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Adolf Lindemann

(28.2.1880 Güstrow – 7.12.1954)
Vorsitzender des Hamburger Philologenvereins, Bürgerschaftsmitglied der DVP, kommissarischer Leiter des Wilhelm-Gymnasiums
Hartungstraße 15 (Wohnadresse in den 1930er-Jahren)

Hans-Peter de Lorent hat über Adolf Lindemann ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:  
Der Vorsitzende des Hamburger Philologenvereins in der Weimarer Republik trat 1933 in die NSDAP ein.

Eine wichtige Person in der Hamburg Schulpolitik ist Adolf Lindemann gewesen. Er war von 1924 bis 1932 Vorsitzender des Hamburger Philologenvereins, Mitglied der Bürgerschaft für die DVP und trat zum 1.5.1933 in die NSDAP ein. Wie er waren alle Vorsitzenden des Hamburger Philologenvereins in der NS-Zeit Mitglied der NSDAP geworden. Während des Krieges leitete er für einige Zeit kommissarisch das Wilhelm-Gymnasium. Nach Ende der NS-Herrschaft war es nicht selbstverständlich für Adolf Lindemann, eine Pension zu erhalten.
Adolf Lindemann wurde am 28.2.1880 im mecklenburgischen Güstrow geboren. Er ging dort zur Schule und bestand 1898 die Reifeprüfung, um dann in Rostock und Berlin bis 1901 Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren. Danach absolvierte er die pädagogische Prüfung und das Promotionsverfahren.[1]
Von 1905 bis 1911 war Adolf Lindemann Oberlehrer an der Oberrealschule auf der Uhlenhorst. Anschließend wurde er als Oberlehrer an das Lehrerseminar in der Binderstraße abgeordnet, wo er von 1911 bis 1921 die physikalischen Sammlungen für die Volksschullehrerausbildung betreute.[2]
Diese Zeit war unterbrochen durch die Kriegsteilnahme Lindemanns von 1914 bis 1918, wo er an der Ostfront mit mehreren Orden ausgezeichnet wurde.[3]
Nach der Rückkehr aus dem Kriegsdienst nahm Lindemann seine Tätigkeit am Lehrerseminar wieder auf, bis er 1921 für ein Jahr an das Realgymnasium des Johanneums versetzt wurde. Vom 1.4.1922 bis zum 12.9.1945 gehörte Lindemann dann ununterbrochen dem Kollegium des Wilhelm-Gymnasiums an.[4]
Adolf Lindemann war früh politisch aktiv. Nach der Novemberrevolution kandidierte er auf der Liste „Aufbau“ bei der ersten Lehrerkammer-Wahl am 22.6.1919 und wurde auch gewählt. Ebenso bei der Wahl am 22.6.1920.[5]
Lindemann arbeitete gemeinsam mit Theodor Körner als Oberlehrer am Wilhelm-Gymnasium. Sie waren beide aktiv in den Gremien der Selbstverwaltung der Hamburger Schulen, im Oberlehrerverein und später dem Hamburger Philologenverein, deren Vorsitzender Theodor Körner von 1919 bis 1924 war. Auf dem Kollegiumsbild des Wilhelm-Gymnasiums von 1925 sitzen sie einträchtig nebeneinander. Körner, wie Lindemann 1880 geboren, hatte schon als Schüler dem Wilhelm-Gymnasium angehört, wie Lindemann Mathematik und Physik studiert und war auch in der „zur Bekämpfung des schulpolitischen Radikalismus“ gegründeten Gruppe „Aufbau“ aktiv. Im Mai 1919 wurde er zum Vorsitzenden des Vereins der Oberlehrer gewählt. Parteipolitisch organisierte er sich später in der DDP/Deutsche Staatspartei und war auch Vorsitzender des Hamburger Philologenvereins, der im Mai 1921 aus dem Verein der Oberlehrer hervorging.[6]
