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  • Suchbegriff:  Adel

Adelheid Barrelet

(30.12.1898 Hamburg – 19.9.1978)
Leiterin des Fröbelseminars, nach 1945 Lehrerin an der Gewerbe- und Hauswirtschaftsschule Harburg
Woldsenweg 6 (Wohnadresse, 1939)

Dr. Hans-Peter de Lorent hat das Portrait über Adel heid Barrelt verfasst und in seinem Buch „Täterprofile Band 2“ veröffentlicht.

Wie ihre Schwester Sophie, galt Adel heid Barrelet als eine der wenigen überzeugten Nationalsozialistinnen, die während der NS-Zeit in Hamburg sowohl im NSLB als auch im Schulwesen eine exponierte Stellung einnahm. Verwunderlich war dies aufgrund der Herkunft der beiden, deren Großväter Pastoren waren und deren Eltern französisch-schweizerische Herkunft hatten bzw. in London geboren waren. Im Unterschied zu Sophie, die eine starke intellektuelle Begabung hatte und sich in der Lehrerausbildung und im Sport unterricht insbesondere den Mädchen widmete, war Adel heid Barrelet im Erzieherinnenbereich tätig, organisierte diese Berufsgruppe im NSLB und hatte offenbar eher eine praktische, soziale Ader. Adel heid Barrelet wurde 1933 zur Leiterin des Fröbelseminars berufen und erreichte später sehr viel schneller die Entnazifizierung als ihre Schwester Sophie Barrelet.

Adel heid Barrelet wurde am 30.12.1898 in Hamburg geboren. Sie war die Tochter des Kaufmann s Edouard Barrelet und seiner Frau Mary Adel aide, geb. Walbaum. Ihre Herkunft ließ die spätere Hinwendung zum Nationalsozialismus nicht unbedingt erwarten. Ihr Vater entstammte einer französisch-schweizerischen Familie. Der Großvater und andere Familienmitglieder wirkten lange als Pastoren der Französischen Kirche , eng verbunden mit der Hugenotten-Gemeinde in Hamburg. So war Adel heid Barrelet von Kindheit auf mit der französischen Sprache vertraut. Bei den zahlreichen Familienbesuchen in der Schweiz wurde stets Französisch gesprochen.

Auch mit dem Englischen waren die Kinder Barrelet aufgewachsen. Mit ihrer Mutter, die in London geboren wurde und lange dort gelebt hatte, sprachen sie stets Englisch. Großvater und Urgroßvater mütterlicherseits waren deutsche Hofprediger am englischen Hof gewesen. Adel heid Barrelet hatte neben Sophie noch zwei weitere Geschwister.1

Adel heid Barrelet besuchte das private Lyzeum von Frau M. Mittel von 1905 bis 1915 und absolvierte danach eine Kindergärtnerinnenausbildung, die sie am 13.3.1917 abschloss. Anschließend arbeitete sie zunächst als Praktikantin und Gehilfin, später als Leiterin in verschiedenen Tagesheimen und Horten. Nachdem sie am 5.3.1930 eine Jugendleiterrinnenprüfung abgelegt hatte, übertrug man ihr zum 1.4.1930 die Leitung des Kindertagesheims Barmbek. In ihren Zeugnissen wurde stets das soziale Engagement von Adel heid Barrelet besonders betont und gewürdigt. „Frau Barrelet hatte sich durch ihre mütterliche Wärme, ihr großes soziales Verständnis, ihre völlige Hingabe an den Dienst am Anderen und ihr großes pädagogisches Können, die Liebe und Anhänglichkeit der Kinder und ihrer Eltern, der Schülerinnen und der Mitarbeiterinnen in so starkem Maße erworben, daß ihr Fortgehen eine Lücke hinterlässt, die schwer auszufüllen ist“, wurde in ihr Zeugnis geschrieben, als sie 1932 an das staatliche Fröbelseminar wechselte.2

Für das Fröbelseminar war Adel heid Barrelet von dessen Leiterin, Konradine Lück angeworben worden. Zwischen beiden bestand offenbar ein langjähriger Kontakt. Als am Fröbelseminar eine Stelle frei geworden war, beantragte Konradine Lück im März 1932 bei Oberschulrätin Emmy Beckmann, Adel heid Barrelet einzustellen. Ihre Begründung: „Frau Barrelet hat seit Jahren unsere Schülerinnen in der Praxis angeleitet, sowohl die der Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnen-Seminare als auch den Jugendleiterrinnen-Kursus und besitzt ein besonderes Geschick in der Behandlung und Unterweisung junger Menschen. Ihre unterrichtlichen Fähigkeiten hat sie während des Ausbildungsjahres am hiesigen Jugendleiterinnen-Seminar bewiesen. Sie hat damals einige Zeit an der Berufsschule Schrammsweg unterrichtet, die mit ihren Leistungen außerordentlich zufrieden war. Da sie sehr intelligent und wissenschaftlich sehr interessiert und gut vorgebildet ist, würde sie unseres Erachtens ein sehr wertvolles Mitglied unseres Seminars werden.“3 Aus dem Zeugnis in ihrer Personalakte geht hervor, dass Adel heid Barrelet die Prüfung als Jugendleiterin bei Konradine Lück absolviert und am 15.3.1930 bestanden hatte.4

Adel heid Barrelet trat zum 1.5.1932 eine Jugendleiterin-Stelle am Staatlichen Fröbelseminar an. Ein Jahr später, als die Nationalsozialisten die Personalpolitik in den Hamburger Schulen bestimmten, wurde Adel heid Barrelet zur Leiterin des Fröbelseminars bestimmt, Konradine Lück zu ihrer Stellvertreterin.5 Konradine Lück arbeitete in dieser Funktion noch bis zu ihrer Pensionierung am 1.4.1935, ­50-jährig.6 Überraschenderweise meldete sie sich noch einmal am 29.9.1945 zu Wort, als Adel heid Barrelet entlassen worden war und sich um ihre Entnazifizierung bemühte. Lück schrieb: „Fräulein Adel heid Barrelet ist mir aus der Zeit vor 1933 als meine Schülerin in der Ausbildungszeit und später als Leiterin des Heimes am Jacob Moresweg bekannt. Sie fiel im Jugendleiterinnen-Kursus auf durch besondere Begabung für pädagogische und soziale Arbeit und große Hingabebereitschaft für ihren Beruf. Sie hatte starke religiös-kirchliche Bindungen und stand in regsten Beziehungen zur Anschargemeinde, der sie angehört. Sie hat dann im Jacob Moresweg unter den schwierigsten Verhältnissen eine ausgezeichnete soziale und pädagogische Arbeit aufgebaut – ohne den geringsten politischen Einschlag. Auch tat sie ihre Arbeit mit unermüdlicher Hingabe an allen, die der Hilfe bedurften, ganz gleich, welcher politischen Partei sie angehörten.“7 Es scheint zwischen beiden Frauen eine gute, einvernehmliche Beziehung bestanden zu haben. Dass sich dies später ganz anders darstellte, werde ich am Ende noch genauer beschreiben.

