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Friedrich Bergius

(11.10.1884 Goldschmieden – 29.3.1949 Buenos Aires)
Chemiker, Unternehmer
(wohnte und wirkte nicht in Hamburg)
Namensgeber für Bergiusstraße , Ottensen (1950)

Als Sohn eines Fabrikanten wurde Friedrich Bergius 1884 in Goldschmieden bei Breslau geboren.[1] Nachdem er 1903 das Realgymnasium in Breslau abgeschlossen hatte, arbeitete er in einem Hütten werk in Mülheim an der Ruhr. Von 1903 bis 1907 studierte er Chemie an den Universitäten in Breslau und Leipzig, wo er 1907 mit einer Arbeit über Schwefelsäure promoviert wurde. In den folgenden Jahren arbeitete er wissenschaftlich an Instituten in Berlin, Karlsruhe und Hannover, 1912 folgte die Habilitation.[2]
1913 gab Bergius die Lehrtätigkeit als Privatdozent auf und setzte seine Forschung en jenseits der Universität fort. Im selben Jahr meldete er ein Patent auf seine Entdeckung eines Verfahrens zur Kohleverflüssigung an. Als Leiter der Forschung slaboratorien trat er 1914 in die Th. Goldschmidt AG in Essen ein, zwei Jahre später wurde eine große Versuchsstation zur industriellen Umsetzung der Kohleverflüssigung in Mannheim-Rheinau eingerichtet. 1916 wurde Bergius auch stellvertretendes Vorstandsmitglied der Firma. Im Juli 1918 wechselte Bergius als Generaldirektor zur EVAG (Erdöl- und Kohleverwertung AG) – eine Position, die er bis 1924 ausübte. 1920 wurde er Generaldirektor des neu gebildeten Konsortiums Deutsche Bergin AG für Kohle und Erdölchemie in Heidelberg, wo er in den folgenden Jahren auch lebte. Bergius wurde Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Gesellschaften, darunter auch der Deutschen Akademie zur wissenschaftlichen Erforschung und zur Pflege des Deutschtums in München. Mitte der 1920er Jahre verkaufte er seine Patente zur Kohleverflüssigung für rund 1 Million RM an die IG Farben, die das „Bergius-Verfahren“ weiterentwickelte und in den Leuna-Werken mit der industriellen Umwandlung von Kohle in Benzin begann.[3]
Parallel zur praktischen Umsetzung seines Verfahrens zur Kohleverflüssigung hatte Bergius zur Umwandlung von Holz in Kohlehydratefuttermittel geforscht. 1927 richtete er eine entsprechende Versuchsanlage ein, ein Jahr später wurde er Vorsitzender des Aufsichtsrats der Holzhydrolyse AG. In der Wirtschaftskrise geriet das Unternehmen jedoch in finanzielle Schwierigkeiten. 1931 erhielt Bergius zusammen mit Carl Bosch (IG Farben) den Nobelpreis für Chemie. Im selben Jahr wurde er zum Ehrendoktor der Universität Hannover ernannt – ein Titel, dem ihm 1927 bereits die Universität Heidelberg verliehen hatte.[4]
Mitglied der NSDAP wurde Friedrich Bergius nicht, zumindest findet sich in der NSDAP-Mitgliederkartei kein Hinweis darauf.[5] Er trat jedoch öffentlich für das neue Regime ein. Vor der Volksabstimmung über die Zusammenlegung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten am 19. August 1934 warb Bergius in der Öffentlichkeit für ein „Ja“ und ließ sich in der NS-Presse mit der Erklärung zitieren, die „moralischen und geistigen Kräfte“ des deutschen Volkes könnten „nur zur Auswirkung kommen unter der einheitlichen starken Führung durch einen Mann, an den jeder glaubt: Adolf Hitler“.[6] In Vorträgen, u.a. bei der vom NSDAP-Gau Hamburg (Amt für Technik) veranstalteten „Gautagung der Techniker“ im Oktober 1937, stellte Bergius seine Erfindung der Kohleverflüssigung in den Kontext nationalsozialistischer Autarkiepolitik. Sie sichere die nationale Rohstoffversorgung auch im Falle einer ausländischen Blockade und mache das Deutsche Reich vom „Monopol der erdölreichen Länder“ unabhängig.[7]
