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Dr. Adolf Vogel

(12.3.1901 Hamburg – 19.4.1986)
Studienrat an der Oberrealschule in Eimsbüttel, Im Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg,
Haynstraße 31 (Wohnadresse (1955)

Hans-Peter de Lorent hat über Dr. Adolf Vogel ein Portrait verfasst, das in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Band. 3. Hamburg 2019 erschienen und im Infoladen der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg erhältlich ist. Hier der Text:
„Bisher hat noch jeder Beteiligte nach 1945 seine Biografie gefälscht, die Mitwirkung im Einsatzstab Rosenberg verschleiert oder verharmlost oder sich in platte Unwahrheit geflüchtet.“
Es gibt Fälle, in denen die biographischen Daten und Aussagen im Entnazifizierungsverfahren für mich nicht zusammenpassen mit dem, was die jeweiligen Menschen in der NS-Zeit gemacht haben. Dazu gehört die Person Dr. Adolf Vogel, nicht zu verwechseln mit dem auch in diesem Band porträtierten ehemaligen Harburger Schulleiter, dem nicht promovierten Adolf Vogel.
Was mich skeptisch macht, ist die Tatsache, dass Dr. Adolf Vogel von 1940 bis Ende des Krieges im „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ tätig gewesen war und, wie meine Recherchen ergeben haben, offenbar durchaus an leitender Stelle.
Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) war die Rauborganisation der NSDAP für die Kulturgüter, die während des Zweiten Weltkrieges aus den besetzten Ländern des Westens und des Ostens unter der Leitung des NS-Parteiideologen Alfred Rosenberg und des von ihm geführten Außenpolitischen Amtes der NSDAP stand. Ursprünglich hatte Alfred Rosenberg das Projekt der „Hohen Schule“ entwickelt, die eine „zentrale Stelle nationalsozialistischer Forschung “ werden sollte. Dafür wollte Rosenberg das Forschung sinstitut mit dem Material der „Gegner der nationalsozialistischen Weltanschauung“ versorgen, das er aus den Bibliotheken und Archiven von Juden, Freimaurern und kommunistischen und demokratischen Organisationen in den besetzten Ländern in das Deutsche Reich transportieren lassen wollte. Aus diesem Grund wurde im Juli 1940 in Paris der „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ mit der Gründung des „Amtes Westen“ beauftragt.
Mit der Durchführung dieser Aktionen beauftragte man überzeugte Nationalsozialisten in den Führungsfunktionen und zog zu einem großen Teil Lehrer und Wissenschaft ler heran, denen zugetraut wurde, die zu raubenden Objekte wissenschaftlich zu qualifizieren und zu dokumentieren. Der persönliche Reiz für die jeweiligen Mitarbeiter war es auch, nicht zur Wehrmacht eingezogen zu werden.[1]
Adolf Vogel war seit Oktober 1940 bis zum Ende des Krieges Mitarbeiter dieses Einsatzstabes der Kunst räuber in Brüssel.[2]
Bevor ich darauf näher eingehen werde, erst einmal einige biografische Daten seines Werdegangs bis 1940.
