit einer Exponierung seiner Person in Hamburg verbunden, die ihm viele Neider, aber auch eine beträchtliche Anzahl von Anhängern in der Hamburger Lehrerschaft einbrachte.“[38]
Bernhard Pein hat seine Aufgabe offenbar im Sinne der Nationalsozialisten zufriedenstellend erfüllt. Am 2.9.1938 war er zum Professor ernannt worden.[39]
Seine Veröffentlichungen wurden aber immer auch mit seiner jeweiligen Funktion in der SS in Zusammenhang gebracht.
Im „Hamburger Studentenbuch“, im Auftrag der Gaustudentenführung Hamburg 1938 herausgegeben, stellte Bernhard Pein die Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg vor, wobei seine Funktion mit „Hochschulleiter Prof. Pein, SS-Obersturmführer“ angegeben wurde.[40]
In der Einleitung schrieb Pein über „Hamburgs jüngste Hochschule“:
„Gleich nach der Machtergreifung hat Reichserziehungsminister Rust vor allem eine einheitliche Neugestaltung der deutschen Lehrerbildung eingeleitet, aus der nationalsozialistischen Erkenntnis, dass die Ausrichtung der persönlichen Triebkräfte, der jungen Erzieher, entscheidend sein muss für die Reformierung der fachlichen Einrichtungen, der deutschen Schule. Was das Weimarer System in liberalistischer Buntscheckigkeit an alten Lehrerseminaren, an pädagogischen Akademien und Universitätsausbildung der Lehrerschaft hinterlassen hatte, das wurde nun auf den neuen Nenner ‚Hochschule für Lehrerbildung‘ gebracht.“[41] Das wird nicht jeden seiner Kollegen erfreut haben.
Am 19.1.1940 hielt „der Hochschulleiter SS Hauptsturmführer Prof. Bernhard Pein anlässlich der Verpflichtungsfeier für die Jungsemester“ an der Hansischen Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg den Vortrag: „Der deutsche Lehrer und Erzieher als pädagogischer Offizier“. Er sagte:
„Adolf Hitler hat in dem tiefsten Schmerz seines Leben, auf dem verwundeten Bett im Lazarett Pasewalk, als einfacher Gefreiter des Weltkrieges die geistige Schöpferunruhe in sich gespürt, die Wiedergeburt des zusammengebrochenen Deutschlands in einer Idee neu zu finden und zu gestalten. Allein Ideen sind schon oft in der Geschichte aufgetaucht, haben eine Zeit mit Interessen und Geisteskämpfen lebendig gemacht, ohne jedoch dauernde Spuren zu hinterlassen. Adolf Hitler hat neben seiner genialen Neuschöpfung des Wertes ‚Volk‘ auf rassischer Grundlage und als Synthese in dem bisher bürgerlichen Nationalismus und proletarischen Sozialismus aufgespaltenen Volkskörper die große Eigenschaft gezeigt, seine Welt mit zeitgemäßen Mitteln zu bauen und seine Gegner nicht zuletzt durch diese Zeitgemäßheit zu vernichten. Seine Sturmabteilungen haben mit ihrer elementaren Instinktsicherheit und soldatischen Unbedingtheit die Idee des Nationalsozialismus zum praktischen und damit politischen Durchbruch geführt. Das soldatische Moment der nationalsozialistischen Bewegung mit seinen Bestandteilen Kampf und Kameradschaft spricht eine Seite der deutschen Rassenseele an, die im Gefolgschaftswesen unserer nordisch-germanischen Vorfahren, im Altertum, im Wehrbürgertum des Mittelalters, im friderizianischen Preußentum, im Frontsoldatentum des Weltkrieges erklungen ist und heute wieder erklingt. Wenn ein neues Reich aus schöpferischem Geist verbunden mit soldatischer Haltung geboren wird, aus der tiefsten Tiefe völkischer Zersetzung neu ersteht, dann haben die Ewigkeitswerte unserer Rasse bei dieser Geburt Pate gestanden, dann gelten sie für das Leben unseres Volkes und damit für den Beruf als einen Teil unseres Lebens in unserem Volke schlechthin. Wir sind ein Volk von Soldaten geworden, und das soldatische Moment in Verbindung mit jeder Berufssondernote ist uns heute eine Tatsache. Wir sprechen vom politischen Soldaten und verstehen unter ihm den für die Gesamtheit stets einsatzbereiten Volksgenossen, gleich, ob es sich um Saalschutz, Wehrsport, Winterhilfe oder Altmaterialsammlung handelt. Wir erblicken in dem politischen Soldatentum unserer Bewegung den einzigen Boden neben der Wehrmacht, auf dem Volksgenossenschaft ohne gegenseitigen Neid, ohne abstrakte Verflüchtigung, ja ohne irgendeine menschliche Verfälschung gelebt werden kann. Das Soldatische ist eben die elementarste, natürliche Bindekraft, die uns aus unserer Rasse mitgegeben ist.“[42]
Mit dieser Einleitung für die Studierenden im ersten Semester an der Hochschule für Lehrerbildung zeigte Bernhard Pein, warum das Reichsministerium es durchgesetzt hatte, ihn zum Leiter dieser Einrichtung zu machen. Und erschreckend wird deutlich, was damit und mit der anschließenden Ausbildung angerichtet wurde. Hier wurden die Lehrkräfte auch für die Zeit nach 1945, also faktisch auch für den „Neubeginn“ sozialisiert und ausgerichtet, auch wenn 1940 noch an den „Endsieg“ geglaubt wurde. Das machte mit der so ausgebildeten Lehrerschaft eine demokratische Entwicklung nach 1945 nicht einfacher.
