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Julie Hansen

(30.6.1883 Hamburg - 5.2.1959 Hamburg)
Leiterin der Bücherhalle in Hamburg-Barmbek
Garten der Frauen, Ohlsdorfer Friedhof, Fuhlsbüttler Straße 756 (Historischer Grabstein)
Zickzackweg 19 (Wohnadresse)
Poppenhusenstraße 12, Bücherhalle Barmbek (Wirkungsstätte)
Wenige Monate vor Julie Hansens Geburt starb ihr Vater, Kapitän Hansen, beim Untergang der Cimbria. Auch ohne den „Ernährer der Familie“ gelang es der Witwe, ihre drei Kinder auf Privatschulen zu schicken. Finanziell erleichtert wurde ihr dies, weil ihre Kinder Schulstipendien erhielten.
vergrößernJulie Hansen, Foto: privatJulie Hansen erfuhr die Erziehung einer „höheren Tochter“ mit dem Ziel eine Ehe einzugehen, um finanziell versorgt zu sein. Doch Julie Hansen äußerte schon früh ihrem Wunsch, unabhängig zu werden und einem eigenen Beruf nachzugehen. Sie schlug eine berufliche Laufbahn ein, die damals für bürgerliche unverheiratet bleibende Frauen gesellschaftlich akzeptiert wurde. Sie ergriff den Beruf einer Bibliothekarin für das öffentliche Bibliothekswesen (Volksbüchereien). Juli Hansen, die mit ihrer Freundin Anni Eschrich (der Name steht mit auf dem Grabstein von Julie Hansen) im Zickzackweg lebte, wurde 1918 Leiterin der Barmbeker Bücherhalle - Hamburgs vierte Bücherhalle. Das Verhältnis der Leserinnen- und Leser zu ihrer Bücherhalle und ihrer Bibliothekarin war sehr vertraut. Besonders zur Jugend hatte Julie Hansen ein besonders gutes Verhältnis. Sie konnte die Jugendlichen fürs Lesen begeistern.
Ab 1914 widmete sich Julia Hansen auch der Bibliothekarinnenausbildung. Bereits 1910 hatte sie öffentlich die Gründung einer Bibliotheksschule angeregt, die jedoch wegen des Mangels an geeigneten Dozenten scheiterte.
1940 erhielt Julie Hansen neben Marie Friedrichs die Leitung des gesamten Praktikantinnenunterrichts.
Zu ihrer Beerdigung am 11. Februar 1959 wurde folgende Ansprache gehalten: „Mit tiefer Bewegung nehmen wir Mitarbeiter der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen Abschied von unserer hochverehrten Kollegin Julie Hansen.
Fräulein Hansen ist über 40 Jahre bei den Bücherhallen tätig gewesen, sie gehörte zu den Pionieren des Öffentlichen Büchereiwesens. Als sie 1905 bei uns eintrat, standen die Bücherhallen am Anfang einer Entwicklung, die mitentscheidend durch Fräulein Hansen bestimmt wurde. Volle Entfaltung ihrer bibliothekarischen Tätigkeit erlebte Fräulein Hansen in der Bücherhalle Barmbek, deren Leitung durch viele Jahre in ihren Händen gelegen hat. Die hier zu leistende Arbeit war alles andere als einfach, sie musste geleistet werden in einem damals nicht gerade bevorzugt behandelten Stadtviertel, vor einer Bevölkerung, die nicht selbstverständlich oder von Haus aus der stillen Wirkung des Buches zugetan war, die aber gerade wegen des Fehlens literarischer Vorbildung und literarischer Geschäftigkeit hellsichtig und kritisch war gegenüber menschlicher Unzulänglichkeit. Fräulein Hansen hat diese Aufgabe vorbildlich gemeistert. Sie wurde für die Barmbeker Bevölkerung - Kinder, Jugendliche, Erwachsene - ein Mensch, zu dem man Vertrauen hatte, den man nicht nur in literarischen Fragen zu Rate zog; Mütter und Väter, die von ihr in die Welt der Literatur eingeführt waren, schickten guten Mutes ihre Kinder wieder zu ihr. Uns Kollegen hat sie durch ihr Wirken eingeprägt, dass bibliothekarische Tätigkeit sich nicht erfüllt mit dem Ausleihen von Büchern, dass eine moderne Bücherei eine Stätte der Besinnung und der menschlichen Verpflichtung schlechthin zu sein hat.