Am 1.5.1933 war Adel heid Barrelet in die NSDAP eingetreten, zum selben Zeitpunkt auch in den NSLB und in die NS-Frauenschaft.8 Im NSLB übernahm sie die Leitung für die Gaufachgruppe Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen. Für diese war sie rührig aktiv, wie ein Blick in die Veranstaltungshinweise vieler HLZs unterm Hakenkreuz belegt. Dabei vermischte Adel heid Barrelet mitunter NSLB-Aktivitäten und ihre berufliche Funktion. Für Veranstaltungen der von ihr geleiteten NSLB-Fachgruppe gab sie als Anmeldestelle stets das staatliche Fröbel-Seminar an.9

Anders als ihre Schwester Sophie war Adel heid Barrelet nicht die Ideologin, die durch Aufsätze in der HLZ auffiel, sie war die Organisatorin, die Veranstaltungen plante und durchführte, auf denen nationalsozialistische Themen behandelt wurden. So etwa am 7.1.1936 zum Thema: „Die Gestaltung des Lebens im Kindergarten und Tagesheim nach den Forderungen des Nationalsozialismus “ („Hans Schemms Forderung: Die Kraftquelle im Kinde muss offen gehalten werden.“). Adel heid Barrelet schrieb dazu: „Die große Umgestaltung des deutschen Volkes geht uns alle wesentlich an, nicht weil unsere Zusammenarbeit mit HJ, NSV, NSF usw. erwartet und verlangt wird, sondern weil die schöpferischen und gestaltenden Kräfte des Nationalsozialismus zu ihrer Verwirklichung der Erziehung des Volkes, der Eltern und Kinder bedürfen. – Aus dieser Erkenntnis, aus Verantwortungsbewußtsein, erwächst die Verpflichtung zu tätigster Mitarbeit!“10

Für ihre Fachgruppe organisierte sie einen Abend zum Thema: „Die Rassenfrage des Nationalsozialismus “.11 Oder auch schlicht: „Die Aufgaben der Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Jugendleiterinnen im Dritten Reich.“ Dabei fungierte sie selbst als Rednerin.12

Es waren ideologische Themen und keine berufsspezifischen Fortbildungen. Wie etwa: „Bevölkerungspolitik“, „Vererbung und Erziehung“, „Erbgesundheitspflege“. Als Referent war der Parteigenosse Dr. August Hagemann vorgesehen, für Rassenkunde in der Lehrerfortbildung und im NSLB zuständig.13 Adel heid Barrelet setzte sich darüber hinaus auch für die Arbeitsplatzinteressen ihrer Kolleginnen ein. In der HLZ schrieb sie:

„Das Deutsche Frauenwerk, Abteilung Mütterdienst, beabsichtigt Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen, soweit sie weltanschaulich zuverlässig sind, und das Alter von über 25 Jahren haben, als hauptamtliche Lehrkräfte einzustellen. Zunächst sollen die stellenlosen Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen bedacht werden. Die in Frage kommenden Berufskameraden sollen sich Kenntnisse in Kurzschrift und Maschinenschreiben aneignen. – Wir sind durch diese Maßnahme des Reichsmütterdienstes in der Sicherstellung der Berufsarbeit auch der alten Berufskameraden einen guten Schritt weitergekommen. In Zukunft wird die junge Kindergärtnerin, Hortnerin und Jugendleiterin, solange sie die Arbeit leisten kann, in der Erziehungsarbeit am Kinde stehen, die ältere Berufskameradin wird, soweit sie weltanschaulich zuverlässig ist, ihre Berufserfahrungen in der Schulung der Mütter einsetzen können.“14

Adel heid Barrelet verfasste auch Berichte von Tagungen, an denen sie teilgenommen hatte. Darin zeigte sie, dass sie zu jeder Zeit eine überzeugte Nationalsozialistin war: „Der NSLB ist Kampforganisation und muß es bleiben. Die Erzieherin hat in ihm große Aufgaben. Es ist aber notwendig, daß sie, soweit sie nicht durch die Arbeit im NSLB voll in Anspruch genommen ist, sich zur Mitarbeit in den Gliederungen der Partei zur Verfügung stellt, nur so kann die Zusammenarbeit aller weiblichen Kräfte in unserem Volke gewährleistet werden.“15

Wie ihre Schwester Sophie, liebte auch Adel heid das Gemeinschaftserlebnis nach Tagungen und Lehrgängen: „Wir alle haben durch Handschlag gelobt, daß wir unsere Arbeit in den Gauen in treuer Gefolgschaft leisten werden. Dieses Gelöbnis schwang sich auf im sieghaften Gruß an den Führer. – Der Lehrgang klang aus in einem frohen, harmonischen Kameradschaftsabend, der uns alle zusammenschloß, bis die ersten Kameraden mit dem Nachtzug Bayreuth verlassen mußten. Wir alle haben in diesen Tagen der Arbeit und der Kameradschaft große innere Bereicherung erfahren. Wir scheiden aus diesem Lager voll tiefen, ehrlichen Dankes mit der heiligen Verpflichtung, auf unserem Arbeitsplatz mit den uns gegebenen Kräften treu und tapfer unsere Pflicht zu tun im Dienste an Führer und Volk.“16

Adel heid Barrelet war häufig unterwegs und bekam dafür Dienstbefreiung vom Fröbelseminar. Etwa zur Reichstagung der Erzieherinnen und zur Gautagung der ostpreußischen Erzieherschaft in Königsberg vom 27. bis 30. Mai 1937, wo sie über die Berufsausbildung der Kindergärtnerinnen referierte.17 Bei einer ähnlichen Zusammenkunft des NSLB in Bayreuth vom 22. bis zum 27. Februar 1937, oder für die Erarbeitung einheitlicher Vorschriften für die Ausbildung der Kindergärtnerinnen, für die das Reichsministerium sie als Leiterin einer Arbeitsgruppe nach Berlin einlud.18 Adel heid Barrelet scheute keine Arbeit und keine Wege. 1935 teilte sie der Landesunterrichtsbehörde mit, dass die meisten Kolleginnen ihrer Schule in den Sommerferien an einem Schulungslager teilnehmen würden, sie ebenso, bei einer Wanderung durch Ostpreußen, so dass sie eine Vertretung und eine Ansprechpartnerin benennen musste.19