Adolf Vogel wurde am 12.3.1901 als Sohn eines Volksschullehrers in Hamburg geboren. Er besuchte seit 1907 die Vorschule, anschließend die Realschule in der Bogenstraße , um dann 1913 auf das Heinrich Hertz-Realgymnasium zu wechseln.[3]
Vogel studierte anschließend an den Universitäten Hamburg, Tübingen und wieder Hamburg Deutsch, Geschichte und Erdkunde. Nach der wissenschaftlichen Prüfung am 13.11.1923 absolvierte er seinen Vorbereitungsdienst an der Oberrealschule Eimsbüttel und bestand die pädagogische Prüfung am 30.10.1925. Parallel dazu übte er eine Nebentätigkeit an der privaten Wahnschaffschule aus.[4]
Seit dem 1.11.1925 wurde Adolf Vogel als Wissenschaft licher Hilfslehrer (Studienassessor) an der Oberrealschule Eimsbüttel ( Kaiser-Friedrich-Ufer ) beschäftigt. Er arbeitete mit im Hamburger Philologenverein und unterschrieb eine Denkschrift, in der die Lage des Hamburger Lehrernachwuchses der höheren Schulen als „unsozial und verbitternd und des Staates unwürdig“ bezeichnet wurde.[5]
Die Lage des akademischen Lehrernachwuchses blieb angespannt. Adolf Vogel und seine Kolleginnen und Kollegen wurden erst zum 1.2.1929 außerplanmäßige Beamte.[6] Kurz davor, am 20.2.1928, hatte er sein Promotionsverfahren abgeschlossen.[7]
Adolf Vogel blieb an der Oberrealschule Eimsbüttel, ab dem 1.6.1938 war er Studienrat. Seine Personalakte ist unspektakulär. Er gehörte nicht zu den Personen, die am 1.5.1933 in die NSDAP eintraten. Dies vollzog er im Herbst 1937. Seit 1933 war er Mitglied des NSLB, in der NSV, der er seit 1934 angehörte, übernahm er 1937 die Funktion des Blockwalters.[8]
Zu den üblichen Lehreraktivitäten gehörte es auch, sich an Lehrerlagern zu beteiligen, wie Vogel es beispielsweise in der Zeit vom 11. bis zum 18.10.1936 tat und dafür Dienstbefreiung beantragte.[9] Nichts deutet auf besonderen nationalsozialistischen Aktivismus hin.
Nach einer kurzen Einberufung in den Kriegsdienst als Schütze eines Landesschützenbataillons wechselte Vogel im Oktober 1940 bis zum Ende des Krieges nach Brüssel in den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, „as a scientific worker“ (Wehrmachtsgefolge, Einheit Feldpostnummer 10 200 A), wie er in seinem Entnazifizierungsfragebogen schrieb.[10]
Interessant ist, was Adolf Vogel 1946 über seine Mitarbeit im Einsatzstab Rosenberg äußerte:
„Im Herbst 1940 wurde ich als wissenschaftlicher Arbeiter nominiert von einem Hamburger Lehrer, der den Einsatzstab in Brüssel leitete und den ich persönlich kannte von einer Reise nach Schweden. Ich wurde als geeignet für diese Aufgabe angesehen, weil ich seit meiner Studien an der Universität die Differenzen verfolgt hatte zwischen den deutschen und westlichen Ideen der Humanität. Seit Jahren hatte ich das Problem der Entwicklung des frühen deutschen Liberalismus aus dem westlichen Rationalismus und des deutschen philosophischen Idealismus studiert. Basierend auf diesen Studien (eine gewisse Kenntnis der philosophischen und historischen Literatur des Westens) wurde ich aus dem Schuldienst abgefordert als wissenschaftlicher Arbeiter für den Einsatzstab Rosenberg ohne vorher darüber informiert zu werden, wobei ich dadurch von der Militär pflicht befreit wurde. Ich wurde informiert, dass die Arbeit beim Einsatzstab Rosenberg als Kriegspflicht anstelle des Militär dienstes angesehen wurde und dass der Einsatzstab Rosenberg komplett separiert war vom Amt Rosenberg.“[11]
