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Kurt Haefeker

(14.11.1895 Barmen – 29.12.1942)
stellvertretenden Schulleiter Caspar-Vogt-Straße, später stellvertretender Schulleiter Oberschule für Mädchen am Lerchenfeld
Höpen 8 ( Wohnadresse 1935)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat über Kurt Haefeker ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:

„Ich habe die Schülerin von der Schule entlassen wegen ihrer ablehnenden Einstellung und entsprechenden Äußerungen über Maßnahmen der heutigen Regierung.“
Ein treuer Nationalsozialist, der Mann für die zweite Reihe, an drei Hamburger höheren Schulen als stellvertretender Schulleiter in der NS-Zeit tätig, stellvertretender Gausachbearbeiter für Musik im NSLB, mit einigen fachlichen Beiträgen in der HLZ unterm Hakenkreuz, war Kurt Haefeker. Er starb nach längerer Krankheit schon 1942. Seine Ehefrau Erika Haefeker, die niemals in einer NS-Organisation Mitglied war, erhielt danach die Witwenpension eines Oberstudienrates und überlebte ihren Mann um 50 Jahre.
Interessant ist eine Akte des Staatsarchivs, in der Namen und Aktivitäten von Hamburger Schülerinnen und Schülern genannt werden, „die wegen staatsabträglichen Verhaltens bestraft worden sind“.[1] Darunter auch ein Fall, den Kurt Haefeker als amtierender Schulleiter verfolgte.
Kurt Haefeker wurde am 14.11.1895 in Barmen als Sohn eines Justizinspektors geboren. Er machte am 7.8.1914 die Not-Reifeprüfung am Gymnasium Siegburg und begann im Oktober 1914 ein Studium in Bonn. Sein Ziel war es, für das Lehramt an höheren Schulen Botanik, Zoologie und im Nebenfach Physik zu studieren. Da seine Leidenschaft die Musik war, widmete er sich zwischendurch auch dem Gesang und bestand am 26.6.1920 eine Prüfung in Gesang in Charlottenburg.[2]
Das Studium wurde unterbrochen durch den Heeresdienst im Ersten Weltkrieg vom Herbst 1916 bis Ende Sommer 1918. Kurt Haefeker beendete den Krieg als Gefreiter mit dem EK II.[3]
Haefeker legte im August 1923 seine Prüfungen ab und absolvierte danach das Referendariat in Bonn. Der Bericht über ihn fiel zurückhaltend positiv aus. Ihm wurde bescheinigt, regelmäßig an den pädagogischen Seminaren teilgenommen „und den dort behandelten Fragen Interesse und Verständnis entgegengebracht zu haben“.[4]
Weiter wurde festgestellt:
„Man hat den Eindruck, dass er sich theoretisch und praktisch um die erzieherischen Probleme bemüht. Sein Unterricht hat sich dementsprechend im ersten Tertial seiner Ausbildungszeit in durchaus aufsteigender Kurve bewegt. Die Stunden sind schon jetzt sachlich und methodisch meist gut durchdacht und aufgebaut. Zu wünschen ist unter anderem noch eine größere Frische des Tons und ein flotteres Tempo. Infolge seines ruhigen und ziemlich sicheren Auftretens hat er Schwierigkeiten mit der Schulzucht bisher nicht gehabt und in der Zukunft kaum zu befürchten. Dienstlich und außerdienstlich war sein Benehmen, seiner zurückhaltenden, bescheidenen Natur gemäß, stets durchaus höflich und angemessen. Über sein Verhalten außerhalb des Schulbereichs ist nichts bekannt.“[5]