Das NS-Regime nutzte und förderte Bergius´ Verfahren im Sinne ihrer Autarkiebestrebungen. Im Herbst 1934 konnte eine Holzhydrolyse-Anlage in Mannheim-Rheinau durch eine Reichsbürgschaft in Höhe von 2 Millionen RM ausgebaut werden.[8] Im April 1935 überreichte Bergius für die Deutsche Bergin AG Hermann Göring eine Marzipantorte, die unter Verwendung von Holzzucker hergestellt worden war.[9] Das Holzverzuckerungsverfahren wurde 1936 in den Vierjahresplan zur Rohstoffsicherung mit aufgenommen, so dass eine Fortführung der Arbeiten gesichert war. In diesem Zusammenhang übertrug Bergius allerdings seine Aktien an der Deutschen Bergin AG der Rentenbank-Kreditanstalt, die sich damit die Mehrheitsanteile am Unternehmen sicherte. Um 1938 saß er jedoch im Aufsichtsrat, und bis 1942 wirkte er als Generaldirektor der Deutschen Bergin AG.[10] Damit hatte er, so das Hamburger Abendblatt 1949, „entscheidenden Anteil an der Autarkieplanung des Reiches“.[11] In Heidelberg stellte ihm die NS-Regierung ein Laboratorium zur Verfügung, in dem er sich mit der Perfektionierung der Holzhydrolyse beschäftigen konnte. Im Zweiten Weltkrieg wurde Bergius´ Forschung sbetrieb in die „ Forschung s- und Verwertungs-GmbH“ der DAF eingegliedert.[12]
In der nationalsozialistisch gleichgeschalteten Presse wurde „der deutsche Chemiker“ Bergius mehrfach für seine Erfindungen gelobt, u.a. zu seinem 60. Geburtstag 1944. Die Rheinisch-Westfälische Nationalzeitung etwa lobte ihn unter dem Titel „Ein Deutscher gegen die Weltmacht Oel“ als Wegbereiter der wirtschaftlichen Unabhängigkeit Deutschlands, die Deutsche Allgemeine Zeitung nannte ihn einen „Blockadebrecher“.[13] 1943 veröffentlichte Edgar von Schmidt-Pauli eine Biographie Bergius´ mit dem bezeichnenden Untertitel „Ein deutscher Erfinder kämpft gegen die englische Blockade“, in der er Bergius´ Forschung en als „patriotische Taten in hohem Sinne“ würdigte.[14]
In den Jahren vor Kriegsbeginn war Bergius auch international ausgezeichnet worden. Im April 1934 verlieh ihm der Herzog von Kent in London die Melchett-Medaille für wissenschaftliche Leistungen.[15] 1937 wurde er zum Vizepräsidenten des internationalen Ausschusses für Ersatzbrennstoffe und zum Ehrenmitglied des Physikalischen Vereins in Frankfurt am Main ernannt.[16] Im Dezember 1937 erhielt er die Wilhelm-Ekner-Medaille vom Niederösterreichischen Gewerbeverein.[17]
Während des Krieges war Bergius laut der Nachkriegsaussage eines SS-Sturmbannführers einer von sechs Chemikern, die für das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) als Kontakt- und V-Leute im Bereich der Auslandsspionage tätig waren. Eine für ihn vorgesehene Kontaktaufnahme mit zwei Professoren in Schweden und geplante Spionagetätigkeiten kamen dieser Quelle zufolge jedoch nicht mehr zustande.[18] In der zweiten Jahreshälfte 1944 zog Bergius nach Österreich, nachdem seine Wohnung in Berlin durch Luftangriffe zerstört worden war.[19]
