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Heinrich Reincke

(21.4. 1881 Hamburg – 3.11.1960 Hamburg)
Historiker, Direktor des Hamburger Staatsarchives
Moorreye 58 (Privatadresse)
Reinckeweg , Hummelsbüttel, benannt 1975 nach Dr. Julius Reincke (1842-1906), Physiker und nach seinem Sohn Prof. Dr. Heinrich Reincke (1881-1960), Direktor des Staatsarchives in Hamburg.

Heinrich Reincke: Promotion 1906, ab 1909 im Staatsarchiv Hamburg tätig, ab 1933 Direktor des Staatsarchivs. Joist Grolle schreibt über Heinrich Reincke in der Hamburgischen Biografie: „ Reinckes wissenschaftliches Verdienst ist überschattet durch kritiklose Gefolgschaftstreue während der NS-Zeit. Bereits im Jahre 1933 erschien seine Hamburg-Geschichte [zuerst erschienen 1925] in einer überarbeiteten Ausgabe, die durchgehend an den Geist der neuen Machthaber angepasst war.“ 1) Und Jürgen Sielemann veröffentlicht dazu: „Nach 1945 hätte Reincke das Buch beinahe erneut umgeschrieben, um es mit den geänderten Zeitverhältnissen in Einklang zu bringen. Diese Haltung entsprach einer Auffassung, die er 1942 in einem Schreiben an Gauamtsleiter Rodde vom Reichspropagandaamt Hamburg wie folgt formuliert hatte: ‚Geschichte ist stets Vergegenwärtigung, also Zusammenführung von Vergangenheit und Gegenwart. Es gibt keine zeitlose Geschichte, jeder Historiker ist seiner Zeit verfallen, und das soll er auch ehrlich bekennen. Auf dieser Basis werden sich echte ernste Propaganda und lebensvolle Geschichtsforschung stets zusammenfinden.‘

‚Jeder Historiker ist seiner Zeit verfallen“ – diese Feststellung bedeutet für Reincke offenbar einen Freibrief für die schnelle Anpassung von Geschichtsforschern an die jeweils herrschende politische Situation.“ [2]

Heinrich Reincke gehörte seit 1937 der NSDAP an. „Bei offiziellen Anlässen war er ein dem Regime ergebener Festredner. Während des Krieges stellte er seine Feder als Historiker vorbehaltlos in den Dienst der Eroberungspolitik Hitlers. Im Dezember 1945 wurde Reincke von der britischen Militär regierung als Archivdirektor amtsenthoben, im September 1946 jedoch wieder eingesetzt. Mit Erreichen der Altersgrenze trat er im Januar 1948 in den Ruhestand. (…) Zu Reinckes 75. Geburtstag verlieh ihm die Philosophische Fakultät der Universität Hamburg die Ehrendoktorwürde, der Verein für Hamburgische Geschichte die Lappenberg-Medaille in Gold.“ [3]

Jürgen Sielemann schreibt über Reincke und seinen Mitarbeiter Hans Kellinghusen weiter: „Wie sehr Kellinghusen und Reincke vom nationalsozialistischen Rassenwahn erfüllt waren und wie stark sie ihn unterstützten, offenbaren der Vernichtung entgangene Dokumente aus der damaligen Geschäftsaktenregistratur des Staatsarchivs Hamburg. Sie zeigen, wie beide Beamten verfuhren, wenn bei den Nachforschungen ‚nichtarische‘ Vorfahren festgestellt wurden. In solchen Fällen informierten sie ohne Wissen der betroffenen Antragsteller deren Arbeitgeber und Parteidienststellen. Über diese Eigeninitiative berichtete Kellinghusen der Berliner Gauleitung im Dezember 1937 das Folgende: ‚Im Staatsarchiv wird schon seit 1933, sobald eine artfremde oder jüdische Abstammung festgestellt wird, den in Frage kommenden Dienststellen des Staates oder der Partei Mitteilung gemacht. Zu diesem Zwecke wird bei mündlichen Anfragen regelmäßig die Frage gestellt, welcher Stelle der Abstammungsnachweis zu erbringen ist. [...] Wir sind gern bereit, [...] darüber hinaus in jedem Falle, wenn der Antragsteller in Berlin wohnhaft ist und artfremder oder jüdischer Einschlag festgestellt wird, dem Gaupersonalamt Mitteilung zu machen.‘ Die gleichen Angebote offerierten Reincke und Kellinghusen auch anderen Gauleitungen und dienten ihnen ebenso als emsige Denunzianten. Durchschriften ihrer Auskünfte erhielt das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS.

Vielfältige Beziehungen bestanden zum Sachverständigen für Rasseforschung beim Reichsministerium des Innern und zu Dr. Wilhelm Holzmann, dem fanatischen Leiter des Hamburger Amts für Rasseforschung. (…)

Wie viele Menschen durch Kellinghusens und Reinckes Denunziationen geschädigt wurden, lässt sich nicht beziffern. Nur ein Teil ihrer damaligen Tätigkeit ist dokumentiert. Doch zeigen die erhaltenen Dokumente in aller Deutlichkeit, dass beide nicht als ohnmächtige Erfüllungsgehilfen agierten, sondern starken Ehrgeiz bei der Aufspürung von ‚nichtarischen‘ Vorfahren entwickelten. Als willige Diener des nationalsozialistischen Rassenwahns taten sie alles, was zur Ermittlung von ‚Nichtariern‘ in ihrer Macht stand.“ [4]

Quellen:
1 Joist Grolle: Heinrich Reincke. In: Franklin Kopitzsch, Dirk Brietzke (Hrsg.): Hamburgische Biografie. Personenlexikon., Bd. 1. Hamburg 2001, S. 249.
2 Jürgen Sielemann: Das Staatsarchiv Hamburg und die Personenforschung in der NS-Zeit, aus: Aus erster Quelle Beiträge zum 300-jährigen Jubiläum des Staatsarchivs der Freien und Hansestadt Hamburg. Herausgegeben von Joachim W. Frank und Thomas Brakmann (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg, 22). Hamburg University Press, 2013, S. 97.
3 Joist Grolle, a. a. O., S. 249.
4 Jürgen Sielemann: Die personenkundliche Abteilung des Staatsarchivs Hamburg im NS-Staat und in der Nachkriegszeit Von der Judenverfolgung zur „Wiedergutmachung“, in: Wie mächtig sind Archive? Perspektiven der Archivwissenschaft. (Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein Band 104). Herausgegeben von Rainer Hering und Dietmar Schenk, S. 141–163. Hamburg University Press Verlag der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky 2013; S. 147ff.
 

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Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand August 2021: 880 Kurzprofile und 279 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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