Bernhard Pein beschrieb, worin für ihn das Ziel schulischer Arbeit bestand:
„Die Bereitschaft zum politischen und praktischen Mitgehen und Handeln in den großen Fragen des Volkslebens muss die Krönung der Schulerziehung sein. In dieser Leistung vollendet sich der pädagogische Offizier. Der pädagogische Offizier muss ausgiebig und mit Geduld erklären können. Er muss die Persönlichkeitsentfaltung des Kindes und Jugendlichen anreizen und bewusst Neben- und Umwege gehen, um zur völligen Klarheit im Erkennen zu führen. Er muss also mehr sprechen als der militärische Offizier, das hat er mit dem politischen Offizier gemeinsam. Er darf sogar mit heißer Leidenschaft Gedanken übermitteln, wenn seine Natur ihn dazu drängt. Das soldatische Moment liegt in seiner Tatbereitschaft und männlichen Haltung. Er muss auch in der Form seiner Kleidung und seines gesellschaftlichen Auftretens so beschaffen sein, dass das Bild des Männlichen trotz des dauernden Anreizes zur Beredsamkeit, den sein Beruf auf ihn ausübt, nicht vermischt wird.“[43]
Bernhard Pein beschrieb auch, welche Funktion er dem Landlehrer beimaß:
„An dem Landlehrer hängt ein großer Teil der Gemeinde- und Parteiarbeit. Diese erstreckt sich von der HJ über die NSV, Winterhilfe, SA zur Ortsgruppe. Die neue Ausrichtung der Schulerziehung mit nationalpolitischen Stoffen aus nationalsozialistischer Weltanschauung verlangt von ihm eine dauernde gründliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen. Die Schulreform ist heute wesentlich davon abhängig, ob neben der notwendigen Zeit die Geltung und Beachtung der nationalsozialistischen Unterrichtsarbeit garantiert ist.“[44]
Pein orientierte die in Hamburg auszubildenden Lehrer durchaus auch auf die Arbeit im ländlichen Bereich und versuchte diese attraktiv zu machen:
„Auf dem Lande gibt es noch ein Lehrerhaus im ursprünglichen Sinne des Wortes. Der Landlehrer muss auf dem Dorfe der Erzieher der Schuljugend und der geistige, politische Führer des gesamten Dorfes sein. Der Pfarrer kann diese Führung heute nicht mehr ausüben. Der Junglehrer des Dorfes muss neben seiner Lehrtätigkeit gleichzeitig die HJ und das Jungvolk führen. Durch die Vereinigung dieser Ämter kann dem Leerlauf und der inneren Ermüdung der Jugend am besten vorgebeugt werden. Dasselbe gilt für die Junglehrerinnen in Bezug auf die Führung im BDM. Die Durchformung des flachen Landes mit nationalsozialistischem Gedanken- und Erziehungsgut ist überhaupt nur möglich durch die Landlehrer.“[45]
Besonderer Anreiz war laut Bernhard Pein:
„Der Junglehrer kann bei genügender Besoldung mit 23 Jahren heiraten und eine Anzahl gesunder Kinder in einer gesunden Wohnung und in gesunder Umgebung aufziehen. Das bedeutet auf weite Sicht eine Blutzufuhr für die akademischen und sonstigen Führerberufe in Deutschland, die von großer Bedeutung sein könnte. Die Vorbedingung für diese Führerstellung ist jedoch eine genügende materielle Lebenshaltung, die heute bei dem Gehalt des Lehrers und besonders des Junglehrers nicht gegeben ist.“[46]
Hier wurde durchaus einmal ein kritischer Punkt angesprochen.
Nachdem die Hansische Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg aufgelöst wurde, bekam Bernhard Pein den Auftrag, als Oberstudiendirektor an der Wichernschule diese Schule zu einer deutschen Heimschule umzugestalten. Parallel dazu war er in Berlin als Mitglied der Inspektion der deutschen Heimschulen tätig und besuchte viele Internatsschulen in Thüringen, im Elsass und in Norddeutschland. Die Tätigkeit an der Wichernschule, die nie wirklich aufgenommen wurde, endete mit der Schließung der Schule aufgrund von Beschädigungen des Schulgebäudes durch Bombenangriffe.[47]
Es war klar, dass in Kriegszeiten, in denen kein geregelter Unterricht mehr stattfand, Aufgaben für Bernhard Pein gesucht wurden. So fungierte er als Oberschulrat in der Hamburger Schulverwaltung mit der Aufgabe der Aufsicht über die Lehrerbildungsanstalt.[48]
Die letzte Beurteilung über Bernhard Pein schrieb August Heißmeyer (1897–1979), SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS, von 1935 bis 1939 Chef des SS-Hauptamtes, nach dem die „Dienststelle SS-Obergruppenführer Heißmeyer“ benannt wurde, der auch Bernhard Pein angehörte und die für die militärische Ausbildung der Schüler der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten zuständig war.[49]
Heißmeyer begründete am 24.6.1944 die Beförderung von Bernhard Pein zum Obersturmbannführer:
„Prof. Pein ist ein tatkräftiger SS-Führer mit guter und klarer Haltung. Besonders aktiv steht er außer in der ehrenamtlichen Mitarbeit des Hauptamtes Dienststelle SS-Obergruppenführer Heißmeyer im ehrenamtlichen Einsatz des SD-Abschnittes in Hamburg. Klug, geschickt, anpassungsfähig und von guter Rednergabe versteht er die erstrebten Ziele unbeirrt sowohl in Verhandlungen als auch in der Schulungsarbeit zu erreichen und zu behaupten. Er hat durch seine Mitarbeit den Aufbau der deutschen Heimschulen wesentlich mit gefördert. In gleicher Weise hat er sich im Streben um die SS-mäßige Ausrichtung der unterstellten Internatsschulen verdient gemacht.“[50]
Am 22.6.1945 wurde Bernhard Pein mit Schreiben von Senator Landahl mit sofortiger Wirkung entlassen.[51]
Vorher war Pein verhaftet und in das Internierungslager Neuengamme überführt worden, von dem er nach Neumünster und später in das Internierungslager Eselheide gebracht worden war, das er erst nach dem Spruchgerichtsverfahren am 13.2.1948 verließ.[52]
Nun begann also eine langwierige Haft, die mit einem Spruchgerichtsverfahren in Bielefeld endete und einem anschließenden Revisionsverfahren. Erst danach musste sich Bernhard Pein auch in Hamburg der Entnazifizierung stellen. Über alles liegen umfangreiche Dokumente und Akten vor, die hier zugespitzt und gerafft ausgewertet werden sollen.
Bernhard Pein war durch Mitgliedschaften und Tätigkeiten schwer belastet. Die Militärverwaltung hatte zusammengestellt, dass Pein seit dem 1.8.1932 Mitglied der NSDAP gewesen war, dort als Ortsgruppenleiter in Uetersen fungierte, SA-Mitglied ebenfalls seit 1932, in der SS seit 1936, dort SS-Obersturmbannführer und jahrelang Arbeit für den Sicherheitsdienst (SD-Leitabschnitt Hamburg) leistete.[53]
Pein befand sich erst einmal zwei Jahre in Internierungshaft, bevor das Verfahren gegen ihn beginnen konnte. Zur Ermittlung wurden verschiedene Dienststellen beauftragt, die ihre Erkenntnisse nach Bielefeld weiterleiteten.
Der örtliche Ausschuss für die politische Säuberung in Uetersen, der sich aus Mitgliedern der SPD, FDP, CDU und KPD zusammensetzte, übermittelte am 3.7.1947 seine Erkenntnisse:
„Herr Bernhard Pein war von Anfang Januar bis Ende April 1933 Ortsgruppenleiter in Uetersen und trägt mit an der Verantwortung für Verhaftungen von Antifaschisten gerade während der Übergangszeit. Es muss wohl auch erwähnt werden, dass sein Auftreten als Ortsgruppenleiter in der Stadt auf Antifaschisten provozierend wirken musste. Es besteht auch kein Zweifel daran, dass er als Leiter der hiesigen Aufbauschule nazistisch erzogen hat; denn seine Schüler waren damals die Sänger nazistischer Lieder. Die damalige noch demokratische Stadtvertretung hat sich über das Betragen der Schüler beschwert. – Bevor Pein der Nazipartei beitrat, war er örtlicher Führer im Jungdeutschen Orden. Es soll aber nicht bestritten werden, dass Pein während seiner Uetersener Zeit als menschlich einwandfrei geschätzt wurde und wegen seines jugendfrischen Auftretens Sympathien auch bei Nichtnazis hatte.