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchte Bergius sein Verfahren zur Holzverzuckerung als Lösung der Nahrungsmittelprobleme anzubieten und stieß damit bei der neuen Regierung Österreichs, wo die Ernährungslage der Bevölkerung sehr schlecht war, auf Interesse. Im August 1945 präsentierte Bergius in einer Denkschrift sein Konzept und war dabei gleichzeitig bemüht, sich als Geschädigter des Nationalsozialismus zu präsentieren. Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes widersprach dieser Darstellung gegenüber der österreichischen Regierung. Im Oktober 1945 erhielt Bergius die österreichische Staatsbürgerschaft, im November gründete er die „Dr. Friedrich Bergius Fabrikationsges.m.b.H.“ und beschäftigte schließlich über 40 Mitarbeiter an drei Standorten. Im Sommer 1946 wurden jedoch etliche seiner Mitarbeiter aufgrund von Wirtschaftsdelikten sowie ihrer NS-Vergangenheit verhaftet. In den österreichischen Medien war daraufhin von „Prof. Bergius und sein[em] Nazistab“ die Rede, und die Regierung beendete die Kooperation.[20]  Im Frühjahr 1947 verließ Bergius Österreich und wirkte in den folgenden Monaten international als Berater beim Wiederaufbau und der Modernisierung chemischer Werke, u.a. in der Schweiz, der Türkei und in Spanien.[21]  Im Herbst 1947 zog er schließlich nach Buenos Aires, wo er als Berater der argentinischen Regierung unter Perón bei der Strukturierung des Energiesektors und dem Aufbau einer eigenen chemischen Industrie tätig wurde. Er verstarb im März 1949 im Alter von 64 Jahren.[22]
Zu Ehren von Bergius wurde 1950 in Hamburg eine Straße nach ihm benannt. In Berlin erhielt 1958 eine neu eröffnete Realschule den Namen „Friedrich-Bergius-Oberschule“, und auch die Bergiusschule in Frankfurt am Main ist nach dem Chemiker benannt.[23]
Text: David Templin

Quellen:
1 Bei der folgenden biographischen Skizze handelt es sich um die leicht überarbeitete Fassung einer Kurzbiographie, die 2017 im Rahmen eines wissenschaftlichen Gutachtens für das Staatsarchiv Hamburg (StAHH) erstellt wurde. Das vollständige Gutachten ist einsehbar unter: www.hamburg.de/contentblob/13462796/1d4b36cbfb9adc7fca682e5662f5854d/data/abschlussbericht-ns-belastete-strassennamen.pdf (zuletzt aufgerufen am 14.4.2020).
2 Alexander Kipnis: Bergius, Friedrich, in: Badische Biographien, NF 5, 2005, S. 11-14; Harald Beck: Friedrich Bergius, ein Erfinder schicksal (Deutsches Museum. Abhandlungen und Berichte, 50. Jg., Heft 1), München/Düsseldorf 1982, S. 5f.
3 Kipnis, Bergius, S. 12f.; Anthony N. Stranges: Friedrich Bergius and the Rise of the German Synthetic Fuel Industry, in: Isis, 75 (1984), 4, S. 642-667; Peter Hayes: Industry and Ideology. IG Farben in the Nazi Era, Cambridge u.a. 1987 (2. Auflage 2001), S. 36f.
4 Kipnis, Bergius, S. 11, S. 13.
5 Kipnis, Bergius, S. 13, behauptet im Unterschied zu anderen Autoren eine NSDAP-Mitgliedschaft von Bergius, belegt dies jedoch nicht. In den erhaltenen Teilen der Mitgliederkartei existiert keine Karteikarte, vgl. Bundesarchiv (BArch), R 9361-VII / IX KARTEI.