Der pädagogische Prüfungsausschuss in Elberfeld gab Ostern 1925 ein klares Urteil ab über Kurt Haefeker: „Er ist ein guter, sympathischer Lehrer, der seinen Weg gehen wird.“[6]
Der Weg führte ihn im Schuljahr 1927/28 an das städtische Oberlyzeum nach Altona.[7]
Der persönliche und berufliche Durchbruch für Kurt Haefeker erfolgte mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten. Am 1.11.1932 trat er in Hamburg in den NSLB ein. Dort wurde er Fachberater der Fachschaft II (höhere Schulen) für Musik und seit 1935 stellvertretender Gausachbearbeiter für Schul- und Hausmusik.[8]
Kurt Haefeker gab darüber hinaus an, seit dem 1.4.1933 Mitglied der NSDAP zu sein und dort als Ortsgruppenstellenleiter zu fungieren. Später schrieb er, Kulturwart der Ortsgruppe Langenhorn der NSDAP zu sein.[9]
Haefeker zeigte sich umtriebig, im September 1935 war er für den Reichsparteitag in Nürnberg delegiert. Schon 1931 hatte er Anträge auf Nebentätigkeit gestellt, nebenberuflich war er über Jahre als Dozent am Institut für Lehrerfortbildung beschäftigt.[10]
Haefeker nahm an Schulungen beim NSLB in Bayreuth teil, allein 1938 war er mehrere Tage unterwegs zu niederdeutschen Musiktagungen in Bergedorf und Kassel, Parteiveranstaltungen in Bayreuth, zur Gauführerschule in Hamburg.[11]
Als stellvertretende Schulleiter wurden treue Parteigenossen eingesetzt, zum Teil auch als Reservoir für künftige Schulleitungsfunktionen. Kurt Haefeker war an der Hansa-Oberrealschule in der Bogenstraße 32, der ehemaligen Helene-Lange-Oberrealschule 1933 auf der Liste von Schulsenator Karl Witt vom 10.7.1933 als stellvertretender Schulleiter vermerkt.
Übermäßig große Wertschätzung fand Kurt Haefeker in der Landesunterrichtsbehörde offenbar nicht. Als der bisherige Schulleiter der Hansa-Oberrealschule, Viktor Grüber, 1938 gestorben war, machte man nicht Haefeker zum Schulleiter, sondern berief Gerhard Rösch, Lehrer am Johanneum. Rösch zögerte und stellte eine Bedingung:
„Der Kultur- und Schulbehörde danke ich aufrichtig für das ehrende Vertrauen, das ich in der beabsichtigten Berufung zum Leiter an der Hansa-Oberschule für Mädchen erblicken darf. Nach reiflicher Überlegung muss ich jedoch darauf hinweisen, dass mir eine Loslösung aus meiner bisherigen Tätigkeit außerordentlich schwer werden würde. Meine ganze Kraft und Liebe gehört dem Johanneum, dem ich in Kürze 25 Jahre haben dienen dürfen, mit dessen Leiter mich eine Lebensfreundschaft verbindet. Doch bin ich Nationalsozialist genug, um mich einer behördlichen Anordnung zu fügen. Für diesen Fall müsste ich dann damit rechnen können, dass mir ein Stellvertreter zur Seite gestellt wird, mit dem ich wirklich zusammenarbeiten kann; ich glaube kaum, dass das mit dem an der fraglichen Schule jetzt amtierenden Stellvertreter auf die Dauer möglich sein würde.“[12] Interessant, welche Bedingungen man in diesen Zeiten gegenüber der Schulverwaltung im Bereich der höheren Schulen stellen konnte.