Adolf Vogel verband diese Aussage mit der Erklärung, bis 1937 keiner politischen Partei angehört, stets die SPD gewählt zu haben, auch am 5.3.1933. Er wäre 1936 aufgrund seiner politischen Überzeugung nicht zum Studienrat berufen worden und sei 1937 in die NSDAP eingetreten, um Mitglied der „Fortbildungsabteilung“ der Schulverwaltung werden zu können.[12]
Im selben Zusammenhang schrieb Adolf Vogel, dass er im Juni 1945 in Ludwigslust, wo sich seine Familie seit 1943 aufhielt, aufgrund einer Denunziation interniert worden wäre. Dabei sei er als Sekretär mit elf anderen Personen in dem Interrogation Office des I. Internment Camps beschäftigt worden. „Die Bedingung für diese Beschäftigung war: kein Amt in der NSDAP gehabt zu haben und nicht Mitglied der SA und der SS gewesen zu sein.“[13]
Blicken wir jetzt einmal auf die Arbeit des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenbergs (ERR) in Brüssel. Über dessen Arbeit gibt es eine aufschlussreiche Veröffentlichung des holländischen Fernsehredakteurs und Musik forschers Willem de Vries: Kunst raub im Westen 1940-1945.[14] Darin gibt es auch ein Kapitel über die Arbeit des EER in Brüssel. Und in diesem Kapitel wird auch Adolf Vogel genannt, der eine durchaus leitende Funktion innehatte und auch der Hamburger Lehrer Hans Muchow, von Adolf Vogel in seiner Erklärung als „Bekannter von einer Reise nach Schweden“ eingeführt, der sogar die zentrale Person im Einsatzstab in Brüssel gewesen war, Hauptarbeitsgruppenführer seit 1942.[15]
In seiner Einleitung schrieb Willem de Vries:
„Nie zuvor gab es in der Geschichte Europas eine größere Beschlagnahmung, Verschleppung und Zerstörung von Kulturgütern als im Zweiten Weltkrieg. Sogar Napoleons ausgedehnte Beutefeldzüge von Kunst gegenständen, denen Frankreich wertvolle Sammlungen in Museen und Galerien zu verdanken hat, sind nicht mit dem zu vergleichen, was die Nazis beschlagnahmten. Hunderttausende von Gegenständen wurden dabei konfisziert: Gemälde, Skulpturen, Teppiche, Juwelen, Gold, Silber, Bücher, Manuskripte, Kirche nschätze und Musik instrumente. Die Nazis plünderten rund 16 Millionen Kunst werke in ganz Europa. Nur wenig wurde danach wieder zurückgegeben.“[16]
Über die Ziele und den Aufbau des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg schrieb de Vries:
„Nach Beendigung des Westfeldzuges, genauer: dem Einmarsch und der Besetzung von Holland, Belgien und Frankreich im Mai und Juni 1940, gründete Alfred Rosenberg am 17. Juli 1940 den Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR). Das Aufspüren von ‚verlassenen‘ (man nannte sie fortan ‚herrenlos‘) jüdischen Bibliotheken, Synagogen, Geschäften und Wohnsitzen in Paris, aber auch Freimaurerlogen in Frankreich wurde dabei zum direkten Anlass für diese Maßnahme genommen. Viele Juden und Freimaurer hatten den deutschen Einmarsch nicht erwartet, und nun waren sie plötzlich Feinde des Dritten Reiches. Rosenbergs ,Mission‘, besser, Aktion zur geistigen und weltanschaulichen Überwachung, bestand zuerst in einer ‚Sicherung‘ aller verbleibenden ‚Materialien zu politischen Forschung szwecken‘ von Personen, die als anti-deutsch eingestuft wurden. Die Maßnahme wurde in enger Zusammenarbeit mit der Sicherheitspolizei und dem Sicherheitsamt – SiPo und SD – durchgeführt, die wiederum ‚polizeipolitisches Material‘ aufzuspüren hatten.“[17]
In dem Kapitel über die Arbeit des ERR in Belgien vermerkte de Vries, dass die „Arbeitsgruppe Belgien“, die auch für Nordfrankreich zuständig war, „am 1.9.1940 in der Rue de Chatelain Nr. 32 in Brüssel gegründet wurde“.[18]
Am 11.6.1942 übernahm der Freund von Adolf Vogel und Hamburger Lehrerkollege, Hans Muchow, die Leitung der Arbeitsgruppe Belgien.[19]
De Vries stellte fest, dass in Belgien die Einsatzgruppe so eng mit der Militär verwaltung zusammenarbeitete, dass aufgrund der guten Beziehungen die ERR „in die Militär verwaltung mit eingebaut“ war.[20]
„Auch die ERR-Aktionen in Belgien beriefen sich auf die sogenannten Führerbefehle, die bereits in Frankreich angewendet wurden. In Belgien arbeitete der ERR auch eng mit Sicherheitspolizei/Sicherheitsdienst zusammen, wenngleich unter der Führung der Militär befehlshaber der Militär verwaltung. Für jede Beschlagnahmung musste also erst die Zustimmung der Militär verwaltung eingeholt werden; außerdem mussten regelmäßig Arbeitsberichte mit einer Inventarliste der beschlagnahmten Güter vorgelegt werden.“[21]
Zu Anfang erhielt der ERR den Auftrag, „herrenlose Bibliotheken weltanschaulicher Gegner“ sicherzustellen. Und Hauptarbeitsgruppenführer Hans Muchow erklärte, dass der Einsatzstab nach seiner Zusammensetzung „eine Gewähr für fachmännische Behandlung von Kulturgütern leisten sollte“[22], womit auch der Auftrag für seinen Freund Adolf Vogel beschrieben war.
Aus einem Bericht des ERR ging hervor, „dass 84.291 Kubikmeter an Hausrat in der ‚Möbelaktion‘ in Belgien erbeutet wurden. Diese Aktion wurde mithilfe von 1500 LKWs mit einer Ladekapazität von jeweils 15.000 t durchgeführt. Wie in den Niederlanden, so war es auch hier die deutsche Speditionsfirma Kühne & Nagel, welche das Mobiliar unter Beihilfe von belgischen Speditionsfirmen beförderte. Insgesamt plünderten die Deutschen über 4500 Häuser deportierter jüdischer Bürger in Belgien.“[23] (Siehe dazu auch die ausführliche Biografie in diesem Band.)
Das „Hauptarbeitsfeld“ für den Einsatzstab um Hans Muchow und Adolf Vogel war allerdings die Büchererfassung und der Sonderstab Bildende Kunst .[24]
Später, im Juni 1947, erklärte Hans Muchow: „Die Tätigkeit des ERR bedeutete keinen Eingriff in die Eigentumsrechte der Bewohner Belgiens; sie erfolgte vielmehr im Interesse dieser abwesenden Eigentümer und fällt unter den zivilrechtlichen Begriff der ‚Geschäftsführung ohne Auftrag‘.“ Es sei „wissenschaftliche Arbeit in die beschlagnahmten Bücher investiert“ worden.[25]