An den Judenverfolgungen hat Pein persönlich nicht teilgenommen, auch keine Anordnungen dieser Art treffen können, weil Uetersen ohne Juden war und weil im Übrigen die Judenverfolgungen damals in dem bekannten verdammungswürdigen Sinn noch nicht eingesetzt hatten. Es kann kein Beispiel dafür angeführt werden, dass er gegenüber politischen Gegnern unmenschlich oder gehässig gewesen wäre; ausgenommen die Verhaftungen zu Anfang des Hitlerregimes, die er aber wahrscheinlich auf höhere Anordnungen durchführen lassen musste. Gegen Pein sind keine Ermittlungs- und Strafverfahren anhängig. Es muss Pein aber aus Gerechtigkeitsgründen angerechnet werden, dass er bei einem Besuch im Konzentrationslager Neuengamme zu Anfang des Jahres 1945 sich um das Schicksal eines Uetersener Antifaschisten kümmerte und auch seine Entlassung aus dem KZ bewirkt und erreicht hat.“[54]
Die Polizeiabteilung im Schleswig, wo Bernhard Pein vom 18.11.1933 bis zum 3.1.1934 tätig war, konnte nichts Belastendes vermelden.[55]
Auch von der Polizeiabteilung in Uetersen/Pinneberg gab es am 17.7.1947 eine Rückmeldung:
„Studienrat Pein ist als Nationalsozialist hier bekannt. Pein hat es ab 1924 verstanden, die damaligen Schüler der Aufbauschule im Sinne des überspitzten Nationalsozialismus zu erziehen. Im Jahre 1927 wurde der damalige Studienrat Ursinus durch Intrigen gewisser nationalsozialistischer Kreise, wozu auch Herr Pein gehörte, von Uetersen abberufen. Herr Pein wurde Direktor der Aufbauschule. Die Bevölkerung nahm wiederholt gegen die Erziehungsmethoden Stellung, aber diese Herrenmenschen glaubten, dass sie die Alleinigen wären, durch ihre Intrigen und ihre hetzerischen Reden haben sie immer gegen den Versailler Vertrag gearbeitet. Herr Pein gehörte eine Zeit lang dem ‚Jungdeutschen Orden‘ an, änderte aber seine Meinung und gehörte außerdem zum Beispiel dem Triviranus an. 1932/33 bekannte er sich schon innerlich zum Nationalsozialismus. Für die Verhaftungen, die 1933 durchgeführt wurden, ist allein Herr Pein als Ortsgruppenleiter verantwortlich, wenn er auch den stellvertretenden Ortsgruppenleiter, Arbeiter Dietz, damals vorgeschoben hatte.“[56]
Das Polizei-Kriminalamt, Special Branch II lieferte am 14.8.1947 aus Hamburg einen Ermittlungsbericht. Darin wurden die schon genannten politischen Mitgliedschaften aus den vorliegenden Personalakten zusammengestellt. Darüber hinaus gab es die Feststellung:
„Nach seinen eigenen Angaben laut Personalakte hat er sich von 1934 ab als Redner beim NS-Lehrerbund betätigt und bei Kreis- und Abschnittsversammlungen Werbereden für den SD und die SS bei den höheren Schulen gehalten. Nach einem Schreiben des damaligen Reichsministers Rust, ausgefertigt am 2. September 1938 in Berchtesgaden, wird der Oberregierungsrat Pein zum Professor ernannt.
In einem Gesuch an den Reichsstatthalter vom 22.8.1938 um Bewilligung einer Aufwandsentschädigung von 3000 Reichsmark schreibt P. wörtlich: ‚Ich bin SS-Führer und muss im Interesse der politischen Aktivierung der Hochschule enge Fühlung halten mit Organisationen der NSDAP, mit der Wehrmacht und den übrigen staatlichen Erziehungsanstalten‘.“
Zusammenfassend wurde festgestellt:
„Es handelt sich bei P. um eine Person, die politisch immer in den äußersten Rechtskreisen gestanden hat und somit an der Aufrichtung des Hitlerstaates maßgeblich beteiligt gewesen ist. Auch ist er als Nutznießer der Bewegung anzusehen, weil er durch seine Bindung zur Partei und den Parteiverbänden in führender Stellung eingesetzt wurde. In den hiesigen Lehrerkreisen wird er schlechthin als der Nazioberschulrat bezeichnet.“[57]
Entlastende Leumundszeugnisse erhielt Bernhard Pein von Hermann Neuenburg, einem früheren langjährigen SPD-Mitglied in Uetersen und Pinneberg, der bezeugen konnte, dass Pein mit ihm zusammen zwei ehemalige SPD-Stadträte aus dem Konzentrationslager Neuengamme herausbekommen hatte.[58]
Entlastung kam auch durch ein Schreiben des langjährigen Lehrbildners Dr. Hermann Block, der berichtete, dass die Mitarbeiter der Hochschule für Lehrerbildung sehr skeptisch waren, als ihnen der SS-Führer Bernhard Pein als Leiter von außen verordnet wurde:
„Wir hatten allen Grund, uns vor einer Bespitzelung zu fürchten, waren doch gerade leitende Mitglieder des Lehrkörpers, die 1936 von der Lehrerbildung der Universität in die neue Form der Lehrerbildung übernommen worden waren, keine überzeugten Nazis, wenn auch Mitglieder der Partei. Sie hatten aber so schlechte Parteigutachten bekommen (bei mir zum Beispiel ‚politisch unzuverlässig‘), dass sie noch nicht zur Ernennung zu Professoren oder Dozenten eingegeben worden waren. Wir lernten Prof. Pein nun sehr bald als einen ehrlich überzeugten, aktiven Nationalsozialisten kennen, aber auch als einen durchaus sauberen, anständigen Menschen. Wohl vertrat er die Hochschule nach außen in politischen Reden und Vorträgen, wirkte auch in der Studentenschaft in seinem Sinne.“
Letztendlich habe Bernhard Pein sich für Kollegen mit anti-nazistischer Haltung immer eingesetzt. Das wurde auch von Blocks Kollegen Prof. Fritz Blättner bestätigt.[59]
Am 26.11.1947 legte der öffentlicher Ankläger bei dem Spruchgericht in Bielefeld die Anklageschrift vor, in der die Mitgliedschaften von Bernhard Pein aufgezählt wurden und es dann hieß:
„Der Angeschuldigte bestreitet jede Kenntnis der Verbrechen der SS. Er wird aber durch seine langjährige Zugehörigkeit zur SS und zur Partei, seine vorübergehende Tätigkeit als Ortsgruppenleiter, seine Tätigkeit an der Napola Spandau und in Hamburg während des ganzen Krieges überführt, von den Verbrechen gegen Juden und in den KZ Kenntnis erlangt zu haben. Wie aus dem Bericht der Polizeiverwaltung Uetersen hervorgeht, trägt der Angeschuldigte mit die Verantwortung für die Verhaftung von Parteigegnern nach dem Umschwung. Gerade als Ortsgruppenleiter waren ihm die Einstellung gegen das Judentum, die bald nach dem Umschwung in der Judenverfolgung, den Nürnberger Gesetzen und dem Vorgehen im November 1938 ihren äußeren Niederschlag fand, bekannt. In Hamburg wurden, wie in allen größeren Städten, die Juden während des Krieges abtransportiert und ihre Wohnungseinrichtungen beschlagnahmt. Das war in Hamburg allgemein bekannt. Schließlich wurden aus allen besetzten Gebieten Judentransporte ins Inland gebracht, darunter auch viele Frauen und zu öffentlichen Arbeiten eingesetzt. Auch die Vernichtung der Juden in den besetzten Ostgebieten und in den Vernichtungslagern war im Laufe des Krieges so bekannt geworden, dass man auch bei dem Angeschuldigten mindestens einige Kenntnisse voraussetzen muss.