1924 hatte sich die Situation im Hamburger Philologenverein verändert, Körners eher moderate Art gegenüber der Oberschulbehörde repräsentierte nicht mehr den ganzen Hamburger Philologenverein, in dem parteipolitisch größere Teile der Mitglieder der DNVP und der DVP sich nahestanden. Auf einer Versammlung des Hamburger Philologenvereins wurde Theodor Körner durch eine gemeinsame Aktion seines Kollegen Adolf Lindemann und dem zum rechten Flügel gewechselten Theodor Mühe[7] desavouiert. Mühe und Lindemann hatten auf der Versammlung am 4.3.1924 verhindert, einen Professor der Universität Hamburg auf Vorschlag von Theodor Körner in den Philologenverein aufzunehmen. Das Organ der in der „Gesellschaft der Freunde“ vorwiegend organisierten Volksschullehrer schrieb über eine „peinliche persönliche, Dr. Körner zugefügte Kränkung, als von Dr. Mühe dem von Dr. Körner empfohlenen Eintrittsgesuch des Professors der Pädagogik an der Hamburgischen Universität in den Philologenverein mit dem Hinweis Schwierigkeiten gemacht wurden, dass dieser Herr Mitglied der ‚Gesellschaft der Freunde‘ sei, wobei er von dem von Mühes Gnaden erwählten Dr. Adolf Lindemann, MdB, durch die Äußerung des Bedenkens unterstützt wurde, dass vielleicht dieser Universitätsprofessor gar nicht das examen pro facultas eines richtigen Oberlehrers gemacht habe. Nur der selbstverständliche Verzicht des Professors der Pädagogik auf seinen Eintritt in den Verein unter solchen Umständen bewahrte die Philologenschaft davor, dass diese Angelegenheit erneut aus dem Tümpel der Lächerlichkeit herausgefischt werden musste, in die sie durch den neuen Kurs geraten war.“[8]
Dies war offenbar nur das Vorspiel für die Hauptversammlung und Vorstandswahlen des Hamburger Philologenvereins gewesen, auf der Theodor Körner nicht wieder als Vorsitzender antrat und Adolf Lindemann zum Vorsitzenden gewählt wurde, allerdings lediglich mit 175 gegen 125 Stimmen.[9] Lindemann hatte sich nach seiner Übersiedlung von Güstrow nach Hamburg dem Verein der Oberlehrer angeschlossen und in der Zeit von 1909 bis 1913 das Amt des Kassenführers bekleidet.[10]
Theodor Mühe warf Körner in der Hauptversammlung vor, „er sei als Deputationsmitglied der OSB den fortschrittlichen Lehrern zu wenig entgegengetreten“.[11]
Adolf Lindemann, der 1924 gleichzeitig für die DVP Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft war, hatte ein schulpolitisches Programm, das sich „im Großen und Ganzen mit dem des alten Vorstandes unter Theodor Körner“ deckte. Allerdings wolle der neue Vorstand „angesichts der Erfolglosigkeit Körners bei den Regierungsparteien jetzt aber im Vorfeld der Wahlen zum Reichstag am 4.5.1924 durch Fühlungnahme mit den Rechtsparteien seinen Zielen näherkommen. Dieses unklar ausgedrückte Fazit wurde ebenso wenig eindeutig belegt wie die Angabe über den angeblich großen Einfluss des neuen Vorsitzenden und (vorübergehenden) Parlamentariers Adolf Lindemann auf die DVP-Fraktion der Bürgerschaft“.[12]
In den neuen von Adolf Lindemann geführten Vorstand war Theodor Mühe als 2. Vorsitzender gewählt worden, mit ihm vor allem jüngere Mitarbeiter, darunter Willy Kowallek als erster Schriftführer, Berthold Ohm als Kassenwart und Karl Hahn als Beisitzer, alles Personen, die ich in den „Täterprofilen“ porträtiert habe.[13]
Zwar führt es vom Thema weg, gleichwohl lohnt es sich, die Auseinandersetzungen des Hamburger Philologenvereins und ihres Vorsitzenden Adolf Lindemann und auch seine Reden in der Hamburger Bürgerschaft als Abgeordneter der DVP aus schulpolitischen Gründen genauer in Augenschein zu nehmen. So hielt er in der Doppelsitzung der Bürgerschaft vom 25./26.6.1924 eine Rede zu dem Problem, dass immer mehr Schüler, die für die Anforderungen der höheren Schule ungeeignet waren, in diese Schulen drängten. Manches hat heute noch Aktualität:
„Hamburg sei dafür zu kritisieren, dass es über die Auslese hinaus auch solche Schüler in die höhere Schule aufnehme, welche lediglich infolge des Wunsches der Eltern in die höheren Schulen kommen. Er forderte weiter, Oberlehrerstellen nicht durch Funktionen in der Schulverwaltung zu besetzen und sie dadurch der Schule zu entfremden, wie es in einem nachweisbaren Falle geschehen sei. Praktiken dieser Art verschärften den Lehrermangel der höheren Schulen.“ Lindemann wies auch darauf hin, dass es einen deutlichen Leistungsabfall in höheren Klassen gegeben habe und nannte als Grund dafür, „dass der größte Teil der Lehrer Kriegsdienst geleistet habe, als diese Schüler in die Schule kamen“.[14]
Adolf Lindemann, der erst 1924 als Nachrücker auf der DVP-Kandidatenliste in die Bürgerschaft gelangt war, zeigte dort durchaus eine gewisse Schlagfertigkeit. Als der SPD-Abgeordnete und Oberlehrer Kurt Adams in der Debatte Lindemanns Kompetenz bezweifelte, über die Volksschulen Aussagen zu treffen, konterte dieser: „Adams könne sich, so Lindemann, vielleicht an die schöne Zeit erinnern, als er vor ihm als knapp zehn Jahre jüngerer Schüler in der Oberrealschule Uhlenhorst gesessen habe. Er habe jedoch offensichtlich übersehen, ‚dass wir inzwischen alle weiter gelebt haben‘. Er, Lindemann habe seitdem fünf Jahre als Seminaroberlehrer im Volksschulwesen gewirkt und in dieser Zeit mehr Gelegenheit gehabt, sich mit der Volksschule zu befassen als Adams.“[15]
Tatsächlich hatte der ehemalige Schüler von Adolf Lindemann den späteren beruflichen Werdegang seines früheren Lehrers nicht weiterverfolgt. Bedeutsamer an diesem Kontext ist allerdings, dass Kurt Adams 1929 Leiter der Hamburger Volkshochschule wurde und 1933, nach der Machtübertragung auf die Nationalsozialisten, aus dem Hamburger Schul- und Staatsdienst entlassen wurde und später, 1944, von der Gestapo festgenommen und als Häftling in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht wurde, wo er noch im selben Jahr verstarb. Lindemann hingegen trat am 1.5.1933 der NSDAP bei, blieb Lehrer, wurde zum Oberstudienrat gefördert und war, wie erwähnt, eine zeitlang als Schulleiter eingesetzt, wenn auch nur kommissarisch. Konnte 1924 in der Bürgerschaft noch diskutiert und gestritten werden, hörte das demokratische Leben 1933 auf und so unterschiedlich verliefen die weiteren Biografien.[16]
Ein permanentes Thema in den Jahren der Weimarer Republik war die unsichere Stellensituation und die fragile materielle Existenz der Lehrer im Bereich der Volksschulen, aber auch der staatlichen, höheren Schulen. Nach einer Statistik der Oberschulbehörde aus dem Jahre 1922 waren 25,8 Prozent der an den höheren Schulen beschäftigten Oberlehrer ohne feste Anstellung. Und auch Ende 1927 waren noch 22,7 Prozent aller Akademiker des höheren Schulwesens nicht fest angestellt. „Von den 180 nicht fest Angestellten waren 129 Männer, davon etwa 100 Kriegsteilnehmer, zu 50 Prozent verheiratet und zum Teil verschuldet. Sie waren über ihre Situation verbittert.“[17]
Somit war der Kampf um die Einstellung des Lehrernachwuchses sowohl für die „Gesellschaft der Freunde“ als auch für den Hamburger Philologenverein ein Dauerthema. „Es ging damals hoch her in den Mitgliederversammlungen des Hamburger Philologen-Vereines, und der würdige Vorsitzende, Herr Dr. Lindemann vom Wilhelm-Gymnasium, hatte alle Mühe, die erregten Gemüter zu beschwichtigen.“[18]
Keine leichte Situation für Adolf Lindemann, dessen Partei, die DVP, mittlerweile auch der Senatskoalition angehörte. Am Ende führte der erfolglose Kampf dazu, dass Lindemann 1932 als Vorsitzender des Philologenvereins abgelöst wurde und Theodor Mühe ihn ersetzte. Lindemann hatte erklärt, nach acht Jahren für eine weitere Kandidatur nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Uwe Schmidt vermutete: „Lindemanns Zurückhaltung könnte allerdings auch darin begründet sein, dass er ein halbes Jahr vor Beendigung seines Vorsitzes zum stellvertretenden Schulleiter des Wilhelm-Gymnasiums gewählt worden war.“[19]