Wegen seiner erfolgreichen Arbeit in Brüssel war Hans Muchow dann noch im Osten eingesetzt worden. Vorher hatte er am 24.3.1944 eine Liste aller Einsatzstellen für Beschlagnahmungen in Belgien zusammengestellt. Darin hieß es: Jüdisches Material wurde „in Brüssel, Antwerpen, Gent, Liège, Charleroi, Namur, Lille und Brügge beschlagnahmt. Das Material stammte von fünf jüdischen Vereinigungen und Bibliotheken sowie aus 79 Privatwohnungen, wo man größere Sammlungen vorfand.“[26]
Auch von Adolf Vogel gibt es ein zitiertes Dokument:
„Am 24. August 1944 informierte Haupteinsatzführer Dr. Vogel die ERR Stabsführung in Berlin davon, dass zwei Waggons unterwegs seien. Der erste Waggon (markiert mit ‚Belgien 275 047‘) enthalte 109 Kisten mit Büchern für Tanz enberg, wo sich die Zentralbibliothek der Hohen Schule befand. Obwohl kein weiterer Bestimmungsort für den zweiten Waggon verzeichnet war, und man nur ‚Kassel 62 606‘ geschrieben hatte, ist die Inhaltsangabe zu diesem Waggon sehr aufschlussreich: … 16 verschalten Kunst gegenständen, 16 Bücherkisten, 15 Kisten Belgienbibliothek, eine Kiste Akten der Hauptarbeitsgruppe (vor allem Arbeitsvorhaben).“[27]
In seiner Anlage zum Entnazifizierungsfragebogen hatte Adolf Vogel geschrieben, dass er für die Arbeit im Einsatzstab Rosenberg „nicht die ev.-luth. Kirche verlassen oder seinen christlichen Glauben aufgeben musste“.[28]
Bevor jetzt genauer darauf eingegangen werden soll, wie kurz und erfolgreich das Entnazifizierungsverfahren für Adolf Vogel war, möchte ich noch aus dem Vorwort des Buches von Willem de Vries zitieren. Fred K. Prieberg schreibt darin über die Mitarbeiter des Einsatzstabs Rosenberg, also auch darüber, wie das Tun der Hamburger Lehrer Adolf Vogel und Hans Muchow zu bewerten ist:
„Bisher hat noch jeder Beteiligte nach 1945 seine Biografie gefälscht, die Mitwirkung im Einsatzstab Rosenberg verschleiert oder verharmlost oder sich in platte Unwahrheit geflüchtet. Jegliche Beteiligung an den Raubzügen des Einsatzstabes Rosenberg war gleichbedeutend mit dem tätigen Bekenntnis zum Antisemitismus nationalsozialistischer Rigorosität, das heutige moralische Bewertung als ungeistige Voraussetzung des rassistischen Völkermordes einstuft. Damals herrschte eine ‚Herren- und Räubermoral‘. Dies kann den Handlangern kaum verborgen geblieben sein, hatten sie doch ihre Erziehung in den Schulen des Kaiserreiches oder der ersten deutschen Republik genossen. Christliche Gesittung scheint aber – wie anderswo auch – ein Mäntelchen zu sein, das beim Flirt mit der Macht in der Hand der Machthaber zurückbleibt.
Kein Tatbeteiligter kann damit freigesprochen werden, sein Bewusstsein für gesellschaftliches Ethos habe unter dem Zwang der Diktatur ‚eben mal‘ ausgesetzt. Wer sich der erlernten Wohlanständigkeit würdig erweisen wollte, hatte – das beweisen Beispiele – andere Möglichkeiten im wissenschaftlichen Bereich, als den Kunst raub des Amtes Rosenberg zu begünstigen. Ist es wohl einfacher zu lügen, als sich der Verantwortung zu stellen?“[29]
Wie stellte sich Adolf Vogel seiner Verantwortung?