Auch die verbrecherischen Zustände in den KZ können dem Angeschuldigten nicht verborgen geblieben sein. Die Einweisungen in diese Lager erfolgten, wie dem Angeschuldigten nach dem Bericht der Polizeiverwaltung Uetersen als Ortsgruppenleiter bekannt war, gleich nach dem Umschwung. Sie nahmen während des Krieges einen solchen Umfang an und die Lager waren so zahlreich, dass auch der Angeschuldigte hiervon Kenntnis gehabt haben muss, zumal sich in dichter Nähe von Hamburg das KZ Neuengamme befand, das der Angeschuldigte nach dem Polizeibericht selbst besucht hat.“[60]
Es wurde beantragt, einen mündlichen Verhandlungstermin vor dem Spruchgericht anzuberaumen.
Die Spruchgerichts-Sitzung fand am 6.2.1948 statt. Bernhard Pein wurde durch den Rechtsanwalt Karl Wolff vertreten. Die Strategie von Wolff und Pein war, zu behaupten, keine Kenntnisse von verbrecherischen Tätigkeiten der SS gehabt zu haben. Sie gaben vor, Bernhard Pein habe in der SS nur einen „Ehrenrang“ gehabt, sei damit gar kein ordentliches Mitglied der SS gewesen. Erstaunlicherweise folgte die zwölfte Spruchkammer unter Leitung des Landgerichtsrats Siegelmann dieser Argumentation und sprach Bernhard Pein frei.[61]
Dagegen legte die Anklagebehörde Revision ein, sodass der 4. Spruchsenat des obersten Spruchgerichtshofes in Hamm (Westfalen) sich mit dem Fall auseinandersetzen musste, was er am 9.7.1948 tat. Der Revision wurde stattgegeben, „das angefochtene Urteil nebst den zugrunde liegenden Feststellungen aufgehoben“.[62]
Es wurde festgestellt, dass „auch der Ehrenführer der SS als ordnungsgemäßes Mitglied der SS anzusehen sei, schon aus dem Grunde, weil schon vor dem Kriege der Unterschied zwischen dem ordnungsgemäßen Mitglied und dem Ehrenführer weggefallen war. Die SS hatte an der Aufnahme von ihren Führern ein Interesse deswegen, weil sie auf diese Weise ihren Einflusskreis erweiterte, der betreffende Ehrenführer, also auch der Angeklagte, hatte ein Interesse daran, weil er auf diese Weise ein größeres Ansehen nach außen erringen konnte.“[63]
Bernhard Pein war nach dem Freispruch aus der Internierung freigekommen und erlebte in den erneuten Spruchgerichtsverfahren der V. Spruchkammer ein anderes Ergebnis. Das Urteil lautete am 10.9.1948:
„Der Angeklagte hat nach dem 1. September 1939 der Allgemeinen SS in Kenntnis ihrer verbrecherischen Betätigung angehört, seit 1943 als Obersturmbannführer. Er wird deshalb wegen seiner Mitgliedschaft in dieser Organisation zu einer Geldstrafe von 10.000 DM verurteilt. Die Strafe ist durch die erlittene Internierungshaft verbüßt. Die Kosten des Verfahrens einschließlich der Kosten der Revisionsinstanz trägt der Angeklagte.“[64]
In der Begründung hieß es:
„Der Angeklagte wusste und hielt für Unrecht, dass SS-Verbände während des Krieges die von der Gestapo lediglich wegen ihrer politischen Herkunft oder Gesinnung ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit in Konzentrationsläger eingewiesenen Häftlinge in Kenntnis dieses Einweisungsverfahrens bewachten und damit das von ihm als willkürlich erkannte System der Verfolgung politischer Gegner durch die Gestapo unterstützten. Er ist deshalb gemäß dem Nürnberger Urteil, dem Kontrollratsgesetz Nr. 10 und der Verordnung Nr. 69 der Britischen Militärregierung zu bestrafen. Bei der Strafzumessung ist von der Kammer folgendes berücksichtigt worden:
Der Angeklagte verrichtete in der SS keinen Dienst und verdankte seinen hohen Dienstgrad nicht einer Betätigung für die SS, sondern seiner beruflichen Stellung. In ihr zeigte er eine anständige Gesinnung, eine loyale Haltung und Toleranz auch gegen Andersdenkende. Zwei Funktionäre der SPD, die nach dem Attentat auf Hitler im Jahre 1944 in das Konzentrationslager Neuengamme eingewiesen worden waren, befreite er durch persönliche Rücksprache mit dem KZ-Kommandanten. Einen Schüler, der die HJ verächtlich gemacht hatte, befreite er durch persönliche Vorstellungen bei der Gestapo vor dem KZ. Einem Dozenten, der vom Erziehungsminister entlassen worden war, gab er einen Lehrauftrag. Durch sein Verhalten schwächte er also die Förderung, die er der SS durch seine Mitgliedschaft angedeihen ließ, erheblich ab. Bei dieser Sachlage hielt die Kammer eine Geldstrafe für eine ausreichende Sühne, die nach den wirtschaftlichen Verhältnissen des Angeklagten auf 10.000 DM bemessen worden ist.“[65]
Im Weiteren ging es nun darum, wie Bernhard Pein der noch bestehenden Zahlungsverpflichtung von 1281 DM nachkommen könne. Es wurde vereinbart, dies in Raten von 50 DM monatlich zu erledigen, wobei die Vermögensermittlung Peins während seiner Internierung in Eselheide ergeben hatte, dass er über ein Spar-Guthaben von 15.000 RM verfügte. Und es gab noch eine andere interessante Notiz: Der studierte Englisch- und Französischlehrer war nach seiner Freilassung aus dem Internierungslager nunmehr mit einem monatlichen Einkommen von 500 DM als Lehrer und Übersetzer bei der Britischen Militärregierung im Fliegerhorst Uetersen tätig, um deren Offizieren Deutsch beizubringen.[66] Eine schon fast skurrile Entwicklung.