Und tatsächlich versetzte die Landesunterrichtsbehörde Haefeker daraufhin als stellvertretenden Schulleiter an die Caspar-Vogt-Straße und 1939 als stellvertretenden Schulleiter an die Oberschule für Mädchen am Lerchenfeld .[13] Haefeker war als Parteisoldat im Bereich der höheren Schulen mangels Führungspersönlichkeit im Sinne der Nationalsozialisten ein guter Mann für die zweite Reihe. Als am Lerchenfeld Oberstudiendirektor Karl Faehler als Offizier eingezogen wurde, übernahm Haefeker am 29.12.1940 kommissarisch die Leitung. Der Schulleiter der Oberschule für Mädchen an der Caspar-Vogt-Straße, Gustav Schmidt, nicht zu verwechseln mit dem Schulrat im Volksschulbereich gleichen Namens, hatte am 25.3.1939 einen vertraulichen Bericht über Kurt Haefeker geschrieben, der am 16.12.1930 zum Oberstudienrat befördert worden war. Darin hieß es:
„Während dieses Jahres hat Herr H. mit großer Einsatzbereitschaft, mit Fleiß und Umsicht die Geschäfte des stellvertretenden Schulleiters geführt. Er hat mich bereitwillig und mit gleichbleibender Freundlichkeit in allen Amtsgeschäften unterstützt und vertreten. Es ist während des ganzen Jahres nicht eine Meinungsverschiedenheit oder Schwierigkeit aufgetaucht. Ebenso sehr hat sich Herr H. durch freundliches Entgegenkommen, Aufgeschlossenheit und einen heiteren und frischen Ton bemüht, mit allen Mitgliedern des Kollegiums in ein gutes Verhältnis zu kommen. Nach eigener Aussage hat er sich bei uns wohl gefühlt und wäre gern länger geblieben. Ganz besonders lag Herrn H. aber die Pflege und Neugestaltung des Musik-Unterrichts am Herzen. Sein Plan, den gesamten Musikunterricht der Schule nach den neuen Reichslehrplänen in Sing- und Spielgemeinschaften umzuwandeln, konnte aus Mangel an Musiklehrkräften nicht durchgeführt werden. Als Gausachbearbeiter des NSLB für Musik hat Herr H. eine für die Schulmusik Hamburgs bedeutsame Arbeit zu leisten, er ist auch Mitherausgeber des neuen Schulgesangbuchs. Auch an der Lehrerbildung und der Arbeit der Volkshochschule ist er als Musikpädagoge beteiligt. Dass ihm in der Zusammenarbeit mit pädagogisch anders eingestellten Fachkollegen Schwierigkeiten erwachsen könnten, halte ich für möglich; er würde aber immer um einen Ausgleich bemüht sein.“[14]
Kurt Haefeker war also eine freundliche Persönlichkeit, die in den Kollegien meist gut klar kam. Schwierigkeiten hatte er in der Funktion des kommissarischen Schulleiters an der Oberschule für Mädchen am Lerchenfeld mit der Schülerin Brigitte Borchers. Als die Schulverwaltung unter Verantwortung des aktivistischen Nationalsozialisten und von Reichsstatthalter Karl Kaufmann eingesetzten starken Mannes der Landesunterrichtsbehörde, Albert Henze[15], der sich vorgenommen hatte, mit einer breiten Kampagne gegen widerständige Jugendliche an den Schulen, insbesondere gegen die Swing-Jugend konzertiert vorzugehen, zu diesem Zweck Schulleiterversammlungen abhielt, an der auch Kurt Haefeker beteiligt war, führte dies zu einer Reaktion an der Oberschule für Mädchen am Lerchenfeld . ­Haefeker begründete am 13.11.1941, dass er die Schülerin Brigitte Borchers entlassen habe „wegen ihrer ablehnenden Einstellung und entsprechenden Äußerungen über Maßnahmen der heutigen Regierung“.[16]
Kurt Haefeker hatte die Geschichtslehrerin der Klasse, in der Brigitte Borchers unterrichtet wurde, gebeten, einen Bericht über die Äußerungen und das Verhalten der Schülerin zu schreiben, den Haefeker beilegte. Haefeker schrieb:
„Ich habe die Schülerin Borchers aufgrund dieses Berichtes vernommen in Gegenwart der Klassenführerin, später auch vor der ganzen Klasse. Sie hat nach anfänglichem Leugnen zugestanden, dass sie die Äußerung, welche von mehreren Schülerinnen der Klasse gehört worden ist, getan haben könnte, hätte sie allerdings nur ‚scherzhaft‘ gemeint. Ich habe der Schülerin erklärt, dass wir für solche Scherze im Zusammenhang mit dem 9. November kein Verständnis haben. Auf meine Frage, woher ihre ablehnende Haltung stamme, antwortete sie, sie verkehre in einem Kreis junger Leute, unter denen sich auch Ausländer befänden. Dieser Kreis treffe sich auf der Kunsteisbahn, im Alsterpavillon usw. Mitschülerinnen gegenüber hat Brigitte Borchers auch geäußert, dass sie in diesem Kreise auch die Nacht hindurch vom Hause weg gewesen sei. Ich habe den Vater der Schülerin heute in die Schule gebeten und musste feststellen, dass er über die Art des Umgangs seiner Tochter so gut wie gar nicht unterrichtet war. Herr Borchers hat seine Tochter aus der Schule mitgenommen.“[17]
Offenbar hatte das Mädchen eine abfällige Bemerkung zu einem wichtigen „Gedenktag“ der nationalsozialistischen Bewegung gemacht. Am 9. November 1923 hatte der gescheiterter Putschversuch der NSDAP unter Adolf Hitler und Erich Ludendorff sowie weiterer Beteiligter gegen die bayerische Landesregierung und nach Vorbild von Mussolinis Marsch auf Rom gegen die Reichsregierung stattgefunden (auch „Hitlerputsch“ oder „Marsch auf die Feldherrnhalle“ genannt).