Aus meiner Sicht passt vieles von dem, was Fred Prieberg geschrieben hat, auch auf Adolf Vogel. Ihm gelang es, die sechs Jahre im Einsatzstab Rosenberg zu marginalisieren, zu verharmlosen. Nach der Arrestierung in Ludwigslust war er in das Internierungslager Neumünster überführt worden. Oberschulrat Schröder hatte am 13.6.1946 vermerkt, dass Vogel seit Monaten verhaftet sei.[30]
Am 5.8.1946, also nach einjähriger Internierung, meldete sich Adolf Vogel bei Heinrich Schröder zurück in Hamburg. Er organisierte gewichtige Leumundszeugnisse für sich und schaffte es, dass der Entnazifizierungsausschuss unter Leitung von Johann Helbig am 3.12.1946 keine Einwände gegen die Wiedereinstellung von Adolf Vogel als Studienrat äußerte.[31]
In der Begründung wurde festgestellt, dass die formale Belastung von Adolf Vogel insignifikant sei, der entscheidende Punkt sei seine Teilnahme im Stab Rosenbergs. Aber auch da stellte der Ausschuss fest, dass in Brüssel unter politischen Gesichtspunkten nur unwichtige Dinge stattfanden, „in a purely scientific way“.[32]
Adolf Vogel hatte seine Tätigkeit erfolgreich verharmlost und der Entnazifizierungsausschuss verfügte Ende 1946 kaum über die Möglichkeiten, Recherchen anzustellen, um das Gegenteil zu belegen. Hinzu kam, dass Vogel Leumundszeugnisse „by well-known antifascists“ vorlegen konnte.[33]
Dr. Georg Jäger, der von sich schrieb, nie Mitglied in der NSDAP gewesen zu sein, kannte Adolf Vogel seit 1934 aus dem Kollegium der Oberschule für Jungen in Eimsbüttel. „Die Opposition gegen den Nationalsozialismus , was uns gemeinsam war, brachte uns zusammen“, erklärte er. Sie hätten sich gemeinsam für einen undogmatischen Sozialismus und demokratische Erziehung sowie persönliche Verantwortlichkeit eingesetzt. Und: „Die Arbeit in Belgien hat nichts an seinen fundamentalen Ideen verändert.“[34]
Besonderes Gewicht hatte sicherlich auch das Leumundsschreiben von Dr. Alexander Strempel, den ich eher kritischer sehe und der in diesem Band auch porträtiert wird. Strempel war ein führender Vertreter der niederdeutschen Sprache, NSDAP-Mitglied seit 1937, in den Kriegsjahren mit der Leitung der Oberrealschule für Jungen am Kaiser-Friedrich-Ufer betraut und nach 1945 dort als Oberstudiendirektor eingesetzt, worüber man sich schon wundern kann. Strempel kannte Vogel seit dessen Vorbereitungsdienst an der Schule, seit 1923. Er schrieb über Vogel, dass dieser „zu einer Gruppe von Pazifisten und politisch linksorientierten Personen gehörte“, zu der Strempel auch Dr. Hans Muchow zählte, den Freund aus Brüsseler Gemeinsamkeit. Außerdem bemerkte Strempel, dass vermutet wurde, Vogel wäre Mitglied der SPD gewesen. Das stimme zwar nicht, aber würde mit seiner Art als Lehrer korrespondieren und seiner Mitarbeit an der Arbeit des Genitivvereins, wie er die Gesellschaft der Freunde nannte und seinen Positionen, die er in den Konferenzen bezog.[35]
Wie subjektiv solche Aussagen waren, zeigt auch die Behauptung einer weiteren Person, die sich für Adolf Vogel einsetzte, nämlich Dr. Walter Vontin, der berichtete, Vogel hätte dem linken Flügel des Hamburger Philologenvereins angehört.[36]
Ein Blick in das Hamburgische Lehrerverzeichnis des Schuljahres 1932–1933 zeigt, dass Vogel wohl tatsächlich zu diesem Zeitpunkt Mitglied der Gesellschaft der Freunde gewesen war.[37]
Strempel behauptete außerdem, dass Adolf Vogel sich entschieden gegen Nationalsozialismus fühlte („felt decidedly against nationalsocialism“). Dies sei auch dem Direktor Dr. Dätz bekannt gewesen, was keine Probleme gemacht habe, da Dätz ein „toleranter Mann“ gewesen sei.[38] Auch da habe ich eine andere Sicht, wie man der Biografie von Ernst Dätz entnehmen kann, die ich im Band 2 der Täterprofile geschrieben habe.[39]