Interessant am Rande ist, dass auch im Nationalsozialismus der politische Wille bei Beförderungen nicht ohne weiteres beamten- und laufbahnrechtliche Bestimmungen zur Seite schieben konnte. Adel heid Barrelet leitete das Fröbelseminar über lange Zeit mit der Besoldung einer Jugendleiterin. So wies der Präsident der Landesunterrichtsbehörde, Karl Witt, das für Personalangelegenheiten zuständige Hamburgische Staatsamt darauf hin, dass Adel heid Barrelet das staatliche Fröbelseminar und die staatliche Kinderpflegerinnenschule zusammen leite, an der 24 Personen beschäftigt seien. Adel heid Barrelet, der wegen „besonderer Eignung in nationalsozialistischer und fachlicher Beziehung die Leitung der Anstalten übertragen ist, werden lediglich Bezüge der Besoldungsgruppe A8 gezahlt. Die Möglichkeit, ihr eine Stellenzulage zu gewähren, besteht deshalb nicht, weil diese Stellenzulage nur für die Gewerbelehrer der Besoldungsgruppe 12 und 13 vorgesehen ist. Es liegt aber im dienstlichen Interesse, daß dem Leiter der genannten Anstalten eine seiner Stellung und seine Leistungen entsprechende Besoldung zuteil wird. Die Besoldung nach Gruppe A8 als Jugendleiter kann nicht als angemessen angesehen werden, da sowohl die dienstlichen Leistungen, wie auch die dienstliche Verantwortung über die Anforderungen, die sonst an Jugendleiterinnen gestellt werden, weit hinausgehen. Die Landesunterrichtsbehörde ist der Ansicht, daß der Jugendleiterin Barrelet eine verfügbare Stelle eines Gewerbelehrers Gruppe A13 übertragen wird. Fräulein Barrelet hat die Voraussetzungen der Anstellungsfähigkeit für Gewerbelehrer allerdings nicht erfüllt. Aus den angeführten Gründen beantrage ich aber, der Jugendleiterin Adel heid Barrelet unter Absehen von den Voraussetzungen für die Anstellungsfähigkeit als Gewerbelehrer die zum 1. Oktober des Jahres frei werdende Stelle eines Gewerbelehrers zu übertragen.“20

Welche Konstruktion. Der Leiter des Staatsamtes, Oscar Toepffer, konnte diesem Antrag „aus grundsätzlichen Erwägungen nicht entsprechen“ und wies darauf hin: „Das Hamburgische Beamtenbesoldungsgesetz sieht als Entgelt für die Tätigkeit als Schulleiter grundsätzlich die Gewährung von Stellenzulagen vor, die nur so lange gewährt werden, als die Schulleitertätigkeit ausgeübt wird. Ein Abweichen von dieser Regelung in Einzelfällen ist nicht angängig.“21

Es dauerte noch bis zum 1.7.1938, bis Adel heid Barrelet eine ruhegehaltsfähige und unwiderrufliche Stellenzulage von 700 Reichsmark für die Leitung des Fröbelseminars gewährt wurde. Zum 1.8.1942 konnte die Behörde sie dann zur Berufsschuldirektorin mit der entsprechenden Besoldung befördern.22

Am 2.7.1945 wurde Adel heid Barrelet vom Dienst beurlaubt, zehn Tage später vorläufig mit der Wahrnehmung der Dienstgeschäfte einer Lehrerin an der Kinderpflegerinnenschule beauftragt. Am 21.9.1945 schrieb ihr Senator Landahl, dass „Sie aufgrund des Gesetzes Nr. 6 der Militär regierung mit sofortiger Wirkung aus dem Beamtenverhältnis suspendiert sind“.23

Adel heid Barrelet reagierte darauf am 30.9.1945 und erklärte: „Durch meine soziale Arbeit als Leiterin eines besonders schwierigen Kinderheimes in Nord-Barmbek und einer Gruppe von arbeitslosen männlichen und weiblichen Jugendlichen hatte ich die damalige große soziale Not in unserem Volke mit all ihren Gefahren kennengelernt. Die NSDAP versprach in ihren Zielen, die soziale Frage zu lösen, die Not der Arbeitslosigkeit zu beseitigen, und eine Volksgemeinschaft zu gründen, in der in gegenseitiger Hilfsbereitschaft alle Not gemeistert werden sollte. In dieser sozialen Aufbauarbeit wollte ich mitarbeiten und sah damals die einzige Möglichkeit dafür im Rahmen der NSDAP. Deshalb trat ich in die Partei ein.“24

Adel heid Barrelet legte im Weiteren den Hauptakzent auf den kirchlichen Hintergrund ihrer Familie: „Ich bin in kirchlichem Sinne erzogen. Meine beiden Großväter waren Pastoren, ebenso fast alle meine Vorfahren väterlicher- und mütterlicherseits. Meine Mutter ist in London geboren und aufgewachsen, wo mein Großvater und Urgroßvater Hofprediger an der deutschen Hofkapelle waren. Mein Vater war gebürtiger Schweizer, mein Großvater väterlicherseits Pastor an der französisch-reformierten Kirche in Hamburg. Ich habe durch meine Eltern und durch Reisen in die Schweiz, nach England und in die Vereinigten Staaten von Amerika das Ausland schon früh kennen und schätzen gelernt. Ich habe mich immer bemüht, in meinem Beruf das Verständnis für andere Völker zu wecken.“25

Johannes Schult, vor 1933 Oberschulrat in der Schulbehörde und 1945 wieder als Oberschulrat für den Berufsschulbereich zurückgekehrt, legte Senator Landahl am 11.10.1945 einen Vermerk vor, in dem es über Adel heid Barrelet hieß:

„Sie wird allgemein geschätzt und insbesondere um ihre vorbildliche Haltung und ihren unermüdlichen Einsatz in allen sozialen Fragen sehr gelobt. Insbesondere wird ihre stark religiös-kirchliche Bindung allgemein hervorgehoben. Ich habe von Fräulein Barrelet einen guten Eindruck gewonnen und ich kann daher ihr Gesuch um Wiedereinstellung befürworten. Da sie als Jugendleiterin sicherlich noch sehr wertvolle Arbeit leisten kann, empfehle ich, Fräulein Barrelet unter Rückversetzung ins Lehramt weiter zu beschäftigen.“26