Bernhard Pein klagte in einem Schreiben an den Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen über Ischias-Beschwerden seit der Entlassung aus dem Internierungslager Staumühle am 13.2.1948 und die damit verbundenen „stärksten Lebenseinschränkungen durch die Rückzahlungsverpflichtung und die zusätzlichen Kosten“. Er bat um eine Niederschlagung der Zahlung an die Gerichtskasse Bielefeld.[67]
Auch der „Welt“ vom 25.9.1948 war die Bestrafung „für Oberstudiendirektor Pein“ eine Meldung wert, wobei die Zeitung darauf hinwies, dass „der frühere Obersturmbannführer aus Bahrenfeld vom Bielefelder Spruchgericht wegen Zugehörigkeit zur SS in Kenntnis ihres verbrecherischen Charakters zu einer Geldstrafe von 10.000 DM verurteilt worden war“. Vermerkt wurde aber auch, dass „der Angeklagte von zahlreichen Zeugen außerordentlich gut beurteilt worden war. Er hatte seinen hohen Dienstgrad in der SS lediglich seiner Stellung als Leiter der Hansischen Hochschule für Lehrerbildung zu verdanken. Auch hat er sich verschiedentlich für politisch Verfolgte eingesetzt.“[68] Das war nicht einmal die halbe Wahrheit.
Parallel zum Revisionsverfahren in Bielefeld vor dem Spruchkammergericht fand in Hamburg das Entnazifizierungsverfahren für Bernhard Pein stand. Neben seinem Entnazifizierungsfragebogen, der alle formalen Daten enthielt, die in dieser Biografie schon genannt wurden, gab es auch eine Reihe Leumundszeugnisse, die bedeutsam waren. So schrieb etwa Oberschulrat Fritz Köhne, der sich vielfach äußerte für Personen, mit denen er in der NS-Zeit zusammengearbeitet hatte und dem manchmal die enge Zusammenarbeit den Blick etwas trübte, zugunsten von Bernhard Pein:
„Professor Pein ist mir im dienstlichen Verkehr als Oberschulrat in der Schulverwaltung bekannt geworden. Seine lebendige, offene und natürliche Art machte persönliche Begegnungen mit ihm angenehm. Er gehörte zu den Nationalsozialisten, die in ihrer politischen Entwicklung zu einer kritischen Haltung gegenüber den Trägern und Organen der NS-Partei gekommen waren und diese in Sitzungen und Gesprächen freimütig zum Ausdruck brachten. Man brauchte mit einer eigenen Andersmeinung Prof. Pein gegenüber nicht hinterm Berge zu halten oder gar zu befürchten, dass er sie zum Schaden des Sprechers verwenden könnte. Professor Pein trat in den Sitzungen der Schulverwaltung ohne Vorbehalt für die Belange der Schule und Lehrerschaft ein und wehrte die Machtansprüche der Hitlerjugend energisch ab; der SS gegenüber hatte er sich, wie er in offizieller Sitzung mitteilte, seine christliche Überzeugung gewahrt. Bei seiner anständigen menschlichen Gesinnung kann ich nicht glauben, dass er die machtpolitischen Entartungen des Nationalsozialismus gebilligt hat.“[69]
Fritz Köhne hatte zwar ein weites Herz, allerdings auch eine sensible Menschenkenntnis und konnte deutlich unterscheiden, wenn sich Personen in seinem Arbeitsumfeld charakterlos verhielten und bei ihrem Karrierebestreben über Leichen gingen.
Skeptischer bin ich bei der Erklärung, die Prof. Walther Niekerken abgab, der zu jenem Zeitpunkt, am 9.4.1948, Direktor des Germanischen Seminars der Universität Hamburg war, für mich verwunderlich, weil ich auch ihn für nationalsozialistisch belastet halte. Niekerken gab eine „freiwillige Erklärung“ ab, wie er vermerkte:
„Professor Pein war für die Zeit seiner Amtstätigkeit als Leiter in der erwähnten Hochschule mein unmittelbarer Dienstvorgesetzter. Er übte sein Amt mit Ehrlichkeit, Klugheit und Takt aus und hat mich in meiner geistigen Freiheit keineswegs beschränkt. Er konnte sehr wohl ein offenes Wort vertragen. Ich habe oft meine Berufssorgen mit ihm besprochen und bin stets freundlich beraten worden. Seine Liebe zur Sprache des handarbeitenden Volkes schien mir von seinem starken Verlangen nach echter Volksgemeinschaft herzurühren. Auch in der Rassenfrage stand Professor Pein, soviel ich sehen konnte, über dem Fanatismus. Ich entsinne mich, dass er mich ruhig und verständnisvoll anhörte, als ich ihm eines Tages bei der Erörterung der Judenfrage erzählte, dass meine klügste Lehrmeisterin in der Germanistik, Professor Agathe Lasch, eine Jüdin gewesen sei. Ich habe von ihm nie eine Äußerung gehört, die auf Rohheit, Unmenschlichkeit oder Grausamkeit schließen ließe. Die Werbung für seine Weltanschauung im Sinne echter Deutschheit geschah immer durch sachliche Vorstellung und persönliches Vorbild. Mit seinem raschen gesunden Urteil hielt er auch bei politischen Missständen nicht hinter dem Berge. Ihn erfüllte eine große Liebe zur Jugend, im Sturm gewann er ihr Herz. Mit seiner frischen Art hat er es auch verstanden, das Kollegium in kurzer Zeit zu einer freudigen Arbeitskameradschaft zusammenzuschließen.[70]
Die Erklärung von Hermann Block habe ich schon erwähnt, eine ähnliche gab seine Kollegin aus der Lehrerbildung, Margarete Rode, am 30.3.1948 ab. Bemerkenswert sind zwei Aussagen von Prof. Dr. Rudolf Peter. Er war der von Hamburg favorisierte Gegenkandidat für die Leitung der Hamburger Hochschule für Lehrerbildung, gegen den das Reichsministerium Bernhard Pein durchsetzte. Insofern hat es für mich eine besondere Bedeutung, dass Prof. Peter, dem der Karriere-Schritt versagt blieb, weil Bernhard Pein gegen ihn aus Berlin durchgesetzt wurde, sich für Pein einsetzte. Peter schrieb:
„Während der Kriegszeit, jedoch bevor zwischen den USA und Deutschland Kriegszustand herrschte, berichtete mir Herr Pein, zu ihm sei der Maler Wilhelm Mann gekommen und habe für die von ihm geschiedene Pianistin Edith Weiß, die in den USA sei, eine Bescheinigung erbeten, dass sie vor 1933 im Auftrage der Hamburger Universität an Lehrerstudenten Klavierunterricht erteilt habe. Eine solche Bescheinigung sei ihr nützlich bei der Frage der Einbürgerung in den USA. – Herr Pein, der erst 1938 nach Hamburg gekommen war, fragte mich (der ich die Verhältnisse der Lehrerbildung vor 1933 kannte), ob ich jene Angabe bestätigen könne. Ich gab die Auskunft: Frau E. Weiß war im Rahmen der an der Universität erfolgten Ausbildung der Lehrer als Klavierlehrerin tätig; formell genommen, war ihr jedoch der Auftrag von der Oberschulbehörde, nicht von der Universität erteilt worden, weil die Mittel für Musiklehrerhonorare im Haushalt dieser Behörde standen. Dieser verwaltungstechnische Unterschied ist ihr als einer Künstlerin sicherlich gar nicht zum Bewusstsein gekommen; sie hat ohne Zweifel in gutem Glauben angegeben, sie sei im Auftrage der Universität tätig. – Darauf erklärte Herr Pein: Sie braucht für schnelle Einbürgerung aber den Nachweis, dass sie Dozentin an einer Universität gewesen ist. Warum soll man der Frau nicht helfen? Der Unterschied ist ja eine verwaltungstechnische Spitzfindigkeit, für die man in den USA gar kein Verständnis hätte! Ich gebe dem Maler Mann die verlangte Bescheinigung. – Das ist meines Wissens dann auch geschehen. Herr Pein wusste und ließ sich von mir noch bestätigen, dass Frau Weiß Jüdin ist.“[71]
Was heute banal erscheint, war in diesen Zeiten offenbar bemerkenswert!