1943 wurde die Bücherhalle in der Bartholomäusstraße zerstört. Seitdem hat Fräulein Hansen - zunächst noch aktiv, nach der Pensionierung durch immer förderlichen Rat - den Wiederaufbau des Büchereiwesens in Barmbek verfolgt, und es ist eine Genugtuung, dass sie die Eröffnung der neuen großen Barmbeker Bücherhalle vor knapp einem Jahr noch miterlebt hat, alle Ansprachen bei der Eröffnungsfeier gipfelten in einer Huldigung für Julie Hansen.
Fräulein Hansen hatte ein stilles, bescheidenes Wesen, sie trat nicht hervor durch aufwendige Energie und schon gar nicht durch Ansprüche irgendwelcher Art, sie wusste die Menschen an sich zu ziehen durch ihre humorvolle Klugheit und im Alter durch ihre Weisheit. Aber auch damit wäre die nachhaltige Kraft, die von ihr ausging und die von jeder neu hinzutretenden Generation immer wieder bestätigt wurde, nicht hinreichend erklärt. Ihre Kraft lag wohl darin, dass sie Zurückhaltung und klares Urteil zu vereinen wusste mit einer fast selten anmutenden, radikalen Entschiedenheit in allen Fragen, die sie für wirklich wesentlich hielt, wesentlich für ihr eigenes Leben wie für menschliche Haltung überhaupt. Diese Entschiedenheit äußerte sich nicht in rigorosen Forderungen, aber wer ihr klares, sinnendes, kluges, aus letzter Sicherheit blickendes Auge auf sich ruhen gefühlt hat, wird es nicht vergessen.
Der Abschied von unserer Kollegin erfüllt unser Herz mit Trauer. Aber es ist doch auch ermutigend, zu wissen, dass es solche Menschen wie Julie Hansen in dieser Welt gibt. Möchte unser Bemühen, diesem Vorbild nachzueifern, von Erfolg gekrönt sein.“

Auszüge aus Julie Hansens Aufzeichnungen von einer Reise nach Japan
„Also wirklich: es regnet, regnet in Strömen! Vergeblich schaue ich aus nach dem Nikkozan, dem Berge der strahlenden Sonne! Draußen ist alles grau in grau getaucht. Der Japaner sagt: ‘Brauche nicht das Wort großartig, bevor du Nikko sahst!’ Weiß der Himmel, was nützt mir diese verhüllte Schönheit!
Gestern Abend freilich bei der Ankunft, da war mir still und feierlich um’s Herz. Wohl eine halbe Stunde lang ging’s langsam bergauf durch eine breite mächtige Kryptomerien Allee. Es war schon spät und so dunkel, dass man nicht die Hand vor Augen sah, nur die Papierlaternen unserer Rikshas warfen einen schwachen Schein auf den ziehenden Kuli und den Weg.
Wir Reisegefährten waren zu weit von einander entfernt, um uns von Wagen zu Wagen zu unterhalten, ich hätt’s auch nicht gekonnt, so gewaltig wirkte all dies Fremdartige auf mich ein. Denn nach und nach gewöhnte sich das Auge an die Dunkelheit; die gewaltigen, jahrhundertealten Baumriesen, die der große Shogun Yeyasu hat pflanzen lassen, die gegenüberliegenden Berge, die ihren vulkanischen Ursprung nicht leugnen können, hoben sich schwarz vom klaren Sternenhimmel ab. Zwischen den Stämmen hindurch leuchtete dann und wann die weiße Gischt des tosenden Dayagawa.
Nur zu bald hielten wir vor dem Nikko-Hotel. Eine ganze Herde Menschen, japanisch gekleidet - und japanische Kellner in europäischer Tracht bunt durcheinander, stürzte auf uns zu, befreite uns unaufhörlich dienend von unseren Gepäckstücken und bekomplimentierte uns ins Haus. Dem Globetrotter ist anfangs ganz merkwürdig zu Mut so zwischen diesen lächelnden, gleichartigen Gesichtern. Trotz aller Europäerüberlegenheit wird es einem da gar unheimlich, versteht man doch weder Gesichtsausdruck noch Sprache! Dagegen sind wir als ‘old residents of Yokohama’ natürlich schon gefeit, und bald hatten wir alles nach Wunsch. Zimmer, heißes Bad und Abendessen. - Ja, die Zimmer! Sie sind je leidlich nach europäischer Art eingerichtet, aber wie geschmacklos ist doch der Japaner in europäischen Dingen! Man kann ihm deswegen gewiss keinen Vorwurf machen, aber anfangs genieren sie einen doch: diese häßliche Tapete, diese Bilder, die Waschkanne, die nicht zum Geschirr passt, die wenig sorgfältig gehaltenen Mobilien. Später sieht man das kaum noch, es ist ja nun einmal so.