Dieses Schreiben von Kurt Haefeker fand in der Schulverwaltung große Aufmerksamkeit. Oberschulrat Karl Züge zeichnete es ab mit der Bemerkung „mit der Entscheidung einverstanden“ und dem Zusatz „Herrn Oberschulrat Henze zur Kenntnisnahme“. Auch Henze zeichnete das Schreiben am 17.11.1918 ab und Karl Züge notierte, dass dieser Vorgang der Gestapo zur Kenntnisnahme am 18.11.1941 übersandt worden war.[18]
In dem Bericht der Studienassessorin E. Crepon, überschrieben: „Bericht über Brigitte Borchers, 5 e“, notierte die Berichterstatterin, dass sie die Schülerinnen seit Beginn des Schuljahres, also seit etwa einem halben Jahr kenne und die Klasse in Geschichte und Deutsch unterrichte.[19]
Weiter hieß es:
„Im Unterricht fällt Brigitte im Rahmen dieser Klasse dadurch auf, dass sie wortgewandt ist und in Geschichte ordentliche Kenntnisse besitzt. Ihre Stellung ist sehr undiszipliniert. Sie ist vorlaut und aufdringlich, prahlt mit ihren Kenntnissen aus ‚Quellen‘, die den anderen Mädchen unbekannt sind. Das macht sich besonders auf politischem Gebiet bemerkbar. Der erste Zusammenstoß hatte die Besprechung des Metternichschen Systems und der Demagogenverfolgungen zum Anlass. B. ließ die negative Kritik daran nicht gelten: ‚Bei uns ist es doch genau so.‘ Und sofort kamen Auslassungen über die Tätigkeit der Gestapo, über Bestrafungen wegen schlechter Verdunkelung, aufgrund böswilliger Denunziationen, über Strafen wegen des Spielens englischer Schallplatten. Zum Teil konnte man ihre Behauptungen glatt widerlegen. Die kindliche Schülerin der Klasse, E. W., hatte die Hintergründe natürlich nicht durchschaut und erzählte nun, dass ihre Eltern auch einmal wegen zu später Verdunkelung angezeigt worden wären. Der Polizeibeamte hätte die Sache untersucht und festgestellt, dass die Anzeige auf einer Verwechslung beruhte. Das machte auf die Klasse sichtlich Eindruck. Der Hauptgedanke meiner Widerlegung war der, ganz abgesehen davon, ob die Behauptungen wahr seien oder nicht, liege die Rechtfertigung für harte Disziplin im Staate in dem Ziel, das damit erreicht werden sollte. Metternich unterdrückte und verfolgte national denkende Menschen, um ein volksfremdes System zu erhalten. Der heutige Staat ist seit 1933 in einem Schicksalskampf des Volkes, in dem Härte gegen Elemente nötig ist, die diesen Kampf gefährden, und der Soldat ist zu den hohen Leistungen an der Front nur durch eiserne Disziplin befähigt. Ich hatte eine ganze Unterrichtsstunde dafür verwendet und hatte den Eindruck, dass die Klasse es verstanden hatte. Ich erwartete das auch von Brigitte, von der ich ja weiter nichts wusste. Seitdem vergeht kaum eine Stunde, dass sie nicht jede Gelegenheit benutzt, um ihre gegenteilige Ansicht anzubringen. Ich wundere mich nur noch, wenn sie einmal eine Gelegenheit auslässt. Im folgenden gebe ich andere Beispiele, die mir noch in der Erinnerung sind.