Auf dieser Grundlage beschäftigte sich am 10.6.1948 der Beratende Ausschuss mit dem Fall Bernhard Pein. Ihm gehörten an die von den Nationalsozialisten abgesetzten und disziplinierten Oberschulräte Johannes Schult, Sozialdemokrat und ehemaliger Bürgerschaftsabgeordneter, Emmy Beckmann, von den Nationalsozialisten abgesetzte Oberschulrätin und ehemalige Abgeordnete der DDP/Deutsche Staatspartei, sowie der Personalreferent im Volksschulbereich der Schulverwaltung, Karl Hoffmann, der von den Nationalsozialisten als Schulleiter abgesetzt worden war. Ein kritisches Gremium, das „nach eingehender Prüfung und Anhörung von Herrn Prof. Pein zu folgendem Ergebnis“ kam:
„Pein hat sich, seiner inneren Einstellung entsprechend schon sehr früh dem Jungdeutschen Orden angeschlossen, wobei ihm idealistische Motive durchaus geglaubt werden können. Sein Austritt aus dem Jungdeutschen Orden erfolgte 1930, weil er die Hineinziehung des Ordens in die Parteipolitik für eine unerwünschte Abirrung hielt. In seiner Haltung zum Jungdeutschen Orden kann an sich nichts politisch Bedenkliches gesehen werden.

Dass Pein 1932 der NSDAP beitrat war weder gesetzlich noch durch Verwaltungsanordnung zu jener Zeit in Preußen verboten. Daraus kann ihm also ein besonderer Vorwurf nicht gemacht werden.
Er ist bis zum letzten Augenblick des Krieges überzeugter Nationalsozialist gewesen und hat den militärischen Sieg Deutschlands erhofft und gewünscht. Er hat das Programm der Partei für richtig gehalten, wenngleich er mit der politischen Praxis nicht immer übereinstimmte. Von Grausamkeiten und offenkundigen Rechtsbrüchen will er nichts gewusst haben bis auf die Affäre Röhm, die er aber als einen nachträglichen Akt der Revolution ansah.
Er hat in Vorträgen an verschiedenen Stellen die nationalsozialistische Grundeinstellung propagandistisch betont. Auch die Übernahme der Leitung der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt belastet ihn, da es ihm nicht geglaubt werden kann, dass diese Schulen neutral gewesen seien. Als ausgesprochene Erziehungskräfte für eine Führerelite des NS-Staates sind diese Schulen besonders gefährliche Pflegestätten des NS-Geistes gewesen, was Pein nicht unbekannt geblieben sein kann.
So sprechen zahlreiche Beweise dafür, dass er ein aktiver Nationalsozialist gewesen ist, wenn auch seine idealistische Gesinnung keineswegs in Abrede gestellt werden soll. Bei seiner Vernehmung vor dem Beratenden Ausschuss hatte man den Eindruck, dass er sich innerlich wohl kaum gewandelt hat und darum für eine Wiedereinstellung nicht in Betracht kommen kann.
Seine Beförderungen, die im Zusammenhang seiner politischen Haltung während der Jahre 1933 bis 1945 erfolgt sind, können nicht anerkannt werden, da er insofern als Nutznießer des Nationalsozialismus gelten muss. Der Beratende Ausschuss schlägt vor, ihn in seine Stellung zurückzusetzen, die er vor 1933 gehabt hat; er war damals als Leiter einer Aufbauschule Studiendirektor.
Pein hat sich, wie aus zahlreichen schriftlichen Zeugenaussagen hervorgeht, als Mensch durchaus anständig auch gegen politische Gegner, die ihm als solche bekannt waren, benommen und ihnen menschlich geholfen. Auch seine Hilfeleistung für die jüdische Klavier-Künstlerin Edith Weiß-Mann ist anerkennenswert.
Er hat sich auch bemüht, von politischen Gegnern nationalsozialistische Verfolgungen abzuwenden.
Es wird darum vorgeschlagen, Pein als Studiendirektor in den Ruhestand zu versetzen.“[72]
Auch so konnten differenzierte Stellungnahmen in Entnazifizierungsverfahren aussehen.
Während die Deutschen sich mühten, die nationalsozialistisch Belasteten aus ihren Reihen zu identifizieren und auszuschalten, gab ein Offizier in der Deutschen Sprachschule der Royal Air Force in Uetersen am 7.2.1949 folgende Erklärung ab:
„Herr Professor Pein ist als Unterrichtsleiter der deutschen Sprachschule der Royal Air Force seit Mai 1948 tätig. Während dieser Zeit hat er unter meiner Aufsicht gestanden und ich kann wahrheitsgemäß sagen, dass er immer seinen Pflichten sehr gut nachgekommen ist. Ich halte ihn für den idealen Mann für diese Aufgabe und wünsche sehr, dass er in der Zukunft seinen Dienst wieder aufnehmen kann. Zu keiner Zeit hat er eine Einstellung gezeigt oder zum Ausdruck gebracht, die als gefährlich angesehen werden könnte und die Royal Air Force hat weder Zweifel noch Bedenken bezüglich seiner Eignung, in einer militärischen Dienststelle beschäftigt zu werden.“[73]
Was soll man dazu sagen? Es lief auf eine Rehabilitierung hinaus, erstaunlich, wenn man sich die formale Belastung von Bernhard Pein vor Augen führt.