Alexander Strempel äußerte sich auch über Vogels Tätigkeit beim Einsatzstab Rosenberg, wo dieser, laut Strempel, „viele Skrupel hatte“. „Wir Kollegen versuchten ihn zu trösten, in dem wir feststellten, dass er wahrscheinlich kein guter Soldat sein würde und dass er zu leiden haben würde aufgrund seiner physischen Konstitution, während er in Belgien mehr für seine zukünftige Art zu unterrichten und seine historischen Studien profitieren würde. Später fragten wir uns, ob seine Tätigkeit ihn zu einem Nationalsozialisten machen würde; weil es bekannt war, that his associate Muchow had advanced out of turn.“ Strempel schrieb auch, „dass Dr. Vogel in einer solchen Umgebung ein Sklave der Partei hätte werden können. Nichts davon passierte. Wenn Dr. Vogel zurückkam, war er immer ganz unverändert. Unter Freunden stellte er fest, dass er eine Menge für seine Studien gelernt habe“.[40]
Aus meiner Sicht eine wenig überzeugende Stellungnahme, geradezu grotesk, sieht man auf das, was im Einsatzstab Rosenberg tatsächlich getan wurde. Offenbar sahen die Entnazifizierungsausschüsse dies anders, Vogel wurde zum 17.1.1947 wieder in den Schuldienst aufgenommen und der Heinrich Hertz-Schule zugeordnet, mit einigen Stunden auch an der Abend-Oberschule.[41]
Adolf Vogel, der seit dem 2.7.1931 mit Luise Jacobs verheiratet war und mit ihr drei noch relativ junge Kinder hatte (geboren 1936, 1939 und 1942)[42], wurde schon am 14.5.1949 an das Pädagogische Institut abgeordnet, parallel zu Prof. Alfred Kleeberg, der in diesem Band auch porträtiert wird. Schon nach zwei Jahren erhielt Adolf Vogel die Beförderung zum Oberstudienrat und gleichzeitig die Beauftragung der Leitung des Studienseminars. In dem Ernennungsvorschlag vom 17.12.1951 lautete die Begründung:
„Seiner Fähigkeit pädagogischer und psychologischer Führung kommt eine umfassende Kenntnis pädagogischer, psychologischer und fachwissenschaftlicher Gebiete zu Hilfe. Die bildungstheoretische und praktische Zielsetzung in seiner Arbeit kommt aus sicherer Mitte. Er findet den Weg zu seinen Referendaren von einer Haltung, die immer das Menschliche zuerst sieht. Neben seiner Arbeit im Rahmen des Seminars betreut er seine Referendare auch in privaten Zusammenkünften. In persönlicher Beratung steht er ihnen jederzeit zur Verfügung.“[43]
Als Studienseminarleiter in der Ausbildung nahm Adolf Vogel an diversen Exkursionen und Seminaren in England, Frankreich und Dänemark teil. Bis 1961 mussten die jeweiligen Senatoren stets bestätigen, dass für ihn, der mittlerweile Oberstudiendirektor am Staatlichen Studienseminar war und der jeweils zwischen 60 und 70 Studienreferendare für das Lehramt an Gymnasien ausbildete und deren Prüfung abnahm, in den Räumen des Studienseminars keine Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung standen und er somit unbedingt ein Arbeitszimmer zu Hause benötigte sowie ein dortiges Telefon, das von der Schulbehörde als Möglichkeit für Dienstgespräche anerkannt und somit die Kosten erstattet wurden.[44]
Auch wenn die Arbeitsbedingungen nicht optimal waren, hatte Adolf Vogel einen bemerkenswerten Karriereweg eingeschlagen, nachdem er wieder in den Hamburger Schuldienst eingestellt worden war.
Seine Pensionierung wurde um ein Jahr hinausgeschoben, am 22.8.1966 trat er dann in den Ruhestand.[45]
Uwe Schmidt, der am Pädagogischen Institut der Universität Hamburg bei Alfred Kleeberg studiert hatte und bei Hauptseminarleiter Adolf Vogel in den fünfziger Jahren ausgebildet worden war, berichtete von einem von ihm miterlebten Klassengespräch 1948 in Vogels zehnter Klasse unter der Fragestellung: „Wie konnte es zu solchen Unmenschlichkeiten kommen?“ Es ging dabei darum, einer Anregung der Schulbehörde zu folgen und in geeigneter Form den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken. Schmidt schrieb über Vogels Unterricht:
„Nicht jedes äußerliche Bekenntnis, so notierte er (Vogel) als Gesprächsergebnis, beweist den inneren Menschen. Darum richte sich an jeden von uns die Aufforderung: Erkenne Dich selbst! In jedem von uns stecke die Neigung zum Bösen.“[46]
Bemerkenswert in Kenntnis der persönlichen Geschichte Adolf Vogels in der Zeit von 1940 bis 1945. Aber wer hat das schon gewusst?