Jetzt aber am nüchternen grauen, verregten Morgen erscheint mir das alles doppelt abstoßend. Und wo bleibt Nikkos landschaftliche Schönheit? Ein dichter Regen hüllt alles in seinen trostlosen Schleier. Nun, will die Natur mir ihre Pracht nicht zeigen, so gehe ich Nikkos künstlerische Schätze schauen.
Es ist gesagt worden: Architektur sei erstarrte Musik! Nikko, die heilige Tempelstadt, diese Wunderwerk japanischer Architektur, (...) die schön geschwungenen Dächer und verzierten Ziegel, die mächtigen Treppen und gewaltigen Tore, die kostbaren Schnitzereien der Pforten und Wände, die reichgeschmückten überdachten Mauern, die so erhebend, so begeisternd wirken. So sehr wir auch die feine Kunst und den erlesenen Geschmack der Künstler bewundern können, für die grotesken Formen, die Motive aus der ostasiatischen Sagen- und Ideenwelt fehlt uns doch so ganz das nachfühlende Verständnis. Nein, das was auch unsere Seele den Zauber Nikkos empfinden lässt ist die Großzügigkeit der Anlage und der malerische Zusammenklang der Farben.
Mitten zwischen mächtigen Kryptomerien reiht sich bergansteigend Tempel an Tempel. Die Sonne hatte Erbarmen mit mir armen, verregneten Menschenkind, zögernd erschien sie endlich und wie in vorsichtiger leisen Liebkosung glitten die Strahlen über die vor mir liegende Pracht. Die Regentropfen im dunklen Grün der Riesenbäume funkelten wie Diamanten, als wollten sie den leuchtenden roten Lack und die blitzenden Messingzierrate weit, weit an Schönheit übertreffen. Ja wahrlich, Justus Brinkmann [damaliger Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe] hat Recht. Die Erbauer dieser Gotteswohnungen waren nicht nur Architekten, Bildhauer und Maler, sie waren zugleich und vor Allem Landschaftskünstler!
Unauflöslich verknüpft mit all dieser Herrlichkeit ist der Name des Yeyasu, des 4. Shoguns aus dem Geschlecht der Tokuyawa. Dank seiner machtvollen, überragenden Persönlichkeit hatte sich Yeyasu vom einfachen Adligen zum1. Minister heraufgearbeitet, das bedeutete unter damaligen Verhältnissen: zum Alleinherrscher, die unbedeutenden Kaiser spielten keine Rolle. Entschied doch Yeyasu über Krieg und Frieden. Als seine Hauptaufgabe betrachtete er es, Ruhe und Ordnung im Lande herzustellen und die Großgrundbesitzer, die Daimyos, völlig zu unterwerfen. Er zwang die Daimyos, diese kleinen Könige, sich an allen großen öffentlichen Arbeiten zu beteiligen, auch mussten sie für Brücken und Wege Sorge tragen (...).
Blumen und Vögel sind Themen, die von den Japanern in fast unerreichter Weise gelöst worden sind. Wie wundervoll fein beobachtet sind diese Wendungen und Biegungen! Wie geschmackvoll die Wahl der Motive und Farben, sei es nun Malerei, Schnitzerei oder Intarsie. Ich hatte ganz besondere Freude an all den kleinen und großen Schalen, Kasten und Tischchen aus altem Lack, verziert durch Schnitzereien oder Einlagen von Gold und Perlmutter (...).
Du kannst zufrieden sein mit deiner Ruhestatt, großer Yeyasu! Umgibt dich doch eine Fülle von großer Schönheit. Die Menschen haben ihr Bestes gegeben, um dich zu ehren und die Natur hat soviel Herrliches und Liebliches hier vereinigt, dass man wohl jenem Weltreisenden Glauben schenken kann, der voll Begeisterung sagt. ‚Weder Palmen wie in Florida oder an der Riviera, noch Baumfarne wie in Neuseeland zeigen sich und doch übertrifft das Landschaftsbild Nikkos die genannten Orte an eigentümlicher Schönheit.’ Nein, Palmenwälder gibt es hier nicht, aber Cedernhaine, wie man sonst nirgends ihresgleichen findet. Kerzengerade, gewaltige Riesen sind es, die mit ihrem dunklen Grün wunderbar zu der rotfarbigen Tempelstadt stimmen. Was mag der für Naturschönheit empfängliche Japaner hier empfinden, hier wo die Kunst seines Volkes einen Grad solcher Vollendung erreichte, wo seit Yeyasus Tode fast jeder bedeutende Japaner begeistert die Wunder Kikkas geschaut und verehrt hat, wo die Shogune mit größter Pracht ihres Ahnherrn gedachten, wo der Gesandte des Mikado im Namen seines Gebieters dem vergöttlichten Yeyasu opferte!“
Dr. Rita Bake
 

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