Bemerkenswert allerdings war auch die zweite Erklärung, die Prof. Rudolf Peter abgab, der seinem erfolgreichen Konkurrenten bescheinigte, ein guter Leiter gewesen zu sein:
„Herr Pein fand in Hamburg einen geschlossenen Lehrkörper vor, der etwa zur Hälfte aus Dozenten bestand, die bereits vor 1933 in der Lehrerbildung (die damals in der Universität lag) tätig gewesen war. Diese Gruppe bildete einen festen Block, der zweifellos die geistige Führung im Kollegium hatte und entschlossen den Grundsatz vertrat, von dem Geiste der durch Rust beseitigten Universitätsform der Ausbildung zu retten, was noch zu retten war. Diese Arbeit hat Herr Pein nicht behindert, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Die wissenschaftliche und praktische Arbeit innerhalb der Hochschule konnte verhältnismäßig unbehindert von äußeren Einflüssen in Ruhe und Stetigkeit durchgeführt werden. Sie wurde nach und nach lediglich eingeschränkt durch die schrittweise Verkürzung des Studiums durch das Ministerium. Dass solche solide und sachlich ausgerichtete Arbeit nicht von außen her gestört wurde, ist Herrn Peins Verdienst.
Unbesonnen und in der Form häufig dilettantisch hingeworfenen ‚Erlassen‘ aus Berlin – insbesondere solchen des Ministerialdirektors Schmidt-Bodenstedt – stand Herr Pein durchaus kritisch gegenüber. Er hatte in pädagogischen Fragen einen sicheren Blick und ein gesundes Urteil; manchmal hat er durch passiven Widerstand nachteilige Auswirkungen jener Erlasse auf die Hochschularbeit verhindert.
Die SA, die in manchen anderen Hochschulen eine große Rolle gespielt haben soll, kam hier an der Hamburger Hochschule überhaupt nicht zur Geltung. Die Studentenführung stand politisch unter Herrn P.s mäßigendem Einfluss.
Ich kann nur zusammenfassend sagen, wir haben in Ruhe sachlich arbeiten können. Zumutungen aus der politischen Sphäre kamen jedenfalls nicht von Herrn P. Ich muss bei rein sachlicher Prüfung sagen, dass ein politisch mehr exponierter Leiter nicht in der Lage gewesen wäre, diese Arbeitsruhe in dem Maße zu sichern. Herr P. konnte durch seine politische Stellung Störungen abwehren; aber er tat es auch. Wurde einer der Dozenten beim Ministerium, etwa durch Veröffentlichungen, missliebig, trat Herr P. für ihn ein (so zum Beispiel im Falle Blättner).“[74]
So wundert es nicht, dass der Berufungsausschuss 17 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten unter der Leitung von Rechtsanwalt Soll am 30.4.1949 entschied, dass „gegen die Bestätigung von Prof. Pein als Studienrat keine politischen Bedenken bestehen. Ihm werden die Bezüge zugebilligt nach der Gehaltsklasse, die dem Studiendirektor einer Vollanstalt in Preußen für die Hamburger Verhältnisse entspricht.“[75]
In dieser Sitzung hatte Bernhard Pein eine interessante Erklärung abgegeben:
„Ich bin am 1.5.1935 unter Protest aus der SA ausgeschieden. In Spandau fand eine Schlägerei unter SA-Leuten statt. Ich habe dies Verhalten verabscheut und dies durch meinen freiwilligen Austritt zum Ausdruck gebracht. Gleichzeitig habe ich auch meinen Erziehern befohlen, aus der SA auszuscheiden.“[76]
Im Weiteren ging es nur noch um die Frage, mit welcher Pension Bernhard Pein in den Ruhestand geschickt wurde. Der erneute Berufungsausschuss 17 am 25.5.1949 entschied, Pein mit den Ruhegehaltsansprüchen eines Studiendirektors einer Vollanstalt in Preußen, die in Hamburg einem Oberstudiendirektor entspreche, zu pensionieren, ihm bis zur Vollendung seines 65. Lebensjahres 75 Prozent der Pension zu gewähren und ihn mit Wirkung ab dem 1.1.1950 in Kategorie V einzustufen.[77]
Am 6.10.1950 brachte Bernhard Pein Atteste bei, die Herzattacken bescheinigten, so dass der Amtsarzt ihn am 14.11.1950 als „dauerhaft dienstunfähig“ einstufte. Er erhielt darauf das volle Ruhegehalt.[78]
Das hinderte Bernhard Pein nicht daran, im Folgenden noch diverse Nebentätigkeiten auszuüben. So arbeitete er seit dem 4.6.1951 für das Rackow-Institut, seit 1952 als Dozent an der Staatlichen Abendhandelsschule, danach am privaten Jenisch-Gymnasium in Hamburg.[79]
1968 war er noch ein Jahr in dem Gymnasium im Aufbau in Pinneberg mit sieben Wochenstunden in den Fächern Erdkunde und Englisch und bis Juli 1969 mit fünf Wochenstunden Französisch tätig.[80]
Bernhard Pein starb am 8.4.1970. Seine Ehefrau Emmy, geboren am 3.8.1896, starb am 18.2.1994.[81]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Personalakte Bernhard Pein, Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abteilung 811_7926; sowie Entnazifizierungsakte Pein, StA HH, 221-11_X 895
2 SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 765
3 Personalakte Bernhard Pein, Landesarchiv Schleswig-Holstein, Abteilung 811_7926
4 SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 741
5 Laut Angaben von Bernhard Pein im Entnazifizierungfragebogen, Entnazifizierungsakte a. a. O.
6 Personalakte a. a. O. Es gibt eine ausgezeichnete Schrift, die von Schülern der Ludwig-Meyn-Schule erarbeitet wurde, herausgegeben von dem Lehrer Sönke Zankel: Uetersen im Nationalsozialismus, Kiel 2009. In diesem Buch enthalten ist auch eine Biografie „Bernhard Pein – der erste NS-Direktor der Ludwig-Meyn-Schule: „Erziehung und Bildung im nationalsozialistischen Geist“, geschrieben von Melanie Rixen und Kim-Sophie Schneider; ebenfalls eine kurze Biografie von Rainer Hering über Bernhard Pein gibt es in der Hamburgischen Biografie. Personenlexikon Bd. 6, herausgegeben von Franklin Kopitzsch und Dierk Brietzke, Göttingen 2012, S. 245 f.