Die Wahl zum stellvertretenden Schulleiter war also noch in den letzten Zeiten der Selbstverwaltung erfolgt. Für Lindemann votierten 33 Kollegen bei einer Gegenstimme und vier Enthaltungen, ein sehr eindeutiges Ergebnis.[20]
Interessant ist, dass Lindemann nach Beginn der NS-Herrschaft auf der Liste der Schulleitungen der Hamburger Schulen vom 10.7.1933 nicht verzeichnet war, weder am Wilhelm-Gymnasium, noch an einer anderen höheren Schule.[21]
Adolf Lindemann war also seit dem 1.5.1933 Mitglied der NSDAP. In seinem Entnazifizierungsfragebogen schrieb er, „seit Auflösung der DVP“ und gab an, von 1934 bis 1938 Blockwart der NSDAP gewesen zu sein. Er wohnte damals in der Hartungstraße 15.[22]
Lindemann war 1934 Mitglied der NSV geworden, erst am 20.6.1942 dem NSLB beigetreten, im NS Reichsbund Leibesübungen fungierte er als Hamburger Sektionsführer des Alpenvereins.[23]
Mit Schreiben vom 23.11.1945 teilte ihm Schulsenator Landahl auf Anordnung der Militär regierung die sofortige Entlassung aus dem Beamtenverhältnis mit.[24]
Am 24.12.1945 wandte sich Lindemann an die Schulverwaltung und wies darauf hin, am 9. Oktober des Jahres „ein persönlich vom Herrn Bürgermeister gezeichnetes Schreiben“ bekommen zu haben, das ihn in den Ruhestand versetzte. Zwei Tage später habe er eine Abrechnung über das von ihm zu erwartende Ruhegehalt nach 43 Dienstjahren bekommen.[25]
Zu seinem Parteieintritt notierte Lindemann:
„In die Partei bin ich eingetreten, als 1933 die Deutsche Volkspartei, der ich zehn Jahre lang angehört hatte, sich auflöste und ihren Mitgliedern dringend den Übertritt empfahl. Ich konnte keine Bedenken haben, der Aufforderung zu folgen, da die Hitler-Regierung bereits von allen europäischen Staaten anerkannt und die Partei reichsgesetzlich zugelassen war. Zudem musste ein Masseneintritt bürgerlicher Kreise dahin wirken, dass unliebsame Übergangserscheinungen gedämpft wurden. Dem Drängen nach ‚Mitarbeit‘ gab ich nach und versah das Amt eines ‚Blockwarts‘, bei dem man damals im wesentlichen Kassenbote und Briefträger war und keinerlei politischen Einfluss hatte, wurden doch gerade die jüngsten Mitglieder damit betraut. Erst während meiner Tätigkeit erfolgte die Eingliederung des Blockwarts unter die Zahl der ‚politischen Leiter‘. Der übermäßigen körperlichen und zeitlichen Inanspruchnahme wegen erwirkte ich nach etwa zweieinhalb Jahren, dass mir das Amt wieder abgenommen wurde. In der Partei habe ich mich bemüht, Gegensätze zu mildern und Auswüchse zu beseitigen. Ich bin wohl der einzige Provinzialverbandsvorsitzende gewesen, der den Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes, den jüdischen Gymnasialdirektor Behrend, noch aufgesucht hat, nachdem er in Berlin, angeblich versehentlich, verprügelt worden war, und habe ihn in einer Vollsitzung unseres Verbandes gegen Anwürfe verteidigt, was mir sehr übel genommen wurde.“[26]
Lindemann wies darauf hin, dass er auch zu anderen jüdischen Bürgern stets einen guten und unterstützenden Kontakt gehabt habe und ständig in der Auseinandersetzung mit „Übergriffen der Hitlerjugend“ gestanden habe.[27] Damit unterschied er sich nicht von anderen Leitern der höheren Schulen, die sich niemals von der HJ ihre Autorität und ihre Kompetenzen beschneiden lassen wollten.