Senator Heinrich Landahl notierte darauf handschriftlich: „Ich kann dem Vorschlag nicht zustimmen. Frl. B. ist in zu vielen Organisationen gewesen, außerdem war sie überzeugte Nationalsozialistin. Ihr Vorschlag hat auch bei der Militär regierung keine Aussicht.“27

Barrelets Rechtsanwalt, Walter Tachau, schrieb an die Schulverwaltung:

„Wenn sie gemeint hat, daß sie ihre soziale Arbeit im Rahmen der NSDAP besser erfüllen könnte, so ist sie wie so viele andere ein Opfer der Irrlehre des Nationalsozialismus und der verlogenen Propaganda der Nazis geworden. Es ist völlig ausgeschlossen, daß Frau Barrelet, der weiter nichts am Herzen lag, als durch ihre Tatkraft der bedrohten und verelendeten Jugend zu helfen, sich mit den Zielen der Nazis, die ihr wie so vielen anderen verborgen geblieben waren, einverstanden erklärt haben könnte.“26

Damit konnte man nicht durchkommen bei einem Entnazifizierungsausschuss, in dem Personen saßen, die das öffentliche Wirken von Adel heid Barrelet im NSLB verfolgt hatten. So schrieb der Beratende Ausschuss am 20.9.1946: „Nach Auffassung des Beratenden Ausschusses, die sich auf die mit Frau Barrelet geführte Unterhaltung stützt, ist letztere aktivistische Nationalsozialistin gewesen. Sie hat sich in der Partei, in der Frauenschaft und als Fachgruppenleiterin in dem NSLB in Rede und Schrift jederzeit für den Nationalsozialismus eingesetzt. Eine weitere Verwendung in der Jugenderziehung kann aus diesem Grunde nicht befürwortet werden.“28

Mitglied des Beratenden Ausschusses war auch Johannes Schult, der nunmehr zu einer anderen Überzeugung gekommen war.

Adel heid Barrelet brachte im folgenden eine ganze Anzahl von Leumundszeugnissen bei, die ihr soziales Engagement und ihre Menschlichkeit im Arbeitsalltag betonten.

Der Berufungsausschuss gab der von Barrelet eingelegten Berufung am 9.6.1947 statt, „mit der Maßgabe, daß Sie in die gleiche Stellung, die Sie vor 1933 bekleideten, wieder eingesetzt werden“.29

Während das Entnazifizierungsverfahren sich hinzog, hatte Adel heid Barrelet eine Beschäftigung beim Evangelischen Hilfswerk gefunden, aus der sie „zur Zeit nicht abkömmlich“ sei. Sie bat um Beurlaubung ohne Gehalt aus dem Schuldienst für ein Jahr.30

Möglicherweise betrachtete Adel heid Barrelet es selbst als sensible Frage, wieder in dem Bereich zu arbeiten, für den sie während der zwölf Jahre des Nationalsozialismus die Verantwortung gehabt hatte und in dem sie auf Kolleginnen treffen würde, für die sie alle Veranstaltungen des Nationalsozialistischen Lehrerbundes mit deutlicher ideologischer Orientierung geleitet hatte. Es dauerte bis 1950, bis Adel heid Barrelet in der Schulverwaltung vorstellig wurde. Am 20.2.1950 legte ein Mitarbeiter von OSR Schult ihm einen Vermerk vor: „Fräulein Barrelet hat ihren Dienst noch nicht wieder aufgenommen, da sie im evangelischen Hilfswerk beschäftigt war. Wie ich erfahren habe, möchte sie nun wieder in den Schuldienst eintreten. Sie war bisher immer im Fröbelseminar tätig. Dort sind zu Ostern des Jahres zwei Jugendleiterinnen-Stellen frei geworden. Ob Fräulein Barrelet für diese Schule, wo sie zuletzt als Direktorin tätig war, wieder erwünscht ist, dürfte noch festzustellen sein. Sonst werden Jugendleiterinnen nur noch bei der Kinderpflegerinnen-Schule der F/ Altona und der WV beschäftigt. Ob an diesen Schulen im Augenblick eine Jugendleiterin benötigt wird, ist mir nicht bekannt. Können Sie sich vielleicht mit Frau Oberschulrat Pollitz verständigen, ob Fräulein Barrelet zu Ostern eine der freiwerdenden Stellen für Jugendleiterinnen bekommen kann?“31

Tatsächlich erwies es sich als großes Problem, Adel heid Barrelet an einer dieser Schulen zu beschäftigen, an der sie keine Unbekannte war. Die Anfragen bei den jeweiligen Schulleitungen blieben erfolglos, es wurden Stellen- oder Platzprobleme angeführt. In einem handschriftlichen Vermerk wurde nach einem Gespräch der zuständigen Oberschulrätin Alice Pollitz und der neuen Direktorin des Fröbelseminars, Luise Besser, festgehalten: „Beide Damen sind zu der Überzeugung gekommen, daß es ganz ausgeschlossen ist, Frl. Barrelet an ihrer alten Wirkungsstätte wieder zu beschäftigen, zumal sie jetzt die Jugendleiterinnen unterrichten müßte, die sie früher zu Kindergärtnerinnen ausgebildet hat.“32

Am Ende schrieben sich OSR Schult und OSRin Pollitz jeweils kurze Vermerke. Schult: „Ich habe versucht, Fräulein Adel heid Barrelet an einer der berufsbildenden Schulen unterzubringen. Aber es besteht nirgends ein Bedarf. In ähnlichen Fällen habe ich die herabgestuften Direktoren wieder an ihrer früheren Schule beschäftigt, und es geht ganz gut. Da am Fröbelseminar Stellen frei sind, wäre es das Natürlichste, Fräulein Barrelet dort wieder zu beschäftigen. Sie ist noch ziemlich weit von der Altersgrenze entfernt, kennt die Arbeit, ist verträglich und würde dem Staat Gehalt ersparen, wenn sie wieder eingestellt werden würde.“33 Frau Pollitz antwortete darauf: „Das Fröbelseminar ist mit Lehrkräften jetzt voll besetzt. Außerdem halte ich meine Bedenken gegen die Beschäftigung von Frau Barrelet im Fröbelseminar aufrecht. Ich möchte raten, Frau Barrelet der Jugendbehörde zur Verfügung zu stellen, die sicher einen großen Bedarf an Jugendleiterinnen hat.“34

In kaum einem vergleichbaren Fall waren die Schwierigkeiten, belastete, aber entnazifizierte ehemalige nationalsozialistische Aktivisten wieder zu beschäftigen, so groß, aber auch so gut dokumentiert in der Personalakte wie im Fall Barrelet. Der Mitarbeiter von OSR Johannes Schult teilte ihm am 16.5.1950 mit: „Am 10.5.1950 war Frl. Barrelet hier, um nach ihrer eventuellen Wiedereinstellung nachzufragen. Ich habe ihr mitgeteilt, daß wir im Augenblick keine Verwendung für sie hätten und Frau OSR Pollitz angeregt hätte, sie der Jugendbehörde zur Verfügung zu stellen. Frl. Barrelet machte darauf aufmerksam, daß sie in ihrem Alter nicht mehr gut bei der Jugendbehörde zu verwenden sei. Sie glaubt aber, an den W-Schulen den allgemeinen Unterricht geben zu können.“35

Es dauerte noch bis zum 5.4.1951. Dann wurde Adel heid Barrelet in der Gewerbe- und Hauswirtschaftsschule Harburg wieder eingestellt.36 Am 27.10.1952 erfolgte dann ihre Verbeamtung auf Lebenszeit.