Adolf Vogel starb am 19.4.1986.[47]
Text: Hans-Peter de Lorent

Anmerkungen
1 Es gibt zahlreiche Literatur zu diesem Thema. Siehe etwa: Peter M. Manasse: Verschleppte Archive und Bibliotheken. Die Tätigkeit des Einsatzstabes Rosenberg während des Zweiten Weltkrieges, St. Ingbert 1997; Jakob Kurz: Kunst raub in Europa 1938–1945, Hamburg 1989.
2 Entnazifizierungsakte Vogel, StA HH, 221-11_Ed 15885
3 Personalakte Adolf Vogel, StA HH, 361-3_A 2217
4 Ebd.
5 Uwe Schmidt: Aktiv für das Gymnasium. Hamburgs Gymnasien und die Berufsvertretung ihrer Lehrerinnen und Lehrer von 1870 bis heute. Hamburg 1999, S. 175.
6 Personalakte a. a. O.
7 Ebd.
8 Entnazifizierungsakte a. a. O.
9 Personalakte a. a. O.
10 „Schedule“, Anlage zu seinem Entnazifizierungsfragebogen, Entnazifizierungsakte a. a. O.
11 Ebd.
12 Ebd. Die Erklärung Vogels ist von mir aus dem Englischen wörtlich übersetzt worden.
13 Ebd.
14 Willem de Vries: Kunst raub im Westen 1940–1945, Frankfurt am Main 2000.
15 de Vries 2000, S. 239.
16 de Vries 2000, S. 13.
17 de Vries 2000, S. 35.
18 de Vries 2000, S. 236.
19 de Vries 2000, S. 236 f.
20 de Vries 2000, S. 237.
21 Ebd.
22 Ebd.
23 de Vries 2000, S. 241.
24 Ebd.
25 de Vries 2000, S. 243.
26 de Vries 2000, S. 249.
27 de Vries 2000, S. 250.
28 „Schedule“, Entnazifizierungsakte a. a. O.
29 de Vries 2000, S. 8 f.
30 Personalakte a. a. O.
31 Entscheidung vom 3.12.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
32 Ebd.
33 Ebd.
34 Schreiben vom 4.9.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
35 Schreiben von Alexander Strempel vom 1.9.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O. Siehe auch die Biografie Strempel in diesem Band.
36 Schreiben vom 2.9.1946, Entnazifizierungsakte a. a. O.
37 Hamburgisches Lehrerverzeichnis des Schuljahres 1932–1933, herausgegeben von der Gesellschaft der Freunde. In diesem Lehrerverzeichnis sind alle Mitglieder der Gesellschaft der Freunde mit einem Sternchen kenntlich gemacht.
38 Schreiben von Alexander Strempel, a. a. O.
39 Biografie Ernst Dätz, in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 2, Hamburg 2017, S. 587.
40 Schreiben von Alexander Strempel, a. a. O.
41 Personalakte a. a. O.
42 Personalakte a. a. O.
43 Ernennungsvorschlag vom 17.12.1951, Personalakte a. a. O.
44 So ein Schreiben von Senator Landahl vom 24.11.1961, Personalakte a. a. O.
45 Personalakte a. a. O.
46 Uwe Schmidt 1999, S. 429.
47 Personalakte a. a. O.
 

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Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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