1. Die Sowjetunion hält sich nicht an die Abmachungen des Roten Kreuzes. Die englischen Misshandlungen von deutschen Schiffbrüchigen und andere werden erwähnt. Borchers: Na, bei uns ist es auch nicht alles sauber. – Ich habe diese Frechheit einfach übergangen.
2. Wir vergleichen die heutige Ernährungslage mit der des Weltkrieges. Eine erzählt, wie ihre Mutter als Kind wegen Hunger ins Bett gesteckt wurde. Borchers: Heute gibt es auch nicht genug. Wenn man im Restaurant isst, wird man überhaupt nicht satt. – Ich sagte darauf, dass sie wohl gewöhnlich zu Hause esse. Die Führerin sagte mir nachher, sie meckere überhaupt gegen alles, besonders gegen die Lebensmittelkarten. Im Weltkrieg mussten viele hungern, während manche selbst zugaben, dass sie vom Kriege gar nichts gemerkt hätten. B. musste natürlich anbringen, dass auch heute manche es verständen, sich hinten herum etwas zu verschaffen. Das sei nicht anders als damals. (…)
5. In der Mathematikstunde verteidigte sie in voller Überzeugung den Satz: Geld regiert die Welt – im Gegensatz zu geistigen Werten. In einem Privatgespräch erzählte sie, dass sie im Kursus für Fortgeschrittene ist im Tanzunterricht, nachdem sie voriges Jahr zuerst Tanzstunde hatte. Begründung: Man hat ja nichts anderes.
Eine wichtige Sondermeldung ist gekommen. B.: Mich interessiert nur noch eine – wenn der Friede verkündigt wird. Wenn es bloß erst so weit wäre.
6. Da die Gesamthaltung negativ ist, war ich gespannt auf ihren Aufsatz über das Thema: ‚Wie war der Sieg der deutschen Wehrmacht über die überlegenen Sowjets möglich?‘ Mit keinem Wort fiel sie dabei auf. Der Schluss übernahm sogar aus der vorletzten Rede des Führers den Hinweis auf die Hilfe Gottes. Ich las den Schluss vor und knüpfte daran die Bemerkung, dass das Übernehmen solcher persönlichen Worte überhaupt nicht passend sei und dass man es in ihrem Aufsatz gar nicht ernst nehmen könnte, wenn man an all das dächte, was sie stets auszusetzen hätte. Die Klasse war offenbar derselben Meinung.
7. Vor eineinhalb Wochen hatte ich die Klassenführerin gebeten, für den 10. November (Montag) ein Gedenken anlässlich des 9. November vorzubereiten. Das Mädchen kam zu mir und sagte, sie habe wohl ein Programm gemacht, aber die Feier könne doch nicht stattfinden. Als sie es mit der Klasse besprochen hätte, habe sich wieder gezeigt, wie wenig manchen das bedeute. Borchers habe gleich gesagt, man könne ja die und die Platte (Titel einer englischen Jazzplatte) spielen und englische Lieder dazu singen. Das passt wunderbar. – Dies löste natürlich bei vielen Albernheit aus, bei der Führerin aber eine so große Erbitterung, dass sie es für besser hielt, von der Feier überhaupt abzusehen. Sie meinte, es würde auch bestimmt nicht ohne hässliche Zwischenfälle verlaufen, und die Lieder würden sie auch nicht zustande bringen.“[20]
Dafür wurde man 1941 von der Schule verwiesen!