Mit der Entscheidung des Leitenden Ausschusses zum Abschluss der Entnazifizierung vom 31.7.1952 und mit Hinweis auf den Art. 131 des Grundgesetzes wurde Adel heid Barrelet dann auch wieder als Berufsschuldirektorin zur Wiederverwendung bezeichnet und erhielt die entsprechende Besoldung.37

Adel heid Barrelet, die in der NS-Zeit so großen Wert auf Fortbildungen und Lager-Schulungen gelegt hatte, beantragte nur noch einmal die Teilnahme an einer Tagung der Stuttgarter Gemeinschaft Arzt und Seelsorger vom 8. bis zum 12.6.1960 in Berlin. Sie erhielt Unterrichtsbefreiung und das Fahrgeld erstattet mit besonderem Hinweis auf das Thema im Programm: „Zur Rettung des Menschlichen in unserer Zeit.“38

Bald darauf stellte Adel heid Barrelet den Antrag auf Pensionierung, die dann am 31.3.1962 vollzogen wurde.39

Adel heid Barrelet starb am 19.9.1978.40

 

Ein Nachwort zu Konradine Lück41 und ihrem Verhältnis zu Adel heid Barrelet.

Mir schien, als hätte sie eine Art Mentorin-Funktion für Adel heid Barrelet gehabt. Sie hatte sie ausgebildet und begleitet, schien ohne Widerstand 1933 die Stellvertreterinfunktion an der Schule übernommen zu haben und sprach sich 1945 in dem zitierten Leumundsschreiben für die Wiedereinstellung von Adel heid Barrelet aus. Ein Blick in ihre Personalakte vermittelte nun ein gänzlich anderes Bild.

Konradine Lück war so etwas wie ein Gegenentwurf zu Adel heid Barrelet. Am 5.7.1885 in Freienwalde an der Oder geboren, als Tochter des Oberstudiendirektors eines Gymnasiums und Geheimrats Dr. Robert Lück, machte sich Konradine Lück auf den Weg zu einer ungewöhnlichen und breit gefächerten Bildungsentwicklung. Sie besuchte eine höhere Mädchenschule in Steglitz, später die Königliche Augustaschule in Berlin, anschließend bis 1904 das königliche Berliner Lehrerinnenseminar, wo sie Ostern 1904 die Prüfung für höhere und mittlere Schulen bestand. Parallel dazu warf sie einen Blick in die Methoden des Blindenunterrichts und der Blindenfürsorge in Steglitz und hatte während ihrer Seminarzeit regelmäßigen Kontakt zu blinden Kindern und jungen Mädchen. Sie war Vorstandsmitglied der Frauenhilfe, ging danach für zwei Jahre nach England, wo sie in dem Hause eines Politik ers tätig war, der als Sekretär der liberalen Partei fungierte, arbeitete danach an einer Schule in der Nähe von Liverpool, wo sie 13- bis 18-jährige Mädchen im Deutschen und Französischen, zum Teil auch in Mathematik unterrichtete. Danach, wieder in Berlin, unterrichtete sie an einer Privatschule in Steglitz Französisch und Englisch und gab fakultative Lateinkurse für Schülerinnen der Oberklassen. Anschließend war sie am städtischen Lyzeum (mit Studienanstalt) elf Jahre lang tätig. Danach erkrankte sie an einer fieberhaften Polyeythämie, deren Ursache jahrelang kein Arzt entschlüsseln konnte, eine Krankheit, die sie fünf Jahre lang bis 1922 aus dem Schuldienst ausscheiden ließ.42 Die anschließenden Stationen waren die Arbeit für die Auslandsabteilung des russischen Kulturministerium auf Veranlassung des Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht, publizistische Tätigkeit, Arbeit in einer Fröbel-Arbeitsgemeinschaft. Danach bestand Konradine Lück 1925 „die verkürzte humanistische Reifeprüfung beim Provinzial-Schulkollegium in Berlin“, sie studierte dann in Berlin Philosophie, Psychologie und Pädagogik , speziell bei Prof. Eduard Spranger, danach in Hamburg bei Prof. William Stern und Prof. Ernst Cassirer mit dem Ziel einer anschließenden Promotion. Daraus wurde nichts, weil sie vom Fröbelseminar in Hamburg 1929 als Lehrerin eingestellt und 1930 zur Leiterin des Fröbelseminars ernannt wurde.43

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde, wie dargestellt, Adel heid Barrelet Leiterin des Fröbelseminars und Konradine Lück ihre Stellvertreterin. Der interne Ablauf war höchst ungewöhnlich, wie Konradine Lück am 4.6.1945 ausführlich vermerkte:

„Am 1. Juli 1933 wurden in Hamburg alle Schulleitungen automatisch abgesetzt. Einige Tage später wurde ich zum Landesschulrat gerufen, der mich fragte, ob ich es annehmen würde, wenn man mir wieder die Leitung des Fröbelseminars übergäbe. Ich sagte: ‚Jawohl, das würde ich annehmen; aber ich gebe zu bedenken, ob es nicht praktischer ist, eine Pg an die Stelle zu setzen, weil man dann das Seminar mehr in Ruhe lassen wird. Ich bin nicht Pg und werde auch niemals Pg werden.‘ Im Laufe der Unterhaltung, bei der der Landesschulrat sehr freundlich war, schlug ich Fräulein Adel heid Barrelet als die einzige bei uns in Frage kommende Pg vor. Der Landesschulrat fragte mich dann noch, wie ich zum Nationalsozialismus stünde, ging aber schnell zu etwas anderem über, ohne meine Antwort abzuwarten. Zu Hause angekommen, überlegte ich mir, daß ich keinesfalls meine frühere Stellung aufgrund falscher Voraussetzungen wieder einnehmen wollte. Ich schrieb daher einen Brief an den Landesschulrat, in dem ich ihm meine Stellung zum Nationalsozialismus genau auseinandersetzte: ‚Soweit es sich darum handele, national zu empfinden und sozial zu handeln, könne ich ihn bejahen. Doch könne ich mich nicht mit vielen Einzelheiten seiner Anschauungen und seines Handelns einverstanden erklären. Ich könne es vor allen Dingen nicht in der Judenfrage. Es sei ein jüdischer Arzt gewesen, der mich, nachdem alle anderen Ärzte mir nicht helfen konnten, wieder gesund und leistungsfähig gemacht habe. – In meinem Studium und in meiner philosophischen Entwicklung verdanke ich wissenschaftlich und menschlich am meisten Professor Ernst Cassirer. Vor allem aber habe ich in Hamburg erlebt, was Frau Dr. Warburg für die gesamte Kinderfürsorge hier bedeutet, nicht nur durch ­immer bereite und großzügig gewährte pekuniäre Hilfe, sondern vor allem auch durch feinstes Verständnis und persönlichen Einsatz. Aus diesen persönlichen Gründen und aus Gründen allgemeiner menschlicher Billigkeit könne ich mich mit der Behandlung der Judenfrage durchaus nicht einverstanden erklären. Ich wisse nicht, ob man mit solchen Anschauungen in dem nationalsozialistischen Staat eine leitende Stelle einnehmen könne.‘“44 Konradine Lück war mit dieser Haltung nicht nur der Gegenentwurf zu Adel heid Barrelet, sondern zu vielen anderen, die prinzipienlos der eigenen Karriere vieles unterordneten.

Konradine Lück hatte mit ihrer Aussage ihren Standpunkt klargemacht, aber damit nicht ihr Problem gelöst: „Diesen Brief brachte ich persönlich in das Vorzimmer des Landesschulrats. Daraufhin erhielt Fräulein Barrelet die Leitung des Seminars. Ich blieb als Lehrkraft in der Anstalt und sollte die stellvertretende Leitung wahrnehmen. Es ergab sich aber, das Fräulein Barrelet, die bei ihrem Antritt erklärte, sie hoffe, es werde ihr gelingen, endlich den richtigen Geist in die Anstalt zu bringen, nicht gesonnen war, mich in irgendeiner Form mitarbeiten zu lassen. Auch stellte sie sehr bald fest, daß meine Art des Unterrichts, die darauf abzielte, die jungen Menschen zu selbständigem Denken und freiem Meinungsaustausch zu erziehen, damit sie aus eigenem freien Willen mit bewußter Verantwortung sich der sozialen Arbeit hingaben, in diesem Staate nicht mehr am Platze war. So sah ich ein, daß ich nicht mehr lange an der Anstalt würde arbeiten können, zumal da Fräulein Barrelet harmlose Äußerungen von mir als ‚staatsfeindlich‘ bezeichnete und mir drohte, mich wegen ‚gefährlicher Umtriebe‘ anzuzeigen, die mir völlig fern lagen. Außerdem war ich dauernd in Gewissenskonflikten, weil es mir schwer wurde zu entscheiden, wie weit ich mitarbeiten konnte, ohne unehrlich zu werden. Als dann im Sommer 1934 der Hitler-Eid von uns verlangt wurde, war ich der Überzeugung, daß ich ihn nicht leisten konnte. Da ich außerdem schon seit einigen Monaten an Beschwerden der Wechseljahre litt und voraussah, daß sie mich noch mindestens zwei Jahre lang zu häufigem Fehlen und Unterbrechen der Arbeit zwingen würden, hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, aus dem Schuldienst auszuscheiden.“45 Nicht verständlich ist nach dieser Beschreibung, warum sie einige Monate später einen Persilschein für Adel heid Barrelet ausstellte. Es könnte so etwas wie eine Art soziale Tat gewesen sein.

Frau Lück schied am 13.12.1934 aus dem Schuldienst aus. Sie arbeitete danach an Büchern mit biografischen Inhalten, wurde aus London aufgefordert, einen „wissenschaftlichen Beitrag für eine Festgabe für Professor Cassirer zu liefern“, was sie dann auch tat. Sie hielt Fröbel-Vorträge in Göttingen und „half in Prof. Sprangers Auftrag Erika Hoffmann – Berlin – bei der Herausgabe von ‚Fröbels Briefwechsel mit Kindern‘.“46

Oberschulrätin Emmy Beckmann sorgte dafür, dass Konradine Lück 1945 wieder eingestellt wurde: „Ich bin überzeugt, dass Frau Lück mit einem durch sie geführten Kollegium das Fröbelseminar zu einem wertvollen Faktor der neuen freien Erziehungs- und Bildungsarbeit in Hamburg machen wird.“47

So war es dann auch. Am 1.7. 1946 wurde Konradine Lück zur Berufsschulrektorin ernannt. Durch einen Unfall im Dienst im Paternoster der Schulbehörde in der Dammtorstraße und durch anschließende Krankheiten schied Konradine Lück 1948 wieder aus dem Schuldienst aus. Als sie am 24.8.1959 starb, hielt Schulsenator Heinrich Landahl vier Tage später eine Trauerrede, in der er sagte:

„Ein Mensch wie Konradine Lück konnte dem Nationalsozialismus nur mit tiefer, innerer Fremdheit gegenüber stehen. Am Fröbelseminar, das sich dem Ungeist beugen mußte, konnte sie nicht bleiben. Es war und ist für mich eine große Genugtuung, daß ich ihr im Jahre 1945 die Leitung des Fröbelseminars wieder anvertrauen konnte. In jenen schweren und gerade deswegen auch so schönen Jahren bin ich Konradine Lück mehrfach begegnet. Der starke Eindruck ihrer in sich geschlossenen Persönlichkeit ist mir bis heute lebendig geblieben.“48

Das Profil ist nachzulesen in Hans-Peter de Lorents Buch: Täterprofile, Band 2. Hamburg 2017. Das Buch ist erhältlich in der Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg.