Zugleich wies Adolf Lindemann darauf hin, dass er im Gegensatz zu anderen keinen besonderen Karriere-Vorteil durch seine Parteimitgliedschaft gehabt habe. Seine beiden Nachfolger als Vorsitzende des Philologenvereins waren beide nach ihrer Funktionstätigkeit Oberschulräte geworden. Und: „Bei Besetzung der wieder eingeführten Direktorenstellen wurde ich als Volksparteiler übergangen.“[28]
Der Vorteil einer langjährigen Arbeit als Verbandsvorsitzender und in der Bürgerschaft war und ist der, einen guten Überblick zu haben. So konnte Adolf Lindemann darauf hinweisen, dass er im Vergleich zu anderen Kollegen, die weitaus schwerer NS-belastet waren als er selbst, ungleich härter behandelt bzw. bestraft wurde. Es hatte zwar nahezu etwas Denunziatorisches, war aber auch aus meiner Sicht inhaltlich berechtigt, wenn er zum Beispiel auf die Fälle von Oberschulrat Theodor Mühe, Oberschulrat Karl Züge, den Oberstudiendirektor Tomforde und den Studienrat Etzrodt verwies, die zum Teil die Pension ihrer durch die NSDAP verliehenen Ämter bekamen, während Lindemann um seine Pension kämpfen musste.[29]
Adolf Lindemann konnte einige Leumundszeugnisse vorlegen, das gewichtigste von einem verdienten Studienrat des Wilhelm-Gymnasiums, Richard Uetzmann, der niemals Mitglied der NSDAP gewesen war und nach eigener Aussage „nie aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus ein Hehl gemacht hat“, der im März 1946 über Lindemann schrieb:
„Er ist ein urvornehmer, etwas eigenwilliger, aber durch und durch ehrlicher, aufrechter und anständiger Charakter, der umso weniger Veranlassung hatte, sich gegen die Demokratie zu wenden, da er als Bürgerschaftsmitglied Träger der großen Koalition war, die Volkspartei, Demokraten und Sozialdemokraten umfasste und Hamburg 1919–1932 sauber und demokratisch regierte. Das ganze Kollegium des Wilhelmgymnasiums empfand die Entlassung des pflichttreuen A. L. nach erfolgter Pensionierung und ehrenvollem Ausscheiden aus dem aktiven Staatsdienst als eine unverdiente Härte; ich glaube mich eins zu wissen mit den Herren, die Jahrzehnte lang mit ihm die Hamburger Jugend betreut haben, wenn ich die Bitte ausspreche, dem 66 Jahre alten Herren, der 40 Jahre lang immer mehr für Wissenschaft , Beruf und Volk getan, als die Beamtenpflicht verlangte, auch die äußere Anerkennung seiner Lebensarbeit nicht weiter vorzuenthalten und sein erneutes Gesuch um Gewährung der gesetzlichen Pension wohlwollend zu überprüfen.“[30]
In diese Richtung argumentierte auch der Beratende Ausschuss für die höheren Schulen am 2.8.1946:
„Lindemann ist keineswegs schwerer belastet, als manche im Amt verbliebene Lehrkraft. In Anbetracht seiner langjährigen Dienste für Schule und Lehrerschaft wird die Gewährung der Versorgungsbezüge eines Studienrats als durchaus gerechtfertigt angesehen.“[31]
