Behörde für Schule und Berufsbildung

Frauenbios

Marie Magdalena Charlotte Ackermann

(23.8.1757 Straßburg – 14.5.1775 Hamburg)
Schwester: Dorothea Karoline Ackermann
Schauspielerin
Gänsemarkt 66-69, Comödienhaus
Charlotte Ackermann, die wie ihre Schwester bereits als kleines Kind tanzend und singend über die Bühne wirbelte, ab dem zwölften Lebensjahr Liebhaberinnen verkörperte und seit 1771 Nachfolgerin von Susanna Mécour im Fach der Soubretten und jugendlichen munteren Liebhaberinnen war, war ein außergewöhnliches Naturtalent: „Keine Künstlerin besaß mehr hinreißendes, alle Bewegungen und Laute belebendes Feuer; keine überließ sich den Eingebungen ihrer Empfindungen rücksichtloser, keine ungestrafter, weil jede derselben wahr und unschuldig blieb. Das war unmittelbares Werk des Genies, das sich weder in Worte fassen noch lehren, am wenigsten zur Nachahmung empfehlen läßt, da es sich nur durch seine Bewußtlosigkeit vor Uebertretung, durch seine Fülle vor Erschöpfung bewahrt“, (Friedrich Ludwig Wilhelm Meyer: Friedrich Ludwig Schröder. Beitrag zur Kunde des Menschen und des Künstlers. 2 Bde. Bd. 1.: Hamburg 1819.) urteilte der Schröder-Biograph und Freund Friedrich Ludwig Meyer. Friedrich Ludwig Schröder beschrieb die Schwester: „Alles trieb sie bis zur Extravaganz. Sie biß wirklich in die Kette, und raufte sich wirklich das Haar aus, wenn der Dichter es vorgeschrieben hatte.“ (Zit. nach: Willy Krogmann: Wilhelm Meister in Hamburg. Ein Epilog zur Eröffnung des Hamburger Stadttheaters Ostern 1827. Hamburg 1965.) Und in einem Brief an die Mutter schrieb Charlotte Ackermann selbst über ihre Glanzrolle, die sie 1772 zuerst verkörperte: ”Ich darf die Emilia Galotti nicht oft spielen, so gewaltsam wirket dieses Stück auf meine Empfindungen. Unter hundert Rollen bekomme ich kaum eine, worinn ich so wenig Schauspielerin zu seyn nöthig habe. Du weißt, daß ich die Emilia mache. Ich habe sie gestern gemacht und bin noch schwach davon. Ich habe den Gram der Emilia gefühlt, wie sie ihren Vater reizet, sie zu töten; ich habe den Dolchstich gefühlt, wie er nicht schmerzte, wie er Labsal in meinem bedrängten Herzen war.“ (Zit. nach: Willy Krogmann: Wilhelm Meister in Hamburg. Ein Epilog zur Eröffnung des Hamburger Stadttheaters Ostern 1827. Hamburg 1965.)
Eine solche Verausgabung kannte noch die Duse, wenn sie verwundert fragte, wieso das Publikum jubelte, wenn es ihr wehtat.
Als Charlotte Ackermann mit siebzehn Jahren starb, trauerte die ganze Stadt. Der Arzt Dr. Carl Johann Heise, der nach ihrem Tod das Theater nie wieder besuchen wollte, berichtete, dass bei der Nachricht ihres Todes selbst das Börsengeschäft unterbrochen worden war. „Als die Nachricht ihres Todes an die Börse kam, entstand unter dem großen Gewühl eine Totenstille; bewegt, sprachlos schlichen Alle nach Hause.“ Und der große Kollege, der Schauspieler Johann Franz Brockmann, klagte im Anklang an den letzten Satz Emiliens, „Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert“: „Ach sie ist gebrochen, die Rose, sie ist gebrochen! Unser Liebling, die Zierde der deutschen Bühne, unsre Emilie! sie ist dahin! –Ein unersetzlicher Verlust für uns, für ihre rechtschaffene Mutter, für ganz Deutschland. Wir können nicht mehr mit ihr, wir müssen um sie weinen; wie süß waren unsere vorigen, wie bitter unsere jetzigen Thränen. Liebenswürdiges großes Mädchen, so bist Du uns denn auf ewig entrissen? Auf ewig! O mein Freund, ich kann den schrecklichen Gedanken nicht denken, wir sollen sie nicht mehr sehen? nicht mehr ihr inniges, warmes, seelenvolles Spiel? – Keine Emilie, keine Olivie, keine Rutland mehr, – keine Rutland? Ach ihr letzter Schlaf ist gekommen, und sie wird nicht wieder für uns erwachen. Noch vor zwei Tagen; wie süß! wie liebenswürdig! und nun kalt, blaß, eine Leiche! – O mir schwindelt, Thränen! Thränen!!!“ (Zit. nach: Willy Krogmann: Wilhelm Meister in Hamburg. Ein Epilog zur Eröffnung des Hamburger Stadttheaters Ostern 1827. Hamburg 1965.)
Der Trauergottesdienst fand in der überfüllten St. Petri Kirche statt. Es erschien eine nicht enden wollende Anzahl von Publikationen, so dass der Senat schließlich ein Verbot aussprach. Auch die Errichtung eines Denkmales wurde untersagt. Der Schauspielerstand wurde immer noch als Bedrohung für die Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft empfunden. Und dabei führte gerade Schröder ein strenges sittliches Regiment in seiner Truppe, und die Mitglieder der Familie legten äußersten Wert darauf, als gleichberechtigte, stolze Mitbürgerinnen und Mitbürger anerkannt zu werden.
Charlotte Ackermann ist die Heldin des nach ihr benannten Romans von O. Müller, der 1854 dramatisiert wurde und über alle Bühnen ging. Hierin ist die Untreue des Geliebten Ursache ihres Todes. Den realen Tod der Charlotte Ackermann, über den unmittelbar danach Spekulationen einsetzten – von Anklagen gegen den unerbittlichen Schröder bis zur Selbsttötung wegen einer Schwangerschaft oder anderer Ursachen –, erklärte die Familie mit einem Schlagfluss infolge eines Sturzes vom Pferd wenige Monate zuvor. „Ein langes Lebensziel hätte sie ohnehin gewiß nicht erreicht, sie war zu nervös, zu reizbar, voll romanhafter Ideen“, (Zit. nach: Willy Krogmann: Wilhelm Meister in Hamburg. Ein Epilog zur Eröffnung des Hamburger Stadttheaters Ostern 1827. Hamburg 1965) urteilte der Bruder. Zu der psychischen Anstrengung waren die physischen gekommen. Das junge Mädchen hatte von 1771 bis zu ihrem Tod 116 neue Rollen zu spielen, in den letzten eineinhalb Jahren ihres Lebens allein 39.
Text. Brita Reimers
 

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