6 Trommelfeuer auf die Unentschlossenen, in: Hamburger Anzeiger, 16.8.1934; Alle sagen Ja!, in: Hamburger Nachrichten, 16.8.1934, Morgen-Ausgabe. Dass Bergius sich gegenüber den Nationalsozialisten „distanziert“ verhielt, wie die Leibniz Universität Hannover auf ihrer Homepage behauptet, lässt sich insofern nicht halten; vgl. www.uni-hannover.de/de/universitaet/freunde-und-foerderer/alumni/geschichten/friedrich-bergius/ (zuletzt aufgerufen am 17.4.2020).
7 Erfinder sprechen vor den Technikern, in: Hamburger Anzeiger, 19.10.1937. Vgl. Sicherung der nationalen Rohstoffversorgung, in: Hamburger Nachrichten, 28.6.1934; Benzin und Oel aus Kohle, in: Hamburger Anzeiger, 22.10.1937; Der chemische Aufschluß des Holzes, in: Hamburger Nachrichten, 20.11.1938.
8 Beck, Friedrich Bergius, S. 31.
9 Kipnis, Bergius, S. 13.
10 Edgar von Schmidt-Pauli: Friedrich Bergius. Ein deutscher Erfinder kämpft gegen die englische Blockade, Berlin 1943, S. 134; Geschäftsbericht der Deutschen Bergin-Aktiengesellschaft für Holzhydrolyse Heidelberg für das 19. Geschäftsjahr, 1938, in: BArch, R 8127, 13511; Beck, Friedrich Bergius, S. 32; Revolutionär der Chemie, in: Hamburger Abendblatt, 2.4.1949, S. 7.
11 Ebd.
Beck, Friedrich Bergius, S. 33; Benzin aus Kohle – Nahrung aus Holz, in: Hamburger Zeitung, 10.10.1944, S. 3; Schmidt-Pauli, Friedrich Bergius, S. 134.
12 Ein Deutscher gegen die Weltmacht Oel, in: Rheinisch-Westfälische Nationalzeitung, 11.10.1944, in: BArch, NS 5/VI, 17528; Ein Blockadebrecher, in: Deutsche Allgemeine Zeitung, 11.10.1944, in: BArch, R 8034/III, 31.
13 Schmidt-Pauli, Friedrich Bergius, S. 148. Vgl. knapp zehn Jahre zuvor Bergius´ Würdigung im Buch von Franz Maria Feldhaus: Männer deutscher Tat, München [ca. 1934], S. 401-404, und das Geleitwort von Bergius selbst.
14 Bunte Chronik, in: Hamburger Anzeiger, 28./29.4.1934.
15 Ehrenvolle Berufung für Professor Bergius, in: Kölnische Zeitung, 16.9.1937, in: BArch, NS 5/VI, 17528; Schmidt-Pauli, Friedrich Bergius, S. 77.
16 Wilhelm-Ekner-Medaille überreicht, in: Altonaer Nachrichten, 20.12.1937.
18 Helmut Maier: Chemiker im „Dritten Reich“. Die Deutsche Chemische Gesellschaft und der Verein Deutscher Chemiker im NS-Herrschaftsapparat, Weinheim 2015, S. 519.
19 Beck, Friedrich Bergius, S. 34; Hildegard Hemetsberger-Koller: Unternehmen Bergius „Nahrung aus Holz“. Prestigeprojekt der Hungerjahre 1945/46, in: Zeitgeschichte, 26 (1999), 2, S. 108-126, hier S. 111.
20 Ebd., Zitat: S. 118.
21 Ebd., S. 120; Beck, Friedrich Bergius, S. 34.
22 Ebd.; Hemetsberger-Koller, Unternehmen Bergius, S. 124; Revolutionär der Chemie, in: Hamburger Abendblatt, 2.4.1949, S. 7.
23 Rita Bake: Ein Gedächtnis der Stadt. Nach Frauen und Männern benannte Straßen, Plätze, Brücken in Hamburg. Band 1: Überblick und Analyse, hg. von der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2015, S. 178; www.friedrich-bergius-schule.de/FBS/Geschichte/Gebaeude/kurzgeschichte.html (zuletzt abgerufen am 22.4.2020); Beck, Friedrich Bergius, S. 36.
 

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Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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