Anmerkungen
1 Alle Angaben laut Personalakte, StA HH, 361-3_A 1540
2 Alle Daten und das Zeugnis vom 29.3.1932, Personalakte a.a.O.
3 Personalakte a.a.O.
4 Personalakte a.a.O.
5 Laut Liste der Schulleitungen der höheren Staatsschulen vom 10.7.1933, abgedruckt in: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile Bd. 1, Hamburg 2016, S. 32.
6 Laut Hamburgisches Lehrer-Verzeichnis für das Schuljahr 1953/54, herausgegeben von der Gesellschaft der Freunde.
7 Entnazifizierungsakte Adel heid Barrelet, StA HH, 221-11_Ed 3349
8 Laut Entnazifizierungsfragebogen, in Entnazifizierungsakte a.a.O.
9 Siehe HLZ 49/50-1935, S. 486.
10 Ebd.
11 HLZ 5/1935, S. 58.
12 HLZ 23/1934, S. 374.
13 HLZ 8/9-1937, S. 106.
14 HLZ 5/1937, S. 58f.
15 HLZ 3/1939, S. 66.
16 Ebd.
17 HLZ 23/1937, S. 252.
18 Alle Einladungen in der Personalakte a.a.O.
19 Schreiben vom 6.7.1935 zum Thema: Vertretung während der Sommerferien, Personalakte a.a.O.
20 Schreiben vom 6.9.1935, Personalakte a.a.O.
21 Schreiben vom 17.2.1936, Personalakte a.a.O. Siehe auch die Biografie Oscar Toepffer in diesem Band.
22 Personalakte a.a.O.
23 Alle Schreiben in der Personalakte, a.a.O.
24 Schreiben vom 30.9.1945, Personalakte a.a.O.
25 Ebd.
26 Vermerk vom 11.10.1945, Personalakte a.a.O.
27 Notiz von Heinrich Landahl vom 15.10.1945, Personalakte a.a.O.
28 Gutachten in der Personalakte, a.a.O.
29 Entnazifizierungsakte a.a.O.
30 Schreiben vom 14.8.1947, Personalakte a.a.O.
31 Personalakte a.a.O.
32 Vermerk vom 28.3.1950, Personalakte a.a.O.
33 Vermerk vom 2.5.1950, Personalakte a.a.O.
34 Vermerk vom 6.5.1950, Personalakte a.a.O.
35 Personalakte a.a.O.
36 Personalakte a.a.O.
37 Personalakte a.a.O.
38 Vermerk vom 13.5.1960, Personalakte a.a.O.
39 Personalakte a.a.O.
40 Personalakte a.a.O.
41 Konradine Lück schrieb ihren Namen selbst häufig „Conradine“.
42 Alle Angaben nach dem Lebenslauf von Konradine Lück vom 1.10.1928, in ihrer Personalakte: StA HH, 361-3_A 0694
43 Ebd.
44 Schreiben vom 4.6.1945, Personalakte Lück, a.a.O.
45 Ebd.
46 Ebd.
47 Vermerk von Emmy Beckmann vom 29.6.1945, Personalakte Lück, a.a.O.
48 Rede von Senator Heinrich Landahl am 28.8.1959 in der Dammtorstraße 25, Personalakte Lück, a.a.O.
 

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Von Hamburger NS-Täter/innen, Profiteuren, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Zuschauer/innen ... Eine Hamburg Topografie.

Die Dabeigewesenen

Aufsätze

Erklärung zur Datenbank

Stand November 2021: 900 Kurzprofile und 303 sonstige Einträge.

Diese Datenbank ist ein Projekt in Fortsetzung (work in progress). Eine Vollständigkeit ist niemals zu erreichen. Sie startete online im Februar 2016 mit rund 520 Profilen und mehr als 200 weiteren Einträgen und wird laufend ergänzt und erweitert werden. Wissenschaftliche Institute, Gedenkstätten, Universitäten und zum Thema forschende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können gern ihre erarbeiteten Profile in diese Datenbank stellen lassen.

Quellenangaben, die sich auf Webseiten beziehen, sind die zum Zeitpunkt der Recherche gefundenen. Sollten Sie veraltete Links oder Aktualisierungen bzw. Verschiebungen der Inhalte feststellen, freuen wir uns über Hinweise.

Vor etlichen Jahren hat die Landesszentrale für politische Bildung Hamburg die Stolperstein-Datenbank www.stolpersteine-hamburg.de ermöglicht und gibt seit rund zehn Jahren gemeinsam mit dem Institut für die Geschichte der Deutschen Juden unter der Projektleitung von Dr. Beate Meyer und Dr. Rita Bake von der Landeszentrale für politische Bildung die Publikationsreihe „Stolpersteine in Hamburg, biografische Spurensuche“ heraus. Mit dieser Datenbank „Die Dabeigewesenen“ möchte die Landeszentrale für politische Bildung nun den Blick auf diejenigen lenken, die das NS-System stützten und mitmachten. Denn:

Eine Gesellschaft, die sich eine offene und freie Zukunft wünscht,
muss [...] über eine Kultur verfügen, die nicht auf dem Verdrängen
und Vergessen der Vergangenheit beruht.“ (Mario Erdheim Psychoanalytiker) 1)

Diese aktuell immer noch so wichtige Aussage bildet den inhaltlichen Ausgangspunkt dieser Datenbank. Sie enthält eine Sammlung mit Kurzprofilen über Menschen, die auf unterschiedlichste Weise an den NS-Gewaltverbrechen in Hamburg Anteil hatten, z.B. als Karrierist/innen, Profiteur/innen, Befehlsempfänger/innen, Denunziant/innen, Mitläufer/innen und Täter/innen. Aber auch sogenannte Verstrickte, die z. B. nach durchlittener Gestapo-Folter zum Spitzel wurden. Unter all diesen Dabeigewesenen gab es auch Menschen, die in keiner NS-Organisation Mitglied waren, die aber staatliche Aufträge - zum Beispiel als Künstler oder Architekt - annahmen und so von dem NS-System profitierten, im Gegensatz zu denen, die sich diesem System nicht andienten, deshalb in die Emigration gingen oder in Kauf nahmen, keine Karriere mehr zu machen bzw. kaum noch finanzielle Einnahmen zu haben.
Ebenso wurden solche Personen aufgenommen, die zum Beispiel vor und während der NS-Zeit den Idealen des Heimatschutzes und der Technik-Kritik anhingen und das NS-Regime dadurch unterstützten, indem sie staatliche Aufträge annahmen, die diesen Idealen entsprachen, da das NS-System solche Strömungen für seine Ideologie vereinnahmte.

Für die Datenbank „Die Dabeigewesenen“ wurden alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Medizin, Justiz, Bildung und Forschung, Verwaltung, Kirche, Fürsorge und Wohlfahrt, Literatur, Theater und Kunst, Wirtschaft, Sport, Polizei und parteipolitische Organisationen berücksichtigt.