Nachdem Lindemann noch einmal Einspruch erhoben hatte, plädierte der Beratende Ausschuss am 24.3.1948 für die Überprüfung des Falles und sprach sich dafür aus, ihm die Pension eines Oberstudienrates zu gewähren.[32]
Entsprechend entschied dann der Berufungsausschuss 17 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten unter Vorsitz des für milde Urteile bekannten Rechtsanwalts Soll, der Lindemann die Pension eines Oberstudienrates zubilligte und ihn in Kategorie V einstufte.[33]
Adolf Lindemann starb am 7.12.1954.[34]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Da von Adolf Lindemann im Staatsarchiv erstaunlicherweise keine Personalakte vorhanden ist, stammen die Daten aus dem Bestand des Wilhelm-Gymnasiums, StA HH, 362-2/30_142
2 Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium. Hamburgs Gymnasien und die Berufsvertretung ihrer Lehrerinen und Lehrer von 1880 bis heute. Hamburg 1999, S. 164.
3 Ebd.
4 StA HH, 362-2/30_142
5 Schmidt 1999, S. 126 f. Zu den Gremien der Selbstverwaltung der Hamburger Schulen siehe auch: Hans-Peter de Lorent: Schule ohne Vorgesetzte. Geschichte der Selbstverwaltung der Hamburger Schulen von 1870–1986, Hamburg 1992.
6 Siehe dazu Körners Personalakte, StA HH, 361-3_A 1527 sowie: Schmidt 1999, S. 133 ff.
7 Siehe die Biografie Theodor Mühe, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz, Bd. 1, Hamburg 2016, S. 371 ff.
8 HLZ 17/1924, S. 266.
9 Schmidt 1999, S. 158.
10 Ebd.
11 Ebd.
12 Schmidt 1999, S. 159.
13 Siehe dazu die Biografie Berthold Ohm in: de Lorent 2016, S. 575 ff; die Biografien Kowallek und Hahn in diesem Band.
14 Stenografische Berichte der Hamburgischen Bürgerschaft 1924, S. 355 ff. zitiert nach Schmidt 1999, S. 166 f.
15 Schmidt 1999, S. 167 f.
16 Siehe John Hopps Biografie von Kurt Adams: „Hiermit fängt unser Ende an“, in: Ursel Hochmuth/Hans-Peter de Lorent (Hg.): Hamburg: Schule unterm Hakenkreuz, Hamburg 1985, S. 152 ff.
17 Schmidt 1999, S. 173 f.
18 Schmidt 1999, S. 177.
19 Schmidt 1999, S. 283.
20 Ebd.
21 de Lorent 2016, S. 32.
22 Entnazifizierungsakte Lindemann, StA HH, 221-11_Ed 8577
23 Ebd.
24 Schreiben vom 23.11.1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
25 Schreiben vom 24.12.1945, Entnazifizierungsakte a. a. O.
26 Ebd.
27 Ebd.
28 Ebd.
29 Siehe dazu die Biografien Theodor Mühe, a. a. O.; Karl Züge, in: de Lorent 2016, S. 385 ff. und die Biografien Albert Tomforde und Willi Etzrodt in diesem Band.
30 Schreiben aus dem März 1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
31 Beratender Ausschuss vom 2.8.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
32 Beratender Ausschuss vom 24.3.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
33 Berufungsausschuss 17 für die Ausschaltung von Nationalsozialisten vom 21.4.1948, Entnazifizierungsakte a. a. O.
34 Schmidt 1999, S. 283.
 

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Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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