7 SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 767
8 Entnazifizierungsakte a. a. O.
9 Elke Fröhlich: Die drei Typen der nationalsozialistischen Ausleseschulen, in: Johannes Leeb: „Wir waren Hitlers Eliteschüler“. Ehemalige Zöglinge der NS-Ausleseschulen brechen ihr Schweigen. Hamburg 1998, S. 194 f.
10 Harald Scholz: NS-Ausleseschulen. Internatsschulen als Herrschaftsmittel des Führerstaates, Göttingen 1973, S. 328 ff.
11 Siehe Biografie Max Klüver, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 2, Hamburg 2017, S. 704 ff.
12 „Welt“ vom 27.2.1999.
13 Leeb 1998, S. 16 f.
14 Hardy Krüger: „Von der Ordensburg nach Babelsberg.“ In: Leeb 1998, S. 62.
15 Hardy Krüger 1998, S. 63 f.
16 Rüdiger Freiherr von Wechmar: „Ich wurde in der preußischen Tradition erzogen.“ In Leeb 1998, S. 17 ff.
17 von Wechmar 1998, S. 20 f.
18 von Wechmar 1998, S. 22.
19 Meinhard Graf Nayhaus-Cormons: „Vom Mord der Nazis an meinem Vater erfuhr ich erst nach dem Krieg.“ In: Leeb 1998, S. 160.
20 Harald Scholz: NS-Ausleseschulen. Internatsschulen als Herrschaftsmittel des Führerstaates. Göttingen 1973.
21 Scholz 1973, S. 47.
22 Scholz 1973, S. 36.
23 Scholz 1973, S. 105.
24 Scholz 1973, S. 153.
25 Schreiben an den Berufungsausschuss 3 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten vom 13.5.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
26 SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 741
27 Gutachten von SS-Obersturmbannführer Herfurter vom 5.6.1944, ebd.
28 SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 741
29 Siehe die Biografie Gustaf Deuchler, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 142 ff.
30 Ulrike Gutzmann: Von der Hochschule für Lehrerbildung zur Lehrerbildungsanstalt, Düsseldorf 2000, S. 234 f. Siehe dazu auch die Biografie Willi Schulz, in: de Lorent 2016, S. 99 ff. und die Biografie Wilhelm Arp, in: de Lorent 2017, S. 264 ff.
31 Gutzmann 2000, S. 236.
32 Ebd.
33 Gutzmann 2000, S. 237.
34 Gutzmann 2000, S. 238.
35 Ebd.
36 Gutzmann 2000, S. 239.
37 Ebd. Siehe zum Thema Lehrerausbildung in der NS-Zeit auch: Reiner Lehberger: „Frei von unnötigem Wissen“. Die Ausbildung Hamburger Volksschullehrer in der NS-Zeit, in: Reiner Lehberger/Hans-Peter de Lorent (Hg.): „Die Fahne hoch“. Schulpolitik und Schulalltag in Hamburg unterm Hakenkreuz, Hamburg 1986, S. 132 ff.
38 Gutachten von SS-Obersturmbannführer Herfurter vom 5.6.1944, SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 741
39 SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 741
40 Hamburger Studentenbuch, im Auftrag der Gaustudentenführung Hamburg, Bd. 1, Hamburg 1938/39, S. 12.
41 Ebd.
42 Bernhard Pein: Der deutsche Lehrer und Erzieher als pädagogischer Offizier, Hansische Hochschule für Lehrerbildung in Hamburg, Hamburg 1940, S. 1 f.
43 Pein 1940, S. 6.
44 Pein 1940, S. 7.
45 Pein 1940, S. 8.
46 Pein 1940, S. 9.
47 Siehe dazu auch die Biografien der Leiter der Wichernschule Richard Ackermann, in: de Lorent 2017, S. 578 ff. und Hans Reimers, in: de Lorent 2017 S. 241 ff.
48 Entnazifizierungsakte a. a. O.
49 Siehe: Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945?, Koblenz 2013, S. 541. August Heißmeyer war verwandt mit Kurt Heißmeyer, dem Tuberkulosearzt, der ab 1944 im KZ Neuengamme Versuche an künstlich mit TBC infizierten Häftlingen, darunter aus Auschwitz überbrachte Kinder durchführte, die bei Kriegsende ermordet wurden.
50 SS Akte Bernhard Pein, Bundesarchiv, SSO_368, Bl. 739
51 Personalakte Hamburger Schulwesen, StA HH, 361-3_A 2810
52 BArch, Z 42 IV_2963; Akte über das Spruchgerichtsverfahren gegen Bernhard Pein in Bielefeld.
53 Abschrift vom 22.8.1947, BArch, Z 42 IV_2963
54 Örtlicher Ausschuss für die politische Säuberung Uetersens vom 3.7.1947, BArch, Z 42 IV_2963
55 Schreiben vom 13.6.1947, BArch, Z 42 IV_2963
56 Schreiben vom 17.7.1947 vom Polizeimeister Müller, BArch, Z 42 IV_2963
57 Polizei-Kriminalamt, Special Branch II vom 14.8.1947, BArch, Z 42 IV_2963
58 Schreiben Hermann Neuenburg vom 16.9.1947, BArch, Z 42 IV_2963
59 Schreiben vom 19.1.1947, BArch, Z 42 IV_2963
60 Anklageschrift vom 26.11.1947, BArch, Z 42 IV_2963
61 Spruchgerichtsentscheid der 12. Spruchkammer vom 6.2.1948, BArch, Z 42 IV_2963
62 4. Spruchsenat des obersten Spruchgerichtshofs in Hamm vom 9.7.1948, BArch, Z 42 IV_2963
63 Ebd.
64 das Urteil des Spruchgerichts der V. Spruchkammer vom 10.9.1948, BArch, Z 42 IV_2963
65 Ebd.
66 Laut Schreiben von Bernhard Pein vom 7.6.1949, BArch, Z 42 IV_2963
67 Schreiben von Bernhard Pein vom 7.6.1949, BArch, Z 42 IV_2963
68 „Welt“ vom 25.9.1948.
69 Gutachten von Fritz Köhne vom 8.4.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
70 Erklärung von Walther Niekerken vom 9.4.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
71 Erklärung von Prof. Rudolf Peter vom 2.6.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
72 Beratender Ausschuss vom 10.6.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
73 Erklärung vom 7.2.1949, Entnazifizierungsakte a. a. O.
74 Berufungsausschuss Zellen für die Ausschaltung von Nationalsozialisten, Entnazifizierungsakte a. a. O.
75 Berufungsausschuss 17 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten vom 30.4.1949, Entnazifizierungsakte a. a. O.
76 Ebd.
77 Berufungsausschuss 17 vom 25.5.1949, Entnazifizierungsakte a. a. O.
78 Personalakte a. a. O.
79 Personalakte a. a. O.
80 Uetersen im Nationalsozialismus, Kiel 2009, S. 20.
81 Personalakte a. a. O.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2019: 789 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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