In dieser Akte im Staatsarchiv ist auch ein Verzeichnis enthalten „über Schüler und Schülerinnen der Schulen der Hansestadt Hamburg, die wegen staatsabträglichen Verhaltens bestraft worden sind“.[21] Es handelt sich um 13 Personen, beginnend mit Brigitte Borchers. Darüber hinaus werden sechs Schüler des Johanneums aufgezählt, unter anderem Egon Giordano, der Bruder von Ralph Giordano, der von der Schule verwiesen wurde wegen „politischer Unzuverlässigkeit“. Dann der Schüler Heinrich Fey, der von einem HJ-Streifendienst angehalten worden war und bei dem man den Text und die Noten der Internationale sowie ein Foto fand, das zeigte, wie englische Matrosen ein Hitler-Bild zerstörten. Er befand sich als Swing-Jugendanhänger in Haft und wurde fast anderthalb Jahre im KZ Moringen festgehalten. Ich habe in der Biografie Albert Henze über diesen Fall informiert.[22]
Kurz nach der Entlassung der Schülerin Brigitte Borchers wurde Kurt Haefeker krank, er litt an Magenproblemen, wurde operiert und musste einige Kuraufenthalte wahrnehmen. Oberschulrat Theodor Mühe mahnte Kurt Haefeker in einem Schreiben an das Elim-Krankenhaus, wo Haefeker behandelt wurde, am 3.12.1942, er solle seine Arbeit nicht zu früh wieder aufnehmen.[23]
Kurt Haefeker wurde nicht wieder gesund. Er starb am 29.12.1942 und hinterließ seine Frau Erika und einen Sohn.[24]
Die Trauerfeier fand auf dem Ohlsdorfer Friedhof statt. Das „Hamburger Fremdenblatt“ berichtete davon am 5.1.1943 und schrieb von „großer Beteiligung“. „Die Ortsgruppe Langenhorn der NSDAP und die NSKOV hatten Fahnenabordnungen entsandt und Kränze am Sarge niedergelegt, desgleichen die Schulverwaltung, der NS-Lehrerbund, die Kriegerkameradschaft von 1912, sowie Lehrerkollegium und Schülerinnen.“ Als Redner trat der stellvertretende Ortsgruppenleiter Meyer auf, der „die Persönlichkeit des Entschlafenen, der als feiner, untadeliger Charakter und steht hilfsbereiter Kamerad überall Liebe und Verehrung genoss. Oberschulrat Professor Dr. Mühe überbrachte die letzten Grüße der Schulverwaltung und dankte dem Entschlafenen besonders für seine vorbildliche Pflege des deutschen Volksliedes. Dann wurde der Sarg von Politischen Leitern der Ortsgruppe zur Gruft getragen.“[25]
Die Witwe Erika Haefeker gab am 28.12.1945 in ihrem Entnazifizierungsfragebogen an, in keiner NS-Organisation Mitglied gewesen zu sein. Sie erhielt, niemals infrage gestellt, die Witwenrente eines Oberstudienrates und überlebte ihren Mann um 51 Jahre.[26]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Verzeichnis der Schüler und Schülerinnen der Schulen der Hansestadt Hamburg, die wegen staatsabträglichen Verhaltens bestraft worden sind. StA HH, 361-2 VI OSB VI_990 Swing-Jugend
2 Personalakte Haefeker, StA HH, 361-3_A 3079
3 Personalakte a. a. O.
4 Bericht vom 29.9.1924, Personalakte a. a. O.
5 Ebd.
6 Personalakte a. a. O.
7 Personalakte a. a. O.
8 Fragebogen der Vervollständigung Personalakte vom 19.3.1936, Personalakte a. a. O.
9 Personalakte a. a. O.
10 Personalakte a. a. O.
11 Personalakte a. a. O.
12 Schreiben vom 17.2.1938, Personalakte Gerhard Rösch, StA HH, 361-3_A 1584. Siehe auch die Biografie Gerhard Rösch in diesem Band.
13 Personalakte a. a. O.
14 Vertraulicher Bericht vom 25.3.1939, Personalakte a. a. O.
15 Siehe die Biografie Albert Henze, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 162 ff.
16 Schreiben vom 13.11.1941, 361-2 VI OSB VI_990 Swing-Jugend
17 Ebd.
18 Ebd.
19 Bericht über Brigitte Borchers vom 10.11.1941, 361-2 VI OSB VI_990 Swing-Jugend
20 Ebd.
21 361-2 VI OSB VI_990 Swing-Jugend
22 Siehe die Biografie Albert Henze, a. a. O.
23 Schreiben von OSR Theodor Mühe vom 3.12.1942, Personalakte a. a. O.
24 Personalakte a. a. O.
25 „Hamburger Fremdenblatt“ vom 5.1.1943.
26 Personalakte a. a. O.
 

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Datenbank online Die Dabeigewesenen

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand Dezember 2019: 789 Kurzprofile und 275 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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