„denn wir können (…) das ganze Phänomen des Mitmachens und des Ermöglichens, das ja in der NS-Zeit eine genauso große Rolle gespielt hat, wie die Bereitschaft, selbst aktiver Täter vor Ort zu sein - das alles können wir nur verstehen, wenn wir die verschiedenen Facetten der Täterschaft noch viel genauer betrachten, als das bisher geschehen ist." 2)

In vielen Profilen wird der weitverbreitete Enthusiasmus vieler Deutscher für den Nationalsozialismus, gegenüber „seiner Wirtschafts- und Sozialpolitik, seine Architektur, seine Weltanschauung" 3) etc. deutlich. Und es zeigt sich, dass Menschen das NS-System stützten, indem sie z. B., ohne darüber nachzudenken und ohne zu hinterfragen, bereitwillig moralische und soziale Normen des NS-Staats übernahmen.

Mit Schaffung der „Ausgrenzungsgesellschaft“ war es für die „Mehrheitsgesellschaft“ möglich, u. a. NS-Rassentheorien praktisch umzusetzen.

Diese Erkenntnis ist angesichts heutiger aktueller gesellschafts-politischer Entwicklungen von Bedeutung. In einem Interview zum Thema Fremdenfeindlichkeit bemerkte der Antisemitismusforscher Prof. Dr. Wolfgang Benz auf die Frage, ob aus der Geschichte zu lernen sei. „Wir könnten schon. Wir könnten zum Beispiel lernen, dass der Fremde nicht schuld ist an dem Hass, der ihm widerfährt. Es scheint tatsächlich schwierig zu vermitteln zu sein, dass das Opfer nicht dafür verantwortlich ist, dass es totgeschlagen oder misshandelt wird. Juden werden nicht verfolgt, weil an ihnen etwas ist, was sie zu Opfern macht, sondern weil die Mehrheitsgesellschaft Opfer braucht, und zwar zur eigenen Identitätsstiftung. Zuwanderer, Fremde, Andersgläubige werden ausgegrenzt. Das stärkt das Selbstgefühl der Mehrheit.“ 4)

Mit der Datenbank soll eine Hamburg Topographie der „Dabeigewesenen“ entstehen, um somit konkrete Orte des NS-Geschehens sichtbar zu machen. Deshalb werden auch nur diejenigen Dabeigewesenen aufgenommen, die zwischen 1933 und 1945 in Hamburg mit seinen Grenzen nach 1937 gelebt/gearbeitet haben. Neben Personenprofilen sind auch Adressen von NSDAP-Organisationen und -Einrichtungen zu finden. Darüber hinaus gibt es für einzelne Stadtteile Einträge, die die NS-Aktivitäten im Stadtteil beschreiben. In der Datenbank kann nach Namen, Straßen, Bezirken und Stadtteilen gesucht werden, damit also auch nach den Wohnadressen und/oder Adressen der Arbeitsstätten (soweit recherchierbar). Durch Hinzuziehen der Stolpersteindatenbank (hier sind die Adressen der NS-Opfer aufgenommen, für die bisher Stolpersteine verlegt wurden) und der virtuellen Hamburg-Stadt-Karte (sie verzeichnet die Zwangsarbeiterlager und Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigt haben) wird eindringlich deutlich, wie dicht benachbart Opfer und Dabeigewesene in Hamburg gelebt und gewirkt haben. Mit diesen Informationen ist es immer schwerer, die altbekannte Entschuldigung aufrecht zu erhalten; wir haben doch nichts davon gewusst.

In den vorgestellten Profilen liegt der Fokus auf Handlungen und Einstellungen zum NS-Regime. Privates wird nur erwähnt, wenn es für die Haltung zum NS-Regime von Relevanz ist. Recherchegrundlage für diese Datenbank waren bereits vorhandene wissenschaftliche Veröffentlichungen (z. B. von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme und dem Institut für Zeitgeschichte), Biographien, Sammelbände und Dissertationen zu Hamburg im Nationalsozialismus, aber auch in diversen Fällen Entnazifizierungsakten und andere Akten und Dokumente, die im Staatsarchiv Hamburg zur Verfügung stehen. Für die Adressenrecherchen wurden die digitalisierten Hamburger Adressbücher von 1933 bis 1943 der Staats- und Universitätsbibliothek genutzt. Trotz größter Sorgfalt beim Zusammentragen der Daten, ist es dennoch möglich, dass Schreibweisen von Namen variieren und Lebensdaten fehlerhaft sind. In den Profilen und den Beschreibungen der Funktionen sowie des „Wirkens“ des Dabeigewesenen konnte nicht komplett auf das NS-Vokabular – der Sprache der Täter – verzichtet werden, dennoch wurde versucht, diesen Anteil gering zu halten und neutralere Umschreibungen zu finden.
Die meisten der aufgeführten Personen wurden schnell nach Kriegsende durch die Entnazifizierungsstellen als entlastet eingestuft, sie mussten sich selten vor Gericht verantworten oder sie wurden aufgrund von Verjährung ihrer Taten nicht juristisch verurteilt. So stellt Can Bozyakali in seiner Dissertation z. B. zum Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht fest, dass auch in Hamburg bis Anfang der 1950er Jahre 63% aller Justizjuristen, die am Sondergericht tätig gewesen waren, wieder in den Justiz-Dienst eingestellt wurden. „[…] anhand dieser Werte [kann] von einer ‚Renazifizierung‘ gesprochen werden.“ 5)

Dr. Rita Bake, Dr. Brigitta Huhnke, Katharina Tenti (Stand: Anfang 2016)

1) Mario Erdheim: „I hab manchmal furchtbare Träume … Man vergißts Gott sei Dank immer glei...“ (Herr Karl), in: Meinrad Ziegler, Waltraut Kannonier-Finster: Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit. Wien 1993.
2) Wolfram Wette: Deutschlandfunk-Interview am 20.11.2014, anlässlich seines neuen Buches: „Ehre, wem Ehre gebührt. Täter, Widerständler und Retter - 1933-1945“, Bremen 2015.
3) Raphael Gross: Anständig geblieben. Frankfurt a. M.  2010, S. 17.
4) Wolfgang Benz: „Ich bin schon froh, wenn es nicht schlimmer wird". Der Historiker Wolfgang Benz über die lange Geschichte der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland – und was neu ist an den Pegida-Märschen. Interview: Markus Flohr und Gunter Hofmann, in ZEIT online vom 21. Dezember 2015. www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/04/wolfgang-benz-pegida-antisemitismus-fremdenfeindlichkeit
5) Can Bozyakali: Das Sondergericht am Hanseatischen Oberlandesgericht: Eine Untersuchung der NS-Sondergerichte unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Verordnung gegen Volksschädlinge, Frankfurt/ Main 2005, S. 235.

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